Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Land der Schatten - Magische Begegnung E-Book

Ilona Andrews  

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E-Book-Beschreibung Land der Schatten - Magische Begegnung - Ilona Andrews

Rose Drayton lebt an der Grenze zwischen zwei Welten - der Wirklichkeit, wie wir sie kennen, und einer Welt der Magie. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die zwischen beiden Welten hin und her reisen können. Da steht eines Tages der Adlige Declan vor ihrer Tür. Er will Rose und ihre Magie für sich gewinnen. Zunächst weigert sich Rose, Declan in ihr Leben zu lassen. Doch dann bedroht eine Flut magiehungriger Geschöpfe ihre Familie. Rose muss sich auf Declan einlassen, um das Schlimmste zu verhindern.

Meinungen über das E-Book Land der Schatten - Magische Begegnung - Ilona Andrews

E-Book-Leseprobe Land der Schatten - Magische Begegnung - Ilona Andrews

Inhalt

Titel

Widmung

1

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5

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Danksagung

Impressum

ILONA ANDREWS

Roman

Ins Deutsche übertragen von Ralf Schmitz

 

Für meinen Mann. Damit hast du bestimmt nicht gerechnet.

 

1

»ROSIE!« Großvaters Gebrüll erschütterte das Haus in seinen Grundfesten.

»Warum immer ich?« Rose wischte sich mit einem Küchentuch den Spülwasserschaum von den Händen, klaubte die Armbrust vom Haken und stapfte auf die Veranda hinaus.

»Roooosie!«

Mit dem Fuß stieß sie die Fliegengittertür auf. Hoch aufgerichtet stand er im Vorgarten, ein riesiger Zottelbär von einem Mann, die verwirrt blickenden Augen weit aufgerissen, den verfilzten Bart mit Blut und glibberig gräulichen Fleischfetzen verkrustet. Sie legte die Armbrust auf ihn an. Er war mal wieder voll wie eine Haubitze.

»Was gibt’s?«

»Ich will ins Pub. Eine Halbe trinken.« Seine Stimme wurde weinerlich. »Gib mir Geld!«

»Nein.«

Er fauchte sie an, schwankte dabei auf unsicheren Beinen. »Rosie! Das ist deine letzte Chance, mir einen Dollar zu geben.«

Sie seufzte und erschoss ihn. Der Bolzen traf genau zwischen die Augen, und Großvater fiel auf den Rücken, gefällt wie ein Baum. Seine Beine zuckten auf dem Boden.

Rose stützte den Kolben der Armbrust auf ihre Hüfte. »Also schön, kommt raus.«

Die beiden Jungen traten hinter der riesigen Eiche hervor, die ihre Äste über den Vorgarten reckte. Beide waren mit rötlichem Matsch, Harz und dem übrigen undefinierbaren Zeugs besudelt, das ein Acht- und ein Zehnjähriger so im Wald fanden. Georgies Hals zierte ein gezackter Kratzer, aus seinen blonden Haaren lugten braune Kiefernzweige hervor. Auf der Haut zwischen Jacks Fingerknöcheln zeichneten sich rote Striemen ab. Als er sah, dass Rose seine Hände betrachtete, riss er die Augen auf, seine bernsteinfarbenen Iriden flackerten gelb, und er verbarg die Fäuste hinter dem Rücken.

»Wie oft muss ich euch das noch sagen? Ihr sollt die Finger von den Wehrsteinen lassen. Jetzt seht euch Großvater Cletus an! Er hat mal wieder Hundehirn gegessen, und jetzt hat er einen im Kahn. Ich brauche bestimmt eine halbe Stunde, bis ich ihn abgespritzt habe.«

»Wir vermissen ihn aber«, wandte Georgie ein.

Sie seufzte. »Ich vermisse ihn auch. Aber betrunken nützt er niemandem etwas. Also, ihr zwei, bringen wir ihn wieder in seinen Schuppen zurück. Fasst mal die Beine an.«

Gemeinsam schleppten sie Großvaters leblose Gestalt zu dem Schuppen am Rand der Lichtung und warfen ihn auf seine Sägespäne. Rose entrollte die Eisenkette in der Ecke, zerrte sie quer durch den Schuppen, klinkte sie in die Manschette um Großvaters Hals und zog sein linkes Augenlid hoch, um die Pupille zu checken. Noch nichts Rotes. Guter Schuss – er würde stundenlang außer Gefecht gesetzt bleiben.

Rose stellte einen Fuß auf seine Brust, umfasste den Bolzen und zog ihn mit einem Ruck heraus. Sie kannte noch genau den Großvater Cletus von früher: ein hochgewachsener, eleganter Mann, unschlagbar mit dem Rapier, eine leicht schottisch gefärbte Stimme, die seine Herkunft verriet. Selbst in seinem Alter hätte er gegen Dad noch in einem von drei Waffengängen bestanden. Und jetzt war er … dieses Ding. Sie seufzte. Es tat weh, ihn so zu sehen, aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern. Solange Georgie unter den Lebenden weilte, tat das auch Großvater Cletus.

Die Jungen brachten den Gartenschlauch, Rose drehte das Wasser an, stellte die Düse auf »Jet« und richtete den Wasserstrahl auf Großvater, bis Blut und Hundefleisch abgewaschen waren. Sie hatte nie so recht begriffen, warum »ins Pub gehen« streunende Hunde aufscheuchen und ihre Gehirne verzehren bedeutete, aber wenn Großvater aus seinem Wehrkreis herauskam, war kein Straßenköter vor ihm sicher. Nach dem Abspritzen hatte sich auch das Loch in seiner Stirn geschlossen. Wenn Georgie etwas von den Toten zurückholte, gab er ihm nicht bloß das Leben zurück, es wurde durch ihn auch so gut wie unzerstörbar.

Rose trat aus dem Schuppen, schloss die Tür hinter sich ab und zerrte den Gartenschlauch zur Veranda zurück. Ihre Haut prickelte, als sie die unsichtbare Grenze überschritt. Die Jungen mussten die Wehrsteine zurückgelegt haben. Blinzelnd musterte sie die Wiese. Ja, da waren sie, eine Reihe kleiner, scheinbar ganz gewöhnlicher, im Abstand von gut einem Meter platzierter Steine, ein jeder schwach magisch aufgeladen. Zusammen bildeten sie eine verzauberte Barriere, die ausreichte, um Großvater auch dann in seinem Schuppen festzuhalten, wenn er seine Kette sprengte.

Rose winkte die Jungen heran und hob den Gartenschlauch. »Jetzt seid ihr dran.«

Sie krümmten sich unter dem kalten Wasserstrahl, trotzdem wusch sie beide methodisch von Kopf bis Fuß ab. Als der Matsch von Jacks Füßen floss, entdeckte sie einen fünf Zentimeter langen Riss in seinen Skechers. Rose ließ den Gartenschlauch fallen.

»Jack!«

Er duckte sich ängstlich.

»Die Schuhe haben fünfundvierzig Dollar gekostet.«

»Tut mir leid«, flüsterte er.

»Morgen fängt die Schule wieder an. Was hast du dir dabei gedacht?«

»Er ist an den Kiefernstämmen hochgeklettert, um an die Blutsaugervögel ranzukommen«, erklärte Georgie.

Sie funkelte ihn an. »Georgie! Dreißig Minuten Auszeit heute Abend, weil du gepetzt hast.«

Georgie biss sich auf die Lippe.

Dann sah Rose Jack an. »Ist das wahr? Dass du hinter den Blutsaugervögeln her warst?«

»Ich kann nichts dafür. Ihre Schwänze flattern so …«

Sie hätte ihm am liebsten eine gescheuert. Es stimmte ja, dass er nichts dafür konnte – es war schließlich nicht sein Fehler, als Katze geboren worden zu sein –, aber die Schuhe waren nagelneu, sie hatte sie ihm extra für die Schule gekauft. Für diese Schuhe hatte sie ihren Geldbeutel auf links gedreht und ihre letzten Pennys zusammengekratzt, damit der Junge nicht Georgies alte, ausgelatschte Turnschuhe auftragen musste und genauso adrett aussah wie alle anderen Zweitklässler. So was tat einfach weh.

Jacks Gesicht verzerrte sich zu einer starren, weißen Maske – er war den Tränen nah.

Ein schwacher Funken Macht zupfte an ihr. »Georgie, hör auf, die Schuhe wiederbeleben zu wollen. Die waren noch nie lebendig.«

Der Funke erlosch.

Da ergriff sie eine seltsame Verzweiflung, ihr Schmerz wich einer Art Taubheitsgefühl. In ihrer Brust baute sich Druck auf. Sie hatte es so satt, jeden Dollar zweimal umdrehen und jede Kleinigkeit genau zuteilen zu müssen. Ihr stand das alles bis Oberkante Unterlippe. Und jetzt musste sie Jack ein neues Paar Schuhe kaufen. Nicht wegen Jack, sondern wegen ihres eigenen Seelenfriedens. Rose hatte keinen Schimmer, wo sie das Geld dafür hernehmen sollte, aber sie wusste, dass sie ihm auf der Stelle ein neues Paar Schuhe kaufen musste, sonst würde sie explodieren.

»Jack, weißt du noch, was passiert, wenn einer von den Blutsaugervögeln dich beißt?«

»Ich verwandele mich in einen?«

»Genau. Du darfst die Vögel also nicht mehr jagen.«

Er ließ den Kopf hängen. »Werde ich jetzt bestraft?«

»Ja. Aber ich bin zu sauer, um dich sofort zu bestrafen. Darüber reden wir, wenn wir wieder zu Hause sind. Geh jetzt, putz dir die Zähne, kämm dir die Haare, zieh dir trockene Sachen an und hol die Flinten. Wir fahren zu Wal-Mart.«

Der alte Ford-Truck rumpelte auf seinen Stoßdämpfern über den Feldweg. Die Flinten klapperten auf dem Bodenblech. Um für Ruhe zu sorgen, stellte Georgie seine Füße darauf, ohne dass sie ihn darum bitten musste.

