Manifest der demokratischen Zivilisation – Bd. IV - Abdullah Öcalan - E-Book

Manifest der demokratischen Zivilisation – Bd. IV E-Book

Abdullah Öcalan

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Beschreibung

Die globale Zivilisationskrise zeigt sich heute am deutlichsten in den herrschenden Verhältnissen des Nahen Ostens. Abdullah Öcalan legt nahe, dass dort, wo vor 5.000 Jahren die Zentralzivilisation ihren Anfang nahm, auch der Schlüssel zu ihrer Überwindung zu finden sein muss. Die demokratische Zivilisation beleuchtet die geschichtlichen Ursachen der globalen Krise genauso wie die vielfältigen Traditionen von Widerstand – religiöse, kulturelle, dezentrale – und vor allem deren Potenziale, die kapitalistische Moderne zu überwinden. Der vierte Band von Öcalans Hauptwerk "Manifest der demokratischen Zivilisation" schließt mit einer Diskussion der für eine globale Transformation wesentlichen Fragen: Wie leben? Was tun? Wo beginnen?

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Seitenzahl: 712

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Abdullah Öcalan

Manifest der demokratischen Zivilisation

Vierter Band

Die demokratische ZivilisationWege aus der Zivilisationskrise im Nahen Osten

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Abdullah Öcalan:

Die demokratische Zivilisation

Manifest der demokratischen Zivilisation, Band IV

1. Auflage, April 2023

Aus dem Türkischen: Mehmet Salih Akın und Reimar Heider

Titelmotiv: Mezopotamya von Ercan Altuntaş, Acrylfarben auf Papier, 50 × 70 cm

© Abdullah Öcalan 2010

Erscheint in der International Initiative Edition

Internationale Initiative »Freiheit für Abdullah Öcalan –

Frieden inKurdistan« (Hg.) – Postfach 100511, 50445 Köln

www.freeocalan.org

eBook UNRAST Verlag, Juni 2025

ISBN 978-3-95405-224-0

© UNRAST Verlag, Münster 2023

Fuggerstraße 13 a, 48165 Münster

www.unrast-verlag.de | [email protected]

Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe)

Originaltitel: Ortadoğu’da Uygarlık Krizi ve Demokratik Uygarlık Çözümü

Erstveröffentlichung 2010 bei Mezopotamien Verlag, Neuss

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung, der Übersetzung sowie der Nutzung des Werkes für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und Satz: Internationale Initiative

Inhalt

Vorwort

Utopie ist nicht das Unmögliche, sondern das noch nicht Verwirklichte von Leyla Güven

Vorrede

Einleitung

Erster TeilDie Universalgeschichte und der Nahe Osten

Zweiter TeilKrisen und Probleme in der nahöstlichen Gesellschaft

1 – Die Frauenfrage in der nahöstlichen Gesellschaft

2 – Probleme von Stämmen, Ethnien und Volksstämmen

3 – Probleme von Religion und Konfession

4 – Die Stadt- und Umweltfrage

5 – Die Klassen-, Hierarchie-, Familien-, Macht- und Staatsfrage

6 – Die Moral-, Politik- und Demokratiefrage der nahöstlichen Gesellschaft

7 – Wirtschaftliche und ideologische Probleme in der nahöstlichen Gesellschaft

8 – Die Revolutionsfrage der nahöstlichen Gesellschaft

Dritter TeilDie historischen Widerstände und Lösungsversuche in der nahöstlichen Gesellschaft

A Die Krise der Zivilisation und ihre internen Lösungsversuche

B Die Widerstände von Stämmen, as¸iret und Völkern (Ethnien)

a) Die Widerstände und Gegenangriffe der semitischen Stämme

b) Die hurritischen Widerstände und Angriffe

c) Die ural-altaischen Stammeswiderstände und Angriffe

Fazit

C Der religiöse Widerstand oder Klassenkämpfe im System der Zentralzivilisation

a) Klasse und Religiosität

b) Die Entstehung der abrahamitischen Religion

c) Christlicher Widerstand und Klassenkampf

d) Zarathustras Widerstand: Moralischer Kampf gegen die Zivilisation

e) Der islamische Widerstand und Angriff: Der Kampf der Mittelschicht (Händler*innen) im feudalen Zeitalter

f) Die historische Rolle des Aufbruchs der abrahamitischen Religionen

Vierter TeilDie europäische Moderne und neue Hegemonialmächte im System der Zentralzivilisation

A Die historische und gesellschaftliche Bedeutung der europäischen Revolution

a) Der Hegemonialkrieg der Stadt Venedig

b) Das Zeitalter des Übergangs vom Stadtstaat zum Nationalstaat: die Amsterdam-Holland-Erfahrung

c) Die London-Großbritannien-Erfahrung und das Reich, in dem die Sonne nie unterging

B Die Lösungsfähigkeit der europäischen Moderne

a) Der Kapitalismus

b) Der Nationalstaat

c) Die industrielle Revolution

C Die Krise der kapitalistischen Moderne und mögliche Auswege

a) Die Vereinigten Staaten von Amerika

b) Die Europäische Union

c) Japan

d) China

e) Indien, Russland, Brasilien

f) Lateinamerika

g) Afrika

h) Der Nahe Osten

Fünfter TeilDie Krise der nahöstlichen Gesellschaft und die demokratische Zivilisation als Lösung

A Das Leben im Nahen Osten richtig definieren

a) Das Leben

b) Das gesellschaftliche Leben

c) Die gesellschaftliche Hierarchie und der Staat

d) Gesellschaftliche Identitäten

e) Das gesellschaftlich Sakrale

f) Die gesellschaftliche Wahrheit und ihr Verlust

g) Die gesellschaftliche Wahrheit und Formen der Entfremdung

h) Wahrheit und Entfremdung in der kapitalistischen Moderne

B Hegemonialer Angriff der kapitalistischen Moderne und Krise des Nahen Ostens

a) Das Britische Weltreich

b) Widersprüche

c) Zerstörung der Gesellschaft

d) Mittelschicht, Bürokratie und Stadt

e) Krieg nach innen und außen

C Die demokratische Moderne als Lösung im Nahen Osten

a) Die wirtschaftliche Gesellschaft gegen den Kapitalismus

b) Die ökologisch-wirtschaftliche Gesellschaft gegen den Industrialismus

c) Die moralisch-politische Gesellschaft gegen den National-Etatismus

d) Die demokratische Moderne gegen die kapitalistische Moderne im Nahen Osten

D Einige aktuelle Probleme in der nahöstlichen Gesellschaft und mögliche Lösungswege

a) Probleme von Mehrheits- und Minderheitsnationen und mögliche Lösungswege

b) Das Problem der sozialen Klassen und der Bürokratie

c) Das Problem von Hierarchie, Macht und Staat und die Revolution

d) Probleme von Stadt, Mittelklasse und Zusammenbruch der agrarisch-dörflichen Gesellschaft im Nahen Osten und ihre Lösung

e) Lokale und regionale Probleme und die Lösung der demokratischen Nation

f) Die Frauen-, Dynastien-, Familien- und Bevölkerungsfrage im Nahen Osten und die Revolution der Frau

g) Wie leben, was tun, wo beginnen?

Fazit

Stichwortverzeichnis

Biografien

Abdullah Öcalan

Leyla Güven

Bibliografie

Abdullah Öcalans Gefängnisschriften

Anmerkungen

Vorwort

Utopie ist nicht das Unmögliche, sondern das noch nicht Verwirklichte

von Leyla Güven

Der Nahe Osten ist eine Region, in der Kulturen, Völker, Zivilisationen geelebt und tiefe Wurzeln geschlagen haben. Jahrtausendelang bildete er das Zentrum der Welt. Er ist ein Ursprung, und er ist historisch. Er war nicht nur ein Zentrum, weil er geografisch in der Mitte der Welt liegt, sondern aufgrund seiner historischen und kulturellen Werte. Der Nahe Osten ist ein Ort, an dem unter der Führung der Frau die natürliche Gesellschaft intensiv gelebt wurde und bleibende Spuren hinterlassen hat. Er ist die Heimat der Göttinen. Er wurde Zeuge des Aufstiegs und Niedergangs zahlreicher Zivilisationen.

Der Nahe Osten war die Heimat der Sumerer*innen, Babylonier*innen, Assyrer*innen, Hethiter*innen, Meder*innen und Perser*innen. Die Region des Nahen Ostens ist gleichzeitig der Ort, an dem das Leben der autonomen moralisch-politischen Gesellschaft entstand, und der Ort, an dem die ersten Machtstrukturen und Staaten der Geschichte geschaffen wurden. Auch die ersten Kapitalisten kamen aus diesen Ländern. Mythologie, Religion, Philosophie und Wissenschaft sind die Schöpfungen dieser uralten Geografie. Hier können wir die ersten Keime von Literatur und Kunst erkennen. Einige der ersten Epen und Legenden der Menschheit wurden in diesen Ländern formuliert und niedergeschrieben. Kurzum, hier gab es viele Premieren für die Menschheit. Deshalb ist der Nahe Osten so originell, er ist wie die Stammzelle des Universellen. Wie Öcalan sagt, ist er die Mutter aller Zivilisationen.

In diesen Tagen, in denen der Dritte Weltkrieg – insbesondere im Nahen Osten – eskaliert, können wir gleichzeitig den Keimling einer Mentalitätsrevolution erkennen. Der Geburtsort dieser Mentalitätsrevolution ist die Geografie Kurdistans. Durch die Revolution in Kurdistan geht der Nahe Osten schwanger mit einer Revolution des Denkens und der Mentalität, die der Menschheit einen neuen Anfang geben wird. Außerdem ist die Revolution in Kurdistan über den Aufbau der Freiheit des kurdischen Volkes hinausgegangen. Sie ist zur Hoffnung aller Menschen im Nahen Osten geworden. Denn das Verständnis der demokratischen Nation, das sich in Kurdistan entwickelt hat, ist in der Lage, Lösungen für viele soziale Probleme im Nahen Osten zu finden. Aus diesem Grund haben schon die ersten Schritte der Revolution in Rojava ausgereicht, um alle Völker des Nahen Ostens und der Welt Hoffnung schöpfen zu lassen, wie sie aus der Krise und dem Chaos von heute herauskommen können.

