Krieger des Lichts - Ungezähmtes Verlangen - Pamela Palmer - E-Book

Krieger des Lichts - Ungezähmtes Verlangen E-Book

Pamela Palmer

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Beschreibung

Kara MacAllisters beschauliches Kleinstadtleben ist mit einem Schlag vorbei, als ein mysteriöser Fremder sie aus ihrem Haus entführt. Der gut aussehende Lyon ist jedoch kein gewöhnlicher Mensch, sondern gehört einem Volk unsterblicher Gestaltwandler an. Lyon glaubt, dass Kara dazu ausersehen ist, ihn und sein Volk vor einer uralten Bedrohung zu retten. Auch wenn es Kara schwer fällt, seinen Worten Glauben zu schenken, fühlt sie sich zu dem wilden Krieger unwiderstehlich hingezogen. Da bricht das lange prophezeite Unheil über die Welt herein, und nur gemeinsam können Kara und Lyon der Gefahr begegnen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 439




Inhalt

Titel

Widmung

1

2

3

4

5

6

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8

9

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23

Danksagung

Impressum

 

Pamela Palmer

Roman

Ins Deutsche übertragen von Wolfgang Thon

 

Für Keith, Kelly und Kyle –

meine Familie, meine Stütze und mein Herz

 

1

Auf der ganzen Welt gab es nur eine einzige Frau, die wusste, wie das Leben auf der Erde erhalten werden konnte.

Und diese Frau hatte man verloren.

Das therianische Geschlecht nannte sie die Strahlende, denn sie allein sorgte dafür, dass die Natur ihre Wächter, die Krieger, mit Energie versorgte. Durch die Strahlende waren sie in der Lage, die letzten Dämonen, die Drader, aufzuspüren und zu vernichten, bevor diese ihrerseits die Therianer und die Menschen auslöschen konnten. Im Gegenzug schützten die Krieger die Strahlende mit ihrem Leben.

Was äußerst schwierig war, denn sie wussten nicht, wo – oder wer – sie eigentlich war.

Während Lyon die acht Krieger über einen felsigen Weg hoch über dem Wasserfall des wilden und gefährlichen Flusses Potomac durch die Dunkelheit führte, verzog er das Gesicht. Verdammt, sie hatten vielleicht sogar zwei Strahlende verloren. Die alte war tot, und die neue, von der Gottheit zur Nachfolgerin auserkoren, hatte sich bislang noch nicht gezeigt. Und die Lage verschlechterte sich zusehends.

Lyon war nur mit einem Seidenhemd und Jeans bekleidet und spürte den kalten Felsen unter seinen nackten Fußsohlen, als er den Weg verließ, um den Stein der Göttin zu erreichen. Für den Fall, dass die Drader angriffen, hielt er in jeder Hand ein Stilett bereit. Die Wasseroberfläche unter ihm wurde vom Vollmond angestrahlt, der die ganze Nacht erhellte.

»Was zum Teufel tun wir denn um drei Uhr morgens hier?« Wie üblich klang Jag gereizt.

Lyon grollte tief in seiner Kehle. Es war das wütende Grollen des gereizten Löwen, der jederzeit in ihm lauerte.

Jag hatte nicht viel für die anderen übrig, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte. Lyon wandte sich dem Krieger zu und registrierte sofort den wohlbekannten streitlustigen Ausdruck in Jags Augen sowie das höhnische Lächeln, das um seine Lippen spielte. Mit den Tarnhosen und dem armeegrünen T-Shirt nahm Jag seine Rolle als Krieger manchmal etwas zu wörtlich. Keiner von ihnen hatte auch nur einen einzigen Tag in der Armee der Vereinigten Staaten gedient. Es war ein ungeschriebenes Gesetz unter den Kriegern, sich aus allen menschlichen Angelegenheiten herauszuhalten.

»Hat dir der Löwe die Sprache geraubt, Kätzchen?«, hakte Jag nach.

»Was glaubst du denn, was wir hier um diese Uhrzeit tun? Wir speichern Kraft für unsere Tiere.« Er sprang auf den Pfad hinunter, den er schon gesucht hatte. Jag folgte dicht hinter ihm.

»Du schleppst uns also mitten in der Nacht hierher, nur weil du, der große Anführer, versagt hast?«

Lyons Selbstkontrolle wurde bis aufs Äußerste strapaziert, da ihn seine tierischen Instinkte heftig drängten, diesem Idioten die Gurgel zu zerfetzen. Aufgrund der zunehmend kritischen Lage war er selbst gereizt und verlor allmählich die Selbstbeherrschung. Seine Fingerspitzen brannten, dann schossen seine Krallen hervor. Mit einem Knurren nahm er beide Messer in eine Hand, drehte sich herum, schleuderte Jag mit der freien Hand gegen einen Felsen und grub die Klauen in seinen Hals.

Eine Blutspur rann Jags Hals hinunter, doch aus seinen Augen sprach keine Angst, sondern lediglich ein Anflug von Schadenfreude, dass er Lyon hatte so weit bringen können. Selbst wenn Lyon die Kontrolle vollkommen verlieren sollte, konnte er Jag doch nicht wirklich etwas antun. Körperlich waren sie einander durchaus gewachsen. Gestaltwandler waren nicht so empfindlich.

Lyon hätte auf Jags höhnische Bemerkung gern mit einer schlagfertigen Antwort reagiert und den überheblichen Krieger damit in die Schranken verwiesen. Das Problem war nur, dass ihm keine einfiel. Jag hatte ja vollkommen recht. Lyon hatte tatsächlich versagt, denn er hatte die neue Strahlende nicht gefunden. Also knurrte er nur und ließ den Mann mit einem Ruck los, wich zurück und zog die Krallen ein. Seine Muskeln bebten vor Verzweiflung, als er den Felsen der Göttin hinunterkletterte.

Wenige Monate nach dem Tod der alten Strahlenden sollte eine therianische Frau mit dem Abdruck einer Klaue auf der Brust erwachen. Diese Klaue sah gewöhnlich wie eine lang verheilte Narbe aus.

Dies galt als das Zeichen der Auserwählten.

Es war Lyons Aufgabe, sie zu suchen, zu finden und die Macht auf sie zu übertragen, damit alle Krieger neue Kraft erhielten. Denn Lyon, der Suchende, war als Einziger in der Lage, sie zu finden. Da er wusste, dass sie nicht sofort gezeichnet wurde, hatte er zunächst noch gewartet. Doch allmählich war schon viel zu viel Zeit verstrichen. Allein mit seinen menschlichen Sinnen konnte er sie nicht aufspüren, seine Kraft aber war so geschwächt, dass er nicht mehr an die in seinem Inneren verborgene eigentliche Stärke herankam – das Vermögen des wilden Tieres, das in ihm schlummerte.

Bevor keine neue Strahlende auf dem Thron saß, die sie mit frischer Kraft versorgen konnte, verloren die Krieger, die Wächter des therianischen Geschlechts und damit die letzten wahren Gestaltwandler, täglich weiter an Energie. Abgesehen davon, dass sie gelegentlich ihre Krallen ausfuhren oder die Zähne bleckten, hatten sie außerdem ihre Fähigkeit verloren, die Gestalt zu wandeln. Und mit jedem neuen Sonnenaufgang war Lyon immer weniger in der Lage, die ersehnte Frau zu finden.

Die heutige Nacht war seine letzte Chance dazu.

Vhyper gesellte sich zu ihnen. Das blasse Mondlicht spiegelte sich auf seiner Glatze und dem Silberring in seinem rechten Ohrläppchen. »Was meinst du? Sollen wir ein Lagerfeuer machen und S’Mores rösten, während wir warten? Wir könnten den Kerl zurück zum Haus schicken, damit er Marshmallows, Cracker und diese kleinen Schokoladenplättchen holt.«

Mitleidig musterte Lyon den Mann.

»Du bist doch ein Idiot, Vhype.« Tighes kurze blonde Haare glänzten im Mondlicht, als er kumpelhaft und auf die unbefangene Art der meisten Gestaltwandler den Arm um Vhypes Schultern legte.

Lyon hatte diese Unbefangenheit noch nie verstanden. »Bringen wir es also hinter uns.«

»Müssen wir wirklich bluten?« Foxx hatte rote Wuschelhaare, eine helle Haut und Sommersprossen. Der Jüngste der Krieger besaß erstaunlich viel Kraft und verhieß Großes, falls er jemals wirklich erwachsen werden sollte.

