Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Stadt der Finsternis - Duell der Schatten E-Book

Ilona Andrews  

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E-Book-Beschreibung Stadt der Finsternis - Duell der Schatten - Ilona Andrews

Nachdem sie dem Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe beigetreten ist, kann sich die Söldnerin Kate Daniels vor übernatürlichen Katastrophen kaum noch retten. Und in einer Stadt wie Atlanta, die von den Gezeiten der Magie beherrscht wird, will das schon etwas heißen! Doch als Kates Freund, der Werwolf Derek, halb tot aufgefunden wird, steht sie einer noch weitaus größeren Herausforderung gegenüber. Bei ihren Ermittlungen erfährt Kate von einem geheimen Turnier zwischen den übernatürlichen Wesen der Stadt. Zusammen mit Curran, dem Anführer der Gestaltwandler von Atlanta, kommt Kate einem finsteren Komplott auf die Spur ...

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E-Book-Leseprobe Stadt der Finsternis - Duell der Schatten - Ilona Andrews

Inhalt

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Impressum

Ilona Andrews

DUELL DER SCHATTEN

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Jochen Schwarzer

 

Für Anastasia und Helen

Kapitel 1

An manchen Tagen war mein Job ganz schön stressig.

Ich klopfte mit der flachen Hand an die Leiter. »Sehen Sie? Die ist absolut stabil, Mrs McSweeny. Sie können jetzt runterkommen.«

Mrs McSweeny sah von der Spitze des Telefonmasts zu mir herab und zweifelte offenkundig, ob mir und der Leiter zu trauen sei. Sie war eine zerbrechlich wirkende Dame von sicherlich schon über siebzig Jahren. Der Wind zauste ihr feines weißes Haar und wehte ihr Nachtgewand auseinander, wobei Dinge zum Vorschein kamen, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wären.

»Mrs McSweeny, kommen Sie doch bitte runter.«

Sie beugte den Rücken und holte tief Luft. Nicht schon wieder. Ich hockte mich auf den Boden und hielt mir die Ohren zu.

Ihr Geheul zerriss die Stille der Nacht. An der Front des Wohnblocks brachte es die Fensterscheiben zum Klingen. Ein Stück die Straße hinab stimmten etliche Hunde in erstaunlichem Gleichklang mit ein. Dieses Klagelied schwoll zu einem vielstimmigen Chor an, in dem das einsame Heulen eines Wolfs mitklang, das verzweifelte Kreischen eines Vogels und das herzzerreißende Weinen eines kleinen Kindes, und der schließlich alles andere übertönte. Die alte Dame heulte und heulte, und es war wirklich zum Steinerweichen.

Dann war die Woge der Magie mit einem Mal vorüber. Hatte sie eben noch die ganze Welt durchdrungen und der Wehklage der alten Dame große Kraft verliehen, war sie nun, nur einen Augenblick später, ohne Vorwarnung verschwunden, wie eine von der Flut weggewischte Linie im Sand. Die Technik kehrte zurück. Die bläuliche Feenlampe, die oben am Mast hing, erlosch, denn die mit Magie gespeiste Luft in ihrem Innern hatte ihre Wirksamkeit verloren. In dem Wohnblock sprangen elektrische Lichter an.

Man bezeichnete das als Nachwende-Resonanz: Die Magie überschwemmte in einer Woge die ganze Welt und setzte dabei allem zu, was irgendwie komplex und technisch war: Fahrzeugmotoren verweigerten den Dienst, automatische Waffen blockierten, hohe Gebäude begannen zu bröckeln. Dann verschossen Magier Pfeile aus Eis, Wolkenkratzer sanken in sich zusammen, und magische Wehre erwachten zum Leben und hielten unerwünschte Gestalten aus meinem Haus fern. Bis schließlich die Magie, einfach so, wieder verschwand – und nur die Monster blieben. Keiner vermochte zu sagen, wann die Magie wiederkehren würde, und keiner vermochte es zu verhindern. Uns blieb weiter nichts übrig, als irgendwie mit diesem wahnwitzigen Hin und Her zwischen Magie und Technik zurechtzukommen. Aus diesem Grund trug ich stets ein Schwert bei mir. Das funktionierte immer.

Der letzte Widerhall des Geheuls war verklungen. Mrs McSweeny sah mich aus traurigen Augen an. Ich erhob mich und winkte ihr zu. »Bin gleich wieder da.«

Ich ging in den Eingangsbereich des Wohnblocks, wo sich fünf Mitglieder der Familie McSweeny in eine dunkle Ecke duckten. »Erklären Sie mir bitte noch mal, warum Sie nicht rauskommen und mir helfen können.«

Robert McSweeny, ein Mann mittleren Alters mit dunklen Augen und lichtem braunem Haar, schüttelte den Kopf. »Mom glaubt, wir wüssten nicht, dass sie eine Banshee ist. Miss Daniels, können Sie sie da runterholen oder nicht? Sie sind doch immerhin ein Ritter des Ordens.«

Also, erstens war ich kein Ritter. Ich arbeitete bloß für den Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe. Und zweitens waren solche Verhandlungssituationen wirklich nicht meine Stärke. Ich war sonst eher fürs Töten zuständig – schnell und mit großem Blutvergießen. Und betagte, realitätsblinde Banshees von Telefonmasten herunterholen – das machte ich nun mal nicht alle Tage.

»Fällt Ihnen nicht irgendwas ein, das mir weiterhelfen könnte?«

Roberts Frau Melinda seufzte. »Also mir nicht … Sie hat das immer vor uns verheimlicht. Wir haben sie zwar schon mal so heulen hören, aber sie hat dann immer so getan, als ob nichts wäre. Das hier ist überhaupt nicht ihre Art. Sie ist sonst nicht so.«

Eine ältere schwarze Dame in einem weiten, roten Hauskleid kam die Treppe herab. »Hat die Kleine Margie schon von dem Mast runtergekriegt?«

»Ich bin dabei«, erwiderte ich.

»Sagen Sie ihr, sie soll unseren Bingoabend morgen nicht vergessen.«

»Danke.«

Ich ging zurück zu dem Mast. Einerseits tat mir Mrs McSweeny leid. Die drei Ordnungskräfte, die seit der Wende das Leben in den Vereinigten Staaten regelten – die Supernatural Defense Unit des Militärs, die Paranormal Activity Division der Polizei sowie mein glorreicher Auftraggeber, der Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe –, stuften Banshees übereinstimmend als harmlos ein. Niemandem war es je gelungen, ihr Geheul mit irgendwelchen Todesfällen oder Naturkatastrophen in Zusammenhang zu bringen. Der volkstümliche Aberglaube jedoch gab den Banshees die Schuld an den schandbarsten Dingen. Manche Menschen trieben sie mit ihrem Geschrei angeblich in den Wahnsinn, und es hieß, sie könnten kleine Kinder mit einem einzigen Blick töten. Viele Leute hätten nur äußerst ungern eine Banshee in der Nachbarschaft gehabt, und ich verstand nur zu gut, wieso Mrs McSweeny unbedingt verbergen wollte, dass sie eine war. Sie wollte verhindern, dass ihr Freundeskreis sich von ihr und ihrer Familie abwandte.

Doch leider, leider holte einen auch das bestgehütete Privatgeheimnis irgendwann unweigerlich ein und biss einen in den Allerwertesten, und dann hockte man mit einem Mal auf einem Telefonmast, ohne zu wissen, wie man da hinaufgekommen war und was man da oben überhaupt wollte, während sich die Nachbarschaft geflissentlich bemühte, die durchdringenden Schreie, die man ausstieß, zu überhören.

Tja. Bei dem Thema konnte ich ein Wörtchen mitreden. Wenn es darum ging, seine wahre Identität zu verbergen, war ich schließlich Top-Expertin. Ich verbrannte meine blutigen Verbände, damit mich niemand anhand der Magie in meinem Blut identifizieren konnte. Ich verbarg meine Macht. Ich gab mir große Mühe, mich mit niemandem anzufreunden, und in den meisten Fällen gelang mir das auch. Denn wenn mein Geheimnis ans Licht käme, würde das nicht nur damit enden, dass ich auf einem Telefonmast hockte. Wenn mein Geheimnis ans Licht käme, war ich mausetot – und alle meine Freunde mit mir.

Ich näherte mich dem Mast und sah zu Mrs McSweeny hinauf. »Also gut, ich zähle jetzt bis drei, und dann kommen Sie herunter.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Mrs McSweeny! Sie führen sich unmöglich auf! Ihre Familie macht sich große Sorgen um Sie, und denken Sie an den Bingoabend morgen. Den wollen Sie doch nicht verpassen, oder?«

Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Wir machen das gemeinsam.« Ich stieg die Leiter drei Sprossen weit hinauf. »Bei drei. Eins, zwei, drei, Schritt!«

Ich stieg einen Schritt die Leiter hinab und sah zu, wie sie es mir nachmachte. Gott sei Dank.

»Und jetzt noch einen. Eins, zwei, drei, Schritt.«

Wir stiegen noch einen Schritt weiter runter, und den nächsten Schritt tat sie schon ganz von allein. Ich sprang von der Leiter. »Geschafft.«

Mrs McSweeny hielt inne. Oh, nein, bitte nicht.

Sie sah mich aus ihren traurigen Augen an und sagte: »Das erzählen Sie aber niemandem, nicht wahr?«

Ich sah zu den Fenstern des Wohnblocks hinüber. Sie hatte laut genug geheult, um Tote zu wecken und dazu zu bringen, die Bullen zu rufen. Doch in diesen Zeiten hielten die Menschen zusammen. Man konnte sich weder auf die Technik noch auf die Magie verlassen – nur auf seine eigene Familie und seine Nachbarschaft. Und wenn sie alle willens waren, ihr Geheimnis, so absurd es auch erschien, zu wahren, war ich es auch.

