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Grete und Rémy Stermann sind ein Erzieher-Ehepaar, in französischen Kinderheimen tätig, die nach dem 2. Weltkrieg jüdische Kinder von KZ-Opfern aufgenommen und versorgt haben. Wer sind diese Erzieher? Wo kommen sie her? Wie haben sie zueinander gefunden? Was haben sie einzeln und gemeinsam erlebt? Was hat Rémy in den Todeslagern erleiden müssen? Warum war Grete nur ein so kurzes Leben beschieden? Welches sind die Umstände ihres Ablebens? Das sind die Kernfragen, mit denen sich dieses Buch beschäftigt. Darüber hinaus enthält es eine Auswahl von berührenden, spannenden, erschütternden Erzählungen sowie von erstaunlichen Lebensläufen aus der nahen Verwandtschaft von Grete und Rémy.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Passfoto 1947
An Danielle und Fabien, meine beiden Liebsten.
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ORWORT AN DEN DEUTSCHSPRACHIGEN
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Dies ist keine durchgehend wörtliche Übersetzung des französischen Originals, sondern eine deutsche Fassung durch den Autor selbst. Es war keine einfache Arbeit, denn durch den Stoff bedingt vermischen sich beide Sprachen in vielen der verwendeten Ausdrücke. Auch wurden manche auf den französischsprachigen Leser zugeschnittenen Bemerkungen fortgelassen, neue wurden eingesetzt.
Wobei ich ein für alle Male schmunzelnd bemerken möchte, dass der Leser ebenso gerne eine Leserin sein sollte, die männliche Form also stellvertretend für beide Geschlechter verwendet wird. Also bitte ich die hartnäckigsten Verteidiger der sogenannten geschechtergerechten Schreibweise um Entschuldigung.
Ich habe keine deutsche Schulbank gedrückt, die deutsche Sprache nur durch Sprechen im Verwandtenkreis, durch Lesen und in französischen Schulen als Fremdsprache erlernt. Deshalb ist es mir bewusst, dass so manches vielleicht nicht im besten Deutsch ausgefallen ist, dass manche Redewendung wohl etwas verdreht angewendet wurde, oder allzu wörtlich aus dem Französischen übernommen. Ich bitte darum um Nachsicht und hoffe, dass das Interesse am Lesen dadurch nicht zu sehr getrübt wird.
Grete mit Micha in Le Raincy im November 1951
Niemand ist in meinem Leben so anwesend gewesen wie Du, Maman Grète1; niemanden habe ich so vermisst wie Dich. Warum hast Du mich so früh verlassen? Zweimal hast Du mich verlassen. Einmal durch Einnahme von Schlaftabletten am 22. März 1953, als ich erst ein Jahr, vier Monate und zwei Wochen alt war. Überlegte Handlung, Kurzschlusshandlung oder freudsche Fehlleistung? Man weiß es nicht; ich werde es nicht wissen.
Das andere Mal unwillkürlich Deinerseits, nach und nach, untergründig, hat man Dich aus den Gesprächen, den Erwähnungen, den zu beschauenden Bildern verschwinden lassen.
Körperlich kann ich Dich nicht zurückkommen lassen, leider! Aber ich möchte das unausgesprochene Schweigegesetz auslöschen, das wie eine Bleihaube auf mir lastete. Ich möchte der ganzen Welt Deinen Namen entgegen rufen, Maman Grète! Kein Grab hast Du mehr. Dann soll dieses Buch Dir ein Denkmal sein.
Warum ich Dich Maman Grète nenne? Weil sich Papa, Rémy, zwei Jahre später wieder verheiratet hat und es dann auch noch eine Maman Magali gegeben hat. Tatsächlich sprachen meine Schwester Catia und ich eine Zeitlang von Maman Grète und von Maman Magali. Für uns gab es damals noch ein Nebeneinander von der Margarethe aus Deutschland mit der Margarethe aus der Provence2.
Dann wurde aufgehört, von der ersten zu sprechen, ihre Fotoalben anzusehen, und aus der zweiten ist kurz Maman geworden, ob wir es wollten oder nicht. Besonders nachdem Gilles, unser Stiefbruder, geboren wurde, der seinerseits nur eine Maman hatte. Später noch wurde sie dann zu Mam, dann la Mère (die Mutter) und letztlich einfach Magali.
