Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Stadt der Finsternis - Tödliches Bündnis E-Book

Ilona Andrews  

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E-Book-Beschreibung Stadt der Finsternis - Tödliches Bündnis - Ilona Andrews

Kate Daniels und ihr Geliebter, der Gestaltwandler Curran, sehen sich einer ernsten Gefahr gegenüber. Viele der Nachkommen der Gestaltwandler sterben an einer geheimnisvollen Krankheit, ehe sie ganz erwachsen sind. Kate und Curran versuchen, in Europa ein Heilmittel aufzutreiben, doch sie laufen geradewegs in eine Falle ...

Meinungen über das E-Book Stadt der Finsternis - Tödliches Bündnis - Ilona Andrews

E-Book-Leseprobe Stadt der Finsternis - Tödliches Bündnis - Ilona Andrews

Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Eine unkluge Rettung

Danksagungen

Die Autorin

Die Romane von Ilona Andrews bei LYX

Impressum

Ilona Andrews

Stadt der Finsternis

TÖDLICHES BÜNDNIS

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Bernhard Kempen

Zu diesem Buch

Die Pubertät ist für die Nachkommen der Gestaltwandler eine Zeit der Entscheidung über Leben und Tod. Immer wieder geschieht es, dass Teenager zu wilden, mutierten Bestien werden. Als ein Kind aus Kate Daniels’ engstem Freundeskreis dieses Schicksal ereilt, ist die Kriegerin fest entschlossen, das Mädchen zu retten. Doch das einzige Heilmittel gegen die Krankheit wird von Lord Megobari und seinem skrupellosen Gestaltwandlerclan in Europa hergestellt, der das Rezept nicht preisgibt und sich das Mittel teuer bezahlen lässt. Kate und ihr Geliebter Curran sind jedoch nicht länger willens, so viele junge Gestaltwandler zu verlieren. Sie brauchen die Medizin schnell und in großen Mengen. Da kommt es ihnen gerade recht, dass Curran die Tochter eines Clanführers beschützen soll, deren ungeborene Kinder zum Zankapfel zwischen den Gestaltwandlern Osteuropas geworden sind. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise nach Georgien, um mit Lord Megobari ein Geschäft auszuhandeln. Ein riskantes Unterfangen, denn beide wissen, dass sie sehenden Auges in eine Falle laufen. Doch als sie herausfinden, wer sie wirklich nach Europa gelockt hat, wird Kate und Curran klar, dass die Gefahr ungleich größer ist, als sie es sich in ihren schlimmsten Träumen hätten ausmalen können.

Für unsere Väter,

wo immer sie auch sein mögen

KAPITEL 1

Ich wirbelte den Speer herum. »Keine Widerrede mehr, sonst gibt’s Hausarrest.«

Julie verdrehte die Augen mit der ganzen Verachtung, die eine Vierzehnjährige aufbringen konnte, und wischte sich die blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Kate, wann wird mir das jemals im wahren Leben nützlich sein?«

»Es wird dir in den nächsten fünf Sekunden nützlich sein, wenn du nicht willst, dass ich dich aufspieße.«

In meinen sechsundzwanzig Jahren hatte ich schon viele Jobs gemacht. Unterrichten gehörte nicht dazu. Hauptsächlich hatte ich auf blutige und kreative Weise Menschen umgebracht. Aber Julie war mein Mündel und meine Verantwortung. Mit einem Speer zu üben tat ihr gut. Es stärkte ihre Muskeln, ihre Reflexe und ihr Gleichgewicht, und all das würde ihr zugutekommen, wenn wir mit dem Schwert weitermachten.

Vor mehreren Jahrzehnten war die Magie in unsere Welt zurückgekehrt und hatte unsere technisierte Gesellschaft und die damit verbundene Illusion von Sicherheit zerstört. Magie und Technik stritten sich immer noch, spielten mit dem Planeten wie zwei Kinder, die sich den Ball zuwarfen. Wenn das eine funktionierte, tat es das andere nicht.

Die Polizei tat ihr Bestes, aber die meiste Zeit waren die Telefone außer Betrieb, oder alle verfügbaren Kräfte waren gerade mit wichtigen Noteinsätzen beschäftigt, retteten zum Beispiel Schulkinder vor einer Horde unbändiger Hyänen. Während die Ressourcen knapp und Menschenleben nicht viel wert waren, standen Plünderungen an der Tagesordnung. Kluge Stadtbewohner gingen nachts nicht mehr aus. Blieb man vom Abschaum verschont, geriet man bestimmt in die Fänge von magischen Monstern mit riesigen Zähnen.

Jeder war für seine Sicherheit selbst verantwortlich, und wir setzten auf Magie, Schusswaffen und Messer. Julies magische Kräfte waren einzigartig und wurden hochgelobt, aber im Kampf waren sie nutzlos. Ihre Fähigkeit, die Farben der Magie sehen zu können, würde ihr nicht helfen, einen Vampir zu töten. Meine beste Freundin Andrea brachte ihr den Umgang mit Schusswaffen bei. Ich würde nicht einmal einen Elefanten auf drei Meter Entfernung treffen, obwohl ich ihn wahrscheinlich zu Tode prügeln könnte. Aber für Hieb- und Stichwaffen war ich eine gute Lehrerin.

Ich zielte auf Julies Bauchgegend und bewegte mich im Schneckentempo. Sie drehte ihren Speer wie ein Ruder und schlug meinen damit herunter.

»Und?«

Sie sah mich nur mit großen Augen an. Meistens nahm Julie das Training ernst, aber an Tagen wie diesen schien es, als hätte ihr jemand einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt und das Gehirn vom Körper getrennt. Mit den richtigen mütterlichen Worten hätte ich sie sicher dazu bewegen können, sich zusammenzureißen, aber ich hatte Julie vor etwa einem Jahr auf der Straße aufgelesen, und alles, was mit Erziehung zusammenhing, war Neuland für mich. Meine Mutter war gestorben, bevor sich mein Erinnerungsvermögen entwickelt hatte, also konnte ich nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen.

Zu allem Übel hatte ich Magie zu Hilfe genommen, um Julie das Leben zu retten. Sie konnte sich einem direkten Befehl von mir nicht widersetzen, was sie aber nicht wusste, und dabei wollte ich es auch belassen. Nach ein paar Fehlschlägen hatte ich gelernt, dass der Tonfall wichtig war. Wenn ich ihr klare Anweisungen gab, statt Befehle zu brüllen, konnte sie mich glatt ignorieren.

Um uns herum war der Wald des Rudels voller Leben. Die Nachmittagssonne schien hell. Blätter raschelten im leichten Wind. Eichhörnchen hüpften überall auf den Zweigen herum, völlig unbeeindruckt von den mehreren Hundert Werwölfen in unmittelbarer Nähe. In der Ferne war schwach das Geräusch von Kettensägen zu hören – die schmale Straße zur Festung drohte unpassierbar zu werden, und ein Team von Gestaltwandlern war heute Morgen losgeschickt worden, um einige Bäume zu fällen.

Ein gelber Schmetterling taumelte in die Höhe. Julie beobachtete ihn.

Ich zog meinen Speer zurück, drehte ihn um und stach ihr mit dem Griff in die linke Schulter.

»Aua!«

Ich seufzte. »Pass doch auf!«

Julie verzog das Gesicht. »Mir tut der Arm weh!«

»Dann solltest du mich lieber abblocken, damit ich dir nicht noch mehr Schmerzen zufüge.«

»Das ist Kindesmissbrauch.«

»Jammer nicht. Wir üben Parieren.«

Ich stach noch einmal in Zeitlupe mit der Speerspitze zu. Julie wehrte meine Waffe mit ihrer ab und rührte sich nicht.

»Steh da nicht einfach mit deinem Speer rum. Du hast eine Chance, vielleicht möchtest du etwas daraus machen.«

Sie hob ihren Speer und machte einen halbherzigen Versuch, mir damit in die Brust zu stechen. Ich gab ihr kurz Zeit, um sich zu erholen, aber sie rührte sich nicht. Das war’s. Mir reichte es.

Ich drehte den Speer um und schlug ihr damit die Beine unter dem Körper weg. Sie fiel auf den Rücken, und ich rammte den Speer wenige Zentimeter von ihrem Hals entfernt in den Boden. Das hellblonde Haar lag aufgefächert um ihren Kopf, als sie blinzelte.

»Was ist heute mit dir los?«

»Kevin hat Maddie zum Mondtanz eingeladen.«

Die Werbärin Maddie war Julies beste Freundin. Der Mondtanz war eine vom Rudel organisierte Party, bei der Jugendliche an jedem zweiten Freitagabend Dampf ablassen sollten – vorausgesetzt, dass die Magie außer Kraft war. Dann holten die Gestaltwandler die Lautsprecher hervor und ließen Tanzmusik von den Zinnen der Festung dröhnen. Von einem Jungen zum Mondtanz eingeladen zu werden war verständlicherweise eine große Sache. Trotzdem war es keine Erklärung, warum zwei Monate Unterricht und Training mit dem Speer aus dem Kopf meines Mündels verschwunden waren.

»Na und?«

»Ich soll ihr beim Auswählen der Klamotten für morgen helfen«, sagte Julie und lag faul da.

»Ist das etwa wichtiger als dein Training?«

»Ja!«

Ich zog meinen Speer zurück. »Gut, dann geh nur. Du schuldest mir Samstag eine Stunde.« Keine Macht auf Erden hätte sie in diesem Zustand dazu gebracht, sich zu konzentrieren. Also war das Training mit ihr reine Zeitverschwendung.

