Lady Sunshine und Mister Moon - Susan Andersen - E-Book

Lady Sunshine und Mister Moon E-Book

Susan Andersen

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Beschreibung

Showtime in Las Vegas! Eine sexy romantische Komödie von Bestsellerautorin Susan Andersen. Sie sind wie Hund und Katze: die quirlige Revuetänzerin Carly Jacobsen und der nüchterne Security Guard Wolf Jones. Sie ist für ihn das leichte Showgirl mit den knallig roten Fingernägeln. Er für sie der humorlose Langweiler. Dabei entgeht keinem von beiden, dass es zwischen ihnen dennoch mächtig knistert. Und weil in Las Vegas niemand gern allein schläft, kommt es zu einem Deal: Sex ist okay, Gefühle verboten. Als Wolf aber seinen Umzug ankündigt und Carly von einem Stalker verfolgt wird, wendet sich das Blatt.

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Seitenzahl: 488

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Susan Andersen

Lady Sunshine und Mister Moon

Roman

Aus dem Amerikanischen von

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20350 Hamburg

Copyright © 2010 by MIRA Taschenbuch

in der CORA Verlag GmbH & Co. KG

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Just for Kicks

Copyright © 2006 by Susan Andersen

erschienen bei: Mira Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Stefanie Kruschandl

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf; Getty Images, München;

pecher und soiron, Köln

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-237-6 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-236-9

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

1. KAPITEL

Ich weiß nicht, was ich noch mit ihm machen soll“, klagte Carly Jacobsen. Zusammen mit ihrer Kollegin Michelle posierte sie für eine Gruppe Japaner. Touristen ließen sich immer wieder gern mit echten Showgirls aus Las fotografieren. „Er ist stur und eigensinnig. Und er hört mir überhaupt nicht zu.“

„Mit anderen Worten: ein typischer Vertreter des männlichen Geschlechts.“

Carly schnaubte. „Das kann man wohl sagen.“ Obwohl ihre Füße schmerzten, lächelte sie freundlich in die Kameras. Sie versuchte sich nicht wie eine Amazone vorzukommen, weil sie die japanischen Touristen um Haupteslänge überragte. Gott sei Dank trugen sie die braunen Bubikopf-Perücken der letzten Vorstellung und nicht die Hochfrisuren vom Auftritt davor. Damit wären sie mindestens noch einen Kopf größer gewesen.

„Sieh es doch einfach mal so“, murmelte Michelle, während sie posierte. „Wenigstens hat er vier Beine – nicht wie der Kerl, mit dem ich zusammenlebe.“

„Da ist was dran“, stimmte Carly zu. „Rufus ist zwar ein eigensinniger kleiner Hund, aber es gibt immerhin etwas Hoffnung, dass er sich am Ende doch noch erziehen lässt.“

„Und das ist mehr, als man von den meisten Männern sagen kann.“

„Stimmt.“ Carly wollte nie mit einem Mann zusammenleben. Dennoch … „Andererseits hast du regelmäßig Sex, während ich nur noch eine schwache Ahnung davon habe, was das überhaupt ist.“

Sie änderten noch ein paarmal die Posen, bevor sie sich von den Touristen zurückzogen, die sich dankbar lächelnd vor ihnen verneigten. Carly bedachte sie ebenfalls mit einem strahlenden Lächeln. Sie mochte diese Japaner wirklich gern und schätzte ihre Freundlichkeit sehr, denn in ihrem Metier waren gute Manieren eher selten. Vor allem seitens der männlichen Hälfte der Bevölkerung.

„Wollen wir noch was trinken?“, fragte Michelle, als sie einen Augenblick später das Casino durchquerten.

„Nein, ich muss nach Hause. Da warten ein paar hungrige Mäuler auf mich.“ Carly ließ Michelle in der Lounge zurück und ging in die Garderobe. Dort tauschte sie ihr Kostüm gegen ihre private Kleidung. Sie tanzte schon so lange in „La Stravaganza“, einer großen Show im italienisch angehauchten Avventurato Resort Hotel and Casino; die Geräusche um sich herum nahm sie kaum noch wahr. In dieser Nacht war sie ganz besonders erschöpft. Sie hatte die letzte Nacht damit verbracht, sich über Rufus den Kopf zu zerbrechen. Er war ihr neuestes Baby – so nannte sie die Tiere, die sie aus dem Tierheim gerettet hatte. Die Grübelei darüber, wie sie ihm sein aufsässiges Verhalten abgewöhnen konnte, hatte ihr jedoch den Schlaf geraubt. Rufus wollte einfach nicht gehorchen. Und dank ihres neuen Nachbarn fürchtete sie, dass das Schicksal der kleinen Promenadenmischung bereits besiegelt war.