Lyon sah ihn an. »Ich hatte dir doch gesagt, du solltest die Klinge des Rituals mitbringen. Hast du das vergessen?«

»Nein. Aber ich dachte …«

»Wir bilden den Kreis der Krieger und bündeln unsere Energie. Das Ritual verlangt nun einmal, dass wir bluten.«

»Schöner Mist«, bemerkte Vhyper gedehnt und zog an seinem Ohrring, während Tighe seinen Arm von ihm löste. »Ich würde lieber ein paar Lagerfeuerlieder singen.«

»Halt die Klappe, Vhyper«, zischte Jag.

Lyon klatschte in die Hände. »Fangen wir an.« Seine Hände waren feucht, und seine Nackenmuskeln verspannten sich, als er inständig hoffte, dass sie noch über ausreichend Kraft verfügten, um das Ritual durchführen zu können. Um ihre Tiere mit Energie zu versorgen, mussten sie den letzten Rest ihrer magischen Kraft aufwenden. Dazu hatten sie nur eine einzige Chance.

Lyon steckte die Messer in die Tasche, denn innerhalb des magischen Kreises konnten ihnen die Drader nichts anhaben. Dann zog er das Hemd über den Kopf und warf es auf den Felsen. Die kühle Frühlingsluft fühlte sich auf seiner erhitzten Haut angenehm an. Während sich die anderen ebenfalls bis zur Hüfte entkleideten, zog Lyon seine Jeans aus. Wenn es gelang, würde er die Gestalt wandeln. Anders als einige seiner Kameraden besaß er kein magisches Blut, durch das die Kleidung bei der Gestaltwandlung unversehrt blieb. Während der Verwandlung trug er also lediglich den robusten Silberreifen, der sich um seinen Bizeps schlang und in dem die Energie der Erde gebündelt wurde.

Auf dem flachen, breiten Felsen der Gottheit bildeten die neun Krieger einen Kreis. Die silbernen Armreife glänzten, während die Männer mit ihren nackten Oberkörpern in der klaren Nacht standen.

Lyon streckte Foxx die Hand entgegen. »Das Messer.«

Foxx reichte es ihm. Lyon richtete das Messer nun gegen sich selbst und ritzte sich die Brust auf. Mit dem beißenden Schmerz bildete sich eine seltsame Energie, die schnell von der Klinge auf seine Haut überging. Er reichte das Messer an Tighe weiter und war froh, dass sich die magischen Kräfte heute Nacht wecken ließen. Mit der rechten Hand strich er über die brennende Wunde, wischte etwas Blut ab, ballte die Hand zur Faust und streckte den Arm vor sich aus. Tighe tat es ihm gleich, schlitzte sich die Brust auf, legte seine blutige Hand um Lyons Faust und reichte das Messer dann an Jag weiter. Einer nach dem anderen legten sie ihre glitschigen Hände aufeinander, bis nur noch einer übrig war.

Vhyper ritzte sich wie die anderen in die Brust, zuckte zusammen und ließ das Messer klappernd auf den Felsen fallen. »Verdammt, das ist doch alles vergeblich. Was wir brauchen, sind neue Rituale.«

Doch als Vhyper in die Hocke ging, um die Klinge aufzuheben, erstarrte er. »Was zum Teufel?« Er nahm das Heft des Messers, stand auf und wandte sich zu Lyon um. »Das ist doch die Klinge der Dämonen!«

Die Worte bohrten sich in Lyons Kopf und jagten ihm eisige Schauer über den Leib. Er streckte die Hand aus. »Gib sie mir.«

Im Mondlicht waren auf dem Messergriff, den Vhyper nun in Lyons Handfläche legte, schwache Gravuren zu erkennen. Während Lyon die Hand um den Griff schloss, weiteten sich seine Augen, und er spürte den Schock über die Entdeckung in seinen Gliedern.

Mit einem Fauchen sprang er durch den Kreis auf Foxx zu, packte seinen dicken Hals, hob ihn hoch und schüttelte ihn. »Was hast du getan?«

Der Junge sah genauso schockiert aus, wie Lyon sich selbst fühlte. »Nichts. Ich meine … ich weiß es nicht. Du hast doch gesagt, ich soll die Klinge des Rituals holen – und genau das habe ich getan. Ich schwöre, ich bin nicht in die Nähe der Höhle gekommen. Warum sollte ich denn die Klinge der Dämonen holen?«

Lyon merkte, dass seine Augen Funken sprühten und er die Krallen ausfuhr. Blut strömte über Foxx’ Hals. »Sag. Du. Es. Mir.«

Foxx lief rot an. »Ich kann … nicht … sprechen.«

Knurrend zog Lyon die Klauen wieder ein und ließ Foxx zurück auf den Boden fallen. »Spuck’s aus!«

Foxx hustete, hielt sich den Hals, wich einen Schritt zurück und sagte mit großen Augen und wirrem Blick: »Ich habe das nicht getan. Wirklich nicht, ich schwöre es.«

Vhyper packte den Jüngling am Arm und riss ihn so weit zurück, dass Lyon nicht mehr an den Jungen herankam. Tighe baute sich mit grimmiger Miene vor Lyon auf. »Wir bluten. Bringen wir erst das Ritual zu Ende und kümmern uns anschließend um die Bestrafung. Es kann ja nicht möglich sein, dass wir aus Versehen irgendwelche Dämonen befreien.«

Lyon war sich da nicht so sicher. »Hawke?« Wenn dies jemand von ihnen ganz genau wusste, dann war es dieser spindeldürre Krieger, der mehr Collegeabschlüsse gesammelt hatte, als die meisten Männer Waffen besaßen.

Hawke schüttelte den Kopf. »Der erste Schritt zur Befreiung von Satanan und seiner Horde ist zwar der gleiche wie der für die Stärkung der Tiere. Neun müssen bluten. Aber es gehört noch erheblich mehr dazu. Es ist ein vielschichtiges Ritual, zu dem die Krieger bereit sein müssen und für das man das Blut der Strahlenden braucht. Unsere Ahnen haben dafür gesorgt, dass die Dämonen niemals mehr auftauchen.«

»Dann dürfte es ja kein Problem geben«, meinte Vhyper trocken und schob den Jungen beschützend von dem wütenden Lyon weg.

Herablassend runzelte Hawke die Stirn. »Jedes Mal, wenn das Messer die Höhle verlässt, bedeutet das Schwierigkeiten.«

Lyon bedachte Foxx mit einem Blick, der eine schmerzhafte Strafe in Aussicht stellte, dann wandte er sich wieder den anderen zu. »Tighe hat recht. Bringen wir es zu Ende, bevor das Blut trocknet und wir wieder von vorn beginnen müssen.« Lyon streckte die Faust in die Luft. Die Krieger nahmen ihre Stellungen wieder ein und legten einer nach dem anderen ihre Hand um die Faust des Nebenmannes.

Lyon verfiel in einen Sprechgesang. »Geister erwachet. Versammelt euch und versorgt das Tier unter diesem Mond mit eurer Kraft.« Die anderen stimmten ein. Das Murmeln umfloss Lyon und strich über seine Haut. Vom Himmel ertönte ein Donnerschlag, und unter seinen Füßen bebte der Boden, als sich die Natur mit gewaltiger Kraft aus den Tiefen der Erde erhob und ihnen durch Mark und Bein bis in die blutigen Hände fuhr, die sie dem Himmel entgegenstreckten.

»Gib dem Löwen Kraft!«

Ein Blitz erhellte den Himmel, brannte sich in Lyons Handfläche, floss wie heißes Öl über seinen Leib und versorgte ihn mit Energie und Kraft. Mit Macht und Stärke. Er dachte an seine andere Hälfte und verwandelte sich schließlich voller Freude in ein Tier. Die anderen zogen sich zurück und umkreisten ihn, während Lyon den Löwenkopf mit der üppigen Mähne zu dem funkelnden Sternenhimmel erhob und ein tiefes Gebrüll ertönen ließ. Es war wirklich gut, dass der magische Kreis die Sicht auf ihn versperrte und den Lärm dämmte. Sonst hätten sie nämlich innerhalb weniger Minuten die Fairfax-County-Tierpfleger auf dem Hals gehabt.

