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»Das ist das Auto meiner Frau!« – Mit diesem Satz wird Susa Bobke bei ihren Einsätzen häufig begrüßt. Natürlich nur von Männern, denn die lernt sie als weiblicher Pannenhelfer von einer Seite kennen, die anderen Frauen verborgen bleibt. Auch sonst erlebt Susa Bobke bei ihrer täglichen Arbeit auf der Standspur kuriose, haarsträubende und manchmal auch berührende Szenen: von verzweifelten Menschen, die auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch liegenbleiben, über streitende Paare, die angesichts eines leeren Tanks ihre Trennung beschließen, bis hin zu den kreativsten Ausreden von Männern mit Autopannen. Susa Bobke trifft Menschen in Extremsituationen – und lädt ein zu einem unterhaltsamen Blick unter die Motorhaube.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2010
Susa Bobke / mit Shirley Michaela Seul
Meine Erlebnisse als Gelber Engel
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
»Das ist das Auto meiner Frau!« – Mit diesem Satz wird Susa Bobke bei ihren Einsätzen häufig begrüßt. Natürlich nur von Männern, denn die lernt sie als weiblicher Pannenhelfer von einer Seite kennen, die anderen Frauen verborgen bleibt.
Auch sonst erlebt Susa Bobke bei ihrer täglichen Arbeit auf der Standspur kuriose, haarsträubende und manchmal auch berührende Szenen: von verzweifelten Menschen, die auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch liegenbleiben, über streitende Paare, die angesichts eines leeren Tanks ihre Trennung beschließen, bis hin zu den kreativsten Ausreden von Männern mit Autopannen.
Susa Bobke trifft Menschen in Extremsituationen – und lädt ein zu einem unterhaltsamen Blick unter die Motorhaube.
Ich widme dieses Buch [...]
Vorspiel
Frühlingserwachen: 21. März, Spätschicht
Wenn Männer neben sich stehen
Mein tägliches Brot: Gummi und Öl
Plauderei aus dem Werkzeugkistchen
Hilferuf eines misshandelten Autos
Kurzurlaub auf der Tankstelle
Engel gesucht: m/w mit Berufserfahrung
Mein Freund kommt gleich
Schmutznägel und lockere Schrauben
Die Gummiorgie
Bavarian Sunset
Frau Bobke, Sie sind der Fachmann
Zwei Herren in der Badewanne
Lehrjahre sind keine Damenjahre
Ein verhängnisvolles Grillfest
Schnupperstimmung
Wie sag ich’s meiner Mutter?
Schlüsselkarma
Im falschen Film
Neumond
Walpurgis: 30. April, Tagschicht
Mutti macht schon
Der Archetypus Rad ab
Girlsday
Schulmädchenreport
Morgenstund hoit endlich dein goidena Mund (Willy Michl)
Zitronengelbe Kleider
Mit den Waffen einer Frau
Spieglein, Spieglein an der Wand …
… wer ist die Schmutzigste im ganzen Land
Jede Oma zählt
Gesellige Zeit
Engel auf Rädern
Die Zwillinge vom anderen Ufer
[Kapitel]
Feuerbrand
BFP – Beste-Freundinnen-Panne
Sommersonnwende: 21. Juni, Spätschicht
Klimawandel
Das Glück in der Halbschale
Frauenkurse
Falschbanker
Das weinende Panel
Je größer der Bulldog, desto Mann
Vogelwuid
Frauenbekanntschaften
Radkäppchen und der böse Golf
Meine Mazda war immer gut zu mir
Wetterleuchten
23. September: Herbstanfang, Tagschicht
Engel Blues
Frostschutz ist kein Frustschutz
In jeder Frau schlummert eine Sünderin
Es werde Licht, sprach Goliath
Das Auto meiner Frau
Mein Telefonjoker
Mich trifft der Etterschlag
Das Jüngste Gericht
Yellow Submarine
Wenn Männer schlecht hören
Türkischer Humor
Ode an die Heinzelmännchen
Samhain: 1. November, Spätschicht
Abgewrackt
Die nackte Felge
In and out
Madre Mia
Das Kind in der Glasglocke
Der Zaubertrank
Winnetous Schwester
Kein Sprit für Ogoni
Der Tussenkomplex
Ahoi
Feierrode Hoar
Die Kapitänin
Rauhnacht: 21. Dezember, Spätschicht
Eine Winterreise
Schweizer Sonntage
Bäckerinnenhände
Ingenieur ante portas
Frauen können nicht Auto fahren
Bunte Schachteln
Vollpension
Kuschelpanne mit Klingelbeutel
Nomadenblues
No-go-Area: bitte wenden
Lichtmess: 2. Februar, Frühschicht
Morgenerkenntnisse
Farbbildteil
Glossar
Danksagung
Ich widme dieses Buch allen Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeitern sowie deren Familien, insbesondere meinen Kolleginnen und Kollegen beim ADAC.
»Haben Sie eigentlich eine Ausbildung?«, fragte mich der Mann mit der verklemmten Handbremse.
»Nö. Ich bin die Aushilfe aus dem Büro und habe mich hochgeschlafen«, erwiderte ich, hob den Hammer und schmetterte ihn auf die Bremstrommel.
Der Mief von 1000 Jahren krümelte in einer feinen Staubwolke auf den Asphalt.
»Wo ist Ihr Kollege?«, fragte mich ein anderer Mann und schaute rechts und links an mir vorbei.
Er hat seine Tage, dachte ich und schwieg.
»Sind Sie allein unterwegs?«
»Ja, wo Sie mich jetzt fragen: Ist mir noch gar nicht aufgefallen!«
»Sind Sie jetzt eine Frau oder ein Mann?«
»Wie Sie wollen.«
»Was sagt Ihr Freund dazu?«
»Der spricht nicht.«
»Seit wann gibt es denn Mädchen beim ADAC?«
»Meinen Sie so Mädchen zwischen dreißig und fünfzig?«
»Da können Sie doch bestimmt gut einparken. Sogar als Frau.«
Mein Auto stöhnte gequält auf. Nur ich hörte es.
»Haben Sie keine Angst?«
»Sollte ich denn? Vor Ihnen?«
»Können Sie das überhaupt?«
»Ja, ich kann.«
Fünfzehn Jahre und rund zwanzigtausend Pannen später beginnt diese Auto-Biographie …
Dingdong: B12 -> KF, AS UnterThingau, 100 m danach, Golf blau, KE, sna1
»Ich stehe da vorne«, sagt der Mann neben mir.
