Beschreibung

Cerise Mar lebt im Sumpfland zwischen Louisiana und einer magischen Welt, die an unsere Wirklichkeit angrenzt. Ihre Familie gehört einem weitläufigen Clan an, der sich im Laufe der Zeit einige Feinde gemacht hat. Als Cerises Eltern verschwinden, fällt der Verdacht daher als erstes auf die Gegner des Clans. Cerise macht sich auf die Suche nach ihnen und begegnet dem Gestaltwandler William, einem ehemaligen Soldaten aus der Welt der Magie. William soll einen Spion ausfindig machen, der sein Land verraten hat. Der verschlossene Mann übt eine unwiderstehliche Faszination auf Cerise aus ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 675


Inhalt

Titel

Widmung

1

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5

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Epilog

Danksagung

Impressum

ILONA ANDREWS

Roman

Ins Deutsche übertragen von Ralf Schmitz

 

Für Gene und Jane Blankenship: Ihr werdet dieses Buch nie lesen, aber ohne euch hätten wir es niemals geschrieben.

 

1

William trank einen Schluck Bier aus der Flasche Modelo Especial und starrte den Green Arrow unnachahmlich finster an. Aber das Stück bemaltes Plastik reagierte nicht auf die Herausforderung. Die Actionfigur stand weiter reglos an den Verandapfosten von Williams Haus gelehnt. Eigentlich mehr eine Hütte als ein Haus, dachte William, aber immerhin ein Dach über dem Kopf, und er war keiner, der groß rumjammerte.

Von seinem Standpunkt aus hatte der Green Arrow einen großartigen Überblick über Williams auf der Veranda aufgestellte Armee aus Actionfiguren, und wenn der Bursche seine Meinung hätte kundtun wollen, wäre er dafür in einer geeigneten Position gewesen. William zuckte die Achseln. Ein Teil von ihm war sich darüber klar, dass seine Unterhaltung mit einer Actionfigur an Irrsinn grenzte, aber er hatte momentan niemanden, mit dem er reden konnte, musste sich jedoch unbedingt mal aussprechen. Er steckte bis zum Hals im Schlamassel.

»Die Jungen haben geschrieben«, sagte er.

Der Green Arrow sagte nichts.

William blickte über ihn hinweg in den jenseits der Wiese raschelnden Wald. Zwei Meilen weiter würde sich der Wald in einfache Wälder aus schlichten Georgia-Kiefern und Eichen verwandeln. Hier jedoch, im Edge, ließ Magie die Bäume wuchern, und der Wald war alt. Der Tag war einem langen, trägen Sommerabend gewichen. Kleine, namenlose Krabbler, die es nur im Edge gab, jagten einander durch die Zweige der uralten Bäume, ehe die Dunkelheit die Raubtiere aus ihren Schlupfwinkeln lockte.

Das Edge war ein seltsamer Ort zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite lag das Broken, ohne Magie, dafür mit jeder Menge Technik. Und Regeln. Und Gesetzen. Und Papierkram. Diese verfluchte Gegend konnte ohne Papierkram nicht leben. Und im Broken arbeitete er derzeit, auf dem Bau.

Auf der anderen Seite lag das genaue Gegenteil des Broken, das Weird, wo Magie herrschte und alte, adlige Familien das Sagen hatten. Er kam aus dieser Welt. Im Weird war er ein Ausgestoßener, ein Soldat, ein Sträfling, ein paar kurze Wochen lang sogar ein Edelmann gewesen. Und im Weird hatte man ihm einen Tritt in den Hintern nach dem anderen verpasst, bis er schließlich genug hatte und gegangen war.

Das Edge gehörte zu keiner der beiden Welten. Der perfekte Ort für den Mann, der nirgends hinpasste. Dort hatte er auch die Jungen kennengelernt: George und Jack. Die beiden lebten mit ihrer Schwester Rose im Edge. Rose war nett und hübsch, er hatte sie gleich gemocht. Ihm hatte gefallen, was sie und die Kinder hatten, eine nette, kleine Familie. Wenn William sie zusammen sah, tat ihm etwas tief im Innern weh. Jetzt wusste er, warum: Er hatte sofort begriffen, dass er so eine Familie niemals haben würde.

Trotzdem hatte er es weiter bei Rose versucht. Und vielleicht hätte er sogar eine Chance gehabt, aber dann war Declan aufgekreuzt. Declan, Blaublütiger und Soldat, mit seinen makellosen Manieren und seinem hübschen Gesicht. »Wir waren mal Kumpel«, teilte er dem Green Arrow mit. »Aber ich hab ihm alles aus dem Leib geprügelt, ehe er weg ist.«

Allerdings war er der Angeschmierte, denn Declan hatte Rose und die Jungen mitgenommen. William ließ sie ziehen. Jack verlangte nach jeder Menge Aufmerksamkeit, und Declan würde sich gut um ihn kümmern. Und Rose brauchte jemanden wie Declan. Jemanden, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Sie hatte mit den Jungen schon genug am Hals. Die Frau benötigte ganz sicher kein weiteres Wohltätigkeitsprojekt, und er wollte sich ihr nicht aufdrängen.

Sie waren nun schon fast zwei Jahre fort. Seitdem lebte er im Edge, und das ständige Kribbeln der Magie sorgte dafür, dass er nicht einrostete. Er ging seiner Arbeit im Broken nach, saß am Wochenende vor der Glotze, trank viel Bier, sammelte Actionfiguren und tat die meiste Zeit so, als hätte es die ersten sechsundzwanzig Jahre seines Lebens gar nicht gegeben. Die Edger, also die paar Familien, die wie er zwischen den Welten lebten, blieben unter sich und ließen ihn in Ruhe.

Die meisten Leute im Broken oder im Weird wussten gar nicht, dass die jeweils andere Welt überhaupt existierte, aber hin und wieder kamen Händler durch das Edge, die zwischen den Welten herumreisten. Vor drei Monaten hatte Nick, einer dieser Handlungsreisenden, erzählt, er sei gerade auf dem Sprung ins Weird, genauer in die Südprovinzen. William hatte darauf aus einer Laune heraus ein Päckchen Spielzeug zurechtgemacht und den Mann für die Auslieferung bezahlt. Mit einer Antwort oder sonst was hatte er nicht gerechnet. Die Jungen hielten sich an Declan. An ihm waren sie nicht interessiert.

Nick hatte gestern Abend vorbeigeschaut. Die Jungen hatten ihm geschrieben.

William nahm den Brief und sah ihn an. Er war kurz. Georges Buchstaben standen sauber in Reih und Glied. Jacks Schrift sah aus, als hätte ein Huhn im Dreck gescharrt. Die beiden bedankten sich für die Actionfiguren. George gefiel es im Weird. Man überließ ihm dort genug tote Körper, um sich in Nekromantie zu üben, und er lernte, mit dem Rapier zu fechten. Jack beschwerte sich über zu viele Vorschriften und darüber, dass man ihn nicht nach Lust und Laune jagen ließ.

»Das ist nicht gut«, sagte William zu dem Green Arrow. »Er sollte sich austoben können. Die Hälfte aller Probleme wäre gelöst, wenn er ordentlich Druck ablassen dürfte. Der Kleine ist ein Gestaltwandler, ein Raubtier. Er verwandelt sich in einen Luchs, nicht in einen Plüschhasen.« Er hob den Brief auf. »Anscheinend wollte er denen zeigen, was er draufhat. Jack hat einen Hirsch erlegt und den blutigen Kadaver mitten auf dem Esstisch abgeladen, weil er eine Raubkatze ist und die anderen für lausige Jäger hält. Er meint, es wäre nicht gut ausgegangen. Er wollte denen was zu essen bringen, aber die haben nichts geschnallt.«

Jacks Energien mussten nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Aber William hatte nicht vor, ins Weird zu gehen und auf Declans Schwelle zu erscheinen. Hi, weißt du noch, wer ich bin? Wir waren mal Kumpel, aber dann wurde ich zum Tode verurteilt, und dein Onkel hat mich adoptiert, damit ich dich umbringe? Und, ach ja, hast du mir nicht Rose weggeschnappt? Klar doch. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Brief zu beantworten und noch mehr Actionfiguren zu schicken.

William zog das Paket zu sich heran. Für George hatte er Deathstroke reingelegt – die Figur sah ein bisschen wie ein Pirat aus, und George stand auf Piraten, weil sein Großvater einer war. Für Declan hatte er Grayskull dazugepackt. Nicht, dass Declan mit Actionfiguren spielte – schließlich hatte er eine Kindheit gehabt, während er, William, seine in der Hawk’s Akademie zugebracht hatte, was kaum besser war als Knast. Trotzdem gefiel es William, ihm eine lange Nase zu drehen, und King Grayskull sah Declan mit seinen langen, blonden Haaren ziemlich ähnlich.

»Die eigentliche Frage ist, schicken wir Jack die rote Wildkatze oder die schwarze?«

Der Green Arrow äußerte sich nicht.

Da stieg William Moschusgeruch in die Nase. Er drehte sich um. Aus dem Gebüsch am Wiesensaum starrten ihn zwei schmale, glühende Augen an.

»Du schon wieder.«

Der Waschbär fletschte seine kleinen, spitzen Zähne.

»Ich hab dich gewarnt. Bleib mir vom Acker. Oder ich fress dich.«

Das kleine Biest klappte sein Maul auf und fauchte wie eine beleidigte Katze.

»Jetzt reicht’s.«

William zog sein T-Shirt aus. Jeans und Unterwäsche folgten. »Bringen wir’s hinter uns.«

Der Waschbär fauchte erneut und richtete sein Fell auf, um größer zu wirken. Seine Augen glühten wie zwei Kohlestückchen.

