Männerlieben - Hanna Julian - E-Book

Männerlieben E-Book

Hanna Julian

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Beschreibung

Romantisch - erotisch - prickelnd Sechs Kurzgeschichten voller Liebe und Leidenschaft. Ein Soldat an der türkischen Ägäisküste, ein arbeitsloser Jugendlicher ohne Perspektive, ein karrieregeiler Reporter eines amerikanischen Kunstmagazins, ein betrogener Student auf dem Weg durch die Provence, ein Gay-Event-Organisator aus Berlin, sie alle haben eines gemeinsam. Sie sind verliebt - in einen Mann. Entgegen den gesellschaftlichen Konventionen kämpfen sie um ihr Glück. Außerdem gibt es ein turbulentes Wiedersehen mit Daniel und Eric, den Protagonisten aus "Wie im Film".

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Seitenzahl: 132

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Männerlieben

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2011

http://www.deadsoft.de

© the author

http://www.hannajulian.jimdo.com

Cover: M. Hanke

Bilder:

Mann: arkna – fotolia.com

Ranke: Sergio Hayashi – fotolia.com

Druck: Books on demand, Norderstedt

2. Auflage 2016

ISBN 978-3-934442-77-1

ISBN 978-3-945934-75-3 (epub)

Für meine Familie

Militärgebiet

Yusuf lockerte ein wenig den Gurt des Maschinengewehrs. Unter seinem Militäranzug floss ihm der Schweiß in Bächen am Körper hinab. Er stand seit dem frühen Morgen gemeinsam mit seinem Kameraden Ahmet Yildiz auf dem staubigen Weg, der das Naturschutzgebiet an der türkischen Ägäisküste vom militärischen Teil trennte.

Eine Haarnadelkurve führte die Touristen an den letzten Strand der wundervollen Landschaft. Wer die Kurve zu spät sah und geradeaus weiterfahren wollte, musste damit rechnen, in den Lauf eines Maschinengewehrs zu blicken, das die Soldaten zu diesem Zweck stets griffbereit in den Händen hielten.

Es gab diese Situation immer wieder, und Yusuf war klar, dass er durchaus bedrohlich wirkte, ja, dass er bedrohlich war, wenn er Waffengewalt demonstrierte, die die Insassen des Autos meist zutiefst erschreckte.

Dann lächelte Yusuf, als könnten ein paar freundlich gezeigte Zähne etwas daran ändern, dass die Kinder schreckgeweitete Augen bekamen, wenn ein Fremder auf ihren am Steuer sitzenden Vater zielte.

Die Hitze war unerträglich, obwohl es noch früh am Mittag war. Yusuf spähte durch die dicht stehenden Kiefern am lang gezogenen Abhang vor ihnen hindurch, um einen Blick auf das türkisblaue Meer zu erhaschen. Dann rieb er sich mit der flachen Hand über die kurz geschorenen, dunklen Haare und ein Seufzen kam über seine trockenen Lippen. Ahmet taxierte ihn, dann folgte er Yusufs Blick.

„Vergiss das Meer“, knurrte Ahmet und spuckte aus. Er rieb sich über den Mund, in seiner Stimme hatte deutlich leiser Spott mitgeklungen.

„Es ist gleich da vorne.“ Yusuf wusste, dass er viel zu sehnsüchtig klang.

„Hier ist unser Einsatzort, also ist es unerreichbar!“, widersprach Ahmet streng.

Yusuf sah den Kameraden von der Seite an. Ahmet wirkte älter als er selbst, und auf eine gewisse Weise sogar hoffnungslos, fast so, als hätte das Leben für ihn keine Reize, keine Überraschungen, und schon gar kein Glück mehr zu bieten. In Wahrheit jedoch waren sie im gleichen Jahr geboren, wie Yusuf inzwischen wusste. Es musste an der Art liegen, wie Ahmet aufgewachsen war, dass er so wirkte. Yusuf seufzte erneut.

„Macht es dir gar nichts aus, hier den ganzen Tag zu stehen? Was tun wir schon? Wir braten in der Sonne und verschrecken Menschen, die herkommen, um sich zu erholen.“

Erneut ein tadelnder Blick.

