Stadt der Finsternis - Ruf der Toten - Ilona Andrews - E-Book

Stadt der Finsternis - Ruf der Toten E-Book

Ilona Andrews

4,8
11,99 €

Beschreibung

Söldnerin Kate Daniels ist aus dem Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe ausgetreten, um sich selbstständig zu machen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn der Orden lässt keine Gelegenheit aus, um ihren Namen in Verruf zu bringen. Als der oberste Nekromant von Atlanta Kate um ihre Hilfe bittet, ist sie deshalb froh über den Auftrag. Doch der Job erweist sich als weitaus gefährlicher, als es zunächst den Anschein hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 563




Inhalt

Titel

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Danksagung

Impressum

Ilona Andrews

STADT DER FINSTERNIS

RUF DER TOTEN

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Bernhard Kempen

Für Helen Kirk

Zum Dank, weil du unsere Bücher liest

Prolog

Das Klingeln des Telefons riss mich aus dem Schlaf. Ich zwängte meine Augenlider auseinander und rollte mich vom Bett. Aus irgendeinem Grund hatte jemand den Boden etwa einen Meter tiefer gelegt, als ich erwartet hatte, sodass ich krachend auf die Nase fiel.

Aua!

Ein blonder Kopf tauchte über der Bettkante auf, und eine vertraute männliche Stimme fragte: »Alles in Ordnung mit dir da unten?«

Curran. Der Herr der Bestien war in meinem Bett. Nein, Moment. Ich hatte gar kein Bett, weil meine wahnsinnige Tante meine Wohnung verwüstet hatte. Ich war die Partnerin des Herrn der Bestien, was bedeutete, dass ich mich in der Festung befand, genauer gesagt, in Currans Gemächern, in seinem Bett. Unserem Bett. Das etwa anderthalb Meter hoch war. Richtig.

»Kate?«

»Mir geht’s gut.«

»Möchtest du, dass ich für dich eine Kinderrutsche einbauen lasse?«

Ich zeigte ihm meinen Mittelfinger und nahm das Telefon. »Ja?«

»Guten Morgen, Gemahlin«, sagte eine weibliche Stimme.

Gemahlin? Das war neu. Normalerweise nannten die Gestaltwandler mich Alpha oder Lady und gelegentlich Partnerin. Als Partnerin bezeichnet zu werden rangierte auf meiner Liste der Dinge, die ich hasste, irgendwo zwischen sauer gewordener Milch und einer Wurzelbehandlung. Deshalb hatten die meisten Leute inzwischen kapiert, dass sie diesen Begriff besser vermieden.

»Ich habe den stellvertretenden Direktor Parker in der Leitung. Er sagt, es sei dringend.«

Es ging um Julie. »Stell ihn durch.«

Julie war mein Mündel. Vor neun Monaten »engagierte« sie mich für die Suche nach ihrer verschwundenen Mutter. Stattdessen fanden wir die Leiche ihrer Mutter, gefressen von keltischen Meeresdämonen, die beschlossen hatten, mitten in Atlanta aufzutauchen und einen Möchtegerngott wiederauferstehen zu lassen. Die Sache lief nicht besonders gut für die Dämonen. Auch nicht für Julie, sodass ich sie adoptierte, genauso wie Greg, mein inzwischen verstorbener Vormund, vor einigen Jahren mich unter seine Fittiche genommen hatte, nachdem mein Vater von uns gegangen war.

In meiner Umgebung kamen immer wieder Menschen zu Tode, meistens auf schreckliche und blutige Weise. Also hatte ich Julie auf das beste Internat geschickt, das ich finden konnte. Das Problem war nur, dass Julie die Schule mit der glühenden Leidenschaft von tausend Sonnen hasste. In den vergangenen sechs Monaten war sie dreimal abgehauen. Als der stellvertretende Direktor Parker das letzte Mal angerufen hatte, war Julie im Umkleideraum von einem Mädchen vorgeworfen worden, während der zwei Jahre, die sie auf der Straße gelebt hatte, eine Hure gewesen zu sein. Daran hatte mein Pflegekind Anstoß genommen und beschlossen, seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, indem es den Kopf der Verleumderin mit einem Stuhl bearbeitete. Ich hatte ihr geraten, das nächste Mal auf die Magengegend zu zielen, weil man da weniger Spuren hinterließ.

Wenn Parker anrief, steckte Julie in Schwierigkeiten, und wenn er um sechs Uhr morgens anrief, konnte es sich nur um ausgewachsene Schwierigkeiten handeln. Julie machte nur selten halbe Sachen.

Das Zimmer lag im Dunkeln. Wir befanden uns im obersten Stockwerk der Festung. Links von mir bot ein Fenster einen Ausblick auf das Land des Rudels. Ein endloser schwarzer Himmel, noch völlig unberührt von der Dämmerung, und darunter nachtdunkler Wald. In der Ferne verunzierte die halb in Trümmern liegende Stadt den Horizont. Die Magie war in vollem Schwange – wir hatten Glück, dass die Telefonverbindungen nicht lahmgelegt waren –, die industriellen Feenlampen glommen wie winzige blaue Sterne zwischen den zerbröckelnden Gebäuden. Ein Wehrzauber schützte das Fenster, und wenn das Mondlicht im richtigen Winkel darauf fiel, schimmerte die Landschaft in blassem Silber, als würde man sie durch eine Gardine betrachten.

Die weibliche Stimme meldete sich zurück. »Gemahlin?«

»Ja?«

»Er hält mich in der Warteschleife.«

»Habe ich das richtig verstanden? Er ruft an, weil es dringend ist, und lässt dich dann warten?«

»Ja.«

Blödmann.

»Soll ich auflegen?«, fragte sie.

»Nein, schon gut. Ich warte.«

Der Pulsschlag der Welt setzte für einen Moment aus. Das Wehr am Fenster verschwand. Etwas summte in der Wand, und die elektrische Stehlampe links von mir erwachte flackernd zum Leben, um den Nachttisch in einen warmen gelben Schein zu tauchen. Ich schaltete sie aus.

In der Ferne erloschen die blauen Sterne der Feenlampen. Einen Atemzug lang war die Stadt dunkel. Zwischen den Ruinen leuchtete weiß ein heller Blitz auf und erblühte zu einer Explosion aus Licht und Feuer. Kurz darauf rollte ein Donnerschlag durch die Nacht. Wahrscheinlich ein Transformator, der nach dem Rückzug der Magie in die Luft geflogen war. Ein schwacher rötlicher Schein lag über dem Horizont. Man hätte meinen können, es sei der Sonnenaufgang, aber soweit mir bekannt war, ging die Sonne im Westen und nicht im Südwesten auf. Ich betrachtete blinzelnd das rote Licht. Ja, Atlanta brannte. Wieder einmal.

Die Magie verflüchtigte sich aus der Welt, und die Technik hatte wieder die Oberhand. Man bezeichnete es als Nachwende-Resonanz. Die Magie kam und ging nach Belieben, um die Welt wie ein Tsunami zu überfluten, bizarre Monstren in die Realität zu schwemmen, Maschinen und Feuerwaffen unbrauchbar zu machen, an Hochhäusern zu nagen und schließlich ohne Vorwarnung wieder zu verschwinden. Niemand wusste, wann sie zuschlug oder wie lange eine Welle anhalten würde. Irgendwann würde die Magie diesen Krieg gewinnen, aber vorläufig lieferte die Technik ihr einen erbitterten Kampf, und wir steckten mitten im Chaos und bemühten uns, eine großteils in Trümmern liegende Welt nach neuen Regeln wiederaufzubauen.

Im Telefon klickte es, und Parkers Bariton drang mir ins Ohr. »Guten Morgen, Mrs Daniels. Ich rufe an, um Sie darüber zu informieren, dass Julie das Gelände unseres Internats verlassen hat.«

Nicht schon wieder.

Currans Arme legten sich um mich und drückten mich an seinen Körper. Ich lehnte mich zurück. »Wie?«

»Sie hat sich selbst versandt.«

»Wie bitte?«

Parker räusperte sich. »Wie Ihnen bekannt ist, sind alle unsere Schüler verpflichtet, pro Tag zwei Stunden Schuldienst abzuleisten. Julie hat in der Postabteilung gearbeitet. Wir hielten das für eine gute Wahl, weil sie dort nahezu ständig unter Aufsicht war und keine Gelegenheit hatte, das Gebäude zu verlassen. Anscheinend besorgte sie sich eine große Kiste, fälschte einen Adressaufkleber und ließ sich dann in der Kiste versenden.«

Curran gluckste mir ins Ohr.

Ich drehte mich um und schlug ein paarmal mit dem Kopf gegen seinen Brustkorb. Er war die am leichtesten erreichbare harte Fläche.

»Wir haben die Kiste in der Nähe der Ley-Linie gefunden.«

Wenigstens war sie schlau genug gewesen, aus der Kiste zu steigen, bevor sie in die magische Strömung befördert wurde. Andernfalls wäre sie womöglich nach Kap Hoorn verschifft worden.