Der kindliche Faulpelz verwandelte sich plötzlich in eine flinke Gazelle und sprang auf. »Danke!«

»Schon gut.«

Wir kehrten aus dem Wald zurück. Die Welt blitzte kurz auf, eine magische Flut schwappte über uns hinweg durch den Wald. Die Kettensägen stotterten ein paarmal und fielen dann ganz aus, gefolgt von lautem Fluchen.

Die offizielle Bezeichnung dieses Phänomens war Nachwende-Resonanz, aber meistens sprach man einfach von Magiewogen. Sie kamen aus dem Nichts und überrollten die Erde, wobei sie die Elektrizität auslöschten, interne Verbrennungsmotoren abschalteten, Schusswaffen unbrauchbar machten und Monstren ausspuckten. Wenn die Magie verschwand, gingen elektrische Lichter wieder an und Schusswaffen brachten den Tod. Niemand konnte vorhersehen, wie stark die Woge sein oder wie lange sie dauern würde. Das machte das Leben chaotisch, aber wir hielten durch.

Die Bäume teilten sich, und eine Grasebene war zu sehen. In der Mitte erhob sich die Festung wie ein grauer künstlicher Berg, ein Beispiel dafür, was entstehen konnte, wenn sich mehrere Hundert höchst paranoide und außergewöhnlich starke Leute zusammentaten und beschlossen, dass sie einen sicheren Schlafplatz brauchten. Einerseits erinnerte die Festung an ein modernes Bollwerk, andererseits an eine mittelalterliche Burg. Wir näherten uns von Norden, was uns freie Sicht auf den Hauptturm gab. Von hier aus wirkte das Ganze wie ein trostloses, verwunschenes Hochhaus inklusive Penthouse, in dem Curran und ich unseren Schlupfwinkel hatten.

Es war nicht immer so gewesen. Wir hatten uns weder gesucht noch sofort unsere Seelenverwandtschaft entdeckt. Als wir uns trafen, hielt er mich für eine rücksichtslose Söldnerin, die sich je nach Laune jeder Autorität widersetzte. Ich hielt ihn für einen arroganten Bastard, der genug Probleme hatte, um die Festung von oben bis unten damit zu tapezieren. Aber nun waren wir zusammen. Er war der Herr der Bestien, und ich war seine Gemahlin, womit ich eine verantwortungsvolle Stellung gegenüber eintausendfünfhundert Gestaltwandlern hatte, dem größten Rudel im Süden des Landes. Ich hatte diese Verantwortung nicht gewollt, und wenn ich die Wahl hätte, würde ich so weit wie möglich weglaufen, aber es war anscheinend der Preis dafür, mit Curran zusammen zu sein. Ich liebte ihn, und er war es wert. Er war alles wert.

Wir gingen um die Festung herum und traten durch die geöffneten Tore in den Innenhof. Eine Gruppe von Gestaltwandlern arbeitete an einem der Fahrzeuge des Rudels, einem umgebauten Jeep. Die Kühlerhaube war unförmig aufgebläht, weil zwei Motoren darin Platz finden mussten, einer für Benzin und einer für magisches Wasser. Sie winkten uns zu, als wir vorbeigingen. Wir winkten zurück. Die Gestaltwandler akzeptierten mich, teils weil ich für meine Stellung kämpfte und ihnen keine Wahl ließ, teils weil Curran zwar fair, aber seine Toleranzschwelle gegenüber Schwachsinn sehr niedrig war. Wir waren uns nicht immer einig, aber wenn jemand eine Bitte direkt an mich richtete, lehnte er meinen Vorschlag niemals ab, und das Rudel mochte es, die Option einer zweiten Meinung zu haben.

Die verstärkte Stahltür stand weit offen. Ende Mai war es in Georgia heiß, und im Sommer würde es noch heißer werden. Es wäre sinnlos gewesen, die Festung zu klimatisieren, darum standen alle Türen und Fenster offen, um für Durchzug zu sorgen. Wir schritten durch einen engen Gang und nahmen dann die riesige Treppe in Angriff, die der Fluch meiner Existenz war. Ich hasste sie, seit ich zum ersten Mal hatte hinaufsteigen müssen, und eine Knieverletzung machte meinen Hass nur noch stärker.

Zweiter Stock.

Dritter Stock. Blöde Treppe.

»Gemahlin!«

Die Stimme klang so dringlich, dass ich mich umdrehte. Eine ältere Frau rannte mit aufgerissenen Augen und offenem Mund durch den Korridor des dritten Stocks auf mich zu. Meredith Cole, Maddies Mutter.

»Sie wollen sie umbringen!« Sie hielt mich fest. »Sie wollen meine Mädchen umbringen!«

Jeder Gestaltwandler im Korridor erstarrte. Eine Alpha ohne Erlaubnis anzufassen wurde als Körperverletzung betrachtet.

Tony, einer von Doolittles Assistenten, kam um die Ecke und rannte uns durch den Gang entgegen. »Meredith! Warte!«

Doolittle war der Heilmagier des Rudels. Ich zuckte erschrocken zusammen. Es gab nur einen Grund, warum der Heiler des Rudels ein Kind töten würde.

»Kate? Was ist los? Wo ist Maddie?« Julies Stimme überschlug sich.

»Hilf mir!« Meredith umklammerte meinen Arm. Meine Knochen ächzten. »Lass nicht zu, dass sie meine Babys töten!«

Tony hielt inne. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Ich sagte mit ruhige Stimme: »Zeig es mir.«

»Hier entlang. Doolittle hat sie.« Meredith ließ mich los und zeigte den Gang hinunter.

»Was ist hier los?«, kreischte Julie.

Ich marschierte den Korridor entlang. »Das werden wir gleich herausfinden.«

Tony schloss sich uns an. Wir näherten uns der medizinischen Abteilung.

»Er ist dahinten«, sagte Tony. »Ich zeige es euch.«

Er übernahm die Führung. Wir folgten ihm durch den Krankenhausflügel in einen runden Raum, von dem sechs lange, schmale graue Betonkorridore abgingen. Tony nahm den direkt vor uns. Am Ende erwartete uns eine Stahltür mit einem verräterischen Silberschimmer. Wir gingen darauf zu. Der Klang unserer Schritte hallte von den Wänden wider. Drei Riegel, jeder so dick wie mein Handgelenk, sicherten die Tür, die im Moment nicht zugesperrt war. Mir wurde weh ums Herz. Ich wollte nicht sehen, was dahinter war.

Tony packte die dicke Metallleiste, die als Türklinke diente, zog daran und öffnete die Tür zu einem düsteren Raum. Ich ging hinein. Rechts von mir stand Doolittle neben ein paar Stühlen, ein schwarzer Mann Anfang fünfzig mit dunkler Haut und silbern meliertem Haar. Er drehte sich zu mir um, und seine sonst so freundlichen Augen sagten mir alles, was ich wissen musste: Meine schlimmste Befürchtung war wahr geworden, und es gab keine Hoffnung.

Links von mir standen zwei in blaues Feenlampenlicht getauchte Gefängniszellen aus Plexiglas nebeneinander. Um jede Zelle waren Stahl- und Silberstäbe gewickelt. Ich konnte keine Türen sehen. Den einzigen Zugang zu den Zellen ermöglichte eine Art Münzautomat, der davor angebracht war.

In den Zellen warteten zwei Monstren. Missgestaltet und grotesk waren ihre Körper zu einem schrecklichen Albtraum aus halbmenschlichen Körperteilen, übergroßen Krallen und Flecken aus dichtem Fell verdreht. In die Ecke gekauert kuschelten sie sich aneinander, nur getrennt durch das Plexiglas und die Stangen. Ihre Gesichter mit übergroßem Kiefer und merkwürdig verkrümmten Zähnen ließen einen nicht nur vor Schreck erstarren, der Anblick konnte einen ein Leben lang verfolgen.

Das Monster zur Linken hob den Kopf. Zwei blaue Menschenaugen blickten uns voller Angst und Schrecken an.

»Maddie!« Julie sank vor den Metallstäben zu Boden. »Maddie!«

Das zweite Monster rührte sich. Ich erkannte den braunen Haarschopf. Maddie und Margo. Julies beste Freundin und ihre Zwillingsschwester verwandelten sich in Loups.

Jeder Gestaltwandler musste sich entscheiden. Er konnte sich entweder seine Menschlichkeit bewahren, indem er sich Ordnung und strikte Disziplin auferlegte und sich stets zurückhielt, oder er konnte sich der stürmischen Begierde hingeben, die vom Lyc-V – dem Gestaltwandler-Virus – ausgelöst wurde, und sich in einen wahnsinnigen Loup verwandeln. Loups mordeten, quälten und weideten sich am Schmerz anderer. Sie konnten eine rein menschliche oder animalische Form nicht aufrechterhalten. Wenn ein Gestaltwandler zum Loup wurde, gab es kein Zurück mehr. Das Rudel musste ihn ausmerzen.

Unter großem Stress vermehrte sich Lyc-V explosionsartig im Körper eines Gestaltwandlers. Die Pubertät mit den hormonellen Schwankungen und der emotionalen Achterbahnfahrt war die stressigste Zeit für einen Gestaltwandler. Ein Viertel der Kinder überlebte sie nicht.

»Sag es ihm!«, flehte Meredith mich an. »Sag ihm, dass er meine Kinder nicht töten darf.«

Doolittle sah mich an.