Rose seufzte. Hier, im Edge, konnte sie ganz gut für ihren Schutz sorgen. Doch bald würden sie das Edge hinter sich lassen und in eine andere Welt eindringen, ihre Magie würde im Augenblick des Übergangs von ihnen abfallen. Und sie würden sich ihrer Haut nur noch mit den beiden Jagdgewehren auf dem Boden erwehren können. Rose plagten Gewissensbisse. Wenn sie nicht wäre, benötigten sie die Flinten gar nicht. Großer Gott, sie wollte nicht noch einen Überfall erleben. Nicht jetzt, wo ihre Brüder mit im Wagen saßen.

Sie lebten in einer Zwischenwelt. Auf der einen Seite das Weird, auf der anderen das Broken. Zwei Dimensionen, die nebeneinander existierten. Die eine das Spiegelbild der anderen. Und wo die Dimensionen sich »berührten«, überlappten sie einander ein Stück, bildeten einen schmalen Streifen Land, der beiden Dimensionen angehörte: das Edge. Während die Magie das Weird schier überflutete, glich sie im Edge eher einem flachen Rinnsal. Und im Broken gab es überhaupt keine Magie zu ihrem Schutz.

Rose beäugte den Wald, der sich an den Fahrweg schmiegte, die riesigen Bäume neigten sich dicht über das schmale Band festgefahrener Erde. Sie fuhr diesen Weg jeden Tag zu ihrer Arbeit im Broken, aber heute jagten ihr die Schatten zwischen den knorrigen Stämmen Angst ein.

»Spielen wir Was-nicht-geht«, schlug sie vor, um das Gefühl der Bedrohung loszuwerden. »Georgie, du fängst an.«

»Er hat letztes Mal angefangen.« Jacks Augen glänzten bernsteinfarben.

»Nei-eeen.«

»Do-hoooch.«

»Georgie fängt an«, sagte sie noch einmal.

»Tote Sachen zurückholen geht nicht hinter der Grenze.«

»Fell und Krallen wachsen lassen geht nicht hinter der Grenze.«

Sie spielten dieses Spiel auf der Fahrt ins Broken jedes Mal. Es erinnerte die Jungen daran, was ging und was nicht ging, und brachte eindeutig mehr als jede Standpauke. Nur sehr wenige Leute im Broken wussten vom Edge oder vom Weird, und es war für alle Beteiligten sicherer, wenn das auch so blieb. Ihre Erfahrung hatte Rose gelehrt, dass bei dem Versuch, jemandem im Broken die Existenz von Magie zu erklären, nichts Gutes herauskam. Es beförderte einen zwar nicht gerade in eine Nervenheilanstalt, aber mit Sicherheit in die Kategorie Volltrottel, und ließ die Leute in der Mittagspause einen weiten Bogen um einen machen.

Für die meisten Bewohner des Broken gab es das Broken, das Edge und das Weird überhaupt nicht. Sie lebten in den Vereinigten Staaten, auf dem Kontinent Nordamerika, auf dem Planeten Erde – und damit hatte es sich. Die meisten Bewohner des Weird konnten die Grenze ihrerseits ebenso wenig erkennen. Es brauchte schon jemand Besonderen, um sie zu finden, und die Kinder mussten sich das ins Gedächtnis rufen.

Georgie berührte sie an der Hand. Jetzt war sie an der Reihe. »Sich hinter einem Wehrstein verstecken geht hinter der Grenze nicht.« Sie sah die beiden an, doch sie machten weiter, ohne ihre Ängste zu bemerken.

Der Fahrweg lag verlassen. Um die Abendzeit fuhren nur wenige Edger auf dieser Straße. Rose trat aufs Gas, da sie diesen Ausflug schnell hinter sich bringen und in die Sicherheit ihres Heims zurückkehren wollte.

»Verlorene Sachen wiederfinden geht nicht hinter der Grenze«, sagte Georgie.

»Im Dunkeln sehen geht nicht hinter der Grenze.« Jack grinste.

»Blitze schleudern geht nicht hinter der Grenze«, sagte Rose.

Das Blitzeschleudern war ihre beste Waffe. Die meisten Edger besaßen jeweils besondere Gaben: manche prophezeiten, manche kurierten Zahnweh, manche, wie Georgie, holten die Toten zurück; andere, wie Rose und ihre Großmutter, verhexten Menschen. Das Blitzeschleudern jedoch konnte jeder lernen, der über einen Funken Magie verfügte. Das war keine Sache der Begabung, sondern der Übung. Man griff dabei auf die Magie in einem selbst zurück und leitete sie aus dem eigenen Körper in eine kontrollierte Eruption, die wie ein Lichtbogen oder ein Band aus Licht aussah. Mit ein wenig Magie und Ausdauer ließ sich das Blitzeschleudern leicht lernen – je heller die Farbe, desto heißer und mächtiger der Blitz. Ein kraftvoller, heller Blitz stellte eine furchtbare Waffe dar. So ein Blitz fuhr durch einen Körper wie ein heißes Messer durch Butter. Doch die meisten Edger bekamen keine Blitze hin, die hell genug waren, um irgendetwas damit zu töten oder auch nur zu verletzen. Sie gehörten zu den Mischwesen, die in einer Zone minderer Magie lebten, und die meisten von ihnen schleuderten lediglich rote oder dunkelorangefarbene Blitze. Ein paar Glücklichen gelangen immerhin schon grüne oder blaue Blitze.

Der ganze Schlamassel hatte mit ihrem Blitz angefangen.

Nein, dachte Rose, sie hatten schon vorher jede Menge Ärger gehabt. Das Pech verfolgte die Draytons. Sie waren eben schlauer und verdrehter, als ihnen guttat: ihr Großvater ein Pirat und Vagabund, ihr Vater war Goldgräber. Großmama besaß den Dickschädel eines Maultiers und meinte immer alles besser zu wissen als der Rest der Welt. Ihre Mutter war eine Herumtreiberin. Früher betrafen die Schwierigkeiten immer nur einzelne Familienmitglieder. Aber als Rose während der Abschlussfeier ihren weißen Blitz schleuderte, hatte sie damit die Aufmerksamkeit zahlloser Familien im Edge auf ihren kleinen Clan gelenkt. Trotzdem bedauerte sie nichts, nicht mal jetzt, nicht mal mit den Flinten im Auto. Sie wurde deswegen von Schuldgefühlen geplagt und wünschte, die Dinge hätten sich nicht so entwickelt wie geschehen, aber wenn sie die Möglichkeit dazu bekäme, würde sie alles noch mal genauso machen.

Der Fahrweg vor ihr beschrieb eine Kurve. Rose nahm die Biegung ein bisschen zu schnell, und die Federung des Trucks quietschte.

Wie ein grauer Fleck vor dem zunehmenden Zwielicht stand ein Mann auf der Straße.

Rose stieg auf die Bremse. Der Ford schlitterte kreischend über die harte, trockene Erde des Fahrwegs. Sie erhaschte einen Blick auf lange, helle Haare und durchdringend grüne Augen, die sie unverwandt anstarrten.

Der Truck schlingerte auf den Mann zu. Sie konnte ihn unmöglich stoppen.

Da sprang der Mann steil in die Höhe. Mit einem dumpfen Schlag landeten die in dunkelgrauen Stiefeln steckenden Füße auf der Motorhaube des Trucks und verschwanden. Der Mann setzte seitlich über das Wagendach hinweg und verschwand dann zwischen den Bäumen.

Schlitternd kam der Truck zum Stehen. Rose schnappte nach Luft. Ihr Herz flatterte, ihre Fingerspitzen kribbelten, und sie spürte einen bitteren Geschmack im Mund.

Mit einem Schlag löste sie den Sicherheitsgurt, stieß die Tür auf und sprang auf die Straße hinaus. »Sind Sie verletzt?«

Der Wald schwieg.

»Hallo?«

Keine Antwort. Der Mann war verschwunden.

»Rose, wer war das?« Georgies Augen hatten die Größe von Untertassen.

»Keine Ahnung.« Erleichterung überkam sie. Sie hatte ihn nicht getroffen. Sie hatte sich vor Angst fast in die Hose gemacht, ihn aber nicht angefahren. Niemand war verletzt. Alle waren okay …

»Hast du die Schwerter gesehen?«, fragte Jack.

»Welche Schwerter?« Sie hatte bloß die blonden Haare, die grünen Augen und so etwas wie einen Umhang gesehen. Sie konnte sich nicht mal an das Gesicht des Mannes erinnern – nur an einen blassen Fleck.

»Er hatte ein Schwert«, sagte Georgie. »Auf dem Rücken.«

»Zwei Schwerter«, berichtigte Jack. »Eins auf dem Rücken, eins am Gürtel.«

Ein paar der älteren Einheimischen fuchtelten gerne mit Schwertern herum, aber keiner von denen hatte lange, blonde Haare. Und keiner solche Augen. Die meisten Menschen, die einen Truck auf sich zukommen sahen, bekamen es mit der Angst zu tun. Der Mann hatte sie bloß angestiert, als hätte sie ihn, indem sie ihn beinah über den Haufen fuhr, zutiefst beleidigt. Als wäre er so etwas wie der König der Landstraße.

Fremde waren im Edge nicht gern gesehen. Man trieb sich hier besser nicht allzu lange herum.

