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»So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben«, sagt der legendäre Beatnik-Dichter Lawrence Ferlinghetti über Little Boy, den aufregenden Roman über sein Leben, das nun bald 100 Jahre umspannt. Er erinnert sich darin an die Trennung von seiner Mutter, an seine Kindheit bei einer Tante in Frankreich und an sein Aufwachsen bei einer wohlhabenden, aber kaltherzigen Pflegefamilie in Bronxville. Zugleich fängt er in einem turbulenten Strom aus Gedanken und Assoziationen das magische Lebensgefühl seiner Generation ein. Im Kalifornien der fünfziger Jahre gründete Ferlinghetti, nachdem er in Paris studiert und den Zweiten Weltkrieg als Marinesoldat im Pazifik und den D-Day in der Normandie miterlebt hatte, den Buchladen und Verlag City Lights, wo Ginsbergs Howl erschien und Kerouac und Burroughs ein und aus gingen. So wild, wie der Beat in Musik und Literatur tobte, so temperamentvoll und leidenschaftlich lässt Ferlinghetti den Anbruch der Hippiebewegung wieder lebendig werden, empört sich, mischt sich ein, klagt an − und beschwört die Kunst als politischen Protest.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2019
Inhalt
[Cover]
Titel
Widmung
Zitat
Little Boy war nah …
Autorenporträt
Übersetzerporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Für Juli und für Lorenzo
»La vida es sueño.«Calderón de la Barca
Little Boy war nah am Nichts. Er hatte keine Ahnung, wer er war oder woher er stammte. Er lebte bei Tante Emilie, die er sehr liebte. Sie hatte ihn als Windelkind von seiner Mutter übernommen, die bereits vier Söhne hatte und sich einem fünften, zur Welt gekommen nur Monate, nachdem sein Vater einem Herzinfarkt erlegen war, nicht gewachsen sah. Sein Bruder Harry, zwölf Jahre alt, hatte Vaters Leiche gefunden, auf den Kellerstufen hinter ihrem kleinen Haus gleich am Nordrand von Van Cortlandt Park in Manhattan. Jahre später würde Harry schreiben: »Arme Mama, kein Geld, Paps tot«. Seine Mutter, Clemence Albertine Mendes-Monsanto, wurde in Providence, Rhode Island, geboren. Ihre sephardischen Eltern waren aus Saint Thomas auf den Jungferninseln eingewandert, wo die Familie lange als wohlhabende Plantagenbesitzer gelebt hatte, bis sie der zusammenbrechende Zuckermarkt Ende des neunzehnten Jahrhunderts verarmen ließ. Die Familie war zunächst vor der Inquisition in Spanien und Portugal geflohen, erreichte die Neue Welt aber beileibe nicht nur mit ein paar Klamotten und im Zwischendeck. Sie reisten mit all ihren Habseligkeiten in Überseekoffern, mit Gold, Juwelen und sogar Kandelabern und konnten sich entsprechend als Händler und Pflanzer auf Saint Thomas niederlassen, wo sie bald auf einem Hügel mit Blick aufs Stadtzentrum ein großes Haus mit geräumigen Veranden bewohnten. Ein Familienalbum zeigte sie mit breitkrempigen Hüten und schwarzen Schleifenbindern. Saint Thomas war dänische Kronkolonie, bis Amerika zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das Ruder übernahm. Durch Heirat hatten die Monsantos sich sowohl mit Dänen als auch französischen Siedlern verbunden, und es gab viele französische Verwandte, die man besuchte oder die aus Frankreich zu Besuch kamen. Clemence Albertine hatte eine französische Mutter vage aristokratischen Ursprungs, und sie sprach immer noch Französisch. So kam es, dass der Onkel von Clemence Albertine sich mit der aus Nordfrankreich stammenden Emilie vermählte, und so kam Emilie, die immer ein Kind hatte haben wollen, und übernahm den neugeborenen Laurent von seiner verzweifelten Mutter und ging mit ihm nach Frankreich. Little Boy gelangte viele Jahre später zur Einschätzung, dass ihr Gatte Ludwig Monsanto, ein Professor für Sprachen und um einiges älter als Emilie, im vorgerückten Alter kein Kind mehr adoptieren wollte und daher Emilie mit dem kleinen Laurent sitzen ließ. Und so nahm ihn Tante Emilie, als er gerade zwei war, zurück nach Mulhouse (wo auch der berühmte Capitaine Dreyfus herstammte), und dort lebten sie ausreichend lange, dass er Französisch noch vor Englisch sprach, und seine allererste Erinnerung ans eigene Dasein führt zu einem Balkon über dem Boulevard, wo eine Parade abgehalten wurde, und jemand winkte der großen Parade, während Kapellenmusik