Ich nicke. An solche Persönlichkeitsspaltungen bin ich gewöhnt. Man steht auch in der Garage oder da oben im Parkhaus oder da unten in der Tiefgarage, wenn man neben mir steht. Ich bin da nicht anders. Ich sage manchmal: Ich stehe da drüben und stehe in Wirklichkeit hier. So ist das mit den Autos. Die griechische Vorsilbe auto bedeutet nun mal selbst, und das wird häufig wörtlich genommen. Besonders in einer Notlage geraten manche Menschen durcheinander und wissen nicht mehr, wo das Auto aufhört und sie anfangen. Ich helfe ihnen dabei, sich wieder zu sortieren. Und sage vielleicht »Ich stelle mich da vorne hin«, während ich sitzen bleibe und den Wagen parke.
Dieser Mann hat die Arme hoch in die Luft geworfen und wild gewinkt, als er mich in meinem gelben Engelmobil anbrausen sah. Von weitem erinnerte er mich an einen entlaufenen Fluglotsen. Er trägt eine orangefarbene Weste mit Krawatte über einem anthrazitfarbenen Anzug und wartet nun neben dem blauen Golf, der seit dreißig Minuten als Panne in meinem Display registriert ist.
Der blaue Golf steht ganz alleine auf dem Seitenstreifen der B12. Niemand hat bislang geholfen, oder der Mann in der orangefarbenen Weste hat vielleicht zu einem der Hilfsbereiten, die angehalten haben, den magischen Satz gesagt: Der ADAC kommt gleich. Der ADAC, das bin jetzt ich für ihn. Rettung in der Not. Je nachdem, wie lange die Menschen gewartet haben, werde ich begrüßt. Bis zu vierzig Minuten fällt der Empfang meistens freundlich aus. Wer über eine Stunde gewartet hat, bringt häufig nur noch Kraft für die nötigste Höflichkeit auf. Seit ich nicht mehr in München unterwegs bin, wo es von Pannen und Gelben Engeln nur so wimmelt, sondern im Allgäu, habe ich es öfter mit vom Warten müden Menschen zu tun. Nur wenige verwandeln das Warten in eine schöne Zeit – immerhin schenkt einem eine Panne überraschende, ungeplante Momente. Der Alltag öffnet sich. Irgendwo erscheint ein Riss in der Routine.
Der blaue Golf III am Seitenstreifen gibt noch Lebenszeichen von sich, wenn auch etwas geschwächt: Das Warnblinklicht funkt SOS. Ich funke mit meinem Warnblinker zurück. Da ich auf einer Bundesstraße unterwegs bin und von weitem gesehen werden möchte, drücke ich zudem den gelben Schalter für die Rundumleuchte, den Kasperl, auf dem Autodach meines gelben Engelmobils. Dieser Kasperl hat mir sicherlich schon öfter das Leben gerettet, ohne dass ich es gemerkt habe. Die B12, Ost-West-Tangente zwischen Lindau und Passau, ist zwar keine Autobahn, doch stellenweise gibt es hier nicht mal Seitenstreifen. Insofern hat der Mann Glück gehabt. Das wird er höchstwahrscheinlich nicht erkennen. Er wird auch nichts davon wissen wollen, dass ich relativ schnell bei ihm an der Ausfahrt Unterthingau bin. Er ist meine erste Panne an diesem Donnerstag. Mein Dienst hat um 15.00 Uhr begonnen. Mit einem Fingerdruck auf den Touchscreen melde ich der Pannenzentrale, dass ich mein Ziel erreicht habe. Als mein Engelmobil seine Parkposition erreicht hat, kommt der Mann mit schnellen Schritten auf mich zu. Ich schätze ihn Mitte fünfzig, er ist schlank und groß und macht einen sehr angespannten Eindruck. Ein warmer Windstoß reißt seine Krawatte in die Luft, kurz steht sie wie der schwarze Balken im Vorfahrtsstraßenschild vor seinem Gesicht, dann legt sie sich über sein rechtes Auge. Wie ein Pirat sieht er jetzt aus. Havaristen werden diejenigen genannt, die einen Engel anfordern. Obwohl kein Wasser in Sicht ist, sind sie schiffbrüchig beziehungsweise gestrandet und autobrüchig.
»Grüß Gott«, sagt er, und er sagt es so schnell, dass fast nur ein Zischen zu hören ist. Nervös wartet er vor meinem geöffneten Fenster, er steht da wie bei einer Porträtaufnahme. Hinter seinem Kopf mit dem braunen Haar, das sich von der Hauptmitte zurückgezogen hat in die Hutkrempenregion, ragt die Zugspitze in die Höhe. Er merkt auch nicht, dass er mir den Ausgang versperrt.
»Grüß Gott«, erwidere ich, während ich sacht meine Tür öffne, die der Mann blockiert. Er springt fast zurück. Ich will ihn fragen, wie ich ihm helfen kann, da schießt es schon aus ihm heraus: »Er ist plötzlich ausgegangen! Er macht gar nichts mehr! Nur die roten Lampen brennen! Ich konnte bloß noch ausrollen. Er macht komische Geräusche, aber er springt nicht an! Es geht gar nichts mehr!«
Ich nicke und übersetze das Gehörte für mich. Selbstverständlich erwarte ich von Laien keine technisch präzisen Beschreibungen. Trotzdem sind ihre Beobachtungen bei der Fehlersuche hilfreich. Die meisten Menschen drücken sich mehrdeutig aus oder liefern mir erstaunliche Diagnosen. Zwischen »komischen Geräuschen« und »es geht gar nichts mehr« besteht für mich ein himmelweiter Unterschied, der über Weiterfahren oder Abschleppen entscheidet. Es ist meine Aufgabe, den tatsächlichen Schaden aus der Umklammerung des gefühlten Schadens zu befreien. Wenn ein Golf III, der schon ein paar Jahre auf der Karosserie hat, beim Starten überhaupt Geräusche von sich gibt, könnte es sein, dass es sich um einen Burnout der Zündspule handelt.