Jack schnüffelte, zog die Nase kraus, wie er es immer tat, wenn er Witterung aufnahm. »Gehen wir ihn suchen.«

»Gehen wir nicht.«

»Rose …«

»Du bewegst dich schon jetzt auf dünnem Eis.« Sie kletterte wieder in den Truck und zog die Tür zu. »Wir werden bestimmt keinem Armleuchter nachjagen, der sich zu wichtig vorkommt, um am Straßenrand entlangzulaufen.« Sie schnaubte und versuchte, ihre Herzfrequenz unter Kontrolle zu kriegen.

Georgie machte den Mund auf.

»Kein Wort mehr.«

Ein paar Minuten später erreichten sie die Grenze, die Stelle, an der das Edge endete und das Broken begann. Rose wusste immer ganz genau, wann sie die Grenze zum Broken überquerte. Zuerst durchbohrte ein Furchtgefühl ihre Brust, gefolgt von einem momentanen Schwindelanfall, der in Schmerz überging. Als würde der Schauder der Magie, der Glutfunken, der irgendwo in ihrem Innern wohnte, beim Übergang absterben. Der Schmerz währte nur einen Lidschlag lang, dennoch fürchtete sie sich jedes Mal vor diesem Moment. Sie fühlte sich danach unvollständig. Gebrochen. Daher auch die Bezeichnung für die magiefreie Dimension des Broken.

Am anderen Ende des Edge gab es eine gleichartige Grenze, die den Übergang ins Weird abschirmte. Diese Grenze hatte sie niemals zu überqueren versucht. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Zauberkräfte ausreichten, um dort zu überleben.

Problemlos drangen sie ins Broken ein. Der Wald endete mit dem Edge. Georgia-Eichen und Kiefern traten an die Stelle der uralten, dunklen Bäume. Die Erde des Fahrwegs wich Asphalt.

Die schmale, zweispurige Straße führte sie an der Zwillingstankstelle beiderseits der Autobahn vorüber. Rose hielt nach herannahendem Verkehr Ausschau, bog rechts ab und steuerte auf die Ortschaft Pine Barren zu.

Ein Flugzeug donnerte über sie hinweg und setzte zur Landung auf dem nur ein paar Meilen entfernten Flughafen von Savannah an. Die Bäume wichen halb fertigen Einkaufszentren und Baufahrzeugen zwischen Halden des für Georgia typischen roten Schlamms. Die Landschaft ringsum war von Teichen und Flüssen durchsetzt – da es bis zur Küste nur vierzig Minuten Weg waren, stand jedes Erdloch hier früher oder später unter Wasser. Sie kamen an Hotels vorbei – Comfort Inn, Knights Inn, Marriott, Embassy Suites –, hielten vor einer Ampel, überquerten die Überführung und bogen endlich auf einen stark frequentierten Wal-Mart-Parkplatz ab.

Rose stellte den Wagen am Rand ab, hielt die Tür auf und ließ die Jungen aussteigen. Jacks Augen hatten ihren Bernsteinglanz inzwischen eingebüßt und ein schlichtes dunkles Haselnussbraun angenommen. Sie verriegelte den Truck, ruckte für alle Fälle noch mal an der Tür, die fest verschlossen war, und ging auf die hell erleuchteten Eingangstüren zu.

»Denkt daran«, sagte sie, als sie sich unter die abendliche Kundschaft mischten. »Schuhe, und sonst nichts. Ich mein’s ernst.«

 

2

Niemand sagte etwas, bis ein Paar kleiner, schwarz-blauer Schuhe an Jacks Füßen saß. Zwar keine Skechers, aber immerhin so ähnliche. Um die Originale zu kaufen, hätte sie in die Mall von Savannah fahren müssen, aber wenn sie morgen zur Arbeit wollte, musste sie heute mit jedem Tropfen Benzin haushalten. Rose hockte sich hin und drückte auf der Suche nach Jacks Zehen mit dem Finger auf die Schuhspitze. Da war noch reichlich Platz. Der Junge wuchs wie Unkraut, daher versuchte sie immer, Schuhe zu bekommen, die ein bisschen größer waren als eigentlich notwendig. »Sind die auch nicht zu groß?«

Jack schüttelte den Kopf.

»Gefallen sie dir denn?«

Jack nickte.

»Okay«, sagte sie und warf einen Blick auf das Preisschild. 27,99. Sie hätte die Treter selbst dann gekauft, wenn dort fünfzig gestanden hätte.

Die Jungen standen wie verängstigte kleine Kaninchen im Mittelgang und beobachteten sie schweigend. Rose seufzte. »Habt ihr Lust, euch noch die Spielsachen anzuschauen?«

Das Schlüsselwort hieß »anschauen«. Im Bann der Rüstungen und Muskelberge aus bemaltem Plastik staunten die Jungen die Actionfiguren an, während sich Rose am Ende des Verkaufsregals die Beine in den Bauch stand. Der Fremde auf der Straße fiel ihr wieder ein. Der konnte nicht von hier sein, da war sie sich ganz sicher.

Das Edge war in dieser Gegend sehr schmal, maß nicht mehr als zwölf Meilen im Durchmesser. Es gab hier keine richtige Ortschaft, bloß eine Handvoll am Waldrand verstreuter Häuser, die großspurig als East Laporte firmierten. Rose kannte alle hiesigen Edger vom Sehen, und jemand wie der König der Landstraße war ihr bisher noch nicht über den Weg gelaufen. Diese Augen würde sie so schnell nicht vergessen.

Wenn der Typ nicht aus East Laporte stammte, kam er vermutlich aus dem Weird, denn die Leute aus dem Broken bevorzugten Schusswaffen anstelle von Schwertern.

Rose biss sich auf die Lippe. Edger wie sie bewegten sich ungehindert von einer Welt in die andere, aber für jene, die nicht dort geboren waren, stellte der Übergang vom Broken oder aus dem Weird ins Edge kein so leichtes Unterfangen dar.

Zum einen konnten die Leute aus dem Weird und dem Broken nicht über ihre jeweilige Grenze hinwegsehen. Falls jemand aus dem Broken ihr bis ins Edge folgen wollte, würde es so aussehen, als löse sie sich beim Übertritt einfach in Luft auf. Im einen Augenblick wäre sie noch da, im nächsten aber bereits verschwunden, und ihre Verfolger würden weiter in ihrer eigenen Welt herumkurven. Da sie die Grenze nicht wahrnehmen konnten, gab es das Edge für sie nicht. Es existierte nicht, wie ein Zimmer hinter einer Tür, die für immer verschlossen blieb. Die meisten Bewohner des Weird nahmen die Grenze ebenfalls nicht wahr und bekamen nichts von ihr mit. Sie lebten ihr Leben, ohne etwas von dem merkwürdigen Ort in ihrer Nachbarschaft zu wissen, der ein Übergang in eine noch seltsamere Welt war.

Natürlich gab es für jede Regel eine Ausnahme. Manche im Broken erblickten das Licht der Welt mit einer magischen Gabe, die in ihnen schlummerte, bis sie eines Tages über eine unbekannte Straße stolperten und beschlossen, ihr zu folgen, weil sie wissen wollten, wohin sie dieser neue Weg führen würde. Und auch einige Bewohner des Weird entdeckten die andere Dimension. Aber dann gab es ein Problem: Die Überquerung der Grenzen tat richtig weh.

Und daran ließ sich nichts ändern. Menschen wie Rose lebten im Edge, weil sie nur dort Zugriff auf ihre Magie hatten, aber sie arbeiteten oder studierten im Broken, weil sie dort für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. Doch während sie beim Übertritt lediglich Schmerz und Unwohlsein sowie ein kurzes Ziehen empfanden, durchlitt ein im Broken oder Weird Geborener dabei wahre Höllenqualen.

Ein paar Wildentschlossene kamen trotzdem durch. Etwa alle drei Monate traf bei East Laporte eine Karawane aus dem Weird ein. Wie die meisten Edger gab Rose jeden Dollar, den sie erübrigen konnte, für Zeugs aus dem Broken aus: Pepsi. Nylonstrumpfhosen. Bunte Stifte. Und wenn die Karawane kam, trug sie ihre Ausbeute zusammen und verkaufte die Sachen dem Karawanenführer zu einem Festpreis oder tauschte sie gegen Waren aus dem Weird, vor allem Modeschmuck und exotischen Plunder, den sie wiederum an ein paar Händler im Broken veräußerte. Eine kleine Einnahmequelle nebenbei.

Die Karawanen blieben nie lange. Die Welten waren gierig. Ein bisschen zu lange im Broken, und man verlor seine Magie. Blieb man zu lange im Weird, infizierte einen die Magie, und das Broken verwehrte einem den Eintritt. Edger waren einigermaßen immun dagegen – sie konnten sich daher länger als andere in beiden Welten aufhalten, aber selbst sie mussten früher oder später kapitulieren. Peter Padrake, einer der berühmtesten Bewohner des Weird, die ins Broken übergewechselt waren, hatte seine Magie schon vor Jahren verloren. Mittlerweile konnte er nicht mal mehr ins Edge gelangen.

Was also konnte einen Kerl aus dem Weird dazu bewegen, Schmerzen sowie den Verlust seiner Magie zu riskieren, um ins Edge zu reisen? Er war nicht mit einer der Karawanen gekommen – mit denen in den nächsten Wochen ohnehin nicht zu rechnen war. Es musste sich daher um einen Notfall handeln. Womöglich war er wegen ihr hier.

Der Gedanke ließ sie innehalten. Nein, beschloss sie. Man hatte sie in den vergangenen drei Jahren in Ruhe gelassen. Höchstwahrscheinlich kam der Mann nicht einmal aus dem Weird. Das Edge war schmal, aber sehr lang, genauso lang wie die Welten selbst. Im Osten endete es am Ozean, im Westen jedoch erstreckte es sich Tausende von Meilen ins Landesinnere. Klar, der Wald hielt Besucher normalerweise auf Abstand, aber dann und wann bekamen sie es mit Durchreisenden zu tun. Und die erzählten, dass das Edge im Westen breiter wurde. Einem Gerücht zufolge ragte eine Großstadt im Westen sogar keilförmig mitten ins Edge hinein. Vielleicht kam der Mann von dort. Ja, so musste es sein.

