Küss mich und träum weiter - Susan Andersen - E-Book

Küss mich und träum weiter E-Book

Susan Andersen

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8,99 €

Beschreibung

Sich von einem Mann retten lassen? Magdalene Deluca spielt nicht gern das Fräulein in Not. Aber als ihre Eltern spurlos in Südamerika verschwinden, ist sie verdammt froh, Finn Kavanagh an ihrer Seite zu haben. Er ist mutig, charismatisch und so heiß, dass die Nächte im Regenwald vergleichsweise kühl wirken. Während Finn sie zu beschützen versucht, kommen sie sich gefährlich nah … Doch das Ziel ist klar: Die Vermissten retten und brenzligen Situationen aus dem Weg gehen. Und das schließt die wilde Affäre mit Finn ausdrücklich ein. "Überzeugende Charaktere, eine sexy Romance - ein frecher Lesespaß." Romantic Times Bookreviews "Vertrauen und emotionale Nähe gewinnen und sich selbst nicht verlieren, verpackt in eine rasant-sexy Story!" Goodreads "This warm summer contemporary melts hearts with the simultaneous blossoming of familial and romantic love." Publishers Weekly on That Thing Called Love "Guaranteed snap, sizzle and sass!" New York Times bestselling author Carly Phillips "Garantiertes Knistern, Knallen und eine freche Romance" New York Times-Bestsellerautorin Carly Phillips

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EPUB

Seitenzahl: 408

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Zum Buch:

Sich von einem Mann retten lassen? Magdalene Deluca spielt nicht gern das Fräulein in Not. Aber als ihre Eltern spurlos in Südamerika verschwinden, ist sie verdammt froh, Finn Kavanagh an ihrer Seite zu haben. Er ist mutig, charismatisch und so heiß, dass die Nächte im Regenwald vergleichsweise kühl wirken. Während Finn sie zu beschützen versucht, kommen sie sich gefährlich nah … Doch das Ziel ist klar: die Vermissten retten und brenzligen Situationen aus dem Weg gehen. Und das schließt eine wilde Affäre mit Finn ausdrücklich ein.

„Knallen, Knistern und freche Helden garantiert!“

New York Times-Bestsellerautorin Carly Phillips

Zum Autor:

Die New-York-Times-Bestsellerautorin Susan Andersen wuchs in Seattle auf. Sie hat zwei ältere Brüder, die ihr früh zeigten, wie Männer ticken. Noch heute profitiert sie davon, wenn sie ihre männlichen Protagonisten beschreibt und in witzige Dialoge verstrickt. Mit großem Erfolg: Regelmäßig klettern ihre Romane auf die Bestsellerlisten. Susan Andersen hat einen erwachsenen Sohn und lebt mit ihrem Mann an der amerikanischen Pazifikküste.

Lieferbare Titel:

Reine Kusssache

Wer nicht hören will, muss küssen

Himmel, Herz und Kuss

Susan Andersen

Küss mich und träum weiter

Roman

Aus dem Amerikanischen von Juliane Zaubitzer

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHERerscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,Valentinskamp 24, 20354 HamburgGeschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuchin der HarperCollins Germany GmbHDeutsche Erstveröffentlichung

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:Running Wild

Copyright © 2015 Susan Andersenerschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.á.r.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, KölnUmschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Christiane Branscheid

Titelabbildung: Thinkstock / Getty Images, München /

Abel Mitja Varela / Fuse

ISBN eBook 978-3-95649-547-2

www.harpercollins.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Santa Rosa, El Tigre – Südamerika

Die Blondine betrat die cantina, als ob ihr der Laden gehörte, und zog sofort Finn Kavanaghs ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Den ganzen Nachmittag hatte er sich treiben lassen, und jetzt war er froh, dass das Schicksal ihn hierhergeführt hatte.

Er war erst vor gut einer Dreiviertelstunde in der Hauptstadt des kleinen südamerikanischen Landes eingetroffen. Nach den üblichen Strapazen einer langen Reise hatte er eigentlich gleich in das Hostel fahren wollen, das ein Lieferant von Kavanagh Construction ihm empfohlen hatte. Doch als er das stets in Bewegung befindliche Netzwerk von Gondeln über sich bemerkt hatte, hatte er spontan seinen Rucksack über die Schulter geworfen und sich lieber auf die Suche nach der nächsten Seilbahnstation begeben.

Auf der Fahrt zum Gipfel des irrsinnig steilen Bergs im Norden genoss er die Vogelperspektive auf die geschäftige Stadt im Tal. Bergansichten aus jeder Perspektive und ein Fluss, der die Stadt in zwei Teile spaltete, boten einen so spektakulären Anblick, dass er nach seiner Kamera griff. Doch je höher die Gondel zur Endstation stieg, desto heruntergekommener wurden die Viertel darunter. Baracken standen dicht an dicht in der Ebene, und den zusammengeschusterten Dächern nach zu urteilen, waren sie aus Materialien erbaut, die ihre Bewohner irgendwo zusammengeklaubt hatten. Weitere klapprige Behausungen, gestützt von brüchigen Pfeilern, wuchsen aus den grünen Hängen. Aus Finns Perspektive wirkte die Gegend verarmt.

Die Frau, die jetzt durch die Tür in den Gastraum kam, war hingegen purer Luxus. Er runzelte die Stirn, denn eigentlich war das übertrieben. Aber ein Augenschmaus war sie allemal.

Dabei konnte er gar nicht sagen, was genau es war, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Klar, sie war hübsch, aber nicht sein Typ. Na ja, eigentlich hatte er gar keinen Typ. Doch auf Punkmädchen hatte er bisher nie gestanden.

Und das war sie definitiv. Die Haare an den Seiten trug sie glatt und blond, oben auf dem Kopf hingegen lange dunkle Zotteln, dazu ein Pony, der fast die Augenbrauen verdeckte. Nicht gerade ein Look, von dem er sich normalerweise angezogen fühlte, doch irgendetwas an ihr weckte sein Interesse.

Und er hatte bei Gott keine Ahnung, was.

Sie war durchschnittlich groß, blauäugig, blond, aber Himmel, er war vierunddreißig – er kannte reichlich Frauen, auf die diese Beschreibung zutraf. Er konnte nicht behaupten, viele Blondinen gesehen zu haben, seit er in diesem Teil der Welt angekommen war, aber das war ja auch erst eine knappe Stunde her. In seiner Heimatstadt Seattle waren sie jedenfalls nichts Besonderes. Und obwohl die Unbekannte eine gute Figur hatte, war sie kein Vegas-Showgirl.

Vielleicht war es die Energie, die sie ausstrahlte, als umgebe sie eine rote Aura. Oder ganz allgemein ihre Ausstrahlung, denn sie vermittelte den Eindruck, als würde sie sich auskennen. Und mehr konnte ein Mann kaum verlangen, oder? Er nippte an dem kalten Bier, das er bestellt hatte, lehnte sich zurück und beobachtete, wie sie an die Bar ging. Er machte keinen Hehl daraus, dass er lauschte, während sie einen Drink bestellte.

Nicht dass es ihm etwas nützte. Sie sprach ein schnelles, maschinengewehrartiges Spanisch.

Okay, Sprachbarriere. Das war irgendwie ernüchternd. Er wusste nicht, warum er sie für eine Amerikanerin gehalten hatte. Vielleicht lag es an der hellen Haut und dem blonden Haar in einem Raum voller dunkelhäutiger, dunkelhaariger Menschen. Oder an den Cargo-Shorts und den doppelten Tanktops oder der Schultern-zurück-Brust-raus-Haltung. Was es auch war, ihr Spanisch war fließend und ohne amerikanischen Akzent. Er war zwar kein Experte, aber er war sich sicher, dass es ihre Muttersprache war und ziemlich wahrscheinlich auch die einzige, die sie sprach.