Deshalb bewirkten das Gedudel der Spielautomaten, das Klackern der Roulettekugeln und die Triumphschreie der Spieler nur, dass ihr Kopf von der linken Seite her zu schmerzen begann. Vielleicht aber geriet Carly, die normalerweise mit beiden Beinen auf der Erde stand, auch deshalb ins Stolpern.

Sie stieß mit einer kleinen weißhaarigen Dame zusammen, die einen Eimer voller Silberdollars und eine große Handtasche bei sich trug. Eigentlich nur ein kleines Missgeschick – wäre Carly nicht gerade dabei gewesen, die Treppe hinaufzugehen. Der Absatz ihrer einen Riemchensandalette brach ab. Carly verlor das Gleichgewicht und griff nach dem Geländer.

Ihre Fingerspitzen berührten es nur kurz, bevor sie abrutschte. Obwohl es ihr gelang, nicht hintenüberzufallen, landete sie mit einem verdrehten rechten Bein in einer ziemlich unwürdigen Pose auf dem Boden. Ihren Lippen entschlüpfte ein derber Fluch, als der Schmerz in ihren Knöchel schoss.

Um sie herum ertönten Schreie, und sie nahm entfernt wahr, dass sich Menschen näher drängten. Einer davon beugte sich über sie. „Ist alles in Ordnung?“

Carly blickte in sein Gesicht. Er hatte hellbraunes Haar, das die blinkenden Lichter der Spielautomaten reflektierte. Trotz ihres eingetrübten Bewusstseins bemerkte sie, dass er extrem gut aussah. Allerdings fehlte ihm genau die Schneidigkeit, die sie an Männern anzog – dieses gewisse Etwas, das Männer zu Testosteronbomben machte. So würde ihre Freundin Treena es zumindest ausdrücken.

Und so blieb sein Gesicht eines von vielen. Als sie den Blick von ihm abwandte, bemerkte sie, dass sich eine Menschentraube um sie gebildet hatte. Alle starrten sie an. Nur die alte Dame, die Carly umgehauen hatte, fehlte.

Verdammte fanatische Spieler!

Der Mann, der sich nach ihrem Befinden erkundigt hatte, kniete sich neben ihr hin und betrachtete sie besorgt. „Haben Sie sich was gebrochen?“

Behutsam bewegte Carly ihre Beine, bis sie ihren schmerzenden Knöchel befreit hatte. Sie sog scharf die Luft ein, weil die veränderte Lage einen starken Schmerz durch ihren Knöchel jagte. „Nein, ich glaube nicht. Ich habe mir den Knöchel nur verstaucht.“ Doch das tat so verdammt weh, dass sie nicht weitersprechen konnte, ohne zu wimmern. Sie hatte Schmerzen noch nie gut ertragen.

Ein Kerl, der offenbar zu glauben schien, Piercings, schwarzer Lippenstift und dunkel umrandete Augen seien der allerletzte Schrei, wandte seinen Blick gerade lange genug von ihren Beinen ab, um festzustellen: „Er schwillt an.“

Jemand anderes meinte: „Sie braucht Eis.“

„Also“, murmelte ein beleibter Mann, der seine Hose bis fast unter die Achseln gezogen hatte, „könnte ich jetzt ein Foto mit Ihnen machen?“

„Was ist denn hier los?“

Carlys Blutdruck schoss sofort nach oben. Scheiße. Diese Stimme kannte sie. Sie war tief und klang besonders akzentuiert. Und Carly hatte sie in den letzten Wochen weiß Gott wie oft gehört. Es war die Stimme von Wolfgang Jones, dem stellvertretenden Leiter der Security-Abteilung.

Ihrem neuen, nervtötenden Nachbar.

2. KAPITEL

Carly schielte durch ein Meer von Beinen nach dem Mann, der sich näherte. Um ehrlich zu sein, sprach Jones ohne den geringsten Akzent. Dennoch irritierte sie die Präzision, mit der er seine Worte formulierte. Das legte den Verdacht nahe, dass seine Gedanken ihm möglicherweise nicht auf Englisch durch den Kopf schossen.