und Fetzen der »Marseillaise« nach oben hallten. Und das Nächste, woran er sich erinnern konnte, war, dass sie sich wieder in New York befanden, in einer großen, hohen Wohnung auf der Upper Westside mit Blick über den Hudson und die Klippen der Palisades am jenseitigen Ufer des großen Flusses, und Dampfschiffe tuteten lautstark, und irgendwie waren Tante Emilie und Ludwig wieder ein Paar. Sein Bart kratzte, als er Little Boy umarmte, und momentlang waren sie in Sonnenlicht gehüllt, bis Onkel Ludwig plötzlich nicht mehr da war und dieses Mal für immer. Also waren wieder nur er und Tante Emilie in der großen eleganten Wohnung, wenn auch nicht für lange, denn sie hatte kein Geld, und bald kam ein Mann vom Gesundheitsamt und nahm ihn mit in ein Waisenhaus in Chappaqua nördlich von New York, weil sie kein Geld hatte, ihm Milch zu kaufen, und der Mann sagte, Little Boy zeige Anzeichen von Rachitis. Und als sie ihn Emilie wegnahmen, flossen viele Tränen, und wie es kam, blieb er im Waisenhaus, und Jahre später war als einzige Erinnerung geblieben, dass er halbgaren Tapiokapudding essen musste, der bei den Kindern unter »Katzenaugen« firmierte. Oh verlorene Zeit und oh versagendes Erinnern bis zu dem Punkt nach einem Jahr, als Tante Emilie ihn holen kam, und es waren immer noch die Zwanziger. Und wie er sich an die damalige Emilie erinnerte. Sie trug Glockenhüte und das Haar so kurz wie Louise Brooks und immer das gleiche elegante Kleid im Stil der Zwanziger, mit tiefem Dekolleté und langer Perlenkette und immer Kölnisch-Wasser-Duft verströmend. Und natürlich gab es dieses »immer« nur in Little Boys Erinnerung, aber es muss ihre verstaubte Eleganz gewesen sein (gut versteckt in ihrem elegant gesprochenen Französisch), die ihr eine Position als französische Gouvernante einbrachte, für die achtzehnjährige Tochter von Anna Lawrence Bisland und Presley Eugene Bisland in Bronxville, New York, die dort in einer efeubedeckten Villa unweit vom Sarah Lawrence College lebten, dessen Gründung auf den Vater von Anna Lawrence zurückging. Und so kam Tante Emilie ihn holen und so begann ihr Leben in einem Zimmer im dritten Stock knapp unterhalb des Dachbodens, wo sich Überseekoffer mit Cunard Line-Aufklebern den Platz mit alten Sätteln und betagtem Schnickschnack teilten. Aber Little Boy erinnerte sich vor allem an die abendlichen Dinner im herrschaftlichen Speisezimmer mit dem massigen holländischen Butler, der auch als Chauffeur arbeitete und das Butlern nicht gewöhnt war und versuchte, der Servierteller Herr zu werden, während tante Emilie mit der schönen Tochter Sally auf Französisch plauderte und die Eltern an den Schmalseiten des langen Tischs von Zeit zu Zeit das Wort ergriffen, oder zumindest Madame Bisland das tat, weil es als stilvoll galt, Französisch zu sprechen und große Reisen nach Europa, besonders nach Paris, zu unternehmen, und Tante Emilie verzauberte sie ohne Frage, bis sie ein paar Monate danach Presley Bisland für den Geschmack von Madame Bisland etwas zu sehr verzaubert hatte, und plötzlich war Tante Emilie aus diesem Haus verschwunden, und man erzählte Little Boy, dass Emilie an ihrem freien Tag gegangen und einfach nie zurückgekommen sei. Nun, insofern als die Bislands einen im Säuglingsalter gestorbenen Jungen namens Lawrence gehabt hatten, schien es ein Akt göttlicher Vorsehung zu sein, dass sie mit einem anderen Lawrence gesegnet wurden. Und so ging es weiter, und Little Boy blieb bis Ende der Zwanzigerjahre bei ihnen in der feinen Villa in Lawrence Park, West Bronxville. Und weil er nun aber schulpflichtig geworden war, schickten sie ihn gleich ins Internat der Riverdale County School in Riverdale-on-Hudson, woran Little Boy keine weitere Erinnerung hat als die an einen netten Schulleiter, der sich um ihn, den Jüngsten an der Schule, kümmerte, und in den Adirondacks veranstalteten sie ein Sommercamp, wo Little Boy schwimmen und Knoten knüpfen lernte und zum ersten Mal die großen Wälder sah, die hochstämmigen Kiefern, die schimmernden Seen, die versteckten Bäche und das Licht, in dem sie strahlten wie am ersten Morgen dieser Welt. Aber das war nur eine flüchtige Idylle, von der er lange zehren musste, während zwischen Camp und Schule das Leben in der Villa