»Sie wird hierherkommen«, sagte ich. »In ein paar Tagen bringe ich sie zurück.«

Parker sprach seine nächsten Worte sehr deutlich aus. »Das wird nicht nötig sein.«

»Nicht nötig? Wie meinen Sie das?«

Er seufzte. »Mrs Daniels. Wir sind Lehrkräfte und keine Gefängniswärter. Im vergangenen Schuljahr ist Julie dreimal ausgerissen. Sie ist ein sehr intelligentes, äußerst erfindungsreiches Kind, und es ist leider nur zu offensichtlich, dass sie nicht hier sein möchte. Wir müssten sie an die Wand ketten, um sie hier zu halten, und ich bin mir nicht einmal sicher, dass wir es damit schaffen würden. Ich habe nach ihrer letzten Eskapade mit ihr gesprochen, und meiner Meinung nach wird sie immer wieder verschwinden. Sie möchte nicht zu dieser Schule gehören. Um sie gegen ihren Willen hier festzuhalten, wäre ein immenser Aufwand von unserer Seite nötig, und wir können es uns nicht leisten, für mögliche Verletzungen haftbar gemacht zu werden, die Julie sich bei diesen Fluchtversuchen möglicherweise zuzieht. Wir werden Ihnen das Schulgeld anteilig zurückerstatten. Es tut mir sehr leid.«

Hätte ich ihn durch das Telefon packen können, hätte ich ihn erwürgt. Würde ich jedoch tatsächlich über eine solche Fähigkeit verfügen, hätte ich stattdessen Julie von wo auch immer in dieses Zimmer holen können. Sie würde mich anflehen, in diese verdammte Schule zurückkehren zu dürfen …

Parker räusperte sich erneut. »Ich habe hier eine Liste mit alternativen Erziehungseinrichtungen, die ich Ihnen empfehlen …«

»Das wird nicht nötig sein.« Ich legte auf. Ich hatte bereits eine Liste mit alternativen Erziehungseinrichtungen. Ich hatte sie nach Julies erster Flucht zusammengestellt, und Julie kam für keine mehr infrage.

Auf Currans Gesicht stand ein breites Grinsen.

»Das ist nicht witzig.«

»Das ist sehr witzig. Außerdem ist es viel besser so.«

Ich riss meine Jeans vom Stuhl und zog sie an. »Mein Kind ist von der Schule geflogen. Was zum Henker soll daran besser sein?«

»Wohin gehst du?«

»Ich werde Julie suchen und ihr den Hintern versohlen, bis sie vergisst, wie die Sonne aussieht. Und dann statte ich diesem Internat einen Besuch ab und reiße den Leuten dort die Beine aus.«

Curran lachte.

»Das ist nicht witzig.«

»Aber es ist wirklich nicht ihre Schuld. Sie haben versucht, ihr zu helfen, und waren sehr nachsichtig mit ihr. Sie hasst diese verdammte Schule. Du hättest sie gar nicht erst dort anmelden sollen.«

»Oh, vielen Dank, Euer Pelzigkeit, für diese Kritik an meinen elterlichen Entscheidungen.«

»Das ist keine Kritik, sondern eine Tatsachenfeststellung. Weißt du, wo sich deine Julie gerade befindet? Nein. Du weißt nur, wo sie nicht ist. Sie ist nicht in der Schule, und sie ist nicht hier.«

Die Sache mit dem Glashaus und den Steinen. »Ich erinnere mich, dass du fast eine Woche lang nicht wusstest, wo dein Sicherheitschef und seine komplette Truppe waren.« Ich zog mir den Rollkragenpullover über.

»Ich wusste genau, wo sie waren. Sie waren bei dir. Ich hätte dieses Problem aus der Welt schaffen können, aber irgendeine Möchtegernwettkämpferin hat ihre Nase in meine Angelegenheiten gesteckt und aus einem Fehler eine Katastrophe gemacht.«

Ich nahm mein Schwert an mich. »Nein, ich habe die Lage gerettet. Du willst es nur nicht zugeben.«

Curran beugte sich vor. »Kate.«

Als ich meinen Namen aus seinem Mund hörte, hielt ich in der Bewegung inne. Ich wusste nicht, wie er das machte, aber jedes Mal, wenn er meinen Namen aussprach, hatte er sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Als hätte er mich gepackt, um mich zu küssen.

Curran rieb meine Schultern. »Leg das Schwert für einen Moment weg.«

Gut. Ich legte Slayer auf den Nachttisch zurück und verschränkte die Arme.

»Hör mir zu. Wo ist das Problem, wenn Julie hier wohnt? Bei uns? Sie hat hier bereits ein Zimmer. Sie hat eine Freundin – Doolittles Großnichte mag sie sehr.«

»Maddie.«

»Ja, Maddie. Das Rudel besteht aus fünfzehnhundert Gestaltwandlern. Ein missratenes Kind mehr oder weniger wird da kaum stören.«

»Darum geht es nicht.«

»Worum geht es dann?«

»Wo ich bin, sterben die Leute, Curran. Sie fallen reihenweise tot um. Mein Lebensweg ist eine Spur aus Leichen. Meine Mutter ist tot, mein Stiefvater ist tot, mein Vormund ist tot, meine Tante ist tot – sie ist von meiner Hand gestorben –, und wenn mein richtiger Vater mich findet, wird er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich ins Gras beißen zu lassen. Ich will nicht, dass Julie von einem Gewaltkonflikt in den nächsten stolpert und sich ständig Sorgen machen muss, ob Leute, die ihr etwas bedeuten, dabei umkommen. Wir beide, du und ich, werden niemals ein normales Leben führen, aber wenn sie in dieser Schule bleiben würde, könnte sie eins haben.«

Curran zuckte mit den Schultern. »Die einzigen Menschen, die ein normales Leben führen können, sind diejenigen, die von der ganzen Scheiße nicht berührt werden, die um sie herum geschieht. Julie will keine Normalität. Wahrscheinlich kommt sie damit gar nicht klar. Sie wird von der Schule abhauen und genau ins Feuer rennen, um sich zu beweisen, dass sie die Hitze aushält. Es wird so oder so passieren. Wenn du sie von allem fernhältst, erreichst du damit nur, dass sie völlig unvorbereitet ist, wenn sie ganz allein in Schwierigkeiten gerät.«

Ich lehnte mich gegen den Nachttisch. »Ich will doch nur, dass sie in Sicherheit ist. Ich will nicht, dass ihr etwas Schlimmes zustößt.«

Curran zog mich an sich. »Hier bei uns wäre sie in Sicherheit. Sie könnte auf eine unserer Schulen gehen, oder wir bringen sie zu einer irgendwo in der Stadt. Sie ist dein Kind, aber nachdem wir jetzt Partner sind, ist sie auch meins, was sie automatisch zu einem Mündel des Herrn der Bestien und seiner Partnerin macht. Glaub mir, niemand möchte uns beiden Ärger machen. Außerdem haben wir jederzeit dreihundert Gestaltwandler in der Festung, und jeder Einzelne von ihnen wird jeden töten, der ihr Leben bedroht. Mehr Sicherheit ist kaum möglich.«

Damit hatte er nicht ganz unrecht. Als ich noch in einer schäbigen Wohnung mit kaputter Heizung lebte, hatte ich Julie nicht bei mir aufnehmen können. Es hatte immer wieder Angriffe auf mein Heim gegeben, wenn ich bei meinen Ermittlungen eine Spur gefunden hatte. Damals hatte ich für den Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe gearbeitet, was jede Minute meiner Zeit beansprucht hatte. Julie wäre fast den ganzen Tag lang allein gewesen, ohne dass ich mich um sie hätte kümmern und dafür sorgen können, dass sie genug zu essen hatte. Jetzt war alles anders. Jetzt konnte Julie hier in der Festung wohnen, zusammen mit tausend gemeingefährlichen Verrückten, denen Zähne groß wie Schnappmesser wuchsen und die auf Drohungen mit rasender Mordlust reagierten.

Irgendwie fühlte ich mich bei dieser Vorstellung kein Stück besser.

»Du wirst sie so oder so ausbilden müssen«, sagte Curran. »Wenn du willst, dass sie sich selbst behaupten kann.«

Er hatte recht. Ich wusste, dass er recht hatte, aber es gefiel mir immer noch nicht. »Bis Macon sind es etwa hundert Meilen?«

Er nickte. »Mehr oder weniger.«

»Sie wird sich von der Ley-Linie fernhalten und Wolfswurz bei sich tragen.«

»Warum?«, fragte Curran stirnrunzelnd.

»Als sie das letzte Mal ausgerissen ist, hat Derek sie an einem Ley-Punkt aufgelesen und in einem Jeep des Rudels hierher gebracht. Er hat unterwegs sogar angehalten, um ihr ein Brathähnchen und Eiskrem zu besorgen. Sie hatte eine Menge Spaß, also habe ich ihr gesagt, dass sie sich, falls sie diese Nummer noch einmal durchziehen sollte, von der Festung fernhalten soll. Entweder komme ich selber, oder ich schicke jemanden zu ihr, der sie postwendend zur Schule zurückbringt. Keine Besuche in der Festung, keine netten Stunden mit mir oder Derek, kein Tratsch mit Maddie, keine Stippvisite und keine zweihundert Dollar Taschengeld. Wenn sie nicht geschnappt werden möchte, sollte sie direkt nach Hause gehen.«

Curran grinste. »Sie ist ein willensstarkes Mädchen, das muss man ihr lassen.«

»Könntest du jemanden losschicken, der nach ihr sucht und sie im Auge behält, ohne sich zu zeigen?«

»Was bezweckst du damit?«

»Sie soll selber ihren Weg finden. Hundert Meilen quer durch die Wildnis. So dürfte sie ein paar Tage lang unterwegs sein.« Voron, mein Stiefvater, hatte mich als Kind mehrere Male in den Wald gebracht und nur mit einer Feldflasche und einem Messer ausgesetzt. Julie war anders als ich. Aber sie war ein schlaues Kind und kannte sich auf der Straße aus. Ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie es allein bis zur Festung schaffen würde. Aber ich wollte trotzdem auf Nummer sicher gehen.