In »Die demokratische Zivilisation – Wege aus der Zivilisationskrise im Nahen Osten« und in all seinen anderen Büchern zuvor hat Öcalan neue Lösungen entwickelt, die nicht nur den Nahen Osten, sondern alle Weltsysteme erhellen werden. Er hat eine demokratische Nation, eine demokratische Republik, ein ökologisches, frauenbefreiendes Paradigma und viele andere Modelle mit demokratischem Inhalt vorgeschlagen. Alle Vorschläge, die er entwickelt hat, sind konkret und umfassend und entsprechen sowohl den universellen Werten als auch den Gegebenheiten in der Region.

Die Perspektive der demokratischen Nation, die Öcalan gegen die Ideologie des Nationalismus der kapitalistischen Moderne vertritt, ist Ausdruck einer großen Revolution. Vor allem im Nahen Osten sind die Nationen sogar innerhalb ihrer selbst zersplittert und befinden sich in einem ständigen Chaos mit Kriegen im Namen von Sekten und Religionen. Dabei ist der Nahe Osten ein Paradies der Kulturen. Es ist ein gemeinsamer Lebensraum, in dem Völker, Glaubensgemeinschaften und Kulturen miteinander verwoben leben und sich gegenseitig nähren und bereichern. Mit anderen Worten: Der Nahe Osten ist das Fundament der demokratischen Nation.

In Kenntnis dieser Realität ist das kapitalistische System heute dabei, die Kultur der sozialen Moral im Nahen Osten aufzubrauchen, und will die Gesellschaft vollständig in die Kapitulation treiben, indem es Chaos schafft. Da die Wurzeln dieser Kultur jedoch im Nahen Osten liegen, werden es wiederum die Völker dieser Geografie sein, die Demokratie und Freiheit anführen werden. Orientalisten, die den Nahen Osten als ein Laboratorium für Besatzer-Mentalitäten betrachten, haben im Rahmen der Orientalismus-Studien zahlreiche Forschungen durchgeführt. Obwohl die Menschen, die in diesem Gebiet leben, die eigentlichen Eigentümer dieser Ländereien sind, haben sie gegen ihren Willen Entscheidungen getroffen und sie diesen Völkern aufgezwungen. Sie teilten die Araber in zweiundzwanzig Mini-Nationalstaaten auf und begannen, sie zu beherrschen, teilten Kurdistan in vier und überließen es seinem Verschwinden, indem sie es in vier Nationalstaaten integrierten und assimilierten.

»Das Gewusste ist das Erkannte«, sagt Öcalan. Wir, das kurdische Volk, wissen, dass wir für unsere Freiheit kämpfen müssen. Wir sind uns auch bewusst, dass diejenigen, die keine eigene Lösung haben, auf die Lösungen anderer angewiesen sein werden. Mit den Lehren Öcalans werden wir sowohl uns selbst als auch die Welt, in der wir leben, auf der Grundlage von gesellschaftlicher Freiheit und ökologischem Leben verändern. Diesen Mut und diese Entschlossenheit schöpfen wir aus dem historischen Erbe der Frauen. Das von Öcalan entwickelte Modell ist ein demokratisches und konföderales Modell, das für die multiidentitäre, multireligiöse und multikulturelle Struktur des Nahen Ostens besonders geeignet ist. Wir behaupten, dass alle Völker des Nahen Ostens nach der Verwirklichung dieses Modells in der Lage sein werden, in ihren Gemeinden frei zu leben. Doch obwohl der Schöpfer dieser äußerst wertvollen Thesen und seine wissenschaftlichen Arbeiten alle Menschen inspirieren, ist er selbst immer noch im İmralı-Gefängnis inhaftiert, wohin ihn eine internationale Verschwörung gebracht hat.

Öcalan, den Millionen von Menschen »meinen politischen Repräsentanten« nennen, werden die Rechte verweigert, die allen Gefangenen und Verurteilten nach den Gesetzen des türkischen Staates zustehen. Vierundzwanzig Jahre lang konnten sich Öcalan und unsere anderen drei Freunde auf der Insel nur dann mit ihren Anwälten und Familien treffen, wenn der Staat, d.h. die Machthabenden, dies verlangten. Das Recht zu telefonieren wurde in den letzten vierundzwanzig Jahren nur einmal zugestanden. Der türkische Staat tut so, als gäbe es keine internationalen Konventionen, die er unterzeichnet hat, und führt weiterhin Handlungen durch, die nach seinem eigenen Recht kriminell sind. Viele Institutionen und Organisationen, insbesondere das CPT des Europarats, schweigen zu dieser »personalisierten« Rechtswidrigkeit. Wir wissen, dass die internationale Diplomatie ausschließlich auf interessegeleiteten Beziehungen beruht. In diesem Bereich werden die Stimmen der unterdrückten und ausgebeuteten Völker meist nicht gehört. Die Palästinenser*innen werden jeden Tag in ihrem eigenen Land massakriert, und die Welt schaut nur zu. Im Jahr 1915 wurden mehr als eine Million Armenier vor den Augen der ganzen Welt massakriert. Der Westen konnte erst hundert Jahre später von einer »großen Katastrophe« sprechen. Das Land der Kurd*innen wurde in vier Teile geteilt, und obwohl es offensichtlich war, dass es in jedem Teil zu zahlreichen Massakern wie Anfal, Halabja, Dersim, Roboski und Cizre kam, konnte der Westen nur sagen: »Das ist besorgniserregend« und »wir beobachten das mit Sorge«. Unsere Erwartungen in diesen Fragen richten sich nicht an diejenigen, die die Welt beherrschen und von einer imperialistischen, kapitalistischen, kaufmännischen Mentalität geprägt sind. Sie richten sich an alle Völker der Welt, die die universellen Werte ernstnehmen und für ein gleichberechtigtes und geschwisterliches Leben in Frieden eintreten.

In meinem eigenen Namen sage ich noch einmal, dass die Utopie nicht das Unmögliche ist, sondern das noch nicht Verwirklichte. Wenn ich nur fünfzig Jahre zurückblicke, sehe ich sehr deutlich, dass viele Dinge, die ich für unmöglich gehalten hatte, verwirklicht wurden. Als kurdische Frau, die nur fünf Jahre zur Schule gehen konnte, habe ich es der Frauenperspektive von Öcalan zu verdanken, dass ich trotz allem in dem von Männern dominierten System überleben konnte. Meine Familie, meine Freunde, meine Verwandten, mein Umfeld, mit anderen Worten alle haben gesagt: »Du bist eine Frau, du kannst es nicht schaffen, du kannst es nicht tun.« Aber als ich Öcalans Schriften las, wurde mir gesagt: »Du kannst es schaffen, du kannst auf eigenen Füßen stehen, du musst nur daran glauben, nicht aufgeben, es muss dir gelingen, xwebûn zu sein«. Öcalan erklärte, dass das einundzwanzigste Jahrhundert das Jahrhundert der Frauen sein wird, in dem die Widersprüche zwischen den Geschlechtern offengelegt werden. Ich habe gesehen, wie wahr diese Worte sind, als ich in der Frauenbewegung lebte, an der ich seit fast dreißig Jahren beteiligt bin.

Es erfordert Mut, über die Existenz von Frauen in einem Land zu sprechen, in dem die Wahrheit so sehr auf den Kopf gestellt wird. Öcalan forderte jede feudale, religiöse, sexistische, frauenfeindliche und frauenverachtende Gruppe mit einer maskulinen Mentalität heraus. Er hat mit der Vorstellung aufgeräumt, dass »Frauen nicht kämpfen können«. Es waren gestern Hypatia, die sagte: »Ich bin in die Wahrheit verliebt« und ihre ehrenhafte Haltung nicht aufgab, obwohl sie wusste, dass ihr Körper in Stücke gerissen werden würde, Clara Zetkin, die sagte: »Nur wer das Leben einsetzt, kann das Leben gewinnen« und Alexandra Kollontai, die sagte: »Die Herrschenden haben schon immer organisierte Lügen gegen die Frauen erzählt«. Heute sind es Leyla Qasim, die sagt: »Man sagt mir, ich solle meine Kultur verleugnen, ich sage, wenn man so etwas tut, verleugnet man seine eigene Existenz«, Zîlan, die klar macht: »Wer das Leben nicht so sehr liebt, dass er dafür stirbt, sondern wer das Leben wegwirft, kann keine großen Taten vollbringen«, und Sara, die sagt: »Liebe entsteht nicht durch Worte, die Liebe selbst ist das Wort, die Liebe selbst ist die schönste Entscheidung.« Diese mutige und entschlossene Haltung, die Frauen von der Geschichte bis heute an den Tag legen, setzt sich bis heute mit ununterbrochenen Aktionen und Wellen der Rebellion in der ganzen Welt fort. Ja, wir behaupten erneut, dass Frauen weiterhin der Garant für demokratischen Wandel und ein freies, partnerschaftliches Leben sind, von Rojava bis Chile, von Argentinien bis Palästina, vom Iran bis Tunesien.

Da Öcalan die Realität der Frauen sehr gut analysiert hat, hat er, wenn er über die Geschichte des Widerstands im Nahen Osten sprach, immer betont, dass die grundlegendste Dynamik dabei die Frauen sind. Die Revolution in Rojava, die sich unter der Führung von Frauen entwickelt hat, ist in der Tat ein konkreter Indikator für einen revolutionären Ausweg, der den gesamten Nahen Osten auf die Grundlage einer demokratischen Transformation stellen wird.

