Kreuzfahrer von heute - - Stefan Heym - E-Book

Kreuzfahrer von heute - E-Book

Stefan Heym

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Beschreibung

»Eines der besten und bedeutendsten Kriegsbücher.« Heinrich Böll

Als Kreuzfahrer gegen den Faschismus, der Europa und die halbe Welt zu erdrosseln drohte, waren die besten von ihnen ausgezogen. Amerikas junge Männer, die Ideale der Demokratie und der Menschlichkeit im Herzen, so landen sie 1944 auf dem europäischen Kontinent. Bald aber stellt die Demontage jeglicher Ideale durch Karrieresucht, Schieberei und Intrigen die jungen Helden vor unausweichliche Entscheidungen. Aufrechte Kreuzfahrer gegen den Faschismus oder käufliche Weiberhelden?

Stefan Heyms großer entlarvender Kriegsroman ist gleichzeitig eine schonungslose Abrechnung mit den vermessenen Ansprüchen der USA ihre Vormachtstellung in der Welt betreffend. Der Roman ist unter dem Titel »Kreuzfahrer von heute« bei List Leipzig und unter »Der bittere Lorbeer« bei List München 1950 erstmals auf Deutsch erschienen.

Stefan Heyms Werke erscheinen bei C.Bertelsmann in der digitalen Stefan-Heym-Werkausgabe und in einer Auswahl im Taschenbuch bei Penguin.

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Seitenzahl: 1545

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Zum Buch:

Als Kreuzfahrer gegen den Faschismus, der Europa und die halbe Welt zu erdrosseln drohte, waren die besten von ihnen ausgezogen. Amerikas junge Männer, die Ideale der Demokratie und der Menschlichkeit im Herzen, so landen sie 1944 auf dem europäischen Kontinent. Bald aber stellt die Demontage jeglicher Ideale durch Karrieresucht, Schieberei und Intrigen die jungen Helden vor unausweichliche Entscheidungen. Aufrechte Kreuzfahrer gegen den Faschismus oder käufliche Weiberhelden?

Stefan Heyms großer entlarvender Kriegsroman ist gleichzeitig eine schonungslose Abrechnung mit den vermessenen Ansprüchen der USA ihre Vormachtstellung in der Welt betreffend. Unter den Titel Kreuzfahrer von heute bei List Leipzig und unter Der bittere Lorbeer bei List München 1950 erstmals auf Deutsch erschienen, endlich wieder lieferbar als Teil der digitalen Werkausgabe.

»Eines der besten und bedeutendsten Kriegsbücher.« Heinrich Böll

»Ein Remarque des Zweiten Weltkrieges … nichts beschönigend, heroische Posen entlarvend, realistisch bis in die subtilste Schilderung. Heym ist um Objektivität bemüht, ein Fanatiker der Gerechtigkeit.« Stuttgarter Nachrichten

Zum Autor:

Stefan Heym, geboren 1913 in Chemnitz, floh als kritischer jüdischer Intellektueller vor der Nazidiktatur nach Amerika. Während der McCarthy-Ära verließ er das Land und siedelte sich 1952 in der DDR an. Er war ein international hoch geschätzter Schriftsteller und streitbarer Publizist, der zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur zählt. Er starb 2001 auf einer Vortragsreise in Israel.

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Stefan Heym

Kreuzfahrer von heute

Roman

Die Originalausgabe erschien 1948 unter dem Titel The Crusaders bei Little, Brown and Co., Boston 1948.

Aus dem Amerikanischen von Werner von Grünau

Nach dem amerikanischen Original vom Autor neu bearbeitete Fassung

Die deutsche Erstausgabe erschien 1950 unter den Titel Kreuzfahrer von heute bei List Leipzig und unter Der bittere Lorbeer bei List München 1950.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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E-Book-Ausgabe 2021

Copyright © 1948 Inge Heym

Copyright © der deutschsprachigen Erstausgabe 1950 by List Verlag, München

Copyright © dieser Ausgabe by C. Bertelsmann Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlagkonzeption und Gestaltung: Sabine Kwauka nach einem Entwurf von Hafen Werbeagentur, Hamburg

Umschlagmotiv: © PHOTOOJECT / Shutterstock.com

Satz: Buch-Werksttt GmbH, Bad Aibling

ISBN978-3-641-27825-0V002

www.cbertelsmann.de

Erstes Buch

Achtundvierzig Salven aus achtundvierzig Geschützen

Erstes Kapitel

Das Gras, dieses saftige, weiche, üppige Gras! Es tut gut, darin zu liegen und sich lang auszustrecken, so daß es über einem zusammenschlägt. Vom Kanal her fährt der Wind über das Gras, von den Brückenköpfen am Strand, die noch immer die Trümmer der Invasion bedecken – Ausrüstungsgegenstände, die die Männer im Kampf von sich warfen, Bruchstücke deutscher Geschütze, zerschmetterte und verbogene Fahrzeuge. Zuweilen war es Bing, als sei im Wind noch jener schwere, süßliche Leichengeruch zu spüren. Aber das war ja unmöglich – die Toten waren in den Dünen jenseits der Landungsstellen ›Utah‹ und ›Omaha‹ begraben. Er selber hatte die Abteilungen deutscher Gefangener beim Ausheben der Gräber gesehen. Leichen und Sand füllten nun die Gräber, und der Wind, der über das Gras strich, wehte von den Kreuzen auf den Dünen herüber.

Bing blickte zur Seite. Durch die Gräser hindurch sah er das Schloß – Château Vallères – mit seinem runden Turm, den verfallenen Dächern und den kleinen, stumpf schimmernden Fenstern. In einiger Entfernung von dem Schuppen am Bach, der in den stillen, das Schloß als dunkelgrünes Band umgebenden Burggraben floß, war ohne Unterbrechung ein regelmäßiges Klatschen zu vernehmen. Die beiden Töchter des Pächters bearbeiteten die Wäsche – die Hemden und Hosen, die Unterhosen und Socken und Unterhemden der Einheit. Es waren dicke, kräftige Mädchen mit groben, rötlichen Gesichtern, einander so ähnlich, daß er eigentlich nie sagen konnte, welche von ihnen Pauline und welche Manon war.

Es ist ein prachtvolles Wetter zum Waschen, dachte Bing. Bald würden Manon und Pauline aus dem Schuppen auftauchen und die Wäsche aufhängen. Er sah sie schon sich strecken und nach der Leine greifen, die zwischen den Bäumen des Wäldchens gleich am Bach gespannt war. Die Röcke rutschten ihnen dabei hoch, und zwischen Rock und schwarzem Wollstrumpf war dann ein Streifen ihrer fleischigen, rötlichen Schenkel zu sehen.

Bing faltete die Hände hinter seinem Kopf und blickte in den Himmel. Der Himmel war blau. Er hatte nicht die Tiefe des Himmels über England, den er, bevor er bei der Invasion eingesetzt wurde, gesehen hatte; er war anders. Es war ein Festlandshimmel – der Himmel seiner Kinderjahre. Nicht eine Wolke in diesem von Licht erfüllten Himmel. Wie ein Insekt kroch ein Beobachtungsflugzeug über den Himmel. Sein schwaches Dröhnen verlor sich in der Höhe. Nur dieses Flugzeug – sonst war Friede.

Die Mädchen traten aus dem Schuppen, die nasse Wäsche in ihren dicken Armen. Bing stand auf und schlenderte zu ihnen hinüber.

»Bonjour, mes petites«, sagte er.

»Bonjour, M’sieur le sergeant«, sagte Manon. Die Schwestern kicherten.

»Wann ist meine Wäsche fertig? Und diesmal möchte ich mein Hemd gebügelt haben – werden Sie es auch nicht vergessen?«

»Haben Sie du chocolat für uns?« fragte Pauline und schloß die Augen, als zerginge ihr die Schokolade bereits auf der Zunge.

»Na, das sehen wir dann schon. Eigentlich sind Sie schon rundlich genug.«

»Morgen abend sind wir vielleicht fertig«, sagte Manon. »Die Sonne ist gut, und alles trocknet schnell. Aber es eilt ja nicht. Ihr werdet noch nicht verlegt.«

»Sind Sie aber gescheit!« sagte Bing. »Woher wissen Sie das denn?«

Sie kicherten von neuem. »Le Capitaine Loomis hat zwei Soldaten das große Bett der Gräfin in sein Zimmer tragen lassen. Es ist ein Himmelbett, wissen Sie, so ein hellgrüner Baldachin, völlig verstaubt natürlich, und die Soldaten niesten und fluchten. Das hätten Sie erleben sollen! Und Monsieur le Commandant Willoughby läßt für morgen abend zwei Gänse schlachten; außerdem hat er den Sergeanten Dondolo nach Isigny geschickt, um dort Käse einzukaufen.«

»Dieser Dondolo!« fuhr Pauline dazwischen. »Das ist der Richtige! Er handelt eure Zigaretten gegen Calvados ein, und dann verkauft er den Calvados an die anderen Soldaten. Er ist ein ganz ausgekochter Bursche. Der wird bestimmt einmal reich.«

Bing lachte. »Und Sie glauben, daß ich nicht reich werden kann?«

Pauline und Manon betrachteten ihn einen Augenblick prüfend. Dann sagte Manon: »Sie? Sie sind zu ernst. Sie denken zuviel.«

Daraufhin schwieg er. Die Mädchen begannen die Wäsche aufzuhängen.

Seit Generationen war die Zugbrücke über den Burggraben nicht mehr hochgewunden worden. Die Scharniere und Ketten waren vom Rost zerfressen; jedesmal, wenn einer der schweren amerikanischen Lastwagen in den Hof von Château Vallères rollte, ächzten die alten Holzplanken.

