Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Stadt der Finsternis - Magisches Blut E-Book

Ilona Andrews  

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E-Book-Beschreibung Stadt der Finsternis - Magisches Blut - Ilona Andrews

Kate Daniels erhält den Auftrag, in einer blutigen Auseinandersetzung zu ermitteln, die in einer Bar zwischen den Gebieten der Gestaltwandler und der Nekromanten stattgefunden hat. Schon bald stößt sie auf einen neuen gefährlichen Gegner, der Atlanta unsicher macht -- ein uraltes Geschöpf, das einst an der Seite von Kates Vater gekämpft hat. Kann es Kate und Curran, dem Anführer der Gestaltwandler, gelingen, gegen diese finstere Bedrohung zu bestehen?

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E-Book-Leseprobe Stadt der Finsternis - Magisches Blut - Ilona Andrews

Inhalt

Titel

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Danksagung

Impressum

Ilona Andrews

MAGISCHES BLUT

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Bernhard Kempen

Für unsere Kinder Anastasia und Helen

Prolog

Ganz gleich, wie sorgfältig ich die Apfelscheiben zurechtdrückte, die obere Kruste des Kuchens sah jedes Mal so aus, als hätte ich versucht, darunter eine zerstückelte Leiche zu begraben. Meine Apfelkuchen waren hässlich, aber sie schmeckten gut. Meine jüngste Kreation kühlte soeben ab.

Ich sah mir das Festessen in der Küche an. Hirschsteaks, in Bier mariniert und leicht gewürzt, lagen in einer Pfanne bereit. Ich hatte sie mir bis zuletzt aufgespart, weil es höchstens zehn Minuten dauern würde, sie im Ofen zu grillen. Selbstgemachte Brötchen, die inzwischen kalt waren. Maiskolben, ebenfalls kalt. Backkartoffeln, auch schon ziemlich kalt. Ich hatte das Ganze, falls es noch nicht genug war, um ein paar gedünstete Champignons und einen Salat ergänzt. Die Butter auf den Pilzen war dabei, wieder in ihren festen Zustand überzugehen. Wenigstens war der Salat auch dazu gedacht, kalt serviert zu werden.

Ich nahm einen zerknüllten Zettel vom Tisch. Vor acht Wochen hatte Curran, der Herr der Bestien von Atlanta, der Herrscher über fünfzehnhundert Gestaltwandler und mein persönlicher Psychopath, in der Küche meines Apartments in Atlanta gesessen und auf diesem Zettel einen Speiseplan notiert. Ich hatte eine Wette gegen ihn verloren, und laut den Vereinbarungen schuldete ich ihm ein nackt serviertes Abendessen. Am Ende hatte er hinzugefügt, dass er sich damit begnügen würde, wenn ich nur BH und Höschen trug, da er schließlich keine totale Bestie war – eine Behauptung, über die sich streiten ließ.

Er hatte ein Datum vorgegeben, den 15. November, und das war heute. Ich wusste es ganz genau, weil ich mich bereits dreimal anhand des Kalenders vergewissert hatte. Ich hatte ihn vor drei Wochen in der Festung angerufen und den Ort und die Uhrzeit vereinbart – in meinem Haus in der Nähe von Savannah um 17 Uhr. Inzwischen war es halb neun.

Er hatte gesagt, dass er es gar nicht abwarten konnte.

Ich checkte noch einmal die Mahlzeit. Alles okay. Meine schmeichelhafteste Garnitur aus BH und Höschen. Auch okay. Curran. Fehlanzeige. Ich fuhr mit dem Finger über die blasse Klinge meines Schwerts und spürte das kalte Metall auf der Haut. Wo blieb Ihre Majestät?

Hatte er kalte Füße bekommen? Mr Du-wirst-mit-mir-schlafen-und-vorher-bitte-und-nachher-danke-sagen.

Er war einem fliegenden Palast durch einen verzauberten Dschungel hinterhergejagt und hatte sich durch Dutzende von Rakshasa-Dämonen gekämpft, um mich zu retten. Für Gestaltwandler war eine Mahlzeit etwas ganz Besonderes. Nahrung war für sie nichts Selbstverständliches, und wenn man ein Abendessen für jemanden zubereitete, dem man romantische Gefühle entgegenbrachte, wurde aus einer simplen Mahlzeit schnell etwas ganz anderes. Wenn ein Gestaltwandler jemanden bekochte, wollte er der betreffenden Person entweder das Versprechen geben, sich um sie zu kümmern, oder ihr an die Wäsche gehen. Meistens beides. Curran hatte mich mit Suppe gefüttert, als ich halbtot gewesen war, und die Tatsache, dass ich sie gegessen hatte, auch wenn ich gar nicht gewusst hatte, was es bedeutete, hatte ihm maßloses Vergnügen bereitet. Also würde er sich dieses Abendessen auf gar keinen Fall entgehen lassen.

Irgendetwas musste ihn aufgehalten haben.

Ich nahm das Telefon in die Hand. Andererseits machte es ihm großen Spaß, mich zu verarschen. Es würde ihm ähnlich sehen, sich draußen im Gebüsch zu verstecken und zu beobachten, wie ich mich wand. Curran behandelte Frauen wie wunderbares Spielzeug: Er bewirtete sie und kümmerte sich um ihre Probleme, und nachdem sie völlig von ihm abhängig geworden waren, langweilten sie ihn nur noch. Vielleicht fand das, was ich zwischen uns beiden wahrgenommen hatte, nur in meinem Kopf statt. Ihm war klar geworden, dass er gewonnen hatte, worauf er das Interesse an mir verloren hatte. Wenn ich ihn jetzt anrief, verschaffte ich ihm dadurch nur die Gelegenheit, sich an meinem Unglück zu weiden.

Ich legte das Telefon zurück und widmete mich wieder der Betrachtung meines Apfelkuchens.

Wenn man in einem Wörterbuch unter dem Begriff »Kontrollfreak« nachschlug, bekam man eine perfekte Beschreibung von Currans Charakter. Er herrschte mit stählernen Klauen, und wenn er »Spring!« sagte, würde man es bitter bereuen, wenn man nicht sofort loshüpfte. Er machte mich wütend, und ich trieb ihn zur Weißglut. Selbst wenn er eigentlich gar nicht an mir interessiert war, würde er sich die Chance nicht entgehen lassen, mich zu sehen, wie ich ihm in Unterwäsche das Abendessen servierte. Dazu war sein Ego viel zu groß. Etwas musste geschehen sein.

Viertel vor neun. Curran war die erste und letzte Verteidigungslinie des Rudels. Beim ersten Anzeichen einer größeren Bedrohung stürmte er los und zerriss die Gegner in der Luft. Vielleicht war er verletzt worden.

Dieser Gedanke ließ mich schaudern. Es wäre schon eine verdammte Armee nötig, um Curran zur Strecke zu bringen. Von den fünfzehnhundert mordgierigen Wahnsinnigen unter seinem Kommando war er der zäheste und gefährlichste Mistkerl. Wenn etwas passiert war, konnte es nur etwas ganz Schlimmes sein. Er hätte angerufen, wenn er durch eine Banalität aufgehalten worden wäre.

Zehn vor neun.

Ich hob wieder den Telefonhörer ab, räusperte mich und wählte die Nummer der Festung, in der das Rudel am Stadtrand von Atlanta seinen Stützpunkt eingerichtet hatte. Schön professionell bleiben! Nur nicht jämmerlich wirken!

»Sie sind mit dem Rudel verbunden. Was wünschen Sie?«, hörte ich eine weibliche Stimme.

Immer freundlich, diese Gestaltwandler. »Hier spricht Ermittlerin Daniels. Könnte ich bitte mit Curran sprechen?«

»Im Moment nimmt er keine Anrufe entgegen. Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?«

»Ist er in der Festung?«

»Ja.«

Ein schwerer Felsbrocken materialisierte sich in meinem Brustkorb und erschwerte mir das Atmen.

»Ihre Nachricht?«, hakte die Gestaltwandlerin nach.

»Sagen Sie ihm nur, dass ich angerufen habe. Möglichst bald.«

»Ist es dringend?«

Scheiß drauf. »Ja. Ja, es ist dringend.«

»Einen Augenblick.«

Stille. Die Sekunden verrannen, immer langsamer, die Zeit dehnte sich …

»Er sagt, dass er derzeit viel zu sehr beschäftigt ist, um mit Ihnen reden zu können. Halten Sie sich in Zukunft bitte an den korrekten Dienstweg und wenden Sie sich mit Ihren Sorgen an Jim, unseren Sicherheitschef. Seine Nummer ist …«

Ich hörte meine eigene Stimme, die seltsam matt klang. »Ich habe seine Nummer. Danke.«

»Keine Ursache.«

Ich legte den Hörer sehr vorsichtig auf die Gabel zurück. Ich hatte ein leises Geräusch in den Ohren, und es löste in mir die absurde Vorstellung aus, dass sich winzige Haarrisse in meinem Herzen bildeten.

Er hatte mich versetzt.

Er hatte mich versetzt. Ich hatte eine üppige Mahlzeit für ihn gekocht. Ich hatte mindestens vier Stunden neben dem Telefon gesessen. Ich hatte Make-up aufgelegt, erst zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ich hatte Kondome gekauft. Nur für alle Fälle.

Ich liebe dich, Kate. Ich werde immer für dich da sein, Kate.

Du Mistkerl! Hast nicht mal den Mumm, mit mir zu sprechen!

Ich erhob mich vom Stuhl. Wenn er mich nach dem ganzen Ärger fallenlassen wollte, würde ich ihn zwingen, es mir ins Gesicht zu sagen.