Wenn sie sich nicht schon so darauf hätte konzentrieren müssen, nicht kläglich zu maunzen wie ein nasses Kätzchen, hätte sie sicher vor Wut geschnaubt. Bitte! Der Name Wolfgang sagte doch schon alles, oder nicht?

Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Er war groß, er war blond und er war durchtrainiert. Und er schaffte es, sie schon allein damit über die Maßen zu verwirren, dass er dieselbe Luft atmete wie sie. Außerdem war dieser Mann dafür verantwortlich, dass sie sich riesige Sorgen um Rufus machte. Aber jetzt biss sie erst mal die Zähne zusammen – sie wusste schließlich, was das Avventurato von seinen Angestellten erwartete. Und es gelang ihr, den Schmerzenslaut, der ihr schon beinahe entschlüpft war, noch einmal zurückzuhalten.

Manchmal, dachte sie, war es ganz schön anstrengend, das Hotelkasino zu vertreten.

Dem Ausdruck in Jones Augen nach zu urteilen, war er ebenfalls nicht sehr glücklich darüber, sie zu sehen. Nachdem er sich durch die Menge gekämpft hatte, blickte er die Menschen, die Carly umringten, mit ernster Miene an.

„Geht wieder zurück auf eure Plätze, Leute“, sagte er mit seiner üblichen strengen und durchaus überheblichen Art, die allerdings keinen Widerspruch erlaubte. „Ich werde mich um alles kümmern.“ Dann wandte er ihnen den Rücken zu und ging in seinem makellosen blauen Anzug, dem dunklen Baumwollhemd und der perlgrauen Krawatte vor ihr in die Hocke. Dabei schien er nicht im Geringsten daran zu zweifeln, dass die Touristen taten, was er ihnen gesagt hatte.

Und sie gehorchten ihm unbegreiflicherweise tatsächlich. Himmel, dieser Mann irritierte Carly wirklich sehr.

Im Kasino genoss er den Ruf, jemand zu sein, der die Dinge in die Hand nahm. Carly jedoch war eigentlich der Meinung, dass Jones überhaupt keine versöhnlichen Eigenschaften besaß. Wenn er sich jedoch nur halb so sehr auf seine Arbeit konzentrierte wie darauf, ihr den Schuh vom Fuß zu streifen, dann stand er seinem Ruf in nichts nach. Das musste sie ihm zugestehen.

Trotzdem: Er war und blieb ein Hundehasser, ein Schwachkopf, dem sie keinen Millimeter über den Weg traute. Auf die Ellbogen gestützt, beobachtete sie ihn skeptisch, um sicherzugehen, dass er keine Experimente mit ihrem Knöchel anstellte. Nicht dass ihr Fuß nachher noch mehr wehtat als jetzt.

Wie schon der gepiercte junge Mann mit dem Gothic-Make-up festgestellt hatte, war die infrage kommende Region geschwollen. Doch verglichen mit Wolfgangs Hand, die vorsichtig über ihre Ferse und Wade strich, um die Verletzung abzutasten, fühlte sich ihre warme Haut beinahe kühl an. Die Hitze seiner Berührung überraschte sie. Wer hätte denn auch geahnt, dass so ein grimmiger, kühler Kerl wie er so viel Hitze ausstrahlen konnte?

Er umfasste ihren Spann und bewegte vorsichtig ihren Fuß hin und her. Sein Blick wirkte besorgt. „Tut das weh?“

„Allerdings“, sagte sie feindselig, bevor sie der Fairness halber ergänzte: „Aber ich bin sicher, er ist nur verstaucht.“ Sie war oft genug verletzt gewesen, um das beurteilen zu können. In zwei Tagen war die Schwellung weg und sie hoffentlich wieder in der Lage zu tanzen. Sie wollte unbedingt vermeiden, Vernetta Grace, die Chefin der Show, anrufen und ihr mitteilen zu müssen, dass sie sich schon wieder verletzt hatte.

Carly betrachtete die halbmondförmige Narbe auf ihrem rechten Zeigefinger, die sie erst im letzten Monat zwei Tage von der Arbeit abgehalten hatte.