Lieutenant David Yates stand auf der Brücke, mit dem Rücken am Geländer. Er war nervös, seine Füße zertraten und zerkrümelten die feinen Holzsplitter, die die oberste Plankenschicht bildeten. Die Sonne brannte auf ihn herab, und sein Kopf kam ihm vor wie ein Teig im Backofen, der zu gehen anfängt. Wie ein Reflektor warf der Burggraben ihm eine zweite Hitzewelle entgegen, geschwängert mit dem fauligen Geruch modernder Wasserpflanzen.

Yates wischte einen Schweißtropfen weg, der hinter seinem Ohr hinabrann und ihn im Nacken kitzelte. Er kam sich klebrig und dreckig vor und fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Zu allem übrigen Elend kam aber noch seine besondere Unfähigkeit, sich in diesem Augenblick für etwas zu entscheiden. Es verlockten ihn die dunklen, schattigen Gewölbe des Schlosses und der Gedanke, Gesicht und Hände unter das Wasser der Pumpe zu halten; er wagte aber nicht, die Brücke zu verlassen, aus Furcht, Bing zu verfehlen und damit die Durchführung seines Auftrages zu verzögern. So hatte man auch früher an einer Straßenecke gestanden, damals – zu Hause, um ein Taxi anzurufen. Kein Glück. Die wenigen, die vorbeikamen, waren besetzt. Verließ man aber seinen Posten am Rinnstein, um zu gehen oder die nächste Straßenbahn zu erwischen, kam das langersehnte Taxi – und ein anderer stieg ein.

Wo blieb Bing nur so lange?

»Abramovici!« rief Yates durchdringend.

Der kleine Korporal, der das Hauptgebäude des Schlosses entlang im Schatten ging, blieb stehen. Unter seinem Helm blickte er zu Yates hinüber und sah in diesem Augenblick wie eine Schildkröte aus, die auf ihrem einmal eingeschlagenen Weg plötzlich einem unübersteigbaren Hindernis gegenübersteht.

Dann aber erblickte Abramovici Yates, brachte seine kurzen Beine in schnellere Bewegung, überquerte den Hof und trat auf die Brücke.

»Ziehen Sie Ihre Hosen hoch!« sagte Yates. Dabei langweilte es ihn. »Versuchen Sie doch, wie ein Soldat auszusehen.«

Die Worte trafen. Seit seinem Eintritt in die Armee hatte Abramovici versucht, wie ein Soldat auszusehen, und geglaubt, es einigermaßen geschafft zu haben. Der Vorwurf wog um so schwerer, als Yates ihn geäußert hatte, Yates, den Abramovici mochte und dem es für gewöhnlich gleichgültig war, ob jemand wie ein Soldat aussah oder nicht.

»Es ist nicht meine Schuld«, entgegnete er, »wenn die Regierung mich Hosen fassen läßt, die nicht sitzen.«

Yates unterdrückte ein Lächeln. »Nicht die Regierung, Ihr Bauch ist schuld.«

Abramovici ließ seinen Blick an sich hinabgleiten. Dabei bedeckten seine sommersprossigen Lider seine blaßblauen Augen. Seine Hosen waren über die Rundung seines Bauches hinabgerutscht, und sein Hemd stand offen. Dann sah er auf. Er verglich seine eigene untersetzte Figur mit der von Yates, der, wohlproportioniert, selbst in dem verschwitzten Hemd, das an seiner Brust klebte, noch gut aussah.

»Verstehen Sie, was ich meine?« sagte Yates. »Wenn Captain Loomis Sie erwischte, würde er Ihnen die Hammelbeine schon lang ziehen. Aber gehen Sie jetzt und holen Sie Bing. Er soll sich beeilen. Nein«, fügte er hinzu und beantwortete damit die Frage in Abramovicis Miene, »nein, ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist. Mann, zeigen Sie doch etwas Initiative! Machen Sie ihn ausfindig!«

»Jawohl!«

Yates blickte ihm nach. Abramovici trollte ab und verschwand jenseits der Zugbrücke; der Kolben seines Gewehrs schlug gegen seine Waden. Abramovici war ein nützlicher Mensch. Unersetzlich, denn er beherrschte die deutsche und die englische Stenographie. Aber zuweilen war er doch recht lästig.

Worüber ärgerte er sich eigentlich nicht? fragte Yates sich nun selber. Es schienen ihm immer mehr Kleinigkeiten zusammenzukommen, die an ihm nagten. Sie nagten an seinem seelischen Wohlbefinden und störten sein inneres Gleichgewicht. Und gerade diese Abhängigkeit von seinem inneren Gleichgewicht ärgerte Yates am meisten.

Es war ihm schwer genug gefallen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, daß David Yates, Dr. phil., außerordentlicher Professor für germanische Sprachen am Coulter College, aus Gründen und zu Zwecken, die er ganz klar erkannte, in einen Soldaten verwandelt worden war. Dennoch vermochte diese Erkenntnis seine Überzeugung nicht zu erschüttern, daß der Krieg böse war, ein Rückfall, ein erniedrigender Versuch, Probleme zu lösen, die sich niemals so weit hätten entwickeln dürfen. Und doch ließ er sich einspannen, nachdem er erst einmal hineingezogen war, und tat, was man von ihm verlangte, ohne Erbitterung, in der Hoffnung, daß die kleinen Schwierigkeiten einmal aufhören würden, sein Leben durcheinanderzubringen.

Yates ertappte sich dabei, daß er während der letzten Minute mit seiner feuchten Handfläche eine Warze auf seinem linken Zeigefinger gerieben hatte. Er hatte mehrere Warzen, und es verursachte ihm Unbehagen, wenn er daran dachte. Die erste hatte sich kurze Zeit, nachdem er eingezogen worden war, auf seiner Hand gezeigt. Je näher er aber dem Krieg rückte, dort, wo es ernst wurde, desto mehr Warzen bekam er. Sie traten bei allen Fingern an den gleichen Stellen auf. Die Militärärzte hatten sie mit Medikamenten behandelt; sie hatten sie elektrisch ausgebrannt und es mit Röntgenstrahlen versucht. Die Warzen kamen wieder. Sie störten ihn und waren ihm ekelhaft. Dann hatte ihm ein Arzt gesagt: »Kümmern Sie sich nicht darum. Eines Tages verschwinden sie! Sie sind psychosomatisch.«

»Psychosomatisch«, hatte Yates geantwortet, »ich verstehe.«

»Nein, das verstehen Sie eben nicht«, hatte der Arzt geantwortet. »Aber lassen Sie sich dadurch nicht beirren. Die Dinger gehen bestimmt weg.«

Es war also durchaus nicht sein Körper, der diese Warzen hervorbrachte, dachte Yates, sondern seine Seele. Die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Eine Zeitlang beunruhigte ihn die Frage, warum das überhaupt sein konnte. Aber er wagte nie, sich diese Frage wirklich zu beantworten. Er versuchte es noch immer mit den Medikamenten und gab dem Dreck, dem Essen, der Kälte und der Hitze die Schuld. Die Menschen, mit denen er zusammengeführt wurde, der Krieg, in den er hineingestoßen war, hatten Spuren auf seinen Händen zurückgelassen.

Schließlich kehrte Abramovici zurück und hinter ihm Bing. Yates’ Ärger war verraucht. Gelassen fragte er: »Wo bleiben Sie denn, verflucht noch eins! Sie wußten doch, daß Sie sich bei mir zu melden hatten!«

Bings gute Laune war in dem Augenblick verflogen, als er den untersetzten Korporal, hinter dem das niedergetretene Gras eine breite Spur bildete, über die Wiese auf sich zukommen sah. Was Yates auch wollte, er war entschlossen, es ihm auszureden.

»Niemand hat mir etwas ausgerichtet«, sagte Bing trocken.

Das hat Loomis wieder verpatzt, dachte Yates. Loomis verpatzte so ziemlich alles. Der Captain sorgte sich am meisten um sich selber, um seine eigene Bequemlichkeit und seine eigene Sicherheit. Er ließ die Leute draußen liegen, während die Offiziere in den Betten des Schlosses schliefen. Yates wußte, daß Bing und Preston Thorpe und einige andere im Dachraum des Schloßturms einen trockenen Platz gefunden hatten. Loomis gegenüber verschwieg er das aber.

»Wir hatten einen Anruf von Matador«, sagte Yates. »Sie verlangen ein besonderes Flugblatt von uns. Machen Sie sich fertig. Wir gehen.«

Unter anderen Umständen hätte Bing die Fahrt zu General Farrishs Panzerdivision, die die Tarnbezeichnung Matador führte, begrüßt. Eine solche Fahrt brachte Abwechslung in das Einerlei und ein wenig Luftveränderung. Heute aber fühlte sich Bing zu müde.

Er sagte: »Ich komme gerade von den Kriegsgefangenen. Zwei Tage bin ich dort gewesen. Habe mit Dutzenden von ihnen gesprochen und habe den Kopf voll. Augenblicklich bin ich nicht zu gebrauchen.«

Yates bemerkte die Schatten der Müdigkeit unter den Augen des Sergeanten. Der Junge war wirklich erschöpft. Er zögerte.