Ich brauchte weniger als eine Minute, um mich anzuziehen und meine Handgelenkschoner mit Silbernadeln zu laden. Mein Schwert Slayer hatte einen ausreichend hohen Silberanteil, um selbst Curran verletzen zu können, und im Moment verspürte ich den starken Wunsch, ihm Schmerzen zuzufügen. In einem aus Zorn gewebten Dunstschleier durchsuchte ich das ganze Haus nach meinen Stiefeln und fand sie ausgerechnet im Bad. Im Wohnzimmer setzte ich mich auf den Boden, um sie anzuziehen. Ich stieg in den linken Stiefel, zwängte meine Ferse hinein und hielt dann inne.

Angenommen, ich würde tatsächlich zur Festung gehen. Was dann? Wenn er entschlossen war, mich nicht zu sehen, müsste ich mir einen Weg durch seine Leute säbeln, um zu ihm zu gelangen. Ganz gleich, wie sehr es mich schmerzte, das konnte ich unmöglich tun. Curran kannte mich gut genug, um das zu erkennen und gegen mich einzusetzen. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie ich stundenlang in der Eingangshalle der Festung hockte. Auf gar keinen Fall!

Und falls sich das Arschloch dazu herabließ, mich zu empfangen, was würde ich dann sagen? Wie kannst du es wagen, mich sitzen zu lassen, bevor unsere Beziehung überhaupt richtig begonnen hat! Ich war sechs Stunden lang unterwegs, um dir zu sagen, wie sehr ich dich hasse, weil du mir so viel bedeutet hast! Er würde mir ins Gesicht lachen, worauf ich ihn in Streifen schneiden und er mir das Genick brechen würde.

Ich zwang mich dazu, im Nebel meines Zorns die letzten Reste von Vernunft zusammenzukratzen. Ich arbeitete für den Orden der Ritter der mildtätigen Hilfe, der zusammen mit der Paranormal Activity Division oder PAD und der Military Supernatural Defense Unit oder MDSU die polizeiliche Eingreiftruppe gegen magische Gefährdungen jeglicher Art bildete. Ich war kein Ritter, aber eine Repräsentantin des Ordens. Doch viel schlimmer war, dass ich die einzige Repräsentantin des Ordens mit dem Status einer Freundin des Rudels war. Und das bedeutete, wenn ich mich in Probleme einmischte, die mit dem Rudel in Zusammenhang standen, würden die Gestaltwandler mich nicht sofort in Stücke reißen. Wenn das Rudel irgendwie in Konflikt mit dem Gesetz geriet, wandte man sich in der Regel an mich.

Die Gestaltwandler traten in zwei Geschmacksrichtungen auf: das Volk beziehungsweise die Freien Menschen des Kode, die den Virus Lyc-V, der in ihren Körpern rotierte, unter strikter Kontrolle hielten, und die Loups, die sich ihm hingaben. Loups begingen wahllos einen Mord nach dem anderen, bis jemand der Welt einen großen Gefallen erwies und ihren kannibalischen Grausamkeiten ein Ende setzte. Die PAD von Atlanta betrachtete jeden Gestaltwandler als Loup in Wartestellung, und das Rudel reagierte darauf, indem es die Paranoia und das Misstrauen gegenüber Außenstehenden in ungeahnte Höhen trieb. Das Verhältnis zu den Polizeibehörden war bestenfalls prekär und wurde nur durch die lange Zusammenarbeit mit dem Orden vor offener Feindseligkeit bewahrt. Wenn Curran und ich aneinandergerieten, wäre unser Konflikt nicht nur ein Kampf zwischen zwei Individuen, sondern ein Angriff des Herrn der Bestien auf eine Vertreterin des Ordens. Niemand würde glauben, dass ich so dumm sein konnte, einen solchen Kampf anzuzetteln.

Das Ansehen der Gestaltwandler würde schweren Schaden nehmen. Ich hatte nur wenige Freunde, aber den meisten wuchsen Fell und Klauen. Wenn ich meinem Zorn freien Lauf ließ, würde ich ihnen das Leben zur Hölle machen.

Einmal in meinem Leben musste ich verantwortungsvoll handeln.

Ich zog den Stiefel wieder aus und warf ihn quer durch das Zimmer. Er knallte gegen die Holzvertäfelung im Flur.

Seit Jahren hatten zuerst mein Vater und dann mein Vormund Greg mich gewarnt, mich vor zwischenmenschlichen Beziehungen zu hüten. Freunde und Liebhaber brachten einen nur in Schwierigkeiten. Mein Leben diente einem Zweck, und dieser Zweck – und mein Blut – ließen mir keinen Spielraum für etwas anderes. Ich hatte die Warnungen der beiden inzwischen Verstorbenen in den Wind geschlagen und meinen Schutzschild sinken lassen. Es wurde Zeit, damit aufzuhören und die Rechnung zu bezahlen.

Ich hatte ihm geglaubt. Er schien anders zu sein, mehr zu sein. Er hatte mir die Hoffnung auf Dinge zurückgegeben, von denen ich überzeugt gewesen war, sie niemals zu bekommen. Als die Hoffnung enttäuscht wurde, hatte es geschmerzt. Ich hatte eine sehr große und sehr verzweifelte Hoffnung gehegt, und danach tat es höllisch weh.

Die Magie schwappte wie eine lautlose Flutwelle über die Welt. Die elektrische Beleuchtung flackerte und starb einen stillen Tod, um dem blauen Schein der Feenlampen an den Wänden zu weichen. Die verzauberte Luft in den gewundenen Glasröhren lumineszierte immer heller, bis das ganze Haus von einem unheimlichen blauen Licht erfüllt war. Es wurde als Nachwende-Resonanz bezeichnet, wenn sich die Magie in Wellen ausbreitete, die Technik negierte und schließlich wieder verschwand, genauso abrupt und unvorhersagbar, wie sie gekommen war. Irgendwo versagten Benzinmotoren, Waffen verschluckten sich an Patronen. Die Verteidigungszauber rund um mein Haus erhoben sich und bildeten eine Kuppel, die das Dach überwölbte, womit mir unmissverständlich klargemacht wurde, dass ich Schutz brauchte. Ich hatte die Tore geöffnet und den Löwen hereingelassen. Nun wurde es Zeit, den Rattenfänger zu bezahlen.

Ich stand vom Fußboden auf. Früher oder später würde ich durch meinen Job wieder Kontakt zum Herrn der Bestien erhalten. Es war unvermeidlich. Ich musste mich irgendwie von meinem Schmerz befreien, damit ich ihm, wenn wir uns wiedersahen, mit unterkühlter Höflichkeit begegnen konnte.

Ich marschierte in die Küche, warf das Essen in den Müll und stapfte hinaus. Ich hatte eine Verabredung mit einem schweren Sandsack, und es fiel mir überhaupt nicht schwer, mir Currans Gesicht darauf vorzustellen, während ich auf ihn einprügelte.

Als ich mich eine Stunde später auf den Rückweg zu meinem Apartment in Atlanta mache, war ich so müde, dass ich in meinem Auto einschlief, unmittelbar nachdem ich es in die Fahrspur gelenkt hatte und die magische Strömung es in Richtung Stadt mitnahm.

Kapitel 1

Ich ritt durch die Straßen von Atlanta und schaukelte im Takt der Hufschläge meines Lieblingsmaultiers Marigold, das sich nicht an dem Vogelkäfig störte, der am Sattel hing, und erst recht nicht an den Klumpen aus Eidechsenspucke, die von meinen Jeans tropften. Der Vogelkäfig enthielt ein faustgroßes Bündel aus grauem Flaum, das möglicherweise ein lebender Staubhase gewesen war. Ihn zu fangen war eine Mordsarbeit gewesen. Meine Jeans enthielten ungefähr zwei Liter Speichel, die die beiden Trimble-County-Eidechsen auf mir hinterlassen hatten, bevor es mir gelungen war, sie in ihr Gehege im Zentrum für Mythologische Forschungen in Atlanta zurückzutreiben. Ich war bereits seit elf Stunden und dreizehn Minuten im Einsatz und hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Ich sehnte mich nach einem Donut.

Drei Wochen waren vergangen, seit Curran mich versetzt hatte. In der ersten Woche war ich so wütend gewesen, dass ich nicht mehr geradeaus blicken konnte. Inzwischen war der Zorn verraucht, aber der schwere Stein steckte immer noch in meiner Brust und wollte mich zu Boden drücken. Erstaunlicherweise waren Donuts eine wirksame Therapie. Insbesondere die mit Schokolade beträufelten. Bei den exorbitanten Schokoladenpreisen in der heutigen Zeit konnte ich mir keine ganze Tafel leisten, aber die Tropfen Schokoladensoße auf dem Donut erfüllten trotzdem ihren Zweck.

»Hallo, mein Schatz.«

Nachdem ich fast ein Jahr für den Orden gearbeitet hatte, zuckte ich nicht mehr zusammen, wenn ich Maxines Stimme in meinem Kopf hörte. »Hallo, Maxine.«

Die telepathische Sekretärin des Ordens nannte jeden »Schatz«, sogar Richter, einen Neuzugang der Ortsgruppe Atlanta, der so psychotisch war, wie ein Ritter des Ordens sein durfte, ohne seiner Ritterschaft enthoben zu werden. Trotzdem konnte sie mit dem »Schatz« niemanden täuschen. Ich würde lieber zehn Meilen mit einem Rucksack voller Steine zurücklegen, als eine Standpauke von Maxine über mich ergehen zu lassen. Vielleicht lag das daran, wie sie aussah: groß, mager, kerzengerade, mit einem Heiligenschein aus gelocktem silbrigen Haar und der Art einer altgedienten Mittelschullehrerin, die schon alles gesehen hatte und sich nicht mehr hinters Licht führen ließ …

»Richter ist geistig völlig gesund, mein Schatz. Und gibt es einen besonderen Grund, warum du dir bildlich einen Drachen mit meiner Frisur auf dem Kopf und einem Schokodonut im Maul vorstellst?«

Maxine las niemals absichtlich die Gedanken anderer Leute, aber wenn man sich stark genug konzentrierte, während man mit ihr verbunden war, schnappte sie unwillkürlich einfache mentale Bilder auf.