»Ich erzähle niemandem davon«, versprach ich.

Zwei Minuten später war sie auf dem Weg zurück in ihre Wohnung, und ich mühte mich damit ab, die Leiter wieder in dem Kabuff unter der Treppe zu verstauen, aus dem der Hausmeister sie für mich herausgeholt hatte.

Mein Arbeitstag hatte am späten Nachmittag begonnen, als ein verzweifelter Mann über den Korridor der hiesigen Ordensniederlassung gelaufen war und gerufen hatte, ein katzenköpfiger Drache sei in die New Hope School eingedrungen und drauf und dran, die Kinder dort zu verschlingen. Der Drache hatte sich zwar als kleinerer Tatzelwurm entpuppt, aber da es mir nicht gelungen war, ihn zu überwältigen, hatte ich ihm schließlich den Kopf abschlagen müssen. Das war an diesem Tag das erste Mal gewesen, dass ich von oben bis unten mit Blut bespritzt worden war.

Anschließend hatte ich Mauro dabei helfen müssen, eine doppelköpfige Wasserschlange aus einem Teich bei der Ruine des One Atlantic Center in Buckhead zu fischen. Von da an war es mit dem Tag immer nur noch weiter bergab gegangen. Jetzt war es schon nach Mitternacht. Ich war verdreckt, erschöpft und hungrig, mit viererlei Sorten Blut beschmiert und wollte nur noch nach Hause. Und außerdem stanken meine Stiefel, denn die Schlange hatte mir einen halb verdauten Katzenkadaver draufgekotzt.

Es gelang mir schließlich, die Leiter zu verstauen, ich verließ das Haus und ging zu dem Parkplatz, wo meine Maultierstute Marigold an einem eigens für derlei Zwecke dort angebrachten Metallständer festgemacht war. Als ich näher kam, sah ich, dass ihr jemand mit grüner Farbe ein halb fertiggestelltes Hakenkreuz aufs Hinterteil gemalt hatte. Der Pinsel lag zerbrochen auf dem Boden. Daneben sah ich einige Blutflecke und etwas, das wie ein Zahn aussah. Ich guckte genauer hin. Ja, tatsächlich: ein Zahn.

»Hatten wir ein kleines Abenteuer, hm?«

Marigold antwortete nicht, aber ich wusste aus Erfahrung, dass es keine gute Idee war, von hinten an sie heranzutreten. Sie hatte einen mörderischen Tritt am Leib.

Hätte sie auf der anderen Backe kein Brandzeichen des Ordens gehabt, so wäre Marigold in dieser Nacht womöglich gestohlen worden. Doch glücklicherweise waren die Ritter des Ordens dafür bekannt, dass sie Diebe auf magischem Wege verfolgten und dann auf brachiale Weise zur Strecke brachten.

Ich band Marigold los und stieg auf, dann ritten wir in die Nacht hinaus.

Normalerweise wechselten sich Technik und Magie alle paar Tage ab. Zwei Monate zuvor jedoch war ein Flair über uns hereingebrochen, eine Flutwelle der Magie, die unsere Stadt wie ein Tsunami unter sich begrub und die unglaublichsten Dinge Wirklichkeit werden ließ. Drei Tage lang lebten Dämonen und Götter mitten unter uns, und die menschlichen Monster hatten größte Schwierigkeiten, sich zu beherrschen. Ich hatte den Flair auf einem Schlachtfeld verbracht und einigen Gestaltwandlern dabei geholfen, eine Horde von Dämonen niederzumachen.

Es war ein bombastisches Ereignis gewesen. Ich träumte immer noch lebhaft davon. Es waren nicht unbedingt Albträume, sondern eher berauschende, surreale Visionen von Blut, funkelnden Klingen und Tod.

Der Flair war vorübergezogen und hatte der Technik wieder die Weltherrschaft überlassen. Seit zwei Monaten sprangen Autos problemlos an, hielt elektrisches Licht die Finsternis in Schach und machten Klimaanlagen den August ausgesprochen erträglich. Wir hatten sogar Fernsehen. Am Montagabend hatten sie einen Film gezeigt –Terminator 2 –, der nachdrücklich klargemacht hatte, dass es immer noch schlimmer kommen konnte.

Dann, am Mittwoch, um die Mittagszeit, kehrte die Magie zurück, und in Atlanta brach die Hölle los.

Ich weiß nicht, ob sich die Leute der Illusion hingegeben hatten, dass die Magie nicht wiederkehren würde, oder ob sie schlicht auf dem falschen Fuß erwischt wurden – jedenfalls hatten wir, seit ich dabei war, noch nie so viele Hilfsgesuche gehabt. Im Gegensatz zur Söldnergilde, für die ich ebenfalls tätig war, halfen die Ritter des Ordens jedermann, ganz egal, ob und wie viel er zahlen konnte. Sie stellten einem nur so viel in Rechnung, wie man erübrigen konnte, oft verlangten sie auch gar nichts. Wir wurden jedenfalls mit Hilfsgesuchen förmlich überschwemmt. Mittwochnacht bekam ich vier Stunden Schlaf und war anschließend gleich wieder im Einsatz. Kalendarisch war es nun schon Freitag, und meine Gedanken kreisten fast nur noch um eine schöne warme Dusche, etwas zu essen und ein weiches Bett. Ein paar Tage zuvor hatte ich einen gedeckten Apfelkuchen gebacken, und das letzte Stück davon wollte ich mir an diesem Abend gönnen.

»Kate?« Maxines strenge Stimme hallte in meinem Kopf wider. Sie kam aus der Ferne, war aber klar und deutlich zu verstehen.

Ich zuckte nicht zusammen. Nach dem Marathon der vergangenen achtundvierzig Stunden erschien es mir vollkommen normal, in meinem Kopf die Stimme der telepathisch begabten Sekretärin des Ordens zu hören. Traurig, aber wahr.

»Tut mir leid, meine Liebe. Der Apfelkuchen muss wohl noch ein wenig warten.«

Maxine las nicht absichtlich meine Gedanken, aber wenn ich mich auf etwas konzentrierte, bekam sie unweigerlich etwas davon mit.

»Ich habe hier einen Grün-Sieben, gemeldet von einem Zivilisten.«

Ein toter Gestaltwandler. Alles, was mit Gestaltwandlern zu tun hatte, landete bei mir. Die Gestaltwandler misstrauten Außenstehenden, und ich war der einzige Mitarbeiter der hiesigen Sektion des Ordens, der den Status eines »Freunds des Rudels« genoss. Wobei »genießen« in diesem Zusammenhang ein ausgesprochen relativer Begriff war. Dieser Status bedeutete im Grunde nur, dass mich die Gestaltwandler noch ein paar Worte sagen lassen würden, ehe sie Hackfleisch aus mir machten. Sie trieben die Paranoia in ungeahnte Höhen.

»Wo ist es?«

»Ponce de Leon, Ecke Dead Cat.«

Mit dem Maultier zwanzig Minuten. Es war gut möglich, dass das Rudel bereits von dem Todesfall erfahren hatte. In diesem Fall würde es dort nur so von Gestaltwandlern wimmeln, und sie würden herumfauchen und die Sache unter sich regeln wollen. Tolle Aussichten. Ich wendete Marigold und ritt in Richtung Norden weiter. »Ich kümmere mich drum.«

Die unermüdlich wirkende Marigold zuckelte die Straßen hinab. Langsam zog die schartige Silhouette der Stadt vorüber, einstmals stolze Gebäude, von denen nur bröckelnde Ruinen geblieben waren. Es sah aus, als hätte die Magie Atlanta erst in Brand gesteckt und die Flammen dann wieder erstickt, ehe die Stadt gänzlich niederbrennen konnte.

Vereinzelt leuchteten elektrische Lichter aus der Dunkelheit. Von den Alexander on Ponce Apartements zog der Duft von Holzkohlenrauch und gegrilltem Fleisch herüber. Dort briet offenbar jemand einen Mitternachtsschmaus. Die Straßen waren menschenleer. Wer auch nur ein Fünkchen gesunden Menschenverstand besaß, hielt sich nach Einbruch der Dunkelheit gemeinhin nicht mehr im Freien auf.

Das Heulen eines Wolfs hallte durch die Stadt und jagte mir einen Schauder über den Rücken. Ich hatte das Tier förmlich vor Augen, wie es auf der Betonrippe eines eingestürzten Wolkenkratzerskeletts stand, das helle Fell in silbernen Mondschein getaucht, den Kopf emporgereckt, die zottige Kehle entblößt, und sein schwermütiges Jagdlied anstimmte.

Ein schmaler Schatten huschte aus einer Gasse, gefolgt von einem zweiten. Es waren hagere, haarlose Gestalten, die sich ruckartig und ungelenk auf allen vieren fortbewegten. Sie überquerten vor mir die Straße und verharrten. Irgendwann einmal waren es Menschen gewesen, doch nun waren beide schon seit über zehn Jahren tot. Ihren Körpern war kein Fett und nichts Weiches mehr geblieben. Sie bestanden nur noch aus stahlharten Muskelsträngen unter lederzäher Haut. Zwei Vampire auf Streifzug. Und sie befanden sich hier außerhalb ihres Territoriums.

»Name?«, sagte ich. Die meisten Navigatoren kannten mich, wie alle Mitarbeiter des Ordens, vom Sehen.