Verdammt.

Die Enttäuschung traf ihn unerwartet. Nein. Es war ihm ganz recht. Er war nach El Tigre gekommen, um Urlaub zu machen. Zum einen, weil er ihn nötig hatte – und zum anderen, weil er in letzter Zeit angefangen hatte, sein Leben infrage zu stellen. Ein Leben, mit dem er bis vor Kurzem sehr zufrieden gewesen war. Schuld an seinen plötzlichen Selbstzweifeln hatte sein Bruder. Von den sieben Kavanagh-Geschwistern stand er Devlin am nächsten, sowohl was das Alter als auch die Interessen anging – und letztes Jahr war Dev in den Hafen der Ehe eingelaufen. Der Kerl war so über beide Ohren verliebt in seine Frau Jane, dass Finn sich fast für ihn schämte. Dennoch stellte er zu seiner Überraschung fest, dass er auch neidisch war. Und das war so abwegig, dass er es selbst nicht verstand.

Obwohl, oder gerade weil, Tante Eileen ständig darauf herumritt, dass es Zeit wäre, sein Junggesellenleben aufzugeben, hatte er das Single-Dasein stets genossen. Nie hatte er das Verlangen verspürt, aus dem Ich ein Wir zu machen. Von so etwas bekam er genug mit, wenn er täglich Seite an Seite mit seinem Bruder arbeitete. Als plötzlich die Frage in ihm aufkam, wieso er sich eigentlich dafür auf die Schulter klopfte, dass er es vermieden hatte, länger als eine Nacht oder ein gelegentliches Wochenende eine Frau an sich heranzulassen, führte das zu einer nie gekannten Rastlosigkeit. Eine innere Unruhe, die epische Ausmaße erreichte, als er sich auch noch zu fragen begann, ob es an der Zeit wäre, sich zwischen all den anderen Erwachsenen mit einer festen Beziehung einzureihen.

Die Vorstellung machte ihn nervös. Seine Gedanken waren nie zuvor in diese Richtung gewandert. Und er war, ehrlich gesagt, nicht gerade begeistert von dieser Entwicklung. Dass er eine feste Beziehung auch nur in Erwägung zog, bewies, wie dringend er endlich mal rausmusste – und in sich hineinhorchen, ob es wirklich an der Zeit war, erwachsen zu werden und dem Club der Verheirateten beizutreten, aus dem der Großteil seiner weitverzweigten Familie inzwischen bestand.

Oder ob man ihm mit dem ganzen „Glücklich bis an ihr Lebensende“-Gesülze eine Gehirnwäsche verpasst hatte.

Sein Bauchgefühl tendierte zu Letzterem, aber konnte er seinem Bauchgefühl noch trauen?

Jedenfalls musste er sich nicht jetzt sofort darüber klar werden. Heute Abend musste er nur sein Bier trinken und sich überlegen, auf welcher Wanderroute er diesen Teil der Anden erkunden wollte. Und sich entspannen. Ja, vor allem das.

Vor allem war er hergekommen, um sich zu entspannen.

Es war der schlimmste Geburtstag, an den Magdalene Deluca sich erinnern konnte. Und ein paar in ihrer frühen Jugend waren weiß Gott ziemlich mies gewesen. Aber so war das eben, wenn die Eltern einen aufs Internat verfrachteten, damit sie mehr Zeit hatten, den Kindern anderer Leute ihren missionarischen Eifer zukommen zu lassen. Sie fixierte den Tequila, den der Barkeeper ihr gerade eingeschenkt hatte, und war schwer versucht, ihn an Ort und Stelle hinunterzukippen, um ihn sich sofort wieder auffüllen zu lassen. Hey, sie feierte eben gern, und wenn sie ein bisschen angetrunken war … nun, hier war niemand, dem sie für ihr Verhalten Rechenschaft schuldig war.

Ihr entfuhr ein bitteres Lachen. Ungelogen.

Trotzdem setzte sie sich an einen Tisch und starrte eine Weile in die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Dann nahm sie ein Stück Orange, biss hinein und kippte den Tequila hinunter. Sie erschauerte, als die Wärme durch ihre Kehle floss und sich in ihrem Körper ausbreitete. Gegen die Kälte in ihrem Inneren half es allerdings nicht. Doch sie war ja selbst schuld. Würde sie es denn niemals lernen?

Sie hatte sich von ihrem Leben in Kalifornien eine Auszeit genommen, um hierherzukommen. Die letzten beiden Briefe von ihrer Mutter beschrieben ausführlich Nancy Delucas Sorge darüber, dass das Munoz-Kartell, trotz ihrer wiederholten Beschwerden, immer wieder versuchte, einige der Jungs und Mädchen zu rekrutieren, um die die Delucas sich kümmerten. Es waren jedoch nicht nur die Briefe, die Mags dazu bewogen hatten, nach El Tigre zu kommen, auch wenn sie für das mulmige Gefühl in ihrer Magengrube verantwortlich waren. Den Ausschlag hatte gegeben, dass sie kurz darauf plötzlich nichts mehr von ihrer Mutter gehört hatte.

Das abrupte Ausbleiben jeglicher Nachrichten machte ihr große Sorgen. Obwohl sowohl die Vereinigten Staaten als auch das relativ neue, gemäßigtere Regime in El Tigre die Ausbreitung der Drogenkartelle hier unten bekämpften, existierten viele der Verbrechersyndikate noch. Ebenso wie die Gewalt, die damit einherging. Und trotz der Luftangriffe mit staatlich geförderten Pflanzenvernichtungsmitteln waren die illegalen Coca-Pflanzen nicht ausgerottet. Manche der kleineren Coca-Plantagen waren verschwunden, doch die großen Kartelle hatten ihre Operationen einfach verkleinert und auf abgelegenere Anbaugebiete verlegt.

Mags hatte ihre Eltern seit Jahren nicht gesehen. Doch sie dachte keine Sekunde, dass ihre lautstarke Mutter sich inzwischen verändert hatte. Nancy hielt sich nie damit zurück, ihrer Missbilligung Ausdruck zu verleihen, wenn ihr etwas nicht passte.

Mags machte sich Sorgen, dass ihre Eltern genau deshalb in Gefahr geraten sein könnten.

Tja, reingelegt! Denn wie sich herausstellte, war sie ein Trottel. Ach, warum denn so bescheiden? Sie war die verdammte Königin der Trottel.

Sie hatte alles stehen und liegen lassen und ihre mageren Ersparnisse zusammengekratzt. Schlimmer noch, sie hatte eine erstklassige Stelle als Maskenbildnerin bei einer großen Hollywoodproduktion aufgegeben, um die sie ein Jahr gekämpft hatte.

Doch bei ihrer Ankunft hatte der Vermieter ihrer Eltern sie darüber informiert, dass die Missionare gerade Urlaub in den Staaten machten.

Sie waren einfach zurückgegangen, ohne ihr etwas davon zu sagen.

Sie wusste, es hätte sie weder überraschen noch kränken sollen. Verdammt, sie hatte fünf Monate, zwei Wochen und drei Tage nach ihrem dreizehnten Geburtstag erfahren, dass sie nicht nur keine Priorität im Leben ihrer Eltern besaß, sondern sie auch noch dabei behinderte, das zu vollbringen, weswegen sie nach El Tigre gekommen waren. Wenn sie also nicht das Bedürfnis verspürten, sie darüber zu informieren, dass sie eine Weile in den Staaten sein würden, tja … dann, na gut. Das war nichts Neues. Und ehrlich gesagt war ihr das herzlich egal.