Meine ganze Kindheit und Jugend war ein Zusammensein von Wissen und Schweigen. Als junger Witwer wurde Rémy zeitweise von der Obhut Eurer Kinder durch Deine Eltern in Hamburg entlastet. Es waren die einzigen Großeltern die ich gekannt habe, denn Rémys Eltern kamen im KZ ums Leben. Soweit ich mich entsinnen kann, sprachen auch sie mit mir nicht von Dir. Die Kinder ihres Fleisch und Blutes stets vor Augen zu haben, ohne sich erlaubt zu fühlen, von Dir zu sprechen, die sie so lieb gehabt hatten, welchen Schmerz ebenfalls für sie!
Da habe ich mir in meinem kleinen Kinderkopf gesagt, dass es so sei: „wenn die Leute einmal tot sind, dann gehört es sich nicht mehr, von ihnen zu sprechen; das tut man nicht. Der Schmerz für die Hinterbliebenen ist allzu unerträglich, man darf sie nicht leiden lassen, das ist böse.“ Ich dachte vor allem an Papa, der, nachdem er tausend Leiden in den sogenannten „Konzentrations“-Lagern (welch eine Untertreibung!) erlitten, dort Vater, Mutter, Bruder, Onkel, Tanten, Vettern… verloren hatte, darüber hinaus noch Dein Ableben hinnehmen musste, Maman Grète. Ich musste ihn beschützen, wenigstens ihn behalten. Also durfte ich von dem nicht sprechen, was mir auf der Zunge brannte.
Gespräche darüber führte ich nur mit Catia, meiner großen Schwester. Sie sprach mit geheimnisvoller Miene von diesen Schlaftabletten, von denen man nicht wusste, ob Du absichtlich zu viele davon eingenommen hattest, als es Dir zu schlecht ging. Von diesem Sturz aus dem Fenster, den Du vorher gemacht hättest, vielleicht beim Fensterputzen, von diesem Gipskorsett, das Du anschließend hättest tragen müssen. Aber mit den Erwachsenen ... nichts mehr.
Der neuen Familienzusammensetzung musste Platz gemacht werden, indem die erste, Deine Familie, dadurch weichen musste, dass sie „unter den Teppich gekehrt“ wurde. Und das trotz der aufrecht erhaltenen Verbindung mit Deinen Eltern, unseren Großeltern. Welch ein Paradox! Bis hin zu Gilles, den Letztere großzügig wie ein weiteres Enkelkind, ohne Diskriminierung behandeln werden. Er wird übrigens unter dieser Fiktion zu leiden haben.
Seitdem trage ich dies alles in mir, jetzt immer noch, auch als Rentner, einen Prostatakrebs später. Wobei ich nach der geglückten Behandlung nebenbei bemerken möchte, dass ich paradoxerweise mein Vorsteherdrüsen-Problem als „hinter mir“ betrachte. Spaß beiseite.
Du warst die Maman Grète von der ich nicht sprechen sollte und also gewissermaßen eine Schande, ein Flecken auf meiner Geschichte. Diesen schlechten Ruhm hast Du nicht verdient, und ich nicht dieses diffuse Schuldgefühl. Aus Angst vor einer weiteren schweren Krankheit habe ich wieder eine psychotherapeutische Stütze angenommen, um mir helfen zu lassen, damit sich all diese Dinge klären und beruhigen. Folgende Überzeugung ist daraus hervorgegangen: ich musste lautstark Deine Tugenden, Dein Wesen, Deine Geschichte verkünden.
Um mir dabei zu helfen, bin ich nicht ohne Werkzeug. Erstens die Familienforschung. Bereits Danielle, meine Ehefrau und Lebensgefährtin, hat als erste mit einer umfangreichen und begeisternden Forschung nach der Herkunft ihrer Familie angefangen, an welcher ich weitgehend teilnehme. Als ich fühlte, dass es mit meinem Vater bergab ging, als er mir einiges über seine Verwandten erzählte, da fühlte ich bereits 1999 das Bedürfnis, die Fackel der Erinnerungen aufzugreifen. Ich hatte nun die Gewissheit, dass ich an der Reihe war, mich mit der Stammbaumforschung zu befassen. Über weite Teile ist es Deine Geschichte, Maman Grète, und die Deiner Verwandten.