Der erste Blutsauger klappte das Maul auf, und leicht verzerrt drang die Stimme des Navigators heraus. »Geselle Rodriguez, Geselle Salvo.«

»Wer ist euer Herr und Meister?«

»Rowena.«

Von allen Herren und Herrinnen der Toten hasste und verabscheute ich Rowena noch am wenigsten. »Ihr seid hier weit weg vom Casino.«

»Wir …«

Der zweite Blutsauger öffnete das Maul und entblößte dabei seine hellen Reißzähne vor dem dunklen Schlund. »Er hat Mist gebaut. Seinetwegen haben wir uns in Warren verlaufen.«

»Ich hab mich genau an den Stadtplan gehalten.«

Der zweite Blutsauger reckte einen klauenbewehrten Finger zum Himmel. »Der Stadtplan bringt dir gar nichts, wenn du nicht in der Lage bist, dich zu orientieren. Der Mond geht nicht im Norden auf, du Schwachkopf.«

Zwei Idioten. Es wäre sogar halbwegs lustig gewesen, wenn ich die Blutgier nicht gespürt hätte, die von den beiden Vampiren ausging. Wenn die Blödmänner, die sie lenkten, nur für eine Sekunde die Kontrolle über sie verloren, würden sich die Blutsauger sofort auf mich stürzen.

»Weitermachen«, sagte ich und setzte Marigold wieder in Bewegung.

Die Vampire huschten davon, und die sie lenkenden Gesellen zankten sich wahrscheinlich irgendwo in den Tiefen des Casinos. Der Immortuus-Erreger beraubte die, die er befiel, ihres Egos. Da ihr Verstand ausgelöscht war, gehorchten die Vampire nur mehr ihrer Blutgier und metzelten alles nieder, was noch über einen Puls verfügte. Die Leere im Geist der Vampire machte sie zu perfekten Vehikeln für die Nekromanten, die Herren der Toten. Und die meisten dieser Herren standen im Dienste des »Volkes«. Dieses Volk, eine rundherum Brechreiz erregende Kombination aus Kultgemeinschaft, Forschungsinstitut und Konzern, widmete sich der Erforschung und Betreuung der Untoten. Wie auch der Orden verfügte es über Niederlassungen in den meisten größeren Städten. Hier in Atlanta hatte es sich im Casino eingenistet.

Das Volk war einer der bedeutendsten Machtfaktoren von Atlanta. Was das Zerstörungspotenzial anging, kam ihm nur noch das Rudel gleich. Geführt wurde das Volk von einer geheimnisvollen, legendären Gestalt, einem Mann, der sich Roland nannte. Roland verfügte über immense Macht. Er war es auch, den zu töten ich mein ganzes Leben lang trainiert hatte.

Ich umkurvte ein großes Schlagloch in dem alten Straßenpflaster, bog in die Dead Cat Street ab und erblickte unter einer demolierten Straßenlaterne den Tatort. Von Polizisten oder Zeugen keine Spur. Im fahlen Mondschein sah ich sieben Gestaltwandler. Und keiner von ihnen war tot.

Zwei Werwölfe in Tiergestalt schnupperten die Straße nach Geruchsspuren ab. Gestaltwandler in Tiergestalt waren meist größer als ihre tierischen Pendants, und diese beiden waren keine Ausnahme: Es handelte sich um zottige Bestien, größer und kräftiger als Deutsche Doggenrüden. Weiter hinten verstauten zwei ihrer Kollegen in Menschengestalt etwas, das verdächtig nach einem Leichnam aussah, in einem Plastiksack. Drei weitere Gestaltwandler gingen am Rand der Szene auf und ab, vermutlich, um Schaulustige fernzuhalten. Als ob irgendjemand so dumm gewesen wäre, lange genug hier zu verharren, dass er einen zweiten Blick darauf werfen konnte.

Als ich näher kam, hielten sie alle inne. Sieben glühende Augenpaare starrten mich an – vier grüne und drei gelbe. Der Leuchtkraft nach stand der Gestaltwandlertrupp kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Einer der ihrigen war ums Leben gekommen, und jetzt wollten sie Blut sehen.

Ich ging die Sache betont locker an. »Habt ihr schon mal überlegt, euch als Christbaumbeleuchtung engagieren zu lassen? Damit könntet ihr ’ne Menge Geld verdienen.«

Der nächstpostierte Gestaltwandler kam zu mir. Er war Anfang vierzig und ein ziemliches Muskelpaket. Sein Gesichtsausdruck war der, den das Rudel Außenstehenden gegenüber mit Vorliebe präsentierte: höflich, aber zugleich knallhart. »Guten Abend, Ma’am. Das hier ist eine Privatangelegenheit des Rudels. Gehen Sie bitte weiter, es gibt hier nichts zu sehen.«

Ma’am …Au backe.

Ich griff unter mein Hemd, holte die Brieftasche aus durchsichtigem Plastik hervor, die ich an einem Band um den Hals trug, und reichte sie ihm. Er warf einen Blick auf meinen Dienstausweis, der mit einem kleinen Rechteck aus verzaubertem Silber versehen war, und rief hinter sich: »Achtung!«

Auf der anderen Straßenseite tauchte ein Mann aus der Dunkelheit auf. Etwa eins neunzig groß, eine Hautfarbe wie Bitterschokolade und gebaut wie ein Profiboxer. Meist trug er einen schwarzen Mantel, heute aber hatte er sich mit schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt begnügt. Als er auf mich zukam, regten sich die Muskeln seiner Brust und seiner Arme. Beim Anblick seines Gesichts hätte es sich jeder, der sich mit ihm anlegen wollte, noch einmal anders überlegt. Er sah aus, als würde er hauptberuflich Knochen brechen und als machte ihm dieser Job richtig Spaß.

»Hallo, Jim«, sagte ich in weiterhin freundlichem Ton. »Das ist ja ’n Ding, dass ich dich hier treffe.«

Der Gestaltwandler, der mich angesprochen hatte, zog sich zurück. Jim kam näher und tätschelte Marigolds Hals.

»Eine lange Nacht?«, fragte er. Seine Stimme klang sonor und melodiös. Er sang nie, aber man merkte, dass er hätte singen können und dass ihm die Frauen dann förmlich zu Füßen gelegen hätten.

»Könnte man so sagen.«

Jim war damals, als ich noch ausschließlich für die Söldnergilde gearbeitet hatte, mein Partner gewesen. Bei manchen Söldnerjobs wurde mehr als nur ein Mann gebraucht, und die übernahmen Jim und ich dann gemeinsam, größtenteils, weil wir es nicht ertragen konnten, mit sonst jemandem zu arbeiten. Jim war außerdem das Alphatier des Katzenklans und der Sicherheitschef des Rudels. Ich hatte ihn kämpfen sehen, und statt mit ihm hätte ich es lieber jeden Tag aufs Neue mit einer gut bestückten Schlangengrube aufgenommen.

»Du solltest nach Hause gehen, Kate.« Ein schwaches grünes Leuchten tauchte in seinen Augen auf und verschwand gleich wieder. Seine animalische Seite war für einen Moment an die Oberfläche gedrungen.

»Was ist hier geschehen?«

»Das geht nur das Rudel etwas an.«

Der Wolf links von uns jaulte kurz auf. Eine Gestaltwandlerin eilte zu ihm und hob etwas vom Boden auf. Ich erhaschte einen Blick darauf, ehe sie es in einen Beutel stopfte. Es war ein Menschenarm, der am Ellenbogen abgetrennt war und noch in einem Ärmel steckte. Wir waren soeben von Kode Grün-Sieben zu Kode Grün-Zehn übergegangen. Ein Tötungsdelikt. Denn ein Unfalltod führte eher selten dazu, dass abgetrennte Gliedmaßen auf der Straße herumlagen.

»Wie gesagt, das geht nur das Rudel etwas an.« Jim sah mich an. »Du kennst doch die rechtliche Lage.«

Die rechtliche Lage sah so aus, dass die Gestaltwandler eine unabhängige Gemeinschaft waren, ähnlich wie die Stämme der amerikanischen Ureinwohner, und die Befugnis besaßen, sich selbst zu regieren. Sie erließen ihre eigenen Gesetze, und solange sie die Rechte von Nicht-Gestaltwandlern dabei nicht einschränkten, waren sie auch befugt, für die Einhaltung dieser Gesetze zu sorgen. Wenn das Rudel bei dieser Ermittlung meine Hilfe nicht wollte, konnte ich nicht allzu viel dagegen tun. »Als Abgesandte des Ordens biete ich dem Rudel unsere Unterstützung an.«

»Das Rudel lehnt das Unterstützungsangebot des Ordens dankend ab. Geh nach Hause, Kate«, sagte Jim noch einmal. »Du siehst müde aus.«

Klartext: Mach dich vom Acker, mickriger Mensch. Die großen, mächtigen Gestaltwandler brauchen deine lächerlichen Ermittlungsfähigkeiten nicht. »Habt ihr das mit der Polizei abgeklärt?«

Jim nickte.

Ich seufzte, wendete Marigold und machte mich auf den Heimweg. Jemand war ums Leben gekommen. Und ich würde nicht diejenige sein, die herausfand, wie es dazu gekommen war. Irgendwie fühlte ich mich dadurch bei meiner Berufsehre gepackt. Wenn es jemand anderes als Jim gewesen wäre, hätte ich darauf bestanden, den Leichnam sehen zu dürfen. Doch wenn Jim Nein sagte, meinte er Nein. Meine Beharrlichkeit hätte nichts gebracht und nur zu einer Verstimmung zwischen Rudel und Orden geführt. Jim machte keine halben Sachen, und daher war davon auszugehen, dass sein Trupp professionelle Arbeit leisten würde.