Ich räusperte mich. »Tut mir leid.«

»Kein Problem. Um ehrlich zu sein, ich selber sehe mich häufig als chinesischen Drachen. Die Donuts sind uns ausgegangen, aber ich habe noch Kekse da.«

Mmh, Kekse. »Was muss ich für einen Keks tun?«

»Ich weiß, dass deine Schicht längst vorbei ist, aber ich habe hier ein Hilfegesuch und niemanden, der sich darum kümmern könnte.«

Uff! »Worum geht es?«

»Jemand hat das Steel Horse angegriffen.«

»Das Steel Horse? Die Bar an der Grenze?«

»Ja.«

Das Atlanta der Nachwende wurde von verschiedenen Gruppen beherrscht, von denen jede ihr eigenes Territorium verteidigte. Das Volk und das Rudel waren die größten und die beiden, denen ich nach Möglichkeit aus dem Weg ging. Das Steel Horse stand genau auf der unsichtbaren Grenze zwischen ihren Territorien. Ein neutraler Ort, an dem sowohl die Freien Menschen als auch die Gestaltwandler bedient wurden, solange sie sich zivil verhielten. Und die meiste Zeit hielten sie sich sogar daran.

»Kate?«, hakte Maxine nach.

»Weißt du was Genaues?«

»Jemand hat Streit angefangen und ist dann gegangen. Sie haben irgendetwas im Keller in die Enge getrieben, und sie haben Angst davor, es rauszulassen. Sie sind total hysterisch. Mindestens ein Todesopfer.«

Eine Bar voller hysterischer Nekromanten und Werbestien. Warum ich?

»Kümmerst du dich darum?«

»Was für Kekse?«

»Mit Schokoladensplittern und Walnussstückchen. Ich werde dir sogar zwei geben.«

Ich seufzte und wendete Marigold nach Westen. »Ich werde in zwanzig Minuten da sein.«

Auch Marigold seufzte schwer und machte sich auf den Weg über die nächtliche Straße. Die Mitglieder des Rudels tranken nur wenig. Sich menschlich zu verhalten erforderte eiserne Disziplin, weshalb die Gestaltwandler Substanzen mieden, die ihr Verhältnis zur Realität veränderten. Ein Glas Wein zum Abendessen oder ein einziges Bier nach der Arbeit war für sie in der Regel das Limit.

Auch die Freien Menschen tranken wenig, hauptsächlich wegen der Gestaltwandler. Sie waren ein bizarrer Mischkult, ein Unternehmen und ein Forschungsinstitut und widmeten sich der Erforschung der untoten Ur-Vampire. Vampirus immortuus, das für Vampirismus verantwortliche Pathogen, löschte bei seinen Opfern alle Spuren des Ichs aus und verwandelte sie in blutrünstige geistlose Monstren. Die Herren der Toten, die führenden Nekromanten des Volks, nutzten diesen Umstand aus, indem sie Vampire mental navigierten und jede ihrer Bewegungen beherrschten.

Die Herren der Toten waren keine Raufbolde. Sie waren gebildete, großzügige und innerlich ausgeglichene Intellektuelle, aber gleichzeitig waren sie rücksichtslose Opportunisten. Sie würden niemals in einer Bar wie dem Steel Horse verkehren. Zu niveaulos. Die Gäste waren Wandergesellen und Navigatoren in der Ausbildung, und seit den Red-Stalker-Morden hatten die Freien Menschen ihre Leute viel fester im Griff. Ein paar Betrunkene und Rüpel, und die Forschungen über die Untoten würden ein vorzeitiges Ende finden. Die Wandergesellen betranken sich trotzdem sinnlos – die meisten waren zu jung und verdienten mehr Geld, als gut für sie war –, aber sie taten es so, dass sie nicht erwischt wurden, erst recht nicht, wenn sie von Gestaltwandlern beobachtet wurden.

Ein Schatten huschte über die Straße. Klein, pelzig und mit viel zu vielen Beinen. Marigold schnaubte und trottete unbeirrt weiter.

Das Volk wurde von einer mysteriösen Gestalt namens Roland angeführt. Für die meisten war er nur ein Mythos. Für mich war er ein Feind. Außerdem war er mein biologischer Vater. Roland hatte Kindern abgeschworen, weil sie immer wieder versucht hatten, ihn zu töten, aber meine Mutter hatte mich gewollt, und er hatte entschieden, dass er es um ihretwillen auf einen weiteren Versuch ankommen lassen würde. Nur dass er es sich danach anders überlegt und versucht hatte, mich im Mutterleib zu töten. Meine Mutter flüchtete vor ihm, und Rolands Kriegsherr Voron flüchtete mit ihr. Voron schaffte es, meine Mutter nicht. Ich hatte sie nie kennengelernt, aber ich wusste, wenn mein natürlicher Vater mich jemals fand, würde er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte.

Roland war eine Legende. Er lebte seit mehreren Jahrtausenden. Manche glaubten, er sei Gilgamesch, andere hielten ihn für Merlin. Er verfügte über unglaubliche Macht, und ich war nicht zum Kampf gegen ihn bereit. Noch nicht. Jeder Kontakt zu den Freien Menschen war mit dem Risiko verbunden, dass Roland auf mich aufmerksam wurde. Also mied ich sie wie die Pest.

Der Kontakt mit dem Rudel barg das Risiko, Curran zu begegnen, und im Moment war das für mich die schlimmere Variante.

Wer zum Teufel kam überhaupt auf die Idee, das Steel Horse anzugreifen? Und was hatte sich dieser Jemand dabei gedacht? »Es gibt da eine Bar voller psychotischer Massenmörder mit riesigen Klauen und Leute, die Untote als Marionetten benutzen. Dort würde ich gern ein bisschen Ärger machen.« Klang das vernünftig? Nein.

Ich konnte dem Rudel nicht ewig aus dem Weg gehen, nur weil ihr Herr und Meister meinen Schwertarm zucken ließ. Reingehen, meine Arbeit machen, rausgehen. Ganz einfach.

Das Steel Horse war in einem bunkerartigen Ziegelsteingebäude untergebracht. Es war ein hässlicher Kasten, dessen Fenster mit Gitterstäben aus Stahl verstärkt waren. Die Metalltür hatte eine Dicke von mehr als fünf Zentimetern. Ich wusste, wie dick die Tür war, weil Marigold soeben daran vorbeigetrottet war. Jemand hatte die Tür aus den Angeln gerissen und sie quer über die Straße geschleudert.

Zwischen der Tür und dem Eingang erstreckte sich löchriger Asphalt, auf dem sich wahllos Blutflecken, Spirituosenpfützen, Glasscherben und ein paar stöhnende Körper verteilten, die sich in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit und Verletzung befanden.

Verdammt, ich hatte den ganzen Spaß verpasst.

Eine Gruppe von harten Kerlen stand am Eingang zur Gaststätte. Sie machten eigentlich keinen hysterischen Eindruck, zumal dieser Begriff in ihrem Vokabular gar nicht vorkam, aber die Art, wie sie ihre behelfsmäßigen Waffen aus zerbrochenem Mobiliar hielten, ließ es angebracht erscheinen, sich ihnen langsam zu nähern und in beruhigendem Tonfall zu ihnen zu sprechen. Wie es aussah, waren sie soeben in ihrer eigenen Bar zusammengeschlagen worden. Es geht nicht, dass man in seiner Stammkneipe einen Kampf verliert, weil die Stammkneipenzeiten dann vorbei sind.

Ich ließ mein Maultier langsamer werden. Während der vergangenen Woche war die Temperatur gefallen, und dieser Abend war für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt. Der Wind biss mir ins Gesicht. Leichte Atemwolken stiegen von den Jungs vor der Kneipe auf. Einige der größeren und gefährlicheren dieser Mitbürger hatten sich mit Hardware ausgerüstet. Ein riesiger grobschlächtiger Kerl auf der rechten Seite hielt eine Keule und sein Kumpel auf der linken eine Machete. Die Rausschmeißer. Nur ihnen würde man gestatten, in einer Bar an der Grenze echte Waffen zu tragen.

Ich überblickte die Menge und hielt nach verräterischen leuchtenden Augen Ausschau. Nichts. Nur Leute mit normaler menschlicher Iris. Wenn an diesem Abend Gestaltwandler in der Kneipe gewesen waren, hatten sie sich entweder verzogen oder sich ordentlich in ihre menschliche Haut gehüllt. Ich konnte auch keine Vampire in der Nähe spüren. Keine vertrauten Gesichter in der Menge. Auch die Wandergesellen schienen sich aus dem Staub gemacht zu haben. Etwas Schlimmes tat sich, und niemand wollte sich damit beschmutzen. Und jetzt war das Ganze mein Problem. Oh Gott!

Marigold trug mich an den Schlachtopfern vorbei zum Eingang. Ich zog die durchsichtige Plastikhülle hervor, die ich an einer Schnur um den Hals trug, und hielt sie hoch, damit alle das kleine Rechteck mit meinem Ordensausweis sehen konnten.

