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Brigitte Augustis Buch 'Mädchenlose' ist ein ergreifender Roman, der die Geschichte einer jungen Frau namens Elisabeth erzählt, die in einem streng konservativen Dorf aufwächst und sich gegen die gesellschaftlichen Normen und Zwänge ihrer Zeit auflehnt. Augusti's literarischer Stil ist geprägt von einer tiefen Sensibilität für die psychologischen Porträts ihrer Charaktere und einem starken Bewusstsein für soziale Themen. 'Mädchenlose' stellt eine eindringliche Reflexion über Geschlechterrollen, Selbstbestimmung und die Suche nach persönlicher Identität dar. Mit einer kritischen Perspektive auf traditionelle Wertvorstellungen und einer einfühlsamen Herangehensweise an die inneren Konflikte der Protagonistin, gelingt es Augusti, die Leser in diese bewegende Geschichte zu ziehen. Brigitte Augusti, selbst eine bekannte Aktivistin für Frauenrechte, bringt ihre eigenen Erfahrungen und Überzeugungen in dieses Werk ein. Ihre sensiblen Auseinandersetzungen mit Geschlechterfragen und gesellschaftlichen Normen machen sie zu einer einflussreichen Stimme in der zeitgenössischen Literatur. 'Mädchenlose' ist ein fesselndes Buch, das zum Nachdenken anregt und Leser jeden Alters dazu ermutigt, über ihre eigenen Überzeugungen und Werte sowie über die Bedeutung von Selbstbestimmung in einer von Traditionen geprägten Welt nachzudenken.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Einst war ich jung, wie ihr – 's ist lange her, Doch froh gedenk' ich stets der goldnen Tage, Da nur noch nicht das Herz von Sorgen schwer, Und da des Lebens vielgestalt'ge Plage, Von einem Schleier huldvoll zugedeckt, Den frischen Jugendmut noch nicht geschreckt.
Die schöne Erde schien ein Paradies, Das taufend duft'ge Blüten lieblich schmücken, Viel Freuden bot es täglich und verhieß Noch immer herrlicher uns zu beglücken, Denn war das heut'ge Glück auch noch so groß, Noch höh'res barg gewiß der Zukunft Schoß.
Vorbei, vorbei! die goldne Zeit entschwand, Von meinem Lebensbaum fiel Blüt' auf Blüte, Auf dunklen Wegen oft führt Gottes Hand Zum Ziel, nicht nur im Sonnenschein der Güte. Das Glück, das heiß ein junges Herz begehrt, Wie oft hat sich's in bittres Leid verkehrt.
Doch wie ich einst gefühlt, gehofft, gedacht, In kühnem Fluge manche Bahn durchmessen, Wie ich im Schmerz geweint, in Lust gelacht, Das kann ich nun und nimmermehr vergessen. Und heut' noch fühl' ich es wie damals klar, Was Lieb' und Freundschaft meinem Herzen war.
Ich griff in der Erinnrung Schacht zurück, Um dort so manches Steinchen aufzuheben, Draus formte sich, wie buntes Mosaik, Ein Bild – und noch eins – aus dem Jugendleben, Wie sich's in Freud' und heitrer Lust bewegt, In heil'gem Ernst die Seele aufwärts trägt.
So nimm es hin, du liebe, junge Schar, Und schau im Spiegelbild die eignen Züge! So froh genießet, liebt so treu und wahr, Thut eure Pflicht, seid Feinde jeder Lüge, Und oftmals über diese Welt hinaus Hebt euren Blick ins sel'ge Vaterhaus.
Und tret' ich heut' als Fremde vor euch hin, So hoff' ich euch nicht lange fremd zu bleiben;
Eine zahlreiche Menschenmenge drängte sich um den Altar der alten ehrwürdigen Pfarrkirche zu D.; heute sollte die Einsegnung durch den ersten Geistlichen stattfinden, welchem vorzugsweise die besten Familien der Stadt ihre Kinder anvertrauten. Selten erregt eine andere kirchliche Feier so sehr die Teilnahme der weitesten Kreise, als diese Weihe junger Christen, und in der That giebt es kaum einen schönern herzbeweglicheren Anblick, als diese Schar in der Blüte der Jugend, welche, durchdrungen vom Ernst des Augenblicks, vor dem Altar versammelt ist, um die heiligsten Gelübde vor Gott und der Gemeinde abzulegen. Da wird auch das oberflächliche Gemüt von einem feierlichen Schauer erfaßt, da dringt auch in das leichtsinnige Herz eine höhere Ahnung, die oft nur zu schnell wieder verrauscht, aber für den Augenblick auch der äußeren Erscheinung einen verklärenden Schimmer verleiht.