Dennoch ging mir die Sache gegen den Strich.

Ich würde am nächsten Morgen bei der Paranormal Activity Division anrufen und fragen, ob ein Bericht eingereicht worden war. Die Polizisten würden mir natürlich nichts über den Inhalt eines etwaigen Berichts verraten, aber dann wusste ich wenigstens, ob Jim sich tatsächlich mit ihnen in Verbindung gesetzt hatte. Nicht, dass ich Jim nicht traute, aber es konnte ja nicht schaden, das zu überprüfen.

Eine Stunde später ließ ich Marigold in einem kleinen Stall auf dem Parkplatz zurück und ging die Treppe zu meiner Wohnung hinauf. Ich hatte diese Wohnung von Greg geerbt, meinem ehemaligen Vormund, der als Wahrsager des Ordens tätig gewesen war. Er war ein halbes Jahr zuvor ums Leben gekommen, und er fehlte mir sehr.

Ich betrat die Wohnung, schloss die Tür hinter mir ab, zog mir die stinkenden Stiefel aus und ließ sie in der Ecke stehen. Um die würde ich mich später kümmern. Dann löste ich den Ledergurt, der Slayer, mein Schwert, auf meinem Rücken festhielt, zog das Schwert heraus und legte es neben mein Bett. Der Apfelkuchen lockte. Ich schleppte mich in die Küche, öffnete den Kühlschrank und starrte den leeren Kuchenteller an.

Hatte ich den Kuchen schon aufgegessen? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Und wenn ich es getan hätte, hätte ich den leeren Teller aus dem Kühlschrank herausgenommen.

Der Wohnungstür waren keinerlei Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen anzusehen gewesen. Ich schaute mich schnell einmal in der Wohnung um. Es fehlte nichts. Alles befand sich an seinem Platz. Gregs Bibliothek, mit all ihren Sammlerstücken und wertvollen Büchern, wirkte unberührt.

Ich musste den Kuchen selbst aufgegessen haben. Angesichts des Wahnsinns der vergangenen achtundvierzig Stunden hatte ich es wahrscheinlich einfach vergessen. Das gefiel mir überhaupt nicht. Ich nahm den Kuchenteller heraus, und dann stellte ich ihn an seinen Platz unter dem Herd. Gab es also keinen Kuchen – aber eine schöne warme Dusche konnte mir niemand verwehren. Ich zog mich aus, ließ die einzelnen Kleidungsstücke auf dem Weg ins Bad auf den Boden fallen, stellte mich unter die Brause, überließ mich dem warmen Wasserstrahl und der Rosmarinseife und blendete den Rest der Welt komplett aus.

Ich war gerade damit fertig, mir die Haare abzutrocknen, als das Telefon klingelte.

Ich kickte die Schlafzimmertür auf und starrte den Apparat an, der auf dem kleinen Nachttisch neben meinem Bett vor sich hin schrillte. Telefonanrufe hatten für mich noch nie etwas Gutes bedeutet. Es ging es immer nur darum, dass jemand ums Leben gekommen war, im Sterben lag oder gerade jemanden umbrachte.

Klingeling.

Klingeling, klingeling.

Klingeling?

Ich seufzte und nahm ab. »Kate Daniels.«

»Hallo, Kate«, sagte eine mir nur allzu bekannte, samtige Stimme. »Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.«

Saiman. So ziemlich der letzte Mensch, mit dem ich jetzt reden wollte.

Saiman war ein wandelndes Lexikon der Magie. Außerdem war er auch so eine Art Gestaltwandler. Er hatte mich einmal für einen Einsatz engagiert, als ich noch ausschließlich für die Söldnergilde tätig war, und damals hatte er Gefallen an mir gefunden. Und weil er mich so sympathisch fand, bot er mir seine Dienste als Magie-Experte zu einem mehr als großzügigen Rabatt an. Dummerweise jedoch waren wir uns das letzte Mal mitten während des Flairs begegnet, auf einem Hochhausdach, wo Saiman nackt im Schnee getanzt hatte. Mit der größten Erektion, die ich je bei einem menschlichen Wesen gesehen hatte. Hinzu kam, dass er mich nicht mehr von diesem Dach hatte herunterlassen wollen. Ich hatte springen müssen, um ihm zu entkommen.

Ich blieb ganz höflich. Kate Daniels, die Meisterin der Diplomatie. »Ich will nicht mit dir reden. Und ich betrachte unsere Zusammenarbeit als beendet.«

»Das ist sehr bedauerlich. Aber wie dem auch sei: Ich habe hier etwas, das möglicherweise dir gehört, und ich möchte es dir gerne wiedergeben.«

Was konnte das sein? »Schick’s mit der Post.«

»Das würde ich gern, aber er passt einfach in kein Päckchen.«

Er? Er klang gar nicht gut.

»Er weigert sich zu sprechen, aber ich werde ihn dir beschreiben: etwa achtzehn Jahre alt, dunkles, kurzes Haar, große, braune Augen, finsterer Blick. Auf eine jünglingshafte Art recht attraktiv. Danach zu schließen, wie das Tapetum lucidum hinter der Netzhaut seiner Augen auf Licht reagiert, handelt es sich um einen Gestaltwandler. Ich tippe auf einen Wolf. Du hattest ihn mitgebracht bei unserer letzten, bedauerlichen Begegnung. Es tut mir übrigens wirklich sehr leid.«

Derek. Mein junger Werwolfkumpel. Was zum Teufel tat er in Saimans Wohnung?

»Halt ihm bitte mal den Hörer hin.« Ich blieb ganz ruhig. »Derek, antworte mir, damit ich weiß, dass das kein Bluff ist. Bist du verletzt?«

»Nein«, knurrte Derek. »Ich habe alles im Griff. Komm nicht her. Es ist zu gefährlich.«

»Es ist doch bemerkenswert, dass er sich so um dein Wohlergehen sorgt, wenn man bedenkt, dass er derjenige ist, der hier in einem Käfig hockt«, murmelte Saiman. »Du hast wirklich interessante Freunde, Kate.«

»Saiman?«

»Ja?«

»Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, sorge ich dafür, dass dir zwanzig tollwütige Gestaltwandler auf die Bude rücken.«

»Keine Sorge. Ich will wirklich keinesfalls den Zorn des Rudels auf mich ziehen. Dein Freund ist unverletzt, und ihm geschieht hier nichts. Ich werde ihn jedoch den Behörden übergeben, falls du ihn nicht bis Sonnenaufgang abgeholt hast.«

»Gut, ich komme.«

Saimans Stimme hatte einen ganz leicht spöttischen Beiklang. »Ich freu mich drauf.«

Kapitel 2

Um drei Uhr früh war ich da.

Saiman bewohnte eine Zimmerflucht im fünfzehnten Stock des einzigen Hochhauses, das in Atlanta-Buckhead noch stand. Die Magie hasste hohe Gebäude – sie hasste einfach alles, was groß und technisch komplex war – und nagte die meisten davon ab, bis nur noch drei, vier Etagen aus Beton und Stahl übrig waren. Die ragten in Midtown traurig hier und da empor, wie die verfallenen Obelisken einer längst vergessenen Zivilisation.

Saimans Wohnsitz, das ehemalige Lenox Pointe, das mittlerweile Champion Heights hieß und im Lauf der Jahre zahlreiche Umbauten erfahren hatte, wurde von einem komplizierten Zauber geschützt, der der Magie suggerierte, bei diesem Haus handele es sich in Wirklichkeit um einen Felsen. Während der Magiewogen sahen Teile des Gebäudes tatsächlich eher wie Klippen aus Granit aus. Und während des Flairs hatten sie auch wirklich aus Granit bestanden. In dieser Nacht, in der die Magie nicht mehr herrschte, wirkte es wieder wie ein ganz normales Hochhaus.

Um Zeit zu sparen, war ich mit Betsi gekommen, meinem Benzin schluckenden Subaru. Da die Woge der Magie gerade erst vorüber und diesmal recht schwach ausgefallen war, konnte man davon ausgehen, dass die Technik mindestens ein paar Stunden lang die Oberhand behalten würde. Ich parkte meine ramponierte Rostlaube zwischen allerhand schnittigen Schlitten, für die man jeweils mehr als das Doppelte meines Jahreseinkommens hätte hinblättern müssen, und stieg die Betontreppe zu dem mit Stahlplatten und Panzerglas gesicherten Eingang hinauf.

Dabei blieb ich mit der Schuhspitze an einer Treppenstufe hängen und wäre beinahe gestolpert. Na toll. Saiman war beängstigend intelligent und wachsam, bei einem Gegner stets eine gefährliche Kombination. Ich musste auf der Hut sein. Stattdessen war ich so müde, dass ich Streichhölzer gebraucht hätte, um meine Augen offen zu halten. Wenn ich nicht schnell wach wurde, konnte diese Nacht für Derek ein bitterböses Ende nehmen.

Wenn ein Gestaltwandler in die Pubertät kam, wurde er entweder zum Loup oder folgte dem Kode. Zum Loup zu werden bedeutete, der Bestie, die in einem steckte, freien Lauf zu lassen und in einen Abgrund von Mord, Kannibalismus und Wahnsinn zu schlittern, bis man irgendwann schließlich von Reißzähnen, Klingen oder einem Silberkugelhagel aufgehalten wurde. Dem Kode zu folgen bedeutete dagegen eiserne Disziplin und strikte Konditionierung. Sich diesem Lebensstil zu unterwerfen war die einzige Möglichkeit, wie ein Gestaltwandler in der menschlichen Gesellschaft funktionieren konnte. Dem Kode zu folgen bedeutete auch, sich einem Rudel anzuschließen. In diesen Rudeln herrschte absolute Hierarchie, und auf ihren Alphatieren lastete eine immense Verantwortung.