»Kate Daniels. Ich arbeite für den Orden. Wo ist der Eigentümer?«

Ein großer Mann trat aus der Kneipe und richtete eine Armbrust auf mich. Es war eine anständige moderne Waffe mit Recurvebogen und knapp zweihundert Pfund Zuggewicht. Sie war mit Glasfaservisier und Zielfernrohr ausgestattet. Ich bezweifelte jedoch, dass er irgendetwas davon benötigte, um mich aus drei Metern Entfernung zu treffen. Auf diese Distanz würde der Bolzen mich nicht nur penetrieren, sondern durch mich hindurchgehen und einen Teil meiner Innereien mitnehmen.

Natürlich könnte ich ihn auf diese Distanz töten, bevor er es schaffte, einen Schuss abzugeben. Auch mit einem Wurfmesser war jemand aus drei Metern Entfernung kaum zu verfehlen.

Der Mann fixierte mich mit grimmiger Miene. Er war schlank und in mittleren Jahren und sah aus, als hätte er zu viel Zeit an der frischen Luft mit harter Arbeit verbracht. Das Leben hatte ihm das Fleisch von den Knochen geschmirgelt und nur lederne Haut, Schießpulver und Knorpel zurückgelassen. Ein kurzer dunkler Bart klebte ihm am Kinn. Er nickte dem kleineren Rausschmeißer zu. »Vik, überprüf den Ausweis.«

Vik schlenderte herüber und musterte die Plastikhülle. »Darauf steht genau das, was sie gesagt hat.«

Ich war viel zu müde für solche Spielchen. »Sie schauen auf die falsche Stelle.« Ich zog die Karte aus der Hülle und hielt sie ihm hin. »Sehen Sie das Quadrat in der unteren linken Ecke?«

Sein Blick wanderte zu dem Zeichen aus verzaubertem Silber.

»Legen Sie Ihren Daumen drauf und sagen Sie ›Identifizieren‹.«

Vik zögerte, schaute sich zu seinem Boss um und berührte das Quadrat. »Identifizieren.«

Ein Lichtblitz durchstieß seinen Daumen, und das Quadrat wurde schwarz.

»Die Karte weiß, dass Sie nicht ihr Besitzer sind. Ganz gleich, was Sie damit anstellen, die Stelle wird schwarz bleiben, bis ich sie wieder berühre.« Ich legte einen Finger auf das Quadrat. »Identifizieren.«

Das Schwarz verflüchtigte sich und ließ wieder die helle Oberfläche erkennen.

»So können Sie einen echten Mitarbeiter des Ordens von einem falschen unterscheiden.« Ich stieg ab und band Marigold am Geländer fest. »Wo ist die Leiche?«

Der Kneipenbesitzer stellte sich als Cash vor. Er schien nicht zu den gutgläubigen Menschen zu gehören, aber wenigstens hielt er die Armbrust nach unten gerichtet, als er mich hinter das Gebäude und dann nach links führte. Da seine Auswahl an Vertretern des Ordens auf Marigold und mich beschränkt war, versuchte er sein Glück mit mir. Es tat immer wieder gut, wenn man für kompetenter als ein Maultier gehalten wurde.

Die Menge der Schaulustigen trottete hinterher, als wir um das Gebäude herumgingen. Ich hätte auf das Publikum verzichten können, aber ich war nicht in der Stimmung, mich zu streiten. Ich hatte schon genug Zeit damit vergeudet, Zaubertricks mit meinem Ausweis vorzuführen.

»Wir haben den Laden hier fest im Griff«, sagte Cash. »Es geht ruhig zu. Unsere Stammkunden wollen keinen Ärger.«

Der Nachtwind schleuderte mir den üblen Gestank von Erbrochenem ins Gesicht, verbunden mit einer völlig anderen Duftnote, die süßlich und streng war. Nicht gut. Es gab keinen vernünftigen Grund, warum die Leiche schon jetzt so intensiv roch. »Erzählen Sie mir, was passiert ist.«

»Ein Mann fing an, sich mit Joshua zu streiten, und Joshua hat verloren«, sagte Cash.

Er hatte den Beruf verfehlt. Er hätte unter die epischen Dichter gehen sollen.

Wir erreichten die Rückseite des Gebäudes und blieben stehen. Ein riesiges unregelmäßiges Loch klaffte in der Wand, wo jemand durchgebrochen war. Ziegelsteine lagen verstreut auf dem Asphalt. Was auch immer das für ein Wesen war, es konnte solide Mauern wie eine Abrissbirne durchschlagen. Ein viel zu schwerer Brocken für einen Gestaltwandler, aber man konnte nie wissen.

»War das einer von den Gestaltwandler-Stammgästen?«

»Nein. Alle haben sich verzogen, als der Kampf losging.«

»Was ist mit den Wandergesellen des Volkes?«

»Heute Abend waren gar keine da«, sagte Cash kopfschüttelnd. »Gewöhnlich kommen sie am Donnerstag. Da wären wir.«

Cash zeigte nach links, wo sich der Boden zu einem Parkplatz absenkte, in dessen Mitte ein Telefonmast stand. An diesem Mast, mit einer Brechstange durch den offenen Mund aufgespießt, hing Joshua.

Teile von ihm waren mit Fetzen aus braunem Leder und Jeans bedeckt. Was sonst von ihm zu sehen war, wirkte nicht mehr menschlich. Dicke dunkelrote Beulen überzogen jeden Quadratzentimeter seiner bloßen Haut, unterbrochen von offenen Wunden und feuchten Geschwüren, als hätte er sich in eine Kolonie von Rankenfußkrebsen verwandelt. Auf seinem Gesicht war die Kruste der Geschwüre so dick, dass ich seine Züge nicht mehr erkennen konnte, abgesehen von den milchigen Augen, die weit aufgerissen waren und in den Himmel starrten.

Mir schwirrte der Kopf. Meine Erschöpfung wurde von einer Flut aus Adrenalin aufgezehrt.

»Hat er schon vor dem Kampf so ausgesehen?« Bitte sag Ja.

»Nein«, sagte Cash. »Das ist anschließend passiert.«

Mehrere Beulen über der Stelle, wo sich vermutlich Joshuas Nase befunden hatte, bewegten sich, stülpten sich vor und fielen ab, um einem neuen Geschwür Platz zu machen. Das abgefallene Stück von Joshua rollte über den Asphalt und blieb liegen. Rundherum spross ein schmaler Ring aus fleischfarbenem Flaum auf dem Boden. Der gleiche Flaum überzog den Telefonmast unter und ein wenig über der Leiche. Ich konzentrierte mich auf den unteren Rand des Flaums und sah, wie er sehr langsam am Holz hinunterkroch.

Mist.

Ich bemühte mich, leise zu sprechen. »Hat irgendjemand die Leiche berührt?«

Cash schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Ist jemand in ihrer Nähe gewesen?«

»Nein.«

Ich blickte ihm in die Augen. »Sie müssen dafür sorgen, dass alle wieder in die Kneipe gehen und dort bleiben. Niemand darf gehen.«

»Warum?«, fragte er.

Ich musste ehrlich zu ihm sein. »Weil Joshua infiziert ist.«

»Er ist tot.«

»Sein Körper ist tot, aber die Krankheit lebt, und sie ist magisch. Sie wächst. Es ist durchaus möglich, dass alle hier infiziert sind.«

Cash schluckte. Mit weit aufgerissenen Augen spähte er durch das Loch in die Kneipe. Eine zierliche, vogelknochige Frau mit dunklen Haaren wischte den Tresen ab und fegte mit dem Lappen zerbrochenes Glas in einen Mülleimer.

Ich wandte mich wieder Cash zu und sah Furcht in seinen Augen. Wenn er in Panik geriet, würde sich die Menge zerstreuen und die halbe Stadt infizieren.

Ich sprach leise weiter. »Wenn Sie wollen, dass die Frau überlebt, müssen Sie alle zurück in die Kneipe treiben und dafür sorgen, dass sie dort bleiben. Wenn es sein muss, fesseln Sie die Leute, denn falls sie verschwinden, bekommen wir es mit einer Epidemie zu tun. Wenn hier alles gesichert ist, rufen Sie Biohazard an. Sagen Sie, Kate Daniels hätte gesagt, dass wir hier eine Mary haben. Geben Sie den Leuten Ihre Adresse. Ich weiß, dass es schwierig ist, aber Sie müssen ruhig bleiben. Keine Panik.«

»Was wollen Sie tun?«

»Ich werde versuchen, die Gefahr einzudämmen. Dazu brauche ich Salz, so viel, wie Sie zusammenkratzen können. Außerdem Holz, Petroleum, Alkohol – alles, was Sie an Brennstoff dahaben. Ich muss eine Feuerbarriere errichten. Haben Sie Pooltische?«

Er starrte mich verständnislos an.

»Haben Sie Tische, an denen man Poolbillard spielen kann?«

»Ja.«

Ich warf meinen Umhang auf die Böschung. »Bitte bringen Sie mir die Kreide. Alles, was Sie haben.«

Cash entfernte sich von mir und sprach mit den Rausschmeißern. »Okay«, bellte der größere der beiden. »Alles zurück in die Kneipe! Eine Runde aufs Haus!«

Die Menge drängte sich durch das Loch in der Wand. Ein Mann zögerte. Die Rausschmeißer gingen zu ihm. »In die Kneipe«, sagte Vik.

Der Kerl reckte trotzig das Kinn. »Verpisst euch!«

Vik versenkte einen schnellen Schlag in seiner Magengrube. Der Mann klappte zusammen, und der größere Rausschmeißer warf ihn sich über die Schulter, um ihn ins Steel Horse zu tragen.

Zwei Minuten später kam einer der beiden Rausschmeißer zurück, stellte einen großen Sack voller Salz ab und flüchtete wieder in die Kneipe. Ich schnitt den Sack auf und zog einen zehn Zentimeter breiten Kreis rund um den Mast. Cash kam mit ein paar kaputten Kisten durch das Loch in der Wand, gefolgt von der dunkelhaarigen Frau, die eine große Schachtel trug. Die Frau stellte die Schachtel neben das Holz. Sie war voller Würfel aus blauer Poolbillardkreide. Gut.