Bing fuhr fort: »Wenn Sie vom I c bei Matador alle Unterlagen beibringen, schreibe ich Ihnen das Flugblatt. Ich lasse Sie schon nicht im Stich. Aber ich muß erst etwas schlafen.«

»Das ist es ja gerade!« sagte Yates ärgerlich. »Wir wollen das Flugblatt eben nicht machen!«

»Sie wollen nicht?« Bing blickte forschend seinem Lieutenant ins Gesicht und versuchte einen Sinn in diesem offensichtlichen Widerspruch zu entdecken. Yates hatte in seinem Gesicht zwei Falten, die sich von der scharf geformten Nase zu den Winkeln des vollen, sinnlichen Mundes hin zogen. Bing sah den Staub in diesen Falten. Er verstand, daß auch Yates entsetzlich müde sein mußte; Major Willoughby, der Chef der Einheit, schickte Yates überall hin, weil er einer der wenigen Offiziere der Einheit mit klarem Urteil war. Und Yates ging immer, wie ein braver dummer Junge, und immer schaffte er es. »Nun«, sagte Bing, »wenn kein Flugblatt für Matador gemacht wird, warum in Gottes Namen gehen wir dann überhaupt?«

Yates wurde ungeduldig. »Ich möchte wirklich wissen, ob es in dieser Armee noch eine Einheit gibt, in der ebensoviel Leute so viele dumme Fragen stellen. Machen Sie sich fertig, und dann ab – die Entscheidung liegt doch nicht bei mir, sondern bei Crerar und Major Willoughby.«

Bing zuckte mit den Schultern. Er ging und verschwand durch das kleine, gewölbte Tor des runden, alten Schloßturmes. Yates betrachtete die Risse im Turm. Sie schienen ihm tiefer und größer geworden – die nächtlichen Bombenabwürfe ließen die Mauern bis in ihre Grundfesten erbeben. Er liebte dieses Schloß; er war für Tradition und Romantik empfänglich. Es war zwar nicht sehr viel davon übriggeblieben, nachdem die Deutschen hier regiert hatten. Eines Tages jedoch hatte Mademoiselle Vaucamps, die kleine Kastellanin mit Halskrause, Spitzenjabots und pergamentner Haut, sein Interesse bemerkt und ihm gegen einige Zigaretten alles gezeigt, was von den Kostbarkeiten noch da war.

Mademoiselle Vaucamps war vor der Sèvres-Uhr, einer sehr feinen Arbeit, stehengeblieben und erzählte ihm von einem langen bayrischen Offizier, der die Deutschen in Vallères befehligt hatte. Er hatte ihr befohlen, auf die Uhr ja gut achtzugeben. Die Deutschen würden bald wieder zurück sein, sagte er, und er wolle die Uhr heim zu sich nach Bayreuth schicken.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, hatte Yates zu der kleinen alten Frau gesagt und sie beruhigt. »Er kommt nicht wieder.« Aber in seinem Innern war er durchaus nicht so sicher, ob dieser Offizier aus Bayern nicht doch noch eine Gelegenheit erhalten würde, an die Uhr heranzukommen.

Die dichten hohen Hecken am Straßenrand waren von Staub bedeckt. Staub wogte über die Straße. Er wurde von den Fahrzeugen aufgewirbelt, deren schwere Räder die Straße zerwühlten und Löcher in sie rissen, aus denen ständig neuer Staub aufstieg. Der Staub war so fein, daß er, wenn überhaupt, nur langsam wieder niedersank. Er bedeckte die Gesichter der Fahrer und ihrer Mitfahrer, durchdrang die Uniformen, legte sich ausdörrend in die Kehlen und entzündete Augen und Nasenschleimhäute.

Ein Gewirr von Drähten zog sich an den Hecken entlang, ebenso weiß verstaubt. Hinter diesen Hecken, wußte Yates, kamen andere. Die ganze Normandie schien ihm in kleine Rechtecke aufgeteilt; die diese Hecken gepflanzt und angeschont hatten, mußten seiner Meinung nach einen ausgeprägten Sinn für Eigentumsrechte haben. Die festen grünen Einzäunungen verhinderten das Vieh umherzustreunen. Sie hinderten aber auch den Nachbarn daran, einen Blick auf das andere Feld zu werfen.

Auf den meisten Feldern lagen nun Truppen. Jede kleinste Deckung wurde ausgenutzt, und so drängten sich die Männer dicht an die Hecken und gruben sich Löcher in den von Wurzeln durchzogenen Boden. Hatten sie aber das Glück, auf einen Obstgarten zu stoßen, so ließen sie sich dort unter den Bäumen nieder.

»Wenn die Deutschen mehr Sachen in der Luft hätten, könnten sie die ganze Armee zusammenschlagen.« Yates deutete nach vorn.

Bing sah auf. In beiden Richtungen krochen lange Kolonnen von Lastwagen, Raupenfahrzeugen und Personenwagen die enge Straße entlang. An einer Kreuzung schien sich eine Verkehrsstockung zu entwickeln.

»Sie brauchen nichts weiter zu tun«, fuhr Yates fort, »als die Hecken unter Beschuß zu nehmen und Bomben auf die Felder abzuwerfen. Wir liegen ja wie die Heringe.« Er nahm seinen Helm ab und ließ den Wind über sein feuchtes Haar streichen.

Bing lehnte sich zurück. Sein Blick blieb auf dem Grau an Yates’ Schläfen haften, dem einzigen Grau in dem sonst völlig braunen, welligen Haar. Er sah die Falte auf Yates’ gut ausgebildeter Stirn.

»Diese Krautgefangenen«, sagte Bing langsam, »erzählen mir immer, daß ihre Luftwaffe jeden Augenblick in ihrer alten Stärke wiederkommen würde. Ich entsinne mich der ersten Tage hier, als wir aus dem Wagen springen und uns in die Gräben werfen mußten. Und dann stießen sie herunter – und da fühlt man sich so verflucht nackt, wenn einem der Dreck um die Ohren fliegt. Nackt und verängstigt, und der Kopf ist einem schwer, und man redet sich selber ein, daß man ganz klein ist, und die ganze Zeit über weiß man doch, daß man in Lebensgröße daliegt …«

Yates war zwei Tage nach Beginn der Invasion dazugestoßen. Er hatte genug davon mitbekommen, vom Springen in die Gräben und von den Messerschmitts, die so plötzlich auf einen zu abkippten. Er sah noch das Gebüsch vor sich, in das er sich erbrochen hatte, jedes einzelne Blatt.

Er zwang sich zu einem Lachen.

»Zigarette?« sagte Bing.

»Danke.« Yates hatte Mühe, seine Zigarette gegen den Wind anzuzünden. Er benutzte die Unterbrechung, um auf ein sicheres Gebiet abzuschweifen. »Arme Teufel, diese deutschen Gefangenen. Ihre Gesichter muß man gesehen haben. Sie haben genau dasselbe durchgemacht. Nur schlimmer.«

Bing sah seinen Lieutenant von der Seite an. Sollte das etwa ein Witz sein? »Ich hasse sie«, sagte er schließlich. Er selber ließ die Krautfresser schwitzen. Er holte alles aus ihnen heraus, was er wissen wollte, und noch einiges dazu. Sie öffneten sich vor ihm wie Knospen unter der Sonne.

»Hassen …?« sagte Yates zweifelnd und fügte in seiner etwas belehrenden Art hinzu: »Dies ist ein Krieg, in dem die Wissenschaft eine führende Rolle spielt. Sie wollen doch die Deutschen verstehen lernen, nicht wahr? Wenn Sie ihre Art zu denken untersuchen wollen, müssen Sie sich an ihre Stelle versetzen. Können Sie das, wenn Sie sie hassen?«

»Ich kann es«, sagte Bing sarkastisch.

»Vielleicht würde ich auch so denken wie Sie, wenn ich aus Deutschland vertrieben worden wäre, aus meinem eigenen Land. Sie müssen aber fähig sein, von unserer Arbeit Abstand zu gewinnen.«

»Ich will aber nicht«, sagte Bing.

»Sie sind noch sehr jung«, erwiderte Yates. »Sehen Sie die Dinge, wie sie sind. Betrachten Sie die verschiedenen Seiten jeder Frage. Der Mann dort drüben auf der anderen Seite tat genau dasselbe, was Sie zu tun gezwungen wurden: er hat Befehle befolgt. Er hat mit genau den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen: wie kommt er möglichst ungeschoren durch? Er ist das Opfer seiner Politiker, genauso wie wir das Opfer unserer Politiker sind. Dies alles bestimmt seine Art zu denken, und diese wollen wir ja gerade kennenlernen. Oder nicht?«

»Sie reden genau wie die deutschen Gefangenen«, sagte Bing.

Yates’ Hand schoß hoch, aber er besann sich und fuhr mit seinen Fingern seinen schweißdurchtränkten Hemdkragen entlang.

»Ich kann auch den Mund halten«, schlug Bing vor.

»Sie haben ein Recht auf eigene Meinung«, sagte Yates mürrisch.

Bing wollte einlenken. Schließlich war Yates ein anständiger Kerl.

»Wie gehen denn Sie vor«, fragte er, »wenn Sie mit ihnen sprechen?«

»Gestern«, sagte Yates, »hatte ich einen Fallschirmjäger. Er sagte mir, er sei kein Nazi. Er fragte mich, was wir eigentlich hier drüben wollten. Die Deutschen und die Amerikaner hätten die gleiche Kultur. Weder die Deutschen noch Hitler hätten die Absicht gehabt, die Vereinigten Staaten anzugreifen. Das sagte er, und dabei war er ein nicht ungebildeter Mann.«

»Und was gaben Sie ihm zur Antwort?«

»Ich fragte ihn, ob er Konzentrationslager als kulturelle Einrichtungen betrachte. Er sagte über die Schulter hinweg, die Konzentrationslager hätten die Engländer als erste erfunden.«

»Ganz klar! Er war ein Nazi!«

»Ganz klar!« Yates war gereizt. Herausfordernd sagte er: »Vielleicht versuchen Sie es einmal, ihnen zu antworten.«

»Diese Fragen haben eben ihre verschiedenen Seiten«, sagte Bing.

Yates erfaßte sofort den Spott der Anspielung. Aber er konnte Bing auch keine Antwort geben.