Jetzt erbrausten die mächtigen Klänge der Orgel, die Thür der Sakristei öffnete sich, und heraus traten in feierlichem Zuge die weißgekleideten Mädchen. Voran schritt Hand in Hand ein anmutiges Paar; die eine war eine kleine zierliche Gestalt mit einem lieblichen Kindergesicht, das von krausen braunen Löckchen umrahmt war und dessen Rehaugen gewiß zu anderen Zeiten gar fröhlich glänzen konnten. Jetzt waren sie ernst zu Boden geschlagen, und die Kleine drängte sich fast schüchtern an die Gefährtin, als wolle sie bei ihr Schutz suchen gegen die vielen neugierigen Blicke rings umher. Höher und schlanker war die Freundin gewachsen, und die kleine Krone von dunkelblonden Flechten ließ sie noch größer erscheinen; in ihren dunklen Augen, die fest vor sich hinblickten, und auf der jungen Stirn lag ein reifer Ausdruck, als hätte sie schon der Ernst des Lebens mit Sorgen und Erfahrungen berührt. –
Die feierliche Handlung war beendet, noch einmal hatte der ehrwürdige Geistliche mit warmen und beredten Worten das Eine, was notthut, den jungen Herzen nahe gelegt, hatte ihr Gelöbnis der Treue empfangen und sie gesegnet; unter abermaligem Orgelspiel verließ der Zug in der vorigen Ordnung den Altar, und die Konfirmanden kehrten in die Sakristei zurück, um nach einem kurzen Abschiedswort des Predigers mit ihren Eltern und Verwandten das Gotteshaus zu verlassen. Fast stürmisch flog die Kleine, Elly von Mansfeld war sie vorhin aufgerufen, einem älteren Offizier nm den Hals und sagte mit einer Stimme, in der noch die ganze Bewegung der erhebenden Feier nachzitterte: »Lieber guter Papa, ich will dir immer eine gute Tochter sein, viel aufmerksamer, als bisher.«
Der Herr zog einen Augenblick das lockige Köpfchen an seine Brust und küßte es mit den innigen Worten: »Meine Elly, mein kleiner Liebling, Gott segne dich!« Dann führte er die Tochter zu ihrer Mutter, einer stattlichen Dame, welche Ellys Stirn nur flüchtig mit den Lippen berührte, indem sie ihr dabei zuflüsterte: »Fasse dich, mein Kind, hier sind zu viele Zuschauer«. So schnell es das Gedränge erlaubte, verließen alle drei die Kirche, ein Diener in herrschaftlicher Livree riß den Kutschenschlag auf, und schnell machte der davonrollende Wagen andern Harrenden Platz.
Zu gleicher Zeit hatte auch das andere junge Mädchen, Nora Diethelm war ihr Name, ihre Mutter gefunden: die schlanke blasse Frau, in deren seinen Zügen ein tiefer Kummer deutlich geschrieben stand, konnte sich inmitten der andrängenden Menge kaum aufrecht erhalten; sie zitterte vor innerer Bewegung und zog die Tochter an sich, ohne eines Wortes mächtig zu sein. Diese schlang den Arm um sie und führte sie liebevoll ins Freie, wo eine Droschke beide aufnahm. Kaum hatte sich die Thür hinter ihnen geschlossen, als Frau Diethelm erschöpft in die Kissen sank, ihr Gesicht mit ihrem Tuch bedeckte und in einen Strom von Thränen ausbrach. Nora ergriff die Hand ihrer Mutter und bedeckte sie mit zärtlichen Küssen.
