Marathon meines Lebens - Robert Ransauer - E-Book

Marathon meines Lebens E-Book

Robert Ransauer

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Beschreibung

Meine große Leidenschaft ist eigentlich das Schreiben von Büchern über den Himalaya. Zum Ausgleich betreibe ich täglich Sport in Form von Radfahren. Über die Jahre hinweg bin ich dabei zum Vielfahrer geworden. Für das Jahr 2025 hatte ich an mich selbst eine große Herausforderung gestellt. Ich wollte 10.000 km fahren. Nichts Außergewöhnliches, würden viele meinen. Ergo habe ich mir die Latte sehr hoch gelegt. Die 10.000 km durfte ich lediglich in der Zeit zwischen 05.00 Uhr und 10.00 Uhr absolvieren. Und es zählten nur jene Kilometer, die ich in drei aufeinanderfolgenden Stunden zurücklegte. Eine Reise durch Eigenmotivation, Zweifel, Rückschläge, Stürze, Pannen und immer wieder kleine Siege. Sie erzählt von Night-Rides im Grenzbereich zwischen Schlaf und Wachsein, von stillen Momenten in der Natur, von absurden Begegnungen und unerwartetem Humor – und immer wieder von der Frage: "Warum tat ich mir das an?" Hart, kompromisslos, unverhandelbar und ehrlich. Ein Buch über Selbstüberwindung, über das Dranbleiben, wenn niemand zusieht. Über Disziplin ohne Applaus. Und über die Erkenntnis, dass der Weg nicht nur in den Sonnenaufgang führt, sondern vor allem nach innen. Eine Geschichte über Freiheit und das stille Glück, zu fahren, wenn andere noch schlafen.

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Robert Ransauer

MARATHON

MEINES

LEBENS

Die ultimative 2-Rad Challenge

10.000 km in der Morgendämmerung

DiesesBuchist auch als

Taschenbuch

erhältlich.

Texte: © 2025 Copyright by Robert Ransauer

Umschlaggestaltung: © 2025. Der Umschlag des Buches zeigt den Autor im Juni 2025: Urheber des Fotos: Robert Ransauer.

Bildernachweis: Sämtliche Bilder dieses Buches stammen aus dem Fotoarchiv des Autors.

Verlag:

Robert Ransauer

Leopold Stipcakgasse 9

2331 Vösendorf

Österreich

[email protected]

Autoren Webiste www.ransi-berge.at

Dieses Buchprojekt wurde im Eigenverlag erstellt. Die Lektoratstätigkeit, wie Rechtschreibung und Interpunktion, wurde vom Autor selbst vorgenommen. Das gilt auch für das Seitenlayout sowie die Gestaltung des Buchumschlags. Ein professionelles Vier-Augen-Prinzip konnte nicht realisiert werden. Es besteht daher keine Garantie für eine grammatikalische Fehlerfreiheit. Ich bitte den Leser, dies nachzusehen.

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH,

Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung

[email protected]

Für mein Faxi

Meiner lieben Tochter

Meiner Königin des Triathlons

Ein Marathon ist eine lang andauernde Anstrengung und eine extreme Herausforderung über eine sehr weite Distanz, die enorme körperliche und mentale Stärke erfordert. Möchte man sich einem Marathon stellen, dann benötigt man Disziplin, mentale Kraft, Ausdauer und eine lange Vorbereitung. Mit diesen Attributen lässt sich die Belastung bewältigen und die Erschöpfung überwinden.

Ich fange einfach einmal an.

Der Rest wird sich schon von selbst ergeben.

Denn die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Der Autor

Ich wünsche Dir eine unterhaltsame Lektüre.

Vorwort

Ich schreibe dieses Vorwort aus einer besonderen Perspektive. Als Tochter des Autors und selbst als begeisterte Rennradfahrerin, wenn auch nicht in dem Ausmaß meines Papas. 

Daher weiß ich auch, was sich mein Papa mit der in diesem Buch erzählten Herausforderung vorgenommen hat. Nämlich weit mehr als eine sportliche Rechnung aus Kilometern, Tagen und Stunden. Vielmehr ist es die Geschichte eines naturverbundenen Frühaufstehers über Selbstdisziplin, Konsequenz, Konstanz, das „Nicht aufgeben“ und eine ganz besondere Leidenschaft für den Radsport. Und vor allem: eine Geschichte, die ohne Publikum, ohne Beifallsrufe und ohne Preise recht unspektakulär geschrieben wurde. Obwohl sie genau das Gegenteil verdient hätte. Über einen einsamen, sehr persönlichen Sieg, ohne digitale Schulterklopfer und ohne großartiges Lob und Anerkennung auf sozialen Netzwerken. Für diese Geschichte gibt es auch keine Vergleiche. Wenn ich dieses Buch lese und an die vielen frühen Morgen denke, an denen mein Papa oft bei extremer Kälte und Dunkelheit unterwegs war, dann bin ich daher vor allem eines: sehr, sehr stolz darauf, dass er durchgehalten hat. 

Ich wäre aber – aus Perspektive einer Tochter – unehrlich, hätte ich mir bei dem Vorhaben meines Papas nicht auch gelegentlich Sorgen gemacht. Denn jeder, der selbst Rennrad fährt, weiß: Die Strecke ist nicht immer freundlich, das Wetter auch nicht und Autofahrer schon gar nicht. Und vielleicht gehört zu dieser Sorge auch ein ganz stiller Wunsch von mir: nämlich, dass du in Zukunft auch daran denkst, einen Helm aufzusetzen.

Dieses Buch bietet Einblick in einen ganz persönlichen Weg meines Papas. Für mich war es ein Privileg, diesen Weg aus der Nähe miterlebt zu haben. 

Papa, ich bin ganz gespannt – und jetzt schon stolz darauf –, was „Roberto from the Road“ als Nächstes plant. 