Bing wurde plötzlich ernst. »Die glauben, sie wissen, wofür sie kämpfen. Aber wir, meinen sie, wüßten es nicht.«

»Die wissen es auch nicht. Niemand weiß es. Man geht in einen Krieg hinein, ausgerüstet mit den Schlagworten der Zeitungen. Einen Dreck sind die wert.«

»In einem Teil des Gefangenenlagers von ›Omaha Beach‹ haben sie Amerikaner eingesperrt«, sagte Bing, »– Deserteure. Ich sprach mit einem von ihnen. Er gehörte zu Farrishs Division. Seit der Landung hatten sie immer ganz vorne gelegen. Von ihrem Zug waren drei Mann übriggeblieben. Drei Mann. Er sagte, er wollte am Leben bleiben, nur leben wollte er. Er kümmerte sich den Teufel darum, wie und unter wem.«

Yates verstand diesen Deserteur.

Unsicher sagte er: »Wenn das so ist, was wollen Sie dann eigentlich den Leuten erzählen?« Und unter Leuten meinte er sich selber mit. »Und was wollen Sie dann noch einem Deutschen erzählen, um ihn dazu zu bringen, seinesgleichen im Stich zu lassen, seine Organisation, und sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben? Gibt es eine Idee, die so stark ist?«

Bing konnte es nicht sagen. Er empfand es, konnte es aber nicht in Worte fassen.

Yates spuckte auf die Straße. »Gerade darüber sollen wir für Farrish ein Flugblatt herausbringen, mit all dem Gewäsch von Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit.«

»Farrish?« fragte Bing. »Ausgerechnet …!«

»Ja, Farrish.« Yates lächelte. »Er bekommt es aber nicht. Und wir müssen es ihm beibringen.«

»Hübscher Auftrag für uns«, sagte Bing.

»Für mich«, verbesserte ihn Yates. »Sie werden wahrscheinlich gar nichts zu sagen haben. Sie sind nur mit dabei, um unseren guten Willen zu beweisen.«

»Aber warum?« Bing wehrte sich gegen diese anmaßende Weigerung, gegen diesen inneren Widerspruch. »Warum soll er so ein Flugblatt denn nicht bekommen?«

Yates starrte seine Hand und diese verdammten Warzen an. »Leute wie Sie und ich neigen dazu, die Bedeutung des Wortes zu überschätzen. Am Ende kommt es immer nur auf mehr und mehr Kanonen, auf mehr und mehr Flugzeuge an. Und – so ist es eben bei den Soldaten. Warum sollten Major Willoughby und Herr Crerar mehr riskieren, als sie unbedingt müssen? Es ist lediglich die Aufgabe unserer Einheit, den Deutschen beizubringen, daß sie sich in einer hoffnungslosen Lage befinden und daß sie, wenn sie nur ihre Hände hochheben, anständig behandelt werden und Cornedbeefhaschee und Nescafé bekommen.«

»Vielleicht ist das der Grund dafür, daß wir noch immer auf einem kleinen Landstreifen, Normandie genannt, festsitzen.«

Immerhin, das ist zum mindesten ein neuer Gesichtspunkt, sagte sich Yates. Der Junge ist nicht auf den Kopf gefallen. Aber er ist eben doch nur ein Junge. Als ich so alt war wie er, verlor mein Vater sein letztes Hemd in der großen Krise, und von da an lebte ich nur von der Hand in den Mund, bis ich die Stelle am Coulter College erhielt … In nichts gab es eine Gewißheit. Viel zu viele Fragen und Antworten, von denen keine einzige eine Klärung brachte. Und deswegen konnte man den Deutschen nur mit Cornedbeefhaschee, Nescafé und den Vorzügen der Genfer Konvention kommen. Alles andere war Unsinn.

Farrish wollte seinen Gefechtsstand immer gleich hinter der Front haben. Dieses Mal lag er in einem verwilderten Park, der zum Schloß eines französischen Kaufmanns gehörte – ein ganz anderes Schloß als das verfallene Vallères.

Yates bewunderte nicht ohne Neid die Rokokostatuetten, die großen Fenster und das hochgewölbte Tor des Wohnhauses. Zwei Kinder traten aus dem Tor. Sie sahen blutarm aus, und es waren magere, dünne Beine, die da unter ihren feingeschnittenen kurzen Mänteln zum Vorschein kamen. Den Kindern folgte ein alter Mann in einem schwarzen Gehrock mit silbernen Knöpfen. Er nahm sie an den Händen und führte sie auf ihren Nachmittagsspaziergang in den Park.

Yates und Bing blickten den Kindern und dem alten Mann nach. Was sie sahen, hatte keine Beziehung mehr zu dem, was um sie her geschah. Da waren die drei, die soeben einem Roman von Maupassant hätten entstiegen sein können, in einer Welt, die unter dem Feuer der nahen motorisierten schweren Artillerie bebte.

Ein Soldat näherte sich Yates. »Lieutenant, Captain Carruthers erwartet Sie«, sagte er.

»Sorgen Sie für den Sergeanten hier«, sagte Yates. »Er hat kein Essen gefaßt …« Dann, zu Bing gewandt: »Kein Grund, daß wir alle beide verhungern. Melden Sie sich dann bei mir beim I c.«

Bing folgte dem Soldaten, der das ernsthafte Gesicht eines zu früh in die Welt gestoßenen Kindes hatte. »Kannst du dir das vorstellen«, sagte der Soldat, »ich schlafe in einem Erdloch und habe allen Grund dazu. Aber die Kinder dort und der alte Mann bleiben ganz allein im Haus. Wir haben ihnen geraten, sie sollen in den Keller ziehen. Aber der alte Mann sagt, er fürchtet, die Kinder könnten sich erkälten. In der Nacht fangen die Deutschen an zu schießen, und man hört ihre schweren Brocken kommen, immer über uns rüber – huiiit, huiiit. Die Kinder aber bleiben im oberen Stockwerk, im Dunkeln natürlich. Ganz verrückt …«

Er deutete auf eine Allee. »Siehst du die Straße dort? Dreihundert Meter und dann links auf die Baumgruppe zu. Dort ist das Küchenzelt. Wir haben vor etwa einer Stunde gegessen; mußt dich also mit dem Sergeanten auseinandersetzen.«

Bing fand die Küche. Eine Auseinandersetzung gab es nicht. Er erhielt, was übriggeblieben war – aufgewärmte C-Ration, die schon wieder kalt war, Keks und lauwarmen Kaffee. Er setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken gegen einen Baum, und aß ohne Appetit. Drei schwarze Sauen, deren Zitzen mit Dreck verkrustet waren, trotteten auf ihn zu. Sie stießen ihre Rüssel gegen seine Füße und dann gegen seine Beine und grunzten wütend, als er seine Knie anzog, um sein Essen zu schützen.

Hinter ihm sagte eine Stimme: »Das ist noch gar nichts, die hättest du sehen sollen, wie es geregnet hat! Sie liefen wie wild herum und bespritzten jeden von oben bis unten.«

»Warum schießt ihr sie nicht?«

»Wir mögen sie eigentlich ganz gern«, sagte die Stimme, »sie sind so zutraulich. Sie gehören dem Bauern, noch ein Stück die Straße entlang. Er hat zwei Töchter. Die Mädchen sagen: ›Wenn ihr die Schweine tötet, dann kein coucher avec vous.‹ Da hast du’s.«

Bing versetzte der Sau, die sich seinem Essen gefährlich näherte, einen Fußtritt. Das Tier zog sich einige Schritte zurück, legte sich nieder und schüttelte den Kopf.

»Wir müssen nur die Offiziere von den Schweinen fernhalten«, sagte die Stimme, »das ist alles, und umgekehrt. Neulich übrigens mußte eins dran glauben. Trat auf eine Mine oder so was. Wir hatten jedenfalls Schweinekotelett.«

»Meinst du nicht – die große dort zum Beispiel könnte heute nachmittag auf ’ne Mine treten? Ich könnte es mir schon so einrichten, zum Abendessen hier zu sein, weißt du …!«

Der Soldat, der zu der Stimme gehörte, trat rasch um den Baum herum und stellte sich schützend vor die Schweine. Er war ein großer Bursche mit zwinkernden Augen und mit Händen, die aussahen, als könnten sie jedes Schwein mit einem Schlag erledigen. »Du bist ein Totschläger, was?« sagte er zu Bing.

Bing stand auf und warf den Schweinen den Rest seines Haschees zu.

»Ich esse gern Schweinekotelett«, sagte er, »ich kann mir nicht helfen.«

»Und ich mag das Mädchen dort unten an der Straße«, sagte der Mann, »kapiert?«

Bing klappte sein Kochgeschirr laut zu. »Ich habe nicht die Absicht zu stören.« Er lächelte. »Servus!«

»Servus!«

Bing betrat den Unterstand des I c gerade in dem Augenblick, als Yates einem anderen Offizier auseinandersetzte, warum es unmöglich sei, für Matador ein besonderes Flugblatt herauszugeben. Bing konnte Yates wohl hören, aber er sah nur den breiten Rücken des anderen Mannes gegen das trübe Licht einer von der Decke herabhängenden Birne.

Yates sagte: »Und darum dreht es sich, Captain – ein Schriftstück dieser Art bedeutet eine öffentliche Festlegung unserer Kriegsziele. Wir müßten politische Entscheidungen fällen, zu denen weder Sie noch wir berechtigt sind.« Bings Augen gewöhnten sich an das Licht im Unterstand. Es war ein gut ausgebauter Unterstand. Nur ein Volltreffer konnte ihn erledigen. Er war tief in die Erde hineingegraben. Die Wände waren mit leeren Mehlsäcken ausgeschlagen und mit Karten bedeckt. Das Dach bestand aus einer Balkenschicht, die man mit der ausgeworfenen Erde bedeckt hatte.