»Danke«, sagte ich.

Sie warf einen kurzen Blick zu Joshua am Mast. Ihr Gesicht wurde bleich.

»Haben Sie Biohazard angerufen?«, fragte ich.

»Das Telefon geht nicht«, sagte Cash leise.

Könnte an diesem Tag vielleicht mal irgendetwas gut laufen?

»Ändert das etwas an der Situation?«, fragte Cash.

Dadurch wurde aus einer kurzen Rettungsaktion ein langwieriger Abwehrkampf. »Ich werde nur etwas härter arbeiten müssen.«

Ich schloss den Kreis aus Salz, warf den Sack beiseite und legte dann das Holz in einem etwas größeren Kreis aus. Das Feuer würde die Angelegenheit nicht unbegrenzt in Schach halten, aber auf diese Weise gewann ich etwas Zeit.

Der fleischfarbene Flaum kostete vom Salz und stellte fest, dass es eine Delikatesse war. So hatte ich es mir gedacht. Ich schmeckte zweifellos ähnlich, und ich war der Leiche sehr nahe. Also wäre ich als Erste dran. Ein beruhigender Gedanke.

Cash hatte einige Flaschen angeschleppt, deren Inhalt ich auf die Kisten kippte. Nun war das Holz mit hochprozentigen Spirituosen und Petroleum getränkt. Ein angerissenes Streichholz, und der Holzkreis ging in Flammen auf.

»Ist es jetzt erledigt?«, fragte Cash.

»Nein. Das Feuer wird es aufhalten, aber nur für eine gewisse Zeit.«

Die beiden machten Gesichter, als würden sie ihrer eigenen Beerdigung beiwohnen.

»Das kriegen wir schon hin.« Sprach Kate Daniels, die Ermittlerin des Ordens. Wir kümmern uns um Ihre magischen Probleme, und wenn wir es nicht schaffen, lügen wir, dass sich die Balken biegen. »Alles wird wieder gut. Gehen Sie wieder hinein, beide. Sorgen Sie für Ruhe, und probieren Sie es weiter am Telefon.«

Die Frau strich mit den Fingern über Cashs Ärmel. Er drehte sich zu ihr herum, tätschelte ihre Hand und führte sie dann zurück in die Kneipe.

Der Flaum kroch halb auf das Salz. Ich stimmte einen Gesang an und ging die Litanei des reinigenden Zaubers durch. Magie baute sich langsam um mich herum auf, wie Zuckerwatte, die sich um meinen Körper wickelte, und floss nach außen und um den Feuerkreis herum.

Der Flaum erreichte das Feuer. Die ersten fleischfarbenen Tentakel leckten an den Holzbrettern und schmolzen mit einem leisen Zischen zu schwarzem Glibber. Die Flammen knisterten, und ein übler Gestank nach verbranntem Fett breitete sich aus.

So ist es richtig, ihr kleinen Mistkerle! Bleibt ja hinter meinem Feuer!

Jetzt musste ich sie nur noch dort halten, bis ich den ersten Wehrkreis fertiggestellt hatte.

Singend nahm ich ein Stück Poolkreide und zeichnete die erste Glyphe.

Kapitel 2

Heilige Mutter Gottes!«, entfuhr es der großen, mageren Frau. Patrice Lane, die hausinterne Heilmagierin von Biohazard, verschränkte die Arme über der Brust. Von dort, wo ich saß, wirkte sie sogar noch größer. Ich hockte, unter meinem Umhang zusammengekauert, auf der Böschung. Die Kälte sickerte durch den Stoff meiner Jeans, und mein Hintern war ein einziger Eisklumpen.

Der Telefonmast hatte sich in eine Masse aus fleischfarbenem Pelz verwandelt. Der gesamte Parkplatz drumherum war mit meinen Glyphen bedeckt. Ich hatte Cashs Kreide restlos aufgebraucht.

Vom Mast regnete der Flaum langsam herab und breitete sich weiter aus. Das Feuer war nur noch matte Glut, und der Flaum war an einigen Stellen über den Kreis gekrochen. Jetzt sammelte er sich am ersten Ring aus Glyphen. Ich hatte die Drähte vom Mast abgeschnitten, nachdem der zweite Glyphenkreis fertig war, und sie in den Wehrkreis geworfen. Der Flaum hatte sich sofort darüber hergemacht, bis nichts mehr davon übrig war.

Überall schwirrten Heilmagier und Heilassistenten herum. Biohazard war theoretisch ein Teil der PAD, aber praktisch war der Dienst in separaten Räumlichkeiten untergebracht und hatte seine eigene Kommandostruktur. Und Patrice stand in dieser Struktur ziemlich weit oben.

Patrice hob die Arme, und ich bemerkte einen leichten magischen Puls. »Ich kann hinter dem Kreidekreis nichts mehr spüren«, sagte sie, während ihr Atem zu einer blassen Dampfwolke kondensierte.

»Dazu ist er da.«

»Klugschwätzerin.« Patrice begutachtete mein Werk und schüttelte den Kopf. »Schaut nur, wie es herumkriecht. Ein übler Pesthauch, nicht wahr?«

Deshalb hatte ich den zweiten Kreis gezogen, falls der erste versagte, und danach war mir eingefallen, dass der Telefonmast umkippen könnte. Der zweite Wehrkreis deckte nur etwas mehr als drei Meter ab, und wenn der Mast umfiel, würde die Pest außerhalb der Barriere landen. Also hatte ich einen dritten Kreis gezeichnet. Einen sehr weiten Kreis, weil der Mast unangenehm hoch war, schätzungsweise zehn Meter. Jetzt liefen vier Heilassistenten am äußeren Kreis entlang und schwenkten Räuchergefäße, die reinigenden Rauch verströmten. Ich hatte meine ganze Kraft in diese Glyphen gelegt. Jetzt könnte mich ein Kätzchen mit der Pfote anstupsen und einen totalen K.-o.-Sieg über mich erringen.

Ein junger Heilassistent ging neben mir in die Hocke und hielt mir eine kleine weiße Blüte in einem Topf an die Lippen. Fünf weiße Blütenblätter, die von feinen grünen Äderchen durchzogen waren, in der Mitte ein Ring aus flauschigen Stielen, jeder mit einem kleinen gelben Punkt an der Spitze. Ein Herzblatt. Der Assistent flüsterte einen Zauberspruch und sagte in geübtem Tonfall: »Atmen Sie tief ein und wieder aus.«

Ich blies meinen Atem auf die Blüte. Sie blieb schneeweiß. Hätte ich mich infiziert, wäre das Herzblatt braun geworden und verwelkt.

Der Assistent verglich die Blütenblätter mit einer Farbskala auf einer Papierkarte und sang dann leise: »Noch einmal – tief ein- und wieder ausatmen.«

Ich gehorchte.

Er stellte den Topf mit dem Herzblatt weg. »Schauen Sie mir in die Augen.«

Ich tat es.

Er musterte mich gründlich.

»Völlig klar. Sie haben sehr schöne Augen.«

»Und sie hat ein großes, scharfes Schwert«, schnaufte Patrice. »Hinfort, Kreatur!«

Der Heilassistent erhob sich. »Sie ist sauber«, rief er in Richtung der Kneipe. »Sie können jetzt mit ihr reden.«

Die dunkelhaarige Frau, die mir vor Stunden die Kreide gebracht hatte, trat mit einem Glas Whisky in der Hand aus der Kneipe. »Ich bin Maggie. Hier.« Sie hielt mir das Glas hin. »Seagram’s Seven Crown.«

»Danke, aber ich trinke nicht.«

»Seit wann?«, fragte Patrice mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Sie brauchen den Whisky«, sagte Maggie. »Wir haben beobachtet, wie Sie stundenlang auf allen vieren herumgekrochen sind. Sie müssen Schmerzen haben und völlig durchgefroren sein.«

Der Asphalt des Parkplatzes war rauer, als ich gedacht hatte. Während ich die Glyphen gezeichnet hatte und hin und her gekrochen war, hatte ich meine bereits recht abgetragenen Jeans völlig verschlissen. Durch die Löcher im Stoff konnte ich meine aufgeschürfte Haut sehen. Normalerweise wäre ich angesichts meines Blutes an einem Tatort in Panik geraten. Sobald es vom Körper isoliert war, ließ sich Blut nicht mehr kaschieren, und in meinem Fall würde es auf ein Todesurteil hinauslaufen, wenn die Magie meiner Blutlinie bekannt gemacht wurde. Aber da ich wusste, wie der heutige Abend enden würde, machte ich mir keine Sorgen. Das bisschen Blut, das ich auf dem Asphalt hinterlassen hatte, würde schon in Kürze ausgelöscht sein.

Ich nahm den Whisky und lächelte Maggie an, was mich einige Mühe kostete, da meine Lippen halb erfroren waren. »Hat das Telefon irgendwann doch wieder funktioniert?«

Sie schüttelte den Kopf. »Die Leitung ist immer noch tot.«

»Wie haben Sie Verbindung mit Biohazard aufgenommen?«

Maggie schürzte die schmalen Lippen. »Wir waren es nicht.«

Ich wandte mich an Patrice. Die Heilmagierin betrachtete stirnrunzelnd den Kreis.