»So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie bekommt ihre gerechte Strafe, weil sie ausgerissen ist, und wenn sie hier ist und wir sie aufnehmen, wird sie das Gefühl haben, dass sie es sich verdient hat.«

»Ich werde ein paar Wölfe losschicken. Sie werden sie finden und auf sie aufpassen.«

Ich küsste ihn auf die Lippen und nahm mein Schwert an mich. »Danke. Und sag ihnen, dass sie Julie auf keinen Fall mit Brathähnchen verwöhnen sollen, falls sie sie in ihre Obhut nehmen müssen.«

Curran schüttelte den Kopf. »Das kann ich dir nicht versprechen. Ich bin kein absoluter Mistkerl.«

Kapitel 1

Mein Büro befand sich in einem kleinen robusten Gebäude an der Jeremiah Street im Nordosten der Stadt. Die Jeremiah Street hieß früher North Arcadia Street, bis eines Tages ein Prediger aus dem Süden mitten auf die Kreuzung North Arcadia und Ponce de Leon trat und etwas von Höllenfeuer und Verdammnis zeterte. Er bezeichnete sich als den zweiten Jeremia und verlangte, dass die Passanten Buße taten und ihrer Götzenanbetung abschworen. Als die Menge ihn nicht weiter beachtete, ließ er einen Meteorschauer vom Himmel regnen und machte zwei Häuserblocks dem Erdboden gleich. Als ein Scharfschütze der Paranormal Activity Division ihn mit einer Armbrust niederstreckte, war die Straße eine rauchende Trümmerlandschaft. Danach musste das Viertel von Grund auf wiederaufgebaut werden, und man benannte die Straße nach dem Mann, der sie zerstört hatte. Diese Geschichte hatte irgendeine Moral, aber im Moment hatte ich keine Lust, genauer darüber nachzudenken.

Eigentlich gehörte die Jeremiah Street zu Decatur, doch inzwischen war sie nur noch ein Teil der riesigen Wucherung namens Atlanta. Hier war nicht so viel los wie auf der Ponce de Leon, aber die vielen kleinen Werkstätten und ein großer Autoschrottplatz lockten eine Menge Verkehr an, der an meinem Büro vorüberbrauste. Ich ließ meinen Jeep im Leerlauf auf der Straße stehen, stieg aus, schloss die Kette auf, mit der mein Parkplatz gesichert war, und stellte den Wagen dort ab.

Mein Büro musste früher einmal eine Wohnung gewesen sein. Die Seitentür am Parkplatz führte in eine kleine, aber immer noch funktionsfähige Küche, durch die man wiederum den großen Hauptraum erreichte, in dem mein Schreibtisch auf mich wartete. An der Rückwand gab es eine Holztreppe, über die man ins Dachgeschoss gelangte, das ich mir mit einer Liege eingerichtet hatte. Vom Hauptraum gingen mehrere kleine Zimmer ab. Darin lagerte ich meinen Kräutervorrat und meine Ausrüstung, die sich derzeit damit begnügten, Staub anzusammeln.

Ich stellte meine Tasche auf den Schreibtisch und rief den Anrufbeantworter ab. Von der Digitalanzeige starrte mir eine große rote Null entgegen. Keine Nachrichten. Schockierend.

Ich ging zur Fensterfront und zog die Rollläden hoch. Morgenlicht durchflutete den Raum, zerteilt von den dicken Metallstäben, die die Scheiben sicherten. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass potenzielle Klienten hereinspazierten, schloss ich die Tür auf. Es war eine große Tür, massiv und mit Stahl verstärkt. Wenn jemand mit einer Kanone darauf feuerte, konnte ich mir vorstellen, dass die Kanonenkugel einfach davon abprallte und über die Straße zurückrollte.

Ich kehrte in die Küche zurück, schaltete die Kaffeemaschine ein, ging wieder an den Schreibtisch und warf mich auf den Stuhl. Vor mir lag ein Stapel Rechnungen. Ich bedachte ihn mit einem bösen Blick, aber er weigerte sich, mit einem ängstlichen Quieken die Flucht zu ergreifen.

Ich seufzte, zückte ein Wurfmesser und öffnete die billigen braunen Briefumschläge. Die Stromrechnung. Die Wasserrechnung. Die Rechnung für die geladene Luft in den Feenlampen. Die Müllrechnung mit einer angehängten Drohung, meiner Person bleibende Schäden zuzufügen, falls ich die Rechnung nicht schleunigst bezahlte. Ein Umschlag von der Müllabfuhr mit meinem zurückgeschickten Scheck. Die Müllabfuhr bestand hartnäckig darauf, mich unter dem Namen »Donovan« zu führen, obwohl ich sie mehrfach auf diesen Irrtum hingewiesen hatte, und wenn ich meine Rechnung bezahlen wollte, fehlte ihnen meine Kontonummer. Obwohl ich die Kontonummer auf den verdammten Scheck geschrieben hatte.

Die gleiche Prozedur hatten wir schon zweimal hinter uns gebracht. Wenn ich ins Büro der Müllabfuhr spazierte und meinen Namen mit meinem Schwert in die Wand gravierte, würden die Leute es bestimmt schaffen, ihn beim nächsten Mal wieder falsch zu schreiben.

Ich lehnte mich zurück. Der Aufenthalt in meinem Büro machte mir schlechte Laune. Ich hatte noch nie ein eigenes Geschäft gehabt. Ich war für eine Söldnergilde tätig gewesen, die magische Gefahrensituationen beseitigte, das Geld einsteckte und keine Fragen stellte. Dann hatte ich für den Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe gearbeitet, der seine gewalttätige Unterstützung nur zu seinen Bedingungen gewährte. Der Orden und ich hatten die Zusammenarbeit beendet, und nun gehörte mir die Firma Cutting Edge Investigations. Die offizielle Geschäftseröffnung war vor einem Monat gewesen. Ich hatte einen guten Ruf und brauchbare Beziehungen. Ich hatte in einer Zeitung annonciert und auf der Straße Mundpropaganda gemacht, doch bislang hatte mich noch niemand engagiert, um irgendetwas zu tun.

Das trieb mich in den Wahnsinn. Ich war gezwungen gewesen, das Unternehmen vom Rudel finanzieren zu lassen, das sich bereit erklärt hatte, ein Jahr lang meine laufenden Kosten zu übernehmen. Ich hatte das Darlehen nicht bekommen, weil ich eine schlagkräftige und fähige Kämpferin war, und auch nicht, weil ich irgendwann den Status einer Freundin des Rudels erlangt hatte. Man gab mir das Geld, weil ich die Partnerin von Curran war, womit ich zum Alphaweibchen des Rudels geworden war. Bislang lief Cutting Edge genauso wie die kleinen Geschäfte, die reiche Männer für ihre Frauen eröffneten, damit sie etwas zu tun hatten. Aber ich wollte erfolgreich sein, verdammt noch mal! Ich wollte einen Gewinn erwirtschaften und auf meinen eigenen Beinen stehen. Wenn es so weiterging, wäre ich irgendwann gezwungen, auf der Straße herumzurennen und zu schreien: »Wir töten gegen Bezahlung!« Vielleicht würde sich dann jemand meiner erbarmen und mir etwas Kleingeld zuwerfen.

Das Telefon klingelte. Ich starrte es an. Schließlich wusste man nie. Vielleicht war es nur ein Trick.

Das Telefon klingelte erneut. Ich nahm ab. »Cutting Edge Investigations.«

»Kate.« Eine trockene Stimme, in der Dringlichkeit vibrierte.

Lange nichts von den Toten gehört.

»Hallo, Ghastek.« Was konnte Atlantas höchster Herr der Toten von mir wollen?

Wenn ein Opfer des Immortuus-Erregers starb, starb gleichzeitig sein Geist und sein Ich-Bewusstsein und nur eine körperliche Hülle blieb zurück, die superstark, superschnell, tödlich und ausschließlich von Mordlust beseelt war. Die Herren der Toten brachten eine solche Hülle unter ihre Kontrolle und lenkten sie wie ein ferngesteuertes Fahrzeug. Sie steuerten jede Zuckung des Vampirs, sahen mit seinen Augen, hörten mit seinen Ohren und sprachen mit seinem Mund. In den Händen eines fähigen Navigators wurde ein Vampir zu einer albtraumhaften Gestalt. Ghastek arbeitete genauso wie neunzig Prozent der Vampirnavigatoren für die Freien Menschen, auch als Volk bezeichnet, eine grausige Mischung aus Kult, Firma und Forschungseinrichtung. Ich hasste das Volk aus tiefstem Herzen, und ich hasste Roland, den Mann, der es anführte, noch viel mehr.

Bedauerlicherweise durften Bettler nicht wählerisch sein. Wenn Ghastek anrief, wollte er mich um einen Gefallen bitten, was bedeutete, dass er in meiner Schuld stehen würde. Wenn der beste Herr der Toten in dieser Stadt bei mir in der Kreide stand, konnte sich das bei meiner Arbeit als sehr nützlich erweisen. »Was kann ich für dich tun?«

»Ein unkontrollierter Vampir ist zu dir unterwegs.«

Verdammt! Ohne Navigator wurden die Blutsauger von einem unstillbaren, tödlichen Hunger getrieben. Ein unkontrollierter Vampir würde jeden massakrieren, der ihm in die Quere kam. Er konnte in einer halben Minute ein Dutzend Menschen töten.