William griff in sein Innerstes und ließ die Wildheit von der Kette. Der Schmerz schüttelte ihn, warf ihn haltlos hin und her. Seine Knochen wurden weich, bogen sich, die Sehnen schnalzten, sein Fleisch zerfloss wie geschmolzenes Wachs. Dann hüllte ihn dichtes, schwarzes Fell ein. Die Quälerei war zu Ende, und William kam auf die Beine.

Der Waschbär erstarrte.

Eine Sekunde lang sah William sein Spiegelbild in den Augen des kleinen Biests – eine wuchtige dunkle Gestalt auf allen vieren. Der Eindringling wich einen Schritt zurück, wirbelte herum und floh.

William heulte, stimmte einen langen, traurigen Gesang an, der von der Jagd und den Freuden der Hatz handelte und von den Verheißungen warmen Blutes zwischen seinen Zähnen. Die Kleintiere versteckten sich, als sie ein Raubtier in ihrer Mitte gewahrten, hoch oben im Geäst.

Dann verklang der letzte Nachhall des Liedes im Wald. William schlug seine langen, weißen Fänge in die Luft und machte sich auf die Jagd.

William trottete durch den Wald. Der Waschbär hatte sich als Weibchen mit sechs Jungen erwiesen. Wieso ihm der Duft des Weibchens entgangen war, würde er nie erfahren. Das Edge machte ihn wohl ein bisschen träge. Seine Sinne waren hier nicht so scharf wie sonst.

Er ließ das Tier ziehen. Man jagte kein Weibchen mit einem Wurf – das würde nur dazu beitragen, dass die Art ausstarb.

Stattdessen schnappte er sich ein schönes saftiges Kaninchen. William leckte sich die Lippen. Hmm, gut. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass der Deckel auf seinem Mülleimer blieb. Vielleicht mit einer seiner Hanteln oder ein paar schweren Steinen …

Durch die Bäume erhaschte er einen Blick auf sein Haus. Wieder nahm er einen Duft wahr: würzig, wie Zimt, mit einer Beimischung von Kreuzkümmel und Ingwer.

Seine Nackenhaare sträubten sich, und er ließ sich fallen.

So einen Duft gab es in dieser Welt nur in Bäckereien. So roch nur ein Mensch, der nicht aus dem Edge stammte und dem noch Reste der Magie aus dem Weird anhafteten.

Ärger.

Er lag im Düster zwischen den Wurzeln und lauschte. In dem Baum rechts von ihm ließen sich Eichhörnchen zur Nacht nieder. Irgendwo weit weg hämmerte ein Specht auf der Suche nach dem letzten Happen des Tages.

Die üblichen Geräusche des Waldes.

William konnte von seinem Versteck aus seine Veranda überblicken. Nichts rührte sich dort.

Die Strahlen der untergehenden Sonne glitten über die Bodenbretter. Ein kleiner Stern funkelte ihn an.

Vorsichtig. Vorsichtig.

William rückte langsam vor, ein dunkler Geist auf weichen Pfoten im Abendlicht. Ein Meter. Zwei. Drei.

Der Stern funkelte abermals. Auf den Verandastufen stand eine rechteckige, mit einem einfachen Metallriegel gesicherte Holzkiste. Der Riegel glänzte im reflektierten Sonnenlicht. Da hatte wohl jemand ein Geschenk für ihn abgestellt.

William umkreiste das Haus zweimal. Nahm gespannt Witterung auf, lauschte auf das geringste Geräusch. Dann traf er auf den Pfad, der vom Haus wegführte. Wer auch immer die Kiste gebracht hatte, war nun verschwunden.

Er näherte sich dem Gebäude und betrachtete die Kiste: Fünfundvierzig Zentimeter lang, dreißig Zentimeter breit, acht Zentimeter hoch. Schlichtes, unmarkiertes Holz. Sah aus wie Kiefer. Roch auch so. Kein Laut aus dem Innern.

Seine Figuren hatte keiner angefasst. Der von dem mächtigen Hulk gehaltene Brief lag, wo er ihn zurückgelassen hatte. Der Geruch des Eindringlings reichte nicht so weit.

Mit einer Pfote zog William die Eingangstür auf und schlüpfte ins Haus. Jetzt würde er Finger brauchen.

Der Schmerz zerriss ihn fast, fuhr ihm durch Mark und Bein. Er knurrte leise, schüttelte sich, konvulsivisch, und sträubte sein Fell. Zwanzig Sekunden Agonie, dann kauerte William auf Menschenbeinen im Wohnzimmer. Zehn weitere Sekunden, und er trat, vollständig angezogen und mit einem langen Messer bewaffnet, auf die Veranda hinaus. Das harmlose Aussehen der Kiste hieß noch lange nicht, dass sie ihm beim Öffnen nicht um die Ohren fliegen würde. Er hatte schon Bomben gesehen, die gerade mal so groß wie ein Untersetzer waren. Die keinen Lärm machten, nach nichts rochen und einem, wenn man drauftrat, die Beine unterm Körper wegfetzten.

Er griff das Messer, knackte den Riegel und hob den Deckel an. Ein Stapel Papier. Hmm.

William nahm das oberste Blatt vom Stapel, drehte es um und erstarrte.

Im grünen Gras lag ein kleiner, übel zugerichteter Körper. Der Junge war höchstens zehn Jahre alt, seine weiße Haut hob sich krass von den roten Placken rings um eine klaffende Bauchwunde ab. Jemand hatte den Jungen mit einem einzigen grausamen Hieb ausgeweidet und ausbluten lassen. Er schwamm in Blut. Überall Blut, auf seinem mageren Bauch, an den Händen, am Löwenzahn ringsum … Hell, furchtbar rot, so leuchtend, dass es schon nicht mehr echt wirkte. Das schmale Gesicht des Jungen war mit milchigen, toten Augen dem Himmel zugekehrt, sein Mund zu einem entsetzten O aufgerissen, die kurzen, rötlichen Haare gesträubt …

Das ist Jack! Der Gedanke traf William wie ein Schlag in die Magengrube. Sein Herz raste. Dann sah er sich das Gesicht genau an. Nein, doch nicht Jack. Eine Katze wie er – mit schlitzartigen Pupillen –, aber Jacks Haare waren braun. Der Junge hatte das richtige Alter, die richtige Statur, aber er war nicht Jack!

William atmete langsam aus, um seiner Wut Herr zu werden. Er kannte das hier. Er hatte den Jungen schon mal gesehen. Nicht auf einem Foto, sondern in der Realität, hatte das Blut und den rohen, unvergesslichen Geruch der Bauchwunde gerochen. Seine Erinnerung beschwor den Anblick herauf, die gespenstische Bitterkeit, die sich nun auf seine Zunge legte, schnürte ihm fast die Kehle zu.

Das nächste Bild zeigte ein kleines Mädchen, dessen Haare ein Gewirr aus Blut und Hirnmasse waren – jemand hatte der Kleinen den Schädel zertrümmert.

Er nahm mehr Bilder aus der Kiste. Jedes zeigte einen Körper, den er in seiner Erinnerung wiederfand. Schließlich lagen acht ermordete Kinder auf seiner Veranda. Acht gemeuchelte kleine Gestaltwandler.

Im Weird konnte man mit Gestaltwandlern wie ihm wenig anfangen. Im Herzogtum Louisiana wurden solche wie er nach der Geburt kurzerhand umgebracht. In Adrianglia konnte eine Mutter, die einen Gestaltwandler zur Welt brachte, ihr Baby, ohne dass irgendwelche Fragen gestellt wurden, der Regierung übergeben. Eine Unterschrift unter ein Blatt Papier genügte, und die Frau durfte ihrer Wege gehen, während ihr Kind an die Hawk’s Akademie weitergereicht wurde. Hawk’s war ein Gefängnis. Ein Knast mit sterilen Zellen und erbarmungslosen Wächtern, wo Spielsachen und Spiele streng verboten waren. Ein Ort, einzig dazu da, seinen Schülern auch noch den letzten Rest freien Willen auszutreiben. Gestaltwandlerkinder blühten nur im Freien richtig auf; diese acht mussten vor Freude außer sich gewesen sein, als man sie in die Sonne und ins Gras gelassen hatte.

Was dann kam, sollte eine einfache Verfolgungsübung werden: Die Ausbilder brachten die Kinder an die Grenze zwischen Adrianglia und seinem Erzfeind, dem Herzogtum Louisiana, eine heiße Grenze, die ständig in beiden Richtungen von Bewohnern beider Länder verletzt wurde. Dann ließen die Ausbilder die Kinder eine Handvoll Grenzgänger aus Louisiana aufspüren. William hatte diese Mission als Kind dutzendfach durchgeführt.

Er starrte die Fotos an: Die Kinder bekamen es nicht mit normalen Grenzgängern aus Louisiana zu tun, sondern mit Agenten der Hand von Louisiana. Spione, wirr im Kopf vor Magie und so schlagkräftig, dass sie einen ganzen Trupp gut ausgebildeter Legionäre ausschalten konnten.

Sie ließen sich von den Kindern erwischen.

Als die Ausbilder und die Kinder ihren Bericht schuldig blieben, wurde eine Einheit Legionäre in Marsch gesetzt, um sie zu suchen. Er war der Fährtenleser der Einheit und hatte ihre Leichen auf der Wiese gefunden.

Ein Massaker, brutal und kalt. Die Kinder waren nicht sofort tot. Sie hatten gelitten, bevor sie starben.