Yates bemerkte ihn und rief ihn heran. »Captain Carruthers – hier ist Sergeant Bing. Einer unserer Spezialisten. Er müßte die Sache ausarbeiten, wenn wir die Genehmigung des Obersten Hauptquartiers erhielten.«

Im Vergleich zu seinen breiten Schultern hatte Captain Carruthers einen sehr kleinen Kopf, der durch einen herabhängenden Schnauzbart noch kleiner wirkte. Er schien sich nicht ganz wohl zu fühlen, als ihm Yates seine Ansichten auseinandersetzte, und zwirbelte an seinem Bart herum. Plötzlich hielt er inne und sagte triumphierend: »Großartig, Yates! Sie haben Ihren Mann gleich mitgebracht! Da brauchen wir ja nur noch über den Inhalt zu sprechen. Nun, wie ich schon sagte – wir haben am Morgen Sperrfeuer zu geben. So etwas ist noch nicht dagewesen. Wir machen es sonst nur vor einem Großangriff. Das wird den Deutschen Gottesfurcht beibringen. Und dann –«

»Aber ich sage Ihnen doch, Captain – wir kriegen die Genehmigung des Obersten Hauptquartiers nicht. Und selbst wenn wir die Zustimmung hätten, wäre es für Ihr Vorhaben viel zu spät. Warum nehmen Sie nicht eins von den Blättern, die wir vorrätig haben?«

Yates fühlte sich in der Rolle, die Crerar und Willoughby ihm zugedacht hatten, nicht ganz glücklich. Carruthers hatte ihn zwar in keiner Weise davon überzeugt, daß ein solches Flugblatt eine Wirkung haben würde. Aber schaden könnte es sicher auch nicht.

»Ich habe einige hier. Zum Beispiel dieses – es gibt die Lage nach dem Fall von Cherbourg wieder. Eine Karte ist gleich dabei. Jeder sieht sich so eine Karte gerne an, selbst wenn er den Text nicht liest …«

Carruthers stand auf. Bing erwartete, daß er den Kopf in die Balkendecke rennen würde; es blieb aber doch noch ein beträchtlicher Zwischenraum zwischen Schädel und Decke.

»Von denen da haben wir Millionen«, fuhr Yates fort, aber seine Stimme hatte sehr an Überzeugungskraft verloren. »Wir können sie übermorgen ladefertig an Ihrem Munitionslager abliefern.«

Ich bin nur froh, daß Farrish nicht hier ist, dachte er. Carruthers mußte sich seine Entschuldigungen anhören und sich mit ihnen auseinandersetzen; der General hätte sich den Teufel darum geschert.

»Wir wollen aber diese Ladenhüter nicht«, brachte Carruthers wieder vor. »Wir haben absolut nichts damit erreicht. Wir könnten ebensogut Klosettpapier hinausfeuern oder auf jeden Fall uns die Munition sparen.«

Warum sollen sie eigentlich dieses Flugblatt nicht bekommen, begann Yates sich zu fragen. War er selber eigentlich dafür, oder war er dagegen? Die einzelnen Zuständigkeiten innerhalb der Armee waren ihm völlig gleichgültig und wer nun da die Richtung bestimmte – alle diese Abteilungen konkurrierten miteinander und hoben ihre eigene Bedeutung hervor, nur um ihre Unentbehrlichkeit zu beweisen.

»Dann schießen Sie doch einfach Geleitscheine hinüber, Captain«, sagte er zerstreut. »Für die haben die Deutschen immer etwas übrig. Wir haben sie bei vielen Gefangenen gefunden. Sie selber haben darüber berichtet. Außerdem sind sie von Eisenhower unterzeichnet; das macht immer guten Eindruck.«

Nein, er war und blieb dagegen. Dieses neue Flugblatt stellte ihn vor Fragen, auf die er keine Antwort bereit hatte. Allerdings, Bing mußte es abfassen und nicht er … Aber was machte das schon aus? Er hatte die Verantwortung zu tragen. Und selbst wenn er kein einziges Wort, nicht einen einzigen Gedanken beizusteuern hatte, so mußte er es doch vor sich selber billigen oder ablehnen! Er allein.

»Lieutenant Yates!« Carruthers’ Stimme klang so abweisend und dröhnte so laut, daß ein Soldat, der hinten im Unterstand am Klappschrank eingeschlafen war, aufwachte und jäh aufsprang. »Es handelt sich um einen Einfall, den der General selber gehabt hat! Ich sagte es Ihnen doch! Und außerdem ist es eine verdammt gute Sache, und ich bin ganz dafür. Am vierten Juli …«

Yates unterbrach ihn und sagte gelangweilt: »Kennen wir alles. Der vierte Juli ist der Geburtstag der Nation, und diese Nation steht im Krieg … Aber warum können Sie meinen Standpunkt nicht verstehen? Sie haben Angst vor Ihrem General.«

»Ich muß das zurückweisen!«

»Schon gut! Schon gut!« lenkte Yates ein. »Sie wollen den Befehlen Ihres Generals nachkommen. Und wir haben unsere zu befolgen –«

»Verdammt noch mal! Schließlich ist es noch die gleiche Armee!«

»Genau was ich sage! Auch General Farrish gehört dieser Armee an. Sie haben Pech, daß gerade Sie es ihm beibringen müssen.«

»Beibringen? –« fragte eine tiefe, rauhe Stimme vom Eingang her. Alle wandten sich um.

»Achtung!« brüllte der Mann am Klappschrank und dankte im stillen seinem Schutzheiligen, der ihn gerade rechtzeitig für dieses große Ereignis geweckt hatte.

Farrish ging mit gesenktem Kopf, um nicht die Decke zu berühren, auf den Feldtisch zu. Er trug Reitstiefel und hielt eine kurze Reitpeitsche in der Hand. Er legte die Peitsche auf den Tisch und setzte sich in Carruthers’ Stuhl, der unter seinem Gewicht krachte.

»Rühren. Weitermachen«, sagte Farrish. »Was beibringen? Wer sind die Leute, Carruthers?«

»Lieutenant Yates, General, von der Propagandaabteilung … und das ist Sergeant –«

»Bing, General.«

Obwohl er vom Jähzorn des Generals gehört hatte, empfand Yates keine Furcht vor Farrish, dazu war er zu intelligent. Wohl aber beeindruckte ihn die Persönlichkeit dieses Mannes, der sofort einen Mittelpunkt bildete, auf den alles zustrebte. Der General wäre auch ein solcher Mittelpunkt gewesen, wenn er keine Sterne auf seinen breiten, geraden Schultern getragen hätte.

»Sie sind hier«, erklärte Carruthers, »um das Unternehmen ›Vierter Juli‹ zu besprechen.«

»Ausgezeichnet!« Farrish strahlte.

Er war ein mit Energie geladener Mann, und vor allem – er war sich dessen bewußt. Dieses Bewußtsein verriet sich in allem, was er tat. Seine Stimme, sein Auftreten, seine Bewegungen – selbst sein Aussehen – waren dem angepaßt, so daß jetzt, nach Jahren, der gewollte Effekt zum Wesen der Persönlichkeit des Mannes geworden war.

»Die Lage ist Ihnen bekannt?« sagte Farrish.

Yates erwiderte, er wisse Bescheid. Carruthers habe ihm alles auseinandergesetzt.

Das heißt, er kannte die Lage an der Front. Die Lage, in der er sich selber befand, die kleine Rolle, die er in diesem Spiel spielen sollte, war durch Farrishs Erscheinen völlig verändert worden. Yates fragte sich, ob er, indem er seinen Anordnungen noch weiter Folge leistete, nur um Crerar und Willoughby Unannehmlichkeiten zu ersparen, nicht mehr Ärger auf sich lud, als die Sache wert war.

Farrish umriß seinen Plan. Dabei ließ er alles, was Carruthers in dieser Angelegenheit schon gesagt haben mochte, außer acht. Er hörte sich gern sprechen. »Ich habe mehr Artillerie, als mir auf dem Papier zusteht. Ich habe achtundvierzig Geschütze in der Division. Ich habe mir genügend Munition aufgespart, um St. Lô in Trümmer zu schießen – oder meinetwegen Coutances oder Avranches oder irgendeine dieser Städte. Am Morgen des vierten Juli um fünf Uhr werde ich aus jedem Geschütz achtundvierzig Feuerschläge hinausjagen. Achtundvierzig Salven aus achtundvierzig Geschützen. Wir sind achtundvierzig Staaten und haben achtundvierzig Sterne auf unserer Fahne. Das ist die Stimme Amerikas im Jahre des Herrn 1944. Großartig, wie?«

»Jawohl, General«, sagte Yates, obwohl es ihm gegen den Strich ging. Der Mann spinnt, dachte er. Aber mußte zugeben, daß in dieser Verrücktheit auch eine gewisse Bedeutsamkeit lag.

Bing erkannte, was in der Idee steckte. Die Sache reizte ihn.

Farrish griff nach seiner Peitsche und schlug sich mit dem Griff leicht gegen sein Kinn. »Sie können sich die Gesamtwirkung einer solchen Beschießung auf die deutschen Stellungen ja denken. Sie wird die Fritzen weich machen und ihnen auf die Nerven gehen. Nach dem achtundvierzigsten Feuerschlag wird Stille eintreten. Vollkommene Stille. Können Sie sie hören?«

»Ja, General«, sagte Yates. Es war merkwürdig, aber er konnte diese Stille tatsächlich hören. Farrishs Art riß ihn mit.

»Diejenigen, die danach noch übrigbleiben, warten. Sie warten auf den Angriff der Infanterie und der Panzer. Statt dessen werden wir Flugblätter zu ihnen hinüberschießen.«

Viel Donner und kein Blitz, dachte Yates.