Das Rudel von Atlanta war eins der größten im ganzen Land. Nur die Ice Fury von Alaska zählte noch mehr Mitglieder. Und die Gestaltwandler von Atlanta zogen jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Dabei vergaßen die einzelnen Mitglieder des Rudels nie, dass die Allgemeinheit in ihnen nichts weiter als Bestien sah, und sie taten, was sie konnten, um einen unscheinbaren und gesetzestreuen Eindruck von sich zu verbreiten. Nicht gebilligte kriminelle Aktivitäten wurden unverzüglich und drakonisch bestraft.

Dabei erwischt zu werden, wie er in Saimans Wohnung einbrach, konnte für Derek ausgesprochen schmerzhafte Konsequenzen haben. Saiman verfügte über beste Beziehungen, und wenn er wollte, konnte er ein Riesentrara auslösen. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass das Rudel dieser Sache wegen in aller Öffentlichkeit ein blaues Auge verpasst bekam. Die Alphatiere des Rudels, die gemeinsam den Rudelrat bildeten, waren, seit sie von dem gewaltsamen Todesfall erfahren hatten, wahrscheinlich ohnehin schon auf hundertachtzig. Es war jetzt nicht der richtige Moment, um ihnen zusätzlich auf die Nerven zu gehen. Ich musste Derek aus der Wohnung herausbekommen – so heimlich, still und leise, wie’s nur ging.

Am Eingang des Hochhauses angelangt, klopfte ich an das Stahlgitter. Aus einem gepanzerten Wachtposten, der sich in der Mitte des Marmorfoyers befand, richtete ein Angestellter eine Kalaschnikow auf mich. Ich nannte ihm meinen Namen, er betätigte den Türöffner und ließ mich herein. Ich wurde also erwartet. Wie nett von Saiman.

Der Aufzug beförderte mich in die fünfzehnte Etage und entließ mich auf einen luxuriös anmutenden Flur mit einem überaus flauschigen Teppichboden. Ich ging zu Saimans Wohnungstür, und als ich den Finger nach dem Klingelknopf ausstreckte, öffnete sich das Schloss mit leisem Klicken.

Die Tür ging auf, und vor mir stand Saiman. Er hatte seine neutrale Gestalt angenommen, die er im Umgang mit mir meist anlegte: ein mittelgroßer, schlanker, kahlköpfiger Mann in einem weißen Trainingsanzug. Sein leicht gebräuntes Gesicht war ebenmäßig, zeigte aber keinerlei Ausdruck. Ihm ins Gesicht zu sehen war, als betrachtete man eine leicht spiegelnde Oberfläche: Er liebte es, die mimischen Eigenarten seiner Gesprächspartner zu imitieren, da er wusste, dass er sie damit leicht aus dem Konzept bringen konnte.

Seine Augen jedoch waren ebenso bemerkenswert wie sein Gesicht ausdruckslos. Sie waren dunkel und von einem agilen Intellekt erfüllt. Gegenwärtig funkelten sie belustigt. Genieße es, solange du noch kannst, Saiman. Ich habe mein Schwert mitgebracht.

»Kate! Wie schön, dich zu sehen!«

Kann ich meinerseits nicht gerade behaupten. »Derek?«

»Komm doch bitte herein.«

Ich betrat die Wohnung, ein monochromes Designerambiente aus ultramodernen Linien und weichen, weißen Polstern. Sogar der Loup-Käfig, in dem Derek saß, passte bestens zum Chromstahl und Glas des Couchtischs und der Leuchten.

Derek sah mich an. Er regte sich nicht und gab keinen Ton von sich, aber sein Blick fixierte mich und ließ mich nicht mehr los.

Ich ging zu dem Käfig. Derek schien unversehrt. »Bist du verletzt?«

»Nein. Du hättest nicht herkommen sollen. Ich habe hier alles im Griff.«

Ich machte mir offenkundig ein völlig falsches Bild von der Lage. Jeden Augenblick würde er aufspringen, die fünf Zentimeter dicken Gitterstäbe aus Silberlegierung beiseitebiegen, obwohl Silber für Gestaltwandler das reine Gift war, und sich heldenhaft auf Saiman stürzen. Jeden Augenblick.

Ich seufzte. Lieber Gott, bitte verschone mich mit der Tapferkeit adoleszenter Idioten.

»Kate, nimm doch bitte Platz. Möchtest du etwas zu trinken?« Saiman ging an die Hausbar.

»Ein Wasser bitte.«

Ich zog Slayer aus der Scheide auf meinem Rücken. Auf der langen, schlanken Klinge fing sich das Licht der elektrischen Lampen. Saiman sah von der Bar zu mir herüber. Kennst du mein Schwert schon, Saiman? Für manche ein tödliches Vergnügen.

Ich legte Slayer auf den Couchtisch, setzte mich auf die dazugehörige Couch und betrachtete Derek. Mit seinen neunzehn Jahren wirkte der Werwolfwunderknabe immer noch ein klein wenig tollpatschig – mit seinen langen Beinen und dem schlanken Leib, der aber schon die männlichen Proportionen ahnen ließ, die er binnen weniger Jahre annehmen würde. Das dunkelbraune, schimmernde Haar trug er ganz kurz geschnitten. Sein Gesicht, das gegenwärtig grimmig blickte, besaß jenen bestimmten Typus frischer, verträumter Schönheit, bei deren Anblick junge Mädchen – und wahrscheinlich auch manche ihrer Mütter – fast unweigerlich dahinschmolzen. Als wir uns damals kennenlernten, war er lediglich hübsch gewesen, mittlerweile aber versprach er, sich zu einem richtigen Herzensbrecher zu mausern. Vor allem von seinen Augen ging eine beträchtliche Gefahr für die holde Weiblichkeit aus: Sie waren groß und dunkel und von so langen Wimpern gerahmt, dass ihre Schatten bis auf die Wangen reichten.

Es war eigentlich erstaunlich, dass er überhaupt am helllichten Tag vor die Tür gehen konnte. Ich verstand nicht, warum die Polizei ihn nicht festnahm, da die Teenager bei seinem Anblick doch sicherlich gleich reihenweise ohnmächtig hinsanken.

Saiman bumste normalerweise alles, was bei drei nicht auf den Bäumen war. So wie Derek aussah, hatte ich befürchtet, dass ich ihn hier an ein Bett gekettet vorfinden würde – oder Schlimmeres.

»Nach unserem Gespräch ist mir wieder eingefallen, wo ich unseren jungen Freund schon einmal gesehen habe.« Saiman brachte uns zwei Kristallgläser – Weißwein für sich und eisgekühltes Wasser für mich. Ich beäugte das Wasser. Kein weißes Pulver, keine sich auflösende Tablette, kein anderes offensichtliches Indiz dafür, dass irgendetwas damit nicht stimmte. Trinken oder nicht trinken? Das war hier die Frage.

Ich nippte daran. Falls er irgendwas hineingemixt hatte, konnte ich ihn immer noch töten, ehe ich umkippte.

Saiman trank einen Schluck Wein und reichte mir eine zusammengelegte Zeitung. Vor der Wende waren Zeitungen etwas gewesen, das zum Aussterben verurteilt schien. Dann jedoch hatten die Wogen der Magie im Internet Chaos und Verwüstung angerichtet, und seither spielten die Zeitungen wieder ihre angestammte Rolle. In dieser hier sah man auf einem Foto ein düster wirkendes Ziegelsteingebäude hinter einer eingestürzten Mauer. Im Hintergrund lagen einige tote Frauen und ein toter Drache, von dem kaum mehr als das Skelett und ein paar Fleischfetzen übrig waren. Die Schlagzeile lautete: HERR DER BESTIEN BRINGT RED-POINT-KILLER ZUR STRECKE. Ich wurde mit keiner Silbe erwähnt. So war es mir am liebsten.

Der Artikel unter dem Bild wurde von einem zweiten Foto illustriert: Derek, wie er von Doolittle, dem Arzt des Rudels, weggetragen wurde. Der Täter hatte Derek beide Beine gebrochen und ihn angekettet, um zu verhindern, dass die Knochen wieder zusammenwuchsen.

»Er war der Junge, der von diesem Mörder angegriffen wurde, weil er mit dir in Verbindung stand«, sagte Saiman. »Soweit ich weiß, wurde er durch einen Bluteid verpflichtet, dich zu beschützen.«

Saiman verfügte über ausgezeichnete Quellen und zahlte gut für Informationen, aber die Mitglieder des Rudels sprachen nicht mit Außenstehenden. Das war eine eiserne Regel. Woher zum Teufel also wusste er von dem Eid?

»Der Bluteid ist nicht mehr in Kraft.« Curran, der Herr der Bestien von Atlanta, der Anführer des Rudels und das Oberarschloch schlechthin, der Dereks Leben damals buchstäblich in der Hand gehalten hatte, hatte Derek anschließend, nachdem der Fall abgeschlossen war, von dem Bluteid entbunden.