Oder jedenfalls ziemlich.

Mags streckte den Rücken durch. Warum dachte sie überhaupt darüber nach? So waren Familien eben – Jammern hatte keinen Sinn. Auf der Suche nach Ablenkung schaute sie sich um und bemerkte einen Typen, der sie musterte.

Na toll. Genau das brauchte sie jetzt – irgendeinen einheimischen Aufreißer.

Doch als sich ihre Blicke trafen, konnte sie nicht gleich wieder wegsehen. Erstens hatte sie sich geirrt. Obwohl die Hautfarbe hinkam, war er definitiv nicht von hier, sondern Amerikaner. Das erkannte man an der Kleidung und den guten Zähnen.

Sein braunes Haar hing in tief liegende, bittersüß schokoladenbraune Augen, und sie hatte Mühe, den Blick davon loszureißen, um ihn über die breiten Schultern gleiten zu lassen, die, soweit sie erkennen konnte, zu einem schlanken, durchtrainierten Körper gehörten. Sein Gesicht war so hager, dass er, in Verbindung mit seiner langen, schmalen Nase, aussah wie ein Trappistenmönch. Doch als sie seinem dunklen Blick erneut begegnete, entdeckte sie darin brennendes Verlangen.

Und für einen kurzen Moment war sie versucht, zu ihm hinüberzugehen und etwas mit ihm anzufangen. Sie hatte einen Haufen Aggressionen abzubauen.

Aber … nein. Sie würde den Schrottwagen abholen, den sie unten im Tal abgestellt hatte, wo das abgewirtschaftete Barrio, in dem ihre Eltern sich zuletzt ausgetobt hatten, an ein etwas wohlhabenderes Viertel grenzte. Oder wo sie zumindest etwas weniger darum bangen musste, das Auto bei ihrer Rückkehr bis auf die Achsen demontiert vorzufinden. Mit einem letzten bedauernden Blick in Richtung des heißen Mönchstypen nahm sie ihre große Tasche und ging zur Tür, wobei sie den langen Riemen über den Kopf zog, um die Tasche quer über der Brust zu tragen.

Die cantina war kaum eine Bastion der Stille gewesen, aber der Lärm, der von der Straße hereindrang, als Mags durch die Tür trat, erschlug sie förmlich. Der Motor eines Luxusgeländewagens heulte auf und lärmende Motorräder schlängelten sich durch die Reihen allgegenwärtiger alter VWs, die die schmale Straße verstopften. Junge Männer und Frauen zogen lachend und plaudernd von Lokal zu Lokal. Ein kleines Mädchen auf einem großen Fahrrad radelte Mags fast über die Zehen.

Nachdem sie dem Kind tänzelnd ausgewichen war, blieb sie vor einem Wagen voller Mangos stehen, der von einem Esel gezogen wurde. Sie musste sich kurz sammeln und kaufte zwei der grün-rötlichen Früchte, die sie in ihre Tasche fallen ließ, bevor sie den Weg zurück ins Tal einschlug.

Nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Eltern verschwunden waren, ohne auch nur eine Nachsendeadresse zu hinterlassen, verspürte sie den starken Drang, ihren aufgestauten Frust zu kompensieren, um ihre Nerven und ihren Herzschlag zu beruhigen. Doch war sie, wie ein vernünftiger Mensch es getan hätte, in ihren Mietwagen gestiegen und zum Flughafen gefahren, um das erste Flugzeug zurück zu nehmen? Oh nein. Sie hatte es für eine gute Idee gehalten, den steilen Berg in dieses Viertel hochzuklettern.

Jetzt kam ihr das auch unsinnig vor, aber vorhin war ihr das wie eine gute Idee erschienen, um sich abzureagieren.

Und bis zu einem gewissen Grad hatte es ja auch geklappt. Nur hatte sie jetzt keine Lust mehr, ins Tal zurückzulaufen.

Doch je eher sie wieder hinunterkletterte, desto eher konnte sie nach Kalifornien zurück. In El Tigre wurde sie ja offenbar nicht gebraucht. Und da sie den Job bei dem Science-Fiction-Film erst gestern Abend abgesagt hatte, bestand eine geringe Chance, doch noch bei der Produktion mitmachen zu können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie wusste, der Job würde ihrer Karriere einen enormen Kick geben. Wenigstens könnte sie dann ihren anderen Job aufgeben.

Außerdem war es ein hervorragendes Mittel gegen Stress, aus Farbe und Kitt Aliens zu erschaffen. Genau das Richtige in ihrer Situation.

Sie lief ein paar Blocks, bevor ihr einfiel, dass sie vorhin bei der Parkplatzsuche eine Seilbahnstation gesehen hatte. Sie konnte sich nicht genau erinnern, wo, und kannte sich in Santa Rosa überhaupt nicht aus. In der goldenen Zeit vor dem Internat hatten sie und ihre Eltern in Tacna gewohnt, ein hartes Pflaster weiter südlich, dann in einem kleinen Ort im nördlichen Amazonasgebiet.

Doch egal, wie weit die Metrocable-Station von ihrem Auto entfernt lag, es war immer noch besser, als den nahezu vertikalen Berg hinunterzukraxeln.

Zufrieden mit ihrem Plan, machte sie kehrt und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

Sie hatte die Hauptstraße erreicht und war fast wieder bei der cantina angekommen, in der sie den Tequila getrunken hatte, als plötzlich aus dem Nichts ein Mann vor ihr auftauchte und sie gegen eine Steinmauer drückte. Das Herz schlug ihr heftig gegen den Brustkorb, und sie sog scharf die Luft ein, bereit, sich die Lunge aus dem Leib zu schreien.

Doch bevor sie das konnte, legte sich eine raue, trockene Hand über ihren Mund. Der Mann, nicht viel größer als sie – und gut zehn Jahre jünger –, kam mit seinem Gesicht ganz dicht. „Ich werde meine Hand wegnehmen, wenn du mir versprichst, nicht zu schreien“, sagte er auf Spanisch. „Ich will dir nicht wehtun, aber ich werde es tun, wenn du einen Aufstand machst. Comprende?“

Eigentlich nicht, aber sie nickte.

„Gut“, sagte er, ließ die Hand sinken und trat einen kleinen Schritt zurück. „Du kommst mit mir. Victor Munoz will mit dir sprechen.“

Gähnend blieb Finn auf der Straße vor der cantina stehen und orientierte sich. Die lange Reise steckte ihm in den Knochen, und er wollte ins Hostel.

Obwohl er wusste, dass die Seilbahnstation sich zu seiner Linken befand, wanderte sein Blick automatisch nach rechts. Und er schüttelte den Kopf. „Ha. Du schon wieder.“ Die Punkrock-Blondine, die mit ihren kurzen Haaren in der cantina seine Aufmerksamkeit erregt hatte, streckte schon wieder lange, sinnbildliche Finger nach ihm aus. Er kapierte immer noch nicht, weshalb sie so eine Wirkung auf ihn hatte, doch er konnte den Blick nicht von ihr und dem Jungen neben ihr abwenden, der nur knapp dem Teenageralter entwachsen schien.

Finn runzelte die Stirn. Der Junge mochte fast noch ein Kind sein, doch irgendetwas an ihm wirkte bedrohlich. Vielleicht lag es an der Art, wie er die Blondine an die Wand drückte, oder an seinen Klamotten, die irgendwie nach Gangmitglied aussahen. Egal warum, Blondie wirkte jedenfalls nicht glücklich, und obwohl Finn nicht hören konnte, was sie redeten, hatte er den Eindruck, dass sie stritten.

Und das schon, bevor er sah, wie sie ihn wegschubste und der Typ ihren Arm packte. Finn ging in ihre Richtung.