Aber wen kümmerte es schon, wo der Typ herkam?

Rose seufzte und griff nach einer großen Dose Seifenblasen mit vier Blasrohren. Georgie stand auf Seifenblasen. Er konnte sie fast zwanzig Sekunden lang beinahe reglos in der Luft halten. Das Geld für die Schuhe hatte sie bereits auf den Tisch gelegt. Wer A sagte, musste auch B sagen. Schließlich hatte Georgie ja nichts falsch gemacht, und Jack hatte die Quittung für seine ruinierten Schuhe in gewisser Hinsicht auch schon bekommen. Also auch noch die Seifenblasen. Eine gute Übung für Georgie. Die würden ihm dabei helfen, das Blitzeschleudern zu lernen …

Da ging ihr auf, dass sie Jack neue Schuhe gekauft hatte, während sie Georgie mit lausigen Seifenblasen abspeiste. Das war nicht fair. Was sie auch tat, sie zog immer den Kürzeren. Scheibenkleister, was war hier richtig und was falsch? Sollte sie die Seifenblasen kaufen oder doch nur die Schuhe? Sie wünschte sich ein Handbuch oder eine Gebrauchsanweisung, die ihr verriet, was verantwortungsbewusste Eltern in so einem Fall unternehmen würden. Sie stellte sich Georgie in zwanzig Jahren vor, wie er in Fußfesseln aus Eisen vor einem Psychiater im Broken saß: »Tja, sehen Sie, Sir, angefangen hat das alles mit Seifenblasen …«

Im Mittelgang sagte Georgie etwas, und eine tiefere, männliche Stimme antwortete ihm. Sofort schrillten in ihrem Kopf die Alarmglocken. Rose beugte sich vor und spähte um das Seifenblasenregal. Da stand ein Mann bei den Jungen und unterhielt sich mit ihnen. Sie stellte die Seifenblasen weg und marschierte auf den Neuankömmling zu.

Er stand von ihr abgewandt. Sie sah einen breiten, muskulösen Rücken in einem ausgeblichenen grünen T-Shirt, das sich an seinen Schultern spannte und an der Taille locker fiel. Das T-Shirt hatte schon bessere Tage gesehen, und seine Jeans kamen auch nicht günstiger weg: alt, abgetragen, grau wegen des Drecks, der sich für alle Zeiten ins Gewebe eingegraben hatte. Der Mann hatte dunkle Haare, die ihm nicht ganz bis auf die Schultern fielen.

Es handelte sich nicht um einen hiesigen Edger, Jack hätte ihn gewittert, wenn er frisch aus dem Edge oder dem Weird gekommen wäre. Magie richtete jenseits der Grenze nichts aus, dennoch besaß Jack auch hier einen schärferen Geruchssinn als Normalos, und Menschen, denen Magie im Blut lag, haftete ein ganz bestimmter Geruch an. Sie selbst konnte dieses Aroma nicht wahrnehmen, aber Jack bestand darauf, dass sie nach Pasteten rochen, was immer er damit meinte. Und er hatte die strenge Anweisung, ihr jede unbekannte, nach Pastete riechende Person im Broken auf der Stelle anzuzeigen.

Als sie näher kam, vernahm sie die Stimme des Mannes. »… ja, aber die Arme sind unbeweglich. Der bleibt so steif. Du kannst ihn nicht kämpfen lassen.«

Er hörte sich nicht wie ein Kinderschänder an, aber Kinderschänder hörten sich leider nie wie Kinderschänder an. Die klangen immer wie nette, gesetzestreue Kirchgänger aus der Nachbarschaft. Und konnten gut mit Kindern umgehen.

Georgie sah sie kommen. »Rose, er findet die Actionfiguren auch toll.«

»Schon klar«, sagte sie. Wenn sie jetzt im Edge gewesen wären, und wenn sie gewusst hätte, wie man die Umwelt mit seiner Macht beeinflusste, hätte ihre Stimme alles im Umkreis von achtzehn Metern zu Eis erstarren lassen. »Und treibt er sich auch gerne bei den Spielsachen rum und quatscht kleine Jungs an?«

Der Mann drehte sich um. Er sah aus wie Ende zwanzig. Ein kantiges Kinn und ausgeprägte Wangenknochen kennzeichneten sein ansprechendes Gesicht. Keine Spur von Babyspeck, fast hohlwangig, die Nase schmal und gut geschnitten. Sie musterte seine tief liegenden haselnussbraunen Augen. Die Augen überzeugten sie: Sie blickten ehrlich und unverwandt. Also kein Kinderschänder, befand sie, wahrscheinlich bloß ein netter Kerl, der sich mit Kindern in der Spielzeugabteilung unterhielt.

Er nahm eine Piratenfigur aus dem obersten Regal. »Der hier bewegt sich. Den kannst du hinstellen, wie du willst.« Er gab Georgie das Spielzeug, und die Jungen fielen sofort darüber her. »Sorry«, sagte der Mann. »Ich wollte Sie nicht beunruhigen.«

»Ich war nicht beunruhigt.« Sie schaltete eine Alarmstufe runter.

»Mein Fehler.« Er wandte sich wieder den Spielsachen zu.

Sie stand neben ihm und fühlte sich ein wenig unbehaglich. »Kaufen Sie für sich oder für Ihren Sohn ein?«, erkundigte sie sich, um überhaupt irgendetwas zu sagen.

»Für mich.«

»Ah. Sind Sie Sammler? Einer von den Typen, die immer alles original verpackt lassen?« Na super, dachte sie. Anstatt einigermaßen komfortabel aus der Nummer rauszukommen, fragst du diesem Fremden Löcher in den Bauch und beleidigst ihn auch noch.

Er sah sie an. »Nein, ich packe die Figuren aus und spiele damit. Ich stelle gewaltige Schlachtordnungen auf. Aufgeteilt nach Gewichtsklassen.« Seine Stimme klang ein klein wenig streitlustig.

»Haben Sie viele Figuren?«, wollte Georgie wissen.

»Vier Kisten voll.«

Mach nur so weiter, dachte Rose gehässig, riss sich aber sofort zusammen. Er konnte ja nicht wissen, dass sie nicht genug Geld besaß, um den Jungen Actionfiguren zu kaufen. Er beantwortete nur ihre Fragen. Aber sie musste diese Unterhaltung beenden, die vermaledeiten Schuhe kaufen und nach Hause zurückfahren.

»Ich warte noch drauf, dass mal jemand eine gute Conan-Figur herstellt, aber auf die Idee ist noch keiner gekommen«, sagte der Mann jetzt. »Ich hab’s aufgegeben. Heute war ich hinter Green Arrow her, aber den führt auch niemand.«

»Welchen denn?«

Er warf ihr einen misstrauischen Blick zu. »Den von Hard Traveling Heroes.«

Rose nickte. Ihre beiden kleinen Brüder hatten sie zu einer Expertin in Sachen Actionfiguren gemacht. »Von DC Direct? Den gibt’s ein Stück weiter bei Parallel Universe, aber der kostet Sie dreißig Schleifen.« Sie hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Das war ihr jetzt rausgerutscht.

Er machte große Augen. »Können Sie mir sagen, wo das ist?«

»Wir zeigen es Ihnen«, schmiss sich Georgie ran.

Sie funkelte ihn an.

»Wir können ihm doch die Comics zeigen, oder, Rose?« Jacks Augen waren riesengroß. »Bitte.«

Rose musste sich zusammenreißen, um nicht aus der Haut zu fahren.

»Schon gut«, sagte der Mann. »Ich werde schon hinfinden. Aber danke, dass Sie mir gesagt haben, wo ich fündig werde.«

Er sah sie an, als hätte sie nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Nein, wir zeigen Ihnen den Weg«, hörte Rose sich sagen. »Es ist nur ein Stück die Straße runter, aber man kann nicht gut erklären, wie man da hinkommt. Also los, Jungs!«

Fünf Minuten später marschierten die vier über den Bürgersteig vor dem Wal-Mart.

»Noch mal danke«, sagte der Mann. »Ich heiße übrigens William.«

»Rose«, gab sie zurück und beließ es dabei.

Die Jungen waren anscheinend hingerissen von William. Vor allem Jack wirkte wie gebannt. Was nicht verwunderlich erschien – schließlich war er zu jung, um sich an ihren Vater zu erinnern, und von ihren männlichen Verwandten verweilte keiner jemals lange genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Ein einsames Kind, das von seinem Vater im Stich gelassen wurde, weil der lieber einem Phantomschatz nachjagte. Jack sehnte sich verzweifelt nach männlicher Aufmerksamkeit.

»Ich habe neue Schuhe«, verkündete Jack.

William blieb stehen und betrachtete seine Schuhe. »Coole Treter.«

Jack lächelte. Ein winziges, zögerliches Lächeln. Er lächelte nicht sehr häufig. Wenn Rose in diesem Moment ihren Vater in die Finger bekommen hätte, hätte sie ihn vermutlich mit einem einzigen Faustschlag in den Asphalt gerammt.

Georgie holte tief Luft, offensichtlich wollte er in Sachen Coolness nicht abgehängt werden. Sie konnte die Zahnräder unter seinem Blondschopf beinahe knirschen hören. Hätte sie ihm doch die verfluchten Seifenblasen gekauft, dann könnte er jetzt wenigstens auch mit einer Neuerwerbung angeben.