in Bronxville für Little Boy sehr einsam war, der nächste Nachbar außer Sichtweite und kein Kind welchen Alters auch immer zum Spielen da, und es gab nur die erwachsenen Bislands, die Little Boy sehr alt vorkamen, obwohl sie vielleicht nur in ihren Fünfzigern waren, und er hatte ein Zimmer in einem Flügel des Hauses, wo große Eichen ihre Zweige über seine Fenster breiteten, und der Wind heulte um die Steinmauern des großen Hauses, aber der Wind war sein Gefährte in diesem Zimmer, das so weit weg vom Rest des Hauses schien. Erst zur Essenszeit, wenn eine Tischglocke ertönte, stieg er zum Familientisch hinab, um zwischen Presley und Anna Bisland zu sitzen, die wie aus enormer Entfernung miteinander sprachen. Sie nun alle zu beschreiben, wäre ein Unterfangen für einen Schriftsteller wie Charles Dickens, denn sie waren wirklich in jeder Hinsicht viktorianisch, jeder für sich ein einzigartiger Charakter aus einer anderen Zeit, zumindest für Little Boy. Und Presley Eugene Bisland war in Natchez, Mississippi, in eine vornehme, aber verarmte Familie hineingeboren, wenige Jahrzehnte nach dem Sezessionskrieg, in dem sie alles außer ihrer großen alten Villa »Mount Repose« verloren hatten. Presley war der jüngste Sohn einer kinderreichen Familie, und es gab für ihn nichts zu erben. Also machte er sich mit fünfzehn auf in den Westen, in der Hoffnung, in Goldrauschkalifornien sein Glück zu finden. Er begleitete den Viehtrieb über den Chisholm Trail, lernte Pferde zähmen und arbeitete sich als Cowboy nach Westen vor. Irgendwo in Nordkalifornien setzte er ganz auf eine vielversprechende Goldmine, nur um jeden einzelnen Cent zu verlieren, als die Mine nichts abwarf. Pleite, aber immer noch erst zwanzig, landete er in New York City, wo er – dank der Verbindungen seiner Familie – bald mit entfernt verwandten reichen Cousins verkehrte (im Alten Süden waren alle mit allen verwandt) und zu vielen Partys um die obere Park Avenue und Fifth Avenue herum eingeladen wurde. Tatsächlich war er ein schmucker Mann, und obwohl er nur einen bescheidenen Job bei der Abt Coin Counter Company hatte, war er bei den Debütantinnen jener Zeit äußerst gefragt, darunter auch die junge Anna Lawrence, deren Familie ein herrschaftliches Haus in der oberen Fifth Avenue besaß. Dort arrangierte man die Ehe (ob mit oder ob ohne Liebe, erfuhr man nie) zwischen dem sehr schmucken, wortgewandten Presley und der schlichten, aber fügsamen Anna Lawrence. Nach einer großen Hochzeit ließen sie sich in Bronxville nieder, etwa fünfzig Meilen von der Stadt entfernt. Zu jener Zeit war Bronxville wenig mehr als offenes Feld, und Annas Vater hatte den größten Teil der Anbauflächen aufgekauft und eine Modellstadt mit schönen Häusern speziell für Künstler und Schriftsteller ersonnen, mit eigener Wasser- und Stromversorgung und so weiter, alles im Besitz der Lawrences. In diese nette Enklave zogen Presley und Anna im noch jungen zwanzigsten Jahrhundert, und als Little Boy auftauchte, waren sie bereits in die Jahre gekommen. Für Little Boy waren sie schon immer sehr, sehr alt, für ein kleines Kind auf jeden Fall zu alt, um Nähe aufbauen zu können. Dennoch liebte Little Boy Presley Bisland. Sein Geist funkelte durch die spröde Kommunikation mit seiner Frau, der stattlichen alten Dame, die schwarze viktorianische Gewänder trug, niemals ohne diamantbesetztes Kropfband um den Hals. Jahre später, als Little Boy auf Bücher von Mark Twain gestoßen war, stellte er fest, dass Presley Bisland aus demselben Holz geschnitzt war, mit demselben satirischen Humor wie Twain, derselben Verwurzelung im Süden, sogar derselben Art und Weise, sich zu kleiden. Presley war in einem von den Klassikern geprägten Haushalt aufgewachsen und hatte schon früh Latein gelernt. Seine Bibliothek in Plashbourne (wie ihr Haus hieß) war dicht gefüllt mit griechischen und römischen Klassikern, aber zugleich auch mit moderneren Autoren wie Lafcadio Hearn. Die Bibliothek war ein kleines komfortables Zimmer direkt neben dem Speisezimmer, in dunkler Eiche gehalten und mit schweren Sesseln und Sitznischen zum Lesen. Bei Tisch wandte sich Presley an Little Boy mit Fragen wie »Junger Mann, Sie waren in der Schule – wer war Telemachus?