„Was interessiert es mich, dass die sich erholen wollen? Wer steht denn in voller Montur in der Sonne, die oder wir? Ein kleiner Schreck kann denen nicht schaden, und ich wette, sie vergessen ihn schnell, sobald sie sich in die Wellen stürzen ... Während mir weiterhin der Schweiß bis in die Socken läuft.“

Yusuf nickte vage, zumindest hatte Ahmet endlich zugegeben, dass auch ihm die Hitze zu schaffen machte.

Schweigen breitete sich erneut zwischen ihnen aus, begleitet vom Zirpen der Grillen. Sie standen nun schon seit einer Woche jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zusammen hier, bevor sie für die Nacht wieder in die Kaserne zurückkehrten. Bislang hatten sie jeweils nur ein paar Sätze miteinander gewechselt.

Schweigend stundenlang in der brütenden Hitze auf einem staubigen Weg stehen – der Himmel für einen Soldaten mit Pflichtgefühl.

Yusuf schnaufte.

Ein blauer Schmetterling gaukelte plötzlich aus den Schatten der Kiefern heran und ließ sich auf dem Lauf von Yusufs Maschinengewehr nieder. Er klammerte sich mit seinen feinen Beinchen an das ungewohnte Metall.

Ahmet zog eine Augenbraue hoch als Yusuf zu ihm blickte.

Er schulterte sein eigenes, schmetterlingsfreies Maschinengewehr erneut, den Blick nun starr auf die Straße gerichtet, als erwarte er eine feindliche Kavallerie.

Yusuf biss sich kurz auf die Lippe, als er das inzwischen vertraute Profil Ahmets sah. Der Schmetterling war vergessen. Ein Gefühl regte sich in Yusuf, das nicht sein durfte. Verdammt, er wusste, dass dieses Gefühl sein ganzes Leben vernichten konnte, und dennoch ... Er beschwor sich selbst, sich zusammenzureißen und den Blick von Ahmets ebenmäßigen Zügen abzuwenden. Sein Puls ging so schnell, dass Yusuf den Lauf des Maschinengewehrs hochriss, als könne er den verräterischen Herzschlag so kaschieren.

Der Schmetterling flog aufgeschreckt davon, verschwand wieder zwischen den Kiefern und suchte sich vermutlich eine Blüte, die zweifelsohne besser zu ihm passte.

Alles auf der Welt hatte seinen Platz und seine Bestimmung. Yusuf hatte gelernt, dass seine Gefühle für Ahmet ebenso unpassend und unnatürlich waren, wie der kurze Ausflug eines Schmetterlings, den es zu einem Maschinengewehr zog. Mit dem Unterschied, dass man ihm selbst sinnbildlich die Flügel ausreißen und seinen Körper im Sand zertreten würde, wenn je jemand erführe, wie es in seinem Inneren aussah. Das Problem war nur, dass er es nicht abstellen konnte, wie sehr er sich auch bemühte – und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er es auch gar nicht.

Yusuf konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe.

Es sollte Kameraden geben, die sogar auf Eichhörnchen schossen, die sich über die unsichtbare Grenze wagten. Vermutlich töteten sie die Tiere aus Langeweile.

Yusuf selbst empfand eine tiefe Abneigung dagegen, und er war froh, dass Ahmet ein Kamerad war, der wohl ähnlich dachte, denn dieser schien nur Menschen gegenüber einen Groll zu hegen. Manchmal fühlte sich Yusuf deswegen beinahe schuldig, obwohl er sich keiner realen Schuld gegenüber Ahmet bewusst war.

Bis auf die eine natürlich.

Wenn Ahmet auch nur ahnen würde, dass Yusuf ihn begehrte, dann wäre dies ganz sicher eine Schuld, für die der andere das Recht hätte, ihm den Schädel einzuschlagen.

Yusuf biss sich erneut auf die trockene Lippe. Sie begann zu bluten, unwirsch wischte er mit der Hand darüber.

Ahmet nahm plötzlich Haltung an. Sein Blick war auf die Straße gerichtet, hinter deren Biegung ein Auto auftauchte.

Das Fahrzeug näherte sich. Ein deutsches Fabrikat, das vermutlich über eine Klimaanlage verfügte, denn alle Fenster waren geschlossen. Der Fahrer nahm die Haarnadelkurve geradezu vorbildlich. Die Kinder im Font richteten ihre Finger wie Pistolen auf die Soldaten.