»Die Magie hat eine interessante Eigenschaft, Kate. Wenn so eine Bindung einmal geschlossen wurde, wirkt sie in den beteiligten Personen fort.«

Er musste mir Newmans Theorie der reziproken Magie nicht erläutern, denn damit kannte ich mich bestens aus. Saiman wollte mir weitere Einzelheiten abluchsen. Doch ich ging ihm nicht auf den Leim. »Wenn du glaubst, dass ich hierhergekommen bin, weil mich irgendein remanenter magischer Drang, verursacht durch einen alten Bluteid, dazu getrieben hätte, dann bist du wirklich auf dem Holzweg. Derek ist weder mein Geliebter noch sind wir insgeheim miteinander verwandt, und er ist auch kein Gestaltwandler, der für das Rudel von immenser Bedeutung wäre. Ich bin einfach bloß hier, weil er mein Freund ist. Im umgekehrten Fall wärst du jetzt längst tot, und er würde deinen Couchtisch als Brecheisen verwenden, um mich aus dem Käfig rauszuholen.«

Ich fixierte Saiman mit meinem schönsten strengen Blick. »Ich habe nicht viele Freunde, Saiman. Wenn ihm irgendetwas zustößt, nehme ich das verdammt noch mal persönlich.«

»Drohst du mir etwa?« Eine gelinde Neugier schwang in seiner Stimme mit.

»Ich erkläre dir lediglich die Spielregeln. Wenn du ihm wehtust, werde ich dir wehtun, und zwar ohne auch nur im Mindesten über die Konsequenzen nachzudenken.«

Saiman nickte ernst. »Ich versichere dir, dass ich deine freundschaftliche Verbundenheit mit ihm in Erwägung ziehen werde.«

Da hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Saiman zog nämlich schlechthin alles in Erwägung. Er handelte mit Informationen, verkaufte sie an den Meistbietenden. Seine Handelsware trug er Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen aus vielen einzelnen Gesprächen zusammen, bis sich dabei für ihn ein Bild des großen Ganzen ergab, und er verlor dabei nie etwas aus dem Blick.

Saiman stellte sein Weinglas ab und faltete die Hände. »Doch wie dem auch sei: Dein Freund ist in meine Wohnung eingebrochen und hat versucht, etwas zu stehlen, das sich in meinem Besitz befindet. Ich sehe mich genötigt, dich darauf hinzuweisen, dass ich zwar deine Fähigkeit zur Gewaltausübung anerkenne, aber auch überzeugt bin, dass du mich nicht grundlos töten würdest. Und da ich nicht vorhabe, dir einen Grund zu liefern, habe ich bei unseren Verhandlungen immer noch die Oberhand.«

Das stimmte. Wenn das hier herauskam, kriegte Derek es mit Curran zu tun. Der Herr der Bestien war ein arroganter Scheißkerl und regierte das Rudel mit stählerner Faust. Curran und ich kamen etwa so gut miteinander aus wie Glycerin und Salpetersäure: Wenn wir aufeinandertrafen, flogen unweigerlich die Fetzen. Doch so viele Fehler er auch hatte – und ich hätte zu meinen eigenen auch noch Saimans Finger und Zehen gebraucht, um sie alle aufzuzählen –, Günstlingswirtschaft gab es bei ihm nicht. Derek würde bestraft werden, und die Strafe würde drakonisch ausfallen.

Ich trank einen Schluck Wasser. »Ich nehm’s zur Kenntnis. Nur mal so aus Neugier: Was wollte er denn eigentlich klauen?«

Saiman zauberte wie aus dem Nichts zwei kleine, rechteckige Papierstücke hervor. Da die Magie gerade nicht herrschte, musste ich davon ausgehen, dass es ein Taschenspielertrick war. Ich merkte mir das für die Zukunft: Kartenspielen mit Saiman kam nicht infrage.

»Das hier.« Er hielt mir die Papierstücke hin. Ich betrachtete sie, ohne sie jedoch zu berühren. Sie waren blutrot. Auf der pergamentartigen Oberfläche stand in großen, goldenen Lettern: MIDNIGHTGAMES.

»Was ist das – Midnight Games?«

»Ein übernatürliches Einladungsturnier.«

Ach du grüne Neune. »Ich nehme an, dieses Turnier ist illegal?«

»Vollkommen illegal. Hinzu kommt, dass der Herr der Bestien, soweit ich weiß, den Mitgliedern des Rudels ausdrücklich verboten hat, dieses Turnier zu besuchen oder gar daran teilzunehmen.«

Erstens war Derek in Saimans Wohnung eingebrochen. Zweitens hatte er es mit dem Vorsatz getan, einen Einbruchdiebstahl zu begehen. Drittens hatte er versucht, Eintrittskarten zu einem illegalen Kampfturnier zu klauen, dessen Besuch Mitgliedern des Rudels ausdrücklich untersagt war. Curran würde Derek das Fell über die Ohren ziehen – und diese bildliche Redewendung dabei womöglich sogar wörtlich nehmen. Schlimmer konnte es eigentlich nicht mehr kommen.

»Also gut. Wie kriegen wir das wieder hin?«

»Ich bin bereit, ihn gehen zu lassen und zu vergessen, dass er jemals hier war«, sagte Saiman. »Unter der Bedingung, dass du mich morgen zu den Mitternachtsspielen begleitest.«

»Nein«, sagte Derek.

Ich betrachtete das Kristallglas in meiner Hand, in das ein großes Wappen geschliffen war: eine Flamme mit einer Schlange drum herum. Das Licht der elektrischen Lampe brachte die Kristallschuppen der Schlange zum Funkeln.

»Schön, nicht wahr?«

»Ja.«

»Riedel. Aus Österreich. Handgeschliffen. Eine streng limitierte Serie. Davon gibt es nur zwei Stück.«

»Wieso willst du, dass ich dich begleite?«

»Aus zweierlei Gründen. Erstens geht es mir um dein professionelles Urteil. Ich brauche eine Kampfexpertin.«

Ich hob die Augenbrauen.

»Ich möchte, dass du eine der Mannschaften fachmännisch beurteilst.« Saiman gestattete sich den Anflug eines Lächelns.

Also gut, warum nicht. »Und zweitens?«

Saiman betrachtete einen Moment lang das Glas in seiner Hand und zerschlug es dann an der Tischkante. Ein Kristallscherbenschauer ging auf den Teppich hernieder. Derek knurrte in seinem Käfig.

Ich widerstand dem Verlangen, angesichts dieser Dramatik die Augen zu verdrehen, und wies mit einer Kopfbewegung auf den abgebrochenen Kristallstil in Saimans Hand. »Falls du vorhast, mich damit aufzuschlitzen – mit einer Flasche ginge das viel besser.«

Saimans Augen funkelten vergnügt. »Nein, ich wollte damit eher ein philosophisches Argument vorbringen. Das Glas, das du in der Hand hältst, ist nun das Einzige seiner Art. Es ist der ultimative Luxus. So etwas gibt es nicht noch einmal.«

Sein Handgelenk schwoll an, das Fleisch wirkte wie flüssiges Wachs. Mir krampfte sich der Magen zusammen. Ich wusste, dass er die Magie speichern konnte, als wäre er eine Art Batterie, aber ich war davon ausgegangen, dass er sich zu einem Zeitpunkt wie diesem, da die Technik unumschränkt herrschte, nicht würde verwandeln können. Tja, man lernte halt nie aus.

Saimans Schultern wurden breiter. Sein Hals und seine Brust schwollen an und spannten sein Sweatshirt. An seinen Unterarmen zeigten sich kräftige Muskeln; die Knochen unter seiner Gesichtshaut erbebten. Bei diesem Anblick hätte ich mich fast übergeben müssen.

Ein neues Gesicht sah mich an: gut aussehend, stark, sinnlich, mit einem kantigen Kiefer, markanten Wangenknochen und tief liegenden, grünen Augen unter rötlichen Brauen. Dichtes, blondes Haar fiel ihm in einer glänzenden Woge auf die nun kräftigen Schultern.

»Für die meisten Leute bin ich der ultimative Luxus«, sagte er.

Dann fiel dieser Mann wieder in sich zusammen, fließend und wirbelnd, aber die Augen veränderten sich nicht. Ich sah unverwandt in diese Augen, nutzte sie als Halt. Selbst als die Iris dunkler wurden, die Augenwinkel sanken und samtig-schwarze Wimpern die Augen rahmten, erkannte ich, dass es immer noch Saimans Augen waren.

»Was ich zu bieten habe, ist viel besser als Sex«, sagte eine hinreißend schöne, lateinamerikanisch anmutende Frau. »Ich erfülle Wünsche. Was auch immer du willst. Wen auch immer du willst. Ich lasse alle deine Fantasien wahr werden. Und ich ermögliche das Verbotene.«

Sein Gesicht verwandelte sich erneut. Diesmal wurde er zu Derek. Es war eine ziemlich genaue Nachbildung, gut genug, um mich bei schummriger Beleuchtung zu täuschen. Der übrige Körper jedoch blieb der einer Frau. Er wurde müde. Er musste sich vor meiner Ankunft literweise Nährstoffe reingekippt haben, um diese Show abziehen zu können.

»Ich kann dir einen Freund geben«, sagte Saiman-Derek und grinste. »Ganz ohne Schuldgefühle. Niemand würde je davon erfahren. All die Gesichter, die du insgeheim vor Augen hast, wenn du dich selbst befriedigst? Ich liefere sie dir – in natura.«

Derek starrte ihn einfach nur sprachlos an, sein Gesicht ein Bild des Abscheus.