« Oder er rezitierte alte Kamellen wie »Horatius vor der Brücke« oder »Attacke der Leichten Brigade« und extemporierte alle Reime und ließ für Little Boy das Feuer des Gefechts lebendig werden: »Ins Todestal / In voller Zahl / Reiten die Sechshundert … Kanonen rechts, Kanonen links«, und in der Luft über dem Tisch erschallte der große Satz: »Und irgendwer hat es vergeigt!« Oder er gab Little Boy ein paar Silberdollars, auf dass dieser selbst eine Kamelle bei Tisch auswendig zum Besten gab. Und Anna Bisland versank dabei im Hintergrund, und es gab nur den gewitzten, kultivierten alten Mann, der es mit der Welt aufnahm. (Little Boy wusste es nicht, aber vielleicht war sie eine reinrassige Republikanerin und er Mark Twain), und wenn es doch einmal auf einen Streit hinauslief, antwortete er normalerweise »Richtig oder falsch, Madam, Sie haben Recht.« Sie schien an Gott zu glauben und er nicht. Und als er im Sterben lag, verwahrte er sich dagegen, den Klerus ins Haus zu lassen, sie aber setzte sich über sein Verbot hinweg, ließ einen Priester im Zimmer nebenan die Sterbesakramente murmeln und dann durch die Küchentür verschwinden. Während man von Presley nur hörte: »Aus dem Haus heute Nacht, tot oder lebendig!« Als er Jahre später Tolstoi las, stellte sich der erwachsene Boy Presley vor wie Tolstoi, der vom Sterbebett zum Bahnhof aufbricht … Und viele Jahre später erkannte der erwachsene Junge, wie sehr er diesen Mann liebte und nicht wusste, wie er es äußern sollte. Aber er erinnerte sich, wie er einmal im tiefen Winter, als Schnee die gepflegten Parks rund ums Herrenhaus bedeckte, den alten Mann zufällig sah, wie er mitten in der Nacht im Pyjama durch die Vordertür in den tiefen Schnee stolperte und sich anschickte in den Sturm zu stapfen, und Little Boy rannte hinter ihm her und brachte ihn zurück ins Haus, und erfroren wäre der liebe alte Mann dort draußen ohne Little Boy.
UND der erwachsene Junge der späteren Jahre würde nie vergessen, wie seine leibliche Mutter, Clemence Albertine, und zwei seiner Brüder, Harry und Clement, eines Sommernachmittags, er war noch keine sechs, zum Anwesen der Bislands kamen, aber nicht ins Haus gebeten wurden, sondern auf der großen Wiese davor standen, während Sessel für Presley und Anna Bisland geholt wurden und während Little Boy irgendwie zwischen den Fronten stand, und die Frage wurde direkt an Little Boy gerichtet, welchen Weg er wählen wolle, bei den Bislands bleiben oder mit der eigenen Mutter und den eigenen Brüdern gehen, und es herrschte eine große und beklemmende Stille in der Sommerluft um sie herum, und Little Boy war völlig ratlos, was nun sagen oder tun, da vorher niemand mit ihm darüber gesprochen hatte und er sich nicht erinnerte, diese Fremden, die seine Mutter und Brüder waren, je gesehen zu haben, und schließlich stotterte er »hierbleiben« und das war’s, da seine Mutter und seine Brüder einfach gingen, und ihm war nur halb bewusst, was er getan hatte, das ganze Leben in einem Augenblick entschieden, und er blieb weiter dort, »für immer« sozusagen, und er sah sie, bis er erwachsen war, nie wieder, oh, was konnte das kleine Kind schon wissen, was konnte das kleine Kind denn wissen über »Klasse« oder »Klassenunterschiede« während der Zwanziger in Bronxville, New York, wo seine Mutter und seine Brüder nicht in das große Haus gebeten wurden, obwohl er sich nach vielen Jahren erinnerte, wie schockiert er davon gewesen war … Und das Leben ging weiter, und es gab keine Kinder, mit denen man in der großen Villa spielen konnte, das nächste Haus war eine Viertelmeile weit entfernt, und seine besten Freunde waren der bucklige alte italienische Gärtner, der in einem Schuppen hinter der Garage wohnte und nach Knoblauch roch – und die irische Haushälterin Delia Devine, die einen scharfen Geist und eine scharfe Zunge hatte mit einem schnippischen Akzent – und der junge holländische Chauffeur, der den großen Cadillac kutschierte und in seiner Zweitfunktion als Butler mit seinen großen knochigen Händen unbeholfen mit dem Serviergeschirr hantierte – und die schwedische Köchin Annie, die in ihrem Bereich keinen Spaß verstand … Und das Haus und all seine Bewohner verblassten nie in seinem Inneren … Flink schrieb sein Finger und schrieb, wenn er geschrieben hatte, weiter.