Zweitens, als Alleinerbe Deines Bruders, meines lieben Onkels Jacki, bin ich 2007 in den Besitz des Familienhauses gekommen, das Deine Eltern haben bauen lassen. Und weil diese nichts wegwarfen, habe ich darin Schätze von Erinnerungen gefunden: Fotoalben und –Negative, Deine Schulhefte, Dein Tagebuch als Jugendliche, das von 1917 bis 1943 geführte Tagebuch Deiner Mutter und den gesamten Familien-Briefwechsel, darunter Deine Briefe aus Frankreich an Deine Eltern und an Jacki, von 1947 bis März 1953.
Deine Briefe sagen vieles über Deine Persönlichkeit aus, Deine Intelligenz, Deine Kultur, Deine handwerklichen sowie künstlerischen Fähigkeiten, Deine Hingabe, Deine Aufrichtigkeit, Deine Nächstenliebe, besonders für Kinder, Deinen Humor und Deine Freudigkeit. Sie erzählen nicht viel über Deine Momente der Mutlosigkeit, die Dich letzten Endes aus diesem Leben reißen werden, weil Du Deinen in Hamburg gebliebenen Lieben nicht zu viele Sorgen verursachen willst. Jedoch, so wie sie sind, sind sie eine unschätzbare Wissensquelle über Dich, über meine eigene Vorgeschichte und die Geschichte meiner Anfänge.
Diese Briefe sind natürlich in deutscher Sprache verfasst. Ihr Stil ist mir sehr geläufig. Ich könnte sie fast selber geschrieben haben (außer, dass meine Handschrift nicht so gepflegt und regelmäßig ist). Ich habe ja auch teilweise dieselben Erzieher wie Du gehabt, indem ich sehr jung lange Monate bei Deinen Eltern verbracht habe. Der Geist Deiner Familie ist ebenfalls in mir.
Deine Wahl war es, nach Frankreich zu fahren, um das Leben Remys, Deiner großen Liebe, zu teilen, und um Erzieherin von KZ-Opfer-Waisenkindern zu werden.
Seit einiger Zeit stehe ich in Verbindung mit einigen von ihnen, die Dich gekannt haben und mir von Dir erzählen können, für mich sehr wohltuend, weil Du ihnen nur gute Erinnerungen gelassen hast. Auf nachdrücklicher Anregung von einem unter ihnen habe ich die Übersetzung ins Französische Deiner etwa einhundertfünfzig Briefe aus Frankreich unternommen.
Übersetzen ist etwas anderes als reines Lesen und Inventar erstellen. Dein Geist und Deine Gefühle dringen dabei viel tiefer in mir ein. Darin werde ich einen Großteil des Materials schöpfen, aus dem sich dieses Buch zusammensetzt, als Ergänzung zu meinen Forschungen über unseren Stammbaum und die Geschichte unserer Familie.
1 Die Schrägschrift wird für in der Originalform wiedergegebene Ausdrücke verwendet, sowie für Spitz- und Kosenamen bzw. Pseudonyme. Maman ist die französische Form von Mutti bzw. Mammi. Grète ist die von der Betroffenen selbst in Frankreich verwendete Schreibweise.
2 Alternative Quellen leiten Magali eher von Magdalena ab; dann stimmt mein Satz allerdings nicht mehr.
Grete und ihre Eltern
Als Grete Meitmann erblickst Du die Welt, ohne weiteren Vornamen, am Sonntag, dem 2. September 1923 um 3 Uhr 15 in der Frauenklinik zu Kiel3. In dieser Stadt sind bereits Deine Eltern geboren, dort wird auch zwei Jahre später Dein Bruder Jacki zur Welt kommen. Wenn ich meinen Schulkameraden erzählte, wo ich meine Ferien verbringe, dann sagten sie meistens „Ach ja, Kehl, bei Straßburg“. Weit entfernt! Weshalb die nördlichste deutsche Landeshauptstadt in Frankreich so gut wie völlig unbekannt ist, will mir nicht einleuchten.
