Let Me Go - Stefan Gatzemeier - E-Book

Let Me Go E-Book

Stefan Gatzemeier

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Beschreibung

Ja, ich habe Depressionen. Hinter mir liegt ein langer, steiniger Weg. Und auch vor mir türmen sich immer noch Berge und reißen Schluchten auf, die es zu überwinden gilt. Durchlaufen Sie mit mir eine Zeit, in der ich ganz unten im Tal, und dem Tod näher als dem Leben war. Und mich doch wieder aufgerappelt habe und die felsigen Klippen emporgeklettert bin. Ein Buch über das Verzweifeln und Hoffnungsschöpfen, vom Anfang und vom Ende. Und von der Kunst, sich doch nicht aufzugeben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stefan Gatzemeier

Let Me Go

Wenn die Depression nicht loslässt

© 2017 Stefan Gatzemeier

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359

Hamburg

1. Überarbeitete Fassung 2017

www.StefanGatzemeier.de

www.facebook.com/StefanGatzemeierAutor

Cover Foto: Annekatrin Seel

Homepage: www.fotografie-seel.de

Facebook: https://www.facebook.com/fotografieseel

ISBN

Paperback: 978-3-7345-8665-1

Hardcover: 978-3-7345-8666-8

e-Book: 978-3-7345-8667-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Über den Autor

Ob Stefan, Onkel Stefan, Gatze oder einfach Gatzi. Stefan Gatzemeier hat nicht nur viele Gesichter, sondern auch viele Namen. Doch eins ist immer gleich: Welcher Tätigkeit der 1981 in Hannover Geborene auch nachgeht, er macht es mit Begeisterung und 100%igem Einsatz. Wenn er nicht gerade bei einem großen Automobilhersteller in Hannover im Bereich der Arbeitssicherheit und des Umweltschutzes arbeitet, engagiert er sich ehrenamtlich beim Roten Kreuz als Sanitäter oder als Ausbilder für die Erste Hilfe.

Sein Interesse für die Psychologie/Psychotherapie wurde in seiner eigenen, langjährigen Therapie geweckt. Von 2015–2016 belegte er ein drei Semester langes Studium zum Psychologischen Berater/Personal Coach, welches er mit der Bestnote 1,0 abschloss. Oftmals ist er in einem Café vorzufinden und schreibt Texte für sein neues Buchprojekt, oder aber er bereitet Workshops und Vorträge über psychologische Themen vor. Seinen Rückzugsort findet er in einem kleinen Ort, am westlichen Rand der Region Hannover. Dort bildet er mit seinen Katern Pinky und Gizmo eine lustige Männer–WG.

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Prolog

Eiskalt

Boxer

Gefühlschaos

Laufen lernen

Ich kann stehen!

Einsichten

Startklar

Blick in die Vergangenheit

Familienbande

Perspektiven

Abschiede

Neue Interessen

Wer ist eigentlich Karl?

Stefan, Karl, ich und eine Wende

Veränderte Symptomatik

(K)ein Kribbeln im Bauch

Mein Nachwuchs

Lithium

Up and down

Der Halo-Effekt

Blickwinkel

Glück

Und wie geht es dir so?!

Und immer wieder Hass

Der Schwarze Hund

Die Reha

Tagesklinik 2.0.

Der Tod

Das Leben danach

Und doch nur eine Woche

Die große Gelassenheit

Und wieder ein Abschied?!

Immer wieder krank

So fühle ich mich wohl

Wie ich es mir wünsche

Und zum Schluss...

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Prolog

Es gibt Ereignisse, die wie ein Windhauch vorüberwehen und es gibt jene, die das Leben wie ein Erdbeben erschüttern und alles einstürzen lassen.

Jeder Mensch hat in der Vergangenheit gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Der eine verarbeitet sie, der andere stolpert darüber und arbeitet sie später auf. Wieder andere werden dadurch krank: so wie ich.

Dies ist die Geschichte über meinen Weg durch mein persönliches Erdbeben: meine Depression. Ein Weg, der mich an den Rand des Erträglichen und schließlich zu mir selbst gebracht hat. Mit diesem Buch möchte ich Erkrankten sowie Angehörigen Mut machen zu kämpfen und niemals aufzugeben. Ich zeige, dass diese Krankheit bei jedem Betroffenen unterschiedlich, und vor allem nicht so wie es im Lehrbuch steht, verlaufen kann.

Besonders an meiner Krankheitsgeschichte ist, dass sie noch

nicht zu Ende ist. Statt rückblickend, schrieb ich sie während meines Weges. Sie ist schonungslos und real.

Das Erzählen über das eigene Leben ist eine Achterbahn der

Gefühle, schließlich durchlebt man es ein zweites Mal.

Gleichzeitig bedeutet es eine spannende Reise – womöglich die spannendste überhaupt. Ich selbst sah sie als Expedition zu meinem eigenen Ich.

Der erste Meilenstein auf dem Weg zu sich selbst ist, sich mit anderen auszutauschen und zu wissen, dass man nicht allein ist, wenn man die richtigen Schritte geht.

Doch lesen Sie selbst und erkennen Sie:

jede Lebensgeschichte ist so unterschiedlich und abwechslungsreich wie der Mensch, der dahintersteckt.