Yusuf hob spielerisch den Lauf des Gewehrs, die Kinder lachten, sich nicht darüber bewusst, wie grotesk hier Spiel und Ernst vermischt wurden. Der Wagen verschwand auf dem geschlängelten Weg, der die Touristen an den herrlichen Kiesstrand führte.

Yusuf wollte nicht darüber nachdenken, er konzentrierte sich darauf, nicht den Staub einzuatmen, den der Wagen aufgewirbelt hatte.

Auch Ahmet hatte den Kopf abgewandt und die Lider geschlossen.

Yusuf wagte einen Blick auf die Lippen des anderen Mannes. Er stellte sich vor, wie wundervoll es wäre, sie zu küssen. Und er malte sich aus, wie Ahmets Augen sich genießerisch schließen würden, wenn er den Körper des attraktiven Mannes mit Küssen bedeckte.

Yusuf würde sich dessen Brust vornehmen; die Brustwarzen mit seiner Zungenspitze umkreisen, um sie dann hart zwischen seine Lippen zu saugen. Vielleicht dürfte er sogar vor Ahmet auf die Knie gehen, um sich von dessen Bauchnabel abwärts zu küssen, bis er das dunkle Schamhaar erreicht hätte. Ahmet würde dann gewiss darauf bestehen, dass Yusuf sich seiner Erektion annähme. Er würde es genießen und seinen Kopf von Ahmets Händen in die richtige Richtung drängen lassen, um ihn sinnlich mit seinem Mund zu verwöhnen.

Yusuf spürte, dass die Gedanken ihm ein handfestes Problem bescherten.

Ahmet hatte die Augen inzwischen wieder geöffnet und griff zu der Feldflasche, die sie in den Schatten gestellt hatten. Er öffnete sie und trank ein paar gierige Schlucke, bevor er sie Yusuf zuwarf. Als dieser sie an den Mund hob, zitterte er leicht bei dem Gedanken, nun doch über diesen Umweg von Ahmets Lippen zu kosten. Sein Körper reagierte mit einem Fieber, dem er nichts entgegensetzen konnte.

Seit einer Woche ging das nun schon so, und mindestens eine weitere Woche würden sie hier noch abkommandiert sein. Yusuf war emotional völlig hin- und hergerissen, wenn er darüber nachdachte. Es war schön, Ahmet so nahe sein zu können, aber es war auch gefährlich ... viel zu gefährlich!

Ahmet selbst schien es völlig egal zu sein, wo er sein Dasein fristen musste. Er befolgte Befehle wie eine Maschine. Seine Hände waren schwielig von der Arbeit auf den Feldern, die er bereits als Kind hatte verrichten müssen.

Einmal hatte Yusuf einen Blick auf seinen Rücken erhascht, als Ahmet in ein neues Hemd geschlüpft war – er war übersät mit Narben. Es war müßig, Ahmet zu fragen, ob er als Kind oft geschlagen worden war. Nein, er war nicht nur geschlagen worden ... man musste ihn halb tot geprügelt haben. Yusuf selbst hatte ebenfalls oft Prügel bezogen, doch kein einziger Schlag hatte solche Spuren bei ihm hinterlassen. Er wagte sich kaum vorzustellen, welche Qualen Ahmet hatte durchleiden müssen. Kein Wunder, dass dieser hier nicht viel zu entbehren schien.

Während Yusuf das Ende seiner Militärzeit kaum erwarten konnte, um endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen, schien Ahmet sich nach nichts und niemandem zu sehnen. Er stand nun beinahe wieder unbeweglich, wenn man von seinen aufeinander mahlenden Kiefern absah. Irgendetwas hatte ihn beunruhigt, so viel war klar.

Yusuf blickte sich um, ohne selbst etwas zu entdecken.

„Was ist los?“, erkundigte er schließlich.

Ahmet schwieg.

Yusuf konnte jedoch sehen, dass die Kieferknochen des anderen noch deutlicher hervortraten.

„Was ist denn?“, fragte er eindringlicher.