»Ich muss dringend nach München! Können Sie mich abschleppen?«
Solche charmanten Angebote werden mir ständig unterbreitet. Ich habe mich gern daran gewöhnt, dass es sich hierbei lediglich um einen Flirt zwischen zwei Autos handelt. Mein Gegenüber hat nicht gemerkt, was er da gesagt hat. Er hat warme braune Augen, die nicht zu seinen angespannten Zügen passen und in denen ich eine fast verzweifelte Anstrengung lese, die Nerven zu bewahren. Die meisten meiner Havaristen sind sehr tapfer – und so auch dieser hier, was mich wie immer mit großem Respekt erfüllt. Es gibt Menschen, die geraten in fast unerträglichen Stress, wenn ihr Terminplan bröckelt und sie eine Situation nicht mehr unter Kontrolle haben. Und dann gibt es andere, wenn auch seltener, für die eine Panne eine im günstigsten Fall interessante Abwechslung in ihrem Alltag darstellt – besonders wenn sie im Anschluss weiterfahren können. Sobald sie mich verlassen, und zwar auf ihren eigenen vier Rädern, sind die meisten Menschen glücklich. Dieses Erlebnis gönne ich auch dem Mann mit den warmen braunen Augen, bei dem ich sehr deutlich spüre, dass es um mehr geht als eine Störung der Alltagsroutine. Hier steht etwas auf dem Spiel. Seine Wangen sind rosig – trotz der zwei tiefen Falten von der Nase zum Mund –, frisch rasiert, wie ich zuerst vermute und dann rieche. Vielleicht ist er unterwegs zu einem wichtigen Termin?
»Es kann sein, dass Sie Glück haben«, sage ich freundlich.
»Glück?«, fragt er irritiert, dann hellt sich sein Gesicht auf. »Glück kann ich brauchen.«
»Vielleicht bringen wir Ihren Wagen wieder zum Laufen.«
»Das wäre wunderbar!«, ruft er.
»Dann öffnen Sie bitte einmal die Motorhaube.«
Er steigt in seinen Golf, fingert erst unter dem Lenkrad herum, es dauert eine Weile, bis er sich zum Fußraum vorgetastet hat, dann höre ich das dumpfe Geräusch, wenn das Haubenschloss entriegelt wird und die Feder sich entspannt.
Ich öffne die Motorhaube und verschaffe mir einen ersten Eindruck. Angenehme Wärme steigt mir entgegen, von einem Motor, der vor einer halben Stunde noch seine Betriebstemperatur hatte. In den Hauch von Rasierwasser mischt sich nun der vertraute Duft eines warmen Motors. Ein bisschen Benzin, warmer Gummi, warmes Öl, eine feine Note Abgase und Staub. Mein tägliches Brot.
»Und? Sehen Sie schon was?«
Einen Motor, der mal dampfgestrahlt werden könnte, denke ich.
»Vielleicht da drüben das Kabel da?« Er weist auf ein nicht angeschlossenes Ende vom Kabelbaum.
»Möchten Sie, dass ich rate, oder soll ich nachschauen?«
»O Verzeihung, ich wollte Sie nicht drängen, es ist nur: Ich habe es so wahnsinnig eilig, natürlich möchte ich, dass Sie nachschauen!«
»Dann starten Sie bitte mal.«
»Ja, selbstverständlich, sofort.«
Mit einem Satz ist er auf dem Fahrersitz. Mit einem Satz bin ich seitlich des Wagens. Wasserballett in der Havarie. Ich gehöre zu den vielen Kollegen und Kolleginnen, die schmerzlich erfahren mussten, wie es sich anfühlt, wenn ein Auto beim Starten mit eingelegtem Gang nach vorne springt. So etwas merkt sich der Körper, und so etwas passiert einem nur einmal.
Das Geräusch beim Starten – ein sattes, gesundes Anlasserdrehen – nährt meine Hoffnung, dass die Zündspule beschlossen hat, den Dienst zu quittieren.
»Danke, das reicht«, sage ich zu dem Mann, den ich eigentlich mit Namen ansprechen sollte, doch ich habe mir seinen Namen auf dem Display nicht eingeprägt, da er schneller bei mir an der Autotür war, als ich bei ihm sein konnte. Der Mann trägt ja kein Namensschild – im Gegensatz zu mir. »S. Bobke« steht auf meiner linken Brusttasche, doch mit Frau Bobke sprechen mich nur Absolventen von Kommunikationsseminaren, Konsumentinnen von Ratgeberliteratur zum Thema »Karriereplanung und Coaching« sowie Teilnehmer von Führungskräftetrainings an.
Ich ziehe ein Zündkabel ab.
Der Mann steht schon wieder neben mir. »Und?«, fragt er. Die Luft um ihn herum scheint zu flirren.
»Bitte starten Sie kurz noch mal«, verweise ich ihn auf seinen Platz. Vielleicht wird er im Sitzen ruhiger?
»Jetzt?«, vergewissert er sich.
Ich nicke.
»Wissen Sie denn schon was?«
»Einfach noch mal starten, bitte.«
»Okay.«
Bei diesem neuerlichen Startversuch fehlt der zündende Funke. Ein weiteres Argument für die Zündspule.
»Es sieht gut aus.«
»Ja?« Er läuft neben mir her, als ich zu meinem Engelmobil gehe, die Heckklappe öffne und Werkzeug und das vermutete Ersatzteil hole.
»Also kann ich weiterfahren?«
»Die Chancen steigen.«
»Dann schaffe ich es ja vielleicht noch?«
Während er auf meine Antwort wartet, die dauert, weil ich damit beschäftigt bin, eine Schublade zu öffnen und die Ratsche sowie eine Torx-Nuss herauszunehmen, pumpen seine Kiefermuskeln.
»Wohin wollen Sie denn?«, frage ich und beschließe aus Zeitgründen, den Blick auf das Display vorne im Wagen ausfallen zu lassen, wo ich seinen Namen erfahren könnte.
»Nach München.«
»Und wo da?«
»Äh, keine Ahnung. Landsberger Straße. Ist das Westen? Ich hab’s im Navi.«
»Das könnte klappen«, sage ich »das ist auch im Feierabendverkehr machbar«, obwohl ich keine Ahnung habe, wann er dort sein möchte, und außerdem ist die Landsberger Straße lang.