Dein Faxi

INHALT

01 WARUM?

02 HÖLLENHUND

03 VIERFACHPLATTEN

04 EISZUNGE

05 „SCOTTY“

06 WIND

07 DIEBSTAHL IM 7. BIKER HIMMEL

08 NATURVERBUNDEN

09 NÄSSE

10 ZIEGENBEUTE

11 HANDYFRUST

12 DEM TODE INS GESICHT GESPUCKT

13 DAS REHKITZ

14 BAUMWURZEL

15 PASSANTEN HABEN IMMER RECHT

16 RÜCKWÄRTSGANG INS VERDERBEN

17 ENTFLOHENE WELPEN

18 PEDAL IM SCHIENBEIN

19 GESPANNTE HUNDELEINE

20 DUNKELHEIT

21 DAS ENDE

22 MISSION STATEMENT

01 WARUM?

Wie jeden Tag schlage ich gegen 04:30 Uhr morgens die Augen auf. Nicht ein Wecker kümmert sich mit seinem Getute darum, auch keine SMART-Watch murmelt irgendeinen Ton durch die Bettdecke, sondern irgendein Impuls in meinem Kopf meint seit meiner Kindheit, er hätte den Auftrag, mich zu wecken. Mein erster Blick gilt dem Plafond meines Schlafraums. Dort blinkt mir in roten Ziffern eine digitale Uhrzeitanzeige entgegen. Sie wird reflektiert von einem kleinen Wecker, der sich schon seit Langem auf meinem Schlafzimmerkästchen breitgemacht hat. Sie bestätigt mir, was ich eigentlich schon weiß. Es ist zwischen 04.15 Uhr und 04.45 Uhr. Mit noch leicht verschlafenen Augen blicke ich auf meine SEIKO-Armbanduhr. Auch dort zeigen die Leuchtdioden 04:30 Uhr. Das erste Morgenritual ist beendet. Im Zimmer ist es stockdunkel. Das Fenster ist gekippt. Meine Frau schläft. Tief und fest. Noch stundenlang. Ich schäle mich aus meiner Tuchend und beginne den Tag. Alleine.

Wovon kommt nun dieses frühe Erwachen? Darüber kann ich nur spekulieren. Aber wahrscheinlich aus meiner frühen Kindheit. Meine Eltern hatten Putzfimmel. Man glaubt das kaum. Aber Ende der Sechzigerjahre machte das in vielen Familien Mode. Alles musste bereits in den Morgenstunden sauber sein. Mutter und Vater rannten, noch bevor sie ihren Berufsalltag antraten, mit Staubtuch durch die Gegend und fuhren damit über alles, was sich im Wohnbereich als flach anbot. Dieses interessante Betätigungsfeld musste natürlich an die kleinen Nachkommen weitergegeben werden. Und ehe ich mich versah, wurde ich jeden Tag um 06:00 Uhr geweckt, um mein kleines Zimmer zu reinigen. Eigentlich war es immer schon tipptopp, aber es musste immer ein bißchen mehr sein. Kaum zu glauben, aber der Vorgang der Reinigung wurde im Nachhinein auch noch kontrolliert. Mutter und Vater fuhren mit dem Zeigefinger über die wenigen Regale und Gegenstände, die mein Zimmer ausstatteten. Erst nach getaner Arbeit gab es Frühstück und grünes Licht, um in die Schule zu gehen. Irgendwann hat dann mein Organismus das tägliche Wecken um 06:00 Uhr als Störung empfunden. Ein kleines Hämmerchen im Kopf sorgte dann dafür, dass im Laufe der Jahre mein interner Weckruf minutenweise früher erfolgte, bis er sich gegen 04:30 Uhr einpendelte. Egal, ob ich um 22:00 Uhr, 24:00 Uhr oder 03:00 Uhr Schlaf suchte, das Hämmerchen schlug immer gegen 04:30 Uhr zu. Eigentlich schade, denn Experten würden sagen, dass gerade um diese Uhrzeit der gesündeste Schlaf des Menschen erfolgt. Nicht so bei mir. Hat das Hämmerchen nämlich seine Arbeit getan, bin ich putzmunter.

Ich bin also ein „Early Bird“. Für Langschläfer und morgendliche „Faulpelze“ unvorstellbar. Was macht man denn eigentlich um diese Zeit? Als ich noch zur Schule ging, musste ich so oder so um 07:00 Uhr aus dem Haus. An Wochenenden stand ich jahrelang um 06:00 Uhr am Tennisplatz und fegte mit Vater oder Freunden die Filzkugel übers Netz. Immerhin brachten mir diese Trainingsstunden über die Jahre hinweg Anerkennung meines Tennisspiels ein. Als ich dann jahrzehntelang meinem Beruf nachging, war das frühe Aufstehen auch kein Problem. Ob als Sachbearbeiter, Führungskraft oder später Unternehmensleiter – ich gehörte immer zu den Top 3, die zur frühen Stunde ihren Job antraten. Es war meistens zwischen 06:30 Uhr und 07:00 Uhr. Es kam nicht einmal vor, dass ich die Nachtschicht in ihr Bettchen verabschiedete oder mit der netten Reinigungsdame noch einen Kaffee nahm und eine Morgenzigarette, deren schädliches Inhalieren ich zum 40er einstellte, qualmte. Als Führungskraft und Unternehmensleiter geht man ja bekanntlich mit gutem Beispiel voran. Und siehe da, viele kopierten meinen Anwesenheitsstil.

2017 beschloss ich, meine berufliche Laufbahn zu beenden. Der innere Wecker schrillte immer noch gegen 04:30 Uhr. Was tut man also als Rentner um diese Uhrzeit? Noch dazu, wenn man ein rastloses und fittes Kerlchen ist, das es immer gewohnt war, sich über 18 Stunden pro Tag in Vollbeschäftigung zu befinden. Freizeitgestaltung war in meiner beruflichen Zeit Mangelware. Das ließen meine Funktionen kaum zu. Es gab genug, was sich privat über Jahre hinweg aufgestaut hatte und was erledigt werden musste. Große Projekte am Haus, neue Anschaffungen, Umbauarten und vieles mehr. Aber ich wollte mich auch wieder sportlich betätigen. Jahrelang war das nicht oder kaum möglich gewesen. Frühere Verletzungen ließen die Ausübung gewisser Sportarten nicht mehr zu. Mannschaftssportarten kamen nicht in Frage und dem Golfspiel habe ich von jeher alle Sportlichkeit abgesprochen. Das Tennisspiel hatte meine Schultermuskulatur schon drei Jahrzehnte zuvor zerstört. Ein Blick in die Garage genügte. Dort stand das Familienrad. Ein Trekkingrad.

Ich bin mit dem Radfahren aufgewachsen. Schon in der Kindheit, ich bin im 14. Wiener Gemeindebezirk, in Penzing, aufgewachsen, gehörte das Rad zu einem Fixpunkt meiner Freizeitgestaltung. Deshalb wusste ich schon in frühen Jahren, dass ein Fahrrad durch die Kraftübertragung vom Fahrer über Pedale, Kurbel und Kette auf das Hinterrad funktioniert, wodurch dieses sich dreht und das Fahrrad vorwärtsbewegt, während der Lenker die Richtung vorgibt und Bremsen zum Anhalten dienen. Als Kind hatte ich schnell gelernt, Gleichgewicht zu halten. Zuerst war ich noch mit Fahrradstützen unterwegs, später mit Hilfe der Eltern ohne. Dass mit einer Gangschaltung das Treten leichter oder schwerer würde, lernte ich erst viel später.