Apropos Kehl fällt mir ein persönliches Erlebnis ein – wenn der Leser mir den Exkurs erlaubt. Im Frühjahr 2004, kurz nach meiner Rückkehr aus Philadelphia (s. Kapitel „444 Poplar Street“, weiter unten), hatte ich dienstlich in Straßburg zu tun und hauste im Hotel nahe der Europabrücke. Des Abends machte ich dorthin einen Spaziergang. Ich sehe mich noch auf halbem Wege zwischen den Ufern am nordseitigen Brückengeländer stehen. Hinter mir brauste der gemischte grenzüberschreitende Verkehr vorbei, mit vorwiegend Elsässer und Offenburger Nummernschildern.
Unter mir war ich fast erstaunt, auf der dahinfließenden Oberfläche des mächtigen Stroms keine gestrichelte Linie zu sehen, obwohl sie ja in allen Karten verzeichnet ist. Vor mir donnerte ein Zug aus französischen SNCF-Wagen mit vorgespannter deutscher, roter DB-Lok vorsichtig über die benachbarte Eisenbahnbrücke. Ich erblickte beide Ortseingangsschilder: links „STRASBOURG“ auf länglichem weißen, rot umrahmten Feld; rechts „Kehl“ auf gelbem Quadrat mit schwarzem Rand.
Da kam in mir ein seltsam wohltuendes „Zuhause-Gefühl“ auf, das ich noch eine ganze Weile genießen konnte. Ich fühlte mich an der richtigen Stelle, mit einem Fuß in Frankreich und dem anderen in Deutschland.
Soweit über die Neuzeit. Deine Eltern, obwohl von lutherisch-evangelischen Ahnen abstammend, waren Sozialisten und keine Priesterfreunde, weshalb Du nicht getauft wurdest. Erst später wirst Du getauft werden, wohl aus nationalpolitischer Pflicht.
„Grete“, dein Vorname, wurde nicht ohne Grund gewählt. Das war nämlich der Kosename der ersten großen Liebe Deines Vaters, Margarethe Dorendorf aus Hamburg, mit welcher er während des ersten Weltkrieges einen regen Liebesbrief-Kontakt unterhielt, während er Frontkämpfer war. Diese andere Grete verzichtete auf ihn, kurz bevor er in die Heimat entlassen wurde, wodurch ihm ein großer Liebeskummer entstand.
Ist es nicht ein bisschen belastend, auch unbewusst, sozusagen ein Ausgleichskind für eine verlorene Liebe zu sein? Diese Dinge sind kaum durchschaubar aber ich lasse vom Gedanken nicht ab, dass die Wahl Deines Vornamens Dein späteres Schicksal mitbestimmen wird.
Auf Deiner Geburtsurkunde, die auf eine Mitteilung der Frauenklinik beruht, wird Dein Vater Karl Meitmann, zwei- und-dreißig Jahre alt, als Beigeordneter der Polizei bezeichnet. Er ist tatsächlich Zivilkommissar mit dem Auftrag, der schleswig-holsteinischen Polizei den Übergang vom Kaiserreich in die Republik zu erleichtern.
Deine Mutter, die schöne Else Meitmann, geborene Adam, ist dann einundzwanzig, mit einer Ausbildung als Möbelzeichnerin und Innenarchitektin. Nach einjähriger Ehe bist Du ihr erstes Kind.
Eure Wohnung befindet sich in einem westlichen Kieler Stadtteil.
Kiel Hasseldieksdammer Weg 217 im Jahre 1925
Nach alten Fotos zu urteilen, lebt Ihr in einem Einzelhaus, wo sich auch ein Laden der Konsumgenossenschaft befindet. Es hat einen Garten, wo Du mit Jacki, Deinem Bruder, der am 12. März 1925 geboren wird, in der frischen Luft spielen und dabei die Natur entdecken kannst.
Die Anschrift ist Hasseldieksdammer Weg 217. Über den typisch niederdeutschen langen Namen amüsierte sich Deine Mutter immer.
Diese Wohnung beschaffte Euch wahrscheinlich Dein Großvater mütterlicherseits, Hermann Adam, Gründer und Leiter der Arbeiter-Konsumgenossenschaft, nachdem er seine Arbeit auf einer Werft verloren hatte, weil er eine sozialistisch gerichtete Gewerkschafts-Abteilung mitgegründet und einen Streik mitorganisiert hatte.
Dein anderer Großvater, Johannes Meitmann, hatte einen ähnlichen Werdegang aber er war am Vortage der Hochzeit Deiner Eltern verstorben. Schade, den hast Du nicht gekannt.