Eiskalt

Dass sich mein Leben am Freitag, den 02.07.2010, schlagartig ändern würde, hätte ich nie gedacht. Ich ging davon aus, dass die größte Veränderung die Geburt meines ersten Kindes bedeuten würde, aber nicht, dass meine Frau mich verlässt.

Dass etwas nicht stimmte merkte ich natürlich. Wir waren im Schlafzimmer. Sie löste sich aus meiner Umarmung, stand auf und schlug ihre Bettdecke zusammen, was sie in den letzten siebeneinhalb Jahren nie getan hatte.

Ja, wir hatten während der letzten Tage etwas Stress miteinander wegen des Umzugs gehabt. Er sollte ein Neuanfang in ein besseres Leben werden und für Abstand zu ihren Eltern sorgen. Seit fünf Tagen wohnten wir nun in unserer neuen Wohnung. Der Umzug war vollbracht und fast alle Kartons ausgepackt.

Wir haben uns nahezu komplett neu eingerichtet und viele Möbel und alte Erinnerungen weggeworfen.

Stress war für uns nichts Neues, wir brauchten das. Das machte uns aus. Die Fetzen flogen und danach ging es uns wieder gut. In den ganzen Jahren gingen wir nur einmal ohne Aussprache ins Bett.

“Liebst du mich noch?“, fragte ich sie, als sie aus dem Schlafzimmer gehen wollte.

Sie drehte sich um, schaute mich kurz an und verließ dann wortlos den Raum. Keine fünf Minuten später kam sie zurück, schaute mich wieder an und sprach dann die Worte, die mein Leben total auf den Kopf stellten.

„Ich habe keine Gefühle mehr für dich.“ Meine Welt brach in diesem Moment wie ein Kartenhaus zusammen.

Sie erklärte mir, dass sie bereits seit langem nur noch wie Bruder und Schwester fühle.

Außerdem hätte ich mich nicht weiterentwickelt und sie hätte mit ihren Problemen nicht mehr zu mir kommen können. Mit meinen Depressionen und Aggressionen käme sie sowieso nicht klar.

Ich habe sie in diesem Moment nicht wiedererkannt. Sie war emotionslos und eiskalt. Noch heute läuft mir ein eisiger Schauer den Rücken herab, wenn ich daran denke.

Mir fehlen die Worte um das, was ich in diesem Moment gespürt habe, zu beschreiben. Die Frau, die ich so sehr liebte, mit der ich Kinder haben wollte, erklärte mir, dass ich ein Verlierer bin. Es schien mir, als wäre es nicht meine Frau, die diese Worte von sich gab, sondern eine Fremde.

Meinen Einspruch, dass sich mein Zustand verbessert habe, lehnte sie vehement ab und bestand darauf, dass es schlimmer geworden wäre mit mir. Überhaupt sei sie mit mir nur in diese Wohnung gezogen, um aus ihrem Elternhaus zu entkommen – zu jedem Preis.

Sie meinte noch, dass es keinen anderen Mann gäbe. Mit mir geschlafen habe sie nur noch, weil sie „Bock“ darauf hatte, nicht, weil sie mich liebte. Ausgerechnet sie, die Liebe und Sex nicht trennen konnte, sagte mir so etwas?! Nachmittags bot sie mir sogar noch an, mit mir zu schlafen.

„Ich mache sofort die Beine breit“, waren ihre Worte.

Ich saß noch immer kerzengerade im Bett, nachdem sie zur Arbeit gegangen war, verstand gar nichts mehr und verfiel in eine Art Schockstarre. Für mich war an Arbeit ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken und ich nahm mir ohne zu zögern frei. Dass der voran gegangene Tag mein letzter Arbeitstag für viele Wochen gewesen sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Alles, was ab diesem Tag bis zu meiner Aufnahme in der Klinik 12 Tage später passierte, daran erinnere ich mich nur schemenhaft.

Wer war ich? 29 Jahre alt, fast 4 Jahre verheiratet, geprägt von Vorurteilen anderen Menschen gegenüber und stark nationalsozialistisch eingestellt. Meiner Meinung nach war ich so, wie andere es von mir erwarteten.

Ich habe gelernt Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen zu lachen... NUR, um den anderen zu zeigen, dass es mir “gut” geht und, um sie glücklich zu machen!!!

Dass ich Depressionen hatte, war mir im vergangen Jahr (2009) richtig klargeworden. Es war Ende Oktober und ich hatte 3 Wochen Urlaub. Ich hatte niemandem meine Sorgen anvertraut. Drei voneinander unabhängige Tests habe ich im Internet gemacht und alle hatten dasselbe Ergebnis: Sofort behandlungsbedürftige Depressionen. Ich dachte mir damals schon, dass es Depressionen sein könnten, hätte sie aber niemals auf behandlungsbedürftig eingestuft. Und ich war der Meinung allein damit klar zu kommen. Dass mich die Depression damals schon komplett im Griff hatte, daran hatte ich nicht gedacht. Kaum ein Mensch, der nicht die Vielschichtigkeit einer Depression kennt, hätte das damals erkannt.

Erst im Weihnachturlaub auf den Malediven habe ich mich ihr anvertraut. Dadurch entstand der größte Streit unserer Beziehung.