Das Rudel hatte ein kompliziertes Verfahren, um die Wahrscheinlichkeit von Loupismus anhand der Virusmenge im Blut festzustellen.

»Wie hoch ist die Lycos-Zahl?«

»Zweitausendsechshundert für Maddie und zweitausendvierhundert für Margo«, sagte er.

Über eintausend war ein ziemlich sicheres Anzeichen von Loupismus.

»Wie lange sind sie schon so?«, fragte ich.

»Seit zwei Uhr gestern Nacht«, antwortete Doolittle.

Es war vorbei. Das war vor über vierzehn Stunden. Also versuchten wir nur, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Verdammt!

Julie hielt sich an den Stäben fest. Mein Herz zog sich zu einer schmerzhaften harten Kugel zusammen. Vor ein paar Monaten hatte sie genauso ausgesehen, ein Durcheinander aus Mensch und Tier, als sich das Virus in ihrem Körper ausgetobt hatte. Ich hatte immer noch Albträume, wie ich über ihr stand, während sie mich an ein Krankenhausbett gekettet anknurrte. Und wenn ich aufwachte, ging ich mitten in der Nacht zu ihrem Zimmer, um mich zu vergewissern, dass sie am Leben und wohlauf war.

»Bitte, Gemahlin, bitte!«, flüsterte Meredith. »Du hast auch Julie gerettet.«

Sie hatte keine Ahnung, was sie von mir verlangte. Der Preis war viel zu hoch. Selbst wenn ich zustimmen würde – was ich nicht konnte –, waren die Magie eines ganzen Hexenzirkels, die Macht mehrerer heidnischer Priester und mein Beinahe-Tod nötig gewesen, um Julie vom Virus zu befreien. Es war eine einmalige Sache, die ich nicht wiederholen konnte.

»Julie wurde dank ihrer magischen Kräfte wieder gesund«, log ich mit sanfter Stimme.

»Bitte!«

»Es tut mir so leid.« Die Worte schmeckten wie Glasscherben in meinem Mund. Ich konnte nichts für sie tun.

»Das darfst du nicht!«, wandte sich Julie an mich. »Du darfst sie nicht töten. Du weißt es nicht. Sie könnten sich wieder erholen.«

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich wusste es, trotzdem warf ich Doolittle einen Blick zu. Er schüttelte den Kopf. Wenn die Mädchen eine Chance auf Genesung hätten, würde es inzwischen Anzeichen dafür geben.

»Sie brauchen nur noch ein wenig Zeit.« Meredith klammerte sich an Julies Worte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. »Nur noch ein wenig Zeit.«

»Wir werden warten«, sagte ich.

»Wir würden es nur hinausschieben«, sagte Doolittle ruhig.

»Wir werden warten«, wiederholte ich. Es war das Mindeste, was wir für sie tun konnten. »Setz dich zu mir, Meredith.«

Wir nahmen nebeneinander auf zwei Stühlen Platz.

»Wie lange?«, fragte Doolittle ruhig.

Ich sah Meredith an. Sie starrte auf ihre Töchter. Tränen liefen ihr über die Wangen.

»So lange, wie es nötig ist.«

*

Ich schaute auf die Uhr an der Wand. Wir waren seit über sechs Stunden im Zimmer. Die Mädchen zeigten keine Besserung. Gelegentlich schlug das eine oder das andere in Rage gegen das Plexiglas, knurrte vor unbezähmbarer Wut und fiel danach erschöpft auf den Boden. Ihnen zuzusehen tat weh.

Doolittle war ein paar Stunden weg gewesen, jetzt war er aber wieder da und saß allein an der anderen Wand. Er war grau im Gesicht und sagte kein Wort.

Vor ein paar Minuten war Jennifer Hinton, die Alpha des Wolf-Clans, in den Raum gekommen. Sie stand gegen die Wand gelehnt, hielt die Hände schützend vor ihren Bauch und das Baby darin. Sie sah mitgenommen aus, die Angst in ihren Augen grenzte an Panik. Ungefähr zehn Prozent der Werwölfe wurden bei der Geburt zu Loups.

Meredith rutschte von ihrem Stuhl. Sie setzte sich neben dem Plexiglas auf den Boden und begann zu singen. Ihre Stimmte zitterte.

»Schlaf, Kindlein, schlaf, der Vater hüt’ die Schaf …«

Oh Gott!

Jennifer hielt sich die Hand vor den Mund und flüchtete aus dem Raum.

»Die Mutter schüttelt’s Bäumelein …«

Margo rührte sich und kroch, das missgebildete Bein hinter sich herziehend, zu ihrer Mutter. Maddie folgte ihr. Die drei kuschelten sich ans Plexiglas gepresst aneinander. Meredith sang verzweifelt weiter. In ihrem Schlaflied schwangen jahrelange Liebe und Hoffnung mit, und das alles lag nun im Sterben. Ich hatte Tränen in den Augen.

Julie stand auf und schlich sich aus dem Zimmer.

Ich hörte Meredith beim Singen zu und wünschte, ich hätte stärkere magische Kräfte. Eine andere Magie. Ich wünschte, ich wäre mehr. Seit ich mich erinnern konnte, hatte mich mein Adoptivvater Voron zu einer Waffe gemacht. In meinen frühesten Erinnerungen aß ich ein Eis und hielt ein Schwert auf dem Schoß. Ich hatte Dutzende Kampfsportarten erlernt. Ich hatte in Arenen und in Sandgruben gekämpft. Ich konnte in die Wildnis gehen und Monate später völlig unbeschadet wieder herauskommen. Ich konnte die Untoten lenken, was ich vor allen anderen verbarg. Ich konnte mein Blut zu einem festen Stachel modellieren und ihn als Waffe einsetzen. Ich hatte mehrere Zaubersprüche in einer so alten und mächtigen Sprache erlernt, dass sie die Urmagie heraufbeschworen. Es genügte nicht, sie nur zu kennen, man musste sie sich entweder aneignen oder sterben. Ich hatte sie bekämpft und mir zu eigen gemacht. Auf dem Höhepunkt eines magischen Tsunamis hatte ich einen dazu benutzt, um eine Armee von Dämonen vor mir in die Knie zu zwingen.

Und nichts davon konnte mir jetzt helfen. Mit all meiner Macht konnte ich zwei verängstigten Mädchen und ihrer weinenden Mutter nicht helfen. Ich konnte nur vernichten, töten und zertrümmern. Ich wünschte, ich könnte es ändern, einfach mit den Armen wedeln, den erforderlichen Preis dafür bezahlen und alles zum Guten wenden. Ich wollte so verzweifelt, dass alles gut wurde.

Meredith war verstummt.

Julie war mit einem Snickers-Riegel zurückgekommen. Sie packte ihn mit zitternden Fingern aus, brach die Süßigkeit entzwei und ließ die Stücke durch die Schlitze fallen.

Maddie streckte die Hand danach aus. Vier verkümmerte Wurstfinger und eine einzelne vier Zentimeter lange Kralle spießten den Riegel auf. Sie zog ihn zu sich. Ihre Kiefer fielen auseinander, und sie biss mit ihren krummen Zähnen ein kleines Stückchen Schokolade ab. Es brach mir das Herz.

Margo warf sich knurrend und schreiend gegen das Glas. Das fünfzehn Zentimeter dicke Plexiglas erbebte nicht einmal. Wimmernd stürzte sie sich noch einmal dagegen und noch ein weiteres Mal. Immer wenn ihr Körper gegen die Wand prallte, zuckte Meredith zusammen.

Die Tür öffnete sich. Ich sah den vertrauten muskulösen Körper und das kurze blonde Haar. Curran.

Er musste die Festung verlassen haben, denn anstelle der gewohnten Jogginghosen trug er Jeans. Wenn man ihn ansah, gewann man den Eindruck von überwältigender Stärke. Das T-Shirt spannte sich über den breiten Schultern und dem mächtigen Brustkorb. An den Armen traten die Bizepse wie gemeißelt hervor. Der Bauch war flach und hart. Alles an ihm strahlte große physische Kraft aus, die zurückgehalten wurde, aber jederzeit abrufbar war. Er bewegte sich wie eine Katze auf der Jagd, elegant, geschmeidig und völlig ruhig, wenn er durch die Korridore der Festung schlich, wie ein Löwe in seinem Bau aus Stein. Würde ich ihn nicht kennen und ihm in einer dunklen Gasse begegnen, würde ich Reißaus nehmen.

Seine körperliche Präsenz war beunruhigend, obwohl die eigentliche Kraft in seinen Augen lag. Sobald man in die graue Iris schaute, wusste man, dass er seine Autorität nicht infrage stellen ließ, und wenn seine Augen golden wurden, wusste man, dass man sterben würde. Es war eine Ironie des Schicksals, dass er sich in mich verliebt hatte. Ich forderte seine Autorität jede Woche heraus.

Curran sah mich nicht an. Wenn er sonst den Raum betrat, kreuzten sich unsere Blick in einem stillen Moment gegenseitiger Verständigung, wie um zu fragen: He, alles gut bei dir? Er sah mich nicht an und zog eine finstere Miene. Irgendetwas stimmte nicht. Abgesehen von Maddie.

Curran ging an mir vorbei zu Doolittle und gab ihm einen kleinen Plastikbeutel, der mit einer olivfarbenen Paste gefüllt war.

Doolittle öffnete den Beutel und schnupperte am Inhalt. Er machte große Augen. »Woher …?«

Curran schüttelte den Kopf.