Die dazugehörige Großmutter allerdings auch nicht; Dein Vater war mit sieben Jahren mutterlos geworden, dann von einer Stiefmutter aufgezogen, wie ich. Wer hat gesagt, dass sich die Geschichte nicht wiederhole, sondern dass sie stottere?
Grete 1925
Du bist ein schönes Kindchen, runde Schnute, helles, steifes, eckig geschnittenes Haar, weit geöffnete Augen, eher grau als Vergissmeinnicht-Blau, wie Deine ganze Familie, meine Schwester inbegriffen. Ich meinerseits habe blau-braun gemischte. Wie das Wasser im Glas, in dem man die Pinsel ausgewaschen hat, die in allen Farben des Tuschkastens gemalt haben, haben sie etwa die Farbe des Farbgemisches.
3 Landkarten mit den wichtigsten erwähnten Ortschaften befinden sich unter den Dokumenten, am Ende dieses Buches.
Im Jahre 1927, als Du ungefähr vier bist, zieht die Familie etwa einhundert Kilometer weiter südlich nach Altona. Später wird es ein Stadtteil der freien und Hansestadt Hamburg werden, aber zu diesem Zeitpunkt gehört der Ort noch zu Schleswig-Holstein, obwohl im Hamburger Stadtgebiet, jedoch allzu nahe bei der Innenstadt, daher der plattdeutsche Name „all to nah“.
Dein Vati ist nämlich von seiner Partei, der SPD, mit neuen Verantwortungen versehen worden. Er hat das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold für Schleswig-Holstein gegründet, eine Art Ordnungsdienst der Partei, an dessen Spitze er auch steht und er ist zum SPD-Bezirkssekretär gewählt worden. Er wird in wachsendem Maße von seinen Aufgaben beansprucht, Du siehst ihn seltener.
Gleichzeitig entdeckst Du die Hamburger Großstadt, den Seehafen, die U- und S-Bahn, den Rathenaupark, der recht oder schlecht Euren Garten ersetzen muss. Eure Anschrift ist dann übrigens „Am Rathenaupark“, was für dessen Nähe spricht.
Zwei Jahre später, in 1929, neuer Aufgabenwechsel für Deinen Vater, neuer Umzug (wie viele Du in Deinem kurzen Leben kennen wirst!). Ihr verlasst Schleswig-Holstein und wechselt nach Hamburg-Fuhlsbüttel über, einige Kilometer weiter nach Nordosten, bekannt für seinen Flughafen und sein Gefängnis.
Ihr wohnt in einem kleinen Mehrfamilienhaus aus dunkelroten Backsteinen unter hohem Ziegeldach, mit erstem Stock und Dachwohnungen, Maienweg 231.
Fuhlsbüttel, Maienweg 231, im Juli 2007
Im 21. Jahrhundert steht das Haus noch, das letzte an der Ecke der Straße zum von dort jedoch nicht direkt sichtbaren Gefängnis, umgeben von einem Garten, in dem Jacki und Du Euch wieder schön austoben könnt, sogar kleine Mitspieler habt ihr. Die Architektur wirkt noch heute nicht altmodisch; an den Straßen stehen Baumreihen. Eher angenehm ist es hier.
Dein Vater ist innerhalb der SPD versetzt worden; er ist zum Hamburger Landessekretär, dann in die Bürgerschaft gewählt worden, dem Stadt- und Landesparlament. Er ist sehr beschäftigt, zahlreiche Versammlungen, Reden und Kundgebungen sind vorzubereiten und durchzuführen. Flugblätter und Artikel sind zu verfassen, ein Wahlkampf folgt auf den anderen, Bürgerschafts-, Reichstags-, Präsidentenwahlen. Sozialkämpfe sind auszutragen, politische Kämpfe gegen diese immer gefährlicher werdende Hitlerbande.
Anni, Oma, Grete, Mutti und Jacki 1925
Am 9. September 1929 verstirbt in Kiel Dein Opa Adam. Man sah Dich auf Fotos von 1925 in der Wohnung Deiner Großeltern, auf Hermanns hohem Ledersessel hockend oder auf dem Schoß Deiner Großmutter Anna, geborene Feist. Diese beiden schienen von Dir eingenommen. Oma wird Dich übrigens um acht Jahre überleben und auch ich werde sie kennen. Der Tod Deines Opas hat Dir sicher Kummer bereitet, wie auch Deiner Mutti.