Im Näherkommen hörte er ihren schnellen spanischen Wortwechsel und war nur wenige Meter entfernt, als er sah, wie die Blondine erstarrte. Dann riss sie ihren Arm los. Doch statt den Jugendlichen wieder wegzuschubsen, kam sie mit dem Gesicht ganz nah an seins.

„Was?“ Ihre Stimme klang schrill, doch auch wenn irgendetwas, das der Typ gesagt hatte, sie unvorbereitet getroffen hatte, hielt es sie nicht davon ab, ihm den Zeigfinger in die Brust zu bohren. „Spuck’s aus, Speedy Gonzales“, befahl sie mit einer Autorität, der Finn nur schwer etwas entgegenzusetzen gehabt hätte – und er war Kunden gewohnt, die weit tougher waren als diese Braut.

Der Typ verzog keine Miene. „Ich heiße nicht Speedy“, blaffte er, eindeutig gekränkt – und die Tatsache, dass er nicht aus der Fassung geriet, weil sie seine Autorität infrage stellte, sondern ihm einen unmännlichen Spitznamen verpasst hatte, verstärkte Finns Eindruck, dass er noch sehr jung sein musste. Der Junge schlug sich mit der Faust auf die Brust. „Ich bin Joaquin.“

„Und wenn du Jesus wärst“, fuhr sie ihn an, „würde ich dich dasselbe fragen – meine Eltern sind wo?“

Da erst fiel ihm auf, dass sie amerikanisches Englisch sprach. Doch gerade als er kapierte, warum er die Unterhaltung plötzlich verstand, stellte sie, so klang es jedenfalls für ihn, dieselben Fragen auf Spanisch.

Finn hatte keine Ahnung, was dieser Joaquin gesagt hatte, um diese Fragen zu provozieren, die sie wie Maschinengewehrmunition abfeuerte. Doch seinem Gesicht nach zu urteilen begriff der Junge, dass er einen Riesenfehler gemacht hatte.

Und das war nicht gut, denn Typen seines Alters hatten sowieso schon ständig das Bedürfnis, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Wenn er außerdem einer Gang angehörte, konnte es schnell hässlich werden.

Tatsächlich fasste Joaquin, noch während Finn hinsah, mit einer Hand nach hinten. Er stand so, dass Finn den Griff einer Pistole sehen konnte, als Joaquin unter seinem Hemdsaum herumfummelte.

Finn setzte sich in Bewegung, bevor der Mistkerl die Waffe aus dem Hosenbund ziehen konnte. Ohne groß nachzudenken, nahm er im Laufen seinen Rucksack ab und schleuderte ihn dem jungen Mann an den Kopf.

Es gab ein sattes Geräusch, und der Kerl ging auf die Knie. Die Waffe fiel Joaquin aus der Hand und schlitterte ein paar Meter weiter. Finn stürzte hinterher, damit der andere sie nicht in die Finger bekam. Doch bevor er die Hand um den Pistolengriff legen konnte, schnellte die Klinge eines großen Messers herab und zielte auf seine Finger.

Fluchend zog Finn die Hand weg. Verdammt. Der Junge musste einen Kopf aus Stahl haben, wenn er sich so schnell erholte. Und Joaquin hatte offensichtlich nicht die Absicht, Finn die Waffe zu überlassen. Nicht ohne Blutvergießen jedenfalls.

Da er keine andere Möglichkeit sah, kickte Finn die Pistole so weit von ihnen beiden weg, wie er konnte.

„Lauf, lauf, lauf!“ Die Stimme der Blondine war drängend, als sie seine Hand ergriff und mit ihm in Richtung der Seilbahnstation sprintete.

Die Frau war sportlich, und an der Station angekommen, hüpfte sie auf der Stelle wie ein Kleinkind, das aufs Klo muss, während sie eine Handvoll El-TIPs – die offizielle Währung des Landes – aus der Tasche kramte, während sie die ganze Zeit über die Schulter zurückblickte.

Plötzlich erstarrte sie. „Shit! Er kommt uns nach.“ Hektisch sah sie sich um. „Wo zum Teufel ist Hilfe, wenn man sie wirklich mal braucht?“, fragte sie und stopfte Münzen in den Fahrkartenautomaten. „Ich habe gehört, mit der Sicherheit ist es an diesen Haltestellen nicht weit her.“ Mit schwindelerregender Geschwindigkeit drückte sie irgendwelche Knöpfe.

Der Automat spuckte zwei Fahrkarten aus, und sie griff erneut nach seiner Hand. „Los, komm!“

Sie schoben sich durchs Drehkreuz auf den Bahnsteig, wo gerade eine Gondel wendete und wenige Meter von ihnen entfernt langsam zum Halten kam. Die Gondel spie ihre Fahrgäste aus, und da sie die Einzigen waren, die warteten, stiegen sie ein. Wie auf Kommando drehten sie sich um und sahen Joaquin, der auf einen Fahrkartenautomaten zurannte und die Frau davor zur Seite schubste.

„Sympathischer Zeitgenosse“, murmelte Finn. „Bin überrascht, dass er nicht einfach übers Drehkreuz springt.“ Schließlich machte der Typ nicht den Eindruck eines gesetzestreuen Bürgers.

„Hier gibt’s vielleicht keine Security, um uns vor Joaquins Pistole zu beschützen, aber meine Mutter sagt, Schwarzfahrer haben nichts zu lachen.“

Die Tür der Gondel schloss sich zischend, und mit einem kaum merklichen Ruck nahm sie Geschwindigkeit auf. Zum ersten Mal, seit die Sache angefangen hatte, atmete Finn tief durch. Er nutzte die Verschnaufpause, um seinen Rucksack wieder aufzusetzen, und zog die Riemen fest.

Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Blondine. Die Frau hatte weiche, sehr schöne Lippen, tolle Haut und ein kleines Grübchen im Kinn, doch in diesem Augenblick war ihm das herzlich egal. Stattdessen sah er ihr fest in die blauen Augen.

Und blaffte: „Wer bist du, Lady? Und was zum Teufel geht hier ab?“

2. KAPITEL

Mags Adrenalinpegel sank wieder, und sie ließ sich, am ganzen Körper zitternd, gegen die Wand der Gondel sinken. Sie starrte den Mann an, der zu ihrer Rettung herbeigeeilt war.

„Ich bin Mags Deluca“, beantwortete sie seine Frage. „Danke, dass du eingeschritten bist.“ Sie kannte niemanden, der so etwas getan hätte – und reagierte reflexartig mit Trotz. „Nicht dass ich nicht selbst mit der Sache fertiggeworden wäre.“ Vielleicht.

„Ja, das habe ich gesehen.“

Obwohl ihr erster Impuls darin bestand, auf ihrer Selbstständigkeit zu beharren, gewann am Ende die Ehrlichkeit, und sie gestand: „Nicht viele Leute hätten sich in fremde Angelegenheiten eingemischt, schon gar nicht, wenn ein Typ mit Pistole und Messer rumfuchtelt.“

Er zuckte die Schultern. „Ich habe drei Schwestern, eine Mutter, zwei Großmütter und einen Haufen Tanten und Cousinen“, sagte er. „Mir wurde von Geburt an eingebläut, mich einzumischen, wenn ein Mädel in Schwierigkeiten steckt.“ Sein Ton wurde schärfer. „Aber ich würde gern wissen, in was ich da hineingeraten bin.“

„Oh mein Gott“, hauchte sie bewundernd, ohne auf seine Frage zu reagieren. „Du hast drei Schwestern?“

„Und drei Brüder.“ Er schaute sie an. „Was keine Antwort auf meine Frage ist.“

„Ich weiß, tut mir leid“, sagte sie und verscheuchte mit einer knappen Handbewegung den aufsteigenden Neid darauf, dass er nicht nur kein Einzelkind war, sondern gleich sechs Geschwister hatte. Bei dem Gedanken vergaß sie sogar kurz, in welche Lage sie geraten war, doch als sie seinem strengen Komm-zur-Sache-Schätzchen-Blick begegnete, riss sie sich schnell zusammen.