»Ist es das Wundermittel?« Meredith drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren plötzlich wieder lebendig.

Das Wundermittel wurde von europäischen Gestaltwandlern hergestellt, die es wie Gold hüteten. Das Rudel versuchte schon seit Jahren, die Formel zu entschlüsseln, was ihm bislang jedoch nicht gelungen war. Die Kräutermischung verminderte die Gefahr, bei der Geburt an Loupismus zu erkranken, um fünfundsiebzig Prozent und kehrte die Transformation bei einem Drittel der Jugendlichen um. Es gab einen Mann in Atlanta, der es irgendwie schaffte, es in kleinen Mengen einzuschmuggeln, die er dem Rudel zu exorbitanten Preisen verkaufte. Aber vor ein paar Wochen hatten die Gestaltwandler ihn mit durchgeschnittener Kehle in einem Teich gefunden. Jims Sicherheitstruppe verfolgte die Spur der Killer bis zur Küste. Dort hatten sie Segel gesetzt und sich unserer Gerichtsbarkeit entzogen. Jetzt hatte Curran einen Beutel davon. Wie ist Euch das gelungen, Euer pelzige Majestät?

»Das reicht nur für eine Dosis«, sagte Doolittle.

Verdammt. »Kannst du mehr besorgen?«

Curran schüttelte den Kopf.

»Also müssen wir eine Entscheidung treffen«, sagte Doolittle.

»Das kann ich nicht.« Meredith erschauderte.

»Zwing sie nicht dazu.« Wie zum Teufel sollte man ein Kind dem anderen vorziehen?

»Teile es«, sagte Curran.

Doolittle schüttelte den Kopf. »Mylord, wir haben die Chance, eine von beiden zu retten …«

»Ich sagte, teile es.« Curran knurrte. Seine Augen blitzten golden auf. Ich hatte recht. Es war etwas Schlimmes passiert, und es ging nicht nur um Maddie und Margo.

Doolittle machte den Mund zu.

Curran ging zurück und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand.

Die Paste wurde in zwei gleich große Portionen geteilt. Tony mischte sie einem Pfund Rinderhackfleisch unter und ließ es anschließend in die Zellen fallen. Die Kinder stürzten sich auf das Fleisch, leckten es vom Boden auf. Die Sekunden krochen vorbei, die Minuten im Schlepptau.

Margo zuckte. Der Pelz an ihrem Körper schmolz. Ihre Knochen falteten sich zusammen, schrumpften, richteten sich neu aus … Sie heulte laut, dann fiel ein nacktes und blutiges Mädchen auf den Boden.

Danke! Danke, wer immer du da oben bist!

»Margo!«, rief Meredith. »Margo, Schatz, antworte mir. Antworte mir, mein Kind!«

»Mama?«, flüsterte Margo.

»Mein Baby!«

Maddies Körper zitterte. Ihre Glieder verdrehten sich. Die Deformation ihres Körpers schrumpfte zwar, aber die Tiermerkmale blieben. Ich war enttäuscht. Es hatte nicht gewirkt.

»Sie ist auf zwei runter«, sagte Doolittle.

Der Verwandlungskoeffizient gab an, wie sehr der Körper von einer Form in die andere gewechselt war. »Was heißt das?«

»Es ist ein Fortschritt«, sagte er. »Wenn wir mehr von dem Wundermittel hätten, wäre ich optimistisch.«

Doch das hatten wir nicht. Tony hatte die Beutel nicht nur geleert, er hatte sie auch aufgeschnitten und das Innere der Plastikfolie auf das Fleisch gerieben und es dann mit dem Messerrücken gesäubert. Maddie war noch immer vom Loupismus befallen. Wir mussten mehr von dem Wundermittel beschaffen. Wir mussten sie retten.

»Ihr dürft sie nicht umbringen!« Julies Stimme wurde schrill. »Das dürft ihr nicht!«

»Wie lange kannst du das Kind im Zaum halten?«, fragte Curran.

»Wie lange wäre es nötig?«, fragte Doolittle.

»Drei Monate«, sagte Curran.

Doolittle blickte finster drein. »Du verlangst von mir, sie ins Koma zu versetzen.«

»Geht das?«

»Ja«, sagte Doolittle. »Die Alternative wäre die Terminierung.«

Curran sprach kurz und knapp. »Mit sofortiger Wirkung werden alle Terminierungen von Kindern mit Loupismus ausgesetzt. Stattdessen werden sie ruhiggestellt.« Er drehte sich um und ging.

Ich hielt kurz inne, um Julie zu sagen, dass alles gut werden würde, dann rannte ich hinter ihm her.

Der Gang war leer. Der Herr der Bestien war fort.

KAPITEL 2

Ich stieg die verhängnisvollen Treppen bis zur obersten Etage hinauf. Eigentlich wollte ich mit Curran reden, aber Julie stand immer noch unter Schock, und Meredith war vollauf damit beschäftigt, die eine Tochter zu umarmen und um die andere zu weinen. Sie war dagegen, dass wir sie ins Koma versetzten. Sie wollte mehr von dem Wundermittel und konnte nicht verstehen, dass es nicht erhältlich war. Wir drei – Doolittle, Julie und ich – brauchten über zwei Stunden, um sie zu überzeugen, dass Maddie ruhiggestellt werden musste. Als ich die Krankenstation endlich verlassen hatte, war Curran längst weg. Die Wachen am Eingang hatten ihn weggehen sehen, aber niemand wusste, wohin er gegangen war.

Ich erreichte den Wachposten am Zugang zu unserer Etage. In der Festung zu leben ähnelte dem Versuch, sich in einem Glashaus eine Privatsphäre zu schaffen, und dem trugen die beiden obersten Stockwerke im Hauptturm Rechnung. Hier kam niemand herein, den der private Wachschutz des Herrn der Bestien nicht zuvor auf Herz und Nieren geprüft hatte, und die Wachen waren äußerst streng, wenn es darum ging, Besucher zuzulassen.

Es überforderte mich, in einem dunklen Raum zu sitzen und einem leidenden Kind zuzusehen, während die Seele der Mutter Stück für Stück starb. Ich musste irgendetwas tun. Ich musste Dampf ablassen, sonst würde ich explodieren.

Ich nickte den Wachleuten zu und ging durch den Korridor zu einer langen Glaswand, die unseren privaten Fitnessraum abtrennte. Ich zog die Schuhe aus und trat ein. Drinnen erwarteten mich einige frei stehende und einige an Maschinen befestigte Gewichte. Mehrere schwere Sandsäcke hingen an Ketten in der Ecke neben einer Boxbirne. Schwerter, Äxte und Speere an Haken warteten an der Wand.

Mein Adoptivvater Voron starb, als ich fünfzehn war. Danach kümmerte sich mein Vormund Greg Feldman um mich. Greg hatte viele Jahre damit verbracht, eine Sammlung von Waffen und Artefakten zusammenzustellen, die er mir vererbt hatte. Das war nun alles fort. Meine Tante stattete uns einen Besuch ab und verwandelte einen Teil von Atlanta in eine rauchende Ruine, einschließlich der Wohnung, die ich von Greg geerbt hatte. Aber ich baute es allmählich wieder auf. Abgesehen von Slayer, meinem Schwert, hatte ich keine wertvollen Stücke in meiner Sammlung, aber meine sämtlichen Waffen waren funktionstüchtig und von guter Qualität.

Ich nahm die Rückenscheide mit Slayer ab, legte ihn auf den Boden und machte zum Aufwärmen ein paar Minuten lang Liegestütze. Aber mein Gewicht reichte mir nicht, darum wechselte ich zum Sandsack, den ich mit Boxhieben und Fußtritten bearbeitete. Der Druck, der sich während der letzten paar Stunden in mir aufgebaut hatte, trieb mich an. Der Sandsack erzitterte unter meinen Schlägen.

Es war nicht fair, dass Kinder zu Loups mutierten. Es war nicht fair, dass es keine Warnsignale gab. Es war nicht fair, dass ich nichts dagegen tun konnte. Es war nicht fair, dass ich mir, sollten Curran und ich jemals Kinder haben, wie Jennifer den Bauch streicheln und schreckliche Zukunftsängste haben würde. Und falls meine Kinder zu Loups wurden, musste ich sie töten. Der Gedanke trieb mich weiter an, bis ich total in Rage geriet. Dazu wäre ich nicht fähig. Wenn Curran und ich ein Kind hätten, würde ich es niemals töten können. Dazu war ich einfach nicht fähig. Allein der Gedanke war mit dem Sprung in einen zugefrorenen Teich vergleichbar.

Ich bearbeitete den Sandsack über eine Stunde lang, wechselte dann zu den Gewichten, kehrte wieder zum Sandsack zurück, versuchte mich möglichst nah an den Rand der Erschöpfung zu bringen. Erst wenn ich müde genug war, konnte ich aufhören zu denken.

Aber es wollte sich keine Erschöpfung einstellen. Ich hatte die letzten paar Wochen mit Erholung, Training, gutem Essen und Liebe machen zugebracht, wann immer ich darauf Lust hatte. Ich hatte mehr Ausdauer als das batteriebetriebene Häschen aus den alten Werbefilmen. Doch allmählich verlor ich mich in der rein körperlichen Kraftanstrengung. Als ich endlich wieder Luft holte, war mein Körper in Schweiß gebadet, und meine Muskeln taten weh.