Schulausflug – Jacki darf mit (1930)
Im April 1930 kommt ein großes Erlebnis: mit Riesen-Papiertüte in den Armen und nagelneuem Ranzen auf dem Rücken kommst Du in die Volksschule. Damals fing das Schuljahr in Hamburg nach Ostern an.
Auf anderen Bildern sieht man Euch auf dem Schulhof, vor dem Backsteingebäude, Knaben und Mädchen in gemischten Zweierreihen, im Aufmarsch zu einem Schulausflug. Ausnahmsweise darf Dein kleiner Bruder mit; Du hältst ihn an der Hand. Die Jungens tragen einen Marineanzug oder Lederhosen, die Mädchen runde Flachmützen oder einen glockenförmigen Hut. Kleine Umhängetaschen bzw. Rucksäcke.
Ich besitze Deine Schulhefte, darunter die mit Deinen ersten Schreibversuchen. Ihr lernt die Sütterlinschrift, eine genormte deutsche Schrift, der Du bis zum Ende der Nazizeit treu bleiben wirst. Deine Handschrift ist gepflegt, schön regelmäßig und rund. In seinem Schriftwechsel wird Dein frecherer kleiner Bruder Jacki allerdings bereits 1940 die lateinische Schrift wagen.
Du lernst gut, wirst eine gute Schülerin werden, mit besonderen Fähigkeiten für Fremdsprachen, Gesang, Musik, Zeichnen und Bastelarbeiten.
Auch Jacki wird an der Reihe sein, eine Schülerlaufbahn einzuschlagen, noch kurz bevor den Geschehnissen, die das Leben der ganzen Familie, ganz Deutschlands, später Europas und der ganzen Welt umstürzen werden.
Das Unheil kommt im Januar 1933. Adolf Hitler und seine brutale, skrupellose Banditenriege sind Wahlsieger mit relativer Mehrheit, bestimmen die Regierung unter Wohlwollen des Reichspräsidenten, des alten adeligen Feldmarschalls von Hindenburg, und alles stürzt um.
Da alle übrigen Parteien verboten worden sind, beginnt Dein Vater eine heimliche Opposition. Er beteiligt sich an der Verbreitung von untergründigen Blättern, an halboffiziellen Versammlungen.
Den Kommunisten gegenüber sind die Nazis unheimlich roh und schnellfertig, aber auch gegen die Sozialisten werden sie angehen. In Hamburg steht Dein Vati an ihrer Spitze. Also haben sie ihn besonders im Visier. Dreimal wird er bei Versammlungen verhaftet4, am 24. März für drei Tage, am 2. Mai für zwei Wochen und am 16. Juni 1933.
Diesmal kommt er so schnell nicht wieder. Aus dem Fuhlsbütteler Gefängnis ist ein KZ für politische Gegner geworden und heißt Kolafu im Gestapo-Jargon. Da sitzt er drin, so dicht bei Euch, so unerreichbar. Welche Angst für Deine Mutti und für ihre Kinder!
Fotos zeigen Euch in den Sommerferien in Kiel mit Onkeln und Tanten, mit Oma aber ohne Vati. Du hast jetzt eine Bubi-Frisur, mit kürzeren Haaren als Dein krauser Bruder. Ihr seid am Strand, Ihr lacht, weil Ihr Kinder seid aber wie belastend, wie bedrohend muss die allgemeine Stimmung sein!
Seit Beginn der Diktatur hat Deine Mutti ihr Tagebuch unterbrochen, nichts zwischen Januar und November geschrieben. Deshalb verliere ich ein wenig Deine Spur nach dem Sommer. Seid Jacki und Du nach Hamburg zurückgekommen, um die Schule wieder zu besuchen? Die Zeiten sind ungewiss. Was wird nun aus Euch?
Ende Oktober werden sich die Ereignisse überstürzen. Nach Abschluss von Entwicklungen, die ich im Einzelnen erläutern werde, wenn ich seine Geschichte erzähle, wird Dein Vati wieder freigelassen, jedoch mit der Auflage, binnen vierundzwanzig Stunden mit Aufenthaltsverbot Hamburg zu verlassen, und sich nicht mehr politisch zu betätigen. Endlich! Das ging dicht an Euch vorbei. So viele andere sind aus den Klauen von Gestapo und SS nicht lebend wieder herausgekommen.