Georgie blinzelte ein paarmal, dann brach die einzige Neuigkeit aus ihm heraus, die ihm in diesem Moment einfiel: »Ich hab Hausarrest, weil ich gepetzt hab.«

»Echt?«, sagte William.

Rose wappnete sich. Wenn er jetzt anfing, von Blutsaugervögeln zu erzählen, musste sie sich schleunigst etwas einfallen lassen. Doch Georgie nickte nur. »H-hm.«

»Das war sicher nicht gut.«

»Nein.«

William warf ihr einen Blick zu. »Erteilt deine Schwester dir oft Hausarrest?«

»Nein. Meistens macht sie so …« Georgie verdrehte in einer perfekten Nachahmung ihrer selbst die Augen und brummte: »Warum immer ich?«

William sah sie an.

»Wie kommen Sie drauf, dass ich ihre Schwester bin?«

Er zuckte die Achseln. »Sie sehen jung aus. Außerdem würden nicht viele Kinder ihre Mutter Rose nennen.«

Sie kamen ans Ende des Bürgersteigs. Sie nahm die Jungen bei den Händen, gemeinsam überquerten sie die Straße und liefen über die Wiese zu einer kleinen Plaza. »Sie sind nicht von hier?«

»Nein, ich bin erst vor ein paar Wochen von Florida hergezogen«, erklärte William. »Man findet hier leichter Arbeit.«

»Was machen Sie denn?«

»Ich bin Fliesenleger.«

Rose nickte. Die Gegend erlebte gerade einen Bauboom. Jedes Mal, wenn sie hierherkam, hatten Bautrupps noch mehr Bäume gefällt, um Platz für weitere Wohnsiedlungen und Einkaufszentren zu schaffen. Als Fliesenleger verdiente man hier gutes Geld. Kein Wunder, dass er sich vier Kisten Spielzeugfiguren leisten konnte.

Parallel Universe war wie die Wurst in einem Hotdog zwischen ein Café und eine UPS-Filiale gequetscht. Für einen Comicladen präsentierte sich das Innere sauber und aufgeräumt. In seinem früheren Leben war Peter Padrake mal Commodore Peter Padrake gewesen, die Geißel des Blutmeers und ein loyaler Freibeuter von Adrianglia, eines im Weird gelegenen Landes. Vor zehn Jahren hatte er das Weird verlassen und sich im Broken zur Ruhe gesetzt. Irgendwie hatte er es geschafft, seine Ersparnisse gegen gute, alte US-Währung einzutauschen und damit Parallel Universe aufzumachen. Peter führte seinen Comicladen so, wie er vermutlich auch sein Schiff geführt hatte: Das Geschäft war makellos und die Comics standen, streng nach Verlagen und Titeln sortiert, in Kisten, jedes Heft in eine Plastikhülle eingeschweißt und mit einem Preisschild versehen. Die Preise waren nicht verhandelbar. Peter hasste es zu feilschen.

Er begrüßte sie mit einem säuerlichen Blick. Rose wusste, dass er es nicht persönlich meinte. Aber sie verhieß Ärger, und Ärger hasste Peter sogar noch mehr als zu feilschen.

»Da ist er.« Georgie zupfte an Williams Ärmel. »Da drüben.«

William folgte Georgie und Jack in den Hintergrund des Ladens.

Rose lächelte Peter an. Er gab sich derweil alle Mühe, wie eines der Steinmonumente von den Osterinseln auszusehen. Sie entzog sich seinem strengen Blick, ging ebenfalls nach hinten durch und betrachtete im Vorbeigehen die Comicromane an den Wänden. Sie liebte Comics. Und Bücher auch. Sie waren ihr Fenster zum Broken und ließen sie träumen.

Girl Genius … Wie oft hatte sie sich gewünscht, wie Agatha zu sein, die aus einer rostigen Gabel, altem Kaugummi und einem Stück Kordel unglaubliche Superwaffen frickelte. Rose griff nach einem in Plastik eingeschweißten Comicroman. Zwanzig Schleifen … Nicht in diesem Leben. Sie blickte auf und sah William, der zuhörte, wie Georgie ihm die Beschreibung der Actionfigur auf der Rückseite des Kartons vorlas. Eigentlich sah der Typ gar nicht mal so übel aus, dachte sie. Und Geduld besaß er auch noch. Die meisten Männer hätten Georgie längst abgewimmelt. Vielleicht war er ja doch ein Kinderschänder.

Was für ein bescheuerter Gedanke. Weshalb musste jeder Mann, der zwei Jungs, die offensichtlich nach männlicher Gesellschaft gierten, ein wenig Aufmerksamkeit schenkte, automatisch ein Krimineller sein?

William lächelte ihr zu. Und Rose erwiderte sein Lächeln mit aller gebotenen Vorsicht. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem William. Sie hätte nicht mit dem Finger darauf zeigen können, aber es war höchste Zeit, ihre Brüder einzusammeln und von hier zu verschwinden.

Rose bog um einen schmalen Verkaufsständer und stieß mit Jack zusammen. Der Junge stand vollkommen reglos im Mittelgang, mit leicht gebeugten Knien, fast atemlos, und fixierte ein Bücherregal wie eine Katze ihre Beute. Sie folgte seiner Blickrichtung und entdeckte einen grellbunten Comic. Kein typisch amerikanischer Comic, sondern ein dicker, kleinformatiger Manga-Band. Der Umschlag zeigte ein Mädchen im Matrosenanzug und einen Jungen mit weißen Haaren, der einen roten Kimono trug. Rote Buchstaben fetzten über die Titelseite: InuYasha.

Rose nahm den Comic aus dem Regal. Jacks Augen gingen mit. »Was?«, fragte sie.

»Katzenohren«, antwortete er. »Er hat Katzenohren.«

Rose musterte den Umschlag und sah pelzige, dreieckige Ohren aus dem weißen Haarschopf des Jungen hervorlugen. Sie blätterte durch die Seiten. »Hier steht, er ist halb Mensch, halb Hundsdämon. Das sind gar keine Katzenohren.«

Jacks verzagte Miene verriet ihr, dass ihm das vollkommen egal war.

Sie sah sich nach Peter um. »Führst du jetzt auch Mangas?«

Peter stand hinter seiner Ladentheke und zuckte nur mit den Achseln. »Die sind gebraucht. So’n Typ hat die angeschleppt. Ich verkaufe sie im Set. Drei Stück zu zehn Dollar. Wenn ich sie loswerde, bestell ich vielleicht ein paar Neue.«

»Bitte«, flüsterte Jack mit riesengroßen Augen.

»Bestimmt nicht. Du hast schon die Schuhe. Und Georgie hat überhaupt nichts bekommen.«

»Kann ich sie dann nicht haben?« Georgie tauchte wie aus dem Nichts neben ihr auf.

»Nein.« Drei Dollar waren vielleicht noch drin, aber keine zehn, und Peters Miene verriet ihr, dass er das Dreierpack nie und nimmer aufdröseln würde.

»Das kann ich doch übernehmen«, erbot sich William.

»Nein!« Sie trat einen Schritt zurück. Sie mochten arm sein, aber Bettler waren sie nicht.

»Schauen Sie, ernsthaft, ich habe sie hierhergeschleift, damit Sie mir den Laden zeigen. Und den Green Arrow nehme ich sowieso mit, da kommt es auf zehn Dollar mehr oder weniger nicht an.« Er sah Peter an. »Die bezahle ich.«

»Bestimmt nicht«, sagte sie und beschwerte ihre Stimme mit Stahl.

»Rose, bitte –« Georgie verfiel in einen weinerlichen Singsang.

Sie fiel ihm ins Wort. »Wir sind Draytons. Wir betteln nicht.«

Der Junge presste die Lippen aufeinander.

»Kommt aus dem Quark und hört auf, meine Zeit zu vergeuden«, warf Peter ein.

William sah ihn an. Mit einem 1000-Yards-Starren, das Peter wie ein Dolch aufspießte. Obwohl sie selbst gar nicht davon betroffen war, überkam sie das dringende Bedürfnis, ein Stück zurückzuweichen und sich zu verkrümeln. Peter Padrake griff nach der Schublade, in der er seinen .45er aufbewahrte, und stand dann reglos da.

Rose nahm die Comics und legte sie auf die Ladentheke. »Sagtest du zehn?«

»Mit Mehrwertsteuer 10,59«, antwortete Peter, ohne William aus den Augen zu lassen.

Rose lächelte. Sie hatte noch genau 10,75 Benzingeld im Portemonnaie. Rose kramte ihre Brieftasche hervor, entnahm ihr die labbrigen Dollarscheine und drei Vierteldollarmünzen und schob sie Peter hin. Sie bekam ihr Wechselgeld, gab den Jungen, immer noch lächelnd, die Comics und marschierte mit ihrem Anhang im Schlepptau aus dem Laden.

»Rose, warten Sie.« William folgte ihr.

Schön weitergehen jetzt …

»Rose!«

Sie drehte sich um und sah ihn an. »Ja?«

Er schloss zu ihnen auf. »Wenn ich nichts gesagt hätte, hätten Sie die Comics niemals gekauft. Lassen Sie mich das wiedergutmachen. Gehen Sie morgen Abend mit mir essen. Ich lade Sie ein.«

Sie blinzelte.

»Ich kenne hier niemanden«, fuhr er fort. »Ich hab es satt, alleine zu essen. Und das mit dem Laden tut mir leid.«

Rose zögerte.

Er beugte sich ein Stück vor, um ihr in die Augen zu schauen. »Ich möchte Sie wirklich gerne wiedersehen. Sagen Sie Ja.«

Es war eine Ewigkeit her, seit sie sich mit jemandem verabredet hatte. Zu was auch immer. Vier Jahre jetzt.