Bereits von klein auf waren wir zu dritt auf den damals verfügbaren Hobeln unterwegs. Ich erinnere mich, dass mein erstes Zweirad Anfang der 1970er-Jahre ein rotbraunes Klapprad mit der Aufschrift „AUTO MINI“ war. Man konnte es in der Mitte mit einem Drehverschluss zusammenklappen. Damit hatte es den Vorteil, in das enge Kellerabteil unseres Wohnhauses zu passen. Von einer Gangschaltung war damals noch keine Rede. Aber immerhin hatte das Rad eine Bremse. Sogar zwei. Eine Rücktrittbremse. Dafür musste man das Pedal nach hinten treten. Die Rücktrittbremse hatte den Vorteil, dass, wenn man voll zurücktrat und das Hinterrad blockierte, man eine herrliche Gummispur auf dem Asphalt hinterließ. Wir wetterten immer darum, wer es schaffte, die längste Bremsspur zu ziehen. Dann gab es noch eine Vorderradbremse. Die klassische Felgenbremse, die man vom Lenker aus mit einem Hebel bediente. Das Bremskabel führte vom Hebel direkt zur Backenbremse rund um die Felge. Der Sattel war ein Monstrum. Weiß und er saß auf zwei riesigen Federn, welche die Unebenheiten der Straße absorbierten. Das Schutzblech rund um die Kette war tatsächlich aus Blech und nicht, so wie heute, aus Kunststoff. Die Beleuchtung funktionierte noch mit einem sogenannten Seitenläufer-Dynamo. Dieser Dynamo wandelt die mechanische Bewegung des Rades in elektrische Energie um, indem ein sich drehender Magnet, oft durch ein kleines Rad am Reifen angetrieben, eine Spule durchläuft und durch elektromagnetische Induktion eine Wechselspannung erzeugt, die dann die Lampen vorne und hinten am Rad speist; je schneller sich das Vorderrad dreht, desto mehr Strom fließt und desto heller leuchtet das Licht. Wenn man langsam fuhr, brannte es eben nicht mehr lichterloh, sondern nur noch gelblich. Und wenn man stand, war es finster. Wenn man den Dynamo, der an der Gabel montiert war, zum Radmantel klappte, übte der einen ziemlichen Druck auf den Reifen aus. Ergo musste man immer fest in die Pedale treten, um vorwärtszukommen. Dann gab es da auch noch eine Lenkstange, die man in den Rahmen versenken konnte, um die Höhe des Lenkers einzustellen. Auf der Lenkstange war ein großes und nach beiden Seiten ausschweifendes „U“ geschweißt. Der Lenker. An seinen Enden hatte er zwei Gummihülsen, damit die Hände nicht nur auf Eisen trafen. Auf seiner linken Seite war zumeist ein Monstrum einer Radglocke montiert. Auf den Speichen waren dann noch schnittige gelborangene „Katzenaugen“ angebracht. Heute nennen sie sich „Speichenreflektoren“ und machen das Rad auch von der Seite her sichtbar. Auf Gewicht wurde damals noch nicht wert gelegt. Hauptsache, man war mobil. Außerdem waren Klappräder leistbar, was wichtig war. Geld spielte in den frühen 70ern immer eine Rolle. Das war also Radkomfort zu Vintage-Zeiten für jugendliche und erwachsene Hobbyfahrer. Nach der Schule war das Erste, was wir taten, dass wir mit den Rädern abhauten. Wir, das waren meine beiden Jugendfreunde und ich. Ein eingeschweißtes Trio, das fast jede Freizeitminute miteinander verbrachte. Noch heute, 50 Jahre später, treffen wir uns zu einem Stammtisch. Damals war das Rad für unsere Lausbubenstreiche ein wichtiger Faktor. Wir hatten es faustdick hinter den Ohren und benutzten das Rad oft genug als Fluchtfahrzeug, wenn wir uns von diversen Tatorten unserer Lausbubenstreiche schnell wegbewegen mussten. Das Rad musste auch als Geländefahrzeug herhalten. Oft genug bauten wir uns durch das Penzinger Freigelände, heute reiht sich dort längst Industriegebiet an Industriegebiet, eigene Parcours, die auf dem schnellsten Weg zu bewältigen waren. Mit der Stoppuhr stoppten wir uns gegenseitig. Beliebt waren auch die sogenannten „Glöckerlpartien“. Dazu begaben wir uns mit den Rädern in die so genannten „Parkkäfige“. Dort konnte man auf Beton Fußball spielen. Was wir natürlich auch taten, aber wir nutzten diese Fläche auch anderweitig. Die Radglocke bestand damals aus einem oberen und einem unteren Teil. Den oberen Teil konnte man abschrauben. In der Hand hielt man dann eine 6 bis 7 Zentimeter im Durchmesser große, kuppelartige Blechhülse. Wenn diese am Boden lag, wurde sie mit dem Vorderrad an ihrer Abrundung angefahren und angeschubst. So wurde sie weiterbewegt. Wenn man der Technik Herr geworden war, konnte man die Blechkuppel sogar weit in die Luft befördern. Zwei Tore waren schnell markiert, und anstelle eines Fußballs und eines Fußballspielers traten eine halbe Radglocke und zwei Radfahrer. Das Match konnte beginnen. Das waren noch Zeiten. Heute kann ich nicht mehr einschätzen, wie viel Zeit ich auf dem Rad verbrachte. Es werden schon einige tausend Stunden und viele tausend Kilometer gewesen sein. Als wir dann älter wurden und ins Teenager-Alter aufstiegen, stieg natürlich auch die persönliche Eitelkeit und mit ihr natürlich auch die Anforderungen, nach außen Eindruck zu schinden. Mit einem Klapprad konnte man das nicht mehr. Da musste dann schon etwas her, das mehr hergab. Etwas Rennradmäßiges mit einer Gangschaltung. Selbst konnten wir uns natürlich die Ausgaben für so ein Rad nicht leisten. Deshalb galt es, monatelang unsere Eltern zu beknien und solch ein Fahrrad auf die Geschenkeliste für Weihnachten oder den Geburtstag zu setzen. Als der erste von uns Dreien sich als Besitzer eines solchen Drahtesels aufspielen durfte, gerieten die Eltern unter Druck. Schnell hatten wir dann alle drei solch ein Rennrad. „What a Feeling.“ Wir waren die „Kings of the Road“ und konnten mit dem, was wir da unterm Hintern hatten, voll angeben. Der Unterschied vom Klapprad war ein Quantensprung. Nicht auszudenken. Orange und blau farbener Rahmen, geschwungener, weiß bandagierter Rennlenker mit zwei Bremshebeln, links und rechts, für vorne und hinten. Kein Rücktritt mehr! Gangschaltung mit 10 Gängen. Damals war die Schaltung zum Betreiben der Gänge am Unterrohr des Rahmens montiert. Zwei Hebel übertrugen per Zug die gewünschten Tretstränge via Kette, die auf Zahnrädern an der Antriebskurbel und dem Hinterrad lief, zum Schaltwerk am Hinterrad. Ein Hebel wechselte zwischen den beiden Antriebszahnrädern, der zweite Hebel sorgte für das Schalten der Gänge. Dazu musste man mit der Hand immer zwischen die Beine langen und die beiden Schalthebel vorsichtig nach vorne zum Hochschalten oder nach hinten zum Zurückschalten bewegen. Gesteuert wurden die Gänge durch Seilzüge, die vom Schalthebel bis zum Schaltwerk führten und enorme Präzision erforderten. Ich erinnere mich, dass die Schaltung damals eine Schwachstelle war und es damit immer Probleme gab. Der rennmäßige Fahrradrahmen hatte natürlich auch den Vorteil, dass die Vorrichtung für die Wasserflasche nicht mehr wie beim Klapprad in der Mitte des Lenkers montiert war, sondern sie war nun am Hinterrohr des Rahmens montiert. Nun waren wir also große Lausbuben auf rennmäßigen Rädern. Bis zu unserem 18. Lebensjahr blieben die Räder unser Fortbewegungsinstrument Nummer 1. So lange, bis die zwei Räder durch vier Räder abgelöst wurden.