»Hat diese Vorführung noch einen anderen Zweck als den, mir den Magen zu verderben?«

Saiman seufzte. »Du lehnst alles ab, was ich dir anbiete, Kate. Das verletzt meinen Stolz.«

Ich verschränkte die Arme. »Ich lehne es ab, weil ich weiß, dass du es bist – ganz egal, in welcher Gestalt du dich zeigst. Und weil du mich nicht um meinetwillen begehrst. Du willst mich nur, weil ich dich abgewiesen habe.«

Er ließ sich das durch den Kopf gehen. »Mag sein. Aber dennoch bleibt es dabei: Indem du mir die kalte Schulter zeigst, wirst du zu meinem ultimativen Luxus. Das eine, was ich nicht haben kann. Du willst mich nicht sehen. Du rufst mich nicht zurück. Alle meine Versuche, mich für mein Verhalten während des Flairs zu entschuldigen, lässt du ins Leere laufen. Es ist sehr schwierig, eine Frau zu verführen, wenn sie sich weigert wahrzunehmen, dass es einen überhaupt gibt. Und ich freue mich darauf, dich mal einen ganzen Abend lang für mich allein zu haben.«

»Verdammter Perverser.« Derek hatte endlich passende Worte gefunden, um seine Sicht der Dinge darzulegen.

»Ich spreche lieber von ›abweichendem Sexualverhalten‹«, erwiderte Saiman.

»Wenn ich hier rauskomme …«

Ich hob eine Hand und ließ Derek innehalten bei der Auflistung all der äußerst schmerzhaften und illegalen Dinge, die er Saiman gern angetan hätte. »Ich begleite dich zu den Games.« Auch wenn ich stattdessen lieber ein viel genutztes Außenklo geputzt hätte. »Und du bestätigst dafür, dass Derek niemals in deine Wohnung eingebrochen ist, und du gibst alle Beweismittel dafür heraus, dass er jemals hier war. Und das wird kein Date. Du wirst mir nicht den Hof machen, du wirst nicht versuchen, mich zu verführen, und es gibt keinen Sex. Das ist mein letztes Angebot, und es ist nicht verhandelbar. Wenn du es annimmst, bedenke bitte, dass ich immer noch eine Abgesandte des Ordens bin, die an einer hochgradig illegalen Veranstaltung teilnehmen würde. Bring mich nicht in eine Situation, in der ich mich genötigt sehen würde, zu irgendwelchen Taten zu schreiten.«

Saiman stand auf, ging in das Zimmer, das ihm als Labor diente, und kam mit einem Stapel ausgedruckter Digitalfotos wieder, die Derek in dem Käfig zeigten. Er gab mir die Bilder, schaltete eine Digitalkamera an und löschte die darin enthaltene Speicherkarte.

Derek entglitten ein wenig die bis dahin grimmig blickenden Gesichtszüge, und sein schlechtes Gewissen kam zum Vorschein. Ausgezeichnet. Das wollte ich nutzen, um ihn zum Reden zu bringen.

Saiman hob eine Fernbedienung, drückte auf einen Knopf, und die Käfigtür öffnete sich. Derek sprang heraus, und ich stellte mich schnell zwischen Saiman und ihn, ehe er die Liste seiner Vergehen auch noch um einen Mord erweitern konnte.

»Ich hole dich um zehn bei dir zu Hause ab«, sagte Saiman.

Als sich die Glastür der Eingangshalle hinter uns schloss, atmete ich erst mal tief durch. Es war immer noch lange vor Sonnenaufgang. Der Parkplatz war in Dunkelheit gehüllt, und nach der klimatisierten Atmosphäre in dem Hochhaus war der kühle Nachtwind ausgesprochen angenehm.

Derek schüttelte den Kopf, wie um sich von einer Benebelung zu befreien. »Danke.«

»Nicht dafür.«

»Ich hätte nicht durchs Fenster einsteigen sollen.« Derek musterte das Gebäude. »Ich dachte, im fünfzehnten Stock wären die Fenster nicht geschützt. Aber die ganze Wohnung da ist buchstäblich vermint.«

»Er hatte vor ein paar Jahren schon mal Ärger mit Einbrüchen. Deshalb hab ich damals eine Zeit lang als Leibwächterin für ihn gearbeitet.« Das Bild eines Mannes mit einem Bleistift im linken Auge tauchte taghell in meiner Erinnerung auf – inklusive meiner blutigen Fingerabdrücke auf dem gelben Bleistiftschaft. Vielen Dank, liebes Gedächtnis, dass du mir mal wieder bei einem Gespräch dazwischenfunkst. »Saiman nimmt seine Sicherheit sehr ernst.«

»Kann man wohl sagen.«

Wir waren bei meinem Wagen angelangt. »Ein Gestaltwandler ist ums Leben gekommen, in der Ponce de Leon, Ecke Dead Cat. Jim war dort, und ein Team des Rudels. Weißt du irgendwas darüber?«

Ein Schatten legte sich über Dereks Gesicht. »Nein. Wer ist es?«

»Das weiß ich nicht. Jim hat mich nicht an die Leiche rangelassen.« Ich sah ihm in die Augen. »Derek, hast du irgendwas damit zu tun?«

»Nein.«

»Wenn du etwas damit zu tun hast, solltest du es mir jetzt sagen.«

»Habe ich aber nicht.«

Ich glaubte ihm. Derek hatte vielerlei Begabungen, aber ein guter Lügner war er nicht.

Wir standen neben meinem Wagen. Komm schon, Wunderknabe. Du weißt doch, dass du mir erzählen willst, was los ist.

»Du solltest nicht mit diesem Irren dorthin gehen.« Derek fuhr sich mit der Hand durchs kurz geschnittene Haar. »Er ist gefährlich.«

»Ich hab’s ihm versprochen. Und außerdem ist Saiman jemand, der sich ausschließlich von seinen Begierden leiten lässt. Es gibt für ihn kein höheres Ziel, als seine Bedürfnisse zu befriedigen, und das macht ihn ausgesprochen berechenbar. Mir wird schon nichts passieren.«

Irgendwo in der Ferne verfiel ein Hund in hysterisches Gebell. Derek warf einen Blick in diese Richtung. Kurz leuchtete etwas Gelbes in seinen Augen auf. Er konzentrierte sich, beugte sich vor und lauschte in die Nacht hinaus – wie ein Wolf mit aufgestelltem Nackenfell.

Derek rechnete damit, jeden Augenblick attackiert zu werden. Irgendetwas stimmte hier überhaupt nicht.

»Derek?«

Nun hatte er wieder eine undurchdringliche Miene aufgesetzt. Doch die Bestie in seinem Innern ließ sich nicht vollends zähmen. In seinen Augen blieb sie gegenwärtig.

»Geht es hier um das Rudel oder um etwas Persönliches?«

»Um etwas Persönliches.«

»Weiß Curran davon?«

Derek sah zu Boden.

Ich fasste das als Nein auf. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Nein.«

»Ich hab den weiten Weg auf mich genommen, um dich hier herauszuhauen, und du erzählst mir nicht mal, worum es eigentlich geht?«

Er schüttelte den Kopf und machte sich in die Nacht davon. So viel zum Thema schlechtes Gewissen.

Ich sah ihm nach, wie er in den unverkennbaren, langbeinigen und leichtfüßigen Wolfsgang verfiel. Auf diese Weise konnte er tagelang weiterlaufen und Meile um Meile zurücklegen. Am Ende des Parkplatzes setzte Derek dazu an, über eine hüfthohe Betonmauer zu springen, überlegte es sich mitten im Sprung aber anders. Es war ein erstaunlicher Anblick: Er schoss in die Luft, unfähig, sich zu bremsen, doch statt nach vorn, sprang er empor, landete fast genau dort wieder, wo er abgesprungen war, drehte sich um und kam zu mir zurückgelaufen.

Im nächsten Augenblick stand er wieder vor mir. »Das war gelogen. Ich brauche deine Hilfe.«

»Wen bringen wir um?«

»Hast du was zum Schreiben?«

Ich holte einen Notizblock und einen Bleistift aus meinem Wagen. Derek schrieb etwas, riss das Blatt ab und faltete es zusammen. »Versprich mir, dass du das nicht lesen wirst. Das ist wichtig. Es ist die wichtigste Sache in meinem ganzen Leben. An den Midnight Games nimmt ein Mädchen teil. Sie heißt Livie. Sie gehört zum Team der Reaper. In diesem Team gibt es nur zwei Frauen, und sie ist die mit den langen, dunklen Haaren. Gib ihr diesen Zettel. Bitte.«

Ein Mädchen. Wegen eines Mädchens riskierte er es, Currans Zorn auf sich zu ziehen.

Oberflächlich betrachtet ergab das durchaus einen Sinn. Er war neunzehn Jahre alt und entsprechend vollgepumpt mit Hormonen. Doch andererseits war mir Derek nie als der Typ erschienen, der sich Hals über Kopf verlieben würde. Normalerweise war er nämlich ein Stoiker vor dem Herrn. Hinzu kam, dass er Curran über alles verehrte. Es musste mehr dahinterstecken. Doch leider imitierte Dereks Miene sehr überzeugend eine Granitmauer.

»Du wolltest die Eintrittskarten klauen, um einem Mädchen einen Zettel zuzustecken?«

»Ja.«

Ich kratzte mich am Kopf. »Ich weiß ganz genau, dass du in Schwierigkeiten steckst. Ich kann es förmlich riechen. Normalerweise kommt jetzt der Moment, wo ich dir schreckliche körperliche Schmerzen androhe und dir verspreche, auf deinem Grab zu tanzen, wenn du mir nicht alles verrätst, was du weißt. Es gibt da bloß ein kleines Problem.«

Derek grinste, und einen Moment lang stand da wieder in seiner ganzen Pracht der Wunderknabe vor mir. »Dass ich dir die Drohung nicht abnehme, mir jeden Knochen im Leib einzeln zu brechen?«

»Genau.«

Er lachte bellend auf.