Lyon lief in dem engen Kreis auf und ab und genoss das Gefühl von Kraft, das ihn durchströmte, während er seine tierischen Sinne langsam in alle Himmelsrichtungen schweifen ließ. Über Dutzende, sogar über Hunderte von Meilen hinweg.

Plötzlich flammte in seinem Kopf ein Funke auf: eine Verbindung war entstanden, die nicht mehr getrennt werden konnte. Erleichterung überwältigte ihn.

Er hatte sie gefunden.

Mit hoch erhobenem Kopf gab er ein weiteres lautes Brüllen von sich und nahm nun wieder menschliche Gestalt an. Die Krieger um ihn herum beobachteten ihn mit den wild glühenden Augen der Tiere, in die sie sich verwandeln würden, sobald die Strahlende inthronisiert war.

»Hast du sie gefunden?«, fragte Vhyper.

Lyon griff nach seinen Jeans und zog sie an, während die Sinne ihr Wissen an sein Gehirn weitergaben. »Im Westen. Hinter dem Blue Ridge. Jenseits des Mississippi.«

Vhyper stöhnte. »Wie ist sie dorthin gekommen?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

»Nimmst du jemanden mit?«, wollte Tighe wissen.

»Nein.« Entschieden schüttelte Lyon den Kopf. »Ich gehe allein.«

Vhyper runzelte die Stirn. »Ich frage mich, ob sie überhaupt weiß, was das Zeichen zu bedeuten hat.«

Jag lachte. Es klang hässlich. »Wenn nicht, dann wird unsere kleine Strahlende ziemlich überrascht sein.«

Da musste ihm Lyon ausnahmsweise recht geben.

*

Kara MacAllister lief in dem Schlafzimmer ihrer Mutter, das mit einer blauen Blumentapete verziert war, auf und ab. Verzweiflung und Kummer fraßen an ihr, während draußen der Regen gnadenlos gegen das Fenster prasselte.

»Kara, Liebes.« Vor lauter Schmerzen sprach ihre Mutter recht undeutlich. Sie war gerade erst aus dem dösenden Schlummer aufgewacht, in den sie die Medikamente versetzt hatten. »Warum holst du nicht einfach eine Krankenschwester?« Jeden Tag stellte sie dieselbe Frage.

»Ich will aber keine Schwester, Mom.« Karas Herz zog sich schmerzlich zusammen, als sie den gepeinigten Blick ihrer Mutter sah. Auf die weißen, spitzenbesetzten Kissen gebettet wirkte ihre Mutter zwanzig Jahre älter als noch vor ein paar Monaten. Die früher einmal vollen Wangen waren längst eingefallen, die Haut wirkte so grau und teigig wie bei unheilbar Kranken. Die Ärzte hatten ihre Brust aufgeschnitten, um einen Tumor aus ihrem linken Lungenflügel zu entfernen, hatten dann jedoch nur einen Blick darauf geworfen, sie sofort wieder zugenäht und zum Sterben zurück nach Hause geschickt. Sie hatten ihr lediglich ein paar Wochen gegeben. Vielleicht einen Monat. Das war jetzt zwei Wochen her.

Kara kam es schon wie zwei ganze Lebensalter vor.

»Aber deine Arbeit, Liebes. Du wirst noch deine Arbeit verlieren.«

Kara drückte die abgemagerte Hand ihrer Mutter. »Das ist schon okay, Mom. Ich habe jemanden gefunden, der meine Klasse übernimmt, bis ich zurück bin.« Wenn sie überhaupt jemals zurückging. Neun Jahre lang, seit der Highschool, war sie damit zufrieden gewesen, in dem kleinen Ort Spearsville in Missouri mit ihrer Mutter zusammen in dem alten Bauernhaus zu leben und im Untergeschoss der Kirche die Vorschulkinder zu unterrichten. Vielleicht war es nicht das aufregendste Leben, das man sich vorstellen konnte, aber ihre Mutter hatte sie nun einmal gebeten, bei ihr zu bleiben – und sie war damit einverstanden gewesen. Es hatte sie sogar glücklich gemacht.

Bis vor drei Monaten. Zwei Tage nach Weihnachten war sie wie ein Nervenbündel aufgewacht: als hätte sie über Nacht eine sehr schwere Form des prämenstruellen Syndroms entwickelt. Auf einmal ging ihr alles auf die Nerven: ihr Freund, ihre Freunde, ihr Leben, sogar die geliebten Vorschulkinder. Sie hatte das Gefühl, unbedingt etwas anderes zu brauchen, hatte jedoch nicht die leiseste Ahnung, worum es sich dabei handeln konnte.

Nur eines wusste sie genau: Der Tod ihrer Mutter war es nicht.

Die alte Frau drückte ihr die Hand. Ihr Griff war merklich schwächer als noch am Tag zuvor. »Ich will, dass du … Freude hast, Liebes. Du sollst mir nicht beim Sterben zusehen.«

Freude! Als wenn sie unter diesen Umständen an irgendetwas Freude haben könnte. Kara beugte sich hinunter und küsste ihre Mutter auf die beinah durchscheinende Wange. »Ich liebe dich, Mom. Ich bin genau dort, wo ich sein möchte.« Jedenfalls vorläufig noch.

Ihre Mutter war ihre Familie, die einzige Familie, die sie jemals gehabt hatte. Und jetzt brachte der Krebs sie um. Wenn Kara ihr doch nur etwas von ihrer eigenen erstaunlichen Gesundheit abgeben könnte! Es war so ungerecht. Kara war noch nie krank gewesen, noch nie in ihrem ganzen Leben. Und ihre Mutter lag im Sterben.

Sie stand auf, unfähig, auch nur einen Augenblick länger bei der alten Frau zu bleiben. »Ich mach dir etwas Suppe warm und werde ein Blech Blaubeermuffins backen. Nach dem Abendessen können wir uns dann vielleicht einen Film ansehen. Wie findest du das?«

»Schön.«

Auf dem Weg zur Tür stellte Kara den Fernseher auf der Kommode an und schaltete die Nachrichten ein. Als sie sich einmal umdrehte, bemerkte sie das traurige, schmerzverzerrte Lächeln ihrer Mutter.

Es war nicht gerecht. Als sie die Treppe hinunterlief, schlug sie mit der Faust gegen die blau gestrichene Wand. Das hatte ihre Mutter nicht verdient. Gerade sie hatte einen solchen Tod nicht verdient.

Kara blinzelte gegen die Tränen an, die ihren Blick plötzlich verschleierten. In ein paar Wochen würde sie ganz allein sein. Verwaist.

Konnte man mit siebenundzwanzig Jahren noch davon sprechen, verwaist zu sein?

Während Kara oben gewesen war, war die Sonne untergegangen – das alte Bauernhaus lag nun im Dunkeln. Doch sie war in diesem Haus aufgewachsen, hatte ihr ganzes Leben hier verbracht und fand sich deshalb auch blind zurecht.

Sie trat in die dunkle Küche und … erstarrte.

Vor dem grauen Licht, das durch das rückwärtige Fenster in den Raum fiel, zeichnete sich die Silhouette eines Mannes ab, der … im Haus stand.

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Ihr Magen verkrampfte sich vor Angst, auch wenn ihr Verstand schrie: Es ist nur ein Nachbar. Aber als sie dann das Neonlicht einschaltete, trug der Anblick, der sich bot, nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei.

Dieser Mann war ein Hüne, weit über eins achtzig groß, hatte breite Schultern und kräftige Muskeln. Die gelblich braunen, gelockten Haare hingen ihm bis auf die Schultern und umrahmten das markante Gesicht mit den kühlen, bernsteinfarbenen Augen. Selbst wenn sie nicht jeden Farmer im Umkreis von zehn Meilen gekannt hätte, wäre ihr doch klar gewesen, dass dieser Mann mit seiner eleganten Hose und dem teuer wirkenden Hemd unmöglich einer der hiesigen Landwirte sein konnte. Zudem wirkte er Furcht einflößend und war ihr vollkommen fremd.