UND es kam die Zeit, da man entschied, dass Little Boy gleichaltrige Gesellschaft brauche und dass er die Bronxville Public School besuchen solle, die ein paar Meilen weit entfernt im Zentrum von Bronxville lag, wofür Little Boy jemandem in der Stadt anzuvertrauen war, damit er auf die öffentliche Schule gehen konnte. Und so wurde es arrangiert und so kam er in Kost und Logis bei einer gewissen Zilla Larned Wilson, einer Witwe mit einem Sohn von fünfzehn Jahren, die unten bei den Bahngleisen an der Parkway Road lebten (der einzigen »armen« Straße der Stadt). Und es war ein Schock für Little Boy, sich plötzlich verpflanzt zu sehen in völlig andere Umstände, vom reichen Haus ins augenscheinlich arme Haus, dessen hintere Veranda keine fünf Meter entfernt lag von den Gleisen, auf denen die New York Central Railroad nachts vorbeidonnerte und die Fenster dröhnen ließ. Und so begannen ganze sieben oder acht Jahre bei der kalten Witwe Wilson und ihrem Sohn Bill, der für Little Boy zum großen Bruder wurde, und es gab auch eine zerlumpte Clique von Kindern, mit denen man spielen oder raufen konnte. Und Little Boy hatte einen Faustkampf mit einem Kind bekannt als »Kotz Ruprecht«, und es bildete sich eine kleine Clique, mit der Little Boy »Robin Hood und seine tollkühnen Gesellen« im waldartigen Park am Bronx River Parkway spielte, und im kleinen Bronx River dort angelten sie nach Krebsen, und Little Boy wünschte sich mehr als alles andere einen Lederanzug wie von Robin Hood und hätte einen Reisenden ausrauben können, um einen zu ergattern (so werden Rebellen gemacht). Im Haus an der Parkway Road schlief er auf einer Pritsche hinten auf der Veranda neben vorbeirumpelnden Zügen, und er stand jeden Morgen um fünf auf, um mit Bill zusammen Zeitungen auszutragen, und es dauerte bis sieben, alle auszuliefern, und dann musste er am Bahnhof einen Zeitungsstand aufstellen und New York Herald Trib und Times an wohlhabende Pendler verkaufen, die mit ihren Chesterfield-Mänteln und Fedoras oder Bowlers in die Stadt und zur Wall Street wollten. Und dann war nur noch kurz Zeit, um nach Hause zu eilen, sich umzuziehen, einen Muffin zu essen und um neun in die Schule aufzubrechen. Und so ging es volle sieben Jahre weiter, bis auf den einen Monat, den er mit zwölf in einem Camp der Boy Scouts irgendwo in upstate New York verbringen konnte. Und die ganze Zeit hörte er kein Wort von den Bislands (obschon sie ja wohl für Kost und Logis aufkamen). Aber als er auf die fünfzehn zuging, fing Little Boy an, sich Ärger einzuhandeln, da er in den Ferien mit Kleinganoven rumzog, in Läden klaute und die Beute in einem Keller hinter den Geschäften bunkerte und man ihn dann im Five and Ten Cent Store erwischte, wie er Stifte stahl, in genau derselben Woche, in der er Eagle Scout geworden war, und der Scoutmaster musste kommen und ihn holen und nach Hause bringen, wo Prügel seiner harrten und die kalte Witwe entschied, dass er ihr zu viel geworden war, und die Bislands anrief, anzutanzen und ihn abzuholen, was sie auch taten, und so begann eine andere, völlig andere Phase in der Saga von Boy, der nun nicht mehr little war, lonely passte besser, und als er sich Jahre später in diese Zeit zurückversetzte, ging ihm auf, dass weder Witwe Wilson noch die Bislands