Unten in der Kiste lag noch das letzte Blatt Papier. William packte es. Schon beim ersten Satz war ihm klar, wie es weitergehen würde. Die Worte hatten sich ihm tief ins Gedächtnis gegraben.

Trotzdem las er.

Hirnlose Tiere sind keine große Herausforderung. In Louisiana werden Gestaltwandler nach der Geburt getötet – das ist viel effizienter, als Zeit und Geld zu vergeuden, um sie zu richtigen Menschen zu machen. Ich rate dir, dir diesen Vorgeschmack ganz genau anzuschauen, denn das nächste Mal verlange ich eine angemessene Entschädigung, wenn ich dir deine kleinen Freaks vom Hals schaffe.

Mit freundlichen Grüßen

Spider

Rasende Wut erfasste William und löschte jeden klaren Gedanken und jede Zurückhaltung aus. Er hob den Kopf zum Himmel und knurrte, um seinem Zorn eine Stimme zu verleihen, bevor er ihn in Stücke riss.

Jahrelang, wann immer die Legion ihn ließ, hatte er Spider gejagt: Zweimal fand er ihn. Beim ersten Mal schlitzte er Spider den Bauch auf, und Spider brach ihm im Gegenzug beide Beine. Beim zweiten Mal zerschmetterte William dem Mann aus Louisiana die Rippen, während Spider ihn um ein Haar ertränkte. Aber beide Male entkam ihm der Spion der Hand.

Keiner scherte sich um Gestaltwandler. Sie wuchsen fernab der Gesellschaft auf und wurden zu Gehorsam und zu Killern für Adrianglias Nutzen und Frommen erzogen. Sie galten als Kanonenfutter, für ihn jedoch waren sie Kinder, so wie er selbst mal eines gewesen war. Oder Jack.

Er musste Spider finden. Ihn töten. Kindermord musste bestraft werden.

Ein Mann kam aus dem Wald. William sprang von der Veranda. Mit dem nächsten Atemzug presste er den Eindringling gegen den erstbesten Baumstamm und knurrte, seine Zähne schlugen um Haaresbreite vor der Halsschlagader des Mannes aufeinander.

Der Mann setzte sich nicht zur Wehr. »Wollt Ihr mich umbringen oder Spider?«

»Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Erwin.« Der Mann wies mit einem Nicken auf seine erhobenen Hände. An seinem Mittelfinger saß ein breiter Ring – ein schlichter Silberreif mit einem kleinen blank polierten Spiegel darin. Der Spiegel – Adrianglias Geheimdienst –, schoss es William durch den Kopf. Erzfeind der Hand.

»Der Spiegel würde sich gerne mit Euch unterhalten, Lord Sandine«, sagte der Mann leise. »Würdet Ihr uns freundlicherweise Audienz gewähren.«

 

2

Cerise beugte sich über das teefarbene Wasser des Horseshoe Pond. Wie uralte Soldaten in Habachtstellung standen riesige Zypressen um sie herum, ihre knotigen Wurzeln im Wasser. Ganz still war es im Moor nie, aber nichts Außergewöhnliches unterbrach den vertrauten Chor der üblichen kleinen Geräusche: das Quaken einer Kröte irgendwo links, das Rascheln von Edge-Eichhörnchen im Laub über ihr, das anhaltende Trillern des Samenknackers …

Sie krempelte ihre Jeans hoch, ging in die Hocke und verfiel in den gewohnten Singsang: »Wo ist Nellie? Wo ist mein gutes Mädchen? Nellie ist das beste Rolpie von allen. Hier, Nellie, Nellie … NELLIE!«

Die Oberfläche des Sees lag vollkommen friedlich. Nicht der geringste Spritzer.

Cerise seufzte. In einer Entfernung von fünfzehn Metern zierte ein von Krallenspuren gesäumter langer, feuchter Fleck den Morast. Nellies Spur. Mit fünfzehn war die Hatz von Rolpies durch den Sumpf noch ein Riesenspaß gewesen. Jetzt war sie vierundzwanzig, und mitten in der Nacht durchs Moor zu waten, im Wasser zu stolpern und bis zu den Knöcheln im Schlamm zu versinken, machte nicht mehr gar so viel Spaß. Sie hätte Besseres mit ihrer Zeit anzufangen gewusst. Zum Beispiel in ihrem schönen, warmen Bett zu schlafen.

»Hier, Nellie! Hier, mein Mädchen! Du bist doch mein gutes Mädchen? Bist doch mein gutes Mädchen, Nellie! Oh, so ein hübsches Mädchen ist die Nellie! Oh, so ein fettes Mädchen! Nellie ist das fetteste, süßeste, dümmste Rolpie von allen! Ja, das ist sie!«

Keine Antwort.

Cerise sah auf. Hoch oben blinzelte ihr über dem Geflecht aus Zypressenzweigen und Moorranken ein kleines Stück blauer Himmel zu. »Warum tust du mir das an?«

Der Himmel blieb ihr die Antwort schuldig. Das war immer so, trotzdem redete sie weiter mit ihm.

Über ihrem Kopf echote ein Zwitschern, und ein weißer Klumpen Vogelkot plumpste aus dem Geäst. Cerise wich aus und schimpfte mit dem Himmel: »Uncool. Das ist so was von uncool.«

Zeit für Notfallmaßnahmen. Cerise lehnte ihr Schwert gegen eine Zypresse, verankerte die Scheide im Dreck, verlagerte ihr Gewicht, zog den Rucksack von der Schulter und fischte ein in Unordnung geratenes Geschirr heraus. Eine Art Maulkorb für das Rolpie, mit einem zusätzlichen Riemen, der hinter dem Kopf befestigt wurde, damit das Biest sich nicht daraus befreien konnte. Cerise legte sich das Geschirr im Schlamm zurecht und nahm einen Dosenöffner und eine kleine Büchse aus dem Rucksack.

Sie hielt die Büchse weit von sich und klopfte mit dem Dosenöffner darauf. Der Klang von Metall auf Metall hallte über den See. Nichts.

»Na, was hab ich hier Feines? Tunfisch!«

Fast hundert Meter von ihr entfernt kräuselte sich die Wasseroberfläche. Na also!

»Hmm. Lecker. Tunfisch. Dann esse ich eben alles ganz alleine auf.« Sie setzte den Dosenöffner an, drückte und brach das Siegel.

Da stieß ein gefleckter Kopf aus dem Wasser. Das Rolpie prüfte mit seiner von langen, dunklen Schnurrhaaren eingerahmten schwarzen Nase die Luft. Voller Vorfreude heftete sich der Blick großer, dunkler Augen auf die Büchse.

Cerise drückte die Dose zusammen und ließ ein paar Tropfen Fischsaft ins Wasser fallen.

Das Rolpie sauste durch die Fluten und warf sich ans Ufer. Bis zum Hals erinnerte das Tier an einen schlanken Seehund mit einem langen Schwanz und vier von Flossen gesäumten stämmigen, kurzen Beinen. Ab der Schulter streckte sich der Seehundleib zu einem anmutigen langen Hals, der in einen Otterkopf auslief.

Cerise schüttelte die Dose. »Kopf.«

Nellie leckte sich die schwarzen Lefzen und gab sich alle Mühe, hinreißend auszusehen.

»Nellie. Kopf.«

Das Rolpie senkte den Kopf. Cerise schob das Geschirr über das feuchte Maul und befestigte es. »Dafür wirst du bezahlen, weißt du.«

Nellie stupste mit der schwarzen, feuchten Nase gegen ihre Schulter. Cerise fischte ein Stück Tunfisch aus der Dose und warf es dem Rolpie zu. Rasiermesserscharfe Zähne fuhren durch die Luft und schnappten nach dem Happen. Cerise hob ihr Schwert vom Boden auf und zog an der Leine. Das Rolpie kam bei Fuß und wackelte gemächlich durch den Morast.

»Was, zum Teufel, sollte das? Mitten in der Nacht abzuhauen und auf Wanderschaft zu gehen? Hattest du keine Lust mehr, unsere Boote zu ziehen, und wolltest die Gelegenheit nutzen, dich mit den Mooralligatoren anzulegen?«

Das Rolpie lief geduckt weiter und beobachtete die Dose Tunfisch wie eine Reliquie.

»Die reißen Knochenhaie in Stücke. Die schauen dich an und sehen einen fetten, kleinen Leckerbissen. Ein zweites Frühstück, mehr bist du für die nicht.«

Das Rolpie fuhr sich über die Lefzen.

»Meinst du, Tunfisch wächst im Moor?« Cerise angelte noch ein Stückchen Tunfisch und warf es Nellie zu. »Falls du es noch nicht wusstest, es gibt überhaupt keinen Tunfisch im Edge. Wir müssen uns unseren Tunfisch im Broken besorgen. Und im Broken gibt es keine Magie. Aber weißt du, was es dort gibt? Bullen. Bullen ohne Ende. Und Alarmanlagen. Hast du eine Ahnung, wie schwierig es ist, im Broken Tunfisch zu stehlen, Nellie?«

Nellie gab ein kleines, verzweifeltes Winseln von sich.

»Du tust mir überhaupt nicht leid.« Tunfisch war eine teure Ware. Man brauchte vier Tage bis zum Broken, und die Grenze zwischen dem Edge und der magiefreien Welt zu überqueren tat höllisch weh. Außer ihr und Kaldar war niemand in der ganzen Familie dazu in der Lage. Alle übrigen Mars verfügten über zu viel Magie, um die Grenze zu überqueren. Der Versuch, ins Broken vorzudringen, würde sie umbringen.