Als Öcalan sagte »Die Hoffnung ist mehr wert als der Sieg«, bezog er sich auf die Geschichte und die Erfahrungen. Denn viele führende Persönlichkeiten, Philosoph*innen und weise Menschen in der Geschichte haben in ihrer eigenen Zeit sehr wichtige revolutionäre Durchbrüche erzielt und künftigen Generationen Hoffnung gegeben. Um nur einige Beispiele zu nennen: Mansur al-Halladsch, der wegen seiner Worte »ana’l-haqq« (Ich bin Gott) verhaftet und am 25. März 922 getötet wurde, nachdem er ausgepeitscht worden war, Manî, der das gleiche Schicksal erlitt, Babek, dem 838 Hände und Füße abgehackt und der zu Tode gefoltert wurden, Abraham, der ins Feuer geworfen wurde, Jesus, der gekreuzigt wurde … Wenn wir das letzte Jahrhundert betrachten, können wir sehen, dass tapfere und mutige Führer den Kampf für die Wahrheit fortsetzen. Im Jahr 1947 wurden Qazî Mohammed und seine Freunde rechtswidrig hingerichtet, weil sie die Gründung der Mahabad-Republik im Iran angeführt hatten. Als der 80-jährige Şêx Said 1925 zum Tode verurteilt wurde, verriet er seine Haltung, indem er dem Henker, der ihn zum Galgen brachte, sagte: »Sie können mich heute hängen, aber morgen werden unsere Enkelkinder Sie dafür zur Rechenschaft ziehen.« Die letzten Worte von Seyid Rıza, der 1938 zusammen mit seinem Sohn als Anführer des Dersîm-Aufstands hingerichtet wurde, lauteten: »Ich bin mit euren Tricks und Täuschungen nicht fertig geworden, lasst mir das eine Lehre sein. Ich bin vor eurer Unterdrückung nicht in die Knie gegangen, und das sollte euch eine Lehre sein.« Diese Führung und dieser mutige Vorstoß haben sich bis heute in der Person von Öcalan fortgesetzt. Heute ist die Freiheit von Menschen wie Öcalan, der sagt, dass die Völker nicht ohne Lösungen und Alternativen sind, dass es möglich ist, aus dem Chaos und der Krise in der ganzen Welt herauszukommen, und der den Preis dafür zahlt, dass er den Aufbau des demokratischen, freien Lebens vorschlägt, nach dem sich die Völker durch die globale Technologie sehnen, unsere Rechtfertigung für den Kampf. Als einer der bedeutendsten Philosophen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sollte Abdullah Öcalan frei sein und seine Thesen mit der Gesellschaft teilen können. Als kurdische politische Gefangene organisieren wir von Zeit zu Zeit Aktionen und Aktivitäten, bei denen wir unser Leben aufs Spiel setzen, um unseren Stimmen in der Welt Gehör zu verschaffen. Weil wir lieber einen ehrenhaften Widerstand leisten, als ohne Identität und Status zu leben.

Alle Völker der Welt sollen wissen, dass ein klassenloses, ausbeutungsfreies, ökologisches und frauenbefreiendes Leben möglich ist. Und dafür müssen vor allem die Frauen, die Jugend, die Revolutionäre und alle, die demokratische und universelle Werte verteidigen, kämpfen. Wir sind fest davon überzeugt, dass dieser Kampf erfolgreich sein wird. Auch wenn wir heute einen hohen Preis zahlen müssen, wird das Ende unseres Kampfes glorreich sein.

Mit meiner unendlichen Achtung, Liebe und Sehnsucht,

Leyla Güven

Vorrede

In diesem vierten Band des Manifests der demokratischen Zivilisation werde ich die nahöstliche Kultur genauer unter die Lupe nehmen, denn die Selbstdefinition der Einzelnen würde ohne ein Verständnis dieser Kultur, die in der allgemeinen Menschheitsgeschichte seit jeher eine Schlüsselrolle spielt, nicht nur oberflächlich, sondern völlig bedeutungslos bleiben. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass selbst die hegemoniale europäische Kultur eigentlich nur eine Variante der nahöstlichen ist. Obwohl erstere, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, ihr fortgeschrittenes Stadium verkörpert, spielt darin die nahöstliche Kultur nach wie vor eine schicksalhafte Rolle. Nicht ohne Grund fallen uns diese beiden Kulturen ein, wenn heute von Kampf und Verständigung der Kulturen bzw. Zivilisationen die Rede ist. Diese Feststellungen bestätigen in gewisser Hinsicht auch den Begriff der Zentralzivilisation.

Die vorigen Bände dieses Manifests bemühten sich um eine Definition des Allgemeinen. Die Kultur des Nahen Ostens kann nur im Rahmen der allgemeinen Erzählung ihren Ausdruck finden. Der Nahe Osten stellt ohnehin die Hauptader des Allgemeinen dar. Der einzelnen Geschichte und Kultur kommt nur im Rahmen dieser Allgemeinheit eine Bedeutung zu. Unter dem Begriff »einzeln« verstehe ich ein breites Spektrum von Besonderheiten, die von der Person bis hin zur Nation reichen. Ich gab mir große Mühe, mich als Einzelnen zu definieren. Je mehr ich diese Bemühungen intensivierte, desto eindeutiger merkte ich, dass ich mich dabei dem Allgemeinen nicht entziehen kann. Ich habe keinen Zweifel, dass dem leeren Individuum im Liberalismus ein mythischer Wert zugeschrieben wird, welcher nicht einmal soviel Bedeutung trägt wie die alten Mythologien. Auch die Idee äußerst starrer gesellschaftlicher Kollektivitäten, die Einzelnen zu schlucken, ist auf andere Weise ebenfalls mythisch. An dieser Stelle möchte ich einen früheren Ausspruch von mir wiederholen: Es ist immer möglich, im Individuum die Geschichte zu analysieren.[1] Das Individuum ist Produkt der Geschichte, ihr konkreter Zustand – wenn es noch am Leben ist, ihre Gegenwart. Mit Geschichte meine ich freilich die historische Gesellschaft.

Die erste und wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Geschichte ziehe, um deren Definition ich mich bemühe, ist, dass es unmöglich ist, Mensch zu werden, ohne die Gesellschaft, der man im engeren und im weiteren Sinne angehört, zu analysieren und zu verstehen – und sei es nur auf der Ebene eines Klans. Heute sind in der Gesellschaft stets Verleugnung und Zwangsassimilation am Werk, was ursächlich für den Bedeutungsverlust der Einzelnen ist. Individuen und Gemeinschaften, die diesen Prozess durchlaufen haben, lassen sich allenfalls als negative Individuen und negative Gesellschaften bezeichnen. Meines Erachtens lassen sie sich schwer als Gemeinschaften von Menschen bezeichnen.

Meine Überzeugung, dass die Wirklichkeit eine gesellschaftliche ist, verfestigt sich immer mehr. Nur ein Mensch, der den gesellschaftlichen Ursprung der Wirklichkeit begreift, kann die höchste Stufe des Wissens erreichen. Aus diesem Grund kommt die Flucht vor der Gesellschaft einer Flucht vor Bedeutung und Weisheit gleich. Die beharrliche Flucht des Liberalismus vor der Gesellschaft ist sowohl seinem oberflächlichen Verhältnis zur Wirklichkeit geschuldet, auch als der Natur des Kapitalismus, dessen ideologischer Ausdruck er ist. Dass der Kapitalismus und die Gesellschaft unter kapitalistischer Hegemonie sich immer mehr der Werbung und der Lüge bedienen, unterstreicht ebenfalls diese Facette der Wirklichkeit.

Sowohl meine theoretische Entwicklung als auch meine Rolle in der praktisch-politischen Entwicklung machen meine Verteidigung mit jedem Tag aufschlussreicher. Wir wissen bzw. sollten wissen, dass die Bedingungen meiner Gefangenschaft nicht gut sind und meine Gefangenschaft nicht angenehm verläuft. Meine erste Antwort auf die Frage, wie ich diesen Bedingungen standhalten könne, ist sprichwörtlichen Charakters: Ich erlebe bloß die Gefangenschaft meiner gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ich bin mir gänzlich bewusst, dass ich in dieser Wirklichkeit nicht frei leben könnte, selbst wenn ich es wollte, selbst wenn der Garten Eden vor mir läge. Andere, die sich in derselben Wirklichkeit befinden und frei zu leben behaupten, sollten sich bewusst sein, dass sie – gelinde gesagt – sich selbst betrügen. Die historischen und gegenwärtigen Ursachen der gesellschaftlichen Gefangenschaft bedürfen natürlich einer langen dialektischen Erklärung. Wichtig ist es, zu diesem Verständnis zu gelangen. Erst wenn wir dieses Verständnis erlangen, können wir den Befreiungsmarsch in Raum und Zeit antreten. Es handelt sich dabei um einen Marsch, der gleichermaßen innerlich wie äußerlich ist, gleichermaßen individuell wie gesellschaftlich.

Häufig hinterfrage ich mein eigenes Leben und versuche dann vor allem zu begreifen, in was für einem Widerstand, in was für einer Flucht oder in was für einem Kompromiss ich mich gerade befinde. Es ist klar, dass meine Verteidigung nichts als meine Lebensgeschichte sein kann. Ich bin der Meinung, dass eben diese Geschichte sehr interessant und lehrreich ist. Und noch wichtiger ist, dass sich meine Verteidigung auch in der Praxis entfaltet, gemeinsam mit der Verteidigung meiner Gesellschaft. Ich bin der Überzeugung, dass eine Verteidigung der Freiheit anders nicht möglich ist; eine mögliche andere Verteidigung wäre keine Verteidigung der Freiheit.

Als Individuum und als Gesellschaft sind wir in der Wiege des Nahen Ostens und der Zentralzivilisation entstanden: in Mesopotamien. Dieser wie der Euphrat fließende Strom der Zivilisation erweckt mehr und mehr mein Interesse. Ich werde nicht müde noch gelangweilt, mich ihm zuzuwenden. Der Mensch und die Gesellschaft des Nahen Ostens, die mit seiner Geologie, seinen Pflanzen und Tieren eins geworden sind, stellen eindeutig den Ursprung all dessen dar, was wirklich ist. Durch diese Wirklichkeiten werde ich nicht nur meine eigene Bedeutung verstehen, sondern auch die ganze Menschheit und den allgemeinen Menschen bestmöglich definieren und verstehen. Dieser Band widmet sich eher dieser Facette der Wirklichkeit. Sich Menschen wie Moses, Jesus und Mohammed, die vor Nimrods und Pharaonen flüchteten und zurückkehrten, um Widerstand zu leisten, anzunähern, das Wesen ihrer Botschaften zu verstehen, sie anzunehmen und weiterzugeben, stellt gewiss ein bedeutendes und aufregendes Abenteuer dar.

Die Zentralzivilisation ist immer noch hinter mir her, und ich bin Gefangener dieser Zivilisation. Ich flüchte vor ihr und leiste ihr zugleich Widerstand. Es ist wichtig, die Geschichte, die sich zwischen meinem Landsmann Abraham und dem Nimrod abspielte, zu aktualisieren. Der Widerstand gegen Nimrods und Pharaonen bildet die bedeutendste zu respektierende Eigenschaft der Religion. Völkermord und Krieg, die auf der Entwicklungsstufe der europäischen Zivilisation beruhen, stellen die Kehrseite derselben Medaille dar. Nationalstaat, Industrialismus und Kapitalismus beuten die Natur und die Gesellschaft des Nahen Ostens aus, indem sie sie nahezu an der Schwelle zum Selbstmord halten. Mein Manifest muss auch dieser Wirklichkeit gerecht werden. Während dies den Kern der Wirklichkeit darstellt, können Erzählungen von Ereignissen, politischen Begebenheiten und Individuen nicht mehr sein als eine literarische Dekoration des Ganzen.