„Meine Eltern sind Missionare“, erklärte sie und erzählte ihm von den Klagen seiner Mutter über das Munoz-Kartell, das Teenager rekrutierte, sowie von dem plötzlichen Schweigen nach Nancys Briefen.

Als sie fertig war, meinte Finn: „Es gibt noch Leute, die Briefe schreiben? Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert – ich dachte, es gibt nur noch E-Mails.“

„Das ist dein Kommentar zu allem, was ich dir gerade erzählt habe? Dass meine Mutter keine E-Mails schreibt?“ Kopfschüttelnd erklärte sie: „Meine Eltern haben sich ihr ganzes Leben um die Armen gekümmert. Und obwohl es wahrscheinlich sogar in den ärmsten Barrios inzwischen Computer und Internet gibt, hält meine Mutter es wahrscheinlich für Zeitverschwendung, sich damit auseinanderzusetzen, wenn sie genauso gut ein Blatt Papier nehmen und eine Briefmarke auf einen Umschlag kleben kann.“ Dann kam sie zum Thema zurück und erzählte, wie sie am Nachmittag, als sie bei der Wohnung ihrer Eltern aufgetaucht war, erfahren hatte, dass diese in die Staaten zurückgekehrt seien.

„Doch als mich Joaquin an die Wand gedrückt hat, meinte er, Victor Munoz wolle mit mir reden. Er ist der Anführer des Kartells.“ Stimmte das überhaupt? Plötzlich erschien es ihr enorm wichtig, die richtige Terminologie zu benutzen. „Oder der Don oder wie man den Boss eines Kartells bezeichnet.“

„Bleib doch mal bei der Sache. Warum wollte er mit dir reden?“

Wieder schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf und platzte aus ihr heraus: „Ich weiß gar nicht, wie du heißt.“

„Was?“ Er blinzelte – mit dichten tiefschwarzen Wimpern über seinen dunklen Augen – und schüttelte den Kopf. „Ich heiße Finn. Finn Kavanagh.“

Guter Name. Doch diesmal ließ sie sich nicht aus dem Konzept bringen. „Leider, Finn Kavanagh, hat er mir genau diese Frage nicht beantwortet. Er hat nur immer wieder gesagt, dass ich das schon von Señor Munoz selbst erfahren würde. Aber Joaquin ist offenbar nicht der Hellste, denn während er all die furchtbaren Dinge aufgezählt hat, die mir zustoßen könnten, wenn ich nicht unauffällig mitkomme, ist ihm rausgerutscht, dass meine Eltern auf der Munoz-Plantage festgehalten werden.“

„Und deine erste Reaktion war, ihm das auf die Nase zu binden?“ Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, dass irgendjemand so blöd wäre.

„Hey!“ Empört stieß sie sich von der Gondelwand ab. „Entschuldige bitte, dass ich durch den Wind war. Ich war sowieso schon neben der Spur, weil ich erfahren habe, dass meine Eltern zurück in die Staaten geflogen sind, ohne mir ein Wort zu sagen. Und dann erzählt mir der Typ, dass sie von einem Drogenbaron gefangen gehalten werden? Ha!“ Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. „Das ist die Berufsbezeichnung, auf die ich nicht gekommen bin.“ Sofort schüttelte sie den Kopf, denn darum ging es ja gerade gar nicht, und es stimmte schon, dass es nicht ihr klügster Schachzug gewesen war, Joaquin wissen zu lassen, dass sie seinen Ausrutscher gehört hatte. „Uuuund das ist so was von egal.“ Sie musterte Finn von Kopf bis Fuß und musste zugeben, dass er im Gegensatz zu ihr wirkte, als hätte er alles im Griff. „Dir wäre das sicher nicht passiert.“

Zu ihrer Überraschung lächelte er schief und meinte: „Wahrscheinlich doch. Ich wäre auch durch den Wind gewesen, wenn es um meine Familie ginge. Also, was ist der Plan? Willst du, dass ich dich zur Polizei begleite?“

„Ich kann nicht zur Polizei gehen.“

Er zuckte zusammen. „Willst du mich auf den Arm nehmen?

Du musst das melden!“

„Es ist nicht so, dass ich das nicht will, Finn – ich kann es einfach nicht. Meine Mutter hat dem Lieblingscousin von Munoz einen ganzen Brief gewidmet, der bei der Policia Nacional von El Tigre ist.“ Sie hätte noch hinzufügen können, dass es in neunundneunzig Prozent der Korrespondenz ihrer Mutter um ihr und Brians Wirken ging und um ihre Ungeduld und all die Hindernisse, die man ihnen in den Weg legte. Doch sie ließ es natürlich sein, denn – ganz ehrlich – warum sollte sich Finn Kavanagh für ihre zerrütteten Familienverhältnisse interessieren?

Dennoch munterte es sie in überraschendem Maße auf, als er eine beeindruckende Anzahl obszöner Schimpfwörter aneinanderreihte.

„Du sprichst mir aus dem Herzen“, meinte sie und schaute über seine Schulter. Sie versuchte, in den Gondeln hinter ihnen Joaquin zu entdecken. Es war jedoch ein aussichtsloses Unterfangen. Sie konnte nur Schemen erkennen. Deshalb zog sie ein großes knallbuntes Tuch aus ihrer Umhängetasche und wandte ihre Aufmerksamkeit erneut Finn zu.

„Hör zu, es tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe“, sagte sie und löste ihre straffe Hochsteckfrisur, die so toupiert und nach vorn gekämmt war, dass es aussah wie ein Punk/Gothic-Kurzhaarschnitt. Sie fuhr mit den Fingern hindurch und band sie zu einem losen hohen Knoten. „Ich habe unten im Tal ein Auto. Wenn wir an der übernächsten Station sind, versuche ich abzuhauen, ohne dass Joaquin mich sieht. Ich glaube nicht, dass er damit rechnet, dass ich schon aussteige, weil es schlauer wäre, bis zum Hauptbahnhof zu fahren, wo man leichter Hilfe findet und in die U-Bahn umsteigen kann.“ Sie schlang sich das Tuch ums Haar, damit man nicht sah, dass sie blond war.

Finn zog die Augenbrauen hoch. „Der Haken an der Sache ist, dass Joaquin nicht gerade schlau ist.“

„Ja. Das ist wahr. Trotzdem glaube ich, es ist die beste Chance, ihn abzuschütteln.“ Sie schnaubte ungeduldig. „Aber eigentlich wollte ich damit nur sagen, danke, dass du meinen Arsch gerettet hast. Genieß den Rest deines Aufenthalts in El Tigre. Es ist ein tolles Land.“ Sie musterte ihn und versuchte, ihn sich als einen der üblichen Nachtclubfreunde und Weinkenner vorzustellen, die in Santa Rosa voll auf ihre Kosten kamen.