Als Ahmet nun sprach, klang seine Stimme wie ein Pistolenschuss in der Stille: „Glaubst du, ich merke nicht, wie du mich ansiehst?“

„Was?“, brachte Yusuf erstickt hervor. Die Luft schien plötzlich so dick, dass er nicht mehr atmen konnte.

„Ich habe gestern um eine andere Aufgabe gebeten. Ab morgen bin ich in der Werkstatt“, führte Ahmet aus.

Yusuf schluckte. Die Flasche in seiner Hand schien ihm tonnenschwer. Er stellte sie zurück in den Schatten – bedächtig, Ahmets Blick meidend. Dann nickte er, immer noch unfähig, ein vernünftiges Wort herauszubringen – nicht einmal eines, das ihn entlasten würde.

Einige Minuten verstrichen in angespanntem Schweigen. Yusuf sah erneut zum Meer, das Blau war durch die Bäume deutlich zu erhaschen – wäre nicht schlecht, wenn er sich nun darin ertränken könnte. Eine andere Alternative lag direkt in seiner Hand – das Maschinengewehr.

Als hätte Ahmet seine Gedanken gelesen, wandte er sich Yusuf zu und verengte seine Augen.

„Mach keinen Scheiß! Ich habe niemandem etwas gesagt. Meinen Wunsch nach Versetzung habe ich anders begründet.“

Yusuf wusste, dass ihn diese Worte beruhigen sollten, aber die Lunte war längst entzündet und er spürte, dass in seinem Kopf gleich etwas explodieren würde.

Es waren doch nur Blicke gewesen. Nichts weiter. Und Gedanken, die er jedoch für sich behalten hatte. Womit hatte er sich nur verraten? Das hätte nie passieren dürfen. Niemals! Die Panik saß in seinem Nacken und biss sich fest. Das Maschinengewehr war inzwischen nass vom Schweiß seiner Hände.

„Yusuf“, sagte Ahmet und senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Du musst besser aufpassen, damit du dich nicht verrätst. Fang damit an, dich mehr um dich selbst zu kümmern. Du musst wie ein Stein wirken, damit man nicht in dich blicken kann. Ein Stein, hörst du?“

Obwohl er gerade getrunken hatte, war Yusufs Kehle so trocken, dass er nur ein Krächzen zustande brachte. Er wiederholte Ahmets Worte: „Wie ein Stein ... So wie du.“

„Ja, so wie ich“, bestätigte Ahmet, doch zum ersten Mal verlor er seine schützende Strenge, als er in einer hilflosen Geste mit den Schultern zuckte.

„Morgen gehen wir getrennte Wege. Es ist besser so. Für uns beide.“

Yusuf nickte wie betäubt; natürlich hatte Ahmet recht.

„Wie kann man damit leben, ein Stein zu sein?“, fragte Yusuf schließlich mit erstickter Stimme.

Ahmet regte sich nicht. Er hielt sein Gewehr fest, den Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet.

„Wie schaffst du das? Hast du keine Wünsche? Hast du keine Sehnsüchte?“ Yusuf verfluchte sich selbst für seine eindringlichen Fragen, doch er hatte keine Kraft mehr, sie zurückzuhalten.

Als Ahmet das Maschinengewehr plötzlich losließ und auf ihn zustürmte, zuckte Yusuf vor Schreck zusammen.

Nun wurde ihm also doch noch der Schädel eingeschlagen.

Er war bereit, dafür zu bezahlen, dass er so war, wie er nun einmal war.

Er hob die Hände nicht, um sich zu schützen.

Und dann umfing ihn Ahmet. Beide Arme schlangen sich um Yusufs Körper, Ahmet zog ihn mit sich in den Schatten der Bäume, presste ihn mit dem Rücken an einen der rauen Kiefernstämme und küsste Yusufs Lippen.

Als er sich kurz zurückzog, murmelte Ahmet erregt: „Ich bin kein Stein! Kein Stein ... nur vorsichtig. Aber du bringst uns beide in Gefahr.“

Trotz der warnenden Worte suchte er erneut Yusufs Lippen. Ihre Zungen trafen sich zu einem Kuss voller Sehnsucht und drängender Zärtlichkeit. Die Hände im Haar des anderen vergraben, gab sich Yusuf dem wundervollen Gefühl hin.