Ihr Kommentar dazu war simpel. Wo andere zu ihren Ehemännern sagen: „Mit Liebe schaffen wir das“, erklärte meine Frau: „Ich weiß nicht, ob ich damit leben will!“

Das Fazit war, dass wir es vorerst ohne ärztliche Hilfe versuchen wollen. So starteten wir ins neue Jahr.

Unser Streit entfachte sich schließlich durch das Pärchen, das wir auf dem Hinflug von Frankfurt kennengelernt hatten: Sie war ein Niemand und er ein Prahler.

Solche Männer mochte meine Frau. Angeber, die gut reden können und viel Geld verdienen. Die Frau des Möchtegerns ließ sich von ihm aushalten, doch das alles sah meine Frau nicht. Die beiden verstanden nicht, warum ich am Strand sitzen und meine Ruhe haben wollte. Er war der Meinung, sich ein Urteil über mich bilden zu können, indem er feststelle, dass ich nicht normal sei. Er riet meiner Frau sogar, sich rechtzeitig von mir zu trennen. Jung genug sei sie schließlich.

Als sie mir davon berichtete, wollte ich wissen: „Hast du mich wenigstens verteidigt?“

Sie schüttelte nur den Kopf. Das zog mir förmlich den Boden unter den Füßen weg. Meine eigene Frau hält nicht zu mir!

Als wir wieder zu Hause waren, rief ich meine Mutter an und gestand ihr unsere Probleme und meine Depressionen. Dass ich Depressionen habe, wüsste sie schon lange. Sie habe sich lediglich nicht in unser/mein Leben einmischen wollen. Außerdem hätte ich ihr sowieso nicht geglaubt. Zudem wäre ihr bekannt, dass ich Probleme mit meinen Aggressionen habe. Sie hatte recht: Hausratsgegenstände, Wände, Türen wurden in den letzten Jahren in Mitleidenschaft gezogen.

An jenem Freitag folgte die erste Nacht, die ich auf der Matratze in der Stube verbrachte. Ich hatte Heulkrämpfe und lag mit Schmerzen auf dem Boden, sie ließ mich liegen ohne eine einzige Regung. Ich war gefangen in einem Alptraum, von dem ich nicht aufwachte und ich flehte innerlich: „Weckt mich endlich auf!“

Am frühen Abend des darauf folgenden Tages, sie war bei ihren (damals noch unseren) Freunden zum Fußball schauen, begann ich Tabletten zur Beruhigung zu schlucken. Ein Muskelrelaxan, ein Mittel, das die Muskeln entspannt und einen sehr schnell schläfrig macht und inzwischen vom Markt genommen worden ist.

Ich hatte es früher vom Arzt verschrieben bekommen. Nach der dritten Tablette musste ich, warum auch immer, an meinen Arbeitskollegen denken. Er war bestimmt sauer, dass ich ihn auf der Arbeit sitzen ließ. Ich rief ihn an und erzählte ihm alles. Ich glaube heute, dass genau dieser Anruf mir das Leben gerettet hat. Die Packung mit den Pillen hätte ich leer gemacht, was mir mit Sicherheit das Leben gekostet hätte. Nachschub hatte sich über die Jahre reichlich angesammelt. Dass ich mir in diesem Moment die Lichter ausschießen wollte, wurde mir erst später klar. Es ist erschreckend zu was man in der Lage ist, wenn man verzweifelt ist. Der Griff zu den Tabletten war in diesem Moment ein Automatismus.

Als meine Frau mich so sah, legte sie mir nahe auszuziehen, weil sie meinen Anblick nicht mehr ertragen könne.

Trotz der Tabletten die ich zu mir genommen hatte, zog ich in der Nacht zum Sonntag aus. Wie ich um halb drei Uhr morgens bei meiner Mutter landete, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich an die Fahrt zu ihr nicht erinnern.

Ab diesem Zeitpunkt habe ich nahezu nichts mehr gegessen und getrunken. Kaum noch ansprechbar und abwesend brachte mich meine Mutter am Sonntagmittag zum Notarzt, der mich ohne lang zu überlegen sofort mit dem Krankenwagen in die psychiatrische Klinik nach Köthenwald bringen ließ. Da auf der offenen Station kein Bett frei war und der Oberarzt mich nicht auf die geschlossene schicken wollte, durfte ich nach Hause. Er sagte mir aber einen Platz zu, sobald er verfügbar wäre.

Zuhause gab es für mich nicht mehr. Auch wenn es in dem Moment mein geringstes Problem war, war die Tatsache, keine eigene Wohnung mehr zu haben, sehr beschämend. Meine Mutter wurde angewiesen, mich unter ständiger Beobachtung zu halten.

Am Montagvormittag rief meine Frau mich an und erzählte mir irgendetwas von Kontoauflösung und Autokredit Umschreibung. Sie hätte auch vor, sich komplett von mir zu trennen, erzählte sie mir beiläufig. Einen notariellen Vertrag hätte sie in Bearbeitung, damit die Scheidung so schnell wie möglich über die Bühne gehen würde. Meine wichtigsten Sachen könnte ich abholen.