»Weine nicht so sehr, meine einzige Mama«, bat sie, »ach gewiß, es wird noch alles gut werden!«
»O mein Kind«, erwiderte die Mutter, »warum müssen wir den heutigen Tag ohne deinen Vater verleben? warum durchbricht kein Wort der Liebe und Teilnahme das grausame Schweigen der letzten Wochen? – sicher ist er krank – vielleicht schon tot, – und wir wissen es nicht und können ihn nicht erreichen.«
»Liebe Mama,« erwiderte Nora tiefbewegt, »laß uns meinen heutigen Einsegnungsspruch recht zu Herzen nehmen: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal! Als unser lieber Prediger mir diese Worte zurief, da schienen sie mir vom Himmel zu kommen, und es kam zugleich eine frohe Zuversicht über mich, daß der liebe Papa gesund und wohlbehalten heimkehren werde, wenn wir nur nicht aufhören, für ihn zu beten und sein Kommen geduldig zu erwarten.«
»Du hast recht, meine geliebte Nora,« sagte Frau Diethelm, indem sie die Arme um die Tochter schlang und das erglühende Antlitz des Mädchens mit tiefer Zärtlichkeit küßte, »habe Geduld mit meiner Schwäche, du mußt jetzt mehr als je meine Stütze und mein Trost sein.«
Einige Tage waren vergangen; auf die Einsegnung war die Feier der ersten Kommunion gefolgt, und nach so vielen erhebenden Stunden hatte das Leben wieder in die gewohnten alltäglichen Bahnen eingelenkt. – In Noras Stübchen saßen die beiden Freundinnen in eifrigem Gespräch beisammen.
»Meine Nora,« sagte Elly in klagendem Ton, »ich ertrage es gar nicht mehr, dich und deine liebe Mama immer so traurig und voll Sorge zu sehen. O, warum muß es so viel Trübsal in der Welt geben? Wenn ich der liebe Gott wäre, ich würde meine Menschenkinder durch lauter Güte erziehen und ihnen so viele köstliche Gaben in den Schoß schütten, daß sie wohl gut und dankbar sein müßten.
»Du vergißt, liebe Elly, die beiden Aussprüche, die uns Dr. N. so oft zu hören gab:
Nichts ist schwerer zu ertragen, Als eine Reihe von guten Tagen,
und: Ein Leben voller Blütentage paßt nur für Engel.« »Ich habe den Mut, ihre Wahrheit trotz häufiger Wiederholung zu bezweifeln. Ich, obgleich sicher kein Engel, bin nie so zu allem Guten aufgelegt, als wenn ich von Herzen fröhlich bin.«
»Vielleicht bist du nie so fröhlich, als wenn du recht von Herzen gut bist.«
»O, du kluge Nora!« rief Elly aufspringend und der Freundin um den Hals fallend, »wo hast du nur all deine Weisheit her? Du bist doch kaum ein Jahr älter als ich, und doch komme ich mir, dir gegenüber, vor wie ein dummes, unerfahrenes Kind.«
»Meine Weisheit ist leider nicht der Rede wert,« entgegnete Nora, halb seufzend, halb lachend, »ebensowenig, wie deine Dummheit. Und doch wünschte ich mir gerade jetzt recht viel Verstand, um meine arme Mutter in dieser schrecklichen Ungewißheit zu trösten und mir Mittel und Wege auszudenken, um diesem Zustand ein Ende zu machen.«
»Wie lange ist es nun schon her, seit ihr deines Vaters letzten Brief erhieltet?«
»Schon fünf Wochen. Damals war er in Hamburg, aber er wußte selbst noch nicht, ob er nicht nach England, vielleicht gar nach Amerika würde reisen müssen. Immer neue Verwicklungen fanden sich, die ihm die Unredlichkeit seines Buchhalters bereitet hatte, überall waren die Geschäfte in Unordnung, und nur seine persönliche Anwesenheit konnte dem abhelfen. Der arme Papa! welch eine freudlose, unerquickliche Zeit muß auch er durchleben!«
»Wie schrecklich zu denken,« rief Elly, »daß vielleicht das Weltmeer zwischen dir und deinem Vater liegt! Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, mich je so weit von meinem lieben alten Papa zu trennen!«
»Ich fürchte, das Leben ist dazu angethan, uns vieles ertragen zu lehren, was uns zuerst unmöglich erschien,« meinte Nora nachdenklich. »Selbst meine zarte Mama, die bei Tag und Nacht keine Ruhe findet, steht doch noch immer aufrecht da, obgleich ich sie täglich bleicher und schmaler finde. O, es ist schwer, sie so bitter leiden zu sehen und nichts dabei thun zu können!«