»Was soll ich tun?«

»Ich bin knapp zwölf Meilen hinter ihr. Ich möchte, dass du sie aufhältst, bis ich in Reichweite bin.«

»Aus welcher Richtung?«

»Nordwest. Versuch bitte, ihr keinen Schaden zuzufügen, Kate. Sie ist wertvoll …«

Ich ließ das Telefon fallen und stürmte nach draußen, in die beinahe schmerzhaft kalte Luft. Menschen drängten sich auf der Straße – Arbeiter, Kunden, Passanten, die nach Hause eilten. Jede Menge Nahrung für einen Blutsauger. Ich füllte meine Lunge mit Kälte und schrie: »Vampir! Ein unkontrollierter Vampir! Lauft!«

Einen Sekundenbruchteil lang geschah gar nichts. Dann zerstreuten sich die Menschen wie Fische, die vor einem Hai flüchteten. Einen Atemzug später war ich allein.

Die Kette vor dem Parkplatz, die ich am Morgen aufgeschlossen hatte, lag neben dem Haus auf dem Boden, und das Vorhängeschloss war offen. Perfekt!

Zwei Sekunden bis zum Parkplatz.

Eine Sekunde, um das Vorhängeschloss aufzuheben.

Drei weitere Sekunden, um die Kette zu einem alten Baum zu schleppen.

Zu langsam. Ich schlang die Kette um den Baumstamm, machte einen Henkersknoten in das andere Ende und sicherte ihn mit dem Schloss.

Ich brauchte Blut, um den Vampir anzulocken. Unmengen von Blut.

Ein Ochsengespann kam um die Ecke. Ich rannte hinüber und zog ein Wurfmesser. Der Kutscher, ein älterer Latino, starrte mich an. Er griff nach einem Gewehr, das neben ihm auf dem Sitz lag.

»Runter! Unkontrollierter Vampir im Anmarsch!«

Er stieg hastig vom Wagen. Mit einem langen oberflächlichen Schnitt schlitzte ich die Schulter eines Ochsen auf und strich mit der Hand darüber. Meine Finger wurden in warmes, rotes Blut getaucht.

Der Ochse brüllte, wahnsinnig vor Schmerz, und stürmte los. Er zog das zweite Tier mit sich, hinter ihnen der polternde Wagen.

Ich hob die Kette mit dem Henkersknoten.

Eine ausgemergelte Gestalt sprang vom Dach. Muskeln wie Drahtseile bündelten sich unter der Haut, die so straff war, dass sich jede Sehne und jede Ader abzeichnete. Der Vampir landete auf allen vieren auf dem Pflaster, schlitterte zur Seite und wirbelte herum. Die langen Sichelkrallen kratzten über den Asphalt. Rubinrote Augen funkelten mich aus einem schrecklichen Gesicht an. Die schweren Kiefer waren aufgerissen und mit scharfen Fangzähnen besetzt, die knochenweiß im schwarzen Mund schimmerten.

Ich wedelte mit den Händen und ließ winzige Blutstropfen durch die Luft fliegen.

Der Vampir griff an.

Er flog geradezu mit übernatürlicher Geschwindigkeit über die Straße, genau auf mich zu, angelockt vom berauschenden Blutduft.

Ich wartete, während mein Herzschlag mit unmöglicher Lautstärke in meinen Ohren hallte. Einen zweiten Versuch gab es für mich nicht.

Der Vampir sprang und überwand die letzten paar Meter, die uns trennten. Er flog mit ausgestreckten Gliedmaßen, die Klauen zum tödlichen Hieb erhoben.

Ich warf ihm die Kettenschlaufe über den Kopf.

Sein Körper prallte gegen mich. Der Stoß riss mich von den Beinen. Ich stürzte zu Boden, rollte mich ab und richtete mich wieder auf. Der Vampir warf sich auf mich. Die Kette zog sich um den Hals des Untoten zusammen und schleuderte ihn auf das Pflaster. Der Blutsauger sprang auf und zerrte am Ende der Kette wie eine Wildkatze, die in die Schlinge eines Hundefängers geraten war.

Ich trat ein paar Schritte zurück und atmete einmal tief durch.

Der Vampir sprang immer wieder in meine Richtung. Der Baum wurde durchgerüttelt. Der Blutsauger zerrte an der Kette um seinen Hals und grub die Klauen in das untote Fleisch. Blut quoll unter der Kette hervor. Er würde entweder den Baum ausreißen oder sich selbst enthaupten.

Wieder sprang der Vampir auf mich zu, bis die straff gespannte Kette ihn zu Boden riss. Er rappelte sich auf und setzte sich. Intelligenz floss in die brennenden roten Augen. Die großen Kiefer öffneten sich, und aus dem Mund drang Ghasteks Stimme.

»Eine Kette?«

»Es war mir ein Vergnügen.« Es wurde auch Zeit, dass er in Erscheinung trat. »Ich habe einen Ochsen verletzt, um den Vampir zu ködern. Ihr solltet den Eigentümer entschädigen.« Der Mann lebte von seinen Ochsen. Er hatte es nicht verdient, darunter zu leiden, dass die Freien Menschen ihre Untoten nicht im Zaum halten konnten.

»Natürlich.«

Das wollte ich meinen. Ein Ochse kostete etwa einen Tausender. Ein Vampir, vor allem einer, der schon so alt wie dieser war, wurde mit etwa dem Dreißigfachen gehandelt.

Der Vampir hockte sich in den Schnee. »Wie hast du es geschafft, sie mit einer Kette zu fesseln?«

»Ich besitze erstaunliche Fähigkeiten.« Ich wäre gern irgendwo zusammengebrochen, aber es war keine gute Idee, vor Ghastek Schwäche zu zeigen. Genauso gut hätte ich einem tollwütigen Wolf ein Schweineschnitzel vor die Nase halten können. Mein Gesicht war glühend heiß, meine Hände eiskalt. Im Mund hatte ich einen bitteren Geschmack. Der Adrenalinrausch ließ allmählich nach.

»Was zum Henker ist passiert?«, fragte ich.

»Einer von Rowenas Gesellen ist in Ohnmacht gefallen«, sagte Ghastek. »Die Frau ist schwanger. So etwas kommt vor. Selbstverständlich wurde ihr inzwischen jegliche Navigation untersagt.«

Den Gesellen, die zu Herren der Toten ausgebildet wurden, war bewusst, dass ihr Vampir die Stadt in ein Schlachthaus verwandeln würde, wenn sie die Kontrolle über den Untoten verloren. Sie hatten Nerven wie Kampfpiloten der Vorwendezeit. Sie fielen nicht einfach in Ohnmacht. Das konnte noch nicht die ganze Geschichte sein, aber Ghasteks Tonfall ließ keinen Zweifel, dass er mir keine weiteren Informationen geben würde. Es sei denn, ich versuchte es mit einer Horde Anwälte und mittelalterlicher Folterausrüstung.

Auch gut. Je weniger ich mit dem Volk zu tun hatte, desto besser. »Hat er irgendwen getötet?«

»Es gab keine Opfer.«

Endlich ging mein Puls etwas runter.

Mehrere Blocks rechts von mir bog mit halsbrecherischem Tempo ein Humvee auf die Straße. Er war gepanzert und mit einer M240B auf dem Dach ausgestattet, einem mittelschweren Maschinengewehr. Eine Eingreiftruppe der Paranormal Activity Division. Die PAD – so ziemlich das Beste, was Atlanta aufzubieten hatte – beschäftigte sich vordringlich mit Problemen magischer Natur. Die Eingreiftruppe war ihre Entsprechung eines SWAT-Teams. Zuerst schossen sie und sahen sich später die blutigen Überreste an.

»Die Kavallerie«, sagte ich.

Der Vampir ahmte Ghasteks Gesichtsausdruck nach und zog eine Grimasse. »Natürlich. Die Haudegen haben sich in Schale geschmissen, um einen Vampir zu erledigen, und nun kommen sie gar nicht dazu, ihre große Kanone abzufeuern. Kate, würdest du bitte etwas näher treten? Damit sie nicht doch noch auf sie schießen.«

Wollte er mich verarschen? Trotzdem baute ich mich vor dem Vampir auf, um ihm Deckung zu geben. »Dafür bist du mir was schuldig.«

»Wohl wahr.« Der Blutsauger erhob sich und wedelte mit den Armen. »Kein Grund zur Besorgnis. Die Angelegenheit ist unter Kontrolle.«

Ein schwarzes SUV bog von links auf die Straße. Beide Fahrzeuge kamen mit quietschenden Reifen vor mir und dem Vampir zum Stehen. Der Humvee spuckte vier Polizisten in den blauen Schutzanzügen der Paranormal Activity Division aus.

Der größte der vier Männer richtete ein Gewehr auf den Vampir und knurrte: »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht? Sie haben die halbe Stadt in Todesgefahr gebracht!«

Die Tür des SUV schwang auf, und Ghastek trat heraus. Er war mager und ernst und trug einen tadellos sitzenden grauen Anzug mit kaum sichtbaren Nadelstreifen. Nach ihm verließen drei Mitglieder des Volkes das Fahrzeug: ein Mann, eine schlanke Brünette und eine rothaarige Frau, die kaum alt genug zu sein schien, um einen Anzug tragen zu können. Alle drei machten einen sehr gepflegten Eindruck und wären in einer Vorstandsetage nicht weiter aufgefallen.

»Es besteht kein Grund zu Übertreibungen.« Ghastek ging zum Vampir hinüber. »Es sind keine Todesfälle zu beklagen.«

»Erwarten Sie dafür ein Dankeschön?« Der große Polizist machte keine Anstalten, das Gewehr sinken zu lassen.

»Von ihr geht keinerlei Gefahr mehr aus«, sagte Ghastek. »Erlauben Sie mir, es Ihnen zu demonstrieren.« Der Vampir erhob sich und machte einen Knicks.

Sämtliche PAD-Leute wurden krebsrot vor Wut.