Danach hatte ich mit einem Fahrrad nichts mehr am Hut. In den folgenden 37 Jahren konnte man an den Fingern einer Hand abzählen, wie oft ich in einem Sattel saß. Erst dann, nach dieser Durststrecke, schaffte ich wieder ein Rad an. Eines für die ganze Familie. Wir taten viel in der Familie, aber Radfahren war nie wirklich ein Thema gewesen. Wer Wert darauf legt: Ich hatte das Trekkingrad bei DECATHLON gekauft. Und auch nur deswegen dort, weil dieser Sport-Supermarkt keine zehn Minuten von meinem Wohnort entfernt liegt. Hätte ich mehr Sportliches im Sinn gehabt, dann hätte ich mit Sicherheit einen Fachhändler aufgesucht. Der Markenname des Rades war BTWIN Hoprider 100. In der Garage stand es mehr oder weniger im Weg herum, bis ich mir eines Tages dachte: „Das ist es doch!“ In der Früh aufs Rad steigen, einige Kilometer durch die Gegend radeln, Bewegung machen, frische Luft einatmen und das Herz-Kreislauf-System stärken. Toll! Also zwängte ich mich auf das Ausflugsrad, das es eigentlich nur gab, weil ein Rad eben zu einem Haushalt mit Eigenheim gehörte. Man muss wissen, ich bin eigentlich von meiner Statur nicht unbedingt fürs Radfahren geeignet. Ich bin 195 Zentimeter lang, eher schlank, und bringe auf Grund meiner Größe etwa 100 kg auf die Waage. Hört sich viel an, ist aber bei einer Beinahegröße von zwei Metern ganz gut verteilt.

Entgegen kam mir, dass das Ausflugsrad recht robust war. Es ächzte ob meines Zentners nicht. Zumindest anfänglich nicht. Ich schoss also jahrelang durch die Gegend mit allem, was auf einem Rad dazugehört: Gepäckträger, Schutzblech, Kettenschutz, Radständer, Beleuchtung, Radtasche, Klingel, kleinem Radcomputer und breitem Sattel, da ich bequem sitzen wollte. Und immer wieder war etwas kaputt. Unzählige Male. In der kleinen Radreparaturwerkstatt bei DECATHLON war ich schon gern gesehener Gast. Entweder war es die Schaltung, die Bremsen oder die Ventile, die ausließen. Das Rad war anscheinend für einen Vielfahrer wie mich nicht geeignet. Die Leute im Geschäft hatten schon ein schlechtes Gewissen. Immerhin handelte es sich um eine Eigenmarke. Ergo schaffte ich es, immer Sonderpreise bei den Reparaturen zu schinden.

Zu 95 % war ich in den frühen Morgenstunden unterwegs. Wenn es das Wetter zuließ, dann täglich. Vergessen darf ich nicht, zu erzählen, was ich jetzt meine Heimat nenne. Ich wohne seit beinahe 30 Jahren in Vösendorf. Einem Vorort südlich von Wien. Man nennt diese Gegend südlich der Bundeshauptstadt auch den Speckgürtel. Es gibt dort sehr viel Industrie. Größtenteils ist es flach. Hält man sich weiter westlich, dann gelangt man in den Wienerwald und das Alpenvorland. Hügelig, bergig und bei länger andauernden Ausflügen auch alpin. In den ersten Jahren gab ich mich mit 45 Kilometern pro Ausflug zufrieden. Das Ausflugsrad war nicht das Gelbe vom Ei, aber es reichte. Vorerst. Ich war im Schnitt zwei Stunden außer Haus. Mit dem schweren Ausflugsrad gar keine schlechte Leistung. Im Laufe der Jahre wurden meine Ausfahrten häufiger und länger. Damit auch ich wusste, wie viele Kilometer ich fuhr und wie schnell ich unterwegs war, montierte ich mir einen 08/15-Radcomputer. Im Jahr 2018 brachte ich es auf stolze 2400 Kilometer. Das lag wohl auch daran, dass das Rad immer noch keinen hohen Stellenwert hatte, da ich viele Projekte an meinem Eigenheim realisierte. Ein Jahr später sah es dann schon etwas anders aus. Ich fuhr gleich um mehr als 2.000 Kilometer mehr. Dann stellten sich die CORONA-Jahre ein. 2020 und 2021 brachte ich es zusammen auf knapp 9.000 Kilometer. Diese Jahre waren übrigens die besten, seitdem ich wieder begann, Rad zu fahren. Es waren wegen der Ausgangsbeschränkungen kaum Menschen oder Fahrzeuge auf der Straße. Vor allem am frühen Morgen nicht. Die Dörfer, durch die ich fuhr, glichen kleinen Geisterstätten. Keiner steckte den Kopf aus den Häusern. Die Straße gehörte faktisch mir alleine, und die Radwege sowieso. Nur im seltensten Fall kamen mir maskenverhüllte Gesichter entgegen. Man wich sich weiträumig aus, da man ja nie wissen konnte. Mit Maske fuhr ich aber nicht. Das wäre nur hinderlich gewesen, da ich das Radfahren zu jener Zeit bereits als sportliche Herausforderung betrachtete. Im Jahr 2022 steigerte ich meine Fahrleistung erstmals in einem Jahr auf über 6.000 Kilometer und steigerte mich 2023 auf knapp 7.000 Kilometer. Immer noch lag mein tägliches Pensum bei nicht mehr als 45 bis 50 Kilometern. Das sollte sich im Jahr 2024 ändern. Ich steigerte meine tägliche Sequenz auf über 60 Kilometer und mein Kilometerstand Ende 2024 betrug 8.300 Kilometer.