Ein minutenlanges Schweigen folgte; Elly stand auf, um zu gehen. »Also darf ich wirklich nicht hoffen, dich morgen unter uns zu sehen, Nora? vielleicht würde eine kleine Zerstreuung dir gut thun.«
»Ich kann es nicht versprechen, liebe Elly, ich kann meine Mutter nicht verlassen, solange sie in so banger Sorge ist und jeder Augenblick uns irgend eine trübe Nachricht bringen kann. Nicht wahr, das siehst du ein?«
»Ich muß wohl,« seufzte Elly, »ich bin doch nicht dumm genug, um deine Liebe und Pflichttreue nicht zu begreifen. Lebewohl, mein geliebtes Herz, Gott gebe euch bald, bald eine frohe Kunde!« –
Als Elly gegangen war, suchte Nora ihre Mutter auf und fand sie eifrig beschäftigt an einem ihrer Schränke. »Was machst du, liebe Mama? darf ich dir helfen?« fragte Nora.
»Ich suche mein ganzes Haus für eine längere Abwesenheit zu bestellen, damit, wenn der Vater mich ruft, ich zu ihm eilen kann, ohne Zeit mit Vorbereitungen zu verlieren. Ich habe eine unwiderstehliche Ahnung, daß er irgendwo krank liegt und meiner bedarf. – Hier, Nora, nimm diese Servietten, sortiere sie sorgfältig nach ihrem Muster und schreibe genau auf, wieviel du von jeder Sorte gefunden hast.«
Eine Zeit lang arbeiteten beide eifrig und schweigend fort, dann sagte Frau Diethelm: »War nicht Elly bei dir?«
»Sie ist eben gegangen; sie lud mich ein, morgen an einer Ausfahrt teilzunehmen, doch habe ich es abgelehnt.«
»Warum, mein Kind?«
»Ich möchte dich nicht gern allein lassen, liebe Mama.«
»Meine treue Nora, du denkst immer an mich, und ich fürchte, der Egoismus des Kummers läßt mich zu oft dich und die Anforderungen deiner Jugend vergessen. Du bist in diesem Frühling noch kaum im Freien gewesen, nimm daher die Einladung an; sei einmal von Herzen fröhlich mit deiner Freundin, erquicke dich an der Frühlingspracht draußen und bringe mir abends einen Hauch von Freude und Sonnenschein mit in meine trübe Einsamkeit.«
Nora trennte sich am nächsten Tage mit schwerem Herzen von ihrer Mutter, und fast wollte es ihr doch wie ein Unrecht vorkommen, sie zu verlassen. Aber mit jeder Minute fingen ihre Augen an, heller zu glänzen, ihre Schritte wurden elastischer, frohe Erwartung spiegelte sich in ihrem Gesicht. Sie war erst sechzehn Jahre alt und besaß das glückselige Vorrecht der Jugend, Kummer und Sorge für eine Zeit lang zu vergessen und den gegebenen frohen Augenblick froh und ungetrübt zu genießen. Elly jubelte hell auf beim Anblick der Freundin. »O nun ist alles gut«, rief sie, indem sie Nora wieder und wieder küßte und umarmte, »du glaubst nicht, wie verstimmt ich war, nichts schien mir lockend, aber nun werden wir uns köstlich amüsieren. Denke dir, mein Vetter Axel Lilienkron, dessen du dich als eines unreifen Kadetten erinnern wirst, hat sich uns heute als neugebackner Lieutenant vorgestellt und wird mit von der Partie sein. Er ist ein hübscher schlanker Bursche geworden; du weißt, wir waren immer gute Kameraden und haben uns von Kind auf geneckt und zusammen amüsiert.« Bald setzte sich die Gesellschaft in Bewegung; Frau von Mansfeld mit einer befreundeten Dame, Nora und Elly, ihr Bruder Arthur, der sich als Sekundaner in der Gesellschaft junger Damen noch etwas schüchtern bewegte, und einige jüngere Mädchen waren die Teilnehmer, der Lieutenant sollte erst später zu ihnen stoßen. Die erste Strecke war mit der Eisenbahn zurückzulegen; schnell blieb die Stadt mit ihren Wällen und Thoren zurück; an Alleen und Gärten, die im Schmuck des zartesten Maiengrüns prangten, flogen sie vorüber; jetzt tauchte zur rechten Hand der erste Streifen der See auf, welche die strahlende Bläue des Himmels in zauberischem Glanze widerspiegelte. Mit durstigen Blicken nahm Nora die ewig junge Schönheit der Natur in sich auf – ach, es war doch köstlich, so in die Frühlingswelt hinauszufliegen, die liebste Freundin zur Seite; seit Wochen hatte sie sich nicht so froh und leicht gefühlt, wie heute. Sie nahm es für eine glückliche Ahnung, daß der geliebte Vater bald zurückkehren, daß alle Sorge sich in Dank und Freude auflösen würde!