Ich trat den Rückzug zu meinem Büro an, bevor man sich wieder an meine Anwesenheit erinnerte und beschloss, mich ebenfalls für den Ärger verantwortlich zu machen.

»Sehen Sie? Ich habe die Untote vollständig unter meiner Kon…« Ghastek verdrehte plötzlich die Augen. Sein Unterkiefer fiel schlaff herunter. Etwa eine Sekunde lang stand er völlig reglos da, dann gaben seine Beine nach. Er schwankte und kippte dann in den schmutzigen Schnee.

In den Augen des Vampirs blitzte glühend rote Mordlust auf. Er öffnete den Mund und entblößte zwei sichelförmige weiße Zähne.

Die PAD eröffnete das Feuer.

Kapitel 2

Die Waffen dröhnten.

Die erste Kugel schlug in die Brust des Vampirs, durchdrang die trockenen Muskeln und traf Ghasteks Gesellen in die Schulter. Er wurde von der Wucht herumgerissen. Der stetige Hagel aus der M240B durchlöcherte den Vampir und zerfetzte die Wirbelsäule des Gesellen. Er wurde fast in zwei Hälften zerrissen. Blut spritzte.

Die Frauen gingen zu Boden.

Die Kugeln sprengten kleine Löcher ins Straßenpflaster. Eine Handspanne weiter rechts wäre Ghasteks Kopf wie eine Wassermelone unter einem Vorschlaghammer explodiert. Ich tauchte unter den Salven hindurch, packte Ghasteks Beine und zog ihn aus der Schusslinie in Richtung Büro.

Die Frauen krochen über das Pflaster zu mir.

Der Vampir fuhr herum, erzitterte unter dem Kugelhagel und sprang auf den gestürzten Mann. Er schlug die Klauen in seinen Rücken und warf Fleisch und Blut in die Luft.

Ich zog Ghasteks Körper über die Türschwelle und ließ ihn fallen. Hinter mir schrie eine Frau. Ich rannte zurück und sprang über die dunkelhaarige Frau, die sich gerade durch meine Tür schleppte. Auf der Straße drückte sich das rothaarige Mädchen gegen den Boden. Sie hielt sich den Oberschenkel, die Augen waren groß wie Untertassen. Blut färbte den Schnee mit schmerzhaft grellem Scharlachrot. Ein Beinschuss.

Sie war zu weit auf der Straße. Ich musste sie aus der Gefahrenzone bringen, bevor der Vampir sie ins Visier nahm oder die PAD wieder auf sie feuerte.

Ich warf mich zu Boden, kroch zu ihr, packte ihren Arm und zerrte mit aller Kraft. Sie schrie, aber gleichzeitig schob sie über den schmelzenden Schnee auf dem Asphalt einen Fuß auf mich zu. Ich robbte ein Stück zurück und zog noch einmal. Wieder ein Schrei, wieder ein Stück weiter.

Atmen, ziehen, robben.

Atmen, ziehen, robben.

Tür.

Ich schleifte sie hinein, schlug die Tür zu und verriegelte sie. Es war eine gute Tür, mit Metall verstärkt, mit einem zehn Zentimeter langen Riegel. Sie würde halten. Sie musste halten.

Um das verwundete Bein der Frau breitete sich ein großer roter Fleck. Ich ging in die Hocke und schnitt die Hose auf. Blut quoll aus dem zerfleischten Muskel. Im Bein klaffte ein großes Einschussloch. Knochensplitter schimmerten weiß in der feuchten roten Masse. Oberschenkelschlagader aufgerissen, große Stammvene aufgerissen, alles aufgerissen. Oberschenkelknochen zertrümmert.

Scheiße.

Wir brauchten eine Aderpresse.

»Du! Drück hier drauf!«

Das dunkelhaarige Mädchen starrte mich mit glasigen Augen an. Sie stand unter Schock. Kein intelligentes Leben vorhanden. Jede Sekunde zählte.

Ich packte die Hand der Rothaarigen und legte sie auf ihre Oberschenkelarterie. »Pressen, wenn du nicht verbluten willst.«

Sie stöhnte, aber sie presste.

Ich rannte zum Lagerraum, um meine Erste-Hilfe-Ausrüstung zu holen.

Eine Aderpresse war nur für den absoluten Notfall gedacht. Ich hatte ein CAT, wie es beim Militär verwendet wurde, aber ganz gleich, wie gut ein Combat Application Tourniquet war, wenn man es zu lange benutzte, riskierte man schwere Nervenschäden, den Verlust einer Gliedmaße und den Tod. Und wenn man es angelegt hatte, musste es dranbleiben. Wenn man es außerhalb einer Notfallambulanz abnahm, konnte man sehr schnell sterben.

Ich brauchte Hilfe, aber wenn ich die Sanitäter rief, würde sich nichts rühren. Das übliche Prozedere sah vor, dass die Umgebung abgeriegelt wurde, wenn ein Vampir außer Kontrolle geraten war. Die Ambulanz würde erst kommen, wenn die Polizisten den Sanitätern grünes Licht gaben. Ich war ganz allein mit der Aderpresse und dem Mädchen, das wahrscheinlich verbluten und sterben würde.

Ich ging neben ihr in die Knie und zog das CAT aus dem Beutel.

»Nein!« Die junge Frau versuchte vor mir zurückzuweichen. »Nein, ich würde mein Bein verlieren!«

»Du wirst viel Blut und dein Leben verlieren.«

»Nein, so schlimm ist es gar nicht! Es tut überhaupt nicht weh!«

Ich packte sie an den Schultern und zog sie hoch. Jetzt sah sie das blutige Loch in ihrem Schenkel. »Oh, Gott!«

»Wie heißt du?«

Sie schluchzte.

»Wie ist dein Name?«

»Emily.«

»Emily, dein Bein wurde schon fast amputiert. Wenn ich jetzt die Aderpresse anlege, wird die Blutung gestoppt, und du hast eine Überlebenschance. Wenn ich sie nicht anlege, wirst du in ein paar Minuten an Blutverlust sterben.«

Sie klammerte sich an mich und heulte an meiner Schulter. »Ich werde ein Krüppel sein.«

»Du wirst am Leben sein. Und mit magischer Unterstützung stehen die Chancen ziemlich gut, dein Bein zu retten. Du weißt doch, dass Heilmagier alle möglichen Verletzungen in Ordnung bringen können. Wir müssen dich nur am Leben halten, bis die nächste Magiewelle anrollt. Okay?«

Sie weinte nur. Große Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Okay, Emily?«

»Ja.«

»Gut.«

Ich schob das Band unter ihrem Bein hindurch, zog es durch die Schnalle, zog sie fest und drehte die kleine Winde, bis die Blutung aufhörte.

Vier Minuten später wurde endlich das Feuer eingestellt. Ghastek war immer noch bewusstlos. Sein Puls und sein Atem gingen gleichmäßig. Emily lag reglos da und wimmerte leise vor Schmerz. Ihr Bein steckte in der breiten Manschette der Aderpresse. Ihre Freundin hatte die Arme um den Oberkörper geschlungen, schaukelte vor und zurück und murmelte immer wieder: »Sie haben auf uns geschossen, sie haben auf uns geschossen.«

Super!

Das war das große Problem mit dem Volk: Die meisten von ihnen bekamen das wahre Geschehen nur durch die Augen des Vampirs mit, während sie in einem gut gesicherten Raum im Casino saßen, Kaffee tranken und gelegentlich eine Süßigkeit zu sich nahmen. Es war ein großer Unterschied, ob auf den Vampir geschossen wurde, den man navigierte, oder ob man in einen realen Kugelhagel geriet.

An der Tür ertönte ein lauter Knall. Eine männliche Stimme bellte: »Hier ist die Paranormale Eingreiftruppe von Atlanta! Öffnen Sie die Tür!«

Das dunkelhaarige Mädchen erstarrte und senkte die Stimme zu einem entsetzten Flüstern. »Öffne sie nicht.«

»Keine Sorge. Ich habe alles unter Kontrolle.« Mehr oder weniger.

Ich schob eine kleine Klappe zur Seite und öffnete ein fünf mal zehn Zentimeter großes Guckloch. Ein Schatten bewegte sich nach links. Der Polizist hatte sich gegen die Wand gedrückt, damit ich nicht durch die Öffnung auf ihn schießen konnte.

»Haben Sie den Vampir erledigt?«

»Haben wir. Öffnen Sie die Tür.«

»Warum?«

Kurze Pause. »Öffnen. Sie. Die. Tür.«

»Nein.« Sie waren immer noch im Kampfrausch, nachdem sie den Vampir getötet hatten. Niemand konnte sagen, was sie anstellten, wenn ich sie hereinließ.

»Was soll das heißen?«

Meine Antwort schien ihn zutiefst irritiert zu haben.

»Warum wollen Sie, dass ich die Tür öffne?«

»Damit wir uns den Mistkerl schnappen können, der mitten in der Stadt einen Vampir losgelassen hat.«

Wunderbar. »Sie haben soeben ein Mitglied des Volkes erschossen und ein weiteres verwundet, und nun verlangen Sie von mir, dass ich Ihnen die überlebenden Zeugen überlasse. Dazu kenne ich Sie nicht gut genug.«

Die PAD folgte im Großen und Ganzen dem Pfad der Tugend, aber es gab ein paar Dinge, die man einfach nicht machte. Man lieferte den Mörder eines Polizisten nicht an den Partner des Polizisten aus, und man lieferte keinen Nekromanten an die Eingreiftruppe der PAD aus. Diese Leute waren allesamt Freiwillige, und geistige Gesundheit gehörte nicht unbedingt zum Jobprofil. Wenn ich ihnen Ghastek und seine Kollegen überließ, bestand eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie es niemals bis zum Krankenhaus schafften. Die offizielle Begründung würde »unterwegs an ihren Verletzungen gestorben« lauten.