»Was wollen Sie?«, presste sie atemlos hervor. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Ihr Verstand schrie ihr zu: Lauf sofort weg! Aber sie konnte nicht. Nicht, wenn ihre Mutter da oben vollkommen hilflos lag. Mit klopfendem Herzen nahm sie all ihren Mut zusammen, richtete sich zu voller Größe auf und reckte trotzig das Kinn vor.

»Verlassen Sie mein Haus.«

Der Mann hob eine gelbbraune Braue. »Machen Sie Ihre rechte Brust frei.«

Kara starrte ihn an, während die Bedeutung seiner Worte ihren Puls derartig in die Höhe trieb, dass das Blut in ihren Ohren rauschte.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, verdrehte der Fremde mit einem entnervten Stöhnen die Augen. »Ich werde Ihnen nichts tun.«

Kara lachte erstickt. »Natürlich nicht. Sie wollen nur meine … Brust sehen, und dann gehen Sie.«

»Ja. So ungefähr.«

Sie betrachtete ihn, während sie verzweifelt versuchte, sich einen Plan auszudenken. Wenigstens irgendeinen Plan.

Der Mann kam auf sie zu. Kara tastete nach dem Messerblock, doch als sie die Finger um den Griff eines kleinen Gemüsemessers schloss, hatte der Fremde sie bereits mit einem langen Schritt erreicht. Er zog sie grob an sich, sodass ihr Gesicht an seiner Brust ruhte, umklammerte mit seiner riesigen Pranke ihr Handgelenk und hielt sie fest.

Sie unterdrückte einen Schrei und wehrte sich gegen seinen eisernen Griff. Doch sie war so wehrlos wie eine Fliege in einem Spinnennetz. Er war einfach zu stark. Kara versuchte ihn zu treten, ihn mit dem Knie zu stoßen – doch er war ein ganzes Stück größer, drückte sie gegen die Arbeitsplatte und presste seine Hüften fest gegen ihre.

Wie ein Blitz schoss es ihr auf einmal durch den Kopf. Er würde sie jetzt vergewaltigen und gleich darauf ermorden.

Ihr Puls verlangsamte sich, und als hätte man in ihrem Kopf ein Ventil geöffnet, verflüchtigte sich der Schrecken. Selbst ihr flaches, verzweifeltes Atmen beruhigte sich, als hätte sie plötzlich und aus unerfindlichen Gründen ihre Angst vor diesem riesigen Mann verloren.

Er löste das Messer aus ihrer Hand und schob es in den Messerblock zurück. »Das bin ich. Ich … beruhige Sie.«

Genau so fühlte es sich tatsächlich an. Eine seltsame, unnatürliche Ruhe senkte sich über sie, als bändigte eine unsichtbare Hand ihre Angst.

»Wie?« Obwohl sich das Wort in ihrem Kopf unglaubwürdig anhörte, klang ihre Stimme schlicht neugierig.

Es war … nicht richtig – so. Wie konnte er sie denn auf diese Art kontrollieren? Das durfte doch nicht sein. Ihr Pulsschlag wollte sich bei diesem Gedanken beschleunigen, wurde jedoch fast augenblicklich besänftigt und beruhigte sich dann.

»Hören Sie damit auf.« Sie musste einfach Angst vor ihm haben. Er überwältigte sie mit seiner Nähe, mit dem natürlichen Geruch von Wind und Erde und dieser puren, rohen Männlichkeit. Das berauschende Aroma erregte und lockte sie, brachte ihr Blut in Wallung. Sie erschrak, als sie das begriff.

»Lassen Sie mich los!«

»Ich werde dir nichts tun. Ich muss bloß herausfinden, ob du diejenige bist, die ich suche.«

»Die bin ich ganz bestimmt nicht.«

Er wich etwas von ihr weg und trat einen Schritt zurück, hielt jedoch weiterhin ihr Handgelenk fest. Sie fühlte sich vollkommen leidenschaftslos und beobachtete beinahe ohne Teilnahme, wie er mit der freien Hand nach ihr griff. Sie spürte, wie er mit dem Finger über ihr Dekolleté strich, ihn in den tiefen Ausschnitt ihres T-Shirts schob und es herunterzog.

Seine Augen leuchteten, während er mit seinem Daumen über die Haut oberhalb des Spitzenbesatzes ihres BHs strich und dann auch über diese seltsamen Streifen, die sie zum ersten Mal um Weihnachten herum bemerkt hatte. Dann presste er seine wohlgeformten Lippen fest zusammen.

Sein sinnlicher Mund faszinierte sie, und so blieb ihr Blick an ihm hängen. Ein verstörendes Gefühl durchströmte sie, ein Gefühl, das sie bislang sorgfältig kontrolliert hatte, das gefangen gewesen war – wie jetzt ihr ganzer Körper. Das war Lust. Ein köstliches Feuer brannte auf ihrer Haut, breitete sich tief in den Eingeweiden aus und drang bis in ihr Innerstes vor.

Er ließ ihr T-Shirt los, als hätte er sich verbrannt, und sah ihr dann mit einem kühlen, undurchdringlichen Blick in die Augen. »Du bist die Strahlende.«

»Wer bin ich?« Sie starrte ihn an und versuchte seinen Worten einen Sinn zu geben. All dem hier, das ihr gerade passierte. »Was … was wollen Sie von mir?«

Seine Augen glühten beinahe vor Entschlossenheit, und ihr Herz hätte zweifellos schneller geschlagen, wenn er ihre Gefühle nicht so gut kontrolliert hätte. Er schob seine raue, schwielige Hand unter ihr Kinn, doch als er mit dem Zeigefinger auf eine Stelle direkt unter ihrem Ohr glitt, fühlte es sich durchaus zärtlich an.

»Was wollen Sie?«

»Dich.«

Der plötzlich so heftige Druck unter ihrem Ohr schaltete erst ihr Sehvermögen und dann ihr ganzes Bewusstsein aus. Kara taumelte in den dunklen, schwarzen Abgrund der Ohnmacht.

 

2

Als Lyon die bewusstlose Strahlende fest an sich presste und hinaus zu seinem BMW trug, prasselte der Regen heftig auf ihn nieder. Er wollte sie schützen und verstärkte seinen Griff um ihren Leib noch.

Er verfluchte seinen Spürsinn und die Verbindung, die zwischen ihm und den Auserwählten bestand. Eben diese Verbindung war vermutlich der Grund dafür, dass er sich vom ersten Augenblick an zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Obwohl noch keine Strahlende jemals eine solche Wirkung auf ihn gehabt hatte. Er versuchte, das Gefühl zu ignorieren und sich zu konzentrieren, doch selbst im Regen trieb ihm ihr Geruch, ein süßer Duft von reifem Pfirsich, noch das Blut in die Lenden.

Als er sie auf die Rückbank legte, glitzerten im Schein der Innenbeleuchtung die Regentropfen auf ihren Wangen; ihr makelloser Teint und ihr entzückender Mund zogen seinen Blick wie magnetisch an. Sie besaß die Frische eines einfachen Mädchens. Das gefiel ihm. Mit ihrem blonden Pferdeschwanz und dem etwas schiefen Eckzahn wirkte sie weniger schön als … vielmehr süß. Liebreizend. Sie war vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber doch eindeutig anziehend.

Als er sie dann losließ, fielen ihre feuchten Haare wie Seide über seine Hand, was seine Lust erweckte. Leise schnaufte er. Wenn er nicht bald einen Weg fand, das unselige Verlangen zu dämpfen, das er jedes Mal empfand, wenn er sie berührte, standen ihm ein paar schlimme Tage bevor. Er schlug die Tür zu, glitt auf den Fahrersitz und startete den Wagen.

Auf den Seitenstreifen rechts und links neben der zweispurigen Straße, die an ein paar Nachtclubs und Schnellrestaurants vorbei durch das Zentrum der Kleinstadt in Missouri führte, parkten Wagen. Während Lyon in östlicher Richtung zum Highway fuhr, der sie zurück nach Hause – also nach Great Falls in Virginia – bringen würde, glitten die Scheibenwischer in regelmäßigem Tempo über das Glas der Windschutzscheibe.

Als er hinter sich ein weibliches Stöhnen hörte, verkrampften sich seine Nackenmuskeln. Eigentlich hätte sie noch nicht aufwachen dürfen. Der Druck, den er auf ihre Hauptschlagader ausgeübt hatte, hätte sie wenigstens ein paar Stunden ausschalten sollen, und bisher waren kaum zehn Minuten vergangen.