Wann es das Wetter zuließ, war ich draußen. Es machte einfach Unmengen Spaß und auch der sportliche Antrieb, immer schneller und noch etwas länger zu fahren, hatte sich eingestellt. Radfahren war längst zu sportlicher Betätigung geworden. Sich jeden Tag 2,5 bis 3 Stunden in ununterbrochener körperlicher Ertüchtigung zu wähnen und fast immer an sein eigenes Limit zu gehen, ist mit 63 Jahren eine Herausforderung. Die ich aber gerne angenommen habe. Später als 09:00 Uhr war ich kaum zu Hause. Wenn andere noch schliefen oder gerade erst ihre Träume beendet hatten, hatte ich schon stundenlanges Getrete in den Beinen. Länger zu fahren wäre gar nicht möglich gewesen. Familie, Haus, Garten, Freunde und viele andere Freizeitbeschäftigungen erfüllten mein Leben. So war das Training am frühen Morgen der ideale Start in den Tag.

Im Jahr 2024 hatte ich es also auf über 8.000 Kilometer gebracht. Das hatte mich selbst überrascht. Aber ich hatte Glück, weil die Monate November und Dezember unerwartet viele Ausfahrten zuließen. Die Monate Jänner bis April waren dafür aber sehr zäh verlaufen. In meinem Hinterstübchen begann sich eine Idee abzuzeichnen. Wenn 8.000 Kilometer möglich sind, warum nicht 10.000 Kilometer? Zu jener Zeit trieb mich aber nicht sportlicher Ehrgeiz. Es ging einfach nur darum, ohne Stress und Druck zu versuchen, ob das für mich möglich sei. Andererseits kannte ich mich aus meiner beruflichen, privaten und sportlichen Vergangenheit. Wenn ich mir einmal etwas vorgenommen hatte, dann wollte ich es erreichen. Um jeden Preis. Was mir auch fast immer gelang. Aber als alter angehender Rentner wollte ich den Alltag in Ruhe angehen. Eine Umstellung, die noch heute für mich schwierig genug ist.  Von Ruhe kann keine Rede sein. Ich bin 18 Stunden am Tag in Bewegung und sitze keine Minute herum und sehe in die Luft. Vollbeschäftigung ist anscheinend eines meiner Credos.

Für einen Hobby-Radfahrer, der oft Ausflüge macht, klingen 10.000 Kilometer wahrscheinlich unfassbar viel. Für einen Vielfahrer sind sie wahrscheinlich normal. Ein Radbote kommt im Schnitt auf 20.000 Kilometer, während der Radprofi noch einmal mächtig drauflegt und mindestens 30.000 Kilometer abspult. Bis auf den Hobby-Radfahrer haben alle eines gemeinsam. Sie fahren das gesamte Jahr. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und das bei jeder Witterung. Ich darf dir garantieren, dass dieser Umstand eine enorme Herausforderung darstellt. An Mensch und Material.

Nun, ich bestreite das Radfahren nicht professionell. Das heißt, ich bin weder als Radbote noch in einem Profi-Rennstall aktiv. Wie denn auch in meinem Alter? Als Radbote würde ich mir zutrauen, noch halbwegs durchzugehen. Aber reihen wir mich in die Sorte der Vielfahrer ein. Un dort in die Seniorenklasse. Wie könnte man einen Vielfahrer charakterisieren? Ein Vielfahrer unter Radfahrern ist jemand, der sehr regelmäßig und oft das Fahrrad nutzt, sei es für den täglichen Weg zur Arbeit, als Pendler, für Sport oder Freizeit, und dabei auch bei widrigeren Wetterbedingungen unterwegs ist. Es geht weniger um eine konkrete Kilometerzahl, sondern um die hohe Frequenz und Konstanz der Nutzung, was zu viel Zeit auf dem Rad führt, oft mit Fokus auf Fitness, Ausdauer oder als Alternative zum Auto in der Stadt. Meine Ziele als Vielfahrer sind ganz einfach zusammengefasst. Ich möchte im Alter noch fit und mobil bleiben. Meine Beine sollen lange Kraft haben und ich möchte später einmal noch lange, ausgedehnte Wanderungen unternehmen können. Das Rad möchte ich erst im hohen Alter an die Wand lehnen. Außerdem liebe ich es, in der Natur zu sein.

Ein Vielfahrer, der auch so wie ich Senior ist, hat natürlich Zeit. Den ganzen Tag. Dieser Typus Radfahrer versicherte mir schon öfters, dass 10.000 Kilometer schon jede Menge seien, aber für jemanden, der immer wieder ausgedehnte Tagestouren unternimmt, nicht unbedingt ungewöhnlich. Nun, ich möchte nicht den ganzen Tag am Rad sitzen, und ich möchte auch am Rad nicht ununterbrochen weite Touren unternehmen. Es gibt für mich auch noch viele andere Dinge im Leben. So dachte ich mir, es muss zum normalen Dahinrollen noch eine zusätzliche „Challenge“ geben, die mich von den anderen Vielfahrern unterscheidet. Mit zusätzlichen Limits habe ich mir dann das Leben ein Jahr lang zur sportlichen Herausforderung gemacht. Das Ziel habe ich mir selbst wie folgt vorgegeben. Die 10.000 Kilometer waren unverrückbar. Eh schon Herausforderung genug. Aber ich sollte nur die Kilometeranzahl berücksichtigen dürfen, die ich zwischen 05:00 Uhr morgens und 10:00 Uhr vormittags fuhr. Und innerhalb dieser Zeitspanne sollten nur die Kilometer gezählt werden, die ich innerhalb von drei aufeinanderfolgenden Stunden fahren würde. Um es mir nicht zu leicht zu machen, habe ich mir die oben genannten Parameter wohl überlegt. Erstens einmal passten sie bestens in meinen Tagesablauf. Als Early-Bird ist früh aufstehen für mich kein Problem. Je früher, desto besser. In drei Stunden, dachte ich mir, schaffe ich durchschnittlich 65 oder mehr Kilometer. Das wiederum bedeutete, dass ich in etwa 155 Ausfahrten benötigte, um das Ziel zu erreichen. Das wiederum hieß, ich musste im Durchschnitt jeden zweiten bis dritten Tag draußen sein. Das hört sich einfach an. Ist es aber alleine schon deswegen nicht, wenn man die Wintermonate als witterungstechnisch kritische Zeiten berücksichtigt. Die Erfahrung der letzten Jahre hatte mir gezeigt, dass man vom November bis Februar eine Menge Zeit verliert, weil es am Morgen und in den frühen Vormittagsstunden entweder zu kalt ist oder sonstige Niederschläge wie Nebel, Schnee und Regen und daraus resultierend oft unzumutbare Straßenbedingungen die Ausfahrten verunmöglichen. Außerdem greift die Kälte Finger und Zehen an. An mir leiden vor allem die Zehen, und deshalb ist im Winter meine Tourenzeit auf zwei bis zweiwinhalb Stunden limitiert. Man muss ja am Rad nicht unbedingt sterben.