Bloß: das ganze Leben ist neu aufzubauen. Die Familie Meitmann benötigt ein Zuhause, einen Verdienst, Schulen, ein Mindestmaß an Sicherheit. Im Untergrund ist ein Netz von Helfern am Werk. Nach einigen Wartetagen bei von mir nicht identifizierten Freunden in Niendorf an der Lübecker Bucht, übertragen Deine Eltern Euch Kinder der Obhut Eurer Oma und sie lassen sich weit entfernt in einem verlassenen westpreußischen Nest nieder.
Anfang November 1933 nimmt Deine Mutti ihr Tagebuch wieder auf, mit ihrer Ankunft in Schmagorei, mitten im Nirgendwo. In diesem fernen Osten fragt sie sich, ob sie sich „zwischen Mongolei und Mandschurei“ befinde. In Wirklichkeit liegt dieser Ort östlich von Frankfurt/Oder, im Kreis West-Sternberg, zwischen den Ortschaften Drossen und Zielenzig. Nach dem Kriege wird dieses Gebiet polnisch werden und die Ortschaft Smogory heißen. Außer dem Bahnhof ist seine einzige Besonderheit die Braunkohlengrube. Unter Beihilfe eines Parteifreundes, der in der Leitung des Bergwerk-Kombinats sitzt, wird Dein Vati im Büro der Grube als Lohnbuchhalter angestellt. Wenn ich richtig verstanden habe, ist dieser Freund kein Anderer als Herbert Dorendorf, ein Bruder von der bereits erwähnten Margarethe, nach welcher Du benannt worden bist.
Schmagorei November 1933
Anscheinend bezieht Ihr eine Dienstwohnung in einem der Grube gehörenden Einzelhaus. Heller Putz, spitzes Ziegel-Satteldach mit Dachzimmern und Giebelfenstern, kleiner Garten rund herum; Eingang durch eine verglaste Diele oberhalb einiger Stufen. Strom ist vorhanden, aber kaltes, sehr kaltes Wasser draußen an der Handpumpe mit Holzverkleidung. Ein einziger Braunkohlenherd als Heiz- und Kochgerät. Die Umgebung besteht aus Ortsrand und Feldern, so weit das Auge reicht. Grube, Bahnhof und Dorfschule zu Fuß erreichbar.
Dieses Dorf erinnert Deine Mutti wohl an die ländlichen niederschlesischen Wurzeln ihrer Eltern. Früher hat sie ihre Onkel, Tanten und Vetter in diesen fernen östlichen, jedoch südlicheren Gebieten besucht. Eine lange, abenteuerliche Eisenbahnreise mit Hühnern im Abteil und Nachttopf für die Kinder unter dem schützenden Mutterkleid.
Im Dezember bringt Euch Eure Oma her, Deinen kleinen Bruder und Dich. Ebenfalls lange Bahnstunden von Kiel über Hamburg, Berlin und Frankfurt/Oder. Eure Großmutter bleibt über Weihnachten und Neujahr bei Euch. Sie fährt später zurück als vorgesehen, weil sie sich beim Sturz auf Glatteis einen Fuß verstaucht hat.
Für Dich als Stadtkind, Maman Grète, bedeutet es die Entdeckung einer ländlichen Umgebung. Viel Natur, wenig Komfort, allerhand Tiere, kleine Schule, bäuerliche Kameraden.
Es ist auch eine Zeit der Zurückhaltung. Nicht sagen, wer Du bist, wo Du herkommst, was Dein Vater vorher machte. Übrigens steht in seinem Arbeitsbuch unter „bisherige Beschäftigungsarten von längerer Dauer“ schlicht „Vertreter“. In dieser Zeit allgemeiner Vorsicht ist sowieso niemand allzu neugierig. Ihr habt alle Eure richtigen Personalien beibehalten, aber in dieser verlassenen Ecke sind die Behörden nicht so pingelig. Nur der Grubendirektor weiß Bescheid; er ist freundlich-wohlwollend und gehört zu Euren Beschützern.