Ich nahm einen Tscherkassy-Säbel von der Wand und hob Slayer auf. Der Säbel hatte mich, als ich noch für die Söldnergilde arbeitete, eine Menge Geld gekostet. Ich hatte ihn in meinem alten Haus aufbewahrt, wo er die Terrorherrschaft meiner Tante überlebte.

Ich hob die beiden Schwerter – der Tscherkassy-Säbel war schwerer und geschwungener, Slayer war leichter und gerader – und begann zur Muskellockerung damit zu hacken. Das eine Schwert war ein großer glänzender Kreis vor mir, das andere drehte sich hinter mir und wurde immer schneller, bis mich ein Wirbelwind aus scharfem Stahl umgab. Slayer sang und pfiff beim Durchschneiden der Luft mit der matten bleichen Klinge wie der Strahl einer stählernen Sonne. Ich änderte die Richtung, ging in die Defensive und arbeitete so weitere fünf Minuten im Gehen. Als ich mich umdrehte, sah ich Barabas an der Glaswand stehen.

Der Wermungo Barabas war im Bouda-Clan aufgewachsen. Er war beliebt, aber es wurde bald offensichtlich, dass er sich der Hierarchie der Werhyänen nicht unterordnen konnte. Darum hatte mir Tante B, die Alpha des Clans, seine Dienste angeboten. Er und Jezebel, der andere Außenseiter in Tante Bs Schar, waren so etwas wie meine Kindermädchen. Jezebel hielt mir den Rücken frei, während Barabas die wenig beneidenswerte Aufgabe hatte, mich durch die Politik und Gesetze des Rudels zu dirigieren.

Barabas war blass und mager und hatte von Geburt an Komplexe. Deshalb machte er alles zu einem Statement, auch sein Haar. Es stand ihm senkrecht vom Kopf ab, war feuerrot und sah aus, als würde es in Flammen stehen. Heute wirkte das Haar besonders aggressiv. Er sah aus, als hätte er einen Stromschlag erlitten.

»Ja?«

Barabas öffnete die Glastür und kam in den Fitnessraum. Seine Augen folgten der Bewegung meiner Schwerter. »Versteh mich nicht falsch, aber manchmal machst du mir Angst, Kate.«

»Barabas, du hast zwei Zentimeter lange Krallen und kannst beim Bankdrücken ein Shetlandpony stemmen. Und ich mache dir Angst?«

Er nickte. »Dabei arbeite ich mit ein paar sehr Furcht einflößenden Leuten zusammen. Das will was heißen. Wie schaffst du es, dich nicht zu schneiden?«

»Übung.« Ich hatte ständig geübt, seit ich groß genug gewesen war, um die Schwerter so zu halten, dass sie nicht den Boden zerkratzten.

»Sieht beeindruckend aus.«

»Darum geht es hauptsächlich. Diesen Schwertstil setzt man vor allem dann ein, wenn man vom Pferd geholt wurde und von Feinden umzingelt ist. Damit kann man sich so schnell wie möglich aus dem Handgemenge herauskämpfen. Die meisten Leute, die das sehen, verdrücken sich lieber.«

»Ohne Zweifel. Aber was ist, wenn plötzlich ein Superschwertkämpfer vor dir steht?«, fragte Barabas.

Ich hob Slayer und zeichnete mit dem Schwert eine liegende Acht, indem ich das Handgelenk drehte.

»Das Symbol der Unendlichkeit.«

»Der Schmetterling.« Ich beschleunigte und setzte darunter das zweite Schwert ein. »Ein Schmetterling oben, ein Schmetterling unten, die Arme wechseln und so oft wie nötig wiederholen. Hals, Bauch, Hals, Bauch. Dann weiß der Gegner nicht, was er schützen soll. Entweder tötest du ihn, oder er geht dir aus dem Weg, und du rückst immer weiter vor, bis du die Menge hinter dir gelassen hast. Wolltest du etwas?«

»Curran ist da.«

Ich hielt inne.

»Er kam vor etwa einer Stunde, stand eine Weile hier, schaute dir zu und ging dann hinauf. Ich glaube, ich habe die Tür zum Dach gehört. Ich dachte, er würde vielleicht runterkommen, aber es ist nun schon einige Zeit her, da dachte ich, du möchtest es vielleicht wissen.«

Ich legte den Säbel weg, nahm Slayer und die Scheide und ging den Gang hinunter zu einer kleinen Treppe. Der erste Absatz führte zu unseren Privaträumen, der zweite zum Dach. Das Dach war unser Heiligtum, ein Plätzchen, zu dem wir gingen, wenn wir uns einbilden wollten, ganz unter uns zu sein.

Ich schob die schwere Metalltür auf und trat hinaus. Das Dach breitete sich vor mir aus, ein breites Rechteck aus Stein, das von einer einen Meter hohen Mauer begrenzt wurde. In der Ferne war am Horizont das Gerippe von Atlanta vor dem mondbeschienenen Firmament zu erkennen. Dunst umhüllte die zerstörten Gebäude und ließ sie blassblau, fast durchsichtig aussehen; die einst so lebendige Stadt schien kaum mehr als eine Fata Morgana zu sein. Die Nacht war fast vorbei. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie viel Zeit vergangen war.

Curran hockte mitten auf dem Dach auf irgendwelchen Kartons. Er hatte immer noch dasselbe graue T-Shirt und die Jeans an. Vor ihm lag ein schwarzes Gerät aus Metall. Es sah aus wie ein halbes Fass mit langen, seitlich herausragenden Metallstücken. Die langen Teile waren wahrscheinlich die Beine. Die andere Hälfte der Tonne lag umgedreht links daneben. Überall lagen verschiedene Schrauben in kleinen Plastiktüten verstreut, dazu eine Gebrauchsanweisung, deren Seiten vom Wind aufgeblättert wurden.

Curran sah mich an. Seine Augen hatten die feierliche und düstere Farbe des Regens. Er sah wie ein Mann aus, der sich widerwillig in sein Schicksal gefügt hatte. Was auch immer ihm gerade durch den Kopf ging, es war nichts Gutes.

»Hallo, du knallharte Type!«

»So nenne ich dich doch immer«, sagte er.

Meine Stimme sollte ganz normal klingen. »Was baust du da zusammen?«

»Einen Räucherofen.«

Dass drei Meter hinter ihm bereits ein Grill und eine jederzeit benutzbare Feuerstelle standen, war ihm offensichtlich entgangen.

»Wo hast du den her?«

»Raphaels Recyclingteam hat ein paar davon aus den Trümmern eines alten Baumarkts mitgenommen. Er hat mir einen als Geschenk geschickt.«

In Anbetracht der vielen Teile musste dieser Räucherofen komplizierter als eine Atombombe sein. »Hast du die Gebrauchsanweisung gelesen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wieso? Hattest du Angst, damit deine Männlichkeit infrage zu stellen?«

»Willst du mir helfen oder dich über mich lustig machen?«

»Geht auch beides?«

Ich holte die Gebrauchsanweisung, schlug die richtige Seite auf und reichte ihm die Dichtungsringe und die Muttern zu seinen Schrauben. Er fädelte sie auf die Schraubbolzen und zurrte sie mit den Fingern fest. Die Bolzen stöhnten ein wenig. Wenn ich das Ding jemals auseinandernehmen wollte, würde ich einen großen Mutternschlüssel benötigen. Und möglicherweise einen Hammer, um auf den Schlüssel zu schlagen, falls er sich nicht bewegen würde.

Curran stellte die Scharniere oben am Räucherofen auf. Sie schienen nicht zu passen.

»Ich glaube, diese Scharniere gehören andersrum.«

Er schüttelte den Kopf. »Es wird schon passen.«

Er zwängte die Bolzen durch die Löcher an den Scharnieren, zog die Schrauben fest und versuchte, den Deckel am Unterteil zu befestigen. Ich sah zu, wie er die Sache etwa sechsmal umdrehte. Er reihte die Bolzen auf, befestigte sie und betrachtete den verbogenen Räucherofen. Der Deckel war verkehrt herum und nach hinten gerichtet.

Curran starrte angewidert darauf. »Zum Teufel damit!«

»Was ist los mit dir?«

Er lehnte sich an die Wand. »Habe ich dir schon mal von meiner Zeit in Europa erzählt?«

»Nein.«

Ich ging zu ihm hinüber.

»Als ich zweiundzwanzig war, überbrachte mir Mike Wilson, der Alpha von Ice Fury, eine Einladung zum iberischen Gipfeltreffen.«

Mike Wilson leitete ein Rudel in Alaska. Es war das einzige Rudel in den Vereinigten Staaten, das sich mengenmäßig mit uns messen konnte.

