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Nachdem Thomas Knittel mit uns den begehbaren Kleiderschrank durchwandert hat, geht er nun in seinem zweiten Werk den Geheimnissen des Wanderns an sich auf den Grund. Er analysiert die Laufstege und Holzwege des Lebens, beschreibt Aussichten und Einsichten und beleuchtet das Wandern als eine spezifische Weise menschlicher Lebenskunst. Stets geschieht dies mit einem ernsthaften Augenzwinkern. Saunagänge, Weinwanderungen, Spazierwege oder eine Tour zum armen Poeten lassen uns die kleinen Wege inmitten der großen entdecken und geben hier und da Anlass, aus der Zeit herauszutreten. Eine Art Pilgerbuch für Genießer.
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Gedanken von unterwegs für unterwegs. Mit Illustrationen von Gabriele Schwanebeck
DER WANDERER
WANDERGEFÄHRTIN
WIR GEHN DAHIN UND WANDERN
LAUFSTEGE
KLEINES ABC DER GANGARTEN
IST DIE AUSSICHT GUT?
GÜRTEL UND SCHUH
DIE WEISHEIT DER FÜSSE
FEHLGEHEN
DER LEBENSWEG ALS MODENSCHAU
PILGERN UND WANDERN
WEINWANDERUNG MIT HERRN KNOHLL
EIN BRIEF AN WANDERFREUND SCHILLER
SPAZIEREN
BESUCH BEIM ARMEN POETEN
AUS DER ZEIT HERAUSTRETEN
HOLZWEGE
DER MUT FÄLLT IN DIE FÜSSE
DER PERFEKTES AUNAGANG
AM TOR ZUR NEUEN WELT
GEDULDIGEN SCHRITTES
WO ALLE LASTER IHREN AUSGANGN EHMEN
DEMÜTIG IM AUFZUG
IM REICH DES BÜCHERKÄMMERERS
DRAUFGÄNGER
EINKEHR
HEIMAT
GEGENWIND
BLAUMACHEN
MEIN PFAD
INSTRUMENTE AM WEGESRAND
DIE KLEINEN WEGE INMITTEN DER GROSSEN
FLIEGEN
LOB DER SCHNÜRSENKEL
DANKE FÜR EUER MITWANDERN
EPILOG: MEIN HEIMGANG
Mit jedem Schritte wird er weiser.
Und alsbald weiß er: Es wird heißer.
So schleppt er sich von Bank zu Bank.
Und spricht am Ziel nur: „Gott sei Dank.“
Am nächsten Morgen sagt er heiter:
„Gottlob, ein Weg.“ Und wandert weiter.
Seit vierzehn Jahren wandern wir gemeinsam durch die Welt. Wenn Zeit und Füße es erlauben, unternehmen wir Fernwanderungen. In mehreren Etappen, von Ort zu Ort. Das Reisegepäck auf dem Rücken, am Abend eine andere Bleibe als am Morgen.
Unsere Laufbahn nahm ihren Ausgang am 2. Oktober 2011 in Altenberg/ Osterzgebirge, von wo aus wir gen Westen zogen, immer den Kammweg entlang. Etwa zwei Jahre später, natürlich mit Unterbrechungen, erreichten wir das Drehkreuz des Wanderns in Blankenstein/Thüringen. Sozusagen scheibchenweise hatten wir die Sächsisch-Böhmische Grenzregion durchschritten, ab und an ein Wochenende.
Nun hatten wir den Kammweg vollendet und strebten neuen Zielen entgegen. Jetzt auch für längere Zeiträume am Stück – eine Woche, zwei Wochen oder auch drei. Altmühltal-Panoramaweg, über die Alpen entlang der Via Claudia Augusta, Frankenweg, Rennsteig, Rheinburgenweg, Moselsteig. Dazu weitere Alpenpässe, wie etwa das Timmelsjoch oder das Hochjoch.