Ich fand den Ansatz, meine Verteidigung auf dem Phänomen des Türkentums aufzubauen, stets zweifelhaft. Es ist wichtig zu begreifen, dass die Wahrheitskriterien nahöstlicher Nationalitäten im Allgemeinen ohne Wesensgehalt und losgelöst von historischen Grundlagen konstruiert wurden. Die im Nahen Osten geformten Nationalstaaten sind nicht nur das Produkt der kapitalistischen Hegemonie (d. h. Europas), sondern darüber hinaus eine scharfe Verdrehung der gesellschaftlichen Geschichte. Daher stellen sie eine Verleugnung eines Großteils der Wirklichkeit dar.

Der İmralı-Prozess wurde von Anfang bis Ende unter der Aufsicht der heutigen offiziellen Vertreterinnen der europäischen Zivilisation – der USA und der EU – gestaltet und inszeniert. Die Rolle, die dem Türkentum übertragen wurde, ergibt nur Sinn, wenn sie in diesem Zusammenhang untersucht wird, und genau das versuche ich zu tun. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nimmt mit seinem Beschluss einer »Wiederaufnahme des Verfahrens« die Wirklichkeit, um deren Definition ich bemüht bin, stillschweigend an. Die türkische Justiz wiederum legte ein ähnliches Verhalten an den Tag und gab diese Wahrheit stillschweigend zu, indem sie nicht den Mut zeigte, das Verfahren wieder aufzunehmen, und die Akte dem Ministerkomitee des Europarats zurückgab. Das Ministerkomitee hat mittlerweile meine Akte dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zurückgegeben. Also befindet sich meine Gerichtsakte im Leerlauf, in einem Vakuum. Dieser Umstand wurde zum Gegenstand eines weiteren Verfahrens vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gemacht. Seit zehn Jahren nimmt sich weder, wie es anfangs die Überlegung war, das Berufungsgericht in Rom noch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg meines Verfahrens vernünftig an – noch schlimmer: Obwohl ein Proto-Guantanamo-Vorgang herrscht, seitdem die griechische (Simitis-)Regierung mich wider jegliches nationale und europäische Recht nach Kenia verschleppte, kann nicht einmal im Athener Gericht das Verfahren aufgenommen werden, was nach wie vor angestrebt wird. Das Berufungsgericht in Athen kam zu dem Urteil, dass ich den griechischen Boden nicht widerrechtlich betreten, sondern dadurch von meinem Asylrecht Gebrauch gemacht hatte. Laut diesem Urteil gelte ich immer noch als auf griechischem Boden und im Wirkungsbereich der griechischen Justiz befindlich. In Wirklichkeit aber sitze ich nach einer von der Gladio-Struktur der NATO durchgeführten, gewaltigen Verfolgungsjagd, die mit meiner Gefangenschaft endete, in einer Zelle des Inselgefängnisses İmralı, einem speziellen Proto-Guantanamo-Ein-Personen-Gefängnis. Ich unterliege hier einem Regime, das sich außerhalb der Verfassung und der Richtlinien und Gesetze bewegt, die für alle anderen Gefängnisinsass*innen gelten.

Ich habe die politisch-gesellschaftlichen, daher auch die historischen und wirtschaftlichen Realitäten zu analysieren, die hinter dieser rechtlichen Monstrosität des Jahrhunderts stecken. So wird man nochmals begreifen, dass es nicht nur ein besonderes Volk, sondern gleichzeitig auch die Universalgeschichte ist, die in meiner Person verurteilt wird. Die offizielle europäische Zivilisation, die treibende Kraft der Universalgeschichte, sollte den Mut aufbringen, mich auf der Grundlage der Tatsachen vor ihr eigenes Gericht zu stellen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sollte sich dieser seiner Aufgabe annehmen und seinen Beschluss in meiner Angelegenheit nicht länger hinauszögern.

Einleitung

Wir wissen, dass Karl Marx mit dem Kapital ein Musterwerk erschaffen wollte, welches die hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße stellen sollte. Er bediente sich dabei zweier Ideen seines Zeitalters. Zunächst wollte er analog zur darwinschen Evolutionstheorie eine lineare Theorie des gesellschaftlichen Fortschritts entwickeln. Dies ist die erste der Hauptadern, auf denen der materialistische Zweig der positivistischen Philosophie beruhte. Zweitens übernahm er von Hegel unter dem Begriff der »Anerkennung« die Dialektik, die zu einer homogenen und höchst vollkommenen Staatstheorie des »starken und listigen Mannes« in der Geschichte führte. Er bildete sich ein, die hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen, indem er in der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft[2] die Rolle des Herrn dem Knecht (Arbeiter*in) zukommen ließ; und so glaubte er aufrichtig, sich durch einen Linkshegelianismus namens »dialektischer Materialismus« auf den Weg zur Wahrheit gemacht und die »soziale Wissenschaft« gegründet oder zumindest einen bedeutenden ersten Schritt in diese Richtung getan zu haben. Dass er sich dabei auch des französischen Sozialismus und der englischen politischen Ökonomie bediente, spielt eine zweitrangige Rolle. Dass der französische Sozialismus gleichbedeutend mit einem äußerst laizistischen Republikanismus und die englische politische Ökonomie mit einem kapitalistisch-liberalen Individualismus waren, sind Tatsachen, die erst später durch die dialektische Entwicklung deutlich wurden.

Die hegelsche Philosophie ist wichtig und hat nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Als Philosophie der Form der kapitalistischen Akkumulation und Stärke stellt sie tatsächlich einen Höhepunkt dar. Sie ist das letzte Wort dieses Systems. Was danach im Namen rechter und linker Philosophie geleistet wurde, geht nicht über detaillierte Arbeitsprogramme und ihre Propaganda hinaus. Das schließt alle möglichen marxistischen, liberalen und konservativen Ideologien ein. Der Philosoph Friedrich Nietzsche stellt dagegen eine andere Schule dar. Meines Erachtens stellen seine Ideen einen wahren Schrei des Aufstands gegen den Albtraum des kapitalistischen Systems dar. Als ein Freiheitssystem jedoch ist die Philosophie Nietzsches weit davon entfernt, zu Ende geführt worden zu sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wagte sich die französische Philosophie an diese Aufgabe; ihr Erfolg hielt sich allerdings in Grenzen.

Hegel zu verstehen und sich so mit dem Hegelianismus auseinanderzusetzen, ist nach wie vor eine aktuelle und grundsätzliche ideologische Aufgabe. Auch wenn man sich dabei der Philosophie Nietzsches und der französischen Schule bedienen kann, bedarf es kreativerer philosophischer Arbeiten. Hegel versuchte, den Nationalstaat – personifiziert durch Napoleon – als die Form, die die Macht angenommen hatte, als Ende der politischen Geschichte zu deuten. Er wollte verdeckt ausdrücken, dass Gott als Nationalstaat in der Person Napoleons auf die Erde gekommen und dadurch einerseits vermenschlicht sei bzw. aus einem Menschen bestehe, andererseits (durch die Vermenschlichung) gestorben sei. Diese Behauptungen sind wichtige Ideen, die nochmals und gründlich untersucht werden sollten.

Hegels wichtigste Tat, seine wesentlichste Arbeit, bestand in einer Sammlung und Synthese der materiellen und immateriellen Ausdrücke und Diskurse der Kultur (Religion, Kunst, Wissenschaft und Philosophie) bis zu seiner Zeit. Das beginnende neunzehnte Jahrhundert markiert den Abschluss einer Schrifttradition, deren Schlussstein Hegels Nationalstaatstheorie bildet. Es ist gleichzeitig der Zeitpunkt, an dem die Hegemonie des kapitalistischen Westens sich endgültig durchgesetzt hat. Das Phänomen, das man Industrielle Revolution nennt, trägt den Stempel dieser Zeit. Seither sind mehr als zwei Jahrhunderte vergangen. Die Hegemonie der europäischen Zivilisation steht nun kurz davor, auch das Finanzzeitalter, die dritte große Welle der Globalisierung, mit einer schweren globalen Krise hinter sich zu lassen. Die kapitalistische Hegemonie, die in verschiedene Stadien eingeteilt wird, die als Handelskapitalismus und Kolonialismus (fünfzehntes bis achtzehntes Jahrhundert), Industriekapitalismus und Imperialismus (neunzehntes Jahrhundert) und Finanzkapitalismus und Globalisierung (zwanzigstes Jahrhundert) bezeichnet werden, muss in Hegels Ausdruckssphären der materiellen und immateriellen Kultur (Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft) endlich überwunden werden. Die jüngsten Krisen (in den 2000er Jahren), die ihren Ursprung in der Finanzwelt hatten, offenbaren den strukturellen Ruin des Kapitalismus. Was noch fehlt, damit sich dieser Ruin tatsächlich ereignet, sind anti-hegelianische philosophische Arbeiten und praktische politische Kämpfe.

Ich schätze die Kritiken und Aktionen, die in den letzten zweihundert Jahren gegen die materielle und immaterielle Kultur der fünftausend Jahre alten Zentralzivilisation geleistet wurden, keinesfalls gering. Sozialismus, Anarchismus und kulturelle Widerstände jeglicher Art gehören dazu. Außerdem stellen ökologische und feministische Strömungen der letzten Zeit ebenfalls beachtenswerte Aufbrüche dar. Doch wenn ein nie dagewesenes Plünderungsregime, das alle Pflanzen, Tiere, Menschen und sogar die Atmosphäre gefährdet, während es aus Finanzpapieren gigantische Profite schlägt, sich immer noch selbstherrlich wie ein Albtraum über das Leben legen und weiter herrschen kann, beweist dies, dass auf der gegnerischen Seite ernsthafte Mängel vorhanden sind und Fehler gemacht werden. Die Menschheit ist noch nie in der Geschichte so anfällig für Unterdrückung und Ausbeutung gemacht worden.