ihm je eine Umarmung oder einen Kuss gegeben hatten. Jetzt war die Schule aus, und der Sommer kam auf Touren, und die Bislands nahmen ihn mit zu ihrer Sommerhütte am Big Wolf Lake in den Adirondacks, wo er im Haushalt half und Holz hackte und riesige Eisblöcke aus dem Sägemehl der Eiskammer holte, spaltete und in den Eiskasten in der Küche trug. Und es gab ein Bootshaus mit Ruderbooten und einem Segelkanu, das ihm auszuleihen erlaubt war, und zahlreich waren die Sonnenstunden, die er damit verbrachte, sich selbst das Segeln beizubringen, und es war sein bisher schönster Sommer. Im Haupthaus hingen Schilder aus Birkenrinde, und auf einem stand zu lesen: »Komm, wann du willst, geh, wann du wünschst, und tue verdammt, wie dir beliebt«, obwohl er ganz genau wusste, dass er nicht tun konnte, wie ihm verdammt noch mal beliebte, doch ein anderes Birkenrindeschild verkündete: »Sieh den Fischer. Erhebet sich im Morgengrauen und wecket den ganzen Haushalt dann und schreitet hoffnungsvoll zur That und kommet spät des Nachts zurück und riechet nach starkem Getränk und die Wahrheit ist nicht in ihm«, und er durfte Fischer sein und Seeforellen fangen, bis der Sommer zu Ende ging, und dann schickten ihn die Bislands auf die Mount Hermon School am Connecticut River, hundert Meilen westlich von Boston, wo er bei den anderen Jungs erstmals echte Kameradschaft erlebte. Im ersten Jahr hatte er einen Mitbewohner im Erdgeschoss eines alten Internats, und dieser Mitbewohner war in der Oberstufe und stammte aus Indien. Sein Name war Jim, Sohn von Missionaren in Indien und geboren in Indien, und er wurde dem Jungen ein großer Bruder, und eines Tages geschah etwas, das das Bewusstsein des Jungen erwachen ließ. Noch im hohen Alter dachte er daran. Jim hatte Small Boy auf dem Boden und thronte rittlings auf ihm. Er war nicht grob, doch wollte erst dann von Small Boy lassen, wenn dieser bekennen würde, dass er nicht beweisen könne, dass er lebe und nicht nur träume, und Small Boy wimmerte beständig: »Aber ich lebe doch, ich lebe!« Und Jim fragte immer wieder: »Wie kannst du das beweisen?«, und der kleine Junge weinte, und Jim blieb einfach auf ihm sitzen, bis er dann von ihm ließ. Und das Leben ging weiter in seinem ersten Jahr an der Mount Hermon School am Connecticut River genau westlich von Boston, und drei Jahre später machte er seinen Abschluss und ging nach Chapel Hill und an die University of North Carolina und absolvierte eine Journalistenschule und ging mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die U.S. Navy und hatte bei der Landung in der Normandie den Oberbefehl über ein U-Jagdboot und befuhr als Navigator auf einem Landungsfahrzeug den Pazifik und war in Nagasaki sieben Wochen nach Abwurf der zweiten Bombe und sah die Landschaften der Hölle und wurde sofort Pazifist und im Herbst desselben Jahres von der Navy in Portland Oregon entlassen und bekam seinen ersten Job in NYC in der Poststelle des Time Magazine im Keller des Time & Life Building im Rockefeller Center und kündigte nach drei Monaten und ging an die Columbia University Graduate School und erwarb einen M.A. in Lit. und ging per G.I. Bill an die Pariser Sorbonne und machte nach dreieinhalb Jahren seinen Doktor und verduftete wieder in die Staaten und »die Heimat«.