Cerise schlurfte durch den Morast. Als Kind hatte man ihr immer gesagt, dass ihre Magie ein Geschenk sei, etwas Wunderbares, Seltenes und Besonderes, auf das sie stolz sein konnte. Vielleicht war die Magie ja ein Geschenk, aber wenn Cerise mal wieder über den zerrütteten Finanzen ihrer Familie brütete, erkannte sie, um was es sich in Wahrheit handelte – um eine Bürde. Eine große, schwere Kette, die die Familie an das Moor fesselte. Wenn die Magie nicht wäre, hätten sie schon vor langer Zeit ins Broken fliehen können. So wie die Dinge lagen, führte der einzige Weg aus dem Moor über die Grenze zum Herzogtum Louisiana ins Weird, wo die Magie in voller Blüte stand.

Die Louisianer entsorgten ihre Verbannten im Moor. Kriminelle, aufmüpfige Blaublütige und alle anderen, die man nicht einfach umbringen konnte, aber auch nicht behalten wollte, wurden dorthin geschickt. Und wenn man die Grenze zwischen dem Weird und dem Moor erst mal hinter sich hatte, sorgte die Garde von Louisiana dafür, dass man nie mehr zurückkehrte.

Die Vegetation wich zurück und gab den Blick auf den dunklen Strom des Priest’s Tongue frei. Im Morast lag eine grüne Sumpfviper, die bedrohlich zischte, als sie näher kamen. Doch Cerise hob die Schlange mit dem Schwert auf und schleuderte sie aus dem Weg.

»Komm jetzt.« Sie warf dem Rolpie noch einen Batzen Tunfisch zu und lenkte das Tier in das teefarbene Wasser. Cerise wickelte die Leine fester um ihr Handgelenk und schlang ihre Arme um Nellies schlanken Hals. »Den Rest kriegst du später zu Hause.«

Cerise schnalzte mit der Zunge, und das Rolpie glitt in den Strom.

Zwanzig Minuten später verriegelte Cerise das Rolpie-Gehege. Irgendwer, vermutlich die Jungen, hatten den Maschendrahtzaun zu reparieren versucht, was aber nicht halten würde, wenn Nellie ernsthaft dagegen anrannte. In den verschlungenen Bächen und Flüssen des Sumpfes waren die Rolpies lebenswichtig. An manchen Stellen stand das Wasser, und die Sumpfpflanzen hielten den Wind ab. Die Rolpies zogen ihre leichten Boote durch das Moor und halfen, Benzin zu sparen.

In der Gegenwart von Menschen war Nellie ein exzellentes Rolpie: folgsam, lieb, kräftig. Aber sobald der Mensch aus der Gleichung entfernt wurde, flippte das dumme Tier aus und suchte das Weite.

Vielleicht litt Nellie an Trennungsangst, überlegte Cerise und nahm den Hügel zum Rattennest in Angriff. Aber sie in einem kleineren Gehege zu separieren würde eine Katastrophe nach sich ziehen. Wie sie Nellie kannte, würde sie Tag und Nacht schreien, weil sie sich allein fühlte. Und den großen Zaun zu verstärken wäre zu teuer und mühsam.

Cerise trottete die Anhöhe zum Haus der Familie Mar hinauf. Wasser tropfte aus ihren Kleidern und quatschte in den Stiefeln zwischen ihren Zehen. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem schönen Essen, am liebsten mit ordentlich Fleisch. Aber wie die Dinge lagen, würde sie sich wohl mit Fisch und altbackenem Brot zufriedengeben müssen. Dann würde sie auch noch ihr Schwert einfetten müssen, eine übliche Arbeit aller, die im Sumpf lebten. Wasser und Eisen vertrugen sich nicht gut.

Das Rattennest thronte auf einer Hügelkuppe, ein weitläufiges, zwei Stockwerke hohes Monster von einem Haus. Fünfzig Meter gerodeter Boden trennten das Gebäude von der nächsten Vegetation. Der Todesstreifen. Fünfzig Meter waren eine ganz schöne Strecke, wenn mit Gewehren und Armbrüsten auf einen gezielt wurde.

Das unterste Stockwerk hatte weder Tür noch Fenster. Der einzige Weg ins Innere führte über eine Treppe zur Veranda des ersten Stocks. Als Cerise auf die Stufen zuhielt, huschte eine kleine Gestalt hinter den Verandapfeilern hervor und setzte sich auf die Stufen. Sophie. Lark, korrigierte sich Cerise. Ihre Schwester wollte neuerdings Lark genannt werden.

Lark blickte sie unter dunklem, zerzaustem Haar müde an. Wie Streichhölzer ragten ihre dürren Beine aus ihrer Caprihose. Ihre Waden waren mit Matsch beschmiert. Frische Kratzer über alten Blutergüssen zierten ihre Arme. Ihre Hände verbarg sie, aber Cerise hätte gewettet, dass ihre Fingernägel dreckig oder abgekaut waren, wahrscheinlich beides. Früher war Lark mal ein ziemlich niedlicher Fratz gewesen, soweit das bei einem elfjährigen Mädchen aus dem Sumpf überhaupt ging. Aber das war vorbei.

Sorge drückte Cerise. Ihr Gesicht verriet nichts. Bloß nichts anmerken lassen. Sie nur nicht verlegen machen.

Sie stieg die Treppe hinauf, setzte sich neben Lark, zog sich den linken Stiefel aus und schüttete das Wasser aus.

»Adrian und Derril sind mit dem Dune Buggy in den Snake Tracks«, murmelte Lark.

Der Dune Buggy war ein höllisches Spaßgefährt. Cerise hatte sich auch schon heimlich damit aufgemacht und so lange ausgetobt, bis er ihr umkippte. Aber den Dune Buggy ohne Begleitung Erwachsener anzufassen war streng verboten. Ihn einfach zu nehmen und teures Benzin zu vergeuden wurde mit drei Wochen Hausarrest bestraft.

Der fünfzehnjährige Adrian und sein vierzehn Jahre alter Sidekick Derril wussten das natürlich und würden sich den Konsequenzen anstandslos stellen. Viel besorgniserregender war, dass Lark sie verpetzt hatte. Und Lark petzte sonst nie.

Cerise zwang sich, erst mal langsam den anderen Stiefel abzustreifen. Die Persönlichkeit ihrer Schwester veränderte sich offenbar grundlegend, und sie konnte nur ohnmächtig zusehen.

»Haben die Jungs dich nicht mitgenommen?«

Die Antwort kam so leise, dass sie sie kaum mitbekam. »Nein.«

Vor sechs Monaten hätten sie das noch getan. Das wussten sie beide. Cerise verspürte den Drang, ihren Arm um Larks knochige Schultern zu legen, blieb aber reglos sitzen. Sie hatte das schon mal versucht. Ihre Schwester würde sich bloß versteifen, sich ihr entziehen und in den Wäldern verschwinden.

Wenigstens redete Lark mit ihr, was äußerst selten vorkam. Normalerweise drang nur ihre Mutter zu ihr durch, und selbst die holte die Kleine in letzter Zeit nur mit Mühe aus ihrer Versunkenheit. Sie entglitt ihnen in ihre eigene Welt, und keiner wusste, wie man sie da wieder rausbekam.

»Hast du Mom davon erzählt?«, erkundigte sich Cerise.

»Mom ist nicht da.«

Komisch. »Und Dad?«

»Sie sind weg. Zusammen.«

»Haben sie gesagt, wann sie zurückkommen?«

»Nein.«

Cerise straffte sich. Im Sumpfland gab es kaum Ressourcen und viele Menschen. Die Familien kämpften mit Klauen und Zähnen um jede Kleinigkeit. Fast alle Clans lagen in Fehde, und ihrer bildete da keine Ausnahme.

Die Fehde zwischen den Mars und den Sheeriles hatte vor achtzig Jahren begonnen und ging unvermindert weiter. Flammte manchmal auf, schwelte zu anderen Zeiten nur, wie momentan, konnte aber jeden Augenblick erneut zu offenem Krieg ausbrechen. Beim letzten größeren Konflikt hatte Cerise zwei Onkel, eine Tante und einen Vetter verloren. Es gab eine eherne Regel: Wer wegging, sagte Bescheid, wo er hinging und wann er zurück sein wollte. Nicht mal ihr Vater, das Familienoberhaupt, wich jemals von dieser Regel ab.

Furcht erfasste sie. »Wann und warum sind sie weg?«

»Bei Sonnenaufgang. Weil Cobbler in den Hintern gebissen wurde.«

Cobbler, ein alter Säufer, vagabundierte durch den Sumpf und verdingte sich für Schwarzgebrannten. Cerise lag nichts an dem Kerl. Wenn er dachte, dass die Eltern nicht hinsahen, verhielt er sich den Kindern gegenüber gemein und fiel jedermann aus schierer Bosheit in den Rücken. »Weiter …«

»Er kam her und sagte Dad, in Großvaters Haus wären wilde Hunde. Sie hätten ihn gejagt, und einer hätte ihn in den Hintern gebissen. Seine Hose war zerrissen.«

Sene Manor war mit Brettern vernagelt, seit ihr Großvater dort vor zwölf Jahren am Roten Fieber gestorben war. In ihrer Erinnerung sah Cerise ein sonniges, in leuchtendem Gelb gestrichenes Haus, einen Farbfleck im Moor. Jetzt jedoch stand dort nur noch eine verwaiste Ruine. Niemand ging jemals hin. Auch Cobbler hatte dort nichts verloren. Wahrscheinlich hatte er etwas zu stehlen gesucht.

»Was ist dann passiert?«

Lark zuckte die Achseln. »Cobbler redete immer weiter, bis Dad ihm Wein gab, danach ist er dann gegangen. Dann hat Dad gesagt, er müsste nach Großvaters Haus sehen, weil das immer noch unser Land sei. Mom meinte, sie würde ihn begleiten, und sie sind losgeritten.«

Man konnte unmöglich mit dem Truck nach Sene Manor gelangen. Also hatten sie die Pferde genommen.