»Wir sagen ihnen darin, warum wir ihnen all das Material rübergepfeffert haben. Wir sagen ihnen, was uns dieser vierte Juli bedeutet und warum wir kämpfen und warum sie keine Aussichten mehr haben und daß sie nur eins tun können: aufgeben!«

Die letzten Worte sprach der General mit gefährlich erhobener Stimme. Die scharfen blauen Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen zusammengezogen; das kurzgeschnittene weiße Haar schien sich zu sträuben, und das rötliche Gesicht sah hart und unversöhnlich aus.

Carruthers zupfte an seinem Schnauzbart. Er war nicht boshaft, aber er fand, daß Yates seine unangenehme Lage verdient hatte. Yates hätte mehr guten Willen zeigen sollen.

»Der Lieutenant ist der Meinung«, sagte er und überlegte sich genau jedes Wort, »daß er ein solches Flugblatt nicht herausbringen kann. Es spielten da Fragen von allgemeiner politischer Bedeutung hinein, so daß zunächst die Entscheidung des Obersten Hauptquartiers eingeholt werden müsse.«

Farrishs Augen wurden noch schmaler. Er sagte jedoch kein Wort.

Yates suchte verzweifelt nach einer Erklärung. Argumente gegen Farrish konnte er nicht vorbringen. Er konnte nicht sagen, daß das, wofür sie kämpften, ein wirres Durcheinander verschiedener Motive darstelle, von denen die einen klar, die anderen verborgen, die einen idealistisch, die anderen politisch oder wirtschaftlich bedingt waren, und daß man besser daran täte, ein Buch darüber zu schreiben und nicht ein Flugblatt. Und selbst dann würde das Ergebnis alles andere als klar sein. Farrish wollte auch die Gedanken seinem Befehl unterstellen und glaubte, es müßte möglich sein, genau wie er Munition, Verpflegung oder Luftunterstützung anforderte.

»Wollen Sie damit sagen, daß Ihre Vorgesetzten diese absolut berechtigte und vernünftige Anforderung ablehnen würden?« Die Stimme des Generals klang gepreßt. »Daß sie ein Unternehmen verhindern würden, das ein Frontkommandeur angeordnet hat?«

Nein, das würden sie natürlich nicht – Yates war das ganz klar. Tun Sie, als wären Farrishs Vorschläge hervorragend, hatte Willoughby zu ihm gesagt, bevor er gegangen war, um sich seines Auftrages bei Matador zu entledigen. Farrish hat Einfluß. Seit Nordafrika hat er einen Ruf. Der Mann wirkt auf das Volk zu Hause. Sie müssen die Angelegenheit mit Diskretion behandeln.

»Wir werden selbstverständlich alles tun, um mit Ihnen zusammenzuarbeiten«, verteidigte Yates sich also. Dann kam ihm der Gedanke, daß der General Verständnis für technische Schwierigkeiten haben mochte. »Der Sergeant hier ist unser Spezialist. Er wird die Lage bestätigen. Es ist unmöglich, das erforderliche Flugblatt zur rechten Zeit herauszubringen. Gestatten Sie mir, General, den technischen Vorgang zu erläutern. Ein Entwurf, auf den alle interessierten Parteien sich einigen, muß vorbereitet werden. Die Platten müssen hergestellt werden. Tausende von Bogen werden gedruckt, getrocknet und geschnitten. Die Flugblätter müssen gebündelt und zum Einsetzen in die Geschosse gerollt werden. Dann erst werden sie in die Munitionslager gefahren. Die Geschosse werden mit ihnen geladen. Das braucht alles Zeit. Und wir haben nicht genug Zeit. Stimmt es, Sergeant Bing?«

Farrish knallte seine Peitsche auf den Tisch. »Zeit! Zeit!« rief er. Dann senkte er seine Stimme fast zu einem Flüsterton und sagte: »Wissen Sie, Lieutenant, was Zeit bedeutet? Menschenleben, das bedeutet sie. Das Leben meiner Leute! Ich will aus dieser Falle ausbrechen, in der jede Hecke eine Befestigung ist. Ich will Panzereinheiten einsetzen, wo sie zur Entwicklung kommen können. Haben Sie jemals versucht, eine Hecke anzugreifen? Versuchen Sie es, versuchen Sie es nur einmal! Sie müssen über ein offenes Feld. Sie können die Deutschen nicht sehen. Nur ihre Kugeln hören Sie. Und wenn Sie die Krauts schließlich aus ihrer Stellung werfen und Ihre eigenen Leute zählen, fehlt die Hälfte.«

Farrishs Verluste waren größer als die eines jeden anderen. Yates wußte es nur zu gut. Meinte Farrish, was er sagte? Yates neigte dazu, ihm Glauben zu schenken, ja, ihn sogar zu unterstützen. Aber das hing nicht von ihm ab; außerdem hatten die Verluste und die Hecken mit einer Darlegung prinzipieller Fragen von politischer Bedeutung nur wenig zu tun. Yates warf Bing einen beinahe flehenden Blick zu. Das Urteil des Sergeanten über die technische Seite mußte den Fall erledigen. Oder wollte er ganz einfach nur die Entscheidung von seinen Schultern auf die von Bing abwälzen?

Carruthers wollte gerade einwerfen, daß Yates’ Einwände ursprünglich ganz anderer Art gewesen wären – daß prinzipielle politische Fragen und das Oberste Hauptquartier eine wesentliche Rolle in ihnen gespielt hätten –, als Bing einwarf: »General, ich glaube, es wird doch möglich sein, Ihr Flugblatt bis zum vierten Juli fertigzustellen.«

»Sehen Sie«, sagte Carruthers.

Yates schwieg. Er hatte sich selber die Waffe aus der Hand geschlagen. Er hatte sich auf ein Orakel verlassen, aber das Orakel hatte gegen ihn gesprochen. Es war beinahe komisch, und er stellte sich Willoughbys Gesicht vor. Willoughby mußte den Kopf hinhalten. Der pyramidenartige Aufbau der Armee hatte seine Vorteile.

Farrish nickte zustimmend. »Wenn Sie die Sache da schreiben, Sergeant, müssen sie immer im Kopf behalten, was ich sagen würde, wenn ich Gelegenheit hätte, zu diesen Deutschen zu sprechen. Ich bin Amerikaner. Das ist eine verdammt große Sache, Sergeant. Vergessen Sie das nicht!«

Bing stand da und rührte sich nicht. Er hielt eine Antwort nicht für nötig. Er war plötzlich von der Größe der Aufgabe, die er sich aufgehalst hatte, überwältigt. Was hatte ihn nur geritten, Yates zu widersprechen? Darüber mußte er erst einmal Klarheit haben. In Wirklichkeit war es die Versuchung, der Weltgeschichte einen Streich zu spielen. Er, Sergeant Bing, ein Niemand, ein Junge, der entwurzelt war, keine Bindungen hatte, von Heim und Schule vertrieben und so nach Amerika gekommen war, sollte nun die Ziele dieses Krieges darlegen. Denn nichts anderes würde der wirkliche Inhalt dieses Flugblattes sein. Einmal abgeschossen, konnte es nicht mehr zurückgezogen werden. Sie mußten dabei bleiben, die großen Drahtzieher, die sich so ungern festlegen ließen. Farrish wußte nicht, was er da ins Rollen gebracht hatte. Auch Bing hatte es nicht gewußt, als er in die Bresche gesprungen war. Jetzt wußte er es. War er sich seiner Verantwortung bewußt? Ja, gewiß. Aber er verspürte auch Angst.

Jemand stolperte über die rohgebauten Stufen in den Unterstand hinab. Der Neuankömmling schien von dem General, der wie ein aus einem großen Block gehauener Mensch dort im Licht saß, nur wenig beeindruckt.

»Hallo, Jack!« sagte der Neue. »Diese Stufen sind wirklich gefährlich. Du willst doch wohl nicht, daß ich mir den Fuß breche?« Sogar der General wandte sich um. Der Neue war eine Frau.

Keine schöne Frau, im eigentlichen Sinne des Wortes. Ihr Gesicht war eher schlicht, und der Helm, der ihr Haar verbarg, stand ihr nicht vorteilhaft. Von ihrer Figur war wenig zu erkennen; der Overall verdeckte alles, was es da gab. Dennoch verwandelte ihre Gegenwart jeden Mann im Unterstand. Der Soldat am Klappenschrank begann seine Fingernägel zu reinigen.

Der Frau war diese Wirkung nichts Neues. Sie wiederholte sich, sooft sie Männer in Uniform an der Front oder im rückwärtigen Gebiet traf. Die ersten Male hatte sie eine gewisse unangenehme Befangenheit nicht unterdrücken können, weil sie sich selber noch nicht darüber klargeworden war, was die Männer so durcheinanderbrachte. Dann erkannte sie, daß es weder eine Frage der Schönheit noch der Häßlichkeit, des Charmes noch seines Gegenteils war. Es war vielmehr das Resultat davon, daß sie unter so vielen Männern, die nur mit Männern zusammenkamen, die einzige Frau war und doch die Sprache dieser Männer sprach. Für Karen war diese Entdeckung zunächst eine Enttäuschung, dann erschien ihr die Sache komisch, und schließlich fand sie etwas Rührendes darin. Es war traurig und nicht gerade schmeichelhaft, wenn Männer, die in der Heimat oder in irgendeiner Umgebung, in der an Frauen kein Mangel war, sich nach ihr nicht umgedreht hätten, ihr nun nachschlichen, nur um ein paar freundliche Worte von ihr zu hören oder die Berührung ihrer Hand zu spüren.

Der General erhob sich halb und verbeugte sich leicht. Carruthers, stolz und gleichzeitig ein wenig verlegen, denn sie hatte ihn immerhin recht vertraulich begrüßt, stellte sie vor.