Diese Frau war kräftiger, als er gedacht hatte.

Lyon sah im Rückspiegel, wie sie sich aufrichtete und sich ein wenig benommen eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

»Wo bin ich?« Im nächsten Moment sah er, wie ihre Erinnerung einsetzte. Sie wirkte angespannt, und ihre Augen weiteten sich beunruhigt. »Bringen Sie mich sofort zurück!«

»Beruhige dich, Strahlende. Ich bringe dich nach Hause. Ich weiß zwar nicht, wie du hierhergekommen bist, aber du bist von der Göttin gezeichnet.«

Sie beugte sich zwischen den Vordersitzen nach vorn. »Sie fahren in die falsche Richtung. Bringen Sie mich zurück!«

»Dein Leben hier ist zu Ende.«

»Sie Idiot. Sie stirbt doch!«

Sie setzte sich zurück … oder zumindest dachte er das, bis ihre Hand an seinem Gesicht vorbeischoss, ins Steuerrad griff und es heftig nach rechts riss, während sie gerade an einer Reihe parkender Wagen vorbeifuhren.

Lyon lenkte hastig dagegen, doch es war zu spät. Der Wagen krachte auf einen Toyota, der Airbag ging auf, schleuderte Lyon zurück und nahm ihm für einen Moment die Orientierung. Als er wieder bei Sinnen war, fuhr er herum und starrte … auf eine leere Rückbank. Eine Bö feuchter, eisiger Luft wehte durch die offene Tür herein.

»Mick, ich brauch mal deine Schlüssel!«

Als er die Stimme der Frau hörte, drehte sich Lyon wieder nach vorn und sah, wie die Strahlende auf der anderen Straßenseite in einen alten blauen Pick-up sprang. Bevor er sich von dem aufgeblähten Airbag befreien konnte, fuhr der Transporter mit quietschenden Reifen los und ließ zwei amüsierte junge Männer zurück.

Verdammt und zugenäht.

Lyon versuchte zurückzusetzen, doch die Stoßstange seines BMW hatte sich mit der des Toyota verhakt. Fluchend stieß er die Wagentür auf und sprang wütend und verzweifelt hinaus, während die beiden Männer über die Straße schlenderten, um den Schaden zu begutachten.

»Wenn Jerry sieht, was Sie da mit seinem Wagen gemacht haben, wird er aber ganz schön sauer sein.«

»Jerry wird schon darüber hinwegkommen«, zischte Lyon und hob die Schnauze des BMW so an, dass sich die Stoßstangen voneinander lösten.

»He, du bist ja …!« Einer der Männer lachte beeindruckt. »Ein richtiger Superman, was?«

»Ja, klar.« Lyon stieg in den Wagen zurück, schob den Airbag zur Seite, wendete mit quietschenden Reifen und fuhr noch einmal in Richtung des Farmhauses. Er umklammerte das Lenkrad so wütend, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Was war bloß mit ihr los? Jede weibliche Therianerin träumte doch davon, mit dem Zeichen der Auserwählten auf der Brust zu erwachen und unter den Kriegern ihren wahren Partner zu finden. Doch diese hier musste schon über den halben Kontinent geflohen sein und lief immer noch vor ihrem Schicksal davon.

Er dachte an Vhypers Worte. Ich frage mich, ob sie überhaupt weiß, was das Zeichen bedeutet. War es denn möglich, dass sie gar nicht wusste, dass sie eine Therianerin war?

Heilige Göttin! Das würde einiges erklären. Zum Beispiel, warum sie bei seinem Anblick Angst bekommen hatte und geflohen war.

Lautstark stieß Lyon die Luft aus. Er hatte gedacht, dass er es mit einer zurückhaltenden Strahlenden zu tun hatte oder zumindest mit einer Therianerin, die ihrem Volk bewusst den Rücken gekehrt hatte. Jetzt jedoch musste er auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass sie sich für einen ganz gewöhnlichen Menschen hielt.

Während er in die Einfahrt zu dem gelben Farmhaus einbog, das mit Schindeln gedeckt war, und hinter dem alten Lieferwagen parkte, wog er ab, welches wohl der beste Weg wäre, die Frau aus der menschlichen Welt herauszulösen. Jedenfalls reichte die Zeit nicht, um abzuwarten, bis sie freiwillig mitkäme.

Als er die Wagentür öffnete und in den Regen hinaustrat, ertönte hinter dem Haus ein Schrei.

»Mom?« Die Panik in der Stimme der Strahlenden berührte ihn tief. »Mom!«

Lyon rannte los; der Regen prasselte in sein Gesicht, durchnässte sein Haar und seine Kleidung. Als er an der Ecke des Hauses ankam, sah er, dass sie in dem nassen Gras neben einer schmalen, gebrechlichen Frau kniete. In dem Lichtkegel, der aus der offenen Hintertür fiel, wirkte das durchnässte weiße Nachthemd, das an ihrem ausgemergelten Körper klebte, wie eine zweite Haut.

Weinend und vollkommen aufgelöst versuchte die Auserwählte vergeblich, die Frau hochzuheben. Selbst eine Strahlende, die noch nicht inthronisiert war, musste über doppelt so viel Kraft verfügen wie ein Mensch, denn sie hatte doch schon über Jahre die Energie anderer Therianer in sich aufgenommen. Aber diese hier hatte überhaupt keine Kraft – was ein sicheres Zeichen dafür war, dass sie den Großteil ihres Lebens oder vielleicht sogar ihre ganze bisherige Existenz von ihrem Volk getrennt gewesen sein musste. Die auserwählte Strahlende der Krieger war höchstwahrscheinlich als ein vollkommen ahnungsloser Mensch aufgewachsen.

Verdammt!

Als er sich ihr näherte, knackte ein Ast unter seinen Stiefeln, und sie starrte ihn mit einem wilden, hasserfüllten Blick an.

»Meine Mutter muss uns in der Küche gehört haben. Sie hat versucht, mir hinterherzulaufen. Sie haben sie umgebracht!« In dem kühlen Regen umgaben sie ihre Gefühle wie eine Aura aus grellem Feuer.

»Sie ist nicht tot.« Als er neben sie trat, machten seine Stiefel in dem matschigen Gras ein saugendes Geräusch. »Ich kann ihre Lebenskraft spüren.« Allerdings nur sehr schwach. Das Leben dieser Frau hing an einem seidenen Faden. »Sie ist ein Mensch. Sie kann nicht deine Mutter sein.«

Die Strahlende lachte ungläubig. »Sie sind ja vollkommen verrückt, wissen Sie das? Verschwinden Sie bloß von hier.«

»Strahlende …«

»Und nennen Sie mich nicht so!«

»Ich wüsste nicht, wie ich dich sonst nennen sollte.« Lyon schob sich die triefenden Haare aus dem Gesicht. Er wusste selbst, dass er sich ungeschickt verhielt. Er war nicht der richtige Typ, sie zu überreden, zurück in die Gemeinde zu kommen. Tighe würde es mit Charme versuchen. Vhyper mit Humor.

Lyon verfügte nicht über diplomatische oder gar zärtliche Mittel, mit denen er sich dieser Frau hätte nähern können. Oder überhaupt … irgendeiner Frau. Er war einfach der Anführer. Der Boss. Sie sollte tun, was er ihr sagte.

»Ich bin Kara. Aber …« Ihre Wut verblasste, und Tränen stiegen ihr in die Augen. »Helfen Sie mir! Bitte. Wenn ich sie nicht wieder ins Haus bringen kann, wird sie hier draußen sterben. Ich gebe Ihnen, was immer Sie wollen. Nur helfen Sie mir, sie zu retten. Hilf mir!«

Ihre Bitte, die sie mit vor Verzweiflung bebender Stimme vortrug, brachte seinen Entschluss ins Wanken. Er wusste, welchen Schaden er anrichtete – vielmehr bereits angerichtet hatte –, indem er ständig versuchte, sie mit dem Feingefühl eines randalierenden Berserkers aus ihrer menschlichen Welt zu reißen. Deshalb hatte er ein schlechtes Gewissen.