Eigentlich habe ich es mir abgewöhnt, den Menschen etwas zu versprechen oder Hoffnung zu machen, bevor ich sicher bin, dass ich den Schaden beheben kann. Doch dieser Mann wirkt auf mich so trostbedürftig, dass ich mich tatsächlich zu einem wenn auch vagen Versprechen hinreißen lasse. Vielleicht liegt es an seinen warmen braunen Augen. Es gibt solche Pannen, die mich besonders anrühren. Normalerweise habe ich keine Zeit, darüber nachzudenken, warum das so ist, ob mich die Augen vielleicht an jemanden erinnern; meine Kundschaft hat es eilig, und manchmal pressiert es sogar – wie jetzt.
»Haben Sie Ihre Mitgliedskarte parat?«, frage ich.
»Augenblick!« Er nestelt an seiner Warnweste, zieht sie schließlich aus, öffnet das Jackett und verstaut die Krawatte, nachdem er mir die Karte überreicht hat, die er in der inneren Sakkotasche aufbewahrte.
»Geben Sie mir fünf Minuten, Herr Thiersch«, bitte ich.
Während ich mich nun der Transplantation der Zündspule widme – Herr Thiersch hat wirklich Glück, denn selbstverständlich kann ich in meinem kleinen Bordlager nicht sämtliche Ersatzteile mitführen, die ich benötige –, zückt er sein Handy. Ich atme auf. Nun kann ich ungestört arbeiten.
»Ja, hallo. Ich bin’s noch mal. Also du brauchst doch nicht anzurufen. Sie ist jetzt da. … Doch. Der ADAC. Eine Frau. Doch. Ja, das wusste ich auch nicht. Jedenfalls sagt sie, es sieht gut aus.«
Ich bewege meine Hand, als würde ich einen Schlüssel in der Luft drehen.
Herr Thiersch versteht sofort, sagt: »Du, ich melde mich gleich noch mal …«, und wendet sich mir zu. »Ja?«
»Bitte starten.«
Wie ich gehofft habe – mit der neuen Zündspule springt der Motor sofort an … und Herr Thiersch aus dem Auto.
»Er läuft!« Wir strahlen beide.
Herr Thiersch packt meine Hand, obwohl sie sich mittlerweile der Farbe seines Motorraums angeglichen hat.
»Ja dann!«, ruft Herr Thiersch, entert den Fahrersitz und macht Anstalten wegzufahren. Mit meinem Arm, der die Zündspule hält, die ja nur angesteckt, nicht eingebaut ist, mit offener Motorhaube und ohne bezahlt zu haben.
»Halt!«, bremse ich ihn.
Herr Thiersch kommt wieder zu sich. Es ist ihm ein wenig peinlich.
»Es dauert noch ein bisschen. Wollen Sie die neue Zündspule überhaupt? Sie ist nicht im Service inbegriffen, Ersatzteile müssen bezahlt werden, bar oder per Überweisung …«
»Natürlich will ich die!«
»Und wenn ich hier alles eingebaut habe, brauche ich noch eine Unterschrift auf dem Pannenbericht, und dann können Sie los, okay?«
»Klar, klar«, nickt er.
»Schön.« Ich beuge mich über den Motorraum.
»Brauchen Sie mich noch?«
»Nein.«
»Dann kann ich telefonieren?«
»Ja.«
Ich baue gern Zündspulen ein. Bei Zündspulen dauert die Fehlersuche nur kurz, die Diagnose ist eindeutig und die Reparatur in rund zehn Minuten erledigt, und danach sind alle zufrieden. Kleine Hände sind bei dieser Arbeit wie bei vielen anderen am Auto von Vorteil, da ich durch einen schmalen Spalt in den Wasserkasten greifen muss, um zwei Muttern zu fixieren. Als Wasserkasten wird der circa handbreite Streifen vor der Windschutzscheibe bezeichnet, in dem das herablaufende Regenwasser gesammelt und abgeleitet wird. Die Abdeckungen der Wasserkästen kratzen, und ich muss meine Hand, um zur Zündspule zu gelangen, eng am Wasserkasten entlangführen. Deshalb vergrößere ich den Spalt mit einem aufblasbaren Luftkissen: So schramme ich mir den Handrücken nicht auf. Kleinere Verletzungen gehören in meinem Beruf zum Alltag – aber es gibt manche Hilfsmittel, sie zu vermeiden. Ringe bei der Arbeit wären sehr hinderlich, deshalb trage ich keine. Auch die Nägel lackiere ich mir nicht herkömmlich, von außen. Manchmal wächst ein kleiner Bluterguss von innen unter einen Nagel. Das wirkt dann schlampig lackiert.
Herr Thiersch geht auf und ab, während er telefoniert. Ich bin froh, dass wir hier an der Ausfahrt so viel Platz haben, sonst müsste ich mir Sorgen um ihn machen. An der Autobahn oder auch weiter vorne an der B12 würde ich ihn bitten, im Auto zu warten. Viele Havaristen vergessen, dass sie sich in einem gefährlichen Umfeld befinden, und laufen über Straßen, ohne vorher geschaut zu haben: Was nutzt eine geglückte Reparatur, wenn das Auto letztlich doch abgeschleppt werden muss, weil der Fahrer unter die Räder kam?
»Also, wie gesagt, du brauchst nicht anzurufen, ich schaffe es wahrscheinlich noch. Das Navi hat mir eine Stunde zwanzig ausgerechnet, und ich bin ja rechtzeitig losgefahren, das müsste reichen.« Und dann sagt Herr Thiersch eine Weile gar nichts, und schließlich sagt er mehrmals ja, und seine Stimme hat sich verändert. Klang sie zuerst genervt, als würde er vielleicht mit seiner Mutter telefonieren, wird sie nun geduldig, dann sehr weich und weicher und schließlich fast zärtlich und froh, und in all diesen Jas tun sich Höhen und Tiefen auf, und ich erkenne, wie wichtig dieser Termin sein muss, zu dem er nun gleich weiterfahren wird, denn ich habe inzwischen die neue Zündspule erfolgreich angeschlossen. Ein Termin, zu dem er sich vielleicht Zuspruch geholt hat, eine Aufmunterung, Kraft. Ich drehe noch einmal einen imaginären Schlüssel in der Luft.
»Du, ich ruf gleich wieder an.«
Herr Thiersch startet, der Motor springt an.
»Jetzt nur noch die Bürokratie«, erinnere ich ihn.
Er lächelt. Lockerer schaut er aus. Und zuversichtlich. Ich fühle mich in einem Team mit seinem Gesprächspartner, den ich für eine Gesprächspartnerin halte.