Scheidung... Da war es, dieses Wort, das ich in unserer Ehe nie hören wollte. Doch in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Es ging mir schlagartig besser, weil ich nicht mehr zusehen musste, meine Ehe zu retten. Sie war vorbei und ich konnte mich auf mich selbst konzentrieren. Ich konnte die Scheidungsunterlagen an meine Anwältin abgeben und hatte eine Last weniger zu tragen. Ich brauchte Hilfe, Unterstützung für ein anderes Leben. Unterstützung oder wenigstens Verständnis bekam ich von der ganzen Familie. Meiner Familie!

Die nächsten Tage verbrachte ich mit organisatorischen Vorgängen: Umschreibungen, Kontoeröffnung, meine persönliche Sachen aus der Wohnung holen usw. Ja, meine Habseligkeiten waren bereits verpackt. Die Wohnung betrat ich nur noch unter Zeugen und wenn sie nicht da war. Ich wollte ihr nicht mehr begegnen. Einzelne Zimmer waren abgeschlossen. Ich hätte darin nichts zu suchen, so ihre Erklärung. Wahllos war alles zusammen geworfen. Es folgten noch einige Telefonate mit meiner Frau, wo sie mir noch einiges vorwarf und nur noch die schlechten Zeiten in unserer Ehe aufzählte – z.B. warum sie mich doofes Schwein überhaupt lieben konnte. Solange ich mit ihr in Kontakt stand, kam sie mir eiskalt und mit einer von ihr unbekannten Hochnäsigkeit entgegen. Sie wusste ganz genau, wo sie mich treffen konnte. Eineinhalb Wochen später war ich dann stationär in der „Klinik für die Seele“.

Zur Vorbereitung auf meinen Klinikaufenthalt sollte ich meine Erwartungen aufschreiben. Ich musste nicht lange darüber nachdenken.

Da meine Frau sich inzwischen komplett von mir getrennt hat, brauche ich mich nicht mehr darum zu kümmern, eine Ehe zu retten. Ich muss lernen, mit diesem Schmerz und dieser tiefen Enttäuschung, umzugehen. Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, doch nicht immer geht der Schmerz! Mir tut es unendlich weh zu sehen bzw. zu hören, dass es ihr ohne mich gut geht. Der Gedanke, dass es dort mal einen anderen Mann geben wird, den sie liebt, der sie berührt, der sie tröstet, wenn sie traurig ist, ruft ein unheimlich schmerzvolles Gefühl und Selbstzweifel in mir hervor. Ich habe früher immer darüber gelacht, wenn jemand sagte „mein Herz wurde gebrochen“ oder „mein Herz ist in tausend Teile gesprungen“. Heute kann ich diese Worte mehr als verstehen. Ich kann sie am eigenen Leib spüren. Mein Herz wurde förmlich aus mir herausgerissen. Ja, die Schmerzen sind nicht nur in meiner Seele, in meinem Herzen auch!

Ich möchte lernen damit umzugehen, eine Narbe wird bleiben, aber ichmuss mit dieser Narbe leben können.

Narben auf dem Körper sind Zeichen, dass man gelebt hat.

Narben auf der Seele, dass man geliebt hat!!!

Zudem muss ich lernen wieder allein zu sein, was ich die letzten 8 Jahre nie wirklich war. Es gibt nichts Schlimmeres als allein zu sein. Ich fange dann immer an mich „einzuigeln“ und bin alles andere als kontaktfreudig. Ich starre regelrecht vor mich hin, mich überkommen Traurigkeit, Selbstzweifel und Grübeleien. Auffällig oft, wie auch gerade, verbunden mit Schlafstörungen und Nervosität. Häufig kommt das in der dunklen Jahreszeit vor.

Dann gibt es noch diese andere Seite von mir, die aber merkwürdigerweise zu 90% nur in meinem Privatleben vorkommt. Nicht auf der Arbeit. Da dauert es recht lange bis das Fass zum Überlaufen gebracht wird. „Der geht hoch, wie ein HB Männchen“ passt am besten zu mir im Privatleben. Ich habe das nur nicht mehr unter Kontrolle, ich sage und mache Sachen, die ich eigentlich so nicht will. Ich werde aggressiv und leider seit einiger Zeit auch gewalttätig. Keinem anderen Menschen gegenüber, da gebe ich Brief und Siegel drauf. Mir selbst Gegenüber. Ich schlage mich, ich boxe mich und ich bin ein Meister darin, mir selber seelische Schmerzen zuzufügen. Unsere Katzen lehnen mich ab und da könnte ich durchdrehen. Ich will den beiden doch nur Gutes, warum haben sie Angst vor mir? Ich hasse mich so sehr. Ich bin ein schlechter Mensch!

Klappt oder funktioniert etwas nicht bzw. sage ich wieder böse Sachen, verspüre ich diesen Drang, mich selbst zu verletzten. Mich zu bestrafen.

Ich schlage gegen Wände, sage wieder Sachen, die alles noch schlimmer machen oder zerstöre leicht beschädigte Sachen komplett. Ich möchte einfach lernen, wie ich mich besser unter Kontrolle halten kann, bevor noch alles viel schlimmer wird. Wie man mit Depressionen, Traurigkeit und Selbstzweifel umgehen kann. Ich will mich ändern. Es wird ein hartes Stück Arbeit, das weiß ich. Man kann alles lernen, man braucht für manches aber einen Lehrer, eine Anleitung und einen Schubs in die richtige Richtung.

Ich will (muss) mich ändern! Brauche dafür aber Hilfe, weil mein Akku zurzeit nur noch auf Reserve läuft!