»Und seitdem hast du sie nicht gesehen?«

»Nein.«

Mit dem Pferd brauchte man bis Sene Manor eine halbe Stunde. Sie hätten längst zurück sein müssen.

»Glaubst du, Mom und Dad sind tot?«, fragte Lark mit tonloser Stimme.

Großer Gott. »Nein. Dad ist mit dem Schwert mörderisch gut, und Mom trifft einen Mooralligator aus dreißig Metern ins Auge. Sie müssen aufgehalten worden sein.«

Ein gedämpftes Röhren hallte durch die Bäume – der Motor des Dune Buggy bei voller Leistung. Dumpfbacken. Die zwei besaßen nicht mal so viel Geduld, den Motor abzustellen und den Buggy bis zum Haus ausrollen zu lassen. Cerise stand auf.

»Lass mich das machen, und wenn Mom und Dad in einer Stunde nicht wieder hier sind, gehe ich nachsehen.«

Ein alter Dune Buggy preschte zwischen den Kiefern hervor und schleuderte auf dem Weg zum Haus Schlamm in die Höhe. Cerise hob eine Hand. Vom Vordersitz glotzten sie in äußerstem Entsetzen zwei mit Matsch bespritzte Gesichter an. Cerise holte tief Luft und blaffte: »Krampf.«

Magie pulsierte von ihrer Hand. Der Fluch erfasste die beiden Jungen und packte ihre Armmuskeln wie mit einem Schraubstock. Adrian krümmte sich, das Steuer brach nach links aus, der Dune Buggy legte sich auf die Seite, dann kippte das Gefährt mit einem gewaltigen Platschen in den Schlamm, drehte sich noch mal und blieb liegen.

Cerise wandte sich Lark zu. »Du darfst hingehen und ihnen einen Tritt verpassen, solange sie am Boden liegen. Und wenn du so weit bist, sag ihnen, sie sollen alles sauber machen und zusehen, dass sie in die Ställe kommen. Tante Karen wird sich nicht mehr einkriegen, wenn sie hört, dass sie die nächsten drei Wochen zwei willige Sklaven hat.«

Cerise nahm ihre Stiefel und ging ins Haus. Das vage Unbehagen in ihrer Brust wuchs sich zu einem Gefühl echter Bedrohung aus. Sie musste so schnell wie möglich herausfinden, was ihre Eltern aufgehalten hatte. Fast hätte sie selbst die Ställe angesteuert, aber jetzt loszureiten hätte nur noch mehr Ärger herausgefordert. Sie brauchte Verstärkung, jemanden, der zu kämpfen verstand. Besser, sie verwendete jetzt weitere zehn Minuten darauf, Hilfe zu holen, als es später bereuen zu müssen.

Sie wusste, dass diese Sache nicht gut ausgehen würde.

 

3

William lehnte an seiner Hauswand. Die zwei im Vorgarten beobachteten ihn. Falls sie seine Spielzeugarmee seltsam fanden, behielten sie das für sich.

Die Wildheit in ihm knurrte und grollte, fuhr mit scharfen Krallen über seine Innenseite. Aber er behielt die Kontrolle. Die Bilder toter Kinder hatten eine alte Wunde aufgerissen, aber ein Wutausbruch würde ihm jetzt nichts bringen. Er war den Agenten des Spiegels schon während seiner Zeit bei der Roten Legion über den Weg gelaufen. Diese Typen kannten keine Regeln, und er hatte rasch gelernt, dass man ihnen besser niemals den Rücken zukehrte. Mit denen legte man sich nur auf eigene Gefahr an, wohl wissend, dass der nächste Atemzug von einem Messer beendet werden konnte.

William hatte keinen Schimmer, was die beiden im Schilde führten oder was sie von ihm wollten, also behielt er sie im Auge, wie ein Wolf einen sich nähernden Bären: reglos, ohne Anzeichen von Furcht, geräuschlos. Er hatte weder Angst noch einen Grund, sie zu provozieren. Dennoch würde er ihnen beim geringsten Anlass ohne zu zögern die Kehlen zerfetzen.

Die zwei vom Spiegel rührten sich auch nicht. Erwin stand links. Er schien der Gefährlichere von beiden zu sein. Die meisten würden Erwin in der Minute, in der sie ihm begegneten, wieder vergessen. Durchschnittlich groß, von durchschnittlicher Statur, besaß er ein unauffälliges Gesicht und kurze, dunkelblonde oder hellbraune Haare. Seine Stimme klang freundlich, seine Manieren wirkten unaufdringlich, und sein Geruch war mit Magie gesättigt. Seine lockere, betont sorglose Haltung verhieß ebenfalls nichts Gutes.

Die Frau neben Erwin war um einiges älter. Klein, schlank, gerade wie ein Stock, kaffeebraune Haut, ein blaues Gewand, das an ihr wie eine Rüstung wirkte. Der seitlich geschlitzte Rock offenbarte graue Beinkleider und weiche Stiefel, in denen sich die Frau bei Bedarf blitzschnell bewegen konnte.

Die geflochtenen Haare saßen vertrackt aufgetürmt auf dem Kopf. Ihr Gesicht erregte Aufsehen. Sie hatte dunkle Augen, schwarze, scharfe, erbarmungslose Augen, die William jetzt mit unheimlicher Intensität ansahen. Als würde er von einem Raubvogel gemustert, kalt und mörderisch. Der Geruch der Frau stieg William in die Nase, ein Amalgam verschiedener Düfte: Brombeeren, Vetiver, Orangen, Rosmarin, Rosen. Ein aggressiver Duft. Sie hatte das Sagen, und jeder sollte darüber Bescheid wissen.

Erwin war der Schlagmann; die Art, wie er neben der Frau stand, ließ daran keinen Zweifel. Der Mann trat als Leibwächter auf. Und da sie keine sichtbaren Waffen trug, warf er vermutlich mit Blitzen um sich. Jeder, der über Magie verfügte, konnte lernen, seine Macht zu Blitzen zu bündeln, zu einem konzentrierten Strom, der wie ein Lichtbogen aussah – und wenn der Blitz hell genug war, wirkte er auch genauso verheerend.

William rührte sich, verlagerte kaum merklich sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und verkniff sich ein Lächeln, als Erwin sich straffte. Als Gestaltwandler konnte William keine Blitze schleudern, aber er hatte viele Jahre mit ausgezeichneten Blitzwerfern in einer Einheit gedient. Wenn Erwins Blitze blassblau oder weiß waren, hatte er es entweder mit einem Blaublütigen oder einem Ausnahmetalent wie Rose zu tun. Wenn er jedoch grüne oder gelbe Blitze schleuderte, stand er in der Nahrungskette nicht allzu weit oben.

Je heißer Erwins Blitze ausfielen, desto höher der Rang der Frau neben ihm. Es brachte ja nichts, irgendeine Sesselfurzerin durch einen guten Blitzwerfer bewachen zu lassen.

»Können Sie Blitze schleudern?«, wollte William wissen.

Erwin schenkte ihm ein mildes Lächeln.

»Er will wissen, mit wem er es zu tun hat«, sagte die Frau. »Ich erlaube dir, es ihm zu zeigen.«

Erwin senkte den Kopf vor ihr und sah William an. »Nennt mir ein Ziel.«

»Das Wespennest in der Eiche sechs Meter links von Ihnen. Im zweiten Ast von unten.«

Er würde einen höllisch guten Schuss landen müssen, um das verfluchte Ding zu treffen. Declan würde das vermutlich hinkriegen, dabei aber den halben Baum mit in die Luft jagen.

Erwin drehte sich um. »Ah.«

Ein weißes Leuchten stieg in seine Augen. Winzige Ranken aus weißem Licht fuhren aus seiner rechten Hand, flackerten auf und vereinten sich zu einem Strom. Dann schoss ein leuchtend weißer Blitzstrahl von seiner Hand und zerschlug das Wespennest mit der Präzision eines Messers in zwei Hälften.

Erwin war nicht bloß ein Blitzwerfer, sondern ein Scharfschütze. War ja klar.

»Sie haben von Virai gehört«, sagte die Frau.

Die meisten Roten Legionäre kannten Virai. Die Rote Legion führte Geheimoperationen durch; wenn der Spiegel Schlagkraft und schiere zahlenmäßige Überlegenheit benötigte, wandten sich die Agenten zuerst an die Rote Legion. Und Virai war das Oberhaupt des Spiegels, die Macht hinter der Agentur, deren Name nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde.

»Klar.«

Die Frau reckte ihr Kinn. »Ich bin Virai.«

William blinzelte. »Die Virai?«

»Ja. Aber wenn Sie mögen, können Sie mich auch Nancy nennen.«

Nancy. Natürlich. »Warum haben Sie mir Bilder von toten Kindern gebracht?«

»Weil Sie hier die letzten beiden Jahre sicher und behaglich gelebt haben. Wir mussten Sie daran erinnern, wer Sie sind.«

Arrogante Hexe. William bleckte die Zähne zu einem gemächlichen, wölfischen Grinsen. »Ihr Gespiele, der Scharfschütze da, wird mich nicht aufhalten. Die Sorte ist mir schon untergekommen.« In Gedanken sprang William über seine Actionfiguren, traf Erwin, brach ihm beiläufig den Hals, rollte sich herum und …

»Vielleicht«, sagte die Frau. »Aber werden Sie auch mit zweien fertig?«

Ihre Augen funkelten weiß. Magie entfaltete sich zu einem leuchtenden Vorhang, blieb einen Atemzug lang bestehen und verging.