„Wie ist das passiert?“

Sie hob den Kopf und blickte in Wolfgangs leicht gebräuntes Gesicht unter dem hellen Haar. „Ich bin von einer kleinen alten Dame mit einer Monstertasche überfallen worden.“ Und weil sie wollte, dass er endlich die Hände von ihr nahm, streckte sie ihm die Hand entgegen. „Helfen Sie mir mal hoch.“

„Ich glaube nicht, dass Sie sich etwas gebrochen oder schlimm verstaucht haben“, pflichtete er ihr bei und nahm die Finger von ihrem Bein. Er schien es ebenso eilig damit zu haben wie sie und erhob sich mit einer einzigen leichtfüßigen Bewegung, bevor er ihr die Hand reichte, um sie hochzuziehen.

Sie stand schneller auf den Beinen, als sie erwartet hatte. Um einen Zusammenstoß mit Wolfgang zu verhindern, verlagerte sie ihr Gewicht auf den verletzten Fuß, ohne darüber nachzudenken. Der plötzliche Schmerz sorgte dafür, dass sie sich zusammenkrümmte; es war nur Wolfgangs schneller Reaktion zu verdanken, dass sie nicht an seine Brust sank. Die violetten und goldenen Fransen ihres Kostüms schwangen wie glitzernde Lamettafäden gegen seinen dunklen Anzug.

Mist. Mist. Mist. Weshalb musste ausgerechnet er ihr zu Hilfe eilen? Es gab doch so viele Männer im Kasino. War er nicht ein hohes Tier bei der Security? Warum zum Teufel musste dann ausgerechnet er Kindermädchen spielen?

Wahrscheinlich sah er eine weitere Gelegenheit, ihr unter die Nase zu reiben, wie verantwortungsbewusst er doch war. Wieder einmal. Als ob Pingeligkeit etwas Gutes wäre.

Er half ihr bis zum nächsten Sessel und verschob ihn so, dass sie das Bein ausstrecken konnte. Dann winkte er eine Kellnerin herbei.

„Bringen Sie uns bitte Eiswürfel und ein Handtuch“, sagte er. Es bestand kein Zweifel daran, dass es sich weniger um eine Bitte als um eine Anordnung handelte. Die Frau ging prompt los, um zu tun, was er gesagt hatte.

„Ich vermute, Sie haben nicht viele Freunde“, kommentierte Carly trocken.

Er kauerte vor ihr auf dem Boden, um den Knöchel erneut zu untersuchen, hob langsam den Kopf und blickte sie mit ausdruckslosen Augen an. „Ich brauche keine Freunde“, konterte er ganz offensichtlich unbesorgt.

„Sie machen Scherze.“ Er brachte sie echt aus der Fassung. Das war die höflichste Konversation, die sie beide je zustande gebracht hatten, seit Jones in ihr Apartmenthaus gezogen war. Bisher bestand sie eher aus hitzigen Konfrontationen.

Na gut – hitzig, was ihren Teil betraf. Er war eher der Typ Eisblock. Und dennoch – obwohl sie nichts mit Männern anfangen konnte, die nichts mit Tieren am Hut hatten, hatte sie angenommen, dass auch er irgendwie menschlich war. Jedenfalls am Rande.

Doch da hatte sie sich offenbar getäuscht. Er brauchte keine Freunde? Das war doch nicht normal! Es gab eine Menge Dinge auf der Welt, die sie nicht brauchte – um nur mal mit dem Nachbarn von nebenan zu beginnen. Aber Freunde standen auf ihrer Liste der absolutenLebensnotwendigkeiten ganz weit oben. Sie konnte sich schlicht und einfach gar nicht vorstellen, was sie ohne Treena und Jax oder Ellen und Mack tun würde. Hundehassende, grimmige Sicherheitsmänner standen auf einer gänzlich anderen Liste.

„Ich mache keine Scherze“, sagte er steif.

Sie schloss den Mund und betrachtete ihn genauer. Diese frostigen grünen Augen unter den geraden, dichten Brauen. Seine ausgeprägten Wangenknochen und den strengen, nicht lächelnden Mund. Dann atmete sie geräuschvoll aus und nickte ihm kurz zu. „Jetzt hab ich Sie erwischt! Sie haben ja wirklich keinen Humor.“

Seine Augenbrauen zogen sich über der Nasenwurzel zusammen. Doch bevor er etwas erwidern konnte, tauchte die Kellnerin mit einem Eisbeutel und einem Handtuch wieder auf. Wolfgang konzentrierte sich umgehend und ohne die leiseste Anerkennung auf die Dinge, die sie mitgebracht hatte.