»Wilsons Frau war eine Europäerin, ich glaube eine Belgierin, und sie überquerten alle paar Jahre den Atlantik, um ihre Familie zu besuchen. Sie ist jetzt seine Exfrau. Sie hatten sich zerstritten, also kehrte sie mit ihrer gemeinsamen Tochter zu ihren Eltern zurück.«

Da ihre Heimat jenseits des Atlantiks lag, wollte sie wohl wirklich weg von Wilson. »Hat Mike nicht um das Kind gekämpft?«

»Nein, aber vor zehn Jahren waren sie noch zusammen. Sie legten auf dem Weg zum Gipfeltreffen einen Zwischenstopp in Atlanta ein, und Wilson lud mich ein, mit nach Spanien zu kommen. Er klang so, als würde ein Deal für das Wundermittel auf der Tagesordnung stehen, also ging ich mit.«

»Wie lief es?«

»Ich hatte keine sehr großen Erwartungen. Tatsächlich war ich noch viel zu optimistisch.« Curran verschränkte die Arme über der Brust, sodass seine Bizepse hervorquollen. »In Europa ist alles anders. Die Einwohnerdichte ist viel höher, magische Bräuche sind weitverbreitet, und viele Bauten sind so alt, dass sie die Wogen der Magie überstehen. Es gibt viel mehr Gestaltwandler, die schon sehr früh damit begonnen haben, Rudel zu bilden und ihr Territorium abzustecken. Am Gipfeltreffen nahmen neun verschiedene Rudel teil. Also gab es dort neun sehr starke Alphas, die jederzeit bereit waren, mir den Kopf abzureißen, und keiner von ihnen war aufrichtig. Vordergründig lächelten mich alle an, aber hinter meinem Rücken wetzten sie ihre Krallen gegen mich.«

»Hat sicher Spaß gemacht. Hast du jemanden getötet?«

»Nein. Aber ich stand kurz davor. Ein Werschakal von einem der Rudel wollte mir das Wundermittel verkaufen. Am nächsten Tag fanden wir seine Leiche, wo vorher sein Kopf gewesen war, lag ein Felsblock von der Größe eines Autoreifens.«

»Lustig.«

»Ja. Ich hatte zehn Leute mitgenommen, einige der besten Kämpfer des Rudels. Ich dachte, sie wären loyal und verlässlich. Ich kehrte mit vier von ihnen zurück. Zwei fielen ›bedauernswerten Zwischenfällen‹ zum Opfer, drei wurden mir durch bessere Bezahlung abspenstig gemacht und einer heiratete. Das Rudel war noch jung. Jeden Tag einen neuen Verlust zu erleiden tat weh, aber ich konnte nichts dagegen tun. Es dauerte Monate, bis das Machtvakuum wieder ausgefüllt war.«

Seine Stimme verriet die alten Frustrationen. Er musste Monate damit verbracht haben, jeden einzelnen Moment zu analysieren, um herauszufinden, was er hätte anders machen können. Ich wünschte, ich hätte durch Zeit und Raum greifen und einigen Leuten einen Fausthieb verpassen können.

»Wir kamen in viel zu geringer Zahl und mit viel zu wenigen Waffen und kehrten mit leeren Händen nach Hause zurück. Ich sagte mir: nie wieder!«

Ich wartete. Es kam bestimmt noch mehr.

»Einer der Alphas, die ich kennenlernte, war Jarek Kral. Ein ganz fieser Kerl. Er besitzt einen großen Teil der östlichen Karpaten und hat sich immer weiter ausgebreitet. Der Mann ist besessen von seinem Vermächtnis. Er hält sich für eine Art König. Fast alle seine Kinder starben entweder an Loupismus oder einfach, weil sie seine Kinder waren. Nur eine Tochter schaffte es bis ins Erwachsenenalter, und er wollte sie mir überlassen.«

»Wie bitte?«

Curran sah mich an. »Als ich auf unser Schiff zurückging, erwartete mich dort ein siebzehnjähriges Mädchen namens Desandra mit einem Zettel. Geplant war, dass ich sie heirate und er mir jedes Jahr Geld schickt, wenn ich bereit wäre, einen meiner Söhne zu ihm zu schicken. Jarek hätte lieber zwei gehabt, für den Fall, dass einer von ihnen umkäme, aber er wollte sich auch mit einem zufriedengeben.«

Reizend. Fünfzehn Minuten mit Curran in einem Raum würden jedem Idioten klarmachen, dass er nicht käuflich war und niemals seine Kinder verkaufen würde.

»Du hast sein großzügiges Angebot nicht angenommen, oder?«

Curran schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht mal mit ihr geredet. Wir schickten sie dorthin zurück, woher sie gekommen war. Jarek verheiratete sie mit einem anderen Rudel, den Wolkodawi aus der Ukraine.«

Wolfskiller, soso. Ein interessanter Name für ein Rudel von Gestaltwandlern.

»Desandra lebte ein paar Monate lang bei den Wolkodawi, dann hatte Jarek eine andere Idee, und sie musste sich scheiden lassen. Später verkaufte Jarek sie in eine neue Ehe, diesmal an ein Rudel aus Italien, die Belve Ravennati.«

»Was für ein liebevoller Vater.« Ich hüpfte auf die Brüstung. Ich konnte ein Buch über schlechte Väter schreiben, aber Desandra würde mir sicher den Rang ablaufen.

Currans Mundwinkel verzog sich voller Verachtung. »Er ist nicht ihr Vater. Er ist ihr Zuhälter. Er geriet während des letzten iberischen Gipfeltreffens mit den Belve Ravennati in einen Streit, und er war so sauer auf sie, dass er Desandra befahl, wieder nach Hause zu kommen. Desandra drehte durch. Ihr aktueller und ihr früherer Ehemann waren beide auf dem Gipfeltreffen, also schlief sie mit beiden. Jetzt erwartet sie Zwillinge, und die Fruchtwassertests haben die DNS von beiden Männern nachgewiesen.«

»Wie genau funktioniert das?«

»Das wollte ich auch wissen.« Er verzog das Gesicht. »Ich musste Doolittle fragen. Es gibt einen Ausdruck dafür, warte mal …« Er zog einen Zettel aus der Tasche und las ihn vor. »Eine heteropaternale Superfekundation. Das bedeutet Zwillinge von verschiedenen Vätern. Ich hatte noch nie davon gehört, aber Doolittle sagte, so etwas würde vorkommen und bei Gestaltwandlern häufiger als bei normalen Menschen. Er sagte, es gibt eineiige und zweieiige Zwillinge. Zweieiige Zwillinge entstehen, wenn in der Gebärmutter zwei Eier gleichzeitig befruchtet werden. Bei einer Superfekundation werden sie von verschiedenen Vätern befruchtet.«

»Ich verstehe immer noch nicht, was dieser Schlamassel mit unserem Problem zu tun hat.«

Curran zog eine Grimasse. »Jarek regiert über einen großen Teil der Karpaten. Um die Heirat mit Desandra schmackhafter zu machen, legte er fest, dass Desandras erster Sohn einen gewinnbringenden Bergpass erben sollte. Während des Streits beim Gipfeltreffen soll Jarek Desandras gegenwärtigem Mann gedroht haben, dass er sie, um keine Enkelkinder zu bekommen, im Fall einer Schwangerschaft eher umbringen würde, als zuzulassen, dass die Belve Ravennati den Pass bekommen.«

Eine Frau zu töten, um das Kind in ihrem Leib umzubringen, kam mir unheimlich vor. »Würde er so etwas tun?«

Curran knurrte leise. »Es ist kompliziert. Jarek war schon immer ein Großmaul; als er sich provoziert fühlte, hat er einen seiner Söhne getötet. Aber wie ich Jarek kenne, war er davon besessen, eine Dynastie zu begründen. Jetzt droht er angeblich öffentlich damit, seine Tochter zu töten, die seine einzige Chance auf eine Dynastie ist. Er hat sonst keine Kinder mehr. Jetzt gibt es nur noch Desandra. Es muss an etwas anderem liegen. Desandra scheint jedenfalls davon überzeugt zu sein, denn als sie schwanger wurde, bekam sie eine Höllenangst. Sie verheimlichte die Schwangerschaft, bis die drei Rudel wieder zusammenkamen, und konfrontierte sie öffentlich damit. Jarek wollte sie auf der Stelle angreifen und hätte beinah einen Krieg heraufbeschworen, weil sich die zwei anderen Rudel dazwischenwarfen, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.«

»Klar. Sie wollen den Pass haben.« Eine tote Desandra könnte kein Kind auf die Welt bringen.

»Genau. Schließlich fanden sie eine neutrale Person, die Desandra fern von allen anderen bei sich aufnahm. Dort verbrachte sie den größten Teil ihrer Schwangerschaft, aber der Geburtstermin ist in zwei Monaten, und die Rudel sind auf dem Weg dorthin, um bei der Geburt dabei zu sein. Je nachdem, welcher Sohn zuerst auf die Welt kommt, kann das Rudel, zu dem er gehört, das Erbe für sich beanspruchen. Die Karpaten liegen genau zwischen den Ländereien der Wolkodawi und den Belve Ravennati, darum würden beide das Erbe gern für sich beanspruchen. Keiner der beiden Väter vertraut dem anderen, und Jarek vertrauen sie am allerwenigsten. Sie wollen jemand Starken, der sie und ihre Kinder bewacht und als unparteiischer Zeuge bei der Geburt dabei ist, bis die Erbschaft geklärt ist. Die Rudel haben mich eingeladen, dieses Amt zu übernehmen.«

Die Puzzleteile fügten sich zusammen. »Und sie bezahlen dich mit dem Wundermittel.« Daher hatte er es bekommen.

Curran nickte. »Zehn Tonnen. Es würde zehn Monate oder sogar ein Jahr reichen.«

Wir könnten Maddie retten. Wir könnten Jennifers ungeborenes Kind retten. Wenn ich mit Currans Kind schwanger würde … Ich verdrängte den Gedanken. Ich konnte keine Kinder in diese Welt setzen. Nicht, solange mein Vater noch lebte. Aber falls doch … »Wir müssen dahin.«

Curran sah aus, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen. »Ja, das müssen wir.«

Ein Jahr, ohne dass Kinder zu Loups wurden. Maddies schreckliches halb tierisches Gesicht stand mir vor Augen. Der Blick, mit dem Meredith sie angeschaut hatte, voller Angst und Schmerz, gab mir die nötige Motivation. Vor ein paar Monaten war ich wie sie in dem Albtraum gefangen gewesen, nur noch aufwachen und sehen zu wollen, dass es dem Kind gut ging. Man will es so sehr und so verzweifelt, dass man für ein Zaubermittel alles tun würde, selbst wenn nur die geringste Chance bestand. Man will, dass der Albtraum endet, doch das tut er nicht. Kann der Preis dafür, das zu verhindern, zu hoch sein?