Aber irgendwie kam er ihr dafür zu bodenständig vor. „Was hat dich überhaupt hergeführt?“

„Die Aussicht darauf, in diesem Teil der Anden zu wandern und ein bisschen vom Amazonas zu sehen.“

„Wandern? Das ist deine Vorstellung von Urlaub? Dünne Luft atmen und schwitzen wie ein Pony?“

Seine Zähne blitzten weiß auf. „Schätzchen, das ist meine Vorstellung vom Paradies. Und das Beste daran? Kein einziges Mal bin ich in der Wildnis in irgendwelche Frauenprobleme reingezogen worden.“

„Wow. Du bist ein eloquentes Bürschchen.“ Sie ließ sich im Schneidersitz auf den Boden sinken und fischte eine abgespeckte Version ihres professionellen Schminksets aus ihrer Umhängetasche, dann sah sie zu ihm auf und zog eine Augenbraue hoch. „Ich wette, das hörst du ständig.“ Doch während sie langsam in die nächste Station einfuhren, musste sie zugeben, dass er wahrscheinlich nicht ganz unrecht hatte. Das Einzige, was sie bisher zu seinem Tag beigetragen hatte, war die Aussicht, erschossen oder erstochen zu werden. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihm praktisch eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt hatte.

„Du solltest dein Hemd wechseln“, empfahl sie. „Und falls du einen Hut hast, kann es nicht schaden, ihn aufzusetzen.“

Sie rechnete halb damit, dass er sich wie ein Steinzeitmensch auf die Brust trommeln würde, doch er zog sich nur wortlos das Rat-City-Rollergirls-T-Shirt über den Kopf.

Oha! Jegliche Flüssigkeit verschwand aus Mags Mund, als sie seinen sehr hübschen, sehr durchtrainierten Oberkörper anstarrte. Ehrlich, an dem Körper konnte man Kerzen anzünden, so heiß war er.

Die Tür öffnete sich zischend, und ein paar Einheimische standen davor, bereit zum Einsteigen. Als sie Mags und Finn sahen, gingen sie jedoch eine Gondel weiter, und die Tür schloss sich wieder. Die Fahrt ging weiter.

Sie blickte prüfend in einen Spiegel, während sie mit einem Schwamm Make-up auf Gesicht, Hals und Hände auftrug, das einige Nuancen dunkler war als ihre natürliche Hautfarbe. Die Gondel ruckelte beim Einfahren in ihre Station leicht. Mags’ Magen zog sich zusammen, doch sie tat ganz ruhig, während sie korallenroten Lippenstift auftrug, der zu dem Tuch passte.

Durch Schein zum Sein, das war ihr Motto.

Sie legte sich große silberne Ohrringe an und packte ihr Schminkset wieder ein. Nachdem sie noch ein langärmeliges UV-Shirt übergezogen hatte, rappelte sie sich hoch.

Während ihre Kabine zum Ausstiegspunkt schwang, gab sie einem Impuls nach, obwohl sie wusste, dass es schlauer gewesen wäre, ihn zu unterdrücken. Sie drehte sich zu Finn um, legte die Handflächen in seinen warmen Nacken und hielt ihn fest. Für einen kurzen Moment, in dem die Welt um sie herum stillzustehen schien, sah sie ihm in die Augen, die jetzt im Schatten seiner ausgeblichenen Mariners Schirmmütze lagen. Dann streckte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Eigentlich sollte es ein flüchtiger Kuss werden – ein kleines Dankeschön. Doch in dem Moment, in dem sich ihre Lippen berührten, durchfuhr eine Art Schlag ihre Adern, und alles, was sie denken konnte, war: Hör nicht auf. Und bevor sie wusste, was sie tat, hatten sich ihre Lippen geöffnet, und sie knutschte mit einem Mann, dessen Namen sie vor einer halben Stunde nicht einmal gekannt hatte.

Nicht dass Finn sich lange bitten ließ, als es zur Sache ging. Er glitt mit seinen großen Händen über ihren Rücken und packte ihren Hintern, während er seine Lippen auf ihre presste.

Sie musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um die Fersen wieder auf den Boden zu senken, doch sie schaffte es und löste den Kuss. Sie machte einen Schritt zurück und berührte mit einem Fingerknöchel ihre immer noch prickelnden Lippen. Dann warf sie den Gurt ihrer Tasche über den Kopf, diesmal so, dass sie auf der anderen Seite hing als sonst, um ihren Wiedererkennungswert weiter zu reduzieren. Zum Abschluss setzte sie eine Sonnenbrille auf.

Die Türen öffneten sich zischend, und sie begegnete Finns Blick. „Danke noch mal, Finn Kavanagh“, sagte sie mit einer Stimme, die eingerostet klang. „Deine Mama, deine drei Schwestern, die zwei Großmütter und der Haufen Tanten und Cousinen wären stolz auf dich.“

Als sie auf den Bahnsteig trat, setzte sie ihre iPod-Kopfhörer auf. Dann bahnte sie sich einen Weg durch die glücklicherweise überfüllte Station, während sie so tat, als würde sie sich zur Musik bewegen, die sie gar nicht angestellt hatte.

Finn trat in die offene Tür, um Mags nachzusehen, die sich tanzend durch den Pulk schlängelte, der darauf wartete einzusteigen. Er ignorierte die Leute, die sich vor der Gondel drängten, und in dem Moment, in dem Mags vorbei war, hereinfluteten. Obwohl er geschubst und angerempelt wurde, rührte er sich nicht vom Fleck. Stattdessen bemühte er sich nach Kräften, Mags’ bunt gemusterte Kopfbedeckung im Blick zu behalten, während die Gondel langsam von einer Seite zur anderen schwankte.

Er war heilfroh, dass er seinen Urlaub wiederhatte, aber er musste zugeben, dass Mags sein Blut in Wallung gebracht hatte. Und während er ihr zugesehen hatte, wie sie auf dem Boden hockte und sich mit nur wenigen Hilfsmitteln verwandelte, war er geradezu verzaubert gewesen.

Und dann war da der Kuss.

Oh Mann. Damit hatte er nicht gerechnet, und es hatte ihn umgehauen.

Während er sich mit der Zunge über die Unterlippe fuhr, wie in der Hoffnung auf einen Nachgeschmack, spürte er, wie die Tür versuchte, sich gegen den Widerstand seines Körpers zu schließen, und er trat auf den Bahnsteig. Er konnte genauso gut eine andere Bahn nehmen. Doch ehe er fröhlich pfeifend seiner Wege ging, wollte er sich vergewissern, dass Mags die Flucht gelungen war.

Seine Gondel glitt davon, und er überquerte den Bahnsteig zu einem der Pfeiler, um die immer noch dichte Menge der Fußgänger vorbeiziehen zu lassen. Da seine Hautfarbe fast so dunkel war wie die der El Tigrianer, fiel er in der Menge nicht so auf wie Mags, bevor sie mit Tuch und Schminke Wunder gewirkt hatte. Trotzdem war er eindeutig als Gringo zu identifizieren. Deshalb suchte er sich einen Platz im Schatten eines Pfeilers, der ihn wenigstens teilweise verbarg, während er die beiden verbleibenden Gondeln im Auge behielt, die hinter seiner einfuhren. Im besten Fall befand sich Joaquin in einer Kabine, die noch nicht in die Station eingefahren war. Dann wäre Mags über alle Berge, bevor der Typ ausstieg.

Aber natürlich wäre das zu leicht gewesen, und noch während Finn dastand, zwängte sich Joaquin an einem älteren Paar vorbei, das aus der letzten Gondel stieg. Der Junge blieb abrupt stehen, um die Menschen um sich herum zu scannen. Die Menge der verbleibenden Passagiere in der Kabine glitt um ihn herum wie Wasser um einen Felsen.

Der Handlanger des Kartells, oder was immer er war, blieb ungerührt stehen, während die Zeit wie eingefroren wirkte. Sein aufmerksamer Blick schien das Gebiet in Quadranten aufzuteilen und jeden genauestens zu durchkämmen. Nach ein paar Augenblicken, die Finn wie Stunden vorkamen, drehte Joaquin sich um, als wolle er in eine der nächsten Gondeln steigen, die schon in den Bahnhof einfuhren.