„Danke, Olivia“, sagte Carly, um seine Unhöflichkeit wettzumachen. „Ich danke Ihnen für Ihre Mühe.“ Nachdem die Kellnerin ihr gute Besserung gewünscht und weggegangen war, richtete Carly ihre Aufmerksamkeit erneut auf Jones, der ein Handtuch um ihren Knöchel wickelte. „Ich nehme an, dass Sie es für überflüssig halten, Ihre Kollegen zu kennen oder gar höflich mit ihnen umzugehen?“

Er klatschte Eis auf ihren Knöchel.

Sie sog die Luft zwischen ihren Zähnen ein. Als die Sternchen vor ihren Augen verschwanden, betrachtete sie ihn feindselig. „Sie sind ein echter Schatz, Jones.“ Mit der Hand, die sie nicht vor Schmerz in die Sessellehne gekrallt hatte, versuchte sie ihn zu verscheuchen. „Gehen Sie lieber“, sagte sie und ergänzte widerwillig: „Danke für Ihre Hilfe.“

Er stand vor ihr und sah von oben auf sie herab. „Werden Sie in der Lage sein, Auto zu fahren?“

Vermutlich nicht. „Es wird schon irgendwie gehen.“

„Ihr Auto hat ein Schaltgetriebe, oder?“

„Ja“, sagte sie. „Ein süßes kleines Fünfganggetriebe. Aber ich bin sicher, Sie haben Wichtigeres zu tun, als hier herumzustehen, um mit mir über mein Auto zu sprechen. Also, bitte lassen Sie sich nicht von mir aufhalten.“

Er rührte sich nicht vom Fleck. „Wie gedenken Sie nach Hause zu kommen? Haben Sie vor, Ihre rothaarige Freundin anzurufen?“

Auf keinen Fall. Heute war Treenas freier Tag. Sie und Jax waren nach der gestrigen Show nach San Francisco gefahren. Sie wollten nicht vor morgen Nacht nach Hause kommen. Carly nickte trotzdem ganz ernsthaft. „Ja, genau das werde ich tun. Und jetzt tschüss.“

Wolf betrachtete sie noch einmal von oben herab. Er wusste, dass sie log. Er würde sie selbst nach Hause bringen müssen.

Er wollte zwar keine Minute länger in ihrer Gegenwart verbringen, ganz zu schweigen von der Zeit, die es dauern würde, bis er sie in sein Auto verfrachtet, nach Hause und in ihre Wohnung gebracht hätte. Sie war leichtfertig und ohne Verantwortungsbewusstsein. Wann immer er ihr begegnete, ging sie ihm dermaßen auf die Nerven, dass er am liebsten in die Tischkante beißen würde. Oder sie übers Knie legen und ihr den runden Hintern versohlen. Das hätte man sowieso schon vor Jahren tun sollen.

Eigentlich sah ihm so etwas gar nicht ähnlich. Und genau deshalb war es ja auch das Letzte, mit ihr zusammen sein zu müssen. Wie dem auch sei: Sie war mit ihrer Arbeit für heute fertig und er ebenfalls. Und sie wohnten Tür an Tür. Es war sonnenklar, dass sie mit diesem übel geschwollenen Knöchel nicht in der Lage sein würde, Auto zu fahren. Deshalb wäre es nahezu fahrlässig, extrem verantwortungslos und fast schon kriminell, sie sich selbst zu überlassen, obwohl sie beide in dieselbe Richtung mussten.

Ganz zu schweigen davon, dass er ihr noch etwas schuldig war. Für den Schmerz, den er mit dem Eis auf ihrem Knöchel verursacht hatte. Eine überflüssige Aktion, egal wie wütend ihn ihr kleiner vorlauter Mund gemacht hatte.