Die nahöstliche Kultur, die unter einer seit zwei Jahrhunderten fortschreitenden Hegemonie der europäischen Zivilisation steht, bewegt sich nicht nur auf ihren Ruin zu, sondern ist geradewegs auf dem Weg in ihren eigenen Selbstmord. Das ist keine Übertreibung. Es ist eine Tatsache, dass von Indien, China und Afghanistan bis hin zur Atlantikküste in allen Wirkungsbereichen dieser Kultur tagtäglich Selbstmordattentate stattfinden. Nicht die Anzahl dieser Attentate, sondern nur eine Analyse der ihnen zugrunde liegenden Kultur kann erklären, was hier vor sich geht. Weder traditionelle kulturelle Erklärungen (die abrahamitischen Religionen) noch orientalistische Erklärungen der westlichen Zivilisation sind in der Lage, diese Krise und dieses Selbstmordphänomen zu erklären. Zudem sind sie selbst Teil – sowohl Ursache als auch Wirkung – der Krise und des Selbstmords.

Diese Welt, die die islamische genannt wird – meines Erachtens ein propagandistischer Begriff –, hat seit Imam Ghazzālī (gest. 1111) den Boden der Philosophie verlassen. Bis heute hat dies zur Folge, dass man sich im despotischen Staat konzentriert, woraus zahlreiche Phänomene wie Kriege um die gewaltsame Aneignung des gesellschaftlichen Mehrwerts und die Eroberung, Vernichtung und Beherrschung von Gesellschaften erwachsen.

Hegel entwickelte seine Staatsphilosophie auf der Grundlage der vergangenen politischen Machtideen und -strukturen, die in dem Zeitraum von den griechischen Stadtstaaten bis zum napoleonischen Nationalstaat existiert hatten. Für die Entwicklung einer nahöstlichen Staatsphilosophie wäre es methodisch richtiger, nicht vom antiken Griechenland, sondern vom Stadtstaat Uruk auszugehen. Selbst eine sehr beschränkte Lektüre reichte aus, um mich in den Bann der Epen über Uruks Stadtgöttin Inanna und den ersten Gottkönig Gilgamesch zu schlagen. Die sokratischen und aristotelischen Philosophien, die die Rettung des athenischen Stadtstaats zum Ziel hatten, können die Phänomene von Macht und Hierarchie nicht ausreichend erklären. Die hegelsche Philosophie konnte trotz Hegels bezauberndem Gesamtwerk lediglich den Nationalstaat erzeugen. Dass selbst Kapitalist*innen, gleichzeitig die Herrscher*innen über den Nationalstaat wie auch seine ureigensten Kinder, diesen oder zumindest seine klassische Gestalt nun als zu überwindendes Hindernis betrachten und eine entsprechende Praxis entwickeln, beweist die Unzulänglichkeit deer hegelschen Philosophie.

Es ist zweifellos wichtig und richtig, dass Karl Marx von Anfang an die Unzulänglichkeiten in Hegels Erklärung der (Staats-)Rechts- und Staatsphilosophie bemerkte. Das eigentlich Denkwürdige und Lehrreiche dabei ist allerdings, dass seine Antwort darauf die unzulänglichste der Unzulänglichkeiten darstellt. Seine Antwort beruht nicht auf einer Überwindung, sondern auf der Fortsetzung der hegelschen Philosophie. Die Herr- und Herrenloswerdung des Knechts in der Herr-Knecht-Dialektik werden dabei für Sozialismus und Kommunismus gehalten. Diese Lösung scheint auf eine klassen-, folglich ausbeutungslose Gesellschaft abzuzielen. Wenn man sich jedoch damit auseinandersetzt, mit welchen Mitteln das erreicht werden soll, geht diese Antwort allerdings nicht über einen planvolleren, rationaleren Staatskapitalismus hinaus, welcher einen kollektiven Kapitalismus darstellt, der rückständiger und verderbender ist, als es der Pharaonensozialismus war. Anhänger*innen und Kritiker*innen des Marxismus, die sich als allwissend ausgeben, setzen gleichermaßen ihr arrogantes Delirium heute noch fort.

Aus zwei Gründen kommt es zu diesen Resultaten, die sich auch in der Praxis bestätigen, allen voran im sowjetischen und chinesischen Realsozialismus. Die erste dieser Ursachen ist der positivistische Aufbau der Arbeitswerttheorie. Die tägliche Arbeitszeit von Arbeiter*innen wird dabei zum Maßstab des wirklichen Wertes ihrer Arbeitskraft erklärt. Solche Arbeiter*innen kommen aber historisch und gesellschaftlich nicht vor. Dieses Phänomen namens »Arbeiter*in« ist kein verwirklichter Mensch, genauer gesagt, seine Definition im Kapital ist nicht verwirklicht. Es gibt keine solche menschlich-individuelle Verwirklichung. Wenn das Individuum gesellschaftlich sein soll, kann es niemals zur Entstehung von Arbeiter*innen kommen, wie sie im Kapital erklärt wird. Damit die marxsche Arbeitswerttheorie der Wirklichkeit entspräche, müsste erst das Individuum aufhören, ein gesellschaftliches zu sein. Bisherige soziologische Studien belegen allerdings reichlich, dass das Individuum ohne Gesellschaft niemals entstehen könnte.

Es macht mich wütend, diese einfache Tatsache wiederholen zu müssen. Wenn das Individuum gesellschaftlich ist und, weil es gesellschaftlich ist, auch geschichtlich ist, dann ist es unmöglich, einen Maßstab für den Arbeitswert (Lohn, Profit, Rente, Zins usw.) zu finden; denn es ist unmessbar, zu welcher Zeit und mit wessen kumulativer Arbeitskraft das Gesellschaftliche aufgebaut wurde. Aus diesem Grund ist es nicht möglich, die der Gesellschaft immanente, sie aufbauende Arbeitskraft quantitativ oder qualitativ zu kennen oder besser gesagt: sie zu messen. Während die Gesellschaft durch die Vergesellschaftung qualitativ wie quantitativ niemals messbarer individueller Arbeitskräfte entsteht, lässt sie ihre Individuen, zum Beispiel die Arbeiter*innen, zu Menschen werden, indem sie einen Teil jener angehäuften und institutionalisierten Arbeit an sie weitergibt. Allein die Institution Familie: Um einen Preis für die geronnene Arbeit zu bestimmen, genügt es nicht, nur die Arbeit, den Menschen im Mutterleib zu tragen, zu betrachten, auch nicht die Arbeit, ein Kind großzuziehen; nicht einmal die gesamte Ära der geschriebenen Geschichte. Um einen gerechten Maßstab für Arbeit entwickeln zu können, müssten wir das ganze gesellschaftliche Abenteuer der menschlichen Gattung in den Wert miteinbeziehen.

Mich wundert, wie es sein kann, dass so viele angeblich auf der Seite der Arbeiter*innen stehende Philosoph*innen, allen voran Marx, und militante Arbeiter*innen diese einfache Tatsache nicht zum Gegenstand ihrer Überlegungen machen oder dass sie, selbst wenn dies ihnen gelegentlich gelang, daraus keine radikal gerechten Schlüsse ziehen konnten? Es ließe sich beweisen, dass alleine die mütterliche Arbeit wertvoller ist als vierzig Jahre Lohn eines*einer Arbeiter*in. Wie sollen wir den Lohnanteil der Geschichte, Philosophie, Religion, Kunst und Wissenschaft an der Entstehung jener einzelnen Arbeiter*innen berechnen und ihren Gegenwert bezahlen? Wir werden uns wohl nicht herauswinden können, indem wir einfach sagen, dass diejenigen, die diese Arbeit erbracht haben, schon tot sind. Es ist wohl einer der Grundsätze des Sozialismus, dass die Erbringer*innen der Arbeit unsterblich sind. Also geht die Frage der Arbeiter*innen und des Arbeitslohns, selbst im Lichte dieser kurzen Definition, nicht über eine mythologische Erzählung hinaus.

Aus diesem Grund ist es näher an der Wahrheit, die positivistische Philosophie in ihrer vulgärsten faktenorientiert-materialistischen Spielart als hohlste Metaphysik zu bezeichnen. Eine radikale Kritik und Selbstkritik der marxistisch-positivistischen »Sozialwissenschaft« ist im Rahmen dieser Kategorie zu entwickeln. Auch die grundsätzliche Rolle der gesellschaftlichen Moral begegnet uns in diesem Zusammenhang. Die Moral stellt die Waage der Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Arbeit dar, die sich nicht immer nach den Normen von Gut und Böse beurteilen lässt, und so ist es auch richtig. Die Beschränktheit des Marxismus in Bezug auf die Moraltheorie ist eng mit seinem Verständnis von Arbeitswert und Lohn verbunden. Die entscheidende Rolle, die seine fehlende moralische Grundlage beim raschen Zerfall des Realsozialismus spielte, wird so einerseits verständlicher, stellt andererseits einen der wichtigsten Kritikpunkte dar. Eine wichtige Sache, die an dieser Stelle erwähnt werden sollte, ist, dass die Befreiung der Gesellschaft vom Kapitalismus weder durch Trade-Unionismus noch eine Staatspartei, sondern nur durch die moralische und politische Gesellschaft erfolgen kann.

Der zweite große Fehler des Kapitals, wie auch der fälschlichen Darstellung des Kapitalismus als System, ist, dass das dialektische Verhältnis zwischen Macht und Hierarchie, also Gewalt, und der Akkumulation des Mehrwerts nicht richtig interpretiert wird. Alle Beobachtungen der historischen Gesellschaft zeigen, dass die Gewalt bei der Akkumulation jeglichen gesellschaftlichen Mehrwerts, welcher über die notwendigen Grundbedürfnisse hinausgeht, eine entscheidende Rolle spielt. Ohne Gewalt kommen weder ein gesellschaftliches Mehrprodukt noch Akkumulation zustande. Hinter dem Aufbau jeglicher Hierarchie und Macht steckt das Motiv, sich der gesellschaftlichen Akkumulation zu bemächtigen. Alle Formen des Machtaufbaus haben direkt oder indirekt mit der Akkumulation zu tun; abstrakter formuliert: Die überwältigende Mehrheit von hierarchischen und Machtverhältnissen ist nichts anderes als verdichtete gesellschaftliche Arbeit. Es ist nicht möglich, die Macht von verdichteter, institutionalisierter gesellschaftlicher Arbeit zu abstrahieren. Vom Raub der erarbeiteten Werte der Klangemeinschaften, vor allem denen der Frauen, auf die es der »starke und listige Mann« bereits in der Ära des Jagens und Sammelns abgesehen hatte, bis hin zur fortgeschrittenen Aneignung des gesellschaftlichen Mehrwerts durch den Nationalstaat als kapitalistischem Gewaltapparat, vermag keine Akkumulation losgelöst von Macht stattzufinden. Der fünftausendjährige Prozess der Zentralzivilisation selbst besteht aus verdichtetem, institutionalisiertem gesellschaftlichen Reichtum – einer gesellschaftlichen Akkumulation, die größtenteils durch brutale Kriege, Gewaltapparate und Staaten verwaltet wird.