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Gatzemeier

Boxer

An meinem zweiten Tag in der Klinik waren meine Gedanken fast ausschließlich bei meiner Frau. Die Frau, die mich nicht mehr wollte. Der Visite habe ich gesagt, dass ich keine Beruhigungstabletten mehr nehmen möchte. Ich war müde, als hätte ich tagelang nicht geschlafen, und konnte nur geschwollen reden. Doch zum Reden war ich schließlich dort. Also wurde mir gestattet, sie bei Bedarf zu nehmen. Lediglich die Antidepressiva waren Pflicht.

Die Entscheidung, meine Frau derzeit nicht sehen zu wollen, war meines Erachtens die absolut richtige. Mit ihrem Verhalten machte sie es mir leichter. Was auch immer in ihr vorging – ich verstand es nicht und es machte mich traurig. Wie kann jemand ertragen, den Menschen, den man mal geliebt hat, so leiden zu sehen?! Eines wusste ich: ihrem Freundeskreis erzählte sie Halbwahrheiten. Mir zu sagen „Ich liebe dich nicht mehr“ ist eine Sache. Musste sie aber noch in der Wunde herumstochern? Immerhin war ich derjenige gewesen, der sich nach dem Tod ihrer Großeltern aus dem Streit mit ihrer Mutter herausgehalten hatte. Es gab Ungereimtheiten beim Verteilen des Erbes, und erst als meine Frau durch diesen Streit krank wurde, bat ich alle an einen Tisch für eine Aussprache. Es half alles nichts, sie sprach nach der Aussprache noch weniger mit ihr als zuvor. Jetzt hieß es, ich hätte sie angeblich angestachelt und ich wäre an diesem Streit Schuld. Zudem hielt sie mir vor, ich würde ihr Geld für den LKW-Führerschein schulden, den ich am Anfang unserer Ehe gemacht hatte. Der LKW-Führerschein ist zum großen Teil von der Steuer absetzbar und wir vereinbarten bei der Rückerstattung, dieses Geld für einen gemeinsamen Urlaub zu verwenden. Letztendlich waren wir davon 15 Tage in der Karibik. Doch das sah sie jetzt völlig anders.

Und sie betonte erneut, dass es ja mehr als gerecht ist, wenn wir die neue Wohnung neu einrichteten und ich davon jetzt nichts mehr bekommen sollte. Ich wusste, dass ich diese Gedanken loswerden musste. Ich wünschte mir jedoch, dass ihr Freundeskreis alles herausbekommen und sie dafür bestrafen würde. Waren das schon diese Hass-Gedanken, von denen man mir berichtet hat? Darf man die haben? Ich wusste es nicht und war ratlos. Ich hatte bereits viele Niederlagen erlitten, doch diese schlug mich k.o. Davon musste ich mich nun erholen. Mir war klar, dass es nicht einfach werden würde und Zeit bedurfte. Aber ich wollte aufstehen. Ein Boxer beendet nur selten seine Karriere mit einem erhaltenen k.o. Hoffentlich gehörte ich zu jenen Kämpfern, die sich erholen. Es fühlte sich sogar fast so an, als freute ich mich auf einen Neuanfang und die Herausforderung. Ja, ich würde wiederkommen, vielleicht sogar stärker als zuvor.

Gefühlschaos

Am dritten Tag in der „Klinik für die Seele“ bestanden meine Gefühle aus Angst und Unsicherheit. Ich versuchte mich nicht unterkriegen zu lassen.

Der Weg, den ich gehen musste, war lang und steinig und ich fürchtete, über diese Steine oder gar über meine eigenen Füße zu stolpern. Alle Probleme, die ich hatte, die mich quälten, wollte ich am liebsten auf einmal lösen, damit ich von ihnen befreit wurde. Allerdings waren langsame und kleine Schritte angebracht. Außerdem musste ich den Fokus auf mich selbst richten, ohne an die Sorgen anderer zu denken. Schließlich schleppte ich genügend Ballast mit mir herum.

Die Hilfe, die ich erhielt, brauchte ich. Das erste Gespräch mit der Psychologin tat gut. Frau Korona hatte sofort einen Zugang zu mir gefunden. Sie warnte mich jedoch vor, dass mich demnächst eine Kollegin betreuen würde, weil sie selbst in den Urlaub ging. Mir war das egal, ich wollte mir alles von der Seele reden, mit wem auch immer. Der Schmerz und die Frage nach dem Warum fraßen mich auf.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, die Klinik ohne ambulante Unterstützung zu verlassen. Von meinem Arbeitgeber erhielt ich Rückendeckung. Zum Glück, denn ich hatte gerade erst zum Anfang des Monats meinen Festvertrag bekommen. Eine weitere Last, die mir genommen worden war. Nur wer seine Gedanken unter Kontrolle hat, ist wirklich frei!

“Du schaffst das“, predigte ich mir immer wieder. Aber wie sicher war ich mir wirklich?

Einige Dinge begann ich zu vermissen z.B. das Gefühl geliebt und gebraucht zu werden, unabdingbar zu sein für eine nicht verwandte Person. Ja, auch Zärtlichkeit fehlte, womit ich nicht den Akt an sich meine.