»Miss Karen Wallace.«

Yates entsann sich ihres Namens. Er hatte einige ihrer Feuilleton-Artikel aus dem Feldzug in Italien gelesen. Es war übrigens jene Art von Artikeln, die ihm gegen den Strich gingen, da in ihnen von »unseren Jungs« mit jener Mischung von Leutseligkeit und Vertraulichkeit gesprochen wurde, die den Soldaten ziemlich naiv erscheinen ließ. Aber offensichtlich wollte das amerikanische Publikum seine Armee nicht anders haben. Wallaces Artikel wurden in vielen Zeitungen gedruckt, und sie wurde gut bezahlt. Vielleicht hatte sie auch Mut. Sie war ziemlich weit in die vordere Linie gegangen – man wußte aber nie, wieweit der Impuls dazu Mut und wieviel dabei Sensationsgier war.

»Ich habe viel von Ihnen gehört, General«, sagte sie mit einer tiefen, überraschend warmen Stimme. »Ich habe nicht erwartet, Sie hier anzutreffen, und wollte nur schnell vorbeischauen, um Captain Carruthers guten Tag zu sagen und zu hören, was hier los ist.«

Farrish war sofort herzlich. »Sie haben uns die Dame vorenthalten, Jack.« Und dann, strahlend: »Ich kann schon verstehen, warum!«

Karen lachte.

Ein echtes Lachen, fand Yates. Gott sei Dank, sie stellt sich nicht an – nur sollten ihre Entschuldigungen etwas weniger unwahrscheinlich klingen. Carruthers war nicht der Verbindungsoffizier zur Presse, von dem man sich darüber informieren ließ, was los war. Er war Stellvertreter des I c. Nun, Carruthers war ein gutaussehender Mann, sofern man Schnauzbärte mochte.

Carruthers stellte Yates und Bing vor. Sie nahm ihren Helm ab, der dabei auf die Erde schepperte. Bing hob ihn auf. Sie hatte dichtes, rötliches, kurzgeschnittenes Haar. Der Riemen des Helmeinsatzes hatte einen roten Streifen auf ihrer Stirn zurückgelassen. Ihre Blicke trafen sich. Sie hatte graue, ruhige Augen. Bing bekam einen trockenen Mund.

»Danke Ihnen«, sagte sie.

Farrish unterbrach. Vielleicht hatte er den Zwischenfall beobachtet, Karen war nicht sicher; vielleicht auch konnte er es einfach nicht ertragen, einmal nicht im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

»Ich habe eine gute Story für Sie!« rief er aus. »Prachtvolle Überschrift: Achtundvierzig Salven aus achtundvierzig Geschützen! Wie gefällt Ihnen das?«

Carruthers flüsterte ihm etwas zu.

»Ach was, wir geben ihr die Geschichte!« Mit einer Handbewegung erledigte Farrish die Einwände des Captains: »Frauen wissen mehr davon, wie Männer denken, als die Männer selber, stimmt’s?«

Sie lächelte: »In gewissen Dingen, vielleicht –«

»In der Story dreht es sich nämlich darum, was Männer denken, Deutsche in diesem Fall«, sagte Farrish. Wieder entwickelte er seinen Plan. Je mehr er die Einzelheiten herausarbeitete, desto bedeutungsvoller erschien der Plan. »Der Sergeant hier – Bing, stimmt’s? – wird meine Gedanken ins Deutsche übersetzen. Ein Schriftsteller ersten Ranges!« Es war ganz selbstverständlich, daß jeder, der für Farrish arbeitete, ein Mann ersten Ranges war. »Können Sie sich die Deutschen vorstellen, nachdem sie so richtig eingedeckt wurden und nun voller Angst aus ihren Erdlöchern kriechen und nicht wissen, was als nächstes passieren wird? Und dann kommen diese Flugblätter an. Die Männer sind erleichtert. Sie lesen. Wir sprechen zu ihnen von Mann zu Mann. Wir haben ihnen einiges zu sagen. Dieser vierte Juli ist kein Datum aus der alten Geschichte, gerade heute ist er für uns von Bedeutung! Und da wir gerade von Geschichte sprechen, Miss Wallace – was wir hier machen, ist Geschichte!«

Tief befriedigt mit sich selber, lehnte er sich zurück.

Glücklich wie ein Bub, der seine Knallfrösche abgeschossen hat, dachte sie.

Yates unterdrückte ein Lächeln. Der große Mann spielte sich auf.

Karen aber sah trotzdem, was in der Sache steckte. Es war nicht die Story von dem großen General und seinem neuen, aufregenden Spielzeug; es war eine Story über den Mann Bing, der nun schreiben sollte, warum die amerikanischen Ideale besser seien als die deutschen; diesen Bing, der einen hartnäckigen Feind davon überzeugen mußte, daß er gerade deshalb weniger verbissen kämpfen oder den Kampf überhaupt aufgeben sollte. Hier war etwas Neues – das interessierte sie. Eine solche Aufgabe verlangte erst einmal absolute Klarheit der Gedanken. Man mußte seiner selbst ganz sicher sein und an die Gerechtigkeit der eigenen Sache und damit dann auch wirklich an Gut und Böse glauben. Jemanden überzeugen hieß, ihn im Gegenspiel der Gedanken zu schlagen. Da mußte vor allem die eigene Überzeugung erheblich stärker sein als die des anderen.

Dieses Problem reizte sie, weil sie selber gar nicht so sicher war und überall nach Bestätigung für das suchte, was sie gern selber glauben wollte.

Oder waren diese Soldaten hier genau so zynisch wie die Reklamefachleute, die Nährmittel, Zigaretten und Kopfschmerzenpulver anboten?

Oder – wollte sie nur ein wenig länger mit diesem Sergeanten mit dem jungenhaften Mund und den müden Augen sprechen?

»Jack«, fragte sie, »können Sie mir eine Fahrgelegenheit zur Befehlsstelle dieser – na, wie heißt sie doch – Propagandaeinheit oder so – verschaffen?«

Carruthers zögerte. Er hatte sich einen Abend mit Karen Wallace erhofft, vielleicht auch die Nacht, wenn sie Lust hatte.

»Klar. Dafür wird er schon sorgen!« sagte Farrish überlaut. »Warum den Bischof fragen, wenn der Papst da ist?« Er warf den Kopf zurück und lachte schallend.

Yates sah plötzlich Möglichkeiten für sich. Wohl nahm er Rücksicht auf bestehende Verhältnisse; Carruthers’ Eigentumsrechte aber schienen nun doch nicht so festzustehen, wie er zu Anfang angenommen hatte.

»Es wird uns eine Freude sein, Sie mitzunehmen, Miss Wallace«, schlug er vor. »Wir fahren sofort zu unserer Befehlsstelle zurück, und unser Wagen ist groß genug.«

Karen betrachtete Yates. Sie sah das einladende Lächeln, den Humor in seinen dunklen Augen, seine feingeschwungenen Augenbrauen, die nun ganz leicht zuckten, als wollte er sagen: Wir verstehen einander doch wohl?

»Mit Ihrer Erlaubnis, General«, sagte sie, »nehme ich das Anerbieten an.«

»Sie kommen aber doch noch mal wieder, nicht wahr?« Farrish versuchte, seiner Stimme einen verbindlichen Ton zu geben. »Hier sind Sie immer willkommen, vergessen Sie das nicht. Und vergessen Sie auch die Überschrift nicht: Achtundvierzig Salven aus achtundvierzig Geschützen!«

Zweites Kapitel

Sie kamen durch Isigny.

Die Kirche war ein Gerippe; und die Grabsteine ringsum waren von ihren Sockeln gestürzt.

Der Wagen fuhr nun langsamer, und Yates konnte gerade noch durch einen klaffenden gezackten Riß in der Mauer den Christus am Kreuz erblicken. Er sah die primitiv geschnitzten Rippen und den von Schmerz zerrissenen, fast viereckigen Mund. Der Christus hatte seine Füße und die rechte Hand verloren und hing nur noch mit der linken am Kreuz.

Yates war kein religiöser Mensch; zu Hause betonte er seine Neigung zu aufgeklärter Skepsis. Er glaubte, daß dem Weltensystem ein Sinn zugrunde liege, hauptsächlich, weil er selber glauben wollte, daß sein eigenes Dasein nicht nur einem Zufall zu verdanken sei. Die Sekunde jedoch, in der er den verstümmelten Christus von Isigny erblickt hatte, blieb nicht ohne Wirkung.

»Haben Sie ihn auch gesehen?« fragte er.

Auch Karen hatte ihn gesehen, denn sie antwortete sofort: »Er ist noch immer unser bester Gott – der einzige, den wir uns ausdenken konnten. Gott ist, was wir in ihm sehen.«

Und Bing fügte hinzu: »Der Ort wurde schwer umkämpft. Es ließ sich wohl nicht vermeiden. Sie hatten Scharfschützen auf dem Turm und hinter den Grabsteinen …«

Yates schwieg. Seit der Invasion war er dem Tod mehrfach knapp entgangen; er hatte sich nach Selbstaufgabe und Sicherheit in den Armen eines allwissenden, allmächtigen Gottes gesehnt; und dennoch wußte er, daß es außerhalb seiner selbst keine Zuflucht vor seinen Ängsten gab.

»Ein Gott, der sich nicht einmal selber schützen kann –«, er unterbrach sich.

Sie waren auf den Marktplatz gelangt. An einem der Häuser hing die Attrappe einer Uhr, daneben ein Schild, verwaschene goldene Buchstaben auf schwarzem, abblätterndem Grund: Auguste Glodin.

»Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir hier halten?« fragte Karen. »Ich hätte gern meine Uhr reparieren lassen.« Sie fügte entschuldigend hinzu: »Aber ich möchte Sie nicht aufhalten.«

»Das geht schon«, sagte Yates.