Die Erfahrungen meiner Radtouren hatte ich seit dem Jahr 2021 in einem digitalen Fahrtenbuch notiert. Daraus kann ich ablesen, wann und zu welchen Zeiten ich draußen war, wie viele Kilometer ich gefahren bin, welche Routen ich mir angetan habe, welches Rad ich benutzte und wie die Wetterverhältnisse waren. Mit all diesen Informationen habe ich mir dann diese Herausforderung für das Jahr 2025 zurechtgelegt. Wenn ich sie überleben sollte, würde ich dabei 63 Jahre alt werden.

Von dieser Sache wusste anfänglich keiner. Ich wäre blöd gewesen, es überall hinauszuposaunen, und würde dumm dastehen, wenn ich scheitern sollte. Außerdem war ich mir sicher, dass ich der erste Mensch sein würde, der sich solch einem Wahnsinn stellte. Die Parameter mit den Uhrzeiten und den zu berücksichtigenden Stunden waren für mich der ultimative USP. Innerhalb eines Jahres konnte außerdem einiges passieren. Sich zwölf Monate lang immer wieder zu motivieren, darin lag die Aufgabe und vielleicht auch die Schwierigkeit. Es war eine Kampfansage an mich selbst. Eine mentale und physische Prüfung über eine Distanz von 10.000 Kilometern. Mit über 60 Jahren nochmals mit Ausdauer, Leidenschaft und Selbstüberwindung sich selbst zu beweisen, noch einmal über sich hinauszuwachsen und einen weiteren persönlichen Meilenstein zu setzen. Auf Grund meiner siebenjährigen Erfahrung am Rad war ich auf alles gefasst. Gutes und Böses, völlig Unerwartetes und auch ein bißchen Abenteuer würde mir widerfahren Und so sollte es auch kommen. Würde ich es schaffen, dann wollte ich eine Geschichte darüber zu Papier bringen.

So sahen also meine sportlichen Herausforderungen für das Jahr 2025 aus, als ich am 4.1.2025 gegen 04:30 Uhr meine Augen aufschlug. An diesem Tag sollte es das erste Mal auf die Straße gehen. Die Tage zuvor hatte es immer ganz leicht geschneit und die Straßen waren salznass. Die Temperaturen bewegten sich um den Gefrierpunkt. Diesmal sollte es erstmals passen. Kein Niederschlag, die Fahrbahnen waren wieder trocken und der Temperaturcheck ergab 0 Grad Celsius am frühen Morgen. Warum habe ich in diesem Buch die Wetterdaten immer gleich bei der Hand? Das ist einfach erklärt. Seit dem Frühjahr 2023 nenne ich mich stolzer Besitzer einer PV-Anlage auf dem Dach meines Hauses. Um die PV-Anlage in ihrer Tätigkeit näher kennenzulernen, habe ich seit Beginn ihrer Instandsetzung eine Art Tagebuch über Stromerzeugung, Stromverbrauch und Stromeinspeisung geführt. Dazu gehört natürlich auch eine täglich in Stichworten gehaltene Wetterübersicht mit Früh-/Höchst- und Abendtemperatur. Das hilft beim Aufbau von Erfahrungswerten, unter welchen Wetterbedingungen wie viel Strom erzeugt werden kann.