UND Little Boy, erwachsen nun und Grown Boy nach nicht enden wollenden Zeiten des Verwirrens und Verpflanzens und Verwandelns und Aufputschens und Ausschweifens und Beteuerns und Weissagens und Halluzinierens und Fabulierens und Desillusionierens und Kollaborierens und Erkennens und Enthüllens und Einstufens und Einbeziehens und Verfehlens und Präzisierens und Elaborierens und Simplifizierens und Idealisierens und Anstrebens und Umgehens und Realisierens und Radikalisierens und Befreiens, fand seine eigene Stimme und offenbarte den Hort der in ihm angestauten Worte:
IN diesem existenziellen Café an der linken Küste dieses Landes seh ich mit wildem Blick die Realität vorüberziehen um in meiner Schädelschale eine Fabel von Schall und Wahn entstehen zu lassen die alles besagt begonnen bei Mahlers Sechster Sinfonie und unserer verlorenen Welt im letzten Schimmer vor dem finalen Donner und dem Schwinden der Schöpfung dem allerletzten rasselnden Hetzen und unsere bis zu den Griechen führende Kultur ist jetzt voll und ganz Makulatur Und sollen wir jetzt aufdröseln und sehen was übrig ist wo all der Kapitalismus nun am Dampfen ist Aber auf jeden Fall ist es so weit und höchste Zeit danach zu heischen unseren kleinen Leben auf der Erde etwas Sinn oder Blingbling abzugewinnen und ist nicht alles Possenspiel und Mummenschanz und Blindenbluff und kapriolenreiche Kasperkopfiade mit maskiert über den Mond springenden Clowns wie bei Chagall oder als ob wir direkt aus dem Mutterleib auf die Erde gefallen wären so nackt und so allein kommen wir auf diese Welt und so blind in unserem Ringen wo wandern wir und wissen nicht wohin wir gehen noch was wir tun ohne anderes ausgewiesenes Schicksal außer unsere Elemente in andere Form zu bringen ja unsere Teile einfach wieder in den Pott zu werfen und zu rühren um den alten Pot-au-feu auf dem Sonnenofen weiter vor sich hin köcheln zu lassen …
WIE dieser Topf der in der Zweiraumhöhle köchelte die ich als Student in Paris in der Rue de Vaugirard 89 in Montparnasse bewohnte wo ich eine Zeile von Edgar Allan Poe an die Wand geschrieben hatte »Najade, dein hyazinthisch Haar und dein Gebaren haben mich nach Haus gebracht« und die meine erste eigene Bleibe war ganz für mich allein und vollkommen egal dass es eine Höhle war für neunundzwanzig Dollar monatlich oder war’s jährlich mit einer Hocktoilette auf halber Treppe zum ersten Stock mit Fußabdrücken im Beton wo man kauern und die Kette ziehen und auf den Treppenabsatz huschen musste bevor das Wasser rauschte und den Boden flutete und mein vorderes Zimmer hatte ein Fenster klein wie eine Scharte in der Mauer der Bastille mit Blick auf einen Kopfsteinpflasterhof und ich hatte einen Zapfhahn für kaltes Wasser über einem ausgehöhlten braunen Sandstein dort vermutlich seit dem Mittelalter und dort begegnete ich mir wie irgendeinem Fremden der gerade von der stillen Straße hochgekommen war einsamer Reisender ohne jegliche Najade die mir Gesellschaft leistete oh was für ein romantischer Hokuspokus das doch war aber ich liebte es ich warf mich Tag für Tag voll Tatendrang ins graue Licht der Stadt und lief entlang der Quais und hielt mich für eine Art wilden Dichter oder Künstler und ich war Apollinaire und ich war Rimbaud und ich war Baudelaire und all die verdammten Dichter die wahnwitzigen mit der Lebenswut der Herbstwind der über die Quais strich schlug meinen Kragen hoch und ebenso strich ich inmitten der Horden brauner strapazierter Blätter (pestilenzgeplagte Scharen!) als der Winter nahte
GEBOREN in die Generation die im Lauf des Zweiten Weltkriegs erwachsen wurde und seine Schlachten schlug die Greatest Generation wie man sie nannte wie man sie in Erinnerung behielt die ihre eigene neue Welt schuf und die Erinnerung eine Sanduhr in der wenn du sie umdrehst alle Sande des vergangenen Lebens nach unten rieseln und sich die Sandkörner der letzten Zeit mit früheren Sandkörnern vermischen alle aufs Zufälligste verbunden Und dabei heißt es Rockabye Baby den ganzen Weg hinunter und weiter so und weiter Ja die »größte Generation« wie sie erwachsen wird die absolute Freiheit und das Hochgefühl der Jugend vor den Wirrnissen des Lebens frei ein freier Geist zu sein oder ein Sklave Engel Dämon Konformist oder Rebell