Aber wollte ich das von ihr haben? Sie brauchte mich nicht mehr. Das war doch das eigentliche Problem: Sie brauchte meine Liebe nicht mehr. Das zu akzeptieren sollte mein Ziel sein. Sie wollte mich nicht mehr und das zeigte sie mir auf eine sehr schmerzvolle Art und Weise. Frau Korona gab mir Recht, dass das weh tut, riet mir jedoch, etwas Positives davon mit zu nehmen. Nur was?

Ich wollte danach wieder spazieren gehen. Keine Ahnung warum mir das so gut tat. Thomas, ein Mitpatient in meinem Zimmer, sagte etwas sehr Berührendes: Wenn man nicht mehr geliebt wird, muss man anfangen sich selbst zu lieben. Er hatte so recht und beim Schreiben hängt mir wieder ein Kloß im Hals. Es stimmt, ich hasste mich. Warum konnte ich mich nur nicht im Gespräch mit der Psychologin so ausdrücken?

Ich weiß nicht, ob das hier jemand irgendwann mal liest, aber dass was ich hier schreibe, beschreibt meinen derzeitigen Zustand am besten.

Warum sehe ich immer nur das Negative in meinem Leben? Überwiegt diese Seite so sehr?

Ja es gab Sachen in meinem Leben, die hätten besser oder schöner laufen können. Warum gestand ich mir aber nicht ein, dass ich schon so viel Schönes erlebt habe und auch erreicht hatte? Vielleicht hatte ich zu viele schlechte Erfahrungen machen müssen. Es nervte und verletzte mich, dass alles was ich machte, immer in Frage gestellt wurde. Immer war ich der kleine Bruder, Schwiegersohn, Sohn, der von nichts eine Ahnung hat. Ich kann etwas und weiß sehr wohl etwas. Nur was kann ich wirklich? Das würde ich herausfinden müssen.

Laufen lernen

Nun befand ich mich vier Tage in der Klinik und hatte endlich herausgefunden, was Frau Korona mit „etwas Positives aus der Sache ziehen“ meinte. Wäre meine Frau nicht so kalt und gemein zu mir, hätte ich größere Probleme über die Sache hinweg zu kommen.

Ich habe mit meiner Frau telefoniert. Das tat mir überhaupt nicht gut. Selbst über das Telefon brachte sie eine unheimliche Kälte herüber. Ich hatte Angst was auf mich zukommt und dass andere eine negative Meinung von mir haben könnten. Warum war mir die Meinung anderer nur so wichtig?

Ich traute mich manchmal gar nicht mehr, etwas vor neuen Bekannten zu sagen. Es wurde zu schnell das Negative in mir gesehen. Vielleicht sollte ich anfangen, meine Einstellung zu ändern. Das Glas ist halb voll und nicht halb leer. Ich fürchtete, dass ich das mit der neuen Wohnung vielleicht schaffe, dort jedoch wieder allein sein würde. Eine Scheißangst hatte ich sogar. Außerdem hatte ich Angst vor Geselligkeit und vor neuen Leuten; einen Korb zu bekommen, weil sie mich wegen meiner Art, die meiner Meinung nach nicht der Norm entsprach, nicht mochten. Die Frage ist: was ist denn eigentlich die Norm? Und wer bestimmt diese? War ich nicht vielleicht gerade interessant, weil ich nicht der Norm entspreche? Ich konnte doch nichts für meine Gefühle. Wie lerne ich das positive Denken?

Meine Schwester und mein Schwager waren heute da. Sie respektierten weiterhin meine Entscheidung, in einer Klinik zu sein. Ihr fehlendes Verständnis dafür brachten sie mit harten Worten vor. Ob sie wussten, dass sie mir damit wehtun? Sie erzählten mir auch etwas vom Urlaub in der Dominikanischen Republik, wo ich mit meiner Frau, meinem Vater und meiner Stiefmutter gewesen bin.

Ich hätte mich auch dort teilweise wohl nicht toll aufgeführt – was auch immer sie damit meinten. Wenn jemand etwas gegen mein Verhalten hat, sollte er auch die Courage besitzen mir das persönlich zu sagen.

Ich hatte Angst, keine neue Frau und kein Selbstvertrauen mehr zu finden. Kann man wieder lernen, sich selbst zu vertrauen? Auf “Das Eine“ mochte und konnte ich nicht verzichten, das war mir schon immer wichtig. Jasmin, meine langjährige Freundin, hat wohl recht, ich musste mich nochmal richtig austoben, jetzt, da ich die Möglichkeit dazu hatte. Sie war für mich in den ersten Tagen sofort da gewesen, als es mir so schlecht ging. Ich mag sie sehr gerne.

Ich bemerkte, dass ich über andere Frauen nachdachte. Fing ich an, meine eigene zu vergessen? Die Frau, mit der ich so gerne alt geworden wäre? Nein, das war es nicht. Lediglich mein Herz begann, dieses Kapitel ohne „happy end“ zu schließen. Das Kapitel war zu Ende, das Buch aber noch nicht. Sie hatte eine Hauptrolle gehabt und ist ausgestiegen. Dramatisch und unverhofft. Mein Herz, der Regisseur, würde in den folgenden Kapiteln nach einer neuen Hauptrolle suchen.