Der Kerl schnaufte. »Wie wäre es damit: Öffnen Sie die Tür, oder wir brechen sie mit Gewalt auf.«

»Dazu brauchen Sie einen Haussuchungsbefehl.«

»So etwas brauche ich nicht, wenn ich der Meinung bin, dass Sie in unmittelbarer Gefahr schweben. Charlie, was meinst du? Ist sie in Gefahr?«

»Oh, ich glaube, sie ist in verdammt großer Gefahr«, antwortete Charlie.

»Ist es nicht unsere Pflicht als Polizeiangehörige, sie aus besagter Gefahr zu retten?«

»Wir würden uns strafbar machen, wenn wir es nicht täten.«

Eine Person war tot, eine zweite lag keuchend in ihrem Blut. Wahrscheinlich ein guter Moment, um Witze zu reißen.

»Sie haben gehört, was Charlie gesagt hat. Entweder Sie öffnen die Tür, oder wir tun es.«

Ich zog mich ein kleines Stück vom Guckloch zurück. Wenn sie versuchten, sich Zugang zu verschaffen, könnte ich es vermutlich mit ihnen aufnehmen. Aber dann konnte ich auch jede Hoffnung auf eine weitere Zusammenarbeit mit der PAD fahren lassen.

»Halt!« Vor der Tür wurde eine vertraute weibliche Stimme hörbar. Das konnte nicht sein!

»Ma’am, treten Sie bitte zurück«, bellte der Polizist. »Sie stören einen Polizeieinsatz.«

»Ich bin eine Ritterin des Ordens. Mein Name ist Andrea Nash. Hier ist mein Ausweis.«

Andrea war meine beste Freundin. Ich hatte sie seit zwei Monaten nicht gesehen, seit meine Tante halb Atlanta in Schutt und Asche gelegt hatte. Nach dem Entscheidungskampf gegen Erra war Andrea untergetaucht. Etwa zwei Wochen später hatte ich einen Brief erhalten, in dem es hieß: »Kate, es tut mir leid wegen allem. Ich muss eine Weile fortgehen. Bitte, such nicht nach mir. Und mach dir keine Sorgen wegen Grendel. Ich werde gut auf ihn aufpassen. Danke, dass du meine Freundin bist.« Fünf Minuten später war ich auf dem Weg in die Stadt, um nach ihr zu suchen, mit Seiner Verdrießlichkeit, dem Herrn der Bestien, im Schlepptau. Wir fanden keinen einzigen Hinweis. Keine Spur von Andrea oder meinem Kampfpudel, der nach dem Chaos, das die Verwüstungsorgie meiner Tante angerichtet hatte, in Andreas Obhut gelandet war. Dann hatte ich Jim genervt, Sicherheitschef des Rudels und mein Kumpel aus unseren Tagen bei der Söldnergilde, bis er ein Team losschickte, das die Stadt durchkämmen sollte. Seine Leute kehrten mit leeren Händen zurück. Andrea Nash schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Anscheinend war sie noch am Leben. Sobald ich diese fürsorgliche Belagerung überstanden hatte, würde ich ihr einen kräftigen Schlag ins Gesicht verpassen.

Die Stimme des Polizisten nahm einen anderen Tonfall an. Ritter des Ordens sollte man unbedingt ernst nehmen. »Das ist sehr nett, Mrs Nash. Treten Sie bitte zurück, weil wir Sie ansonsten verhaften müssen. Von der Station aus können Sie den Orden anrufen, damit wir Sie gegen Kaution freilassen.«

»Schauen Sie bitte auf den Türsturz. Sehen Sie dort oben eine angenagelte Pfote aus Metall?«

»Was ist damit?«

»Dieses Unternehmen ist Eigentum des Rudels. Wenn Sie die Tür aufbrechen, wird man Sie vor ein Gericht zitieren, wo Sie dann erklären müssen, warum Sie hier ohne Haussuchungsbefehl eingedrungen sind, warum Sie Gäste des Rudels verhaftet und Eigentum des Rudels beschädigt haben.«

»Dazu sind wir befugt«, sagte der Polizist.

»Nein, sind Sie nicht. Weil ich nämlich als Zeugin aussagen werde, dass Sie keinen nachvollziehbaren Grund hatten, in dieses Gebäude einzudringen. Es sei denn, Sie beabsichtigen, mich zu töten, doch in diesem Fall sollten Sie Ihre letzten Gebete sprechen, weil ich jedem Mann in Ihrer Einheit eine Kugel durch den Kopf jagen werde, bevor Sie Gelegenheit erhalten, auch nur einen Schuss abzugeben.«

»Und kommen Sie nicht auf die Idee, dass sie vielleicht nur blufft«, fügte ich hinzu. »Ich habe gesehen, wie sie schießt. Was die Einschätzung ihrer Fähigkeiten betrifft, neigt sie eher zur Bescheidenheit.«

»Auf wessen Seite stehen Sie überhaupt?«, brummte der Polizist.

»Ich stehe auf der Seite der Dienenden und Schützenden«, sagte Andrea. »Ihr Trupp hat während des Angriffs einen Zivilisten getötet.«

»Die Tötung war gerechtfertigt«, sagte der Polizist. »Darüber werde ich nicht mit Ihnen diskutieren.«

Andreas Stimme klang wie vibrierender Stahl. »Ein Mann ist bereits tot. Und wenn ich nach den Blutspuren auf dem Pflaster gehe, befindet sich ein Schwerverletzter in diesem Gebäude. Jemand ist entweder in dieses Gebäude gekrochen oder wurde hineingeschleppt, und wahrscheinlich droht diese Person zu verbluten. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie können entweder den Sanitätern Zutritt gewähren, oder Sie lassen einen weiteren Zivilisten an seinen Verletzungen sterben, brechen in ein Büro des Rudels ein, gehen gewaltsam gegen die Gattin des Herrn der Bestien vor und erschießen eine Ritterin des Ordens. Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber ich verspreche Ihnen, falls Sie das hier tatsächlich überleben sollten, werden Sie in zwanzig Jahren, wenn Sie alt und gebrechlich sind, auf diesen Moment zurückblicken und sich wünschen, Sie hätten sich zwei Sekunden Zeit genommen, um sich zu überlegen, was Sie tun, weil dies nämlich der Moment in Ihrem Leben war, von dem an alles den Bach hinunterging.«

Wow! Genau auf die Zwölf.

Es folgte eine längere Pause. Sie dachten noch einmal darüber nach.

»Hören Sie, ich habe schon ein paarmal mit Ihnen zusammengearbeitet«, meldete ich mich zu Wort. »Rufen Sie Detective Michael Gray an. Er wird für mich bürgen. Wenn Sie die Sanitäter kommen lassen, werde ich die Tür öffnen. Keine Aufregung, keine Beschädigungen, alle sind glücklich, und niemand wird vor Gericht geschleift. Und wir brauchen sehr schnell einen Krankenwagen. Ich habe einem der Mädchen hier eine Aderpresse angelegt, und wenn wir uns nicht beeilen, wird sie an Blutverlust sterben.«

»Vorschlag«, sagte der Polizist. »Öffnen Sie die Tür, erlauben Sie uns, das Mädchen mitzunehmen, dann werden wir Gray anrufen.«

Für wie bescheuert hielt der mich? »Wenn ich die Tür öffne, werden Sie dieses Büro stürmen. Ich warte lieber, bis die Sanitäter eingetroffen sind.«

»Gut. Ich werde anrufen, aber Sie spielen mit dem Leben der Frau. Wenn sie stirbt, ist es Ihre Schuld, und ich werde Sie persönlich dafür verantwortlich machen.«

Ich schob die Metallklappe zu und kehrte zu den Frauen zurück. Das dunkelhaarige Mädchen starrte mich mit gehetztem Blick an. »Wirst du uns an sie ausliefern?«

»Wenn ich zwischen dem Leben deiner Freundin und deiner Freiheit entscheiden muss, ja. Vorläufig werden wir abwarten. Meine beste Freundin ist da draußen, und sie wird nicht zulassen, dass diese Jungs etwas Dummes tun.« Ich musterte die dunkelhaarige Frau. »Warum hat keine von euch beiden versucht, den Geist des Vampirs zu übernehmen, als Ghastek aus den Latschen kippte?«

»Ich habe es versucht. Aber da war nichts.«

»Wie meinst du das, da war nichts?« Der Geist eines Vampirs hörte nicht einfach so zu existieren auf.

Die dunkelhaarige Frau schüttelte den Kopf. »Da war nichts.«

»Sie hat recht«, sagte Emily. »Auch ich habe es versucht. Es war, als hätte ich plötzlich meine Navigationsfähigkeit verloren.« Sie erschauerte. »Mir ist kalt.«

Ich ging in den Lagerraum, nahm eine Decke vom Haken und hüllte sie darin ein.

Emilys Lippen waren blau angelaufen. »Werde ich sterben?«

»Nicht, wenn es nach mir geht.«

Kapitel 3

Die Minuten vergingen wie langsame, kalte Tropfen. Fünf. Sechs. Acht.

Ein lautes Pochen an der Tür. »Kate?« Es war Andreas Stimme.