*

Kara stolperte die regennassen, glatten Stufen zur Hintertür hinauf. Als sie sich über ihre Schulter zu dem Fremden umsah, der mit ihrer Mutter folgte, hämmerte ihr Herzschlag laut in den Ohren. Sie war verzweifelt, und es lag eine schreckliche Ironie darin, dass ausgerechnet dieser Entführer der Einzige sein sollte, der ihre Mutter vor dem sicheren Tod hier draußen im Regen retten konnte.

Sie hielt ihm die Tür auf und lief dann zum Telefon. »Ich muss einen Krankenwagen rufen.«

»Kara …« Die schwache Stimme ihrer Mutter drang an ihre Ohren. »Nicht. Die Ärzte … können nichts mehr für mich tun.«

Ein plötzlicher Donnerschlag ließ die Fenster klirren; das Licht erlosch und tauchte alles in vollkommene Dunkelheit. Das Funktelefon in ihrer Hand war ebenfalls tot. In einem Anflug hilfloser Wut schlug Kara das Telefon auf den Tisch. Ohne Strom saßen sie hier fest. Mobiltelefone hatten hier draußen noch nie Empfang gehabt, und der nächste Nachbar wohnte fast eine Viertelmeile von ihnen entfernt.

»Trag sie zu dem Wagen. Ich bringe sie ins Krankenhaus.«

»Nein … Kara.« So schwach die Stimme ihrer Mutter auch klang, so entschlossen war sie doch. »Ich bleibe hier.«

Vor Verzweiflung hätte Kara am liebsten geschrien, doch stattdessen durchwühlte sie die Schubladen, bis sie ein paar Taschenlampen gefunden hatte. Wenn sie hierblieben, brauchte sie für ihre Mutter Decken und Handtücher, trockene Kleidung und vielleicht etwas heißen Tee, um sie von innen zu wärmen. Kara weigerte sich, sie an dieser albernen Bagatelle sterben zu lassen. Daran bitte nicht.

Sie schaltete die Taschenlampen an und richtete die beiden Lichtkegel auf den großen Mann, der selber ganz durchnässt war und ihre Mutter erstaunlich behutsam in den Armen hielt. Seine Miene blieb verschlossen, doch er wirkte nicht mehr so kühl und bedrohlich wie vorhin. Dass er ein kleines bisschen freundlicher aussah, änderte jedoch nichts daran, dass sie ihm gegenüber äußerst wachsam blieb. Allerdings galt ihre ganze Sorge jetzt ihrer Mutter.

Kara ging zum Wohnzimmer und bedeutete dem Fremden mit dem Winken einer Lampe, ihr zu folgen. »Bring sie zum Sofa.« Sie legte eine Lampe auf den Kaffeetisch und ging mit der anderen zu dem Wäscheschrank im Untergeschoss, um ein paar Decken zu holen.

Dann eilte sie zurück und bedeckte ihre durchnässte, vor Kälte zitternde Mutter von oben bis unten mit einer Decke, danach nahm sie ein Handtuch, sank neben dem Sofa auf die Knie und tupfte das Gesicht ihrer Mutter damit ab. Sie versuchte den Fremden, der wie ein grimmiger Sensenmann hinter ihr aufragte, nicht weiter zu beachten.

»Du bist kein Mensch, Kara«, sagte er. »Du bist Therianerin und als unsere Auserwählte gekennzeichnet.«

Seine Worte hallten in ihr wie die falschen Töne in einem Lied wider. Dieser Mann war ohne jeden Zweifel verrückt, aber solange er sie in Ruhe ließ und sie sich um ihre Mutter kümmern konnte, sollte er diese merkwürdige Leier ruhig so oft wiederholen, wie er wollte.

»Du glaubst, dass du hierhergehörst«, fuhr der Mann mit einer tiefen, angenehmen Brummstimme fort, die in einem so merkwürdigen Gegensatz zu seinen absurden Worten stand. »Aber das stimmt nicht.«

Die Lider ihrer Mutter flatterten, sie sah den Fremden an, und aus ihren schmerzerfüllten Augen sprach Erleichterung.

»Hör auf«, zischte Kara und wandte sich von ihm ab. »Was ist bloß mit dir los?«

»Du musst die Wahrheit erfahren.«

Kara kehrte ihm den Rücken zu, doch er trat neben sie. »Sag es ihr.«

»Was soll ich ihr sagen?« Doch als Kara den Blick zu ihm hob, stellte sie fest, dass er nicht sie, sondern ihre Mutter ansah.

»Sie verdient es, endlich die Wahrheit zu erfahren«, erklärte er.

Kara stand auf. Ihre Beine fühlten sich wie Gummi an, aber ihre Wut war stärker als ihre Furcht. Sie starrte ihm in die Augen. »Lass sie gefälligst in Ruhe! Deinetwegen hat sie heute Nacht schon genug gelitten.« Trotz ihrer Wut erschien es ihr irgendwie ganz natürlich, ihn ebenfalls mit du anzusprechen.

Ein Anflug von Bedauern wärmte den Blick seiner bernsteinfarbenen Augen. »Es tut mir leid, aber ihre Zeit auf dieser Welt ist beinahe vorüber. Deine hat gerade erst begonnen. Und du musst die Wahrheit erfahren.«

»Welche Wahrheit?«

»Dass du nicht ihre Tochter bist.«

»Natürlich bin ich ihre Tochter.« Doch als sie sich auf der Suche nach Bestätigung zu ihrer Mutter umdrehte, bemerkte sie Tränen in den Augen der alten Frau. Und ihr Blick wirkte irgendwie … schuldbewusst.

Neben dem Sofa sank Kara auf die Knie und ergriff die eisige Hand ihrer Mutter. »Ich bin doch deine Tochter. Natürlich bin ich das.«

Tränen flossen über die kreidebleichen Wangen ihrer Mutter; ihr Körper hatte aufgehört zu zittern. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf … und nur ein einziges Wort kam über ihre Lippen.

»Nein.«

»Mom? Was sagst du da?« Eine Kälte, die nichts mit dem Wetter und der Nässe auf ihrer Haut zu tun hatte, trieb ihr eine Gänsehaut über die Arme. Das stimmte doch nicht. Es konnte einfach nicht stimmen.

Aber plötzlich begriff sie. Kara wandte ihren wütenden Blick dem Fremden zu. »Du hast das getan. Du manipulierst sie, genauso wie du mich auch schon manipuliert hast.«

Er schüttelte den Kopf. Die nassen Locken strichen über seine Schultern. »Du irrst dich. Ich habe nur den Fehler begangen, dich schon mitzunehmen, als sie dich noch gebraucht hat.«

»Ich glaube dir nicht.«

Sein Blick fiel auf das Sofa hinter ihr – und aus seinen Augen sprach Erschrecken. »Strahlende. Kara. Sie ist tot. Es tut mir leid.«

Bei seinen Worten zuckte Kara zusammen und wandte sich zu ihrer Mutter um, die unbeweglich dalag …

»Mom?«

Verzweifelt umfasste sie das dürre Handgelenk ihrer Mutter und suchte den Puls, doch sie fand keinen. »Mom?«

Es war vorbei. Einfach so. Sie war tot.

»Nein, Mom, nein.« Die Tränen schnürten ihr den Hals zu, und sie würgte, während sie erneut neben dem Sofa auf die Knie sank und die kühle Haut auf den papierenen Wangen berührte. »Bitte, geh nicht. Verlass mich nicht.« Vor Kummer schluchzte sie; dann ließ sie den Kopf auf die früher so starke Brust sinken, an der sie über die Jahre hinweg so viele Tränen vergossen hatte. »Ich brauche dich doch.«

Sie versank in einer Woge des Unglücks, so tief, dass sie schon fürchtete, nie mehr daraus auftauchen zu können. Sie bemerkte die Hand auf ihrer Schulter erst, als das Gewicht, das ihr Herz zu erdrücken drohte, etwas leichter wurde und sie wieder Luft bekam.

Er versuchte ihr den Kummer zu nehmen, wie er ihr zuvor die Angst genommen hatte.

In einem Anfall rasender Wut sprang Kara auf. »Lass mich in Ruhe! Sie ist tot, du Ungeheuer, und das ist deine Schuld.«

Ohne nachzudenken und ohne sich darum zu scheren, dass er so groß war und sie mit dem kleinen Finger hätte umstoßen können, stürzte sie sich auf den Mann und hämmerte mit den Fäusten gegen seine kräftige Brust. Doch er rührte sich nicht. Er ließ die Schläge über sich ergehen, versuchte nicht, sich zu verteidigen, und rührte sie nicht einmal an.