Von Ost nach West, von Nord nach Süd trugen uns die Füße, in ganz verschiedenen Gangarten, meist aber vergnügt. Zuweilen schwiegen wir gemeinsam, zuweilen tauschten wir uns über Zukunftspläne aus. Wir bestaunten grandiose Ausblicke und gewannen manch tiefen Einblick. Laufend entdeckten wir die Welt, spürten den Wind der Freiheit, ungezählt die Rasten, unerschöpflich der Vorrat an Aussichtspunkten.
Nun, meine Gefährtin, heut ich lade dich ein, mit mir durch dieses Buch zu pilgern. Es sei dir gewidmet, und zwar genau am Tage unserer Hochzeit. Vor 34 Jahren war’s, als wäre es gestern. Es sei des Wanderns noch kein Ende.
City-Jogging in High-Heels, Stoneman Miriquidi, zu Fuß über die Alpen, Berlin-Marathon oder Oldtimer-Rallye im Erzgebirge. Eine kleine Auswahl aus vielerlei Möglichkeiten.
Menschen sind unterwegs, solange sie existieren. Und wenn sie einmal nicht unterwegs sind, sind sie es doch. In den sozialen Medien etwa oder beim Surfen mit der Fernbedienung auf der Couch.
Der Mensch ist ein Wanderer, und das nicht nur zu Fuß. Er läuft, tingelt, streunt, flaniert, rennt, eilt und spaziert. Durch die Welt und durch das Leben.
Wohin du des Weges bist, weiß ich nicht. Aber ich will dir ein paar Gedanken in das Proviantbeutelchen packen. Von unterwegs für unterwegs. Eine Art Pilgerbuch sei dieses Büchlein, obwohl ich selbst noch nie gepilgert bin.
Eines der ungewöhnlichsten Wanderbücher ist vermutlich die „Theorie des Gehens“ von Honoré de Balzac. Darin analysiert er auf erstaunliche und zugleich unterhaltsame Weise die Gangart des Menschen. Wenn ich den Gang meines Gegenübers zu lesen verstehe, gleichsam als die Physiognomie seines Körpers, kann ich wissen, wer mir da begegnet. Balzac eröffnet seine Reflexionen über das Gehen mit einer durchaus überraschenden Beobachtung. „Ist es in der Tat nicht wirklich ganz außergewöhnlich festzustellen, dass, seit der Mensch geht, sich niemand je die Frage gestellt hat, warum er geht, wie er geht, ob er geht, ob er besser gehen könnte, was er beim Gehen tut, ob es kein Mittel gäbe, seinen Gang zu reglementieren, zu verändern, zu analysieren: Fragen, die alle philosophischen, psychologischen und politischen Systeme betreffen, mit denen sich die Welt seit jeher beschäftigt hat.“
„Wie geht es, lieber Karl?“ So überschrieb Sébastien Jondeau seine Erinnerungen an Karl Lagerfeld. Und es scheint dies in der Tat keine belanglose Frage zu sein. Im Gehen lernt der Mensch möglicherweise mehr als im Sitzen. In der Bibel heißt es „Mein Vater war ein umherirrender Aramäer“. Und man spricht von der Kirche als dem wandernden Gottesvolk. Komisch nur, dass sie manchmal so unbeweglich scheint.
Mancher wandert durch die Bücher, die andere wiederum von Ort und Ort, nicht ohne einen schweren Rucksack. Der dritte wandert von Erkenntnis zu Erkenntnis und die vierte schließlich von Anfang bis Ende.
„Da fing ein Wandern an.“ So hieß es in dem Weihnachtsspiel, das unsere Kinder jährlich im Kindergarten aufführten. Und so nahmen Maria und Josef ihren Weg nach Bethlehem. Genau genommen fing das Wandern freilich schon mit Adam und Eva an, just in jenem Moment, da sie dem Paradies den Rücken kehren mussten.
Im Netz las ich von einer Frau, die beinahe 50 000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hat. Eine Journalistin schrieb dazu: Sie erobert die Welt, und zwar Schritt für Schritt.
Ein jeder hat seinen Weg zu gehen. Manche sind darunter, die ich nicht selbst gewählt habe. Einmal sagte Jesus zu Petrus: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.