Er seufzte. „Kommen Sie. Ich bringe Sie nach Hause.“

Sie sah ihn an, als ob er ihr statt der dringend benötigten Transportmöglichkeit angeboten hätte, ihren nervtötenden Hund zu verprügeln. „Nein!“, rief sie laut, bevor sie die Spieler am anderen Ende der Automatenreihe anlächelte, die von ihren Spielen hochblickten. Sie senkte ihre Stimme. „Vielen Dank, aber das ist nicht nötig.“

„So können Sie nicht fahren.“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Treena anrufe.“

„Sie haben gelogen.“

Sie bedachte ihn mit einem eisigen Blick aus ihren kühlen blauen Augen. „Und woher wollen Sie das wissen?“

„Weil ich gut bin in meinem Job. Ich kann in den Gesichtern von Menschen lesen, die viel abgebrühter sind als Sie.“

„Na gut, ich habe gelogen. Ich rufe Mack an.“

Er schüttelte angewidert den Kopf. „Sie würden Mr. Brody zu dieser späten Stunde stören, obwohl ich bereit bin, Sie nach Hause zu fahren? Sie sind wirklich die anstrengendste, unverantwort…“

„…lichste Frau, der Sie je das Pech hatten, begegnet zu sein. Ja, ja. Diese Unterhaltung hatten wir schon mal.“

Als ihre Wangen sich röteten, bemerkte Wolf zum ersten Mal, wie blass sie einen Augenblick vorher gewesen war. Sie hatte vermutlich große Schmerzen. Doch bevor er von Gewissensbissen geplagt werden konnte, reckte sie das feine, schmale Kinn in die Höhe.

„Gut. Danke. Wenn Sie mich nach Hause bringen würden, wäre das sehr … aufmerksam.“ Sie klang, als ob sie fast an ihren Worten erstickt wäre. Wolfgang konnte ihren Gesichtsausdruck allerdings nicht erkennen; sie beugte sich gerade nach vorn, entfernte das Eis und betastete den Knöchel.

„Können Sie auftreten?“, fragte er den Scheitel ihrer seidig braunen Perücke.

Abrupt hob sie den Kopf, und ihre geschminkten blauen Augen sahen zu ihm auf. „Was wäre denn die Alternative? Wollen Sie mich etwa zum Auto tragen? Nicht nötig! Natürlich kann ich gehen.“

Es juckte ihn in den Fingern. Wie erlösend wäre es gewesen, sie sich einfach über die Schulter zu werfen! Er deutete mit dem Kinn zum Ausgang, der zur Parkgarage führte. „Los, kommen Sie.“

Carly zog erst in aller Ruhe ihren zweiten Schuh aus, bevor sie ihm folgte. Irgendwie gelang es ihr, ihm hinterherzuhumpeln, aber, du lieber Himmel, war sie langsam! Wolfgang geriet mehr als einmal in Versuchung, sie sich doch noch zu schnappen. Doch natürlich widerstand er ihr. Er wollte der wilden Seite der Jones’ nicht nachgegeben. Anders als bei seinem Vater und seiner Schwester Katharina war es glücklicherweise auch nur ein kurzer Impuls, und Wolfgang hatte ihn unter Kontrolle. Er ging also mit zusammengebissenen Zähnen vor Carly her, blieb ab und an stehen, um auf sie zu warten, bis seine Ungeduld wieder überhand gewann und das Spiel von vorn begann. Als sie seinen Wagen endlich erreichten, öffnete er ihr die Beifahrertür.

„Wow“, sagte Carly. Sie streichelte mit einer Hand über das Autodach und betrachtete den Wagen bewundernd. „So einen Schlitten hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.“

Er ging nicht auf ihre Provokation ein. Etwas so Auffälliges wie sein aufgemotzter Straßenkreuzer sah ihm tatsächlich nicht ähnlich. Aber seinen Traum von einem klassischen Angeberschlitten hatte er sich erfüllt. Er strich mit den Fingern über eine der Flammen, die in Bordeaux, Rot, Orange und Gold über das schwarz glänzende Blech züngelten, und öffnete die Tür. „Steigen Sie ein.“

Sie warf einen Blick auf das makellose Innere des Wagens. Zögernd betrachtete sie den schmelzenden Eisbeutel in ihrer Hand. „Ich fürchte, ich mache alles nass.“

Das war das Intelligenteste, was er Carly Jacobsen je hatte sagen hören. Einen Augenblick lang war sie ihm beinahe sympathisch. Er betrachtete sie zum ersten Mal etwas genauer, seit sie im Schneckentempo vom Kasino hierhergekommen waren. Sie war nicht nur wieder sehr blass geworden, ihr standen inzwischen auch Schweißperlen auf Oberlippe und Stirn. Sie fühlte sich eindeutig nicht besonders gut. „Steigen Sie ein“, wiederholte er mit ungewohnter Freundlichkeit.