»Sag mir, worum es hier geht. Was es auch ist – ich werde dir helfen.«

»Das kann ich nicht, Kate. Es ist etwas, das ich alleine hinkriegen muss. Gib ihr bitte bloß diesen Zettel, ja? Versprich es mir!«

Ich hätte ihn am liebsten gepackt und geschüttelt, bis die Geschichte aus ihm herausgepurzelt wäre. Doch die einzige Möglichkeit, in dieser Sache am Ball zu bleiben, bestand darin, brav den Zettel zu überbringen. »Versprochen.«

»Und schwörst du, dass du ihn nicht lesen wirst?«

Heiliger Strohsack! »Jetzt gib mir schon den verdammten Zettel. Ich hab dir doch schon versprochen, dass ich ihn nicht lesen werde.«

Er hielt mir den Zettel hin, und ich nahm ihn.

»Danke.« Ein leises, zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen. Dann ging er zwei Schritte rückwärts und lief wieder los. Und ehe ich mich versah, war er fort, in einer dunklen Gasse verschwunden.

Ich stand auf dem Parkplatz und hielt den Zettel in der Hand. Eine leichte Gänsehaut lief mir über den Rücken. Derek steckte in Schwierigkeiten. Ich wusste weder inwiefern noch wieso, hatte aber das deutliche Gefühl, dass es a) nicht gut stand und b) böse enden würde. Wenn ich auch nur ein Fünkchen gesunden Menschenverstand besessen hätte, hätte ich den Zettel auf der Stelle auseinandergefaltet und gelesen.

Ich seufzte, setzte mich in den Wagen und legte den Zettel ins Handschuhfach. Gesunder Menschenverstand war bei mir leider Mangelware. Ich hatte es versprochen, und ich würde mich daran halten.

Ich hatte Rückenschmerzen. Die Müdigkeit steckte mir mittlerweile in den Knochen. Ich wollte mich nur noch irgendwo hinlegen, die Augen schließen und die ganze Welt vergessen. Ich legte den Sicherheitsgurt an. Ich musste mehr über diese Midnight Games erfahren, und ich brauchte diese Informationen noch vor dem heutigen Abend. Am Vormittag würde ich zum Orden gehen und in den dortigen Akten nachsehen. Und außerdem würde ich mich bei der Polizei nach dem Bericht erkundigen. Nichts deutete darauf hin, dass der Tod des Gestaltwandlers und die Schwierigkeiten, in denen Derek steckte, irgendetwas miteinander zu tun hatten, aber ich würde mich besser fühlen, wenn ich diese Möglichkeit tatsächlich ausschließen konnte. Obwohl sich das Rudel um den Todesfall kümmerte. Und obwohl es nicht mein Fall war. Das scherte mich überhaupt nicht. Nicht die Bohne.

Ich saß in meinem Wagen, spürte, wie mich die Erschöpfung überkam, und dachte an Curran. Zwei Monate zuvor hatte ich den Herrn der Bestien bei mir zu Hause vorgefunden, wie er in einem Buch las. Wir hatten kurz miteinander geplaudert, ich hatte ihm Körperverletzungen angedroht, falls er nicht verschwände, und dann hatte er Anstalten gemacht, mich zu küssen. Stattdessen hatte er mir zugezwinkert, hatte »reingelegt« gemurmelt und war in der Nacht verschwunden.

Er hatte Kaffee für mich gekocht. Und ich hatte diesen Kaffee bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken.

Ich wusste nicht, ob er wiederkommen würde, doch falls er wiederkam, wollte ich vorbereitet sein. Ich hatte mir unsere nächste Begegnung ein Dutzend Mal ausgemalt. Ich hatte im Geiste lange Gespräche entworfen, voller bissiger Bemerkungen und schlagfertiger Entgegnungen.

Doch der Scheißkerl ließ sich nicht blicken.

Und je länger er sich nicht blicken ließ, desto sicherer wurde ich mir, dass er sich nie mehr blicken lassen würde. Die Sache lag doch auf der Hand: Es machte ihm Spaß, seine Spielchen mit mir zu treiben, und nachdem das erledigt war, war er zu neuen Ufern aufgebrochen. Mir war das nur recht so. Das war überhaupt die beste Lösung. Ich hatte noch ein, zwei Mal von ihm geträumt, aber davon mal abgesehen, war alles paletti.

Wohin auch immer dieser Derek-Faden mich führen würde, die Vorstellung, dass ich am anderen Ende auf Curran stoßen könnte, gefiel mir überhaupt nicht.

Es war immer gut, einen Schlachtplan zu haben. Ich ließ den Motor an. Punkt eins meines Schlachtplans: dem Herrn der Bestien aus dem Weg gehen. Punkt zwei: nicht am Steuer einschlafen.

Kapitel 3

Kate?«

Meine Reaktionszeit war erstklassig. Das war auch der Grund, weshalb ich, nachdem ich vom Stuhl hoch und auf den Schreibtisch gesprungen war, um dem Eindringling ein Messer in den Hals zu rammen, mit der Spitze der Klinge eine Handbreit vor Andreas Kehle innehielt. Sie war schließlich meine beste Freundin, und seiner besten Freundin den Hals aufzuschlitzen galt gemeinhin als grober Fauxpas.

Andrea starrte das schwarze Wurfmesser an. »Wow, nicht schlecht«, sagte sie. »Und was machst du für einen Dollar?«

Ich blickte finster.

»Furcht einflößend – aber einen Dollar würde ich dafür nicht ausgeben.« Und damit ließ sie sich auf meiner Schreibtischkante nieder. Klein, blond, tödlich: Andrea, vollgültige Ritterin des Ordens, hatte eines jener Brave-Mädchen-Gesichter, das den Leuten augenblicklich jede Befangenheit nahm und sie dazu brachte, ihr all ihren Kummer und all ihre Sorgen anzuvertrauen. Als ich einmal mit ihr shoppen war, behelligten sie binnen kurzer Zeit nicht weniger als drei wildfremde Leute mit ihrer kompletten Lebensgeschichte. Mir hingegen wollte nie jemand seine Lebensgeschichte erzählen. Vor mir wichen alle immer nur zurück und sagten Sachen wie: »Nehmen Sie, was Sie wollen – aber bitte gehen Sie!«

Andererseits: Wenn diese wildfremden Leute gewusst hätten, dass Andrea Dominosteinen auf zwanzig Meter Entfernung die Punkte wegschießen konnte, hätten sie ihr vermutlich ihren Seelenmüll eher nicht anvertraut.

Andrea beäugte die Akte auf meinem Schreibtisch. »Ich dachte, du hättest heute frei.«

»Habe ich auch.« Ich hüpfte wieder vom Tisch. Ich hatte mir drei Stunden Schlaf gegönnt, hatte mich dann ins Büro geschleppt, um ein paar Hintergründe über die Midnight Games zu erfahren, und war prompt am Schreibtisch eingepennt, mit dem Kopf auf der aufgeschlagenen Akte, und das trotz der Beinaheüberdosis Koffein, die ich intus hatte. Deshalb hatte ich auch nicht mitbekommen, dass Andrea in mein Büro gekommen war. Wenn man mich nicht erschreckte, ging ich eher selten aus dem Tiefschlaf von null auf hundert.

Ich rieb mir das Gesicht. Jemand hatte mir flüssiges Blei in den Schädel gekippt, während ich schlief, und das war nun erkaltet und kullerte polternd darin herum. »Ich suche Informationen über die Midnight Games.«

Die entsprechende Akte gab leider nicht viel her. Drei Seiten allgemeines Blabla und keinerlei Einzelheiten. Das bedeutete, dass es noch eine zweite Akte gab, eine dicke, fette, mit dem Stempel »GEHEIM« obendrauf, was sie für mich unerreichbar machte. Meine Sicherheitsfreigabestufe genügte bloß für die banalsten Dinge. Es war einer der seltenen Momente, da ich es bedauerte, keine richtige Ritterin zu sein. Diese geheime Akte zu ergattern war sogar noch einen Tick schwieriger, als in der Hölle der Christen ein Eis am Stiel zu schlecken.

»Darüber weiß ich nicht allzu viel«, sagte Andrea. »Aber einer meiner Ausbilder hat da mitgemacht, ehe diese Turniere verboten wurden. Ich könnte dir ein bisschen was erzählen darüber, wie es damals so lief. Beim Lunch.«

»Lunch?«

»Es ist Freitag.«

Ach ja. Andrea und ich gingen ja neuerdings freitags immer zusammen mittagessen. Meist fing sie mich im Büro ab und ließ mir keine andere Wahl. Andreas Meinung nach war mittagessen gehen etwas, das Freunde miteinander taten. Ich war immer noch dabei, mich an den Gedanken zu gewöhnen, überhaupt Freunde zu haben. Das war ein Luxus, der mir einen Großteil meines Lebens über verwehrt gewesen war. Freunde boten einem Schutz und Rückendeckung, machten einen aber auch verwundbar, sobald man etwas zurückgeben wollte.

Andrea und ich hatten während des Flairs eng zusammengearbeitet. Ich hatte ihr das Leben gerettet, und sie hatte meinem Schützling Julie das Leben gerettet: vor dem Flair ein Straßenkind, dessen Mutter verschwunden war, und nun, nach dem Flair, endgültig eine Waise, die dafür aber die verrückte Tante Kate hinzugewonnen hatte. Ich hatte erwartet, dass sich Andrea und ich nach dem Flair allmählich wieder auseinanderleben würden, doch Andrea hatte andere Pläne. Sie wurde meine beste Freundin.

Mein Magen knurrte und erinnerte mich daran, dass ich einen Bärenhunger hatte. Essen und Schlaf –