Schließlich beruhigte sie sich wieder und ließ erschöpft von ihm ab. Sie fühlte sich, als wäre sie diejenige, die geschlagen worden wäre, und nicht die, die Schläge ausgeteilt hatte. Doch bevor sie zurückweichen konnte, packte er sie und schob sie hinter sich.

»Mist!«, stieß er atemlos hervor, während er zwei Messer aus seinen Stiefeln riss und sie schützend vor sich hielt.

Dieser Mann war ja vollkommen unzurechnungsfähig …

Aber als sie sich hinter seinem breiten Rücken vorbeugte und sah, was durch das Fenster auf sie zuschoss – durch das geschlossene Fenster, änderte sie ihre Meinung.

Ein Schrei blieb ihr im Halse stecken.

*

Drader.

Lyon verlagerte sein Gewicht auf die Ballen und hielt die Messer zum Angriff bereit, als ein Dutzend dieser Furien direkt auf ihn zuflog. Ihre Körper waren kaum mehr als dichte Gaswolken, die einen widerlichen Kopf zu tragen schienen, der wie ein geschmolzenes Menschengesicht aussah. Er hatte nur einen Gedanken. Er musste die Strahlende vor diesen Monstern beschützen! Sie würden ihr die Lebenskraft rauben, so wie die Krankheit sie jener Frau beraubt hatte, von der sie aufgezogen worden war.

»Was ist das?« Karas Angst schwappte wie eine eiskalte Welle über ihn hinweg.

»Bleib hinter mir.« Er hatte keine Zeit mehr, noch etwas zu sagen, denn der Feind war schon bei ihm. Lyon wich ihren Reißzähnen aus, stach dann präzise in ihre gasförmigen Leiber und schnitt ihnen das Herz heraus. Eins, zwei, drei …

Der vierte Drader griff von hinten in seine Haare, während sich der fünfte auf seinen Hals stürzte.

Und der sechste …

Lyon hörte einen durchdringenden Schrei und fuhr herum, da hingen noch zwei Drader an ihm. Der sechste stürzte sich auf die Strahlende und begegnete ihrer geballten Faust. Kara schrie vor Schmerz, als ihre Hand zwischen seinen Zähnen verschwand, die so scharf wie Rasierklingen waren. Ihre Blicke trafen sich, sie hatte die Augen vor Panik weit aufgerissen.

»Nimm das Herz!« Lyon kämpfte mit den Kreaturen, die in seinem Nacken und an seinem Kopf hingen, und versuchte trotzdem verzweifelt, ihr zu helfen. Er hatte sechs Monate gebraucht, um sie zu finden. Er wollte verdammt sein, wenn er sie ausgerechnet jetzt verlor.

 

3

Während Kara gegen das Ungeheuer kämpfte, wurde sie von Panik ergriffen und spürte einen heftigen Schmerz an ihrer Hand und ihrem Körper. Mit der freien Hand schlug sie auf den gallertartigen Kopf des Wesens ein und versuchte die andere Hand aus seinem widerlichen Maul zu befreien.

Ihr war, als hielte sie die Hand in ein offenes Feuer. Der Schmerz zog sich bis in ihren Arm hinauf. Das Wesen wollte sie in sich hineinsaugen. Sie spürte, wie es an ihr zog, um sie mit Haut und Haaren zu verschlingen. Der Schock raubte ihr beinahe den Atem.

»Reiß ihm das Herz heraus!« Die Worte des Mannes drangen wie von sehr weit her durch den Nebel, der ihren Kopf ausfüllte, bis in ihr Bewusstsein vor.

Sein Herz. Sein Herz? Wie konnte denn ein so konturloser Körper ein Herz haben? Dennoch … als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, griff sie mit der freien Hand in den geisterhaften Körper und umfasste einen pulsierenden Klumpen des Gewebes. Oh Gott! Mit einem heftigen Ruck löste sich das Wesen in eine Rauchwolke auf und gab ihre zerfetzte Hand frei. Zwischen den blutigen Hautfetzen schimmerte der Knochen hindurch.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Die Beine versagten ihr den Dienst, dann brach sie auf dem Boden über ihrer verletzten Hand zusammen. Sie schrie, weinte und zitterte, ihr gesamter Körper bebte vor Schmerz, vor Unglauben und Schock.

Sie konnte nicht mehr denken. Sie weigerte sich, über das nachzudenken, was sie soeben erlebt hatte. Über alles, was gerade geschehen war. Die Welt schien vollkommen aus den Fugen geraten zu sein.

Und es war kalt. So entsetzlich kalt.

Ihre Mom war tot.

»Strahlende.« Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie sich der hünenhafte Fremde neben ihr auf dem Boden niederließ, sich mit dem Rücken an das Bett lehnte und die Beine von sich streckte. »Zeig mir deine Hand.«

»Schon gut, mir geht es gut.« Die Worte kamen aus ihrem Mund, ohne dass sie genau wusste, was sie sagte. Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Sie klang so kühl.

Sie fühlte, wie eine warme, schwielige Hand erst über ihre Wange und dann über ihren Kiefer strich und ein langer Finger unter ihr Ohr glitt, genau wie vorhin, kurz bevor sie das Bewusstsein verloren hatte.

»Tu es«, flüsterte sie. »Schalt mich aus.«

»Du willst flüchten.«

»Ich kann … das nicht.« Tränen brannten in ihren Augen und liefen über ihre Wangen hinab. Der Schmerz in ihrer Hand war beinahe so stark wie der in ihrer Brust, doch der Kummer wirkte noch wesentlich schlimmer, denn er ging viel tiefer. »Es tut so weh.«

Heftig stieß der Mann die Luft aus. »Wenn ich dafür sorge, dass du bewusstlos wirst, verschwindet der Schmerz nicht.« Langsam zog er die Hand zurück. »Ich kann ihn dir nicht ganz nehmen, aber ich kann dir helfen. Das wenigstens bin ich dir schuldig.«

Er strich mit der Hand über ihre Haare und umfasste ihren Nacken. Doch statt dass der Schmerz nachließ, empfand sie das Unglück noch hundertmal stärker als zuvor.

»Oh Gott! Oh Gott!«

»Ruhig, kleine Strahlende. Ich musste deinen Widerstand brechen, um an deine wahren Gefühle zu kommen. Gib mir eine Minute.«

Der Kummer strömte wie ein Gift durch ihren Körper, ließ ihre Muskeln verkrampfen, als würde sie in der Mitte durchbrechen. »Ich kann das nicht. Ich kann nicht …«

Ganz plötzlich ließ der Schmerz nach, und sie vermochte doch wieder durchzuatmen. Kurz darauf wurde auch ihr Kummer schwächer, als hätte sie bereits Wochen oder Monate und nicht erst Minuten damit gelebt. Er war weniger intensiv, weniger schneidend. In ihrem Kopf legten sich die Angst und Verwirrung. Nur ihre Hand schmerzte nach wie vor.

Kara hob den Blick zu ihm und sah in seine rätselhaften Augen, die in einem warmen Gelbton schimmerten. »Wie machst du das? Bist du so eine Art … Heiler?«

»Es ist nur eine … Fertigkeit.«

Sie starrte ihn an, sah ihm in die Augen, musterte seine harten Gesichtszüge. Er war unbestreitbar faszinierend. Seine Miene wirkte weiterhin kühl, vielleicht sogar wachsam, aber der Blick seiner Augen schien doch ein wenig aufgetaut zu sein.