»Ja?«

»Ich habe Sanitäter mitgebracht. Lass mich rein.«

Ich entriegelte die Tür und zog sie auf. Vier Sanitäter hasteten herein. Andrea folgte ihnen. Sie war klein und hatte blaue Augen, und aus irgendeinem Grund schimmerten die Spitzen ihres blonden Haars in kaltem Neonblau. Ein Gewehrlauf ragte über die Schulter ihrer Jacke empor. Wie ich sie kannte, trug sie unter der Jacke wahrscheinlich zwei SIG-Sauers, ein Kampfmesser und genügend Kugeln, um die Goldene Horde auszuschalten.

Normalerweise lief Andrea mit einer unbekümmerten Miene herum, die schon so manchen Fremden dazu veranlasst hatte, in ihrer Gegenwart sein Herz auszuschütten. Doch jetzt mussten sie nur einen Blick auf sie werfen, um unverzüglich die Straßenseite zu wechseln. Die Anspannung hatte ihr Gesicht zu einer starren Maske verhärtet, und sie bewegte sich wie ein Soldat auf feindlichem Territorium, als müsste sie jeden Moment damit rechnen, dass ihr Kugeln um die Ohren flogen.

Hinter ihr warteten zwei Polizisten in PAD-Uniformen an der Tür und bedachten mich mit ihren finstersten Polizistenblicken. Seltsamerweise verspürte ich keinerlei Bedürfnis, vor Angst zu zittern.

Andrea kam näher und sprach mit leiser Stimme. »Da lasse ich dich mal acht Wochen allein, und schon musst du dich mit der PAD anlegen.«

»Das ist einfach meine Natur«, erklärte ich.

Emily schrie.

»Entschuldige mich bitte.« Ich ging zu den Sanitätern hinüber, die Emily soeben auf eine Trage gehoben hatten.

Sie griff sofort nach meiner Hand.

»Alles wird gut«, sagte ich zu ihr. »Sie bringen dich ins Krankenhaus. Dort wird man sich um dich kümmern.«

Emily sagte nichts. Sie hielt nur meine Hand fest und ließ sie nicht los, bis man sie in den Krankenwagen verlud. Ghastek wurde auf seiner Trage im zweiten Fahrzeug verstaut. Dann kam die dunkelhaarige Frau heraus, in eine Decke gehüllt und mit zwei Sanitätern. Die Türen der Ambulanz wurden zugeschlagen, und die beiden Fahrzeuge machten sich unter lautem Sirenengeheul auf den Weg.

Als ich ins Büro zurückkehrte, war es leer, abgesehen von Andrea und einer Blutlache auf dem Boden. »Wo sind die Polizisten?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Abgerückt.«

Wir sahen uns gegenseitig an. Sie hatte mir den Arsch gerettet. Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass sie zwei Monate lang verschwunden war. Und jetzt stimmte etwas nicht.

»Verdammt, was ist los?« Andrea funkelte mich an. »Wie hast du es geschafft, dass drei Navigatoren in deinem Büro liegen und die PAD vor deiner Tür steht? Sie waren bereit, das Gebäude zu stürmen! Bist du völlig durchgedreht?«

»Selber verdammt! Wo bist du gewesen? Hast du vergessen, wie man ein Telefon benutzt?«

Andrea verschränkte die Arme. »Ich habe dir einen Brief geschrieben!«

»Du hast mir eine kurze Notiz geschrieben, bei der sich mir die Nackenhaare gesträubt haben.«

Das Telefon klingelte. Warum ausgerechnet jetzt? Ich ging zu meinem Schreibtisch und hob ab. »Ja?«

Currans Stimme erfüllte den Hörer. »Alles in Ordnung mit dir?«

Es war völlig absurd, aber als ich ihn hörte, ging es mir sogleich viel besser. »Ja.«

»Brauchst du Hilfe?«

Seine Stimme war völlig ruhig. Der Herr der Bestien war nur eine Haaresbreite davon entfernt, loszustürmen und mir zu Hilfe zu eilen.

»Nein, alles bestens.« Aus irgendeinem Grund verkrampften sich meine Eingeweide zu einem schmerzhaften Knoten. Ich wäre beinahe erschossen worden und hätte ihn vielleicht nie wiedergesehen. Das war eine neue und unliebsame Empfindung. Großartig. Nun wusste ich, was Besorgnis war. Wenn ich mir selber eine kräftige Ohrfeige verpasste, kam ich vielleicht wieder zu mir.

Ich musste mich zum Weitersprechen zwingen. Meine Worte klangen angestrengt. »Wer hat gepetzt?«

»Wir haben unsere Leute, die die Funkfrequenzen überwachen. Sie haben Jim vorgewarnt, dass unsere Sicherheit vielleicht die PAD-Zentrale stürmen und dich heraushauen muss. Ich habe es erfahren, als ich Jim gesehen habe, wie er leise vor sich hinkichernd durch den Korridor lief.«

Ich machte mir eine mentale Notiz, dass ich Jim einen Knuff verpassen würde, wenn ich ihn das nächste Mal sah. »Das fand er wohl ziemlich witzig, was?«

»Ich fand es kein bisschen witzig.«

Das konnte ich mir vorstellen. »Mehrere Leute waren in Lebensgefahr, und ich konnte sie retten. Ein Mädchen … Auf jeden Fall bin ich unverletzt. Ich werde zum Abendessen zu Hause sein.«

»Wie du meinst«, sagte er.

Mein Herz machte einen Hüpfer. Ich liebe dich auch.

Seine Stimme entspannte sich. »Bist du dir sicher, dass dein Märchenprinz nicht herbeieilen und dich retten muss?«

Der Knoten in meinem Bauch löste sich auf. Märchenprinz? »Aber klar. Hast du zufällig einen zur Hand?«

»Ach, ich glaube, ich könnte irgendwo einen auftreiben. So oft, wie ich dich retten muss …«

»Ich werde deinen Kopf mit Fußtritten malträtieren, sobald ich zu Hause bin.«

»Du könntest es versuchen. Wahrscheinlich tut dir ein wenig Sport ganz gut, wenn du dir den ganzen Tag lang im Büro den Arsch platt sitzt.«

»Weißt du was? Im Moment gehen mir deine Sprüche am Arsch vorbei.«

»Ganz, wie du wünschst, Baby.«

Jetzt war er es, der an meiner Kette zerrte. Ich knurrte ins Telefon.

»He, bevor du auflegst – ich habe Jackson und Martina losgeschickt, damit sie nach Julie suchen. Heute Abend dürften wir bereits mehr wissen.«

»Danke.«

Ich legte auf. Mich retten? Mistkerl. Meine Fußtritte würden so kräftig sein, dass er sie tatsächlich spürte.

»Wie ich feststelle, hat sich nichts verändert«, sagte Andrea grinsend. Doch das Lächeln wirkte um die Augen herum etwas spröde. »Genießt ihr immer noch eure Flitterwochen? Mit Regenbogen, Lebkuchenherzen und süßen Küssen?«

Ich verschränkte die Arme. »Wo ist mein Hund?«

»In meinem Wagen. Wahrscheinlich frisst er gerade die Polster.«

Wir beide betrachteten das Blut. Wenn wir Grendel hereinließen, würde er versuchen, daran zu lecken.

Ich ging ins Hinterzimmer und holte Lappen, Peroxid und einen Eimer. Andrea stellte ihr Gewehr ab und krempelte die Ärmel hoch.

Wir gingen in die Knie und machten uns daran, das Blut aufzuwischen.

»Mein Gott, das ist aber verdammt viel Blut.« Andrea verzog das Gesicht. »Glaubst du, dass das Mädchen überlebt?«

»Ich weiß es nicht. Sie wurde mehrmals von einer M240B getroffen. Ihr Bein war völlig hinüber.« Ich wrang den blutigen Lappen über dem Eimer aus.

»Wie ist das passiert?«, fragte sie.

Ich hätte sie am liebsten gepackt und geschüttelt, bis sie mir erzählte, wo sie sich die letzten beiden Monate herumgetrieben hatte. Aber wenigstens war sie jetzt da und redete mit mir. Früher oder später würde ich ihr die Geschichte entlocken können.

»Ghastek rief an. Er sagte, ein Vampir sei außer Kontrolle geraten und auf dem Weg zu mir. Ich ging raus und kettete ihn an einen Baum. Dann war Ghastek nahe genug, um ihn zu übernehmen. Als Nächstes tauchten seine Leute und der Eingreiftrupp der PAD mit der schweren Kanone auf. Es gab einen Wortwechsel, und Ghastek verlor das Bewusstsein.«

Andrea hielt inne, einen blutigen Lappen in den Händen. »Das verstehe ich nicht.«

»Er ist zusammengeklappt. Aus den Latschen gekippt. Wie eine Südstaatenschönheit nach ihrem ersten Kuss in Ohnmacht gefallen.«

»Das klingt unheimlich.«

»Er hat die Augen verdreht und ist zusammengebrochen, als hätte jemand ihn bewusstlos geschlagen.« Ich schüttete ein wenig klares Wasser auf die Bodendielen. »Dann leuchteten die Augen des Vampirs rot auf, und die PAD eröffnete das Feuer. Ghastek hatte drei seiner Leute mitgebracht. Der Mann war schon nach ein oder zwei Sekunden tot. Der Blutsauger stürzte sich sofort auf ihn.«

»Und dann?«

»Und dann habe ich Ghastek und die beiden Frauen ins Büro geschleift und die Tür verbarrikadiert. Den Rest kennst du.«

Andrea seufzte. »Es ist nicht gut, der PAD den Zutritt zu verweigern. So was mögen diese Leute nicht.«

»Erzähl mir etwas, das ich noch nicht weiß.« Zum Beispiel, wo sie in den letzten Wochen gewesen war. Vielleicht war sie in ein Nonnenkloster gegangen. Oder hatte sich der Französischen Fremdenlegion angeschlossen.