Curran begutachtete die Teile des Räucherofens. »Da ich genug Abstand habe, werde ich fair und neutral sein. Keiner ihrer Nachbarn wollte den Job freiwillig übernehmen.«

»Sie ist ja bereits an einem neutralen Ort«, dachte ich laut. »Es kann doch nicht sein, dass sie niemanden in der Nähe finden konnten, der stark genug ist, um dafür zu sorgen, dass in den drei Rudeln niemand aus der Reihe tanzt. Es ist, als würde man für einen Job in Atlanta einen Leibwächter in Los Angeles verpflichten.«

»Genau. Irgendwas stimmt an der Geschichte nicht. Desandra ist am Leben, was zwei Gründe haben kann. Entweder will Jarek sie nicht wirklich töten. In diesem Fall würden sie mich nicht brauchen. Oder sie befindet sich in einer Festung, in der sie absolut sicher ist und er nicht an sie herankommt. Auch in diesem Fall würden sie mich nicht brauchen.«

»Hast du sie das gefragt?«

»Sie behaupten, dass, wenn alle drei Rudel gleichzeitig an einem Ort sind, angeblich nur ich stark genug bin, um sie davon abzuhalten, diesen Ort in ein Schlachthaus zu verwandeln.«

Mir war die Sache immer weniger geheuer. Sie konnten uns nur einen fadenscheinigen Grund nennen, aber sie wollten unbedingt Curran haben und lockten ihn mit dem Wundermittel. Sie wussten, dass er nicht Nein sagen würde. »Das ist eine Falle.«

»Oh, ich weiß, dass es eine Falle ist!« Curran fletschte die Zähne. »Sie wissen ganz genau, dass ich den Köder unmöglich ablehnen kann, und sie haben das Rudel darüber informiert. Ich habe die Abgesandten gestern getroffen, nur Jim und ich. Als ich von dem Treffen zurückkam, hatten mir die Ratten und Schakale bereits Nachrichten hinterlassen, ob sie mir irgendwie helfen könnten.«

»Schlau.« Die Gestaltwandler waren größere Klatschtanten als alte Damen beim Kirchenausflug. Im Rudel verbreitete sich das Gerücht über die zehn Tonnen des Wundermittels wie ein Lauffeuer. Wenn sich Curran weigerte zu gehen, würden sämtliche Eltern mit einem Kind unter zwanzig die Festung stürmen und randalieren.

Das Rudel hatte nur wenig Kontakt zu europäischen Gestaltwandlern. Es gab zwar ein paar vorläufige Handelsverträge, aber Curran war einzig und allein an dem Wundermittel interessiert, aber die europäischen Rudel waren nicht bereit, es zu verkaufen oder zu teilen.

Wir sahen uns an.

»Hast du irgendetwas getan, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen?«, fragte ich. »Warum wir? Warum gerade jetzt?«

Er schüttelte den Kopf und brummte. »Ich habe nichts getan, und ich weiß es nicht.«

»Was könnten sie von uns wollen?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich werde es irgendwie herausfinden.«

»Was hat Jim gesagt?«

»Es weiß es auch nicht. Er nimmt die Sache unter die Lupe.«

Jim Shrapshire war extrem hinterhältig. Als Sicherheitschef des Rudels hütete er Informationen wie Gold. Wenn er nicht wusste, was gespielt wurde, war es entweder belanglos oder richtig übel. Ich tippte auf Letzteres.

»Wann sollen wir dort sein?«

»So schnell wie möglich. Sie hält sich in einem kleinen Dorf am Schwarzen Meer auf. Wenn wir von Savannah ein Schiff über den Atlantik nehmen, dauert die Fahrt drei Wochen oder mehr, wenn alles gut geht.«

Wir mussten uns beeilen. Das größte Hindernis würde sein, ein Schiff zu finden. Passagen über den Atlantik verliefen nicht immer gut. Das Schwarze Meer war ebenfalls nicht einfach zu überqueren. Die alten Griechen nannten es Pontos Axenos, das ungastliche Meer. In unserem Zeitalter waren die griechischen Sagen ein obligatorischer Lesestoff, der Leben retten konnte, und ich hatte genug darüber gelesen, um zu wissen, dass das Schwarze Meer kein spaßiger Ort war.

»Wo am Schwarzen Meer?«

»Georgien.«

Kolchis. Leibwächter kennen es als Land des Goldenen Vlieses, der Drachen und Hexen, wohin die Argonauten gesegelt waren und wo sie beinahe umgekommen waren. »Wir sollten die Vereinbarungen schriftlich bekommen.«

»Kate, glaubst du, ich würde ohne Vertrag zu so einem Treffen reisen?« Er zog einen Stapel Papiere unter einer Kiste hervor und gab sie mir. Ich überflog sie. Die drei Clans engagierten uns gemeinsam, um Desandra bis zur Geburt ihrer Kinder und während der drei Tage danach vor allen Bedrohungen zu beschützen und in Wahrung ihrer besten Interessen zu handeln.

»›In Wahrung ihrer besten Interessen‹ ist sehr weit gefasst«, dachte ich laut.

»Ja, das ist mir aufgefallen. Jemand muss auf dieser Klausel bestanden haben.«

»Das klingt fast, als wäre sie nicht bei Verstand und als hätten sie Angst, dass sie sich etwas antun könnte.« Ich merkte, dass Curran mich ansah. »Ja?«

»Die Einladung gilt für den Herrn der Bestien und seine Gemahlin. Ich würde es verstehen, wenn du lieber nicht mitkommen möchtest.«

Ich schaute ihn nur an. War das sein Ernst? Er bedeutete mir alles. Wenn ich sterben musste, damit er weiterleben könnte, würde ich sofort mein Leben drangeben, und er würde dasselbe für mich tun. »Entschuldigung, könntest du das noch mal sagen?«

»Wir müssen den Ozean während der Sturmperiode überqueren, in ein fremdes Land voller feindlicher Gestaltwandler reisen, um bei einer Schwangeren den Babysitter zu spielen, während alle nur darauf warten, uns in den Rücken zu fallen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »So gesehen klingt es gar nicht gut …«

»Kate«, knurrte er.

»Ja?«

»Ich versuche dir nur zu sagen, dass du das nicht tun musst. Ich muss gehen, aber du kannst bleiben, wenn du willst.«

Ha, ha! »Ich dachte, wir sind ein Team.«

»Das sind wir.«

»Du schickst mir verwirrende Signale.«

Curran brummte tief in der Kehle.

»Sehr beeindruckend, aber nicht gerade informativ, Euer Pelzigkeit.«

»Es wird ätzend werden«, sagte Curran. »Es wird viel weniger ätzend sein, wenn du mitkommst. Soll ich ehrlich sein? Gern. Ich brauche dich. Ich brauche dich, weil ich dich liebe. Drei Monate ohne dich wären die Hölle. Selbst wenn wir kein Paar wären, würde ich dich brauchen. Du bist eine gute Kämpferin, du hast als Leibwächterin gearbeitet und du kennst dich mit Magie aus. Wir haben nicht viele Leute, die Magie nutzen, und wir wissen nicht, wie es damit bei diesen Rudeln steht; wenn sie uns mit Magie bombardieren, haben wir ihnen nichts entgegenzusetzen.« Er breitete die Arme aus. »Aber ich liebe dich und möchte nicht, dass dir etwas zustößt. Ich werde nicht von dir verlangen, dass du mitkommst. Das wäre, als würde ich mich vor einen fahrenden Zug werfen und sagen: ›He, Schatz, komm zu mir!‹«

Ich hüpfte von der Mauer und stellte mich neben ihn. »Jederzeit.«

Er sah mich nur an.

»Ich habe noch nie einen Zug getötet. Das könnte Spaß machen.«

»Bist du dir sicher?«

»Einmal lag ich in einem Käfig im Innern eines Palasts im Sterben, der über einen verzauberten Wald flog. Und so ein Idiot kam rein, suchte im ganzen Palast, kämpfte sich durch Aberhunderte von Rakshasas und rettete mich.«

»Ich erinnere mich«, sagte er.

»Da wurde mir klar, dass du mich liebst«, sagte ich. »Ich war im Käfig und hörte dich brüllen.«

Er grinste. Endlich ließ er die Schultern locker. Er umarmte mich, und ich küsste ihn. Er schmeckte wie Curran – männlich, gesund und mein – ich würde den Geschmack überall erkennen.

»Ich komme mit, Euer Torheit. So schnell wirst du mich nicht los.«

»Danke.«

Außerdem würde es guttun, mal aus Atlanta rauszukommen. Und weg von Hugh d’Ambray – dem Kriegsherrn meines Vaters.