Aber kam der Ausstieg überhaupt so unverhofft? Mit etwas Abstand gesehen, fügte sich ein Puzzlestück dem anderen hinzu. Hatte ich es nicht sehen wollen? War ich bis zum Schluss blind vor Liebe gewesen? Aber warum war sie dann nicht bereit, etwas für unsere Liebe zu tun? Wollte oder konnte sie nicht? Es würde eine offene Frage bleiben. Trotz allem ist der Entschluss, sie nicht mehr sehen zu wollen, der richtige für mich. Sie will das Kapitel mit mir in der Hauptrolle um jeden Preis so schnell wie möglich beenden. Es war ihr Buch. Aber ich wollte darin weder als Bösewicht noch als Feigling ausscheiden. Dafür hatte ich zum Glück meine Anwältin; jemanden, der meine Interessen vertrat.

Ich allein besaß dafür keine Kraft. Meine Reserven waren erschöpft. Einen Teil des Akkus konnte ich in der Klinik wieder aufladen, den Rest musste ich versuchen, woanders zu reaktivieren. Ich musste mich um meine eigenen vier Wände und meine Arbeit kümmern. Aber dafür brauchte ich meine Freunde und meine Familie. Doch welche Freunde? Vielleicht hatte ich zwei Kollegen, die ich auch als Freunde bezeichnen würde. Alleine jedenfalls würde ich das nicht schaffen. Manchmal muss ich gebremst werden, um nicht über meine eigenen Füße zu fallen. Ich glaubte den Weg nun zu kennen. Er schien steinig und ich hatte Angst, dass ich ihn nicht schaffen würde. Ich bekam immer wieder Angst. Ich musste sie besiegen!

Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das Laufen lernt.

Ich kann stehen!

Fünf Tage waren vergangen und sofort stand erneut das Warum wie eine unüberwindbare Felswand vor mir. Warum kamen nach guten Tagen immer wieder schlechte? Mehrmals musste ich heute schon mit mir selber kämpfen; gegen die Leere und Selbstzweifel. Aber vor allem kämpfte ich gegen die immer größer werdende Traurigkeit. Das alles kehrte immer wieder zu mir zurück. Nur meine Frau... Die war weg!

Der berühmte Kloß im Hals war wieder da. Gerne hätte ich mal wieder richtig geheult. Doch irgendetwas in mir wusste das zu verhindern. Außerdem gab es hier keinen richtigen Rückzugsort. Nirgendwo war man mal wirklich alleine. So kam es immer wieder vor, dass man auf der Toilette die eine oder andere Träne vergoss. Doch es fiel mir schwer sehr schwer sogar. In der vergangenen Nacht hatte ich wieder von „ihr“ geträumt. Ein Traum ohne Sinn und Verstand. Sie wusste selbst nicht genau was sie wollte. Einerseits wollte sie sich von mir trennen, andererseits wollte sie auf einmal mit mir in den Urlaub fahren. Ich war noch nicht frei, frei von meinen Gedanken. Sie hatten mich noch unter Kontrolle, nicht ich sie. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz versuchte, loszulassen. Meine Seele schrie jedoch:

„Nein! Stopp!“

Da stellte sich mir die Frage, welche Narbe die hässlichere ist: die auf meinem Herzen oder meiner Seele? Wieder überkam mich dieses Angstgefühl. Dieses Mal war es die Angst vor der bevorstehenden Auseinandersetzung mit „ihr“. War ich ihr gewachsen?

Viele Menschen möchten die Zeit zurück drehen und alles anders machen. Ich nicht.

Ich wünschte, ich hätte die Zeit vordrehen können, damit endlich alles vorbei war und, dass diese unheimliche Leere, die Angst und der Schmerz ausgestanden wären. Ich wollte einfach nur in Ruhe leben. Ja, ich wollte leben. War das ein Fortschritt für mich?

Ich war bereit für einen Neuanfang, auch wenn der mit viel Arbeit und vielleicht auch mit Rückschlägen verbunden sein würde. Aber diese zweifellos bevorstehenden Rückschläge dürften mich nicht wieder k.o. schlagen.

Tag für Tag hatte ich das Gefühl, es ändert sich etwas in mir. War es etwas Positives? Ich begriff schnell, dass der Schritt, in eine solche Klinik zu gehen, nur der erste ist. Die weiteren Schritte musste ich versuchen alleine zu gehen. Die Hilfe die ich bekam, musste ich auch annehmen.

Ich war recht still und nachdenklich geworden. Meine Gedanken begannen sich zu sortieren. Bei meinen Spaziergängen durch die herrlichen Kornfelder war es, als würde mir den Wind den Kopf freipusten, so dass meine Gedanken einfach wie Blätter davon wehten. Wenn ich sie notierte, bekam ich inzwischen ebenso den Kopf frei! Vor ein paar Tagen dachte ich noch, ich würde nie lernen was ich muss und nie Antworten auf meine Fragen bekommen. Inzwischen beantworteten sich viele von alleine. Ich fing an, mich selbst und meine Bedürfnisse zu respektieren und von den Gesprächen mit Mitpatienten und Psychologen zu lernen.

Ich bekam einen Fragebogen von Frau Korona. Dort wurde nach meinem sexuellen Verlangen gefragt. Welches Verlangen? Ich träumte noch nicht mal davon. Eine liebe Umarmung ja, mehr wirklich nicht.