»Du hättest im Casino anrufen können. Man hätte sofort eine Horde Anwälte losgeschickt.« Andrea kippte Peroxid auf das feuchte Holz.

Ich richtete mich auf. »Die Eingreiftruppe besteht aus schießwütigen Idioten. Die waren immer noch high, weil sie einen Blutsauger erledigt hatten. Ich musste mir anhören, wie sie fünf Minuten lang Kugeln ins Straßenpflaster jagten. Das war der absolute Overkill. Eine Steigerung wäre höchstens die Chance gewesen, einen weiteren Vampir zu töten. Oder mehrere. Wenn ich im Casino angerufen hätte, hätte das Volk einen Vampir losgeschickt, ganz gleich, was ich gesagt hätte. Das ist ihr Standardprozedere. Die PAD hätte ihn erschossen, und das Volk hätte Vergeltung geübt. Die Sache wäre eskaliert. Aber ich wollte, dass sich alle beruhigen, damit Emily weiteratmen kann.«

»Hat Ghastek dir gesagt, warum ein außer Kontrolle geratener Vampir in der Gegend herumrennt?«

Ich verzog das Gesicht. »Nur irgendwas von einem schwangeren Mädchen, das in Ohnmacht gefallen ist.«

Andrea rümpfte die Nase – die typische verächtliche Geste eines Gestaltwandlers. »Ich wittere Bockmist.«

Sie hatte natürlich recht. Zwei Navigatoren, die zusammenklappten, während sie denselben Vampir zu steuern versuchten? Ghastek, der in Ohnmacht fiel? So etwas passierte einfach nicht.

Ich holte einen trockenen Lappen und wischte das Peroxid auf. Jetzt sah der Fleck nicht mehr allzu schlimm aus. Trotzdem – wenn etwas von Blut besudelt wurde, blieb der Fleck auf ewig zurück, selbst wenn man ihn gar nicht mehr sehen konnte. Mein Büro war mit Emilys Blut getauft worden. Juhu!

Ich warf den Lappen in den Eimer und sah Andrea an. »Ich hatte heute nicht meinen besten Tag.«

»Das habe ich gesehen.«

»Die PAD dürfte versuchen, mich aus dem Verkehr zu ziehen, das Volk wird nach einer Möglichkeit suchen, mir die Schuld an der Hinrichtung des Vampirs zu geben, damit ich eine Entschädigung zahle, und Curran hat erfahren, dass ich mein Leben aufs Spiel gesetzt habe, um einen Herrn der Toten zu retten, was bedeutet, dass ich beim heutigen Abendessen sehr viel erklären muss, weil Curran glaubt, dass ich zerbrechlich wie Porzellan bin. Wenn ich eine Kugel abbekommen und das Rudel erfahren hätte, dass die Partnerin des Herrn der Bestien, sein lieber Hase, verletzt worden wäre, weil das Volk Mist gebaut hat, wäre der Haufen in kollektive Raserei verfallen und hätte das Casino gestürmt.«

»Aha«, sagte Andrea. »Ich werde mal nicht weiter darauf eingehen, dass du dich selber soeben als ›Hase‹ bezeichnet hast. Gibt es auch eine Moral dieser Geschichte?«

»Die Moral lautet, dass meine Geduld erschöpft ist. Du wirst mir jetzt sagen, wo du warst, als du spurlos von der Bildfläche verschwunden warst. Sofort.«

Andrea hob den Kopf, als wollte sie mich zu einem Kinnhaken herausfordern. »Oder?«

Oder was eigentlich? »Oder ich werde dir einen Kinnhaken verpassen.«

Andrea erstarrte. Etwa eine Sekunde lang glaubte ich, sie würde zur Tür hinausstürmen. Doch dann seufzte sie stattdessen. »Kann ich vorher wenigstens einen Kaffee bekommen?«

*

Wir saßen in der Küche am alten, zerschrammten Tisch, und ich goss zwei Stunden alten, verbrannten Kaffee in unsere Becher.

Andrea starrte in ihre Tasse. »Ich war auf der Nordseite der Kluft, als deine Tante sich auf ihren großen Showdown vorbereitet hat. Ich war immer noch sauer wegen … verschiedener Sachen, und deswegen war ich etwas wirr im Kopf. Also suchte ich mir ein nettes Plätzchen auf einem Trümmerhaufen direkt an der Kante der Kluft und hielt mein Gewehr bereit. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich das für eine richtig gute Idee. Als deine Tante ihren grandiosen Auftritt hatte, versuchte ich, ihr ins Auge zu schießen. Dummerweise bewegte sie sich, und ich schoss daneben. Daraufhin entfachte sie einen Feuersturm. Das war der Moment, in dem mir meine Verwirrung bewusst wurde. Ich hatte nämlich keine Rückzugsstrategie. Sie grillte mich wie Rippchen auf einem Rost. Als man mich schließlich vom Trümmerhaufen kratzte, hatte ich auf vierzig Prozent meiner Körperoberfläche Verbrennungen dritten Grades. Der Schmerz war nicht auszuhalten. Also verlor ich das Bewusstsein. Offenbar habe ich mich auf dem Krankenhausbett in mein anderes Ich verwandelt.«

Scheiße. Lyc-V, das Gestaltwandler-Virus, klaute Teile der DNS des Wirts und schleppte sie zum nächsten Opfer mit. Die meiste Zeit war es tierische DNS, die von tierischen auf menschliche Wirte übertragen wurde. Das Ergebnis war ein Wertier, ein Mensch, der animalische Gestalt annahm. Gelegentlich kommt es zum umgekehrten Vorgang, und irgendein bedauernswertes Tier endet als Tierwer. Die meisten waren mitleiderregende Geschöpfe, verwirrt, geistig beeinträchtigt und nicht in der Lage, die Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu verstehen. Gesetze hatten für sie keine Bedeutung, was sie unberechenbar und gefährlich machte. Reguläre Gestaltwandler töteten sie, sobald sie auf ein solches Wesen trafen.

Doch keine Regel ohne Ausnahme, und Andreas Vater, ein Hyänenwer, war eine solche Ausnahme. Andrea hatte nur sehr wenige Erinnerungen an ihren Vater. Sie sagte einmal, er hätte die geistige Auffassungsgabe eines fünfjährigen Kindes gehabt. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich mit Andreas Mutter zu paaren, die eine Werhyäne war, oder eine Bouda, wie sich Werhyänen selbst lieber bezeichneten. Sein Blut machte Andrea zum Tierabkömmling, aber sie gab sich große Mühe, es zu verbergen. Sie trat dem Orden als Mensch bei, unterzog sich einer brutalen Prozedur, um die nötigen Tests zu bestehen, machte ihren Abschluss an der Akademie und wurde zu einer hervorragenden Ritterin. Sie arbeitete sich in Rekordzeit in der Hierarchie des Ordens nach oben, als ein Fall schiefging und sie nach Atlanta versetzt wurde.

Der Leiter des Ordenskapitels von Atlanta, Protektor Ted Moynohan, wusste, dass etwas mit Andrea nicht stimmte, aber er konnte nichts beweisen, sodass er sie für Hilfsdienste einspannte. Ted hatte nur wenig Verständnis für Gestaltwandler. Für ihn waren sie nicht einmal Menschen. Das war einer der Gründe gewesen, warum ich dort gekündigt hatte. Trotz allem bewahrte sich Andrea eine geradezu fanatische Loyalität gegenüber dem Orden. Für sie bedeutete der Orden Ehre und Pflicht und das Gefühl, einer höheren Sache zu dienen. Als sie sich im Krankenhausbett verwandelt hatte, war die Tür zu ihren Privatgemächern weit aufgerissen worden.

Andrea starrte unverwandt in die Tasse. Ihr Gesicht hatte einen angestrengten leeren Ausdruck, ihre Lippen waren zusammengekniffen, als würde sie einen schweren Felsblock einen Berg hinaufwälzen und es unbedingt bis zum Gipfel schaffen wollen.

»Die Sache mit deiner Tante lief nicht besonders gut. Ted hatte von überall Verstärkung angefordert. Zwölf Ritter starben, darunter auch zwei Meister der Waffen und ein Meister des Handwerks. Sieben weitere wurden schwer verletzt. Der Orden beraumte eine Anhörung an. Da meine Tarnung sowieso aufgeflogen war, dachte ich mir, es wäre eine gute Gelegenheit, den Standpunkt zu vertreten, dass auch jemand wie ich für den Orden von großem Nutzen sein kann.«

Allmählich ergab das alles einen Sinn. Sie war auf ihrem persönlichen Kreuzzug. Ich hätte es kommen sehen müssen. Wir hatten darüber gesprochen, kurz bevor ich den Orden verlassen hatte, und Andrea hatte versucht, mich zurückzuhalten. Sie wollte, dass ich blieb und mit ihr darum kämpfte, den Orden von innen heraus zu ändern und zu verbessern. Ich hatte ihr gesagt, dass ich das nicht könnte, selbst wenn ich es versuchen würde. Ich war keine Ritterin. Meine Meinung zählte nicht. Andrea dagegen war eine Ritterin und eine verdiente Veteranin. Sie sah darin ihre Chance, etwas zu bewegen.

Andrea nahm einen kleinen Schluck Kaffee und hustete. »Verdammt, Kate, ich weiß, dass du sauer auf mich bist, aber deswegen musst du mir doch kein Motoröl in den Kaffee tun!«

»Das war der müdeste Witz, den ich jemals von dir gehört habe. Hör auf mit der Verzögerungstaktik. Was ist passiert?«

Sie blickte auf, und ich hätte sie beinahe fassungslos angestarrt. Ihre Augen waren eingefallen und verbittert.