»Pat, woher haben Sie erfahren, was hier los ist?«

»Ein anonymer Anrufer hat uns einen Tipp gegeben«, murmelte sie, den Blick auf den Mast gerichtet. »Dass hier etwas vor sich gehen soll …«

Mit einem lauten Knacken zerbrach der Telefonmast. Die dunkelhaarige Frau schnappte keuchend nach Luft. Die Assistenten zogen sich hektisch zurück und schwenkten ihre Räuchergefäße. Der Mast rotierte auf der Stelle, Flaum umwirbelte die Spitze, dann wankte er und stürzte um. Er krachte gegen die unsichtbare Wand der ersten beiden Wehrkreise, schoss darüber hinweg und landete auf dem Boden, wobei er die fleischfarbene Scheiße über den Asphalt verspritzte. Die Spitze des Mastes stieß in die dritte Glyphenreihe. Mit lautem Knall hallte Magie durch meinen Schädel. Mit einer üblen Verpuffung explodierte eine Wolke aus Flaum am Wehrkreis und rieselte dann harmlos zu Boden. Das Zeug sammelte sich am Kreidekreis, während der Mast zur Ruhe kam.

Patrice stieß den angehaltenen Atem aus.

»Ich habe den dritten Kreis vier Meter hoch gemacht«, erklärte ich ihr. »Da kommt es nicht raus, selbst wenn es wollte.«

»Das dürfte genügen.« Patrice krempelte die Ärmel hoch. »Haben Sie irgendwas in diese Kreise gelegt, das mich verletzen könnte, wenn ich sie überschreite?«

»Nein. Es ist ein simpler Eindämmungszauber. Spazieren Sie einfach hinein.«

»Gut.« Sie lief die Böschung hinunter zu den Glyphen und winkte den Assistenten zu, die an der Außenseite des Kreises mit irgendwelchen Geräten hantierten. »Geben Sie sich keine Mühe. Es ist viel zu aggressiv. Wir nehmen eine lebende Probe. So geht es schneller.«

Sie warf ihr blondes Haar zurück und trat in den Kreis. Die Kreideglyphen entzündeten sich mit einem hellblauen Leuchten. Der Wehrkreis schirmte ihre Magie ab, sodass ich nichts mehr davon spüren konnte, aber was auch immer Patrice einsetzte, musste von großem Kaliber sein. Der Flaum erzitterte. Dünne Tentakel streckten sich Patrice entgegen.

Ich fragte mich, wer Biohazard angerufen haben könnte. Vielleicht ein guter Samariter, der zufällig vorbeigekommen war?

Genauso wahrscheinlich war, dass mir plötzlich Flügel wuchsen und ich fliegen konnte.

Maggie wandte sich mir zu. »Wieso kann sie reingehen, das Zeug aber nicht rauskommen?«

»Das liegt an der Art, wie ich den Wehrkreis gemacht habe. Dadurch kann man Dinge ein- oder aussperren. Im Prinzip ist es eine Barriere, die man auf unterschiedliche Weise aufbauen kann. Diese hier hat eine hohe magische Schwelle. Die Seuche, die Joshua getötet hat, ist sehr mächtig. Sie ist stark mit Magie gesättigt, sodass sie die Schwelle nicht überschreiten kann. Patrice ist ein Mensch, womit sie per definitionem einen geringeren Magieanteil besitzt. Also kann sie nach Belieben hinein- und hinausgehen.«

»Könnten wir dann nicht einfach abwarten, bis die magische Welle abklingt und die Seuche abstirbt?«

»Niemand weiß, was mit der Seuche geschieht, wenn die Magie abklingt. Sie könnte absterben, aber sie könnte auch mutieren und sich in eine Epidemie verwandeln. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Patrice wird sie ausrotten.«

Patrice hob im Kreis die Hände. »Ich bin es, Patrice, die dir befiehlt. Ich bin es, die Gehorsam von dir verlangt. Zeige dich mir!«

Ein dunkler Schatten wälzte sich über den fleischigen Flaum und legte sich wie gesprenkelte Patina über den Mast und die Überreste der Leiche. Patrice trat wieder aus dem Kreis. Die Assistenten umschwirrten sie mit Rauch und Blüten.

»Syphilis«, hörte ich sie sagen. »Jede Menge köstlicher magischer Syphilis. Sie lebt und ist hungrig. Hier kommen wir nur mit Napalm weiter.«

Maggie warf einen Blick auf das Whiskyglas in meiner Hand. Ich setzte es an die Lippen und nahm einen Schluck, um sie glücklich zu machen. Feuer brannte durch meine Kehle. Ein paar Sekunden später konnte ich meine Fingerspitzen wieder spüren. Ich war ins Leben zurückgekehrt!

»Wurden Sie alle überprüft?«, fragte ich.

Sie nickte. »Keiner von uns ist infiziert. Ein paar von den Jungs haben Knochenbrüche, aber das ist alles. Sie haben alle nach Hause geschickt.«

Ich dankte dem Universum für diese kleine Gefälligkeit.

Maggie erschauderte. »Ich verstehe es nicht. Warum wir? Wir haben doch nie jemandem etwas getan!«

Sie suchte an der falschen Stelle nach Trost. Ich fühlte mich erschöpft und wie betäubt, und der Stein in meiner Brust schmerzte.

Maggie schüttelte den Kopf und zog die Schultern hoch.

»Manchmal gibt es keinen Grund«, sagte ich. »Manchmal zeigt der Würfel einfach eine ungünstige Zahl.«

Ihr Gesicht war ohne jeden Ausdruck. Ich wusste, was sie dachte: kaputte Möbel, ein Loch in der Wand und ein schlechter Ruf. Das Steel Horse würde auf ewig der Ort sein, von dem aus sich die Seuche beinahe ausgebreitet hätte.

»Schauen Sie mal dorthin.«

Sie folgte meiner Blickrichtung. In der Bar nahm Cash einen zerbrochenen Tisch auseinander.

»Sie sind am Leben. Er ist am Leben. Sie sind zusammen. Alles andere lässt sich reparieren. Es hätte viel schlimmer kommen können. Viel, viel schlimmer.« Glaub mir.

»Sie haben recht.«

Eine Weile saßen wir schweigend da, bis Maggie tief Luft holte, als wollte sie etwas sagen. Doch dann presste sie die Lippen fest zusammen.

»Was ist los?«

»Das Ding im Keller«, sagte sie.

»Ach so.« Ich rappelte mich auf. Ich hatte mich lange genug ausgeruht. »Dann wollen wir uns mal darum kümmern.«

Wir betraten die Kneipe durch das Loch in der Wand. Die Assistenten hatten die meisten Gäste untersucht und entlassen, und die Leute hatten die erstbeste Gelegenheit genutzt, sich vom Tatort zu entfernen. Die Kneipe war praktisch leer. Der größte Teil des Mobiliars hatte die Schlägerei nicht überstanden. Ein kalter Luftzug bewegte sich von den offenen Türen und Fenstern zur demolierten Wand. Trotz der ungeplanten, aber heftigen Ventilation stank es drinnen nach Erbrochenem.

Cash lehnte sich gegen den Tresen. Tiefe Schatten verdüsterten seine ausgezehrten Gesichtszüge. Er wirkte abgekämpft, als wäre er über Nacht um Jahre gealtert. Maggie blieb bei ihm stehen. Er nahm ihre Hand. Es musste schlimm für sie gewesen sein, stundenlang dazusitzen und einander zu beobachten, ob sich erste Anzeichen einer Infektion zeigten.

Die beiden machten mich völlig fertig. Wenn in diesem Moment Curran in erreichbarer Nähe gewesen wäre, hätte ich ihm das Gesicht zu Matsch geschlagen, weil er mich in dem Glauben gelassen hatte, so etwas haben zu können, um es mir dann einfach wieder wegzunehmen.

An der Tür packten zwei Biohazard-Assistenten einen M-Scanner aus. Dieses Gerät registrierte Rückstände magischer Energie und zeigte ihre Herkunft in verschiedenen Farben an: rot für Vampire, blau für Menschen, grün für Gestaltwandler. Der M-Scanner war ungenau und störanfällig, aber er war das beste Werkzeug für die Magie-Analyse, das uns zur Verfügung stand. Ich blieb bei den Leuten stehen und zückte meinen Ordensausweis. »Was gefunden?«

Die Assistentin reichte mir einen Stapel Ausdrucke. »Patrice sagte, dass wir Ihnen eine Kopie geben sollen.«

»Danke.« Ich blätterte den Stapel durch. Jede Auswertung zeigte eine hellblaue Spur, die wie ein Blitz quer über das Blatt zuckte und blasse Spuren von Grün schnitt. Das Grün waren die Gestaltwandler, und nach der verwässerten Farbe zu urteilen, hatten sie sich bereits kurz nach Beginn des Kampfes vom Schauplatz entfernt. Das überraschte mich nicht. Das Rudel hatte strenge Regeln, was ungesetzmäßige Handlungen betraf, und eine betrunkene Rauferei in einer Grenzkneipe konnte einfach nichts Gutes bedeuten.

Ich musterte die blauen Spuren. Völlig normale menschliche Energie. Blau waren Magier, Heiler, Empathen … Auch meine Magie war blau. Es sei denn, man benutzte einen richtig guten Scanner.

»Maggie, was schätzen Sie, wie viele Leute hier waren, als die Sache losging?«

Sie blickte zur Kneipe und zuckte mit den Schultern. »Vielleicht fünfzig.«

Fünfzig. Aber nur eine Signatur menschlicher Magie.

Ich drehte mich zu Cash um. »Ich muss mit Ihrem Personal reden.«

Er ging hinter den Tresen zu einer schmalen Treppe nach unten. Ich folgte ihm. Am Fuß der Treppe bewachten Vik und der größere Rausschmeißer die Tür, die durch einen schweren Riegel gesichert war.