Es würde immer eine Narbe bleiben. In meinem Herzen sowie in meiner Seele. Doch ich würde sie nicht leugnen, sie waren Teil von meinem Leben und ich werde lernen über sie zu sprechen. Ich kämpfte. Es gab Menschen die mir helfen wollten!

Einsichten

Nun war ich bereits acht Tage in der Klinik. Ich hatte eine Weile nicht geschrieben, warum wusste ich nicht. Ich war wieder viel unterwegs gewesen: stundenlange Spaziergänge durch die warmen Juli Tage. Es gelang mir immer besser, meine Gedanken zu ordnen und schlechte nicht wichtig erscheinen zu lassen.

Bei der Visite sprach der leitende Arzt mich zum ersten Mal auf meine Aggressionen an. Wahrscheinlich hatte er recht damit, dass sie auf Beziehungsprobleme und Probleme in der Kindheit zurück zu führen waren. Rückblickend musste ich zugeben: Ja, wir hatten Probleme und ja, ich war teilweise unzufrieden mit unserer Ehe.

Das sollte keine Verdrängungsstrategie sein. Es gab viele Sachen, die mir nicht passten, aber ich habe sie hingenommen. Doch eins werde ich nie vergessen: die schönen Seiten unserer Ehe. Es gab schließlich einen Grund warum ich genau diese Frau geheiratet habe. Es wäre falsch gewesen, nur das Schlechte zu sehen.

Inzwischen merkte ich, dass mir das Vertraute zu fehlen begann: das vertraute Leben mit einer vertrauten Frau. So vertraut, wie „sie“ es einst war, denn diese Kälte kannte ich nicht und sie passte auch nicht zu ihr.

Ich hatte wieder Albträume, in denen ich Angst vor meiner Vergangenheit und meinem Stiefvater hatte. Dass ich so große Angst vor ihm gehabt hatte, war mir nie so bewusst gewesen wie heute.

Auch ein Mann darf seine sensible Seite haben und auch zeigen!

Im Laufe des Klinikaufenthaltes lernte ich viele nette Patienten kennen; alle mit Ihren eigenen Problemen. Selten sprachen wir über sie, und wenn, fiel es mir sehr schwer mich emotional abzugrenzen.

Stefan war ein Borderline-Patient. Die Borderline-Erkrankung ist eine Persönlichkeitsstörung. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Patient plötzlich sehr impulsiv reagiert, auf einen Schlag sehr viele Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem mit seinem Selbstbild hat. Stefan war Anfang 20 und hatte ein angsteinflößendes Aussehen: zerrissene Jeans, Nieten-Halsbänder und T-Shirts von Heavy Metall Bands. Sein Körper, besonders seine Arme, sahen erschreckend aus. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt schon einige Schnittwunden vom „Schnippeln“ (Ritzen)gesehen. Das Ritzen ist ein Krankheitsbild unter anderem auch bei Borderline-Patienten. Sie bauen dadurch innere Anspannung ab. Aber auch aus Selbsthass verletzen sich die Patienten selbst. Oftmals wird auch ein drohender Suizid damit herausgezögert. Meist wird absichtlich mit einem Messer oder aber einer Rasierklinge in die Haut eingeschnitten oder ihr Brandwunden zugefügt-Die Hauptsache ist, der Patient verletzte sich selbst.

Doch Stefans Arme waren komplett vernarbt, als hätte er sich jede noch heile Stelle aufgeritzt. Seine Beine sahen nicht besser aus. Er hatte nicht nur geschnitten, sondern sich auch mit Zigaretten verbrannt. Er war definitiv jemand, bei dem man schon mal die Straßenseite wechselt. Als wir schließlich doch ins Gespräch kamen, merkte ich schnell, dass er das krasse Gegenteil von dem ist, was er ausstrahlt. Er hatte etliche Klinikaufenthalte hinter sich und ständig wechselnde Medikationen. Seine Medikationen waren so stark, dass man ein Pferd davon ruhigstellen könnte. Er hatte Träume von einem normalen und bescheidenen Leben.

Wo gesunde Menschen von Autos, Fernsehern oder Häusern träumen, hatte er Wünsche wie Geld in einer Behindertenwerkstatt zu verdienen und in einem betreuten Wohnen sein Zuhause zu finden. Er hatte nämlich Angst vor dem Alleinsein. Das kam mir bekannt vor...

Stefan wurde von einem Tag auf den anderen aus mir unverständlichen Gründen entlassen. Ein paar Tage später meldete er sich telefonisch auf unserem Stationstelefon bei mir. Es ging ihm schlecht und die Klinik wollte ihn angeblich nicht wieder aufnehmen. Hilflos hörte ich ihm zu und merkte wie der Kloß in meinem Hals immer größer wurde. Was sollte ich ihm sagen? Irgendwie gelang es mir, ihn zu beruhigen und mein eigenes Empfinden zu verdrängen – darin war ich schließlich Weltmeister. Leider kommt das Verdrängte immer irgendwann wieder hoch. Diesmal dauerte es nicht lange. Am nächsten Morgen in der Gesprächsgruppe brach es aus mir heraus, Tränen überströmt hatte die Therapeutin ihre Mühen, mich zu beruhigen. Mir war es egal, dass andere mich weinen sahen. Auch das war neu für mich.