Herbert Grönemeyer kleidete die Trauer um seine verstorbene Frau seinerzeit in ein Wanderpoem mit dem Titel „Der Weg“. Die letzten Zeilen lauten: „Ich gehe nicht weg. Hab' meine Frist verlängert. Neue Zeitreise. Offene Welt. Habe dich sicher in meiner Seele. Ich trag' dich bei mir. Bis der Vorhang fällt.“
Wohl dem, der mit gutem Schuh besohlt ist und immer wieder Brücken findet. Wohl dem, der sich freuen kann an den Bildern rechts und links des Weges. Wohl dem, der Ziele hat, obgleich er sicher ahnt, sie nicht alle zu erreichen.
Auf einer Wanderung traf ich einmal einen Wegewart, der mit Stolz erzählte, wie er die ihm anvertrauten Wege regelmäßig begeht, die Ausschilderung prüft und eventuelle Hindernisse für die Wandersleute aus dem Weg räumt. Mir scheint das auch ein Bild für Gott zu sein, der gleichsam als Wegewart meiner Lebensetappen fungiert. „Unter seinem Schirmen bin ich vor dem Stürmen aller Feinde frei.“ (Johann Franck).
Manche sagen: Es geht seinen Gang. Buen Camino, spricht der Pilger. Einen geschmeidigen Gang auf dem Catwalk wünschen die Musen hinter dem Steg. Trittsicherheit braucht der Bergwanderer, insbesondere auf den schwarzen Wegen. Ein altes biblisches Gebet formuliert: Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
So sei es: „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht. Alles ist Gnade. Fürchte dich nicht.“ (aus dem Baltikum)
Laufstege sind zart und zerbrechlich wie Träume. Gelegentlich verlieren sie den Halt und sinken in sich selbst zusammen. Wie jüngst in Dresden geschehen. Glücklicherweise ereignete sich solches zu nächtlicher Stunde, sodass keinerlei Models oder Musen ihre Bahn zogen. Und auch die Tram hatte gerade frei, Gott sei Dank.
Wie es mit dem Carola-Steg weitergeht, wird sich zeigen. Ganz gewiss aber werden immer wieder neue Laufstege gebahnt werden, um uns zu jenseitigen Ufern zu führen.
Ihr merkt schon, ich gebrauche den Begriff des Laufstegs hier in einem sehr weiten Sinn. Aber im Grunde sind sie ja nichts anderes als Brücken hinüber ins Neuland. Aus dem Altbewährten führen sie hinüber in das noch unbekannte Land.
Als einer ihrer Erfinder gilt der Engländer Charles Frederick Worth, der vor mehr als 150 Jahren in Paris wirkte und als Gründervater der Haute Couture gilt. Mit zwölf Jahren begann er eine Lehre beim Herrenausstatter Swan & Edgar in London. Bald aber zog es ihn nach Frankreich, wo er zum Trendsetter wurde, indem er zum Beispiel die Modenschau erfand.
Zuvor war es üblich, die schicken Roben auf leblosen Puppen auszustellen. Auch suchten die Schneider ihre Kundinnen und Kunden zu Hause auf. Worth lud hingegen die Kundinnen ins Atelier, die Männer kamen notgedrungen mit. Er ließ die Kleider durch Models präsentieren und machte die Vorführung der Gewänder im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Show.
Bis zur Durchführung der ersten Fashion Week brauchte es dann noch einmal knapp hundert Jahre, wenn ich richtig informiert bin. Aber doch kann Mister Worth uns als Erfinder des Laufstegs gelten.
Und so ist der Laufsteg eine Art Brücke. Von der Bühne aus nimmt die Idee – in schicke Hüllen gekleidet – ihren Lauf und wandert mitten hinein in das Publikum. Sie wird bestaunt, beklatscht, vielleicht auch belächelt. Je kühner sie sich kleidet, desto interessanter wird sie. Allerdings braucht es Mut, sich dann selbst einmal in diese Idee zu hüllen und selbstbewusst aus dem Salon in die Welt hinauszuschreiten. Denn der Chor der Spötter hat längst die Partitur zur Hand genommen.