Nichtsdestotrotz ist die Stimmung belastend. Es fehlen Euch Eure Bücher, Euer Spielzeug, Eure Schallplatten, Eure gewohnten Hausgeräte, Eure Möbel. Dein Vati ist düster. Die Politik war sein ganzes Leben. Reden, diskutieren, überzeugen, leiten, handeln fehlen ihm. Er ist wie ein Löwe im Käfig. Kleinigkeiten können ihn in schreckliche Wut versetzen.
Kleiner Sonnenstrahl für Dich: bereits 1934 kommt Euch Euer Freund und Beschützer aus der Kombinat-Leitung besuchen. Bei ihm im Auto, ein ganz junger deutscher Schäferhund als Geschenk; Tello wird er heißen.
Tello, Grete und Jacki 1934 in Schmagorei
Du strahlst, Du hast eine besondere Liebe für Tiere. Man sieht, wie Ihr ihn in einer großen Blechwanne beim Haus badet und man kann ihn auch auf anderen Fotos sehen, darunter in einem großen Maschendraht-Käfig. Ein Jahr danach sieht man Dich in Gesellschaft eines Foxterriers, Axel. Seltsam … dauern Hunde bei Euch nur so kurz oder ist es etwa der Hund anderer Leute?
Zum Glück verbringt Ihr Eure Sommerferien 1935 in Kiel, wie es Fotos bezeugen. Sogar Euer Vati ist mit dabei. Nur etwa einhundert Kilometer von dem Ort entfernt, wo er sich nicht aufhalten darf, ist es nicht etwas riskant?
Sommer 1935, Grete (Pfeil) mit Familie und Verwandten an Bord des Fischkutters ihrer beiden Onkel in Laboe
Jedenfalls sieht man ihn mit Euch auf dem hölzernen Fischkutter seiner Brüder und im Badeort Laboe.
Vom Herbst 1935 an reicht die kleine Dorfschule in Schmagorei nicht mehr aus. Man findet für Euch eine gehobenere Lehranstalt in Drossen, der westlich gelegenen Nachbarortschaft. Täglich fahrt Ihr mit der Eisenbahn hin und zurück.
Die Sommerferien 1936 verbringt Ihr in Niederschlesien, auf dem Heimat-Bauernhof der Familie Adam in Putschlau bei Glogau, der immer noch von einer Tante Muttis betrieben wird, und bei weiteren Vettern im benachbarten Polkwitz. Man sieht Dich wonnevoll reiten. Strahlend sitzt Du sattellos auf dem Rücken eines Zugschimmels mit dickem Halsbespann. Das Familienarchiv beweist, dass es kein reiner Familienbesuch war. Wie alle Deutschen, müssen Deine Eltern sogenannte Ahnenpässe mit Tauf- und Heiratsurkunden ihrer Vorfahren bis drei Generationen zurück erstellen, als Beweis, dass sich keine Juden darunter befinden. Deine Mutter hat sich der Sache angetan und vervollständigt ihre Forschung an Ort und Stelle über das Notwendige hinaus, wovon ich ihre Notizen behalte.
Wenn Du älter sein wirst, dann wirst Du einen großen bunten Stammbaum malen, alle Personen mit ihren beruflichen Merkmalen versehen. Wenn Du ihr Gesicht kennst, dann zeichnest Du eine Karikatur davon. Dich selbst stellst Du mit einer Art Baskenmütze auf dem Kopf und einen Violinenkasten tragend dar, denn Du wirst ernsthaften Musikunterricht erhalten. Deine Geige und ihren Kasten behalte ich als wertvolle Reliquie zusammen mit dem Familienarchiv. Die Saiten und Bogenhaare sind längst zu Staub zerfallen.
Dieses Instrument benutzte ich als musikalisches Spielzeug während meiner Schulferien bei Deinen Eltern. Wenn ich Mutti fragte, wessen Geige es sei, sagte sie mir, sie gehöre ihr, um Dich nicht erwähnen zu müssen. Wie schade! Ich wäre so stolz über Dich gewesen. Viel später erst habe ich begriffen.
Drossen, 1936, Aussicht vom Balkon
Im Oktober 1936 zieht die ganze Familie nach Drossen um. Der Vati ist nun an der Reihe, jeden Tag mit der Bahn zu fahren, denn sein Büro bleibt in