Sie parkten am Straßenrand. Die Tür zu Glodins Haus war verschlossen. Bing klopfte. Noch einmal. Karen trat dicht zu ihm heran. Die jugendliche Rundung seines Kinnes, die Art, wie sein Haar hinten im Nacken wuchs, wie bei einem kleinen Jungen – sie war sich all dieser Einzelheiten plötzlich bewußt. Er lächelte sie an, und seine Augen leuchteten auf.

Yates gesellte sich zu den beiden. Er ergriff Bings Karabiner und schlug mit dem Kolben gegen die Holztür.

Schlurfende Schritte wurden hörbar. Die Tür öffnete sich langsam, und das Gesicht einer Frau wurde zur Hälfte sichtbar.

»Ist der Uhrmacher zu Hause?« fragte Bing. »Monsieur Glodin?«

Nun erschien der ganze Kopf. Forschende Augen, krumme Nase, faltiger Mund – alles in diesem Gesicht schien faltig zu sein. Ein Schimmer von Befriedigung glitt über das Gesicht, und die Tür öffnete sich weit.

»Seit Jahren halten wir unsere Tür verschlossen – entschuldigen Sie – eine Gewohnheit …«, sagte die Frau als Erklärung. »Es dauert schon seine Zeit, selbst um sich an bessere Zeiten zu gewöhnen. Man kann es noch gar nicht glauben … Oh! Eine Frau als Soldat!« Sie hatte Karen erblickt. »Haben Sie auch weibliche Soldaten? Haben Sie nicht Männer genug? In Frankreich haben wir nicht genug Männer. Die Deutschen haben so viele weggeschleppt. Aus Isigny allein mehr als hundertundfünfzig …«

Bing unterbrach sie: »Sie ist kein Soldat. Sie schreibt für Zeitungen Artikel über den Krieg. Im übrigen ist ihre Uhr nicht in Ordnung.«

»Glodin!« rief die Frau über die Treppe hinauf. »Amerikaner! Beeil dich! Zieh die blaue Jacke an! Sie liegt in der Kommode!« Aufgeregt wandte sie sich wieder ihren Besuchern zu: »Er wird die Jacke niemals finden«, fuhr sie fort.

»Sagen Sie ihr, ich möchte nur meine Uhr repariert haben«, meinte Karen zu Bing. »Sagen Sie ihr, das kann er doch in Hemdsärmeln machen.«

Glodin erschien in der Tür. Er knöpfte seine Jacke über der Schürze mit der einen Hand zu, während die andere ein wenig Ordnung in sein widerspenstiges graues Haar zu bringen suchte.

»Willkommen!« sagte er. »Diese Frauen sind so nervös. C’est la guerre. Treten Sie ein!«

Durch einen Flur, in dem es nach Fisch und Apfelwein roch, schoben sie sich in den Laden. Glodin klemmte sich die Lupe ins Auge, öffnete Karens Uhr und betrachtete ihr Werk.

»Sie haben sie im Wasser getragen?«

Karen lachte auf. »Ich mußte hineinspringen, Monsieur Glodin, unser Schiff erhielt einen Treffer.«

Glodin schob seine Lupe auf die Stirn hinauf. Sie sah nun aus wie ein Horn und er wie ein Faun. »Sie hatten Glück, Mademoiselle, daß es nur die Uhr war. Die Uhr kann ich jedenfalls in einigen Tagen reparieren.«

Plötzlich ging ihm etwas durch den Kopf. »Sie bleiben doch ein wenig bei uns, bitte? Eine junge amerikanische Frau hier bei uns! – und was hat sie alles aufs Spiel gesetzt! Meine Frau ist gerade in den Keller gegangen, holt den Roten, den Guten! Immer sagte ich zu meiner Frau: wir wollen diesen Wein für ein Fest aufheben …«

Yates warf einen Blick auf seine eigene Uhr. Jemand stieß gegen sein Bein. Es war ein Kind, ein Mädchen. Es trat einen Schritt zurück und begann aus Verlegenheit sein Röckchen ums Handgelenk zu winden. Yates sah die dünnen, mageren Beine des Mädchens.

»Nettes Kind«, sagte Bing.

Yates fuhr ihr durch das Haar. Sie schnurrte wie eine Katze. Dann fragte sie: »Chocolat?«

»Chocolat!« sagte Yates zu Karen. »Liberté und chocolat.« Inzwischen aber durchsuchte er seine Taschen.

»Mögen Sie Kinder nicht?«

»Doch!« sagte er.

»Haben Sie welche?«

»Nein.« Er zögerte. Dann fügte er rasch hinzu: »Ruth und ich – Ruth ist meine Frau –, nun, ich war der Ansicht, wir könnten uns keine leisten.«

Karen bemerkte seine Zurückhaltung und sagte: »Um bei der Wahrheit zu bleiben, Lieutenant, Sie sehen gar nicht wie ein Ehemann aus.«

Yates lächelte vor sich hin. Gut gesagt, dachte er.

Glodin trat hinter seinem Werktisch hervor und hob das Kind auf seinen Arm. »Sie ist das Baby«, sagte er. »Wir haben nie daran gedacht, noch ein zweites zu haben – aber – wir sind eine zähe Rasse. Das ältere ist ein Junge. Er ist krank. Aber er steht schon auf.«

»Lassen Sie ihn nicht erst aufstehen«, sagte Yates. »Wir müssen bald gehen.«

»Aber das macht doch nichts aus«, warf Glodin ein.

»Halbe Stunde«, gab Yates zu. »Mehr nicht. Wir müssen vor Dunkelheit zurück sein.«

Glodin begleitete seine Gäste in einen Raum, offensichtlich die gute Stube. Er bat sie, an einem wackeligen, ovalen Tisch Platz zu nehmen, während seine verrunzelte Frau den Wein und die Gläser hinstellte. Dann half eine hochgewachsene, unschöne Frau mit dem Anflug eines Schnurrbarts, die Hosen und eine alte Strickjacke trug, einem blassen Jungen ins Zimmer. Die Schultern des Jungen hingen hoch und rund über selbstgemachten Krücken.

»Mademoiselle Godefroy, die Lehrerin«, stellte Glodin die hagere Frau vor. »Sie lebt zur Zeit bei uns.« Er zeigte stolz auf den Jungen. »Mein Sohn Pierre – die Sache mit dem Bein ist ihm passiert, als die Deutschen abzogen.«

»Wie kam das?« fragte Karen.

Die Lehrerin von Isigny half dem Jungen, sich auf einen Stuhl zu setzen.

Pierre lächelte Karen zu. »Wir standen auf den Dächern«, sagte er, »meine kleine Schwester, meine ganze Familie und alle Nachbarn. Wir hörten den Kampf von der Kirche her. Dann wurde das Gefecht eingestellt. Auf der Straße sammelten sich die Deutschen. Sie hatten es sehr eilig. Die meisten Sachen, die sie vorsorglich zusammengepackt hatten, mußten sie stehenlassen. Dann erblicken sie uns. Einer ihrer Offiziere sagte etwas. Die Deutschen zielten auf uns und schossen. Dann drehten sie sich um und rannten. Ich selber konnte sie nicht sehen, ich sah nur einen dunkelgrünen Schleier vor meinen Augen. Wirklich dunkelgrün; wieso, weiß ich nicht.«

Mademoiselle Godefroy streichelte sanft die Hand des Jungen und sagte: »Ich verstehe schon, warum die Deutschen auf uns schossen, aber es ist gegen alle Vernunft.«

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, sagte der Uhrmacher noch: »Mademoiselle Godefroys Haus wurde bei einem Luftangriff der Amerikaner niedergebrannt. Alle ihre Kleider kaputt.«

Yates betrachtete seine Kollegin aus Isigny mit zweifelndem Blick.

»Natürlich ist es gegen alle Vernunft«, sagte er. »So wie der ganze Krieg.«

Die Frau hatte einen ablehnenden Ausdruck im Gesicht. Yates empfand, daß seine Worte, so gut gemeint sie auch waren, bei ihr nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Er versuchte, sich seine eigenen Empfindungen vorzustellen, wenn daheim in Coulter das beigefarbig verputzte kleine Haus, das er und Ruth noch nicht einmal ganz abgezahlt hatten, durch Bomben zerstört worden wäre – seine Bücher, sein Schreibtisch und alles verbrannt.

Er schlug einen versöhnlichen Ton an: »Wir – wir haben Ihr Haus zerstört – auch das war gegen alle Vernunft …«

Die Frau blickte Yates gerade in die Augen. Auch Karen wandte sich ihm voll Erwartung zu.

»Wollen Sie damit sagen«, fuhr Mademoiselle Godefroy fort, »daß ich Sie willkommen heiße und alle hier Sie willkommen heißen, weil Sie jetzt hier sind und Sie jetzt die Kanonen haben?«

»Nein«, antwortete Yates unbehaglich. So weit hatte er nicht gehen wollen.

Die Frau blieb ernst. Sie sagte: »Es ist richtig, daß ein Franzose sein Haus und alles, was er besitzt, liebt. Er liebt es vielleicht mehr als die Menschen anderswo. Ich will Ihnen aber eines sagen: es hat sich gelohnt, mein Haus, meine Einrichtung, meine Möbel, meine Kleider und alle die kleinen Andenken meines Lebens zu verlieren, nur um die boches laufen zu sehen.«

»Bravo!« sagte Karen.

Yates trank einen Schluck Wein. Er hatte versucht, seine Vernunft zu gebrauchen, den Dingen mit seiner Vernunft auf den Grund zu gehen. Die Lehrerin von Isigny aber schien ihm gerade dies vorzuwerfen.