In O. verließ man die Eisenbahn und begab sich auf die Wanderung; die beiden Freundinnen sonderten sich ein wenig von den übrigen ab, um ungestört zu plaudern, bald heiter, wie frohe Kinder, bald ernst, wie erwachsene Mädchen, denen sich die Bedeutung des Lebens aufzuthun beginnt.
»Ich habe in diesen Tagen alle die Briefe wieder gelesen, die ich zu meiner Einsegnung erhalten habe«, sagte Elly, »und war zugleich beschämt und gerührt über die Liebe und die gute Meinung, die aus allen spricht. Ich habe doch noch so wenig gethan, um beide zu verdienen.«
»Vielleicht sind sie gerade darum so schön und so beglückend, weil sie uns als ein freies Geschenk zufallen«, versetzte Nora. »Erwerben könnten wir sie wohl nie, aber wenigstens können wir suchen, uns ihrer nicht unwert zu machen.«
»Ich habe mich jetzt oft gefragt, Nora, ob mein Leben wohl schon einen rechten Inhalt hat, der seiner höhern Bestimmung entspricht. Aber steht all unser Lernen, unser Malen und Klavierspielen, unsere feinen Handarbeiten und sonstigen Beschäftigungen in irgend einer Beziehung zur Ewigkeit?«
»Direkt wohl nicht, aber auch nicht in Widerspruch. Ich denke, alles, was uns befähigt, andere zu erfreuen oder ihnen zu helfen, alles, was uns tüchtig macht, unsern irdischen Beruf nach allen Seiten hin auszufüllen, das hat auch seine volle Berechtigung, und an all diesen Dingen können wir uns in Selbstverleugnung und Treue üben.«
»O Nora, da müßte ich ja mit besonderm Fleiß die altmodischen Stücke üben, die ich gar nicht leiden kann und die Tante Cäcilie so gern hört! Wenn ich ihr einen meiner lustigen Märsche oder eine brillante Salonpolka vorspiele, sagt sie stets: recht hübsch, mein Kind, nur zu laut; die Kompositionen in meiner Jugend machten nicht so viel Spektakel, aber sie erfreuten das Herz mit ihrem sanften Wohllaut.«
»Ich glaube wirklich, meine süße Elly, daß eine solche Selbstüberwindung dir nicht schaden würde; Tante Cäciliens Zufriedenheit würde sicher auch dich befriedigen.«
»Versuchen wir's einmal«, sagte Elly mit einem halben Seufzer. »Aber hat denn gerade das einen besondern Wert, was wir gezwungen oder ungern thun, du weise Nora?«
»Wer würde dich zwingen, als dein eignes Streben nach dem Guten und Rechten? und ungern? – nein, wir müssen dahin kommen, das Gute von Herzen zu thun, auch wenn es uns zuerst Überwindung kostet.«
»Bist du wirklich schon so gut und erhaben, wie du sprichst?«
»Gewiß nicht, liebe Elly, vom Erkennen bis zum Thun ist noch ein weiter Weg, der mir ebensoviel Mühe macht, wie jedem andern.«
»Willkommen, meine Damen«, rief plötzlich eine heitere Stimme, »ganz famos, daß ich Sie hier schon finde!« Die beiden Mädchen schraken zusammen, sie waren so sehr in ihr Gespräch vertieft gewesen, daß sie alles um sich her vergessen hatten. Dicht vor ihnen stand ein junger Offizier, der Elly mit herzlichem Händedruck begrüßte und sich mit ritterlichem Anstand vor Nora verbeugte. »Ich weiß nicht, mein gnädiges Fräulein, ob ich mich noch des Vorzuges rühmen darf, von Ihnen gekannt zu sein.« –