Finn atmete erleichtert auf.

Was sich als vorschnell erwies. Denn plötzlich drehte Joaquin sich um, sprang auf eine Bank, stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. Nur Sekunden später sprang er wieder von der Bank herunter und sprintete zum Fahrstuhl.

„Verdammter Mist!“ Während er den Bauchgurt seines Rucksacks zuschnappen ließ, damit er nicht auf und ab hüpfte, rannte Finn ihm nach. Einem bis an die Zähne bewaffneten Irren nachzujagen, war eigentlich nicht seine Vorstellung von Urlaub.

Aber wie hätte er damit leben sollen, wenn er sich einfach verdrückt und zugelassen hätte, dass dieser Baby-Psycho Mags wehtat?

Oder Schlimmeres. Wehtun war wahrscheinlich noch milde ausgedrückt. Schließlich schien Joaquin kein Problem damit zu haben, sie zu erschießen oder ihn zu erstechen.

Mags hatte sich gut verkleidet, wie also hatte der Junge sie erkannt? Er verstand, warum Joaquin ausgestiegen war. Jede Haltestelle wenigstens flüchtig zu checken, entsprach dem gesunden Menschenverstand, und so wie die Kabinen den Bahnsteig entlangschlichen, die nächste Gondel immer höchstens eine Minute dahinter, verpasste er nicht den Anschluss, wenn er sie nicht entdeckte. Doch das war die Logik eines reifen Verstandes, und der Junge war Finn eher ein wenig zurückgeblieben vorgekommen.

Vielleicht hatte ihn jemand gecoacht? Aber wie hatte er Mags erkannt?

Auf den Straßen vor der Station herrschte reges Treiben, als er wenige Minuten später zum Ausgang stürzte. Er stellte sich an den Rand, um sich zu orientieren.

Erst nahm er nur ein Mosaik aus Menschen wahr, die sich durch eine lange, schmale Straße mit bunten Pflastersteinen zwängten. Doch er hatte von Joaquin gelernt und kletterte auf einen Mauervorsprung, der die Tische vor einem Restaurant vom Bürgersteig trennte, und teilte das Gebiet in Quadranten auf. Er fing mit dem an, der direkt vor ihm lag.

Und erkannte Mags an der Farbe ihrer Kopfbedeckung ein paar Blocks entfernt. Als er seinen Blick auf das Stück zwischen ihnen richtete, entdeckte er auch Joaquin. Und der andere Mann war um einiges näher bei ihr als Finn.

Entschlossen, den Vorsprung aufzuholen, sprintete er los.

Er holte Joaquin ein, als Mags bei einer alten Schrottkarre stehen blieb, die aussah, als würde sie hauptsächlich von Spucke und Gummibändern zusammengehalten. Er sah, dass auch Joaquin stehen blieb. Der junge Mann zog die verdammte Waffe aus seinem Hosenbund und zielte.

Doch dann schien Joaquin zu zögern. Das Herz schlug Finn bis zum Hals, und er legte noch einen Zahn zu, als der andere Mann rief: „Magdalene?“

Seine Stimme klang unsicher.

Er war also nicht sicher, ob sie es war. Wenn Mags gut im Bluffen war, würde sie Joaquin ignorieren, in das Auto steigen und losfahren, als würde sein eindringlicher Ruf sie nichts angehen. Zu Fuß konnte er ihr ja nicht folgen.

Aber offensichtlich spielte sie nicht Poker, denn gerade als Finn hinter Joaquin auftauchte, drehte sie sich um.

Und als würde er die heranrasende Bedrohung spüren, wollte sich der Kartellsoldat gerade umdrehen, doch Finn, der ein paar Zentimeter größer war, rammte ihm den Ellbogen in die Vene, die er an Joaquins Hals pulsieren sah, und schlug ihm dann mit der Faust ins Gesicht.

„Au! Verdammt!“ Er hielt die Hand vor die Brust und hatte das Gefühl, sich am harten Schädel des Jungen die Knöchel gebrochen zu haben. Wenigstens fiel Joaquin um wie ein Baum. Wieder schepperte seine Pistole über den Boden, diesmal jedoch lief es besser, denn Finn gelang es, sie zu schnappen, und er steckte sie sich vorn in den eigenen Hosenbund. Ihm blieb keine Zeit zu prüfen, ob sie gesichert war. Doch er bekreuzigte sich und betete, dass er sich nicht sein bestes Stück abschoss.

Über diese Möglichkeit wollte er lieber nicht nachdenken.

Andererseits hätte sich damit die ganze Grübelei, ob er eine feste Beziehung anstreben sollte oder nicht, endgültig erübrigt.

Er hörte das Aufheulen eines überstrapazierten Wagens, der zu schnell rückwärts fuhr, blickte auf, obwohl er gerade damit beschäftigt war, Joaquin mit der einen Hand sein Messer abzunehmen und mit der anderen seinen Puls zu fühlen – und sah Mags’ Schrottkiste. Im selben Moment spürte er einen Pulsschlag unter seinen Fingerspitzen – was gemischte Gefühle in ihm auslöste. Er hätte einiges dafür gegeben, nicht ständig über die Schulter schauen zu müssen, solange er hier war. Doch er wollte auch kein Blut an seinen Händen haben.

Er vertagte das Dilemma, als das Auto mit quietschenden Reifen neben ihm stehen blieb, wo er immer noch neben Joaquins bewusstlosem Körper hockte.

Mags beugte sich zum Fenster auf der Beifahrerseite. „Steig ein!“

Er stand auf und folgte ihrer Einladung. Sie verbrannte mehr Gummi, als die alten Reifen verkraften konnten, während sie davonraste. Finn nahm die Pistole aus ihrem heiklen Versteck und beugte sich vor, um sie unter den Sitz zu legen.

Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, beugte sie sich zu ihm rüber und berührte sein Handgelenk. „Danke“, sagte sie mit Nachdruck, ihre Handfläche warm an seiner Haut. „Noch mal.“ Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße richtete. „Meine Schuld, dass ich mich gleich zweimal an einem Tag bei dir bedanken muss. War dumm von mir zu reagieren, als er meinen Namen gerufen hat.“

„Durch Fehler lernt man.“ Er folgte ihren langen, schmalen Fingern, als sie die Hand wegnahm. Dann hob er den Blick und studierte ihr Gesicht. „Magdalene also, hm?“

Sie runzelte die Stirn. „Niemand nennt mich so, außer meinen Eltern.“

Er verstand nicht, wieso, denn er fand den Namen viel schöner als Mags, wenn auch nicht so hipstermäßig cool. Doch er zuckte nur die Schultern. „Wohin fährst du?“

„So weit weg von hier wie möglich. Dann brauche ich ein Telefon. Ich weiß, meine Mutter hat die Munoz-Plantage in einem ihrer Briefe erwähnt, aber irgendwie kann ich mich nicht erinnern, wo sie war. Wenn es denn überhaupt drin stand.“ Sie nahm den Blick lange genug von der Straße, um das Gesicht zu verziehen. „Damals schien es nicht wichtig, deshalb weiß ich es nicht mehr.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Jedenfalls will ich meine Nachbarin anrufen und sie bitten, in meinen Briefen nach dem entsprechenden Hinweis zu suchen. Es ist noch nicht so lange her.“

„Machst du Witze?“ Da er in dieser Klapperkiste nicht von so etwas Neumodischem wie einem Sicherheitsgurt eingeschränkt wurde, konnte er sich auf seinem Sitz zu ihr umdrehen und sie anstarren. „Dein großer Plan ist, dich mitten ins Herz eines Kartells zu begeben?“