Unter der Heckklappe meines eigenen Autos fülle ich den Pannenbericht aus.
»Ich habe nämlich ein Vorstellungsgespräch«, vertraut mir Herr Thiersch nun an und fügt hinzu: »Entschuldigen Sie meine Aufregung von vorhin.«
»Das ist völlig okay«, sage ich, ohne aufzusehen, denn natürlich ist er noch immer in Eile, und ich will ihn nicht aufhalten.
Herr Thiersch räuspert sich. »Das erste seit einem halben Jahr, und es sieht richtig gut aus für mich.«
»Das freut mich für Sie.« Ich zeige ihm, wo er unterschreiben soll, und reiche ihm einen Durchschlag und die Quittung für das bezahlte Ersatzteil.
Er verabschiedet sich mit einem herzlichen Händedruck, und ich wünsche ihm alles Gute und rufe ihm dann noch nach, dass heute ganz bestimmt sein Glückstag sei. Herr Thiersch winkt aus dem Fahrerfenster und braust davon.
Bedächtig packe ich meine Utensilien ein. Die Ratsche und die Nuss verstaue ich in der mittleren Schublade. Ich mag meine Schubladen. Das Geräusch, wie sie auf und zu rollen. Ich mag die Ordnung in meinen Schubladen, und ich mag es, dass nur ich sie bediene. Wer mich ärgern möchte, mischt sich in meine Ordnung ein. Besonders mein Ratschenkasten liegt mir am Herzen. Das Beste an ihm ist seine Schaumstoffeinlage, in die Löcher für die jeweiligen Nüsse und die Ratsche ausgeschnitten sind. Alles hat seinen Platz. Man sieht sofort, ob etwas fehlt. Das ist sehr beruhigend. Einem Freund, der kurz vorm Nervenzusammenbruch stand, weil zeitgleich mehrere Elektrogeräte, sein Auto und seine Beziehung kaputtgingen, habe ich einmal geraten, einfach seine Besteckschublade zu öffnen und sich zu vergewissern: Alles Wichtige ist doch da. Er hat mich nicht verstanden, musste aber trotzdem sehr lachen. Manchmal erreicht man sein Ziel über einen Umweg. Einen so phantastischen Überblick wie bei meinem Ratschenkasten habe ich in anderen Schubladen aus Platzmangel leider nicht. Zudem beherbergt diese Schublade weitere schöne Gegenstände, die ich vor allem benötige, wenn ich meiner Diagnose bereits sicher bin und anfangen kann zu schrauben.
In Bayern heißt die Ratsche Ratsche. Als ich das zum ersten Mal hörte, fand ich es lustig und später, als ich mit dem Bayerischen vertraut war, auch sinnig – denn eine Ratsche ratscht, erzählt gern Geschichten. Ich habe eine Freundin mit einer beeindruckend sortierten Besteckschublade, die würde man hier als Ratschkaddl bezeichnen. In Norddeutschland, wo es Plappertaschen gibt und wo meine Ratschkaddl beheimatet ist, nennt man die Ratsche Knarre. Ja nu – das hört sich gleich viel ernster an. Mein Lieblingswerkzeug ist die Ratsche übrigens nicht. Der Seitenschneider gefällt mir besser. Er liegt gut in der Hand, und man macht klare Schnitte mit ihm, ohne sich selbst zu verletzen. Schläuche und Kabel werden einen Kopf kürzer gemacht, und er sprengt Fesseln – zum Beispiel von Kabelbindern und Schlauchschellen. Seinem Einsatz geht immer eine beherzte Entscheidung voraus, denn es gibt danach kein Zurück, und er fragt einen nicht: Möchten Sie die Verbindung wirklich trennen, wie es mein höflicher, unter »decision disease« leidender, also entscheidungsgehemmter Computer zu tun pflegt. Neidische, zumindest begehrliche Blicke weckt übrigens immer wieder mein todschicker Wagenheber, ein Männertraum in Silber und Blau, schlappe siebzehn Kilogramm leicht. Ich selbst bin ein wenig enttäuscht von ihm, genieße aber die Aufmerksamkeit, die er auf sich zieht. Er hat in dem einen Jahr, in dem ich ihn gegen seinen fünfundzwanzig Kilo schweren Vorgänger ausgetauscht habe, erheblich mehr ausgesprochene Anträge von Männern bekommen als ich in sechzehn Jahren auf der Straße.
Das Aufräumen nach einer Panne hat für mich etwas Rituelles. Am schönsten ist es, wenn es ein Happyend gegeben hat, wie in diesem Fall. Wobei das Happyend eigentlich sehr bescheiden ist, es bedeutet ja nur, dass jemand in sein normales Leben zurückkehren kann. Das Glück, das im Alltag liegt, erkennt man meistens erst, wenn der Alltag in eine Schräglage geraten ist, wenn man zum Havaristen wird, ob auf der Straße oder im eigenen Leben. Dann sehnt man sich oft nach einer Normalität, die, wenn sie ausgebreitet vor einem liegt, zuweilen langweilig oder öde erscheint. Doch der Verlust dieser Normalität zeigt meistens ganz schnell, dass sie doch nicht so öd und langweilig war. Umso schöner, wenn dieser Verlust nur ein kleiner Ausflug ist, der vielleicht schon beim Abendessen als Anekdote glänzt: Heute habe ich was erlebt! Aus dem Happyend heraus rückblickend betrachtet, sind Krisen häufig spannend und interessant, und ich gebe mein Bestes, so viele Happyends wie möglich zu schaffen in meinen Schichten. Ein Problem liegt auf der Straße, und sobald ich mich darum kümmere, wird es zu meinem Problem. Es ist mir lieber, wenn ich selbst es lösen kann, anstatt einem anderen dieses Problem aufzuladen – zum Beispiel einem Abschleppwagen.
Dingdong: KE, PPL Bhf., Opel Astra, silber, N, Kofferraum2
Dingdong tönt es aus meinem Display. Mein nächster Einsatz. Dieser Tag fängt gut an. Wie meistens ist das Pannenaufkommen so hoch, dass ich, während ich noch an einer Panne arbeite, schon die nächste auf dem Display habe, auch wenn seitens der Zentrale versucht wird, das zu vermeiden. Als ich in München unterwegs war, hatte ich manchmal mehrere Pannen auf dem Display. Je nach Tagesform führte das zu einem straffen Zeitmanagement, was auch Spaß machen kann, oder zu Stress.