Den Kapitalismus zur »ersten Produktionsweise« zu erklären, »die sich jenseits der Institution Staat durch die freiwillige Zusammenkunft der Bosse und Arbeiter*innen auf der Grundlage des Marktes entwickelte«, wie es manche akademische Sozialist*innen tun, ist nichts als eine riesige Propagandalüge. Eine solche Produktionsweise existiert nicht. Im Gegenteil ist der Kapitalismus vielmehr ein System, das auf der Grundlage einer im historischen Vergleich beispiellos entwickelten und institutionalisierten Gewalt eine Akkumulationsweise für den Mehrwert herausgebildet hat. Lasst uns die Geschichte genauestens untersuchen: Vom ersten auf Landwirtschaft basierten Mehrprodukt der Sumerer*innen und Ägypter*innen bis hin zur auf Handel und Industrie basierten gesellschaftlichen Akkumulation bedienten sich Macht und Hierarchie bei der Akkumulation stets einer strengen Kontrolle und Überwachung der Durchführung. Es ist eine einfach festzustellende gesellschaftliche Tatsache, dass der Zins – als Methode, mit Geld Geld zu verdienen – nicht realisierbar ist, wenn kein Gewaltapparat existiert. Die Geschichte ließe sich auch als eine in dieser Hinsicht ununterbrochene, auf sich selbst aufbauende und mit der verketteten Entwicklung aller gesellschaftlichen Bereiche verbundene Wirklichkeit beschreiben. Obwohl die Geschichte des Kapitalismus in dieser Hinsicht wohlbekannt ist, gehen die kapitalistischen Diskurse über das Kapital in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht über absichtlich verdrehte mythologische Erzählungen und Propaganda hinaus.

An Marx’ gutem Willen und auch dem der Marxist*innen ist nicht zu zweifeln. Ihr Macht-/Staats- und Arbeitswertaufbau als eine Art Staatskapitalismus war aber dem System dienlicher als der liberale Kapitalismus. Alleine die Erfahrungen, die in China und Sowjetrussland gemacht wurden, beweisen dies zur Genüge. Während der Rechtshegelianismus die Entstehung des Nationaletatismus in Deutschland und Europa zur Folge hatte, erzeugte der Linkshegelianismus den Nationaletatismus in der Peripherie, vor allem in Sowjetrussland und in China. Wenn beides sich schließlich in das kapitalistische Nationalstaatswesen integriert hat, lässt sich eine grundsätzliche Verbindung zur hegelschen Philosophie wohl nicht leugnen. Auch wenn sie viele Erschütterungen hinter sich hat, herrscht nach wie vor die hegelsche Staatsphilosophie.

Die feministische und ökologische Kritik an diesem System, welches wir als kapitalistische Moderne bezeichnen, und vor allem die Kritik des Anarchismus, sind von großer Bedeutung. Es ist aber auch festzustellen, dass diese Kritiken nicht über die Ansichten der sich nach wie vor in der Depression befindenden städtischen Mittelschicht hinausgehen.

Wenn ich mich mit der Staats- und Gesellschaftskrise des Nahen Ostens beschäftige, gehe ich dabei sehr sorgfältig vor, um nicht die Fehler der Kritik und des Widerstands der letzten fünftausend Jahre im Allgemeinen, vor allem aber die der letzten fünfhundert bzw. zweihundert Jahre zu wiederholen. Wir bedürfen dieser Sorgfalt. Dabei lege ich großen Wert darauf, nicht für die Zukunft, sondern vielmehr für die vergangene Tradition zu leben. Geschichte ist eine wissenschaftliche Disziplin und Philosophie, die wir vor allem dafür brauchen. Die Geschichte erzählt von den Toten, tut dies aber um eines menschenwürdigen Lebens willen. Man sollte gut begreifen, dass dem gesellschaftlichen Leben derjenigen, die kein Geschichtsbewusstsein besitzen, jegliche Sinnhaftigkeit fehlt. Wir sollten nicht vergessen: je mehr Geschichtsbewusstsein, desto sinnvoller das gesellschaftliche Leben – und nicht nur das; erst wenn die Geschichte neben dem Sinn auch als materielle Struktur und Kultur erlebt wird, lässt sich das gesellschaftliche Leben als wertvoll bezeichnen.

Sicherlich ist es nicht einfach, über sowohl Hegel als auch Marx hinauszugehen und die nahöstliche Kultur und ihre gegenwärtige Staats- und Gesellschaftskrise zu analysieren. Gegen die kapitalistische Hegemonie über den Nahen Osten wurden in den letzten zwei Jahrhunderten sowohl von innen als auch von außen reichlich Kritiken und Widerstände entwickelt. Alle hatten aber das Scheitern gemeinsam. Von radikal und gemäßigt islamistischen über kommunistische, nationalistische und liberale bis hin zu konservativen scheiterten alle Versuche, die aktuelle Lage in der Region zu analysieren und ein anderes System aufzubauen. Also konnten orientalistische Arbeiten, die aus der europäischen Zivilisation übernommen wurden, und Anleihen aus der Geschichte, die auf die Interessen und Lebensweisen besonderer Gruppen umgemünzt wurden, weder eine philosophische Synthese noch eine erfolgreiche freiheitliche politische Entwicklung oder Theorie liefern.

Die Aufgabe, die Systematik der demokratischen Zivilisation im Sinne dieser Kritiken und Widerstände zu entwickeln, drängt sich geradezu als der richtige Weg der gesellschaftlichen Wahrheit auf. Ich bin der Meinung, dass die ersten drei Bände dieses Manifests bereits die notwendige Richtung dazu aufzeigen. Im vorliegenden Band werde ich mich auf den Nahen Osten, insbesondere auf die historische Lösung konzentrieren. Aus diesem Grund halte ich es für notwendig zu unterstreichen, dass die Geschichte notwendigerweise universal sein muss. Um die Region zu verstehen, ist eine allgemeine Lösung unausweichlich. Zudem macht die Tatsache, dass die Universalgeschichte sich neben der fünftausendjährigen Geschichte der Zentralzivilisation auch vom mindestens genauso wichtigen zehntausendjährigen Neolithikum nährt, die Lage der Region noch wichtiger und interessanter. Bei der Lösung globaler Probleme und für neue zivilisatorische Synthesen besitzt der Nahe Osten ein mindestens ebenso großes Gewicht wie Europa. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass das Nahost-Projekt, dessen Umsetzung in den 2000er Jahren durch die US-Hegemonie beschleunigt wurde, nicht einseitig funktionieren kann. Süd- und Südostasien sowie Südamerika können sich vielleicht ins System integrieren, aber eine einfache Integration einer Region, die historisch die Zentralzivilisation beherbergte, ist nicht zu erwarten. Eine absolute Loslösung vom System ist jedoch auch nicht möglich. Zivilisationen können sich in diesem Sinne ohnehin nur selten absolut loslösen bzw. integrieren. Zu versuchen, ganz von vorne anzufangen, wäre so relevant wie ein neuer Systemaufbau in Grönland.

Die demokratische Zivilisation stellt eine Alternative dar, deren Gewicht einerseits als historische Tradition, andererseits durch die Zuspitzung der gegenwärtigen Krise immer mehr zu spüren sein wird. Auf Nationalstaaten basierende Wiederaufbauversuche können die Krise nur weiter zuspitzen. Die kulturelle Wirklichkeit der Region befindet sich sowohl materiell als auch ideell in einem dialektischen Widerspruch zum Nationalstaat. Dieser sich zuspitzende Widerspruch verhält sich nun wie ein aktiv werdender Vulkan, der im Begriff ist, auszubrechen. Der Beitrag der kapitalistischen Konzerne und Mini-Nationalstaaten zur Lösung kann nicht einmal so groß sein wie einst der der lokalen Fürstentümer, von denen es in der Geschichte Tausende gab, die jahrtausendelang existiert haben. Die kapitalistischen Konzerne und Nationalstaaten bieten keine Antworten auf die gesellschaftlichen Probleme, sondern vermehren und intensivieren durch ihre Ideologie und Praxis vielmehr die gesellschaftlichen Probleme noch. Jedes System, das im Nahen Osten die Chance ergreifen will, eine Lösung zu bieten, muss zunächst eine erfolgreiche ideologische Auseinandersetzung mit Nationalismus, Sexismus, Religionismus und Positivismus führen. Auf der Bühne der praktischen Politik hat es viele und vielfältige nichtstaatlich orientierte, demokratische Gesellschaftsaktivitäten zu entfalten. Ich spreche hier nicht von einer innerlich hohlen Zivilgesellschaft. Eine wirklich lokale demokratische Kultur muss als Grundbedürfnis, das genauso wichtig und elementar wie Brot, Wasser und Luft ist, angesehen und dementsprechend entwickelt werden. Die Befreiung vom Individuum, das sich auf die alles wie ein Magnet anziehende Macht- und Staatskultur konzentriert, ist die erste zu erledigende Aufgabe. Diese jahrtausendealte Tradition stellt das größte Hindernis auf dem Weg zu einer demokratischen Kultur dar. Unsere grundlegende Parole muss lauten: Keine andere gesellschaftliche Aktivität kann so erwünscht und wertvoll sein wie die demokratischen Gesellschaftsaktivitäten.

Im ersten Teil dieses Bandes wird der Nahe Osten der Universalgeschichte gegenübergestellt. Dabei werden die geologischen, biologischen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten der Region als ineinander verwoben betrachtet. Die Bedeutung der Universalgeschichte und ihre Entfaltung in der Region werden schematisch behandelt. Es wird versucht, das Verhältnis zwischen dem Neolithikum und dem Übergang zur Zivilisation sowie die hegemoniale Rolle der Zentralzivilisation in der Region zu interpretieren. Das Wesen von Kriegen und der Macht, ohne die die Zivilisation nicht auskommt, wird definiert, und Staatsformationen werden in diesem Zusammenhang beurteilt. Zwischen der Zentralzivilisation und anderen Zivilisationen wird ein vergleichender Ansatz vorgestellt.