UND ich war nie großartig ein Rebell ob damals oder heute doch ich war Teil der 1919 gerade rechtzeitig geborenen Weltkriegsgeneration um ihren Dienst in der Navy anzutreten kurz bevor Pearl Harbor uns ereilte ja das war ihr Geburtstag am 7. Dezember 1941 war die »größte Generation« wahrhaftig ausgeboren um wie man uns erzählte die Demokratie zu schützen in der Welt haha aber das war damals keine zynische Parole denn wir glaubten es wir glaubten einen Guten Krieg zu führen für ein Amerika das voller Hoffnung war voller beneidenswerter Zuversicht in einem weiten offenen Land noch immer nicht ganz aufgekauft oder verkauft die letzte Grenzregion noch immer vielversprechendes Versprechen wo das Streben nach dem Glück noch nicht zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf geworden ist um die Pfründe dieser Welt ja und 1945 als der Krieg zu Ende war schien es als ob der ganze Kontinent nach Westen kippte und es sämtlich alle Frauen und Männern die der Krieg entwurzelt hatte nach Westen zog noch immer rief es »Westwärts, junger Mensch« und Millionen folgten diesem Ruf der nichts sehenden Sirene uneingeschränkt in eine neue triumphale Zeit für Amerika und Amerikaner sodass so viele das Leben in diesen Staaten so gut fanden dass es nicht nötig war sich gegen irgendetwas aufzulehnen was heute irreal erscheint so wie als ich diesen linken Radiomoderator fragte »Können Sie sich eine Zeit in diesem Land vorstellen in der Sie das System nicht länger kritisieren müssten?« und er statt zu antworten nur weise lächelte
UND wo also führt es uns von hier aus hin wir mit unserer so großartigen Genesis und worin liegt unsere Größe heute und sind wir alle eingenommen von unserer omnivoren Konsumgesellschaft unserem dominanten militärisch-industriell-medialen Perplex manchmal mit Tendenz zum Kapitalfaschismus und die letzten Reste hole sich der Teufel obwohl auch wenn das Volk (wie in Carl Sandburgs Das Volk, jawohl) die Hoffnung noch nicht ganz verloren hat auch wenn der verlorene Jack Kerouac unaufgeräumt oder ausgeträumt aus Mexiko zurückgekehrt gegen Ende seiner Road den Mut verloren hat und alle Soziologen meinen seine Story zeige das Ende der amerikanischen Unschuld an
SO kam ich auf diese Erde mit dem erstaunten Auge der erwachten Eule um meinen Part zu sprechen und wo schon ein Schicksal das Italiener und Portugiesen nach Nord- und Südamerika verschlägt als seltsam gelten muss ist eines das von Portugal über die Jungferninseln nach Westchester County New York und schließlich San Francisco führt berührt vom dunklen Wunderwerk des Zufalls Und die Würfel durften rollen wie sie wollen als es den Samen der Familie meiner Mutter in einem düsteren Jahrhundert von der Inquisition weg von den felsigen Bergen Portugals gefegt hat und er in Saint Thomas landete und es im zwanzigsten Jahrhundert weiterging als ein Teil der Familie nach Providence Rhode Island zog einem der zentralen Häfen der Portugiesen wo die Eltern meiner Mutter Wurzeln schlugen wie Albertine später selbst geboren in Bath Beach bei Coney Island New York im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert
OH könnt ihr euch Bath Beach von damals vorstellen auf dieser Insel oder auch Sandpampa in amerikanischem Besitz bevor das irische Coney Island zu Coney Island wurde mit all den Riesenrädern und Tingeltangelbuden und bemalten Damen die auf Tigern ritten und vielen Kuriositäten mehr Oh was erblicket dein Gesicht in der morgendlichen Gicht Und soll unser Antiheld nun Pechvogel und überflüssig sein in dieser Neuen Welt oder soll er eine Revolution anführen die Revolution tatsächlich der Unterdrückten aller Welt gegen sein eigenes Land das bei der Volksrevolte die falsche Seite eingenommen hatte oder darf er bei einer tollen Frau mit Mandelbutterlächeln enden und wird er von allen geliebt oder wird er in düsteren Strafanstalten enden von allen geschasst die Revolutionen hassen weil sie ihr striktes Streben nach dem Glück durchkreuzen könnten während wir weiter unsere Leben sich verzappeln lassen auf unsere Stadtbewohnerart der Betonierung wegen weit weg von der Erde unter uns deren Rotation wir nicht mehr spüren
UND