Morgen war Mittwoch, da ging die Schule wieder los. Die Kinder würden ihre Großmutter sehen wollen, um ihr alles haarklein zu erzählen. Also war ein Abendessen durchaus drin. Aber William hatte etwas an sich, das sie vor ihm zurückschrecken ließ. Er sah gut aus, und sie hätte ihn gern sympathisch gefunden. Aber das tat sie nicht. Er hatte Peter vorhin fast wie ein Raubtier angestarrt. »Sie sind nicht mein Typ.«

»Woher wollen Sie das wissen? Wir haben kaum mehr als zwanzig Worte gewechselt.«

Das stimmte. Sie wusste überhaupt nichts über ihn. Da war es auf jeden Fall klüger, ihm eine Abfuhr zu erteilen und sich wieder hinter ihre Wehrsteine zu verdrücken. Um sich zu verstecken. Bei dem Gedanken sträubte sich etwas in ihr, so wie damals, am Anfang der fünften Klasse, als Sarah Walton sie zum ersten Mal Hurentochter genannt hatte. Die typische Halsstarrigkeit der Draytons, die ihre Großmutter berühmt gemacht hatte, erhob ihr krauses Haupt. Nein, dachte sie. Sie würde sich nicht für den Rest ihres gottverdammten Lebens hinter ihren Wehrsteinen wegducken.

Andererseits würde sie auch niemand dazu zwingen, etwas zu tun, was ihr gegen den Strich ging. Das wäre eine genauso schwache Leistung.

»Sie sind ein netter Kerl, William, aber ich kann wirklich nicht. Morgen ist der erste Schultag, da muss ich zu Hause sein.«

Er sah sie lange an, dann hob er mit nach außen gekehrten Handflächen die Arme. »Okay. Vielleicht laufen wir uns ja irgendwann noch mal über den Weg.« Er ließ es wie ein Versprechen klingen.

»Vielleicht«, sagte sie.

 

3

Der Mittwoch setzte alles daran, möglichst ungemütlich zu verlaufen.

Mit plärrendem Signalhorn raste ein weißer Sattelschlepper an ihr vorbei. Rose würdigte ihn keines Blickes. Die Nadel ihrer Benzinanzeige war schon bis an den linken Rand des gelben »E« gekippt.

»Bloß noch bis ins Edge«, murmelte sie. »Mehr verlange ich ja gar nicht.«

Der alte Ford rumpelte knirschend weiter. Um Benzin zu sparen, fuhr sie nicht schneller als dreißig Meilen pro Stunde. In der Ferne ging langsam die Sonne unter und tauchte den Himmel in bedrohliches Rot. Sie war viel zu spät dran.

Sie hatte heute wegen eines Notfalls in der T-Shirt-Druckerei länger arbeiten müssen – natürlich für die üblichen sieben Dollar Stundenlohn. Ein wütender Angestellter hatte die klebrige Flüssigkeit, mit der die T-Shirts während des Druckvorgangs fixiert wurden, auf dem Boden ausgekippt. Bis die Besitzer mitbekamen, was passiert war, und Blitzblank verständigten, hatte sich auf dem Fußboden ein grässliches Durcheinander aus allem möglichen Dreck verteilt. Gegen die klebrige Masse half nur noch ein Mittel: Terpentin. Also hatten sie und Latoya die letzten zwei Stunden auf Händen und Knien damit zugebracht, die Fliesen förmlich darin zu ertränken. Jetzt stanken ihre Finger nach Terpentin. Das Zeug war überall, auf ihrer Haut, in ihren Haaren, auf ihren Schuhen … Und ihr schmerzte der Rücken. Sie wollte nur noch heim und sich unter die Dusche stellen. Klar, sie war Putzfrau, aber das hieß noch lange nicht, dass sie auch wie eine riechen musste.

Ein Teil von ihr bedauerte, dass sie Williams Einladung ausgeschlagen hatte. Er kam zwar nicht für eine Beziehung infrage, aber als Freund wäre er womöglich nicht ungeeignet. Dann hätte sie jemanden außerhalb des Edge, mit dem sie sich mal unterhalten konnte. Verpasste Chance, sagte sie sich. Sie hatte Nein gesagt, und damit basta.

Vor ihr tauchte die vertraute Biegung der Potter Road aus dem Gehölz auf. Endlich.

Der Truck hustete.

»Komm schon, Junge. Du schaffst das.«

Aber der Ford hustete abermals. Sie nahm sofort den Fuß vom Gas, lenkte den alten Truck herum und ließ ihn über das Bankett zwischen die Bäume rollen. Sie fuhr jetzt nur noch zehn Meilen pro Stunde. Brauchte fast kein Benzin mehr. Nur ein paar Tropfen …

Sie überquerten die Grenze, und in ihr loderte die Magie auf, erfüllte sie mit Wärme. Dann erstarb mit leisem Knattern der Motor, und Rose ließ den Truck im Strauchgewirr ausrollen. Sofort schloss sich das Gebüsch hinter ihr. Sie parkte, stieg aus, verriegelte den Ford und klopfte auf die heiße Motorhaube. »Danke schön.«

Heute war der erste Schultag, und für Benzin fehlte es hinten und vorne. Wenigstens hatte Großmutter sich bereit erklärt, die Kinder am Ende der Straße abzuholen und auf sie aufzupassen, bis Rose nach der Arbeit wieder zu Hause eintrudelte. Normalerweise kamen die beiden prima alleine zurecht, aber heute war ein besonderer Tag. Sie brauchten jemanden, dem sie umgehend von den weltbewegenden Neuigkeiten des ersten Schultags berichten konnten.

Rose machte sich auf den Heimweg. Ringsum rückte der Wald an den Feldweg heran: Baumriesen flochten ihre düsteren, verschlungenen Extremitäten ineinander, der seit Jahrhunderten wiederkehrende Herbst hatte den Erdboden zwischen den Stämmen aufgeweicht. Blassblaues Zinnkraut hing wie Lametta von den Ästen. Zwielicht kauerte zwischen den Stämmen. Die Kopoubohnenranken, die die Bäume im Broken bedeckten, waren mit der Grenze verschwunden und hatten dem für das Edge typischen Moos Platz gemacht, das sich wie ein Samtvorhang an die Bäume schmiegte und auf dünnen Stängeln winzige Blüten austrieb, die wie umgekippter Frauenschuh aussahen: hell purpurrot, minzgrün, lavendelfarben, rosa. Der Duft von einem Dutzend Kräutern mischte sich mit dem erdigen, leicht bitteren Aroma der Luft.

Die dunstigen Tiefen des Waldes entließen unheimliche Geräusche, dann und wann leuchtete im Blätterdach ein Paar brennender Augen auf. Rose achtete kaum darauf. Der Wald war der Wald, und was hier lebte, kannte sie größtenteils und ließ sie unbehelligt ihrer Wege ziehen.

Zwei Meilen trennten sie noch von der Abzweigung zum Haus, und Rose fiel in ihren gewohnten, angenehmen Marschrhythmus. Bis sie an die dritte Wegbiegung kam, wo sie stehen blieb. Hier war die Stelle, an der der Mann mit den beiden Schwertern auf ihren Truck gesprungen war.

Rose begutachtete die Dreckspuren. Das war eine echte Glanzleistung gewesen. Soweit sie wusste, reichte ihr die Motorhaube des Trucks ein Stückchen über die Taille. Sie wippte versuchsweise auf den Zehenspitzen und sprang dann so hoch, wie sie konnte. Sie kam nicht mal annähernd hoch genug. Mit Anlauf würde sie vielleicht mit einem Fuß auf die Motorhaube gelangen. Aber der Mann war auf den fahrenden Wagen gesprungen, mit beiden Füßen aufgekommen und anschließend weitergelaufen, als sei nichts gewesen.

Ein leises, schrilles Geräusch von oben ließ sie den Kopf heben. Links neben ihr streckte ein hoher, zur Straße geneigter Baum seine Äste über den Weg. Nicht ganz drei Meter über dem Boden, dicht unterhalb der Stelle, an der der Baumstamm sich gabelte, umschlang eine schmächtige Gestalt die Borke: Kenny Jo Ogletree.

Kenny stand auf der Liste ihrer Lieblingsmenschen ziemlich weit unten, nur eine Stufe über seiner Mutter Leanne, die auf der Highschool Sarah Waltons Busenfreundin gewesen war und deren Bestleistung darin bestanden hatte, mit einem Permanent Marker HURESCHLAMPE auf Rose’ Spind zu kritzeln. Orthografie gehörte nicht gerade zu Leannes Stärken, dafür hatte sie das Drangsalieren anderer zu einer Kunstform erhoben.

Und der Apfel fiel nicht weit vom Stamm – daher galt Kenny schon mit neun Jahren als Leuteschinder und Großmaul. Vor etwa einem Monat hatten sich Georgie und er wegen eines Softballspiels in die Haare gekriegt und sich gegenseitig die Meinung gesagt. Wäre Jack nicht dazwischengegangen, hätte Kenny Georgie blutig geschlagen, aber vor Jack hatten alle Kinder Manschetten. Jack prügelte sich, als wäre jede Prügelei seine letzte, und manchmal hörte er nicht mal dann auf, wenn er längst gewonnen hatte.

Kenny klammerte sich an den Baum und verhielt sich vollkommen still. Seine Knöchel traten vor Verzweiflung weiß hervor. Sein Hemd und die fadenscheinigen Kakishorts waren fleckig vom Schmutz, und aus einem langen Kratzer am Oberschenkel tropfte Blut auf seine Wade. Kenny starrte sie an, die Augen glasig, das Weiße darin matt glänzend. Sämtliche Probleme mit Leanne verblassten angesichts eines neun Jahre alten Jungen, den seine Angst fast um den Verstand brachte.

»Bist du okay, Kenny?«

Er starrte sie nur weiter an.