Im zweiten Teil werden die Ursachen und die Entwicklung des Problems in der nahöstlichen Gesellschaft thematisiert. Während kriegerische Ideologien und Handlungen, die auf der Grundlage des gesellschaftlichen Mehr Beständigkeit erlangten und verherrlicht wurden, als Hauptursache der gesellschaftlichen Probleme ausgemacht werden, werden die von ihnen ausgehenden Zerstörungen und die sich zuspitzenden Krisenprozesse dargestellt. Ferner wird in diesem Teil behandelt, welche Konsequenzen für die Region das Kippen der hegemonialen Macht, die ihre Funktion verlor und deren Grundlage überwunden wurde, mit sich brachte.

Im dritten Teil wird die Rolle der Lösungs- und Befreiungsideologien und Widerstandskräfte diskutiert. Dabei werden die Rolle der Stammessysteme und der monotheistischen Religionen analysiert und die assimilatorischen Fähigkeiten von Zivilisationssytemen infrage gestellt. Die Gründe des Scheiterns der Befreiungsideologien und Widerstandskräfte steht dabei im Fokus aller Analysen, Diskussionen und Hinterfragungen. Formen von Religionisierungen und Stammesstrukturen werden in diesem Rahmen dargestellt. Der Zerfall des Systems, das von sich aus keine Lösung entwickeln kann, durch äußere Impulse und die Entstehung neuer Hegemoniebereiche werden dabei als weitere wichtige Themen betrachtet.

Im vierten Teil wird die historische Rolle der an der Westküste Europas als neue hegemoniale Kraft aufstrebenden, siegreichen kapitalistischen Akkumulation unter die Lupe genommen und die Rückständigkeit der nahöstlichen Zivilisation und das Erleben des gesellschaftlichen Problems als Dauerkrise diskutiert. Der hegemoniale Aufstieg Europas stellt einen Schock für alle diejenigen dar, die sich selbst als die islamische Gesellschaft begreifen. Auch das Verhältnis zwischen den neuen islamischen Bewegungen und der kapitalistischen Moderne ist Gegenstand einer wichtigen Diskussion. Dass der Kapitalismus, ein Profitsystem mit immer häufigeren und chronischer werdenden Krisen, sowohl als Staat als auch als wirtschaftliche Institution nicht etwa zur Quelle von Lösungen, sondern vielmehr von Problemen wurde, führte dazu, dass Staats- und Gesellschaftskrisen in der Region als ineinander verwoben erlebt werden. Ideologische und aktionistische Selbstmorde werden in diesem Rahmen analysiert.

Im fünften Teil wird die historische und gegenwärtige Rolle der demokratischen Zivilisation als Lösungsalternative diskutiert. Die demokratischen Errungenschaften der europäischen Zivilisation mit ihrem historischen Kulturerbe werden daraufhin analysiert, wie sie beim ideologischen und praktischen Wiederaufbau der demokratischen Zivilisation zu verwerten sind. Der demokratische Konföderalismus, die moralische und politische Gesellschaft und eine ökologische und frauenzentrierte Wirtschaftsordnung werden als wichtige Lösungsinstitutionen dargestellt.

Der letzte Teil zieht ein kurzes Fazit und schlägt eine Brücke zum Thema des folgenden Bandes.

Erster Teil

Die Universalgeschichte und der Nahe Osten

Eine Wahrheit, auf die sich alle Wissenschaften einigen können, ist die Schöpferrolle, die die Geschichte nicht nur für die menschliche Gesellschaft, sondern bei jeglichem Werden im Universum spielt. Die Zeit ist schöpferisch. Es stellt geradezu ein Mysterium dar, dass die Gottheiten zugeschriebene Schöpferrolle von der Zeit selbst gespielt wird. Die Geschwindigkeit des Werdens nennen wir Zeit. Ohne Werden existiert also auch keine Zeit. Das Mysterium der Zeit spiegelt sich so im menschlichen Bewusstsein wider. Das Altern auf die letale Auswirkung der Zeit zurückzuführen, stellt in diesem Zusammenhang ein falsches Verständnis dar. Da die Zeit keine letale Auswirkung hat, ist dieses Verständnis bedeutungslos. Es gibt also keinen Tod. Der Tod ist eine menschliche Erinnerung, die soziologisch konstruiert wurde, ein künstliches Gefühl, aber gleichzeitig eine für das Leben äußerst wertvolle Erinnerung, genauer gesagt: ein warnendes Gefühl. Ich verspüre, im Gegensatz zu Hegel, nicht das Bedürfnis, mich auf eine »Reise des Geistes« zu begeben. Ich verstehe aber, was er dadurch erreichen wollte. Auch wenn mit der »Urknall«-Theorie das Alter des Universums (ca. 13,8 Milliarden Jahre) geschätzt und ihm eine Geschichte zugeschrieben wird, ist es höchst wahrscheinlich, dass dies nichts weiter als eine neue mythologische Erzählung der westlichen Zivilisation ist. Trotz ihrer ganzen Wissenschaftlichkeit spielt diese Theorie eine ähnliche gesellschaftliche Rolle wie die Schöpfungsgeschichten in den heiligen Schriften. Nur weil dem so ist, wollen wir hier allerdings nicht die Existenz der Zeit leugnen, sondern nur feststellen, dass ihr immer noch etwas Rätselhaftes innewohnt. Ich persönlich sehe es als eine große Chance an, dies in der menschlichen Gesellschaft teilweise zu entdecken.

Die gesellschaftliche Geschichte spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Formung des Menschen. Wenn das Geheimnis der Zeit gelüftet werden soll, dann in diesen äußerst kurzen Zeiten des Werdens. Die Fähigkeit der menschlichen Gesellschaft, ihre Individuen zu erschaffen, konnte bisher keine so große Bedeutung erlangen, wie meist angenommen wird. Mit sehr viel Arbeit könnte man einen tieferen Sinn erfassen. In keinem anderen Phänomen können wir die Kraft der Zeit entdecken. Aus diesem Grund halte ich die Gesellschaftswissenschaft für die Königinmutter oder Muttergöttin aller Wissenschaften. Als eine weitere wichtige Feststellung möchte ich hinzufügen, dass ich allen wissenschaftlichen Disziplinen gegenüber skeptisch bin, die nicht auf der Gesellschaftswissenschaft beruhen. Der Weg zu allen anderen Wissenschaften führt über die Verwirklichung der Gesellschaftswissenschaft. Jegliches Wissen von den subatomaren Teilchen bis hin zum kosmischen Universum, von dem angenommen wird, dass es sich immer noch ausdehnt, können wir nur im Maße des Fortschritts der Gesellschaftswissenschaft erlangen.

Es ist eine wichtige Feststellung, dass nicht nur Hegel, sondern auch der Gott der Heiligen Schrift sein Aufnehmen des Schöpfungsabenteuers auf den Wunsch zurückführt, verstanden zu werden, also darauf, dass die Idee sich selbst zu denken beginnt[3]. Die Idee, die sich selbst zu denken versucht, drückt das Wesen der Wahrheit aus, und das ist eine Sache, welcher wir – sofern wir wissen – außerhalb der menschlichen Gesellschaft nie begegnet sind. Jeglicher Schöpfung liegt zugrunde, dass der Mensch sich selbst zu denken beginnt. »Existieren wohl im Atom und im kosmischen Universum Ideen?« – eine brennende Frage, die es wert ist, gestellt zu werden. Ich wage nicht, zu vermuten, dass Mikro- sowie Makrouniversen gedankenlos entstanden seien. Der Begriff »leblose Materie«, an den man uns so sehr gewöhnt hatte, hat sich soziologisch als ein sehr hohler Begriff herausgestellt. Man sollte daraus nicht sofort schlussfolgern, dass ich Hegelianismus betriebe. Der Zusammenhang zwischen Gedanken und menschlichen Gehirnwellen wurde festgestellt, also so gut wie bewiesen, dass Ideen so etwas wie Energie sind. Es bleibt also nur die Frage, wie sehr wir uns trauen werden, diese nachgewiesene Tatsache auf die nicht-menschliche Natur zu übertragen.

Worauf ich hinaus will, ist, dass wir uns nicht von der verbrannten Erde beirren lassen müssen, die der negative Sozialismus hinterlassen hat. Der positive Sozialismus, mit anderen Worten die sich permanent befreiende Gesellschaft bildet für uns die einzige Grundlage der Wahrheit. Die einfachste Definition der Universalgeschichte ist die gesellschaftliche Entwicklung als Grundlage der Wahrheit, und die menschliche Gesellschaft ist in diesem Sinne nicht nur einfach die Geschichte des Menschen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch die Geschichte des Universums. Es ist die Geschichte des Universums, einschließlich der ganz schlicht als 13,8 Milliarden Jahre ausgedrückten Zeitspanne. Aus diesem Grund sollten wir dem Menschen, seiner Gesellschaft und seiner Geschichte eine sehr große Bedeutung beimessen.

a) Die jüngste Eiszeit, die vor ungefähr 20 000 Jahren endete, stellt einen wichtigen Meilenstein in der gesellschaftlichen Geschichte dar. Die Geschichte des Nahen Ostens nahm zu dieser Zeit ihren Anfang, und insbesondere die Ausläufer des Taurus-Zāgros-Gebirgssystems und die angrenzenden heutigen Wüstengebiete boten der menschlichen Spezies damals eine außerordentliche Fülle an Nahrungsmitteln und gute Sicherheits- und Fortpflanzungsbedingungen. Die Gleichzeitigkeit dieser drei Faktoren bedeutet beste Überlebenschancen für eine Spezies. Im Abenteuer der menschlichen Spezies, die aus Ostafrika stammend sieben Millionen Jahre Evolution hinter sich hat, markierte der (durch zwei Kontinentalplatten gebildete) Graben, der Ostafrika längs durchzieht und über das Rote Meer und die Gebirgsausläufer im östlichen Mittelmeerraum bis hin zum Taurus-Gebirge reicht, eine natürliche Ausbreitungsroute. Es wurde nachgewiesen, dass die stetigen Wanderungsströme über diese Route nach Europa und Asien zumindest eine Million Jahre zurückreichen. Der Taurus-Zāgros-Bogen stellte stets eine zentrale Station auf dieser Reise dar. So begreifen wir besser, wie wichtig Geologie ist. Auch das seinerzeit sehr fruchtbare angrenzende Flachland spielte eine ähnlich positive Rolle wie diese Gebirgsausläufer. Das Ende der jüngsten Eiszeit schuf die Voraussetzungen für dauerhaftes Verweilen an diesen Haltestationen und führte zu einer ersten Bevölkerungsexplosion in der Menschheitsgeschichte. Heute bezeichnen wir diese Region als den Nahen Osten. Die geologische, biologische und gesellschaftliche Bedeutung der Region ist auf die genannten Tatsachen in der jüngeren Vergangenheit zurückzuführen. Der Nahe Osten stellt also nicht irgendeine beliebige geografische Region dar, sondern die Bühne, auf der sich die Universalgeschichte abspielen sollte.