Wie bekleidet man sich denn, wenn man sich bei Null Grad aufs Rad setzt? Ist es denn da nicht furchtbar kalt, wenn einem auch noch der Fahrtwind um die Ohren bläst? Wie ist das auszuhalten? Jeder empfindet kalte Temperaturen anders. Der eine ist sehr empfindlich, der andere hat damit kein Problem. Ich gehöre eindeutig zur zweiten Kategorie. Ich halte Kälte ganz gut aus, dafür leide ich wieder mitunter stark unter Hitze. Trotzdem wäre es jetzt ein Unsinn, zu sagen, mir sei am Rad nicht kalt. Ich muss die ersten 10 Minuten überwinden, egal wie warm ich angezogen bin. Wenn sich ein Körperteil noch im Schlaf befinden sollte, dann ist er spätestens nach den ersten zehn Metern am Rad hellwach. Fest in die Pedale treten fördert den Blutkreislauf. Beim Radfahren fungieren die Beine wie Kolben eines Motors. Sie treiben nicht nur das Rad an, sondern auch den Blutkreislauf. Sobald die körpereigene Heizung gestartet hat, schwindet das Kältegefühl. Zumindest bei mir ist das so. Die heikelsten Kältepole an meinem Körper sind Finger und Zehen. Das ist kein Wunder. Denn sowohl die Finger und Hände, die ruhig am Lenker liegen, als auch die Zehen und Füße, die auf den Pedalen aufsitzen, sind dem Fahrtwind ausgeliefert. Deshalb trage ich für die kalten Morgenstunden dicke Fahrradhandschuhe mit Thermofütterung, die vor Kälte, Wind und Feuchtigkeit schützen. Am besten sind jene, die zu 100 % winddicht und nicht zu eng sind. Ich fahre mit Handschuhen, die Bewegungsfreiheit bieten, denn ein zu knapp sitzender Handschutz begünstigt das Auskühlen enorm. Die Gegend des Handballens ist mit einem Gelpolster ausgestattet. Gerade bei langen Ausfahrten liegt die Hand die ganze Zeit auf dem Lenker. Der Oberkörper drückt während der Fahrt nach vorne und die Hand stützt das gesamte Gewicht. Nach einiger Zeit kann am Handballen ein Druckgefühl entstehen, das auch leicht unangenehme Wirkung zeigen kann. Deshalb haben meine Winterhandschuhe eingenähte Gelpolster. Noch kälteempfindlicher als meine Finger sind meine Zehen. Ich habe mir die Zehen in früheren Jahren ziemlich abgefroren und reagiere daher auf Kälte empfindlich. Socken und Schuhe sollten gut gewählt sein, was aber nicht immer einfach ist. Je nach Temperatur trage ich im Winter bis zu drei Paar Socken. Ein paar dünne, ein paar Wollsocken und ein paar Schafwollstutzen, die fast bis zum Kniegelenk reichen. Vor einigen Jahren hatte ich es mit beheizbaren Socken versucht. Die Hersteller solcher Socken prangen ihre Produkte als Mittel gegen kalte Füße an. Nun ja, meine Erfahrung sah anders aus. Es handelt sich nicht um Socken, sondern um Stutzen. Das war schon einmal gut. Der gesamte Stutzen war verkabelt, und rund um den Zehenbereich konnte man kleine Heizdrähte spüren. Zuhause hatte ich einen Akku aufgeladen, den man in eine kleine Stricktasche am oberen Ende des Stutzens stecken konnte. Die Heizkabel wurden mit dem Akku zusammengeführt. Am Akku selbst konnte man drei Heizstufen einstellen. Je nachdem, welche Stärke ich wählte, konnte ich bis zu neunzig Minuten mit beheizten Zehen fahren. Die Erwartungshaltung war groß, aber die erste Ausfahrt enttäuschend. Ich würde lügen, würde ich sagen, ich konnte keine Wärmeentwicklung spüren. Aber sie war doch sehr gering. Der Heizsocken versprach nicht das, was er in meinen Augen leisten sollte. Vielleicht hatte ich aber auch nur das falsche Produkt gewählt, denn nach zwei Monaten gab einer der beiden Akkus bereits seinen Geist auf. Ersatz vom Hersteller? Fehlanzeige! Ein Ärgernis. Trotzdem war es mir gelungen, aus den Stutzen die Heizdrähte herauszuoperieren. Denn das Material des Stutzens wies einen hohen Wolleanteil auf und war warm. Als eine von drei Lagen geht er bis heute noch durch. Für die Kälteeinwirkung auf meine Zehen habe ich bis heute keine Lösung gefunden. Mehr als 140 Minuten halten meine Zehen bei Kälte nicht durch. Schon lange Zeit davor stellt sich ein klammes Gefühl ein. Da nützt auch festes Treten und die Bewegung der Zehen nichts. Ich habe bisher auch kein wirklich wärmendes Schuhwerk gefunden. Erst vor einem Jahr habe ich mir teure, warme Winderradschuhe in Markenqualität zugelegt. Leider nein! Sie halfen nichts. Auch nicht, als ich mich mit zwei Paar dicken Socken hineinzwängte. Außerdem sind sie sehr klobig. Mit meinen fast zwei Metern Körpergröße habe ich auch eine recht hohe Schuhgröße. Entsprechend breit ist die Sohle und passt nur zu drei Vierteln auf die Pedale. Die Investition war umsonst. Daher sieht man mich mit drei Paar Socken und festen Adidas-Sportschuhen die Radwege daherkommen. Ganz stark merkt man übrigens die Kälteeinwirkung auf die Extremitäten, wenn man bei Kälte auch noch Gegenwind hat. Finger und vor allem Zehen kühlen an mir um 30 % schneller aus. Meine immer kalten Zehen haben im Winter natürlich den Nachteil, dass ich nicht so lange unterwegs sein kann, was sich natürlich auf mein Kilometerpensum auswirkt. In knapp über zwei Stunden sind je nach Routenverlauf maximal 55 Kilometer für mich möglich.

Ansonsten trage ich drei warme Schichten am Oberkörper, die mich bis zum Hals verschnüren. Mein Lendenbereich wird von einer Rad-Thermounterhose mit eingenähtem Sitzpolster am Hinterteil bedeckt. Darüber wird eine enganliegende, wind- und niederschlagsabweisende Rad-Winterhose gezogen, die mit Thermoeinlagen durchzogen ist. Auch sie hat ein Sitzpolster eingenäht. Und über diese lange Radhose ziehe ich dann auch noch eine kurze Radhose drüber. Die hat dann aber nicht wirklich einen weiteren wärmenden Effekt, aber sie hat ein Sitzpolster. Und das ist wichtig für mich. Egal ob Winter oder Sommer. Ich fahre immer mit drei Sitzpolstern. Dafür gibt es gute Gründe. Die Sättel auf den Rennrädern sind schmal. Für den breiten Po eines Zwei-Meter-Lackels sogar sehr schmal. Bin ich lange unterwegs und hätte kein gut gepolstertes Hinterteil, würde sich der Radsattel sehr schnell zwischen meine Pobacken zwängen. Weitere Ausführungen möchte ich dem Leser ersparen. Fakt ist, es folgen dann schmerzhafte Tage. Daher: drei Polsterungen unter Roberts Po. Das funktioniert. Ich bin auch schon ein Jahr lang mit einer speziellen Sattelnoppenpolsterung mit 3D-Luftkissen im Hohldesign gefahren. Den Überzug spannt man über den Sattel und das im Überzug eingenähte Polster wird mit einem Blasebalg aufgeblasen. Je nach der Menge der Luft, die man reinpumpt, sitzt man dann etwas weicher oder härter. Ein tolles Patent und es hat bestens geholfen. Das Sitzgefühl ist wirklich kein Vergleich zum „nackten“ Sattel gewesen. Vorteil: Wenn man draufsitzt, kann man den Überzug gar nicht sehen. Ich bin dann auch noch stolzer Besitzer eines Lendenschutzes und eines dicken Mumm für den Halsbereich. Beide liegen noch unberührt in meinen Kästen.

Der Körper ist also bedeckt. Würde noch eine Kopfbedeckung fehlen. Wieder einmal Fehlanzeige. Die Kälte kann mir am Kopf nichts anhaben. Eine Mütze kommt nicht in Frage. Die Einzigen, die leiden, das sind meine Ohren. Sind die Temperaturen sehr tief, dann entscheide ich mich für ein breites Stirnband, das auch die Ohren bedeckt. Die tiefste Temperatur, die ich in Angriff nahm, lag einmal vor Jahren bei fünf Grad unter null. Fahrtechnisch kein Problem. Aber es geschahen zwei Dinge. Das Wasser in meiner Wasserflasche gefror. Es hatten sich Eiswürfel gebildet und Trinken war nicht mehr möglich. Und nachdem ich nach Hause kam, hätte man meine knallroten Ohren vom Kopf wegbrechen können. Da ich aber niemanden an sie heranließ, habe ich sie heute noch. Wem durch die kalte Luft die Atemwege angegriffen werden, dem empfehle ich, das Radfahren bei Kälte zu lassen. Die Luft ist nämlich nicht nur erfrischend und kalt, sie ist auch schneidend, und schnell kann man sich eine Atemwegserkrankung holen. Husten kann ausgelöst und die Bronchien angegriffen werden. Nicht vergessen: Neben dem Mund bietet sich auch die Nase als Atmungsorgan an. Das Fahren bei niedrigen Temperaturen hat noch einen Nachteil. Nämlich für das Material. Mir fiel auf, dass das Rad wahrscheinlich durch das Einwirken der Kombination von Kälte und meinem Gewicht zu ächzen begann. Auch der Kette hatte die Kälte nicht gutgetan. Ich habe mich daher vor einiger Zeit entschlossen, unter drei bis vier Grad Celsius im Plusbereich nicht mehr zu fahren. Mit einer Ausnahme: dem Jahr 2025. Um Kilometer zu schinden, musste ich auch bei tiefsten Temperaturen raus. Zumindest das Material hatte es ausgehalten. So viel darf ich verraten …