»Ich erinnere mich sehr Wohl des Kadetten, der so unermüdlich mit uns tanzte«, entgegnete Nora mit lieblichem Erröten, »aber in dieser Gestalt hätte ich Sie wohl nicht gleich wieder erkannt, Herr v. Lilienkron, wenn mich nicht Elly darauf vorbereitet hätte.«
»Ja, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Lieutenant, indem er selbstgefällig den kleinen Schnurrbart kräuselte, »der glänzende Schmetterling hat immer wenig Ähnlichkeit mit der unscheinbaren Puppe, die seine Flügel gefangen hielt.«
»Bitte, lieber Vetter,« rief Elly lachend, »trübe unsern Blick nur nicht gleich zuerst durch ein Maß von Bescheidenheit, das deine glänzenden Eigenschaften in Schatten stellen könnte!«
»Solche Augen trüben zu wollen, Cousinchen, wäre doch ein eitles Unterfangen, sie würden ja mit ihren Strahlen siegreich jede Hülle durchdringen.«
Er wendete sich schnell ab, um die älteren Damen zu begrüßen, die inzwischen die jugendliche Gruppe eingeholt hatten.
»Höre, Nora«, flüsterte Elly schnell, »den Vetter müssen wir ein wenig zu ducken suchen; er hält uns für Backfischchen, die sich mit ein paar schönen Redensarten ködern lassen, aber so leicht wollen wir ihm den Sieg nicht machen.«
Unter Scherzen und Lachen wurde der Weg fortgesetzt, der zuerst in den schönen, ehemals bischöflichen Park führte. Die herrlichen Baumgruppen im frischesten Frühlingskleide, die schwellenden Rasenflächen, deren Grün stille, von Schwänen durchzogene Weiher anmutig unterbrechen, die geschorenen Hecken, die als Denkmäler einer früheren Gartenkunst mit Pietät konserviert werden und zwischen ihren haushohen, grünen Wänden weite Blicke über den blauen Spiegel der unfernen See gewähren, die üppigen Gruppen von Azaleeen und Rhododendron, die an geschützten Stellen ihre wundervolle Farbenpracht entfalten – das alles wurde beschaut und bewundert, kleine Hügel erstiegen, an lauschigen Plätzen beim Gemurmel des kleinen Wasserfalls und dem leisen Geplätscher der Fontäne geruht, in Scherz und Ernst geplaudert, bis die Mittagsstunde an leibliche Erfrischung mahnte, welche ein nahes Gasthaus gewährte.
Nach Tisch beschlossen die beiden Damen etwas zu ruhen; die kleineren Mädchen spielten im Garten, die erwachsene, Jugend aber, die keine Ermüdung kannte, bat um Erlaubnis, den nahen Karlsberg zu besteigen. Etwas mühsam erschien der Weg durch den tiefen Sand, doch der Blick von der Höhe belohnte reichlich für jede Anstrengung. Das Auge schwelgt in der reichen Schönheit, die sich auf allen Seiten bietet: vorn dehnt sich die weite Fläche der See aus, auf der tausend Wellen tanzen und glitzern; zu Füßen liegt das alte ehrwürdige Kloster mit seinem regelmäßigen Viereck von Gebäuden, tief eingebettet in die ragenden Baumwipfel des Parks; von fernher grüßen die wohlbekannten Türme der Stadt herüber, und im Hintergrunde liegt ein stilles idyllisches Thal, von waldigen Hügeln lieblich umkränzt und abgeschlossen.