Sie tat, was er gesagt hatte, und lehnte den Kopf an den Sitz, während er auf der Fahrerseite Platz nahm. Mit der Hand strich sie über das graue Leder des Sitzes. „Was ist das? Ein Ford?“

„Ja.“ Er ließ den Motor an und lauschte befriedigt dem dumpfen Grollen der Maschine. Das Lächeln blieb auch dann noch auf seinen Lippen, als er sich ihr zuwandte. „Ein 1940er Coupé.“

„Cooles Auto.“ Sie hob den Kopf. Langsam, so als ob der Kopf mehr wog, als ihrem schlanken Nacken guttat. Und dann entfernte sie die Perücke. „Wie schön“, murmelte sie. Ihr kurzes blondes Haar lag platt an ihrem Kopf an, aber nachdem sie es mit den Fingern verwuschelt hatte, standen die feinen Spitzen wieder nach allen Seiten ab. Sie sah aus wie immer – wie ein leichtsinniges, sorgloses Showgirl.

Aber eines mit Schatten unter den Augen.

Auf dem kurzen Weg bis zu ihrer Wohnanlage herrschte eine überraschend kameradschaftliche Stille zwischen ihnen. Wolf begann schon zu glauben, dass ein Wunder geschehen und der Abend tatsächlich höflich enden würde.

Er ließ Carly aussteigen, bevor er den Wagen in die Garage brachte. Sie wartete allerdings immer noch auf den Aufzug, als er sie einholte, so langsam kam sie voran. Kaum waren sie im zweiten Stock ausgestiegen, ertönte auch schon ein Bellen aus der Wohnung am Ende des Ganges. Wolf entfuhr ein genervter Laut.

Im gleichen Moment endete der Waffenstillstand zwischen ihnen. Carly drehte sich um und nötigte ihn zu einem umständlichen Ausweichmanöver. Sie drückte ihr Kreuz durch und wurde ein paar Zentimeter größer; ihre blauen Augen verfärbten sich dunkel. Er entdeckte den bekannten Ausdruck in ihrem Blick, der nichts anderes sagte als „Du kannst mich mal“, während der Hund im Hintergrund nicht aufhörte, wie wahnsinnig zu bellen.

Und seine zarte Hoffnung auf eine ruhige Nacht löste sich in Luft auf.

3. KAPITEL

Sie hatte es vergessen. Carly hatte nur wenige Augenblicke nicht aufgepasst und vergessen, dass Wolfgang Jones nur ein mit Vorurteilen beladener, hundehassender Blödmann war.

Gut. Rufus war ganz sicher eine echte Prüfung. Schlimmer als alle anderen Tiere, die sie je besessen hatte. Aber wenn Jones ihr ein bisschen mehr Freiraum lassen würde, dann würde sie auch endlich den Durchbruch in der Erziehung des Welpen erreichen, das wusste sie. Schließlich war ihr das mit den anderen Tieren, die sie gerettet hatte, auch gelungen.

Doch dieses Mal war sie in Panik. Was, wenn sie diesen Punkt nicht schnell genug erreichen würde? Bis jetzt hatte sie immer Glück gehabt, weil die Nachbarn ein Auge zugedrückt hatten. Eigentlich war pro Wohnung maximal ein Tier erlaubt.

Jones hätte es ihr ohne Weiteres vermasseln können. Das Recht war auf seiner Seite, und er war so ein offensichtlicher Verfechter von Regeln. Wenn er eine formelle Beschwerde einreichen würde, würde Carly nicht nur Rufus, sondern auch ihre anderen Babys verlieren.

Bei diesem Gedanken wurde ihr schlecht. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Stinksauer darüber, dass Herr Obergrimmig sie in diese Situation gebracht hatte, bedachte sie ihn mit finsteren Blicken. Er war in jeder Hinsicht unnachgiebig. Körperlich und geistig. Obwohl sie es hasste, ihm etwas erklären zu müssen, schluckte sie ihren Stolz hinunter und sagte in einem möglichst neutralen Ton: „Es ist nicht Rufus Schuld, wissen Sie. In seinem Herzen ist er ein ganz feiner Hund. Er wurde verlassen, und ich habe ihn gefunden. Ich glaube, er hatte eine schlimme Zeit als Baby, und deshalb braucht er ein bisschen länger, um sich einzugewöhnen.“ Das Schloss klickte, und sie öffnete die Tür.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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