Morgen würden sie getrennte Wege gehen ... aber heute war heute.

Koyotenfutter

„Verzeihung, darf ich mal?“

Eine ältere Frau mit einem Sektglas in der Hand trat ein Stück zur Seite und betrachtete Chris tadelnd, der sich an ihr vorbei drängte.

„Mach eine Aufnahme davon, ich möchte dieses Gemälde über dem Interview haben“, wies Chris seinen Fotografen Rick Carter an, der ihm rasch gefolgt war. „Ja, das ist perfekt“, entschied Chris, dann sah er sich erneut um, während Rick seine Kamera ausrichtete. Als Chris den grauhaarigen Leiter der Galerie entdeckte, eilte er zu ihm.

„Verzeihen Sie, Dr. Johnsson, ich bin Christopher O'Gehry vom Magazin Art'n live. Ich würde gerne ein Interview mit dem Künstler führen, aber ich konnte Mr Marriott bisher leider noch nicht ausfindig machen.“

„Das liegt daran, dass er nicht hier ist", erwiderte der Galerieleiter knapp.

„Er bleibt seiner eigenen Ausstellungseröffnung fern? Aber das ist sein Abend! Ist er erkrankt?“, fragte Chris überrascht.

„Nein, er ist nicht krank. Er ist extrem menschenscheu und hat mir diese Tatsache erst heute Nachmittag mitgeteilt. Es tut mir leid, Mr. O'Grady, aber ich bin ziemlich beschäftigt.“

„O'Gehry“, korrigierte Chris, während Dr. Johnsson bereits davonging.

Chris sah sich nach dem Fotografen um und griff sich erst einmal zwei Sektgläser, die von einer jungen Frau mit einem charmanten Lächeln angeboten wurden. Eines der Gläser reichte er Rick, der ihn fragend ansah.

„Was ist mit dem Interview?“

„Es gibt kein Interview. Der Künstler hat es vorgezogen, zu Hause zu bleiben, während er gefeiert wird.“

Sein Blick wurde düster. „Ohne Interview kann ich unmöglich einen Artikel schreiben. Bei solchen Bildern wollen die Leser wissen, was der Künstler sich dabei gedacht hat. Ich meine, sieh dir das da mal an. Das mit dem Titel „Koyotenfutter“, er deutete auf besagtes Bild. Es war ausschließlich in Grautönen gehalten. Perspektive und Bildtiefe waren so geschaffen, dass der Betrachter förmlich in das Kunstwerk gezogen wurde. Und kaum war dies geschehen, fand er sich in der Position des Mannes wieder, der als Motiv im Zentrum des Gemäldes stand. Einsam, winzig klein im Vergleich zu den scheinbaren Urgewalten aus Formen und dem Fächer aus Graustufen, schien er schutzlos und unbedeutend, obwohl doch er den eigentlichen Mittelpunkt des Bildes darstellte.

Chris zog eine Augenbraue hoch und sagte an Rick gewandt: „Ich interpretiere das mal als Marriotts Art, New York und sich selbst darin darzustellen.“

Der Fotograf nippte nachdenklich an seinem Glas und erwiderte nach einer Weile: „Kann sein, aber ehrlich gesagt, würde ich es darauf nicht ankommen lassen. Es wäre besser, du fragst entweder Marriott selbst nach seinen Gedanken und Vorstellungen, oder du lässt den Bericht sausen.“

„Einen Bericht sausen lassen? Ich?!“, fragte Chris herausfordernd.

Rick zuckte mit den Schultern. „Wie willst du es anstellen, das Interview doch noch zu bekommen?“

„Ich werde ihn besuchen gehen. Mal sehen, ob ich den viel bestaunten Künstler so nicht dazu bekomme, ein paar Worte mit mir zu wechseln.“

Rick lachte. „Soll ich dich begleiten, falls du rausbekommst, wo er wohnt?“

Chris winkte ab. „Das lass mal lieber. Fotografen wirken wie Monster auf so scheue Typen.“

„Na, danke auch!“, grummelte Rick.

„Nimm's nicht persönlich. Liegt ja nur an dem fetten Teil, das du immer mit dir rumschleppst.“

Der Fotograf taxierte ihn und fragte: „War das jetzt eine deiner Anmachen, O’Gehry?“