Der imaginäre Angriff fiel in sich zusammen, während William in seiner Imagination von Nancys Blitz in zwei Hälften gespalten wurde. Damit hatten sie ihn. Mit einem überlegenen Blitzwerfer wurde er fertig, aber zwischen zweien würde er zu Hackfleisch verarbeitet werden, ehe er auch nur einen von beiden am Schlafittchen hatte.

William verschränkte die Arme. »Und was wollen Sie?«

Die Frau hob den Kopf. »Ich will, dass Sie tiefer ins Edge vordringen und Spider finden. Ich will, dass Sie ihm wegnehmen, wonach er sucht, und es mir aushändigen. Wenn Sie ihn dabei töten, betrachte ich das als Bonus.«

Die nächste Frage musste sein. »Warum ich?«

»Weil er meine Agenten kennt. Er weiß, wie sie denken, und er tötet sie. Sie sind zweimal mit ihm aneinandergeraten und haben es beide Male überlebt. Das ist Rekord.« Sie biss die Zähne zusammen, sodass ihre Kiefermuskulatur hervortrat. »Spider ist der denkbar schlimmste Feind. Ein Gläubiger, fest davon überzeugt, einer höheren Macht zu dienen. Er hört erst auf, wenn er tot ist.«

»Und Sie sind hier, weil Sie nicht wollen, dass Ihre Leute auf der Jagd nach ihm draufgehen«, sagte William. Er als Gestaltwandler hingegen war entbehrlich. Nichts Neues unter der Sonne.

Nancys Stimme klang wie ein Peitschenknall. »Ich bin hier, weil Sie von allen zur Verfügung stehenden Einsatzkräften für diese Aufgabe der Beste sind und weil ich mir keinen weiteren Fehlschlag leisten kann. Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu helfen. Ich habe keine Macht über Sie. Ich kann Sie nur bitten.«

Wenn das ihre Art zu bitten war, wollte er gar nicht erst wissen, wie sich ihre Befehle anhörten.

Immerhin bat sie ihn. Und das war neu. Er hatte sein ganzes Leben nur Befehle erhalten. Declan war der Einzige, der ihn jemals um etwas gebeten hatte. Der dämliche Blaublütige hatte darauf bestanden, ihn wie einen Menschen zu behandeln. Trotzdem, dachte er, hatte er hier ein bequemes Leben. Ihn um etwas zu bitten allein würde ihn nicht davon loseisen – aber sie servierten ihm auch Spider. Das Wissen, dass der Kindermörder in Reichweite lebte, würde ab jetzt an ihm zehren, sich ihm wie eine Zecke unter die Haut bohren, bis er darüber den Verstand verlor. Er musste den Kerl töten. Das war seine letzte offene Verbindlichkeit. Er würde Spider umbringen, sein Blut schmecken und ohne Gewissensbisse hierher zurückkehren.

Tiefer ins Edge vordringen, wie? Das Edge folgte dem Übergang zweier Welten von einem Ozean zum anderen und verbreiterte oder verengte sich dabei nach Belieben. Manchmal betrug seine Tiefe nur drei Meilen, dann wieder fünfzig. »Und wo im Edge steckt Spider?«

»In den Sümpfen«, antwortete Erwin. »Westlich von hier verengt sich das Edge fast zu einem Nichts, ehe es plötzlich so breit wird, dass es ein riesiges Sumpfgebiet einschließt, das von den Einheimischen das Moor genannt wird. Wir schätzen das Gebiet auf ungefähr sechshundert Quadratwegstunden, wenn nicht mehr.«

Neunhundert Quadratmeilen. »Ein Monstersumpf.«

»Das Moor liegt eingeklemmt zwischen dem Weird und dem Herzogtum Louisiana sowie dem Broken und dem Bundesstaat Louisiana«, fuhr Erwin fort. »Das meiste ist Morast und Wasser, unpassierbar und auf keiner Karte verzeichnet. Das Herzogtum hat dort jahrelang Ausgestoßene entsorgt, die zu gesättigt sind mit Magie, um ins Broken weiterzuziehen, also bleiben sie einfach da hängen, gestrandet zwischen den Welten.«

William zog die Augenbrauen hoch. »Ein Sumpf voll mit Kriminellen.« Da würde er sich wie zu Hause fühlen.

»Genau.« Nancy nickte. »Spider ist ein Mann der Städte. Wenn es nicht unbedingt sein müsste, würde er nie ins Moor ziehen, wo er sich nicht auskennt. Es gibt ein Dutzend Brandherde, aber seine Leute mischen stattdessen die Sümpfe auf. Die suchen da etwas. Und ich will wissen, was das ist, und es in meinen Besitz bringen.«

Sie bat nicht gerade um viel, oder? Lediglich um den Mond und die Sterne.

»Die Louisianer haben eine Abteilung Luftwaffenlindwürmer an die Grenze zum Moor verlegt«, sagte Erwin.

William verzog das Gesicht. »Die darauf wartet, Spider aufzunehmen, sobald er aus dem Sumpf kommt.«

Erwin nickte.

Was immer Spider suchte, musste wertvoll sein, wenn man einen Lindwurm für ihn abstellte.

Nancys Augen funkelten räuberisch. »Das Herzogtum Louisiana will Krieg, aber erst, wenn man sich dort sicher ist, diesen Krieg auch zu gewinnen. Spider hat die letzten zehn Jahre versucht, dem Herzogtum das Mittel dafür zu verschaffen. Dieses Mal muss er auf etwas Beachtliches gestoßen sein. Wenn das Herzogtum losschlägt und siegt, werden sämtliche Gestaltwandler innerhalb unserer Grenzen ermordet werden.«

»Halt«, warnte William sie. »Auf die Bilder war ich nicht vorbereitet, aber ich bin kein Narr. Mir ist klar, was Sie vorhaben.« Formwandler konnten ihre Gefühle nicht so gut kontrollieren. Daraus folgte eine der bevorzugten Vorgehensweisen auf der Hawk’s: Man machte die Gestaltwandler wütend, brachte sie mit Blutgeruch in Wallung, oder mit einem Schlag ins Gesicht, und ließ sie anschließend kämpfen und alles in ihrer Reichweite in Stücke reißen. Aber er war ein alter Wolf, der seine erste Jagd längst hinter sich hatte. »Mit billigen Tricks erreichen Sie bei mir gar nichts.«

Nancy lächelte, und er kämpfte gegen den Drang an, vor ihr zurückzuweichen.

»Ich hatte recht. Sie sind der Richtige. Sie bekommen alles, was Sie brauchen, Waffen, Technik, Kartenmaterial, alles, was wir über Spiders Leute herausgefunden haben.«

William zeigte ihr seine Zähne. »Sie gefallen mir nicht, und diese Mission gefällt mir noch weniger.«

»Es ist nicht nötig, dass Sie mich oder die Mission mögen«, teilte Nancy ihm mit. »Sie sollen nur Ihre Aufgabe erfüllen. Das ist alles.«

»Mal angenommen, ich mache das für Sie. Was springt für mich heraus?«

Nancy wölbte die Augenbrauen. »Erstens, Vergeltung. Zweitens, ich schulde Ihnen was. Schon dafür würden manche ihren rechten Arm hergeben. Aber was viel wichtiger ist: Sie können sich absolut sicher sein, dass Spider nie wieder ein Gestaltwandlerkind töten wird. Denken Sie darüber nach, William Wolf. Aber beeilen Sie sich. Die Zeit ist knapp.«

Kalter Nieselregen rieselte auf den Sumpf, ließ die Bäume verschwimmen und verschleierte den schmalen Weg. Das Geräusch dreier vergnügt mit den Hufen klappernder Pferde mischte sich mit dem Zwitschern der Vögel und dem Zirpen der Insekten.

Wenn sie gekonnt hätte, wäre Cerise lieber galoppiert. Stattdessen verhielt sie im Passgang. Es fehlte ihr gerade noch, dass sie jetzt im vollen Galopp in einen Hinterhalt geriet.

»Das war’n Sheeriles«, sagte Erian rechts von ihr. Schmal und blond saß er im Sattel, als sei er darin geboren worden. Die Fehde zwischen ihrer Familie und den Sheeriles hatte ihm die Mutter genommen, als er elf war. Cerises Eltern hatten ihn aufgezogen. Daher war er für sie mehr ein Bruder als ein Vetter.

»Sie haben keinen Grund, die Fehde wieder aufleben zu lassen«, tönte Mikita. Die Natur hatte bei seiner Geburt den Lautstärkeregler vergessen, und er kannte nur zwei Lautstärken: Donner und krachenden Donner.

Anders als Erian saß er im Sattel, als befürchte er, sein Pferd könne sich unter seinem riesigen, stämmigen Körper davonmachen. Eins achtundneunzig groß, 130 Kilo schwer, dabei kein Gramm Fett, war er für einen Mar eigentlich zu massig. Mit einer Tagesration Fisch und Sumpfbeeren wurde man kaum so groß, Mikita hatte es trotzdem geschafft.

»Die Sheeriles brauchen keinen Grund«, meinte Erian.

»Und ob sie einen brauchen, und das weißt du auch. Wenn sie keinen Anlass liefern, kommt die Moormiliz über sie wie eine Schütte Ziegelsteine«, erwiderte Mikita.