… und so viel zu meiner Winteradjustierung. Robert! Ja? Fehlt da nicht was? Aufmerksame Leser werden nun meinen, ich hätte ein Kleidungsstück vergessen. Für viele sogar das Wichtigste. Ich nehme an, der auf Sicherheit bedachte meint den Fahrradhelm. Der einen davor schützen soll, wenn man auf den Kopf fällt. Es stimmt, den habe ich vergessen. Hat aber auch einen Grund. Weil ich ihn auf jeder Ausfahrt vergesse. Mit Absicht. Robert ist kein Helmträger. Viele werden sich nun denken: „Der spinnt.“ Da kurvt er jahrelang und stundenlang mit hoher Geschwindigkeit im Straßenverkehr herum, liegt auch immer wieder mal am Boden und trägt keinen Helm? Warum denn? Offen gesagt: Es gibt keine nachvollziehbare Begründung dafür, außer vielleicht: „Ich will nicht!“ Ich gebe jedem Recht. Mein Sicherheitsdenken am Fahrrad ist, was das Helmtragen betrifft, schwer eingeschränkt. Wenn ich einmal stürzen sollte und dabei auf den Kopf falle, dann hätte das möglicherweise gesundheitliche oder fatale Folgen. Viele Menschen halten mich für unvernünftig und schütteln den Kopf. Sie alle haben mit ihren Argumenten recht. Zu 100 %. Trotz aller guten Ratschläge bleibe ich dabei: Ich fahre nicht mit Helm. Nach längerem Nachdenken gibt es dann dafür doch einen Grund. Ich habe gelernt, dass es beim Radfahren nicht nur um Bewegung, sondern auch um Freiheit geht. Auf dem Fahrrad fühle ich mich ungebunden und auch autonom. Das Radfahren am frühen Morgen gibt mir irgendwie das Gefühl von einem Stück Freizügigkeit, das ich genießen darf. Wenn ich in den Sonnenaufgang steche und mir die warme Morgenluft durch die Haare weht und der Wind ein Rauschen in meinen Ohren erzeugt, dann liebe ich das. Vielleicht kann das nur einer nachvollziehen, der das auch tut. Diesen Genuss möchte ich aber nicht mit Helm am Kopf konsumieren. Bei näherer Betrachtung ist das wahrscheinlich der primäre Grund, warum ich keinen Helm trage. Ich kenne alle Vorschriften. Für Kinder bis 12 Jahre besteht Helmpflicht. Ist man älter, wird der Helm dringend empfohlen, egal welcher Altersgruppe man angehört. Ich kenne auch die Ideen der Politik, eine einheitliche Helmpflicht für Radfahrer einzuführen. Sollte dieses Gesetz in Kraft treten, dann würde ich das Rad an die Wand stellen und nicht mehr fahren. Das ist mein voller Ernst, auch wenn ihn niemand verstehen kann. Deshalb ersuche ich, den guten Robert, so dumm wie er vielleicht in Sachen Helm ist, zu akzeptieren, wie er ist. Danke. Im Winter besteht mein Kopfschutz daher aus einem breiten Stirnband und in sehr seltenen Fällen aus einer Zipfelmütze. Im Sommer, wenn ich untertags unterwegs bin, ab und zu aus einer Base-Cap.

Die notwendige warme Bekleidung hat zwar den Vorteil, dass sie gegen Kälte schützt. Sie hat aber auch einen Nachteil. Die Bewegungsfreiheit am Rad ist mit vielen Schichten Stoff eingeschränkt. Auch die hautenge Radhose gibt mir das Gefühl von Enge. Außerdem rutscht sie durch die Reibung am Sattel von Kilometer zu Kilometer den Po bergab. Ich habe mir deshalb eine Radhose mit integrierten elastischen Hosenträgern zugelegt. Sie stellt sicher, dass ein Abrutschen der Hose nicht erfolgt. Sie hat aber den Nachteil, dass die Träger, je länger man sich tretend fortbewegt, an den Schultern zu ziehen beginnen. Vielleicht ist auch meine Körpergröße XXL daran schuld, aber so wirklich bequem habe ich mich im Wintergewand noch nie gefühlt. Aber man kann nicht alles haben. Ein weiterer bekleidungsbedingter Nachteil in der kalten Jahreszeit ist der Umstand, dass man ins Schwitzen gerät.  Das ist ja an und für sich ein gutes Zeichen. Man merkt bei tiefen Temperaturen, dass man noch nicht eingefroren ist. Auch bei noch so tollem atmungsaktiven Stoffmaterial verbleibt der Körperdunst irgendwo in den drei Schichten. Und irgendwann kühlt der ausgetretene Schweiß ab und kühlt die Haut. Auch im Winter gerät man bei Fahrten durch den hügeligen und manchmal auch alpinen Wienerwald gehörig ins Schwitzen. Gerade dann, wenn man sich bergan schindet. Wo es bergauf geht, geht es auch irgendwann einmal bergab. Gerade im Sommer sind dann solche Abfahrten angenehm, weil der Fahrtwind die angeschwitzte Haut trocknet. Im Winter kühlt aber der Schweiß während der kalten Abfahrten stark ab. Es wird auch innerhalb der Kleidungsschichten kalt. Die Gefahr von Verkühlungen steigt und damit auch die Gefahr von Krankheiten. Die Konsequenz wäre im schlimmsten Fall ein krankheitsbedingter Ausfall über mehrere Tage hinweg. Den konnte ich mir aber im Jahr 2025 nicht leisten. Denn um mein Target von 10.000 Kilometern zu erreichen, bedurfte es vieler Ausfahrten. Ergo hatte auch die Wahl der Routen im Jahr 2025 während der Wintermonate Einfluss auf meine Ausflüge. Keine Anstrengungen in den Bergen, sondern Sprints im Flachland lautete die Devise. Aber nur mit dosierter Anstrengung, damit ich nicht zu sehr ins Schwitzen geriet. Auf was man nicht alles aufpassen muss.