Es herrscht in der Wissenschaft Einigkeit darüber, dass die Menschheit bis zum Ende der jüngsten Eiszeit aus Klans von nicht mehr als fünfundzwanzig bis dreißig Personen bestand. Die Verachtung der Klangesellschaft[4] als primitiver kommunaler Einheit ist ein Produkt des »Zivilisationschauvinismus«, der erst später entstand. Die Menschheit verbrachte achtundneunzig Prozent ihrer Geschichte in solchen Gesellschaften. Der Klan spielte bei der Entstehung der Gesellschaft die Rolle der Stammzelle. So, wie die Milliarden Jahre dauernde Entwicklung der Stammzellen zur Entstehung der Pflanzen- und Tierarten führte, ermöglichte das Millionen Jahre währende Abenteuer der Klangesellschaft den Übergang zur heterogenen Gesellschaft. Die »Revolution der vielfältigen Gesellschaft«, war eine der elementaren Stufen der Universalgeschichte. Im Grunde wurde diese Stufe erreicht, als die »Zeichensprache« durch die »Symbolsprache« abgelöst wurde. Die menschliche Symbolsprache besitzt aufgrund der Anatomie des menschlichen Körpers und Kehlkopfes ein großes Entwicklungspotenzial. Die Möglichkeit, Symbolsprache zu verwenden, ermöglichte auch erst die geistige Revolution.

Historiker*innen gehen davon aus, dass sich die symbolsprachliche Revolution im geobiologischen Gefüge Afrikas um 100 000 v. Chr., also bereits vor der jüngsten Eiszeit, ereignete, aber sie sind sich auch darüber einig, dass die eigentliche explosive Entwicklung erst nach der jüngsten Eiszeit um 20 000 v. Chr. im Zusammenhang mit dem geobiologischen Gefüge des Nahen Ostens stattfand. Es existieren eindeutige historische Beobachtungen, ethnologische und anthropologische Informationen darüber, dass verschiedene Gemeinschaften in einem Raum, der von der Sahara, die bis vor 6000 Jahren noch über eine reiche Flora verfügte, bis hin zu den arabischen und iranischen Wüsten reichte, um den Ursprung semitischer Sprachen herum ein weites »Stammesystem« etablierten. Der Übergang dieses Stammessystems von den reichen Zeichensprachen Afrikas zu semitischen Symbolsprachen stellt einen elementaren historischen Fortschritt dar. Diese Sprach- und Kulturgruppe sollte später sowohl in der neolithischen Revolution von Ackerbau und Viehzucht als auch in der urbanen (Zivilisations-)Revolution eine bedeutende Rolle spielen.

Dass die zweite große symbolsprachliche Revolution von Gruppen ausging, die dem im Taurus-Zāgros-Gebirgssystem beheimateten, auch als indogermanisch bezeichneten arischen Stammessystem angehörten, wurde ebenfalls durch historische Beobachtungen, ethnologische und anthropologische Studien eindeutig nachgewiesen. Es ist wichtig, festzuhalten, dass diese Gruppen nachweislich bei der agrarischen wie bei der urbanen Revolution eine führende Rolle spielten, die im Wesentlichen auf der geobiologischen Struktur ihres Siedlungsgebiets beruhte.

Die dritte große symbolsprachliche Gruppe bilden die in den sibirischen Wäldern beheimateten, in Südsibirien ansässigen Stammessysteme, die auch als die ural-altaische Sprachgruppe bezeichnet werden. Auch diese Gruppen, die sich nach der Eiszeit vom heutigen China über die Mongolei und Turkestan bis nach Finnland ausgebreitet haben, leisteten sowohl bei der neolithischen als auch bei der urbanen Revolution wichtige Beiträge zur Universalgeschichte, wenn auch in etwas geringerem Umfang als die erstgenannten beiden Gruppen.

Es existieren historische Beobachtungen, ethnologische und anthropologische Informationen, welche die – wenn auch marginale – Rolle einiger ähnlicher, eher isolierter Gruppen aus Kaukasien und Amerika bei der Entwicklung symbolischer Sprache sowie der agrarischen und später der urbanen Revolution belegen.

Zahlreiche philologische, ethnologische, anthropologische, archäologische und geologische Studien beweisen, dass die dörflich-agrarische Revolution hauptsächlich im Zusammenhang mit den geologischen Strukturen und biologischen Arten im inneren Bogen des Taurus-Zāgros-Gebirgssystems, dem »Fruchtbaren Halbmond«, stattfand. Diese Revolution stellt ein wesentliches Stadium in der universalen Menschheitsgeschichte dar. Ich muss an dieser Stelle erneut betonen, dass ich Entwicklungen, die eine qualitative Transformation bedeuten, als »Revolution« bezeichne. Die Bedeutung dieser Revolution ist vielseitig.

Erstens ging die Gesellschaft vom Stadium der Klangesellschaft (kleiner, homogener, einander ähnlicher Gruppen) zum Stadium der heterogenen (vielfältigen) »Stammessysteme« über. Die auf gemeinsamem Sprachursprung basierenden, halb nomadischen, halb in ihren Siedlungsgebieten sesshaften Stammessysteme, die untereinander ein auf gegenseitigem Austausch von Gaben und Geschenken basierendes Verhältnis pflegten und die gemeinsame Tempel und Begräbnisorte für ihre Toten schufen, waren langlebige Gesellschaftsstrukturen. Bei den Ausgrabungen in Göbekli Tepe bei Urfa, einer »Supernova« im Hinblick auf die Enthüllung der Menschheitsgeschichte, wurden um 10 000 v. Chr. erbaute Tempel mit reliefierten Steinpfeilern entdeckt, die uns mit der wichtigen historischen Entdeckung konfrontieren, dass sich die Stammessysteme der Zeit vor der Agrarrevolution – im Gegensatz zur bisherigen Annahme – nicht in einem primitiven Zustand befanden, sondern äußerst entwickelte Gesellschaftsstrukturen hervorgebracht hatten. Diese Tempel mit den kreisförmig angeordneten, behauenen steinernen Stelen zeigen eindeutig, dass damals eine umfangreiche Gedanken- und Gefühlswelt existierte. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Geobiologie Urfas (und Obermesopotamiens im Allgemeinen) einen idealen Raum für die Entwicklung dieser Stammessysteme darstellte. Die historische Forschung muss sich dringend auf dieses Stammessystem und seine Kultur konzentrieren, und je genauer sie analysiert werden, desto mehr wird zweifellos die Universalgeschichte erhellt.

Zweitens wurden die Dorfstrukturen bisher lediglich im Zusammenhang mit der Agrarrevolution betrachtet. Der Übergang von halb-nomadischen Stammessystem zu Dorfstrukturen stellt eine weitere gesellschaftliche Tatsache dar, die anhand des Tempels in Göbekli Tepe nachgewiesen wurde. Bereits an anderer Stelle habe ich die Geburt der Stadt und des Staates auf die sumerischen Priestertempel zurückgeführt. Gleichzeitig muss ich mit Nachdruck betonen, dass sich die Leitung von Dorf und Kommune, also primitive im Sinne von ursprünglicher Demokratie, um diese gemeinsamen Tempelsysteme der Stämme entwickelte. Jeder gemeinsame Tempel stellte die Grundlage der Sesshaftigkeit, des primitiven Handels und der Revolution des gemeinsamen Fühlen und Denkens (der Kunst) dar.

Drittens lässt sich also behaupten, dass der Austausch von Geschenken – die primitive, ursprüngliche Form des Handels – bei gemeinsamen Treffen im Tempel entstand.

Viertens fand auch die Genese von Religion und Kunst (welche anfangs untrennbar miteinander verbundene ideelle Kulturelemente waren) bei gemeinsamen Gebetsritualen im Tempel statt. Tempelbilder in Göbekli Tepe, die bereits sehr einer Schrift ähneln, zeugen von einem hohen geistigen und emotionalen Entwicklungsniveau. Es handelt sich dabei um eine Kunst, die als Vorbotin der sumerischen und ägyptischen Schriften angesehen werden sollte. In Bezug auf diese Dinge lassen sich noch weitere ähnliche Lesarten erarbeiten.

Ferner sollte der Aspekt betont werden, dass sich diese Kultur aufgrund ihrer halbnomadischen Lebensweise sehr flexibel und schnell ausbreiten konnte. Die Feststellung, dass sie sich zwischen 15 000 und 10 000 v. Chr. universal, aber vor allem im Nahen Osten, ausbreitete, dürfte in Bezug auf historische Erzählungen eine sehr erhellende Rolle spielen. Meines Erachtens eroberte diese Kultur – im Sinne kultureller Ausbreitung – schließlich ganz Asien, Afrika, Europa, Amerika und sogar Australien.

b) Historiker*innen sind sich darüber einig, dass die Agrarrevolution auf der Grundlage der halb-sesshaften Stammessysteme stattfand und von revolutionärer Bedeutung war. Die Feststellung, dass die Region um Urfa, der aufgrund seiner Geobiologie fruchtbarste Teil des Fruchtbaren Halbmonds, für lange Zeit – d. h. ca. von 10 000 bis 5000 v. Chr. – das Epizentrum der Agrarrevolution war, kommt als Narrativ der historischen Wahrheit am nächsten. Dieser Raum bot sowohl für die Einbindung von Pflanzen in die Landwirtschaft als auch die Domestizierung von Schafen, Ziegen und Rindern eine nahezu ideale Fruchtbarkeit und Vielfalt. Urfa war mit ihrer Topografie, der Ergiebigkeit ihres Bodens, den klimatischen Bedingungen, ihrer Flora und Fauna seinerzeit die ideale Region. Es bot quasi natürliche Bewässerungsbedingungen. Außerdem standen an den Ufern von Tigris, Euphrat und ihren Nebenflüssen schon immer breite Flächen für Bewässerungsfeldwirtschaft bereit. Neue Feldstudien enthüllen täglich weitere Details dieser Rolle der Region.