»Wie heißt du?«

»Lyon.«

»Ist das dein Vor- oder dein Nachname?«

»Laut Führerschein ist es mein Nachname. Aber nur Menschen nennen sich mit dem Vornamen.«

Hastig wandte sie den Blick ab, als es sie kalt überlief. Doch eine nach der anderen verebbten die Wogen, und dies nur durch die Berührung des Mannes. Nur Menschen. Das klang, als wäre er selbst keiner, kein Mensch …

Schlagartig wurde ihr klar, dass er auch tatsächlich keiner war. Eine Erkenntnis, die ihr den Atem raubte. Er besaß diese merkwürdigen Fähigkeiten …

Sie senkte den Kopf und drückte die Stirn auf ihre hochgezogenen Knie. »Ich ertrage das alles nicht.«

Auf eine seltsam zärtliche Weise strich er mit dem Daumen ihren Nacken hinunter und wieder hinauf. »Du kannst es ertragen. Jede Frau, die den Mut und die Geistesgegenwart aufbringt, einen Drader umzubringen, wenn sie das erste Mal einem begegnet, kann auch ein Bröckchen von der Wahrheit ertragen.«

Kara lachte, doch es klang eher hysterisch als belustigt. »Ein Bröckchen?« Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Du bist doch nicht verrückt, oder? Dieses ganze Gerede über andere Wesen … ist wahr.«

»Ja.«

»Du bist kein Mensch.«

»Nein. Und du auch nicht.«

Irgendwie hatte sie das gewusst. Sie hatte schon immer gespürt, dass sie nicht normal war. Ihre Schrammen heilten viel zu schnell, und sie war niemals krank. Sie hatte in all den siebenundzwanzig Jahren noch nicht ein einziges Mal Fieber gehabt. Hatte die Mutter deshalb die Ärzte niemals in ihre Nähe gelassen?

Hatte sie es denn gewusst?

»Was sind wir? Außerirdische?«

Der Mann lächelte; es war zwar ein etwas gequältes, dabei aber überaus charmantes Lächeln, das nur einen winzigen Augenblick anhielt – und das sie beinahe verpasst hätte. Doch für ganz kurze Zeit hatte dieses Lächeln sein Gesicht verändert.

»Wir sind Therianer. Eine Art, die der menschlichen ähnlich, aber deutlich robuster ist. Wir altern nicht, und unsere Wunden heilen äußerst schnell.«

»Sind wir unsterblich?«

»Im Vergleich zu den Menschen … schon. Zumindest fast. Wir können zwar sterben – so wie jedes andere Lebewesen auch –, aber wir sind doch nicht so leicht umzubringen.«

Jede Menge Fragen schossen ihr durch den Kopf. Ihr Herz zog sich vor Angst zusammen, doch Lyon hielt ihre Gefühle durch seine Berührung unter Kontrolle.

»Es gibt keinen Grund zur Aufregung, kleine Strahlende.«

»Warum nennst du mich Strahlende?«

»Du ziehst die Energie der Erde an und bündelst sie. Durch dich erhält unser Volk neue Kraft.«

»Das verstehe ich nicht.« Sie schloss die Augen und schüttelte dabei den Kopf. »Doch es ist mir auch egal. Ich will nicht eure Strahlende sein.«

Der bloße Gedanke, dass sie irgendeine unsterbliche Auserwählte sein könnte, war schon an sich vollkommen absurd. Sie war schlicht und einfach die Vorschullehrerin Kara MacAllister. Eine Frau von durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlicher körperlicher Leistungsfähigkeit. Sie war in so vielerlei Hinsicht durchschnittlich, dass in einem Wörterbuch eigentlich ihr Bild zur Illustration hinter diesem Wort abgebildet sein müsste.

»Ich kann unmöglich diejenige sein, nach der ihr sucht. Da muss es sich einfach um ein Missverständnis handeln.«

Sie krümmte sich noch stärker zusammen und drückte dabei versehentlich ihre Hand. Eine Welle frischen Schmerzes trieb ihr die Tränen in die Augen.

»Ich muss diese Verletzung heilen, Kara.«

»Sie heilt von allein.«

»Nein. Das wird sie nicht. Eine Wunde, die von einem Drader verursacht wurde, ist etwas anderes. Lass mich deine Hand ansehen.« Er schob seinen Daumen unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht. »Ich werde dir nicht wehtun.«

Sie glaubte ihm, obwohl sie vermutete, dass er ihr ein Gefühl des Vertrauens aufzwang, während er ihr andere Gefühle nahm. Als sie ihre Hand von ihrem Körper löste, explodierte der Schmerz förmlich. Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie lautstark Luft ein.

Lyon ergriff ihr Handgelenk und führte die verstümmelte Hand zu seinem Mund.

Sie sah ihn ungläubig an. »Durch Küsse wird es sicher nicht besser.« Auch wenn ihre Vorschulkinder etwas anderes glaubten.

Ihre Worte schienen ihn zu amüsieren. »Ich heile dich mit meiner Zunge.«

»Deiner … huh!« Sie rang nach Luft, als ihr schmerzender Daumen in einen Kokon aus warmer Seide glitt. Seine samtene Zunge strich über ihre Haut, linderte den Schmerz und trieb gleichzeitig heiße Schauer durch ihren Leib.

Verblüfft riss sie die Augen auf, da sie spürte, wie ihr Körper reagierte. Vor Lust atmete sie schneller. Es war eine Lust, die sie nicht empfinden sollte – und auch gar nicht empfinden wollte.

Als er ihren Daumen losließ und einen Finger nach dem anderen in den Mund nahm, beobachtete er sie mit einem scharfen Blick. Er heilte die Haut, linderte den Schmerz und hüllte sie gleichzeitig in ein Netz unendlicher Lust. Als ihre Finger schließlich geheilt waren, hob er ihren Handrücken an seinen Mund und strich mit der warmen Zunge über die Schnittwunden, bis nur noch der Schmerz von den groben Verletzungen in ihrer Handfläche übrig war.

Als er ihre Hand umdrehte und den Handteller dann gegen seinen Mund presste, entbrannte tief in ihr ein Feuer, ein so heftiges Brennen direkt in ihrer Mitte. Das Gefühl verstärkte sich mit jeder Berührung seiner Zunge noch weiter.

»Lyon …«

Sie keuchte, während der Druck zwischen ihren Beinen zunahm und sie sich unaufhaltsam einem …

Nein. Das war jetzt nicht … gut, nicht … richtig. Sie lag doch beinahe neben ihrer toten Mutter – und presste die Knie zusammen, kämpfte gegen die Welle der Lust an. Und verlor. Das Ereignis brach wie eine Sturmflut über sie herein, während sich ihr ganzer Unterleib vor Lust verkrampfte. Dieses wundervolle Gefühl überwältigte sie und durchströmte wohlig ihre Adern. Es war das Höchste … das ganz und gar Größte …

Zitternd sackte sie gegen den Kaffeetisch und begegnete Lyons erschrockenem Blick.

»Oh Gott!« Vergeblich versuchte sie, der Demütigung zu entkommen, indem sie das Gesicht in der freien Hand vergrub. Wie konnte sie durch eine so schlichte Berührung nur so fürchterlich außer Kontrolle geraten?

Das war doch nicht sie gewesen. Jedenfalls nicht allein sie. Sie linste zwischen ihren Fingern hindurch, dann ließ sie die Hand sinken und starrte Lyon an.

»Du! Du warst das. Du bist doch ein Meister im Manipulieren, oder etwa nicht?«

Lyon öffnete den Mund, biss dann jedoch die Zähne zusammen. »Wir müssen jetzt los.« Seine Stimme klang barsch, beinahe angespannt, danach ließ er ihre Hand los und stand auf. »Die Drader haben uns schon einmal gefunden. Sie werden uns zweifellos auch ein zweites Mal aufspüren.«

Kara schüttelte sich und stand auf, glücklich, ihre kleine sexuelle Überreaktion übergehen zu können, auch wenn die leichten Schauer in ihrem Schoß sie weiterhin unmissverständlich daran erinnerten.

»Was ist mit meiner Mom?«

»Sie ist tot, Kara. Entweder begraben wir sie jetzt gleich, oder wir überlassen es anderen, sie auf traditionelle Weise zu beerdigen. Es ist deine Entscheidung. Aber wir können nicht bleiben, denn je länger du dich hier aufhältst, desto wahrscheinlicher wird es, dass dich die Drader finden. Und gegen noch mehr von ihnen können wir uns nicht schützen.«

Kara öffnete den Mund, um zu widersprechen, dann seufzte sie jedoch und spürte, wie ihr die Kontrolle über ihr Leben aus den Händen glitt. Also würde sie mit ihm gehen. Heute Nacht. Nicht nur, dass sie hier nicht länger sicher war, sie wollte auch wissen, wer sie war. Was