In den Sträuchern links von ihr raschelte es zielstrebig, tierhaft. Rose wich langsam zurück.

Ein Zittern durchlief das dünne Geäst. Die Zweige bogen sich, dunkle, dreieckige Blätter teilten sich, und ein Geschöpf trat auf die Straße hinaus. Ein Meter zwanzig hoch, stand es aufrecht da, sein Körper ein Durcheinander aus verrottendem, fauligem Gewebe, das sich zu einem grotesken Flickenteppich klumpte. Am linken Bein erkannte Rose die Schuppen einer Waldschlange, rötliches Fuchsfell an der Schulter, an der Brust den mattgrauen Flaum eines Eichhörnchens, am Unterbauch die braunen Streifen eines Wildschweins … Der Bauch war stellenweise aufgerissen, und durch die Löcher lugten unmittelbar unter einem schmalen Rippenbogen verwesende Eingeweide.

Das Gesicht der reinste Horror: Aus tiefen Höhlen glotzten sie fahle, bedrohliche Augen an, in denen eindringlicher, konzentrierter Hass stand. Darunter klaffte ein breites, mit spitzen, dreieckigen in Mehrfachreihen aus dem Kiefer ragenden Zähnen bewehrtes Maul.

Das Geschöpf ließ ein ebenso raues wie tiefes und rasselndes Keuchen hören. Ein Waldschrat. Geboren aus Hass und Magie, ein wandelnder Fluch, der seine Kraft aus dem Zorn seines Schöpfers bezog. Irgendwer hatte ein Stück Land oder ein Haus in der Nähe verhext, und der Wald verlieh dem Fluch nun Gestalt und Ziel: alles zu töten, was ihm in die Quere kam.

Auf dem Baum wimmerte Kenny wie ein Kätzchen.

Der Waldschrat riss sein Maul weiter auf und trat vor, seine Gefährlichkeit umgab ihn wie eine faulige Korona. Er wollte sie umbringen, sich einen Batzen von ihrem Fleisch einverleiben.

Rose hob die rechte Hand.

Der Waldschrat fauchte, spreizte die verdrehten Gliedmaßen und zeigte gelbe Krallen.

Ein heller magischer Schimmer hüllte Rose’ Finger ein. Die Magie in ihr vibrierte bis zum Anschlag.

Da ging der Waldschrat auf sie los, der schwarze Schlund gähnte, Zähne und Klauen bereit, sie in Stücke zu reißen.

Rose schleuderte ihren Blitz. Ein magischer Lichtbogen schoss weiß aus ihrer Hand und traf das Geschöpf in die Brust. Der Schwung seiner Bewegung trieb den Waldschrat noch einen Schritt weiter, doch die eisig weiße Lohe des Blitzes entfachte ihn, brannte sich auf der Suche nach dem von Bösartigkeit umhüllten Kern durch seinen Brustkorb. Das Wesen in Stücke zu reißen würde nicht genügen. Sie musste den Fluch selbst vernichten.

Der Waldschrat verspritzte Fleischfetzen. Rose kam voran, ließ mit ihrem Lichtbogen nicht von dem Geschöpf ab. Die Anspannung pochte in ihrem Arm.

Der Waldschrat brach auseinander und gab ein winziges dunkles Staubkorn frei, um das grelle violette und purpurne Blitze kreisten. Rose ballte die Faust. Der weiße Lichtbogen umschloss die Dunkelheit. Sie biss die Zähne zusammen, ballte die Faust, bis sich ihre Nägel in die Handfläche gruben. Mit dem Geräusch einer aufbrechenden Walnuss fiel das Staubkorn in einem Schauer weißer Funken in sich zusammen und verging.

Rose atmete auf, trat über das auf dem Waldboden verstreute Aas hinweg und ging zu dem Baum. »Komm her«, sagte sie mit ausgestreckten Händen.

Kenny rührte sich nicht von der Stelle. Einen Moment lang dachte sie, sie würde seine Mutter holen müssen, doch dann ließ er plötzlich los und rutschte an dem Baumstamm herunter. Dabei schürfte er sich an der Borke die Haut ab, landete jedoch endlich sicher in ihren Armen. Weil er zu schwer war, musste sie ihn auf die Füße stellen.

»Er ist weg«, sagte sie und nahm in die Arme. »Mausetot. Hörst du?«

Er nickte.

»Der kommt nicht wieder. Aber wenn du noch mal so einen siehst, läufst du, so schnell du kannst, zu meinem Haus. Ich töte ihn dann. Und jetzt ab nach Hause.«

In einem Affenzahn rannte er die Straße hinunter und scherte dann nach links zum Haus der Ogletrees aus.

Rose betrachtete das im Dreck verspritzte Aas. Nur eine Handvoll Familien konnte einen Magiekundigen vorweisen, dessen Macht ausreichte, einen Waldschrat zu erschaffen, und bei denen, die dazu in der Lage waren, handelte es sich um ältere Leute, die es eigentlich besser wissen mussten. Ein Waldschrat ließ sich nicht aufhalten, die Art Waffe, die alles plattmachte, was sich ihr in den Weg stellte. Rose hatte schon seit Jahren keinen mehr gesehen. Und als das letzte Mal so ein Biest auftauchte, war ein veritabler Suchtrupp nötig gewesen, um es mit Benzin und Fackeln zur Strecke zu bringen.

Um einen Waldschrat zum Leben zu erwecken, musste bei einem der Einheimischen irgendwas gründlich falsch gelaufen sein. Irgendetwas Entsetzliches war hier im Gange. Das Gefühl der Bedrohung griff ihr eiskalt in den Nacken. Einen Moment lang dachte sie daran, Kenny Jo nachzugehen, um herauszufinden, ob Leanne irgendetwas über diese Sache wusste, entschied sich dann aber dagegen. Sarah hatte kurz nach der Highschool gut geheiratet und war in ein nettes Häuschen im Broken gezogen. Gerüchten zufolge war Leanne in Sarahs neuem Traumhaus nicht gerne gesehen, was ihre Wut auf das Leben noch größer machte, als sie es ohnehin gewesen war. Rose und sie hatten seit der Highschool nicht mehr miteinander gesprochen. Sie bezweifelte daher ernsthaft, dass Leanne sich ihr anvertrauen würde.

Rose machte sich nun zügig auf den Heimweg. Je schneller sie dort ankam, desto eher konnte sie sich davon überzeugen, dass die Jungen in Sicherheit waren.

In East Laporte geschah kaum etwas, ohne dass Großmama Éléonore darüber Bescheid wusste. Also würde sie am besten ihre Großmutter fragen.

»Mémère?«

Éléonore betrachtete Georgies Gesicht. Er hatte ihr nie erklärt, woher er wusste, dass sie so genannt wurde. Sie hatte mit den Kindern niemals ein Wort Französisch gesprochen. Trotzdem hatte Georgie diesen Namen mit zwei zum ersten Mal benutzt, mit einem leichten provenzalischen Akzent. Sie hatte den Eindruck, dass er selbst nicht wusste, warum er das tat, doch jedes Mal, wenn er dieses Wort aussprach, entführte es sie in die trockenen, warmen Hügel, wo sie neben ihrer eigenen grandmère in der Sonne saß, am fougasse nippte, der einen vagen Orangengeschmack auf ihrer Zunge hinterließ, und den Männern zuschaute, die unten im Dorf mit der Anmut von Balletttänzern la lounge spielten.

Sie lächelte den Jungen an. »Was gibt’s denn?«

»Dürfen wir raus?«

Zwei Augenpaare blinzelten sie aus Engelsgesichtern an. Georgies blaue und Jacks bernsteinfarbene. Rabauken alle beide. »Aber es ist dunkel.«

»Wir gehen nicht weiter als bis zu den Wehrsteinen.«

Sie verdrehte die Augen. »Ah, ihr glaubt wohl, ich bin gestern erst vom Baum gefallen?«

»Bitteeee.« Auf Georgies Blick hätte jedes Schoßhündchen stolz sein können. Jack hinter ihm nickte entschieden.

»Na gut.« Ehe ihr das Herz brach, gab sie lieber nach. Rose wäre zwar nicht allzu begeistert, wenn sie davon erfuhr, aber was Rose nicht weiß, macht sie nicht heiß, lautete die Devise. »Aber ich traue euch nicht. Ich komme besser mit auf die Veranda.«

Doch sie waren schon zur Tür hinaus, ehe sie aus ihrem Sessel aufgestanden war.

Éléonore nahm ihre Teetasse mit auf die Veranda. Der alte Schaukelstuhl knarrte unter ihrem Gewicht. Die Jungen flitzten in den Vorgarten.

Der Wald jenseits der Wehrsteinlinie pulsierte vor Leben. Der Himmel hatte sich bereits zu einem tiefen, beruhigenden Purpurrot verdunkelt, die Blätter der oberen Zweige hoben sich fast schwarz dagegen ab und raschelten leise im kühlen Tuscheln des Abendwinds. Hier und da blühten die weißen Dolden der Nachtkerzen zwischen den Bäumen. Ihre Stängel, die tagsüber kaum mehr als grüne Triebe waren, ließen bei der ersten Berührung mit der Dunkelheit Kaskaden zarter, glockenförmiger Blüten erkennen und tränkten die Abendluft mit dem Mimosenduft, den Éléonore jetzt lächelnd einatmete.

Ein Idyll …

Doch dann entstand in ihrem Genick ein Unbehagen und setzte sich in einem winterlichen Schauder das Rückgrat hinunter fort. Sie spürte, dass jemand sie anstarrte, als trüge sie eine Zielscheibe zwischen den Schulterblättern. Éléonore drehte sich um und musterte die Wehrlinie.