Er hatte recht, dachte Cerise, als sie die Biegung des verschlungenen Weges nahmen. Das Herzogtum Louisiana war äußerst großzügig, wenn es darum ging, die Bevölkerung des Moors durch Ausgestoßene aufzustocken. Keiner von denen achtete das Gesetz oder wahrte den Frieden. Die Edger-Familien hielten zusammen, verbanden sich zu Clans aus halb verhungerten Einheimischen mit nervösem Abzugsfinger. Fehden gediehen im Moor wie Sumpfblüten, und einige der Alteingesessenen waren mächtige Magier. Allein in ihrer Familie gab es vier Fluchwirker und sieben Blitzwerfer, dazu Leute wie Catherine und Kaldar, deren Zauberkräfte so speziell waren, dass es nicht mal einen Namen dafür gab. Wenn niemand die Fehden im Auge behielt, gab es bald keinen mehr im Moor, mit dem man in Fehde liegen könnte.

Aus dem Grund hatten sich die Edger irgendwann zusammengetan und ihre eigene Gerichtsbarkeit sowie ihre eigene Miliz gegründet. Seitdem musste jeder, der eine Fehde neu entfachen wollte, einen Grund dafür vorweisen. Das wussten die Sheeriles. Das Problem war nur, dass sie sich Cerises Meinung nach nicht daran halten würden.

»Sie haben so viel Geld und es all die Jahre zusammenhalten können«, sagte Mikita.

Erian runzelte die Stirn. »Was spielt Geld denn für eine Rolle?«

»Leute, die ihr Geld so lange zusammenhalten, sind nicht blöd. Die gehen kein Risiko ein, wenn sie sich keinen Vorteil davon versprechen. Und Onkel Gustave und Tante Gen grundlos zu entführen bedeutet ein verdammt hohes Risiko. Die wissen doch, dass unsere ganze Familie dann auf Blut aus sein wird.«

Cerise seufzte insgeheim. Im Unterschied zu den Sheeriles waren die Mars arme Sumpfbewohner: Sie besaßen Land und waren zahlreich, Geld jedoch hatten sie keines. So waren sie auch zu ihren Spitznamen gekommen: Ratten. Zahlreich, armselig und bösartig. Wegen der Bösartigkeit machte sie sich keinen Kopf, an der Armut konnte sie nichts ändern, und was ihre Zahl anging … nun, da war schon was dran. Die Sheeriles würden im Kampf ihre Söldner verlieren, sie aber ihr eigen Fleisch und Blut.

Der Gedanke ließ Cerise zusammenzucken. Die Abwesenheit ihres Vaters machte sie zum Familienoberhaupt. Sie war die Älteste seiner Kinderschar und die einzige ausgebildete Kriegerin in ihren Reihen. Und wenn ihren Eltern etwas zustieß, würde sie ihre Familie in den Tod schicken müssen. Cerise hielt die Luft an und stieß sie dann langsam aus, um so ihre Besorgnis loszuwerden. Dieser Morgen hatte sich in Lichtgeschwindigkeit in eine Katastrophe verwandelt.

Hinter der Wegbiegung kam die verfallene Hülle von Sene Manor in Sicht. Cerises Herz setzte einen Schlag aus. Auf der Veranda stand ein schlaksiger Mann gegen den Pfosten gelehnt, strohblondes Haar fiel ihm über die Schultern. Er hob den Blick, die Augen leuchteten in dem gebräunten Gesicht, ein langsames, träges Lächeln dehnte seine Lippen.

Lagar Sheerile. Der älteste der Sheerile-Brüder. Die Brüder und ihre Mutter führten den Clan, seit ihr Vater vor drei Jahren vom Baum gefallen war. Sheerile Senior war dabei so hart mit dem Kopf aufgeschlagen, dass er nicht mal mehr selbstständig essen, geschweige denn denken konnte. Aber das geschah ihm nur recht.

Hinter ihr fluchte Erian leise.

Neben Lagar schaukelte sein Bruder Peva in einem halb vergammelten Schaukelstuhl und schnitzte etwas aus einem Stück Holz. Ungeachtet des Nieselregens standen die Fenster des verwaisten Anwesens weit offen. Dahinter warteten Männer. Cerise zählte zwei Armbrüste, drei Gewehre und eine Schrotflinte. Also hatten die Sheeriles mit ihnen gerechnet und ein paar Mietlinge mitgebracht. Und ordentlich dafür gelöhnt – die Schützen mit den Gewehren aus dem Broken kosteten ein Heidengeld.

Alles zusammen – die Sheerile-Brüder, das baufällige Haus und die Gewehre in den Fenstern – ergab einen perfekten Schnappschuss des Moors. Wie auf einer schrägen Ansichtskarte. Cerise wünschte sich, sie könnte diese Szenerie den Blaublütigen in Louisiana unter die Nase reiben. Wollt ihr wissen, wie es sich im Edge lebt? Dann seht euch das an. Und denkt beim nächsten Mal daran, wenn ihr noch mehr Probleme bei uns abladen wollt.

Peva glitt aus seinem Schaukelstuhl, eine hochgewachsene, viel zu lang wirkende schlaksige Gestalt. Auf dem Geländer neben ihm lag seine Armbrust. Er war dermaßen stolz auf das Scheißding, dass er ihm sogar einen Namen verpasst hatte: Wespe. Als sei das Teil Excalibur oder sonst was. Peva griff danach, überlegte es sich dann aber anders. Wollte wohl kein Aufhebens machen, oder was? Anscheinend waren sie nicht gefährlich genug.

Cerise starrte Lagar an. Wo sind meine Eltern, du eingebildeter Hurensohn?

Eine Tür schlug, und der dritte Bruder schlenderte in ihr Blickfeld. Er trug Lagars Schwert. Arig war mit achtzehn der Jüngste und Dümmste. Cerise hätte die drei im Dunkeln, umgeben von Wildfremden, binnen Sekunden ausschalten können. Sie war in dem Wissen aufgewachsen, eines Tages einen der Sheerile-Brüder töten zu müssen, und die Brüder wussten, dass sie Cerise töten mussten, bevor sie ihrerseits über sie herfiel und sie kaltmachte. Sie hatte sich seit Langem damit abgefunden.

Arig hielt Lagar das Schwert hin, doch der blonde Sheerile schenkte ihm keine Beachtung. Für heute stand der Kampf gegen sie nicht auf dem Programm. Noch nicht.

Cerise brachte ihr Pferd vor der Veranda zum Stehen.

Lagar nickte ihr knapp zu. »Schönen guten Morgen.«

»Dir auch, Lagar.« Sie lächelte und gab sich Mühe, nett und aufgeräumt dreinzublicken. »Habt ihr Jungs euch verlaufen?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Lagar gab ihr freundliches Lächeln zurück.

»Und was macht ihr auf meinem Land, wenn ihr euch nicht verlaufen habt?«

Lagar löste sich mit gekünstelter Lässigkeit vom Verandapfosten. »Mein Land, Liebes.«

»Seit wann?«

»Seit dein Vater es heute Morgen an mich verkauft hat.«

Den Teufel hatte er getan. Sie schürzte die Lippen. »Was du nicht sagst.«

»Arig«, rief Lagar. »Zeig unserem hübschen Gast die Urkunde.«

Der jüngste Sheerile-Bruder trottete zu ihrem Pferd und hielt ihr ein in eine Röhre eingerolltes Stück Papier hin. Sie nahm ihm die Röhre ab.

Arig grinste anzüglich. »Wo ist denn deine süße kleine Schwester, Cerise? Vielleicht möchte Lark ja gerne was von dem, was ich habe. Bei mir würde sie es nämlich besser haben, als sie es bis jetzt hatte.«

Schockiertes Schweigen.

Manche Sachen tat man einfach nicht.

Mörderische Glut glitt in Lagars Augen. Peva stieg von der Veranda, ging zu Arig und packte ihn beim Ohr. Arig kreischte.

»Entschuldige uns eine Minute.« Peva wirbelte Arig herum und verpasste ihm einen Tritt in den Hintern.

»Was hab ich denn gemacht?«

Peva trat noch einmal zu. Arig stolperte durch den Schlamm, die gebrechliche Veranda hinauf und ins Haus.

Man hörte Schläge, und Arig schrie: »Nicht in den Bauch!«

Cerise sah Lagar an. »Was lässt du ihn auch wieder ohne Maulkorb frei rumlaufen?«

Lagar zog eine Flunsch. »Sieh dir lieber die verdammte Urkunde an.«

Cerise rollte das Papier auf. Die Unterschrift war perfekt: der energische, eng geführte Schnörkel ihres Vaters. Lagar musste ein Vermögen dafür bezahlt haben. »Das Dokument ist eine Fälschung.«

Lagar grinste. »Wenn du es sagst.«

Sie gab ihm das Papier zurück. »Wo sind meine Eltern, Lagar?«

Er breitete die mageren Arme aus. »Keine Ahnung. Die habe ich seit heute Morgen nicht mehr gesehen. Sie haben uns das Anwesen verkauft und sind bei bester Gesundheit wieder abgezogen.«

»Dann hast du sicher nichts dagegen, wenn wir uns mal im Haus umsehen.«

Er zeigte ihr seine Zähne. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich das schon. Was dagegen, meine ich.«

Mit einem einzigen Klicken wurden die Armbrüste und Gewehre entsichert.

Cerise rang um Selbstbeherrschung. Blitzschnell lief ein Film vor ihrem inneren Auge ab: Sie sprang von ihrer Stute, benutzte sie als Deckung gegen die erste Salve, ging dann auf die Veranda los, schlitzte mit einem Hieb ihrer Klinge Arig den Wanst auf, nahm sich Peva vor … Aber bis dahin wären Mikita und Erian längst tot. Sechs Armbrüste gegen drei Reiter – keine Chance.