„Ich habe vor, meine Eltern da rauszuholen, ja.“

„Bist du Undercover-Cop bei der Drogenfahndung?“

Sie schnaubte. „Sehe ich aus wie eine Drogenfahnderin?“

„Ah, die alte Beantworte-eine-Frage-stets-mit-einer-Gegenfrage-Masche – das heißt dann wohl Nein. Bist du wenigstens bei irgendeiner Spezialeinheit?“

„Ich nehme an, du kennst die Antwort.“

„Dann schlage ich vor, du nimmst wieder deine Medikamente, Schätzchen, denn du bist ganz offensichtlich selbstmordgefährdet, wenn du vorhast, ohne entsprechende Ausbildung ein organisiertes Syndikat hochzunehmen.“

„Ich bin nicht selbstmordgefährdet! Ich habe ja nicht gesagt, dass ich den Laden schwer bewaffnet hochnehmen will – vorausgesetzt, ich hätte eine Waffe. Aber wenn ich weiß, wo die Plantage ist, kann ich mich an die amerikanische Botschaft wenden. Die müssten doch wissen, wie sie meine Eltern da rauskriegen.“

„Lass die Cops die Plantage lokalisieren!“

„Denkst du, das haben die noch nicht versucht, Finn?“ Zum ersten Mal klang ihre Stimme ungeduldig, und ihm fiel auf, dass sie bisher in Anbetracht der Ereignisse verdammt cool geblieben war. „Die Regierung sprüht aus der Luft Pflanzenvernichtungsmittel auf alles, was sie entdecken; wenn die Munoz-Plantage also noch läuft, und so klang es bei Joaquin, dann deshalb, weil die Polizei keinen Schimmer hat, wo sie ist.“ Sie verzog das Gesicht, als sie von der Hauptstraße abbog. „Außer möglicherweise sein Cousin natürlich. Aber der wird sicher nichts verraten.“

Sie bog um zwei weitere Ecken, bevor sie wieder zu ihm hinübersah. „Jedenfalls ist das nicht dein Problem. Wo soll ich dich absetzen?“

Er biss so fest die Zähne zusammen, dass die Muskeln in seinem Kiefer schmerzten. „Nicht mein Problem?“, sagte er mit leiser Stimme, bei der jedes seiner Geschwister das Weite gesucht hätte. „Meinst du, es ist kein Problem, dass ich, wenn ich in Santa Rosa bleiben will, immer auf der Hut vor einem mordlustigen Irren sein muss, der wahrscheinlich noch nicht mal einundzwanzig ist? Denn der Typ hat es garantiert auf mich abgesehen, Schwester.“

Sie sah ihn erschrocken an, doch er war nicht in der Stimmung, Nachsicht walten zu lassen. „Sosehr ich auch Verständnis für deine Lage habe, Lady, du bist nicht die Einzige, die dieser Schlamassel betrifft.“ Er schaute nach hinten, atmete erleichtert auf und drehte sich wieder nach vorn, als er sah, dass die Straße leer war.

Dann sah er wieder zu Mags. Ihr Gesicht wirkte konzentriert, und ihre Hände hielten das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie hatte ebenso wenig wie er darum gebeten, und er wusste, dass er nicht so streng mit ihr sein sollte.

Doch so schwer es war, ihn aus der Fassung zu bringen, so schwer fiel es ihm, sich wieder zu beruhigen, wenn es doch einmal geschah. Und obwohl ihm sein nüchterner Tonfall sofort leidtat, sagte er: „Was hältst du davon, wenn wir erst einmal zusehen, dass wir hier wegkommen, und ein bisschen Abstand zwischen uns und dieses Kartell bringen, das kein Problem damit hat, uns umzubringen? Wenn wir das geschafft haben, bin ich gern bereit, mich mit der Frage zu beschäftigen, wo ich abgesetzt werden möchte.“

3. KAPITEL

Joaquin trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf seine Oberschenkel, während er darauf wartete, in Victor Munoz’ inneres Heiligtum eingelassen zu werden.

Seit zwanzig Minuten stand er sich die Beine in den Bauch, und er war das Warten leid. Doch in dem Moment, als sich die Tür öffnete, wurde ihm mulmig zumute, und er wünschte plötzlich, er hätte mehr Zeit gehabt, um sich vorzubereiten. Denn obwohl sein Boss meist ein vernünftiger Mann war – in den Situationen, in denen er es nicht war, war er ein richtiger Psychopath.

Und man konnte nie vorhersagen, wie er reagierte.

Doch eines war sicher: Der Mann, mit dem Joaquin es jetzt zu tun bekam, war El Tigres mächtigster Drogenbaron.

Munoz stand, gekleidet in weißes Leinen, in der Tür zu seinem vornehmen Büro und betrachtete ihn mit verschleiertem Blick. „Ist es erledigt?“, fragte er, wie immer, wenn Joaquin in sein Büro kam, auf Englisch. „Hast du sie hergebracht?“

Joaquin atmete tief durch und sammelte sich, dann schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, Boss. Sie sind entkommen.“

Einen Augenblick lang war Munoz’ Gesichtsausdruck neutral. Dann wurde sein Blick zu Eis. „Definiere sie.“

„Delucas Tochter und irgendein Ami, der beide Male dazwischengegangen ist, als ich sie schon hatte. Keine Ahnung, ob sie sich vorher schon kannten oder ob er nur ein guter Samariter ist, der meint, sich in unsere Angelegenheiten einmischen zu müssen. Beide Male waren sie nicht direkt zusammen gewesen, aber definitiv in derselben Gegend.“

Er wollte nicht zugeben, dass einer der beiden Nordamerikaner ihn um seine Pistole und sein Messer erleichtert hatte. Nicht dass es ein Problem war, sich eine neue Waffe zu besorgen – was ihm gestohlen worden war, konnte er mit einem Fingerschnipsen ersetzen. Die hohe Meinung allerdings, die sein Boss von ihm hatte …

Nun, die war nicht so leicht zu bekommen.

Munoz fluchte wortgewandt, doch so schnell, wie sein Zorn aufgeflammt war, verschwand er auch wieder hinter der ruhigen Fassade. Munoz war Geschäftsmann. Und Gefühle, wie sein Boss so gern sagte, „hatten im Geschäft nichts verloren“.

Ein schwacher Trost, dachte Joaquin, für den Mann, den er Munoz hatte niederschießen sehen. Doch er schob die Erinnerung in eine dunkle Ecke seines Gehirns, als der ältere Mann beiseitetrat und ihn in sein Büro winkte.

„Es ist nicht allein dein Fehler“, sagte Munoz in einem seltenen, fast entschuldigenden Tonfall, während er um seinen Schreibtisch ging und sich setzte. Er bedeutete Joaquin, sich auf einen der zwei Besucherstühle zu setzen. „Wie sich herausgestellt hat, liegt die Schuld in diesem Fall bei meiner madre.“

Joaquin erschauerte und bekreuzigte sich verstohlen. Er hatte keine Ahnung, wie alt die ehrwürdige Augustina Munoz war. Nach ihren klobigen, robusten Schuhen zu urteilen, dem straffen Dutt und der von Kopf bis Fuß immer nur schwarzen Kleidung musste sie bald hundert sein. Doch da Victor keine fünfzig sein konnte, stimmte das wahrscheinlich nicht. Es sei denn, natürlich, sie hätte ihren Sohn sehr spät bekommen.

Doch er schweifte schon wieder ab. Er hatte sich nur nach dem Alter von Señora Munoz gefragt, da sie keine eins fünfzig groß war und ein dürres Ding. Er bezweifelte, dass die Waage mehr als fünfundvierzig Kilo anzeigte, selbst wenn sie triefend nass und mit einem Betonklotz ums Fußgelenk darauf stieg.