Meine nächste Panne ist ein Opel Astra, silberfarben, Nürnberger Kennzeichen, am Bahnhof in Kempten.
Ich freue mich, weil ich nur eine kurze Anfahrt habe. Seitdem ich im Allgäu unterwegs bin, kann es schon mal passieren, dass zwei Pannen hundert Kilometer voneinander entfernt liegen. Je nach Wetterverhältnissen führt das zu langen Wartezeiten, was mich wiederum häufig zu suboptimal gelaunten Havaristen führt.
Aber heute scheint die Sonne, endlich, endlich, nach diesem langen Winter, der im Allgäu immer XXL ausfällt und im April gerne mit einem kräftigen Nachschlag aufwartet. Seit einer Woche schon hat es nicht mehr geschneit, unaufhaltsam rückt der Frühling näher, und die kribbelnd warmen Märzensonnenstrahlen haben bereits einige Löcher in die vielerorts noch geschlossene Schneedecke gebrannt und Hoffnung gesät. Hier im Unterland sind die Wiesen zuweilen gelb gefleckt. Das vergilbte Gras vom vergangenen Jahr lugt hervor, und zuweilen glaube ich schon, neues frisches Grün sprießen zu sehen, und wenn ich mir die drei bis fünf Halme einbilden sollte, ist es mir auch egal. In Pfützen, groß wie Teichen, spiegelt sich der blaue Himmel. An den südseitigen Waldrändern spitzen erste Schlüsselblumen heraus. Auch Krokusse bilden vereinzelt fröhlich stimmende Farbkleckse. Ja! Die karge Zeit ist vorbei! Bald schon werden Märzenbecher, Schneeglöckchen und Bärlauch die Landschaft erobern. Die Stunde des Huflattichs hat begonnen. Der heißt übrigens Tussilago farfara. Was für ein Name! Eindeutig ein Frauengewächs. Er klingt so schön wie ein perfekter Frühlingstag.
Als ich in Kempten ankomme, ist ländliche Rushhour, das heißt: An jeder Ampel stauen sich mehrere Autos, an manchen bis zu acht Stück, Stoßstange an Stoßstange. Ich biege ab, hinunter zur Illerbrücke. Vor mir der Grünten. Bald schon wird die Iller das Schmelzwasser von den schneebedeckten Alpengipfeln führen. Allein die Vorstellung macht mir noch bessere Laune. Heute ist Föhn. Dieser warme Fallwind, von dem ich immer annahm, er komme aus Italien, hat mir in den ersten Jahren im Süden ganz schön Kopfzerbrechen bereitet. Nun sind wir längst Freunde geworden, und ich kann ihn einfach genießen. Als ich am Morgen des 21. Februar 2004 meinen Dienst begann, färbte sich der Himmel über Ottobeuren rot. Die Sonne war bereits aufgegangen, so dass ich andächtig stehen blieb. Das war’s dann wohl, dachte ich, und wenn dies das Ende der Welt sein sollte, so war es zumindest ein sehr schöner Anblick. Es war aber nicht das Ende der Welt. Es war der Föhn, der mit 150 km/h Wüstensand aus Nordafrika nach Bayern brachte. Goldgelb rieselte er herab wie ein Geschenk aus Tausendundeiner Nacht.
Am Forum, einem großen Einkaufszentrum, stehen Stühle auf dem Trottoir. Kempten wirkt fast ein wenig italienisch heute. Ich beobachte Menschen, in deren Gesichtern die Vorfreude auf den Feierabend leuchtet, sie gehen schwungvoll und lächeln gern; ich sehe Miniröcke und kurzärmelige T-Shirts und schwitze in meinem Overall. Ich beschließe mitzuspielen und ziehe beim Warten an einer Ampel den Pullover aus – ich trage immer mehrere Schichten übereinander, das hat sich im Lauf der Jahre bewährt. Meine Dienstkleidung besteht aus einem Overall, mehreren T-Shirts, mindestens einem Wollpullover und festen Schuhen ohne Stöckel hinten, dafür mit Stahlkappe vorne.
Am Bahnhof strömen Menschen über den Platz. Gerade ist ein Zug angekommen. Auch viele Urlauber mit Rollkoffern, Rucksäcken und Wanderstöcken und hin und wieder einem Paar Ski, die vielleicht ein verlängertes Wochenende in der Region genießen möchten. Ich sehe noch, wie der Alex, der Allgäuexpress, aus dem Bahnhof rollt. In Immenstadt wird sich der Zug teilen. Die eine Hälfte wird weiterfahren nach Lindau, die andere nach Oberstdorf, und wahrscheinlich werden wieder Menschen im falschen Zugteil sitzen, weil eine nicht einheimische Zugbegleiterin ob des hektischen Nachfragens, welcher Zugteil denn jetzt wohin fahre, Oberstdorf mit Oberstaufen verwechselt.
Seit einigen Jahren sind wir Engel dazu angehalten, unser Erscheinen kurzfristig per Handy anzukündigen. Gelegentlich vergesse ich das. Obwohl ich schon Blickkontakt zum silberfarbenen Astra habe, rufe ich an.
Während bei Herrn Thiersch das Telefon dauerbesetzt war, meldet sich Frau Baumann, noch ehe es in meinem Handy geklingelt hat.
Laut Arbeitsanweisung sollte ich mich folgendermaßen melden: »Grüß Gott, hier ist Frau Bobke vom ADAC. Ich bin gleich bei Ihnen.«
Da ich jedoch nicht mehr als Frau Bock angesprochen werden möchte, verzichte ich bei einem Erstkontakt auf meinen Namen und verschmelze lieber kurzfristig mit meinem Arbeitgeber. »Grüß Gott, ADAC. Ich bin gleich bei Ihnen.« Mir ist bewusst, dass hier der Pluralis majestatis angebracht wäre, ich bleibe jedoch bei »ich« statt »wir«, um meine ohnehin schon angeschlagene Kundschaft nicht mit der Aussicht auf eine Chefarztvisite zu erschrecken. Vor einigen Jahren meldete ich mich eine Zeitlang mit wir, unterließ es dann aber wegen der enttäuschten Frage: Wo haben Sie denn Ihren Kollegen gelassen?