Ich hockte mich auf eine Treppenstufe. »Mein Name ist Kate.«

»Vik.«

»Toby.«

»Vielen Dank«, sagte ich. »Mir ist klar, dass es nicht einfach war, die Leute hier so lange festzuhalten. Es war wunderbar, wie Sie die Situation gemeistert haben.«

»Wir hatten heute Abend gutes Publikum«, sagte Cash. »Die meisten waren Stammgäste.«

»Ja«, bestätigte Vik. »Wenn sich hier viele Fremde aufgehalten hätten, wäre Blut geflossen.«

»Können Sie mir sagen, wie es angefangen hat?«

»Jemand hat mit einem Stuhl auf mich eingeschlagen«, sagte Vik. »So wurde ich hineingezogen.«

»Ein Mann kam in die Kneipe«, sagte Toby.

»Wie hat er ausgesehen?«

»Sehr groß. Kräftig.«

Er konnte nur sehr groß gewesen sein. Ich hatte mir Joshuas Leiche gründlich ansehen können, während ich auf dem Parkplatz herumgekrochen war. Joshua war knapp eins achtzig groß, und seine Füße hingen etwa fünfzehn Zentimeter über dem Boden. Als er an den Mast genagelt worden war, hatte der Übeltäter ihn wahrscheinlich auf Augenhöhe angehoben, was auf eine Körpergröße von über eins neunzig schließen ließ.

Cash verschwand kurz und kehrte dann mit fünf Gläsern zurück. Whisky für alle.

»Was hat dieser große Kerl getragen?«

Die drei Männer und Maggie kippten ihren Whisky hinunter. Sie verzogen kollektiv die Gesichter und räusperten sich. Ich nahm einen winzigen Schluck von meinem Glas. Es war, als würde ich Feuer trinken, das mit feinen Glassplittern gewürzt war.

»Einen Umhang«, sagte Toby schließlich.

»Wie dieser?« Ich deutete auf mein eigenes langes Gewand in schlichtem Grau. Die meisten Kämpfer trugen Umhänge. Wenn man es richtig machte, konnte man damit seine Bewegungen verhüllen und einen Gegner verwirren. Er konnte abschirmen, ersticken und töten. Und im Notfall diente er als Decke für den Träger oder ein Maultier. Bedauerlicherweise war er auch ein dramatisches modisches Bekenntnis und leicht herzustellen. Jeder dahergelaufene Bandit hatte einen.

»Seiner war lang und braun und hatte eine Kapuze. Und er war am Saum aufgerissen«, sagte Toby.

»Konnten Sie sein Gesicht erkennen?«

Toby schüttelte den Kopf. »Er hat die Kapuze die ganze Zeit aufbehalten. Hab nichts vom Gesicht oder von den Haaren gesehen.«

Großartig. Ich suchte also nach dem sprichwörtlichen »Mann in dunklem Mantel«. Er war genauso schwer zu fassen wie der legendäre »weiße Lieferwagen«, als auf den Straßen noch Autos unterwegs waren. Für alle möglichen verrückten Verkehrsunfälle hatte man den mysteriösen weißen Lieferwagen verantwortlich gemacht, genauso wie die unterschiedlichsten Verbrechen von »irgendeinem Kerl mit Umhang« begangen wurden, der sich die Kapuze übers Gesicht gezogen hatte.

Toby räusperte sich erneut. »Wie gesagt, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Aber ich habe seine Hände gesehen – sie waren dunkel. Etwa von dieser Farbe.« Er deutete auf den Whisky in seinem Glas. »Er kam rein, stellte sich an die Theke, musterte eine Weile die Menge und ging dann zu Joshua. Sie wechselten ein paar Worte miteinander.«

»Haben Sie etwas von dem Gespräch verstanden?«

»Ich ja«, mischte sich Cash ein. »Er hat geflüstert. Er sagte: ›Willst du ein Gott sein? Ich habe noch zwei freie Stellen zu besetzen.‹«

Oh Mann! »Was hat Joshua dazu gesagt?«

Cashs Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an. »Er sagte: ›Aber natürlich!‹ Dann hat der Mann ihn mit einem Schlag niedergestreckt, und im nächsten Moment brach hier die Hölle los.«

Aber natürlich! Berühmte letzte Worte. Irgendein Kerl schleicht sich in einer Bar an dich ran und bietet dir an, ein Gott zu werden. Und du sagst Ja. Ganz schön blöd. Über dreißig Jahre waren seit der Wende vergangen. Inzwischen sollte selbst der letzte Trottel kapiert haben, dass man keine Angebote von Fremden annehmen und aufpassen sollte, was man sagte. Denn wenn man Ja zur Magie sagte, war dieses Wort bindend, ob man es nun so meinte oder nicht. Ein vergeudetes Leben. Jetzt konnte ich nur noch den Mörder ausfindig machen und bestrafen. Ich wäre gern ein einziges Mal zur Stelle, bevor so etwas passierte, damit ich das Unheil im Keim ersticken konnte.

»Das war der Moment, als alle Gestaltwandler verschwanden«, sagte Maggie.

»Richtig.« Cash nickte. »Sie sind plötzlich rausgerannt, als würden ihre Schwänze in Flammen stehen.«

»Diese Gestaltwandler, kommen sie oft hierher?«

»Seit ungefähr einem Jahr einmal pro Woche«, sagte Cash.

»Trinken sie viel?«

»Jeder nur ein Bier«, sagte Maggie. »Sie trinken nicht viel, aber sie machen auch kaum Ärger. Sie wollen einfach nur zusammen in einer Ecke sitzen und haufenweise Erdnüsse futtern. Irgendwann haben wir angefangen, ihnen das Knabberzeug in Rechnung zu stellen. Aber das scheint sie nicht weiter gestört zu haben. Ich glaube, die arbeiten alle zusammen, weil sie immer zur gleichen Zeit hereinschneien.«

Wenn es Schwierigkeiten gab, nahmen Gestaltwandler schnell eine Wir-gegen-die-anderen-Haltung an. Die Welt teilte sich in Rudel und Nicht-Rudel auf. Sie würden bis zum Tod für einen von ihnen kämpfen, oder wenn es darum ging, ihr Territorium zu verteidigen. Das hier war ihre Kneipe. Eigentlich hätten sie sich in den Kampf stürzen müssen, und in diesem Fall hätten sie die Gesetze des Rudels auf ihrer Seite gehabt. Stattdessen hatten sie sich davongemacht. Seltsam. Vielleicht hatte Curran einen neuen Befehl ausgegeben und ihnen jegliche Schlägerei verboten. Aber auch das ergab keinen Sinn. Sie waren Gestaltwandler und keine Ordensschwestern. Wenn sie nicht ab und zu Dampf abließen, gingen sie elendiglich ein. Das wusste Curran besser als jeder andere.

Ich speicherte diese Information ab, um irgendwann später gründlich darüber nachzudenken. Im Moment war der Mann mit dem Umhang meine Hauptsorge.

Joshua war aus einem bestimmten Grund getötet worden. Der Mann hatte große Anstrengungen unternommen, eine Schlägerei anzufangen, eine Wand zu durchbrechen, aus Joshua einen menschlichen Schmetterling zu machen und ihn zu infizieren. Es war unwahrscheinlich, dass er es nur zum Spaß getan hatte, was bedeutete, dass er einen Plan hatte und nicht eher aufhören würde, bis er ihn umgesetzt hatte. Und wenn dieser Plan beinhaltete, einen Menschen in einen Brutwirt für Syphilis zu verwandeln, konnte das nichts Gutes bedeuten.

»Wir führen eine ruhige Gaststätte«, sagte Maggie. »Normalerweise wollen unsere Gäste sich nicht prügeln. Sie wollen nur etwas trinken, ein bisschen Billard spielen und dann wieder nach Hause gehen. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, blaffen sie sich eine Weile gegenseitig an und warten darauf, dass Toby und Vik die Streithähne trennen. Aber diese Sache … So etwas ist hier noch nie passiert. Der Fremde schlug einmal zu, und im nächsten Moment explodierte die Menge. Die Leute schrien und prügelten sich. Sie knurrten wie wilde Tiere.«

Ich sah Vik an. »Haben Sie an dem Kampf teilgenommen?«

»Ja.«

»Und Sie?« Ich sah Toby an.

»Ja.«

Ich wandte mich Cash zu.

Er nickte. Ihren Gesichtern war anzusehen, dass sie nicht stolz darauf waren. Die Rausschmeißer wurden dafür bezahlt, einen kühlen Kopf zu behalten, und Cash war der Inhaber des Ladens.

»Warum haben Sie mitgekämpft?«

Sie starrten mich verständnislos an.

»Ich war sauer«, sagte Vik schließlich. »Stinksauer.«

»Wütend«, sagte Toby.

»Warum?«

Vik zuckte mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste.«

Interessant. »Wie lange hat die Schlägerei gedauert?«

»Ewig«, sagte Toby.

»Etwa zehn Minuten«, sagte Maggie.

Das war recht lange für eine Schlägerei. Die meisten Kneipenraufereien waren nach wenigen Minuten vorbei. »Wurde es mit der Zeit schlimmer?«

Maggie nickte.