Dort. Links, am äußersten Ende ihres Blickfelds, schwebte etwas wie ein dunkler Fleck. Es stand auf allen vieren, kompakt und undurchdringlich wie ein ins Gewebe der Nacht gestanztes Loch, das eine urzeitliche Finsternis offenbarte. Sie konnte es in der Dunkelheit kaum erkennen, die Silhouette eher eine Ahnung als Gewissheit.

Éléonores Finger fanden den kleinen hölzernen Talisman an ihrem Hals. Sie umfasste ihn fest und flüsterte: »Sicht.«

Flach aufgefächert ging pulsierende Magie von ihr aus und zoomte die Landschaft und die Kreatur schlagartig in ihr Blickfeld. Sie sah Dunkelheit und darin einen schmalen Augenschlitz: fahl, schwach grau leuchtend, ohne Iris oder Pupille. Sie versuchte, darüber hinaus zu blicken, und erkannte einen vagen Umriss, von dem eine unbekannte Gewalt ausging. Ihre Sinne schlugen Alarm. Dann ruckte das Auge außer Sicht. Éléonore ließ den Talisman gerade rechtzeitig los, um noch einen verschwommenen dunklen Fleck auszumachen, als die Kreatur ohne einen Laut im Unterholz verschwand.

Der Wald bot vielem eine Heimat, aber Éléonore hatte noch nie etwas dermaßen bestürzend Fremdartiges gesehen. Sie hielt nach den Kindern auf der Wiese Ausschau. Die befanden sich hinter den schützenden Steinen in Sicherheit. Es wird schon gehen, sagte sie sich. Die Wehre rings um Rose’ Haus waren stark und alt, die Zaubersprüche tief im Erdreich verwurzelt. Außerdem würde Rose jede Minute die Straße heraufkommen, und Éléonore tat jedes Ungeheuer aufrichtig leid, das sich zwischen sie und die Kinder zu stellen wagte.

Wahrscheinlich nur irgendeine sonderbare, vom Wald ausgespiene Kreatur. Der Forst erstreckte sich westlich von East Laporte bis ins Weird hinein. Vielleicht hatte ja eine Bestie aus dem Weird die Grenze zum Edge überschritten. Da hatte es schon merkwürdigere Vorfälle gegeben. Gar nicht nötig, dass sie Rose davon erzählte, beschloss Éléonore. Das arme Kind war so schon paranoid genug.

Rose nahm die letzte Biegung und blieb am Rand der Wiese stehen. Éléonore saß auf der Veranda und nippte an ihrem heißen Tee. Großmama hatte bereits vor einiger Zeit beschlossen, eine Art Heckenhexenlook zu kultivieren. Ihre grauen Haare waren zu einem wild wuchernden Durcheinander aufgetürmt und stellenweise mit Federn, Zweigen und Talismanen verziert. Für ihre Klamotten hätte sich jeder auf Dekonstruktion spezialisierte Modeschöpfer ordentlich ins Zeug legen müssen; die hatte sie nämlich so lange kunstvoll zerrissen und geflickt, bis sie an eine halb gerupfte Henne erinnerte, hinter der bei jeder Bewegung Stofffetzen und Lumpen herflatterten.

Allerdings wurde die Authentizität ihres Aufzugs von dem Umstand beeinträchtigt, dass sowohl ihre Lumpen als auch ihre Haare äußerst reinlich waren und vage nach Lavendel dufteten, sowie von der ausgesprochen unpassenden Teetasse mit dem flauschigen grauen Kätzchen darauf.

»War irgendwas mit den Jungs?«, erkundigte sich Rose und setzte sich neben sie.

Großmama verdrehte die Augen. »Ich muss doch sehr bitten. Ich bin einhundertundsieben Jahre alt, da werde ich ja wohl noch mit zwei Rabauken klarkommen.«

Die Magie erhielt die meisten Familien im Edge erheblich länger bei guter Gesundheit und am Leben als ihresgleichen im Broken. Daher sah Großmama keinen Tag älter als fünfundfünfzig aus. Ihr Alter stellte auch nicht das Problem dar, dachte Rose. Das Problem war, dass in dem Moment, in dem die Jungen sie mit ihrem Dackelblick ansahen, Regeln und Disziplin samt und sonders den Bach hinuntergingen.

Hinter Großmama spielten die Jungen auf der Wiese Fangen; Jack, beweglich und schnell wie der Blitz, und Georgie, der einem blassen, goldblonden Schatten glich. Nur dass er heute noch blasser war als sonst. Einer der beiden verkörperte InuYasha, den halb dämonischen Jungen aus dem Manga, der andere spielte vermutlich Lord Sesshomaru, InuYashas älteren, komplett dämonischen Halbbruder. Aber wer wer war, vermochte sie von hier aus nicht zu erkennen.

Rose bereute nicht, die Comics gekauft zu haben. Die Jungen hatten sich sofort darauf gestürzt, und jetzt beanspruchten die kostbaren Bände den Ehrenplatz auf dem obersten Regal in ihrem Schlafzimmer.

Georgie geriet außer Atem, ließ sich im Gras nieder und sackte erschöpft nach vorne. Rose hörte ihn ächzen. Er sah aus, als würde er krank werden.

Großmama schürzte die Lippen. »Was war es diesmal?«

»Ein kleiner Vogel.« Er hatte ihn heute Morgen zurückgeholt, kurz bevor sie die beiden an der Schulbushaltestelle abgesetzt hatte.

Georgie hustete und beugte sich übers Gras. Jack blieb unvermittelt stehen. Er sah Georgie lange mit leerem, verlorenem Gesichtsausdruck an, dann trottete er zu ihm und setzte sich neben ihn.

»Wenn George nicht damit aufhört, wird es ihn noch das Leben kosten.« Großmama schüttelte den Kopf.

Rose seufzte. Wann immer Georgie etwas wiederauferstehen ließ, opferte er, um Leben zu geben, ein wenig von seiner eigenen Lebenskraft. Je mehr seine Macht wuchs, desto schwächer wurde sein Körper, als sei sein Geist eine Kerze, die zu hell brannte und ihr Wachs zu schnell verzehrte. Sie hatten es mit allem versucht – mit Erklärungen, mit Reden, mit Drohungen, Bestrafungen und Bitten, aber nichts verfing bei ihm. Georgie hauchte Lebewesen, deren Hinscheiden ihn traurig machte, neues Leben ein, er wusste nicht, wie er loslassen sollte.

»Was für ein Gespann«, seufzte Großmama. »Eine Katze mit Todessehnsucht und ihr Bruder, der am liebsten den halben Wald am Leben erhalten würde.« Ihre Stimme klang plötzlich ein bisschen brüchig. »Wie geht’s Cletus?«, fragte sie und bemühte sich dabei vergeblich um Gleichgültigkeit.

»Wie immer«, antwortete Rose.

Ein Schatten fiel über Großmamas Augen. Sie runzelte die Stirn und goss Rose eine Tasse Tee ein. »Die Jungs haben mir von diesem William erzählt. Was macht der denn so?«

Verräter. »Er ist Fliesenleger.«

»Fliegenfänger?« Großmamas Augenbrauen wanderten aufwärts.

»Nein. Du weißt doch, was Dachdecker auf Dächern machen? Er macht dasselbe mit Fußböden.«

»Bist du sicher, dass er kein Kinderschänder ist? Die machen das nämlich so; schmeißen sich an die Frau in der Familie ran, machen ihr den Hof, und haste nicht gesehen, sind sie mit ihren dreckigen …«

Rose warf ihr einen entrüsteten Blick zu. »Er ist kein Kinderschänder.«

»Woher willst du das wissen?«

Rose breitete hilflos die Arme aus. »Weil er ehrliche Augen hat?«

»Sieht er gut aus?«

Rose zog die Stirn kraus. »Er ist ein Bild von einem Mann. Dunkles Haar, dunkle Augen, ja, ich schätze, er sieht gut aus.«

»Warum hast du dich von ihm nicht bezirzen lassen, wenn er so toll aussieht?«

»Kam mir nicht richtig vor«, gab sie kurz angebunden zurück.

Großmama sah sie an, ihre blauen Augen blickten lebhaft aus dem runzligen Gesicht, wie zwei Veilchen aus einem frisch umgepflügten Acker. »Verstehe.«

»Ich hab heute einen Waldschrat gesehen«, sagte Rose, um das Thema zu wechseln.

Großmama wölbte die Augenbrauen. »Oh? Wie groß?«

Rose deutete mit der Hand ungefähr 1,20 Meter an.

»Meine Güte. Ein richtig großer also?« Ein besorgtes Flackern trübte das klare Blau ihrer Augen.

Rose nickte. »Er hatte Kenny Jo auf einen Baum gejagt.«

»Kenny Jo hat’s nicht besser verdient. Hast du ihn getötet?«

Sie schenkten einander ein kleines, verschwörerisches Lächeln. Ein paar Wochen nach Rose’ weißem Blitz hatte Großmama einen kleinen Waldschrat erschaffen, damit Rose ihn tötete. Zur Übung, wie sie gemeint hatte, aber es war mehr gewesen – ein Test. Großmama wollte sehen, wie heiß ihre Blitze waren. Rose hatte den Waldschrat schon nach zehn Sekunden in Konfetti verwandelt. Großmama hatte danach einen geschlagenen halben Tag lang kein Wort gesagt. Und Großpapa hatte von einem Rekord gesprochen und prompt den Weltuntergang vorhergesagt.

Rose nickte. »Wer könnte einen Waldschrat erschaffen?«

Großmama setzte seufzend ihre Tasse ab. »Das ist ein mächtiger Fluch. Ich könnte. Lee Stearns. Jeremiah Lovedahl. Adele Moore. Emily Paw. Ihre Tante Elsie würd’s wohl auch hinkriegen, aber die arme Frau hat schon vor, warte mal, zwei Jahrzehnten den Verstand verloren.«