Frau Baumann wartet vor ihrem Astra und sieht trotz ihres Rentenalters aus wie ein kleines Mädchen, das irgendjemand am Bahnhof vergessen hat. Hinter ihrem Astra stehen zwei junge Männer, die hilfsbereit und unverdrossen die Heckklappe ohrfeigen. Immer wieder schlagen sie zu. Obwohl Gewalt gegen Autos manchmal nötig ist, sehe ich schon von weitem, dass diese Gewalt zwecklos ist. Frau Baumann zuckt bei jedem Schlagen zusammen, beißt sich auf die hellorangefarbenen Lippen, von denen nur noch ein schmaler Strich übrig ist, und umklammert ihre Handtasche, als wäre sie das nächste Opfer, wobei sie den beiden jungen Männern immer wieder mal hilflos zulächelt. Auch der Astra ist völlig hilflos. Ich vermute, ihm ist schon ganz übel.
Mit einem Hieb auf das Display melde ich der Pannenzentrale in Landsberg am Lech, dass ich mein Ziel erreicht habe, und steige aus. Die beiden durchschlagend hilfsbereiten jungen Männer Anfang zwanzig, beide in Jeans und Calvin-Klein-Unterhosen sowie einem Käppi mit nach hinten geschobenem Schirm, einmal rot, einmal schwarz, entdecken mich zuerst. Sofort stellen sie ihre Bemühungen ein. Der mit der roten Kappe begrüßt mich noch vor Frau Baumann und erklärt mir den Sachverhalt: »Die Klappe geht nicht mehr zu. Das Schloss ist ausgeschlagen.« Dann stellt er sich abwartend neben seinen Freund und grätscht die Beine. Beide verschränken die Arme vor der Brust.
»Ach guud, dass Sie da sin!«, seufzt Frau Baumann. »Wo’s doch des Audo von meina Dochda is. Und etzatla is’ kabutt, und morgen soll ich’s ihr wieda zrückbringa, sie braucht’s doch fürn Kindagardn, aber ma ko doch ned mit annar offan Heckglabbn fahrn. Bidde helfn S’ ma!«
»Da schauen wir doch einfach mal«, sage ich.
»Wie gesagt«, murmelt nun der mit der schwarzen Kappe, »der Rahmen ist total verzogen.«
»Mmh«, mache ich.
Frau Baumanns Augen glänzen feucht. Mühsam ringt sie um Fassung.
»Sie sind ADAC-Mitglied?«, frage ich, obwohl ich das weiß, mein Display hat es mir gemeldet. Erfahrungsgemäß helfen solche sachlichen Fragen manchmal.
»Na freilich. Scho imma. Scho mit meim Mo no. Aba mia ham ja nie was braucht.« Fast ein wenig schüchtern lächelt sie mich an. Wahrscheinlich ist ihre Dauerwelle ziemlich frisch. Ein Besuch im Allgäu? Eine Schwester, eine Freundin? Oft sind es gerade Kleinigkeiten, die mir Geschichten erzählen. Eine Dauerwelle hatte ich im Übrigen auch mal. Leider teilte niemand meine Meinung, sie würde mir gut stehen.
Ich knie nieder vor der geschundenen Heckklappe des Opel Astra und erkenne auf den zweiten Blick, warum sich der Kofferraum nicht schließen lässt. Ich kann nur hoffen, dass die beiden Männer – anscheinend Mitarbeiter einer Baufirma auf Montage, wie ich ihrem Gespräch entnehme – nicht allzu fest zugeschlagen haben. Denn bei dieser tatkräftigen Unterstützung ist nicht auszuschließen, dass sie etwas verbogen haben, wie sie ja bereits eingangs selbst erwähnten, wenn auch fahrlässig in ihrer Analyse der Täterschaft, als sie mich auf das ausgeschlagene Schloss hinwiesen. Jedenfalls, so stelle ich fest, ist das Kofferraumschloss des Astra aus einem nicht nachvollziehbaren Grund geschlossen.
»Bitte geben Sie mir den Zündschlüssel«, sage ich zu Frau Baumann.
Sie fingert ihn zittrig aus ihrer braunen Handtasche, in der bequem ein Wagenheber verstaut werden könnte. Eine Zeitschrift lugt heraus. Der goldene Schuss oder so ähnlich. Frau Baumann überreicht mir den Schlüssel mit einer Geste, als würde sie mir den Wagen ihrer Tochter auf Gedeih und Verderb ausliefern. Ich sperre das Schloss auf, drücke darauf. Der Verriegelungshaken springt auf. Jetzt lässt sich die Klappe problemlos schließen.
»Allmächt!«, ruft Frau Baumann.
Die beiden jungen Männer haben sich in Luft aufgelöst.
Ich nutze die Gelegenheit, um in gepflegtem Ambiente endlich meine Hände zu waschen. Die Toilette im Bahnhofscafé in Kempten kann ich uneingeschränkt empfehlen. Ich könnte einen Damentoilettenführer verfassen. Bei Tankstellen sind mir die neuen von Aral am liebsten – nein, ich werde leider nicht gesponsert – doch hier kann sich niemand verlaufen, da sich die Toiletten frei zugänglich an einem ohne Navi aufzuspürenden Ort befinden und man sich auch nicht an der Kassenschlange anstellen muss, um den Schlüssel zu erhalten. So etwas erdulde ich nur bei Agip-Tankstellen, dort ist der Kaffee am besten, und anstatt eines Kekses als Beilage gibt es die beglückende Illusion, in Italien zu sein. Und dorthin fährt man ja nicht wegen der Toiletten. Was Kaffee betrifft, würde ich immer Agip anfahren – auch dort werde ich leider nicht gesponsert – oder: den Schachtelwirt. Ich esse nur unfreiwillig beim Amerikaner, denn es macht mich eher traurig als satt, aber ich trinke gern einen Flat white im McCafé – als Schichtarbeiterin habe ich meine speziellen Wildwechsel. Wer nachts in der Provinz Hunger und Durst hat, braucht ein liebevoll geschnürtes Brotzeitpaket oder eben einschlägige Adressen. Leider sind inzwischen viele semihygienische Anlaufstellen wie stimmungsvolle Frittenbuden am Wegesrand der nahezu ambientefreien amerikanischen Systemgastronomie gewichen. Ich bedaure das außerordentlich. In München trafen sich die Taxifahrer, Gelben Engel, die Trambahn- und U-Bahn-Fahrer oft in der Kantine des Depots an der Westendstraße. Da gab es ein Paar Wiener Würstel für eine Mark. Um fünf Uhr morgens mit viel Löwensenf den Arbeitstag ausbrennen oder sich auf den beginnenden einstimmen.