»Hier ist's famos, hier laßt uns Hütten bauen,« rief Herr v. Lilienkron begeistert aus; »die Herren Mütter werden sicher nicht so bald aus ihrer Siesta erwachen, um uns zu vermissen, daher erlaube ich mir den Vorschlag, hier ein Stündchen zu rasten.«
Allgemeine Zustimmung folgte diesen Worten, die jungen Mädchen ließen sich zierlich auf ihre Plaids nieder, der Gymnasiast folgte treulich dem Beispiel des Vetters und streckte sich wie dieser auf dem moosbewachsenen Abhang aus. Eine träumerische Ruhe breitete sich über die kleine Gesellschaft aus, die Ellys lebhaftem Naturell nicht lange zusagte. »Ich fürchte,« bemerkte sie, »wenn wir lange in diesem dolce far niente verharren, so schlafen einige von uns ein. Wie wäre es, wenn wir körperliche Ruhe mit geistiger Bewegung vereinten? Axel, du hast Jahre lang in der Residenz gelebt, was spielt man dort für geistreiche Spiele?«
»Das einzige, was ich kenne,« war die gedehnte Antwort, »ist Wattepusten, aber das kostet zu viel körperliche Anstrengung.«
»O Vetter,« lachte Elly, »in was für Kreisen hast du gelebt, bei denen der Geist in der Lunge saß! Wenn ihr disputiertet, behielt natürlich immer der lauteste Schreier recht.« »Wohl möglich, meine holde Cousine, wenigstens kann ich versichern, daß man in der Residenz nicht leicht so viel Geist und Schönheit vereinigt findet, wie in der Provinz.«
Die Mädchen lächelten verstohlen. »Wir wollen Städte begraben«, schlug Nora vor.
»Ich hoffe nur, mein gnädiges Fräulein«, sagte der Lieutenant in klagendem Ton, »daß dazu nicht die Handhabung eines Spatens gehört, denn diese Stunde ist so schön, daß sie nur in göttlicher Faulheit genossen werden kann; und daß wir dabei nicht mit einem Taschentuch im Auge und einer Thräne in der Hand zu erscheinen brauchen, denn die Sonne lacht zu hell, als daß wir weinen könnten.«
»Seien Sie ohne Sorge, Herr von Lilienkron, so Schweres soll Ihnen nicht zugemutet werden; es handelt sich dabei nur um etwas Kombination beim Begraben und etwas Scharfsinn beim Auffinden. Die Sache ist einfach die, daß man die einzelnen Silben eines Städtenamens so in einen Satz einfügt, daß sie zwar in der richtigen Reihenfolge stehen, aber Teile anderer Worte bilden, z. B.: Lieber, lindre meine Qual. Darin liegt Berlin begraben.«
»Famos!« sagte der Lieutenant, »das kann ich auch. O Fenella, was tappest du im Dunkeln? – da haben Sie gleich zwei Städte in einem Grabe.«
»Ofen und Pest!« riet Elly; »nicht übel für einen ersten Versuch, doch liegt zu wenig Schutt über den Trümmern, man erkennt die Umrisse zu leicht heraus. Jetzt allgemeines Schweigen, damit jeder sich vorbereiten kann. – Alle fertig? Arthur fange an.«
»Ick kann de Kierls nich mehr in Ornung hollen, mag de Burgemester seggen, wat hei will.«
Eine Pause entstand, dann hieß es: »Magdeburg! Jetzt ist die Reihe an Nora«.
»Frage den großen Kant, wer Penthesilea gewesen.«
Diesmal kostete das Raten mehr Mühe, bis triumphierend der Sekundaner rief: »Antwerpen«.
Der Lieutenant richtete sich halb auf und grüßte militärisch. »Ganz famos, auf Ehre! damit erwerbe ich mir in meiner Garnison den Ruf eines höllisch geistreichen Menschen. Nun Elly, gieb deinen Scharfsinn zum besten«.