Lagar sah sie mit seltsam wehmütiger Miene an. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie vor zwei Jahren schon mal gesehen, als er sich während des Sommerfestes sinnlos betrunken hatte. Er war übers Feld auf sie zugewankt und hatte sie um einen Tanz gebeten, worauf sie, zum stummen Entsetzen des versammelten Moors, einmal mit ihm ums Freudenfeuer gewalzt war: zwei Erben verfeindeter Familien, die unter den Augen ihrer Eltern mit ihrem Leben spielten.

Nun kam ihr der absurde Gedanke, dass er sie gleich vom Pferd zerren würde. Na, das sollte er ruhig mal versuchen.

»Lagar«, flüsterte sie. »Verarsch mich nicht. Wo sind meine Eltern?«

Lagar kam näher und senkte die Stimme. »Vergiss Gustave. Vergiss Genevieve. Deine Eltern sind nicht mehr da, Cerise. Und du kannst nichts daran ändern.«

Der kalte Knoten in ihrem Bauch platzte und verwandelte sich in Wut. »Sind sie bei dir, Lagar?«

Er schüttelte den Kopf.

Ihr Pferd spürte ihre Besorgnis und tänzelte unter ihr. »Wo sind sie dann?« Wo auch immer die Sheeriles sie versteckt hielten, sie würde sie finden.

Ein dünnes Lächeln kräuselte Lagars Lippen. Er hob eine Hand und studierte sie wie einen äußerst interessanten Gegenstand, sah zu, wie die Finger sich beugten und streckten, und hob den Blick dann wieder zu ihr.

Die Hand. Louisianas Spione.

Cerise lief es eiskalt den Rücken hinunter. Die Hand verhieß den Tod. Jeder hatte Geschichten darüber gehört. Manche ihrer Agenten hatte die Magie so verdreht, dass sie nicht mal mehr menschlich waren. Was konnten Louisianas Spione von ihren Eltern wollen?

Lagar hob die Stimme. »Ich schicke eine Kopie der Urkunde zu dir nach Hause.«

Sie lächelte ihn an und hätte ihn am liebsten mit ihrem Schwert einen Kopf kürzer gemacht. »Ja, mach das.«

Lagar verbeugte sich geziert.

»Das war’s dann«, sagte sie. »Ab jetzt gibt’s kein Halten mehr.«

Er nickte. »Ich weiß. Unsere Urgroßeltern haben die Fehde angefangen, und wir werden sie zu Ende bringen. Ich kann es kaum erwarten.«

Cerise wendete ihr Pferd und gab ihm die Sporen. Mikita und Erian ritten hinter ihr durch den Regen.

Ihre Eltern lebten. Und sie würde sie zurückbekommen. Sie würde sie finden. Und wenn sie ihren Weg mit den Leichen der Sheeriles pflastern musste, umso besser.

Cerise sprengte im Handgalopp auf den Hof, die Hufe ihrer Stute verspritzten Schlamm. Sie hatte Erian gebeten, vorauszureiten und alle zusammenzutrommeln. Er hatte seine Sache offenbar verdammt gut gemacht, denn auf der Veranda sah sie ihre mit einer Armbrust bewaffnete Tante Murid stehen. Links saß Lark in den Ästen der Kiefer, und rechts hatte Adrian eine Zypresse erklommen. Beide hatten Gewehre und schossen nur selten daneben.

Derril kam mit großen Augen auf sie zugerannt und nahm ihr die Zügel ab.

»Ist Richard hier?«

Ihr Vetter nickte. »In der Bibliothek.«

»Was ist mit Onkel Kaldar?«

Derril nickte abermals.

»Gut.«

Ihre Wut hatte sich während des Ritts in einen Plan umgewandelt. Ein alberner Plan zwar, aber immerhin ein Plan. Jetzt musste sie nur noch ihre Familie davon überzeugen. Bei der letzten Zählung hatte der Mar-Clan, einschließlich der Kinder, siebenundfünfzig Köpfe gezählt. Einige der Ältesten hatten sie schon in Windeln gekannt, und die hörten allesamt auf ihren Vater. Sie dazu zu bringen, stattdessen auf sie zu hören, war eine Sache für sich.

Cerise biss die Zähne zusammen. Wenn sie ihre Eltern wiedersehen wollte, musste sie die Zügel, die ihr Vater fallen gelassen hatte, aufheben und fest in die Hand nehmen, ehe die Familie Zeit fand, nachzudenken und sich mit ihr zu streiten. Sie musste jetzt alle zusammenhalten. Das Leben ihrer Eltern hing davon ab.

Cerise stieg die Stufen hinauf. Mikita folgte ihr auf den Fersen.

Sie blieb vor Tante Murid an der Eingangstür stehen. Murid war fünfzehn Zentimeter größer als sie, hatte dunkle Haare, dunkle Augen und ging mit Worten so sparsam um wie mit Wasser in einer Wüste; sie machte ihren Standpunkt lieber mit der Armbrust klar.

Cerise sah sie an. Bist du auf meiner Seite?

Murid nickte kaum merklich.

Cerise verkniff sich ein erleichtertes Aufatmen, zog schwungvoll die Tür auf und ging rein.

»Lass dich nicht aufhalten«, flüsterte ihre Tante hinter ihr. »Tu, was du für richtig hältst.«

Die Bibliothek befand sich am Ende der Eingangshalle. Als der mit Ausnahme der Küche größte Raum des Hauses diente sie häufig als Schauplatz von Familienversammlungen. Die Neuigkeit, dass ihre Eltern vermisst wurden, hatte sich inzwischen sicher im Rattennest herumgesprochen. Die Bibliothek würde gut gefüllt sein. Mit Onkeln, Tanten, Vettern und Cousinen. Alle lauschten auf ihre Schritte in der Eingangshalle.

Cerise atmete tief durch und ging schneller, ohne sich darum zu kümmern, dass sie Matsch ins Haus trug.

Sie betrat die Bibliothek und musterte die vertrauten Gesichter: Tante Emma, Tante Petunia, kurz Tante Pete genannt, Onkel Rufus in den Sesseln; links hing Erians schlanker, blonder Körper über einer Stuhllehne; Kaldar, mit wild zerzausten dunklen Haaren, lehnte an der Wand daneben, ein halbes Dutzend andere, und schließlich Richard, der Älteste ihrer Vettern, groß, dunkel, der in der Haltung eines Blaublütigen wartend am Tisch stand.

Alle sahen sie an.

Cerise sprach mit tonloser Stimme. »Die Sheerile-Brüder haben Großvaters Haus.«

Im Raum wurde es still wie in einem Grab.

»Lagar Sheerile hat mir eine von meinem Vater unterschriebene Besitzurkunde für Sene Manor gezeigt.«

»Eine Fälschung«, sagte Tante Pete. »Gustave würde Sene niemals verkaufen.«

Cerise hob eine Hand. »Mein Vater und meine Mutter sind verschwunden. Lagar behauptet, die Hand hätte sie entführt.«

Richard wurde blass.

»Louisianas Spione?« Kaldar, schmal, mit dunklen Haaren wie Richard, löste sich von der Wand. Während Richard eisige Würde ausstrahlte, liebte sein Bruder das Vergnügen. Er besaß wilde, honigfarbene Augen, hatte in einem Ohr einen Silberreif und verfügte über ein Mundwerk, das entweder etwas Komisches von sich gab oder alle Augenblicke breit grinste, manchmal sogar dann, wenn er gerade seine Klinge in den Eingeweiden eines Gegners versenkte. Richard dachte wie ein General, Kaldar wie ein Gauner, und sie brauchte beide an ihrer Seite.

Kaldar beugte sich vor, in seinen Augen funkelte ein hartes, böses Licht. »Was, zum Teufel, kann die Hand von uns wollen?«

»Das hat Lagar nicht gesagt. Aber von nun an ist die Fehde offiziell neu eröffnet. Ich brauche Reiter, die Onkel Peter, Embely und Antoine Bescheid sagen. Wir ziehen alle hier im Rattennest zusammen. Und jemand muss Urow warnen.«

»Darum kümmere ich mich«, sagte Onkel Rufus.

»Danke.« Cerise hätte gerne gewusst, was genau sie sagen sollte, aber jetzt mussten eben die Worte genügen, die ihr zu Gebote standen. Also los. »Wir müssen uns Großvaters Haus zurückholen. Erstens sind meine Eltern dort verschwunden, wenn es also irgendwelche Hinweise gibt, dann in Sene. Zweitens muss ich euch nicht erst erklären, dass im Moor alles von Reputation abhängt. Wir sind immer nur so stark, wie die anderen glauben. Wenn wir zulassen, dass die Sheeriles uns ein Stück Land wegnehmen, können wir ebenso gut auf der Stelle einpacken.«

Kein Widerspruch. So weit, so gut.

»Kaldar, wie viel Zeit haben wir, um diese Urkunde anzufechten?«

Ihr Vetter zuckte die Achseln. »Den Antrag beim Moor-Gericht müssen wir bis morgen Abend stellen. Der Gerichtstermin könnte dann in zehn bis vierzehn Tagen sein.«

»Kannst du Aufschub bewirken?«

»Höchstens um ein, zwei Tage.«

Richard verzog missbilligend die Lippen. »Wenn wir den legalen Weg gehen, verlieren wir. Um das Dokument der Sheeriles anzufechten, benötigen wir Großvaters Originalbesitzurkunde für Sene Manor. Und seinen Verbannungsbefehl. Beides haben wir nicht.«

Cerise nickte. Diese Dokumente und zahlreiche andere waren vor vier Jahren bei einem Hochwasser draufgegangen, das ihre Speicher fast völlig zerstört hatte. Daran hatte sie auf dem Ritt hierher auch schon gedacht.