In einer Bäckerei kaufe ich mir eine Bergspitze, eine saftige Kalorienbombe, vermutlich bestehend aus Kuchenabfällen der letzten Tage, mit Kirschen aus dem nicht verkauften Quarkkuchen versetzt, sozusagen recyceltes und nachhaltiges Gebäck, das ich mit gutem Gewissen essen kann, und das eine Weile vorhält. Auf dem Dach des Bahnhofs schnattert es aufgeregt – welche Freude: Die Stare sind zurück! In meiner Abwesenheit hat es auch geschnattert, und zwar per Dingdong. Nächster Halt: Oy/Mittelberg.
Im Glas der Bahnhofsuhr, sie zeigt 23.00 Uhr, spiegelt sich das schwierige Verhältnis der Deutschen Bahn zu Raum und Zeit. Mit einem Blick auf die Schweizer Bahnhofsuhr in Miniatur an meinem Handgelenk komme ich zurück in die Gegenwart und überbrücke die fünfeinhalb Stunden mit einem Gedanken an Herrn Thiersch. Ob er in München einen Parkplatz gefunden hat? Ob sein Vorstellungsgespräch wohl gerade beginnt? Es ist bestimmt nicht einfach, in diesem Alter einen Job zu bekommen. Es ist überhaupt nicht mehr einfach, einen Job zu bekommen. Ich bin mir dessen bewusst, dass es ein Privileg ist, einen Arbeitsplatz zu haben, der sicher ist und so viel Freude macht, dass ich mich eigentlich fast immer ohne Murren zum Dienst melde.
Mein letztes Vorstellungsgespräch liegt rund siebzehn Jahre zurück – so lange, dass ich mich kaum mehr daran erinnere. Doch ich weiß, dass ich zuversichtlich und optimistisch vorsprach. Ich spielte nicht mal mit dem Gedanken, dass ich keine Stelle finden würde. Ich war die einzige Bewerberin, ich wurde in kein Assessmentcenter bestellt. Ich war jung, attraktiv, gut ausgebildet und bestimmt auch stolz, denn ich hatte den Meisterbrief ofenwarm in meiner Jackentasche. Sicher würden sich die Arbeitgeber nur so um mich reißen. Obwohl es überhaupt keine Anzeichen dafür und auch keine offenen Stellen in München gab, war ich überzeugt, dass man mich unbedingt haben wollte. »Bewirb dich doch beim ADAC«, riet mir meine Freundin Oster im Café Seitensprung.
»Beim ADAC? Ich will doch nicht ins Büro!«
»Das wollte ich eigentlich auch nicht«, erinnerte sie mich. Es war einfach ein gut bezahlter Job, und einige meiner Freunde und Freundinnen arbeiteten aushilfsweise in der Zentrale am Westpark. Nach der Wende gab es dort großen Bedarf, schließlich gehört die Mitgliedschaft beim ADAC zum Besten am Westen, und viele wollten sofort dazugehören.
»Da fahren doch diese gelben Autos rum«, sagte Oster. »Irgendjemand muss sich doch um die kümmern.«
»Da haben die bestimmt schon Leute dafür.«
Oster schmunzelte und zeigte mit dem Finger auf mich.
»Okay, dann bring das mal in Erfahrung«, beauftragte ich sie.
»Das machst du mal schön selber. Du kannst doch viel besser telefonieren als ich.«
Eins zu null für Oster. Wie immer brachte sie es auf den Punkt. Ich hasse Telefonieren und verstehe selbst nicht, warum bei mir so oft besetzt ist.
»Was soll ich denn beim ADAC?«
»Na, arbeiten.«
»Aber doch nicht beim ADAC!«
»Und warum nicht?«
»Weil da nur so alte Onkels drin sind mit Häkelklorolle und Wackeldackel im Auto. Das ist nichts für mich.«
»Ich wusste gar nicht«, sagte Oster trocken, »dass ein Fünftel der deutschen Bevölkerung aus alten Onkels besteht.«
»Wie?«
»Ungefähr so viele Mitglieder hat der ADAC. Ich wusste nicht, dass die Überalterung bereits so weit fortgeschritten ist.«
»Und ich wusste nicht, dass du dich schon so mit deinem Arbeitgeber identifizierst!«
Oster lehnte sich zurück. Grinste breit. Und erinnerte mich schließlich an eine äußerst unangenehme und leider nicht von der Hand zu weisende Tatsache: »Du bist doch selber so ein alter Onkel beim ADAC!«
»Iiiich?«, tat ich empört.
Osters Grinsen erreichte ihre Ohren, an denen zwei kleine Hasen wie Wackeldackel nickten.
»Das hab ich nur gemacht, damit du die Prämie kassieren kannst!«, verteidigte ich mich. »Du warst doch total scharf auf diese blöden Reisetaschen! Und jetzt fällst du mir mit denen in den Rücken!«
»So eine Mitgliedschaft kann nicht schaden! Du hast ein Auto, ein Motorrad und bist viel unterwegs. Lass da mal was sein.«
»Ich kann mir selbst helfen!«
»Und was ist, wenn du deinen Fuhrpark verliehen hast? Das machst du ja ständig.«
»Ja, an dich.«
Oster hob die Hände wie ein Priester beim Segen.
Ich seufzte. »Hast du diese Taschen, die du unbedingt haben wolltest und zu denen du mich perfide genötigt hast, eigentlich schon mal benutzt?«
»Wir fahren demnächst damit nach England«, sagte Oster.
»Na, hoffentlich kriegst du vorher noch deine goldene ADAC-Ehrennadel verliehen«, stichelte ich.
Unser bestelltes Essen kam. »Übrigens Thomas«, lächelte Oster charmant meinem wuschelköpfigen Extaxikollegen zu, der hier manchmal jobbte, »Susa fängt jetzt auch beim ADAC an.«
»Is nich wahr? Und als was?«
»Sie kocht Kaffee und kopiert«, sagte Oster, während ich das Wort »Präsidentin« über den Tisch schleuderte.
Es vergingen nur wenige Tage zwischen meiner Blindbewerbung beim ADAC und dem Termin zum Vorstellungsgespräch. Leider bot man mir keine Stelle als Präsidentin an.