»Unser teurer Freund lebe hoch! und hoch alle seine Kinder und Enkel.«
Ein langes Hin- und Herraten begann, alle Kombinationen wurden durchprobiert, endlich fand es der Vetter: »Halle«. »Aber welche Berge von Schutt und Asche hast du auf den Ort gehäuft, grausame Base, er wollte gar nicht wieder ans Licht kommen. Doch das Ende krönt das Werk, hier ist mein Begräbnis: Hochgeehrter Herr Kuhl, an umstehend benannte Herren belieben Sie sofort je 1000 Mark auszuzahlen.«
»Herkulanum!« rief Elly. »wirklich, Vetter Axel, bei eifrigem Bemühen kannst du in diesem Fach mit der Zeit ganz Tüchtiges leisten.«
»Und das ist mein Lohn? Donner und Doria, das habe ich nicht verdient!« rief der Lieutenant in scheinbarem Zorn. Elly sah ihn einen Augenblick mit großen Augen betroffen an, sie wußte nicht, wie sie diesen Ausdruck deuten sollte. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht. »London!« rief sie und klatschte in die Hände, »dir sei verziehen, Vetter, obgleich du mit der Orthographie sehr souverän verfährst.«
Lautes Rufen von unten unterbrach die Unterhaltung; in atemloser Eile erschien der Knabe des Pförtners auf der Höhe und meldete, die Damen warteten schon lange am Fuße des Berges, es sei hohe Zeit, zum Bahnhof aufzubrechen. Erschrocken sprangen alle auf, und in lustigem Rennen ging es bergab. In wenigen Minuten stand die kleine Schar vor Frau v. Mansfeld, welche dem atemlosen Lauf mit mißbilligenden Blicken zugesehen hatte. »Beruhigt euch, ihr wilden Kinder,« flüsterte sie den Mädchen zu; »ich wünsche doch, daß wir alle einen civilisierten Eindruck machen.«
Nur zu bald war der Bahnhof erreicht, nur zu schnell führte der sausende Zug die Gesellschaft wieder in die Stadt zurück. Alle geleiteten Nora bis an die Thür ihres elterlichen Hauses, mit den wärmsten Dankesworten nahm sie Abschied und flog leichtbeschwingt die Treppe hinauf. Sie fühlte sich so froh, so glücklich, vielleicht gelang es ihr wirklich, der trauernden Mutter einen Hauch von Frühlingslust und Hoffnungsfreudigkeit mitzubringen.
Als Nora die Thür des Wohnzimmers öffnete, blieb sie betroffen stehen und blickte mit Überraschung auf die Spuren einer ungewohnten Thätigkeit; Koffer und Schachteln standen in der Mitte, Kleider und Wäschestücke lagen auf danebenstehenden Stühlen. Ihr Herz fing heftig an zu klopfen, was konnte dies bedeuten? In diesem Augenblick erschien ihre Mutter auf der Schwelle des andern Zimmers: »Nora,« rief sie schmerzlich und streckte die Hände nach ihr aus, dann aber schienen ihre Kräfte sie zu verlassen, sie sank auf den nächsten Stuhl und verhüllte ihr Gesicht. Nora flog an ihre Seite, kniete neben ihr nieder und schlang die Arme um sie. »Meine liebe süße Mama,« rief sie unter Thränen, »was ist geschehen? hast du Nachricht vom Papa erhalten?« Frau Diethelm nickte.
»So lebt er? Gott sei Dank! aber ist er krank? reisen wir zu ihm?«
»Sehr, sehr krank, mein Kind; schon vierzehn Tage hat er besinnungslos in einem Hospital in England gelegen, erst jetzt hat man meine Adresse erkunden können. Der Arzt schreibt, es könne noch Monate dauern, bis er wiederhergestellt sein wird, aber er hofft, daß die Gefahr für sein Leben vorüber sei.«
»O Mama, wie wollen wir ihn hegen und pflegen, wenn wir erst bei ihm sind! Wann brechen wir auf?«
»Ich reise morgen früh, meine Vorbereitungen sind beinahe fertig, aber dich – dich kann ich nicht mit nehmen.«
»Mutter,« schrie Nora in heftigem Schmerze auf, »das kann nicht sein, du kannst mich in dieser Zeit nicht von dir schicken! O ich will so gut und verständig sein, ich will dir helfen und dich stützen, wie könntest du auch Tag und Nacht an Papas Krankenbett aushalten, du mußt eine Hilfe, eine Ablösung haben .....«