»Hat jemand gesehen, wie Joshua starb?«

»Alles war völlig verschwommen«, sagte Toby. »Ich erinnere mich, dass ich jemandem den Kopf gegen die Wand geschlagen habe und … Ich weiß selbst nicht, warum ich das getan habe. Es fühlte sich an, als könnte ich einfach nicht mehr aufhören.«

»Ich habe es gesehen«, sagte Maggie und schlang die Arme um den Oberkörper. »Der Kampf brach aus, und Joshua war mittendrin. Er war ein großer Mann, und er wusste, was er tat. Ich habe sie angeschrien, dass sie aufhören sollen. Ich hatte Angst, dass sie alles zu Kleinholz schlagen. Aber niemand hat auf mich gehört. Joshua mähte die Leute mit den Fäusten um. Dann packte dieser Mann ihn, und sie krachten durch die Wand. Der Mann zerrte Joshua zum Telefonmast, schnappte sich eine Brechstange und stieß zu. Joshua wand sich wie ein Fisch auf dem Trockenen, als er am Mast hing. Der Mistkerl legte eine Hand auf Joshuas Gesicht. Ein rotes Licht blitzte auf, und dann ging er weg. Ich habe Joshuas Augen gesehen. Er lebte nicht mehr.«

Es wurde immer besser.

Maggie krümmte sich. Cash legte ihr eine Hand auf die Schulter. Niemand sagte etwas, aber ich sah den gequälten Ausdruck auf Maggies Gesicht. Aber es war, als würde seine Berührung ihr neue Kraft geben.

Eines Tages würde auch ich jemanden finden, an dessen Schulter ich mich anlehnen konnte. Ich musste mir nur klarmachen, dass es nicht Curran war. Und ich musste endlich aufhören, ständig an ihn zu denken, weil das mit Schmerzen verbunden war.

»Haben Sie während des Kampfes irgendetwas anderes von dem Mann gesehen? Jedes Detail könnte uns weiterhelfen.«

Maggie schüttelte den Kopf. »Nur den Umhang.«

Die Techniker von Biohazard hatten zweifellos Aussagen aufgenommen, bevor sie die Kampfhähne nach Hause geschickt hatten. Ich war bereit, eine Tafel Schokolade darauf zu verwetten, dass niemand das Gesicht des Unbekannten unter dem Umhang gesehen hatte.

Eine zehnminütige Schlägerei, fünfzig Augenzeugen und keine brauchbare Beschreibung. Das war zweifellos Rekord.

»Okay«, sagte ich und seufzte. »Was ist mit der Kreatur im Keller? Was wissen wir darüber?«

»Groß«, sagte Vik. »Haarig. Riesige Zähne.« Er hielt die Hände nebeneinander, um mit den Fingern die Länge der Zähne anzudeuten. »Wie eine Ausgeburt der Hölle.«

»Wie ist diese Ausgeburt in den Keller gekommen?«

Der kleinere Rausschmeißer zuckte mit den Schultern. »Ich war dabei, mich zur Theke vorzukämpfen, um die Schrotflinte zu holen. Da trifft mich irgendein Arsch mit einem Billardstock, und ich stürze die Treppe hinunter, wobei ich mir leicht den Kopf verletze. Nachdem der Raum aufgehört hat, sich um mich zu drehen, versuche ich aufzustehen. Dann sehe ich, wie dieses riesige Ding runterkommt. Gemeine Zähne, glühende Augen. Ich denke schon, dass ich jetzt erledigt bin. Aber dann springt es über mich hinweg und in den Keller. Ich schlage die Tür zu, und das war’s.«

»Hat jemand gesehen, wie diese Bestie mit Joshuas Mörder hereinkam?«

Niemand sagte etwas. Also vermutlich ein Nein.

»Hat es versucht auszubrechen?«

Beide Rausschmeißer schüttelten den Kopf.

Ich erhob mich und zog Slayer aus der Rückenscheide. Das Schwert fing das blaue Licht der Feenlampen auf. Ein leichter Perlmuttschimmer breitete sich entlang der Klinge aus. Alle traten einen Schritt zurück.

»Schließen Sie die Tür hinter mir ab«, sagte ich zu ihnen.

»Was ist, wenn Sie nicht mehr rauskommen?«, fragte Maggie.

»Ich werde wieder rauskommen.« Ich entriegelte die schwere Holztür, öffnete sie und trat geduckt hindurch.

Dunkelheit umfing mich. Ich wartete, bis sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten.

Im Keller war es ruhig. Tiefe Schatten und der intensive Geruch nach Hopfen und Spirituosen. Die dunklen Wölbungen großer Bierfässer ließen nur einen schmalen Weg frei. Ich rückte weiter vor und war bereit, jeden Augenblick in Deckung zu gehen. Mir taten der Rücken und die Knie weh. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte, war etwas Großes, dessen Zähne lang wie Viks Finger waren und das mich von oben ansprang.

Nichts außer Mondlicht, das durch den schmalen Spalt eines Fensters rechts über mir fiel.

Ein schwarzer Schatten regte sich an der gegenüberliegenden Wand.

»Hallo«, sagte ich und nahm Kampfhaltung an.

Ein leises kehliges Winseln antwortete mir. Ein recht jämmerlich klingendes Winseln, gefolgt von einem schweren Keuchen.

Ich trat einen weiteren Schritt vor und hielt inne. Keine aufblitzenden Zähne. Keine glühenden Augen.

Meine Nase nahm die Duftnote von Fell wahr. Interessant.

Ich legte etwas mehr Begeisterung in meine Stimme. »Komm zu mir, Kleiner!«

Wieder winselte der dunkle Schatten.

»Sei ein guter Junge. Hast du Angst? Ich hab auch Angst.«

Das leise Geräusch eines über den Boden wischenden Schwanzes folgte dem Keuchen.

Ich schlug mit der Hand auf meinen Oberschenkel. »Na, komm schon! Lass uns zusammen Angst haben. Komm her!«

Der Schatten erhob sich und trottete auf mich zu. Eine feuchte Zunge leckte über meine Hand. Anscheinend gehörte diese dämonische Bestie zur freundlichen Sorte.

Ich griff in meinen Gürtel und entzündete ein Feuerzeug. Eine zottige Hundeschnauze begrüßte mich, mitsamt großer schwarzer Nase und unendlich traurigen Hundeaugen. Ich streichelte vorsichtig das dunkle Fell. Der Hund keuchte und warf sich auf die Seite, um mir den Bauch zu präsentieren. Reißzähne und glühende Augen, alles klar. Ich seufzte, ließ das Feuerzeug ausgehen und klopfte dann gegen die Tür. »Ich bin’s. Bitte nicht schießen.«

»Okay«, rief Cash.

Ein metallisches Klappern kündigte an, dass der Riegel aufgeschoben wurde. Ich zog die Tür vorsichtig auf und stellte fest, dass ich auf das spitze Ende einer Machete blickte. »Ich habe die Ausgeburt der Hölle dingfest gemacht«, sagte ich. »Könnte ich bitte einen Strick haben?«

Zehn Minuten später hielt ich eine Kette in der Hand. Sie war dick genug, um einen Bären in Schach zu halten. Ich tastete hinter dem Kopf des Hundes – kein Halsband. Große Überraschung. Ich legte ihm die Kette an und öffnete die Tür. Die Bestie folgte mir gehorsam hinaus ins Licht.

Sie hatte eine Schulterhöhe von vielleicht achtzig Zentimetern. Das Fell war ein Gemisch aus Dunkel- und Hellbraun, im klassischen Dobermannmuster, nur dass das Fell nicht glatt und glänzend war, sondern eine verfilzte Masse aus wuchernden Locken. Vermutlich ein Bastard aus Dobermann und Schäferhund oder irgendwas Langhaarigem.

Vik nahm die Farbe eines reifen Apfels an.

Cash starrte das Tier an. »Ein verdammter Köter!«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich hat er während der Schlägerei Angst bekommen und ist blind geflüchtet. Ansonsten scheint er recht freundlich zu sein.«

Der Hund drückte sich gegen meine Beine und rieb mir eine kleine Armee aus Fäulnisbakterien in die Jeans.

»Wir sollten ihn töten«, sagte Vik. »Vielleicht verwandelt er sich wieder in etwas Böses.«

Ich bedachte ihn mit einem verstörten Blick. »Der Hund ist ein Beweisstück. Rühren Sie ihn nicht an.«

Vik entschied, dass er seine Zähne lieber im Mund als auf dem Boden hatte, und trat einen strategischen Rückzug an. »Gut.«

Ich war bereit, einen Hund zu töten, um mich zu verteidigen. Ich hatte es schon einmal getan und mich anschließend ziemlich mies gefühlt, aber damals ließ sich das Problem nicht anders lösen. Ich war außerstande, einen Köter umzubringen, der mir soeben die Hand geleckt hatte. Außerdem war der Hund wirklich ein Beweisstück. Ich wettete zehn zu eins, dass er ein Straßenköter war, der panisch auf die Magie reagiert hatte, mit der der große Unbekannte um sich geworfen hatte. Natürlich war es möglich, dass er des Nachts Tentakel ausbildete und mich zu töten versuchte. Das blieb abzuwarten. Ich würde ihn ein paar Tage lang beobachten, aber bis dahin würden die Ausgeburt der Hölle und ich unzertrennlich bleiben. Was nicht unbedingt gut für mich war, wenn ich bedachte, wie sehr er sich bemühte, mit seinem Gestank meinen Geruchssinn zu verätzen.

Ich brachte den Hund zu den Heilassistenten, die ihn auf die Seuche untersuchten. Er bestand die Prüfung mit Glanz und Gloria. Sie nahmen ihm etwas Blut ab, um es genauer zu analysieren, und wiesen mich darauf hin, dass er Flöhe hatte und übel roch, falls mir das entgangen sein sollte. Dann holte ich mir Papier und Stift aus Marigolds Satteltasche und setzte mich an einen Tisch in der Kneipe, um meinen Bericht zu schreiben.

Auf dem Parkplatz innerhalb meines Wehrkreises loderten rötliche Flammen. Drei Männer in Schutzanzügen gegen die Hitze schwenkten die Arme und entfachten die Glut mit ihrem Gesang. In diesem Inferno konnte ich nichts mehr von Joshua oder dem Mast erkennen.