Mein Familienhintergrund war kompliziert. Wenn mein leiblicher Vater herausfand, dass ich noch am Leben war, würde er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich zu zermalmen. Sechsundzwanzig Jahre lang hatte ich es geschafft, mich in offener Schusslinie zu verstecken. Aber dann kreuzte sich mein Weg mit dem von Hugh d’Ambray, der vor ein paar Monaten darauf kam, wer ich eigentlich sein müsste. Ich glaubte zwar nicht, dass er sich zu hundert Prozent sicher war, aber einen starken Verdacht hatte er vermutlich schon. Früher oder später würde Hugh d’Ambray bei mir anklopfen, aber vorläufig war ich nicht dazu bereit. Mein Körper war geheilt, und ich lernte, wie ich aus meinem Blut Waffen und eine Rüstung schmieden konnte, was eine der größten Zauberkräfte meines Vaters war. Aber ich brauchte noch mehr Übung.

Durch die Reise würde ich Zeit gewinnen und mit jedem Tag etwas stärker werden. Viel Glück dabei, mich jenseits des Ozeans zu suchen, Hugh!

Curran kam näher. Ich lehnte mich an ihn. Unter uns breitete sich der Wald bis in die Ferne aus, rechts davon verdunkelten die verschlungenen Ruinen von Atlanta den Horizont.

Angst überfiel mich und wurde immer größer. Die Worte platzten von selbst aus mir heraus. »Wenn wir Kinder bekommen, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu Loups werden?«

»Geringer als bei den meisten«, sagte Curran. »Ich bin ein Erster, und wir Ersten werden weniger oft verrückt.«

Die Ersten waren von einem anderen Schlag als die anderen Gestaltwandler. Sie waren stärker, schneller und hatten eine größere Kontrolle über die Gestaltwandlung. Aber auch sie waren nicht vor Lyc-V und dem Schrecken des Loupismus gefeit. »Ist es möglich?«

»Ja.«

Ich spürte wieder die Angst in mir, als wäre ich ein Aufziehspielzeug, das gerade angekurbelt wurde. »Wie groß ist das Risiko?«

Er seufzte. »Ich weiß es nicht, Kate. Soweit ich weiß, ist in meiner Familie bisher niemand zum Loup geworden, aber ich war damals zu jung, um mich danach zu erkundigen. Ich weiß nur, dass die Wahrscheinlichkeit geringer ist. Wir besorgen uns das Wundermittel, Baby. Das verspreche ich dir.«

»Ich weiß.«

»Möchtest du Kinder haben?«

Ich bemühte mich, den Gedanken, mit Curran Kinder zu bekommen, ganz zu erfassen. Es war nicht einmal ein Gedanke, sondern eine verschwommene Idee in weiter Ferne, die genauer in Augenschein zu nehmen mir im Moment viel zu kompliziert erschien. Ich versuchte mir vorzustellen, schwanger zu sein, aber es gelang mir nicht. Was wäre, wenn mein Vater mich fand und meine Kinder tötete? Was wäre, wenn sie zu Loups wurden?

Curran schaute sehr merkwürdig drein. Ich merkte, dass ich die Arme um meinen Leib geschlungen hatte.

He, Baby, möchtest du Kinder von mir haben? Und als Antwort kauere ich mich wie ein Fötus zusammen. Mein Gott, was war ich doch für eine Idiotin!

»Vielleicht, irgendwann. Wenn sich alles etwas beruhigt hat. Möchtest du Kinder?«

Er legte seinen Arm um mich. »Sicher. Später. Ich habe es nicht eilig.«

Der frische Wind umfing uns und versprach uns einen neuen Tag. Während wir nebeneinander standen, stieg die Sonne aus dem Wald empor. Eine schmale goldene Sichel, die so hell war, dass es wehtat.

Wir würden zusammen sein und für Maddie das Wundermittel besorgen. Das war alles, was im Moment zählte.

KAPITEL 3

Als Curran und ich auf dem Weg zum Frühstück vom Dach hinunterstiegen, lauerte uns Barabas mit einem Stapel Papiere auf.

»Was ist das?« Ich musterte das zwei Zentimeter dicke Bündel.

»Das alles müsst ihr noch vor eurer Abreise ans Schwarze Meer erledigen.« Er verwies uns ins nächste Konferenzzimmer. Dort hatte man ein Frühstück serviert. Teller mit Rührei, haufenweise Schinkenspeck und Würstchen und Berge von gebratenem Fleisch teilten sich den Platz mit Kaffeekannen und Türmen aus Pfannkuchen. Der Duft betörte mich. Plötzlich überkam mich Heißhunger.

»Weiß die ganze Festung, dass wir gehen?«, fragte Curran.

»Bestimmt schlafen noch ein paar Leute, aber alle anderen wissen es, ja.« Barabas legte den Stapel auf den Tisch und hielt mir den Stuhl bereit. »Bitte sehr.«

»Ich habe Hunger und keine Zeit für so was.«

Barabas’ Augen waren gnadenlos. »Nimm dir die Zeit, Alpha. Du hast zwei Hände. Mit der einen kannst du essen und mit der anderen unterschreiben.«

Curran grinste.

»Gefällt dir, wie ich leide?«, fragte ich.

»Ich finde es köstlich. Du stürzt dich mit nur einem Schwert bewaffnet in eine wilde Schießerei, aber bei Büroarbeit gerätst du in Panik.«

Barabas legte einen noch dickeren Stapel vor ihn. »Das ist für Euch, Mylord.«

Curran fluchte.

Gestaltwandler erfreuten sich eines hohen Stoffwechsels, was ihnen half, Nährstoffe schnell aufzunehmen und Energie für die Gestaltwandlung zu speichern. Dieser Stoffwechsel zwang sie aber auch dazu, sich vollzustopfen. Curran beim Essen zuzusehen war erschreckend. Er aß weder schnell noch verschlang er sein Essen mit den Händen. Aber er verzehrte Riesenmengen. Ich dachte, ich würde mich mit der Zeit daran gewöhnen, aber als er sich den Teller zum dritten Mal vollpackte, konnte ich nicht mehr hinsehen. Er hatte wohl nichts zu Abend gegessen.

Die Tür zum Konferenzzimmer ging auf, und Jim stürmte herein. Jim war einen Meter neunzig groß und hatte eine dunkle samtige Haut und einen Blick, der einen in die Flucht treiben konnte. Außerdem war Jim der Sicherheitschef des Rudels. Wir kannten uns schon sehr lange, seit wir beide für die Söldnergilde gelegentlich im gleichen Team gearbeitet hatten. Ich brauchte das Geld, und Jim ertrug es nicht, sich mit jemand anderem zusammenzutun.

Jim lehnte sich auf den Tisch. »Ich komme mit.«

»Nein«, sagte Curran. »Ich brauche dich hier. Du musst das Rudel leiten, während wir weg sind.«

»Das kann doch Mahon übernehmen.«

Mahon Delany, ein Alpha des Schwer-Clans, war der Henker des Rudels. Er hatte Curran aufgezogen, nachdem Currans Familie ermordet worden war, und er genoss unter den vierzehn Alphas des Rudels vermutlich den meisten Respekt. Allerdings war er nicht sehr beliebt.

»Die Schakale würden randalieren, und das weißt du«, sagte Curran. »Du kannst die Clans zusammenhalten. Mahon kann es nicht. Er ist altmodisch und ungeschickt, und wenn ich ihm die Leitung übergebe, liegen wir, bis wir zurückkommen, im Bürgerkrieg.«

»Und wer passt dort drüben auf dich auf? Es geht nicht nur darum, was sie tun. Ich mache mir auch Gedanken darüber, was sie tun könnten und wie sie es tun könnten. Wer soll das für dich machen?«

»Du nicht«, sagte Curran. »Ich brauche dich hier.«

Jim wandte sich an mich. »Kate?«

Falls er glaubte, ich würde mich in diese Angelegenheit einmischen, hatte er den Verstand verloren. »Schau mal, ich muss noch diesen ganzen Papierkram erledigen, ich kann jetzt nicht reden, habe zu viel zu tun.«

Jim ließ sich auf den Stuhl fallen und sah aus, als wollte er jemanden erwürgen.

Barabas legte mir noch ein Blatt hin. Ui.

»Du solltest Kate damit beauftragen«, sagte Jim. »Du hattest noch nie ein größeres Leibwächter-Kommando. Sie hat mehr Erfahrung, und sie macht es ordentlich.«

Ich deutete mit einem Stück Schinkenspeck auf ihn. »Nicht nur ordentlich. Ich bin verdammt gut, und das weißt du.«

»Wir haben das schon besprochen«, sagte Curran. »Sie bewacht Desandra, ich werde bei den Rudeln die Zähne fletschen und ihr den Rücken freihalten, und wenn sie mir sagt, ich soll Druck machen, dann mache ich Druck. Alles geregelt, Jim.«

»Oder zumindest glauben sie das.« Barabas nahm das Blatt, das ich gerade unterschrieben hatte, und pustete auf die Tinte.

»Nehmt Barabas mit«, sagte Jim plötzlich. »Wenn ihr mich nicht mitnehmt, dann Barabas. Er ist hinterhältig, paranoid und besessen. Er wäre perfekt.«

Curran sah mich an. Ich schaute zu Barabas. Er zeigte seine geraden, scharfen Zähne. »Wie kann ich nach dieser Empfehlung noch Nein sagen?«

»Wen willst du zur Unterstützung?«, fragte ich.

»George«, sagte Barabas.

George hieß eigentlich Georgetta, aber sie drohte damit, jeden zu töten, der sie so nannte. Sie war Mahons Tochter und diente dem Rudel als Justizangestellte.

»Sie kennt sich mit den Gesetzen aus«, sagte Barabas. »Und sie ist das genaue Gegenteil von neurotisch.«

»Wenn du George mitnimmst, will auch Mahon mit«, sagte Jim.