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Das kommunistische Polen, 1984. Die fünfzehnjährige Marta wird aus ihrem gewohnten Leben gerissen, als sie mit ihrer Mutter und dem Bruder nach Westdeutschland flieht. Doch in Auschwitz wurde der Mutter von den Nazis Schlimmes angetan. Warum also flieht sie mit ihrer Familie ausgerechnet nach Deutschland? Marta fühlt, dass ein dunkles Lebensgeheimnis über ihrer Mutter schwebt. Was 1984 beginnt, endet nach einigen Stolpersteinen und Zwischenstationen in der Schweiz. Marta beginnt hier ein neues Leben als Psychiaterin. Doch als ihre verschlossene Mutter stirbt, muss sie sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinander setzen. Denn es kommt auch eine große Lüge von historischer Tragweite ans Tageslicht und für Marta fügen sich endlich viele Erinnerungen und merkwürdige Begebenheiten zu einem logischen Ganzen. Die Autorin legt mit diesem Buch einen mitreißenden Entwicklungsroman vor: Sie verwebt Tatsachen, Wirren und Träume miteinander und macht ein Stück europäischer Zeitgeschichte für den Leser persönlich erfahrbar.
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Monika Hürlimann
M A R T A
Heimat in Polen, Deutschland
und in der Schweiz
Literki Verlag
Für Dagmar O., meine erste Lehrerin in Deutschland,
mittlerweile eine liebe und wichtige Freundin für mich.
Sie hat immer an mich geglaubt.
„Übermorgen fahren wir nach Deutschland“, sagte Mutter. „Für immer.“
Marta verspürte einen eigenartigen Knoten hinter der Brust. Ihr Zwillingsbruder Tomek öffnete weit den Mund.
„Nach Deutschland? Warum? … Für immer?“, fragte Marta.
„Es ist illegal. Kein Wort zu niemandem!“
„Aber …?“ In Martas Kopf rasten so viele Gedanken, dass sie sich nicht auf einen einzelnen konzentrieren konnte.
„Sonst lande ich im Gefängnis, und du, Marta, darfst nicht ins Lyzeum und wirst nie Medizin studieren“, betonte Mutter. „Am Montag geht ihr zur Schule und ich zur Arbeit. Wie üblich.“
„Aber …“
Mutter hob den Blick von dem erdbraunen Spannteppich und sah die Zwillinge kurz mit ihren himmelblauen Augen an. „Ihr teilt euch ein Gepäckstück.“ Dann holte sie von draußen aus dem Hausflur ein Monster von einem Koffer und stellte ihn mitten ins Wohnzimmer. „Dieses hier.“
Ein Wunder, dass er nicht schon geklaut wurde, schoss es Marta durch den Kopf.
„Ich gehe Gassi mit Joka“, sagte Mutter, rief die Hündin und ließ die Wohnungstür hinter sich zuknallen.
Eisige Stille umhüllte das Sofa, auf dem Marta und Tomek saßen. Er stützte seine Ellbogen auf die Knie und kaute an seiner Faust herum. Kalter Schweiß bedeckte Martas Rücken. Obwohl sie knapp fünfzehn war, fühlte sie sich hilflos wie ein Kind. Ist das Ganze ein makabrer Scherz? Was, wenn ich nicht mitwill?
„Wusstest du davon?“, fragte Tomek.
„Nein.“ Warum hat sie uns nicht eingeweiht?
„Hat das mit den Kommunisten zu tun?“
„Tomek! Hast du in der Schule irgendwas Gefährliches gesagt?!“, fuhr Marta auf.
„Nein! Was denkst du von mir?“
Sie blieb merkwürdig verunsichert. Tomek verschwand wortlos in der Küche, in deren Nische sein Bett stand, während sie sich die vielen Bücher im Regal anschaute. Sie war immer stolz darauf, dass sie nicht wie andere Leute lauter unnütze Kristallvasen hatten. Ich nehme alles mit, was ich habe: den Rock, Hose, Unterhose, zwei Paar Socken, zwei T-Shirts, den Pulli, die drei Hemden, und die Strumpfhose mit den reparierten Laufmaschen. Und Bücher. Wenn ich darf.
Die Zwillinge waren noch nie im Ausland gewesen. Es hieß, im Westen herrsche Freiheit und alles sei besser. Aber wie soll ich mich verständigen? Ich kann doch nur Schulrussisch. Und Joka? Mutter hätte uns einweihen müssen, dann hätte ich Deutsch gelernt! Sie wusste zwar nicht woher, aber Mutter beherrschte diese Sprache fließend.
Marta beschloss in die Badewanne zu gehen, ohne auf Mutter und die Hündin zu warten. Aus dem Schaum formte sie erdachte Lebensmittel und blies in die Masse, bis sie sich auflöste. In ihrem Kopf schwirrte das Wort ‚bunt‘ umher. In Polen waren die Dinge zumeist grau, braun, außer vielleicht Obst oder Gemüse. Was hieß das aber: Alles besser? Konnte man äußern, was man dachte, egal wo und zu wem? Lag in Deutschland endlich ein Stück Fleisch auf dem Teller - nur für Marta allein? Vor ihrem geistigen Auge türmten sich Berge aus Bratwürsten, Schweinerippen, Krakauern und ihren geliebten geräucherten Kabanossis. Sie konnte sie förmlich riechen, frisch und nicht mehrfach ausgekocht, um das Aroma an andere Nahrungsmittel abzugeben. Drüben trägt man sicher warme Winterstiefel, Sommersandalen und die Häuser sind hell angestrichen. Und die Sportschuhe haben vorne keine Löcher für die größer gewordenen Zehen. Musste man im Westen auch Schlange stehen, um einzukaufen?
Bei den Danutowskis wurde es stiller als sonst. Niemand redete, das Radio war schon lange kaputt. Die Zwillinge wussten, dass Fragenstellen unerwünscht war. Ihre Mutter arbeitete viel und hatte sie als Babys in die Krippe, später in den Kindergarten oder in die Obhut von Freunden und Bekannten gegeben. Ihren Vater kannten sie nicht einmal von Fotos. So waren sie angepasst und nicht ungehorsam wie ihre Mitschüler.
In der ersten Nacht nach Mutters Eröffnung, dass sie fortgehen würden, träumte Marta von Büchern in übermannshohen Gestellen. Was gab es Schöneres!? Seit Langem wurde in Polen kaum etwas gedruckt. Am Ende des Schuljahres verkaufte man seine Lehrbücher an jüngere Schüler und erwarb die neuen von älteren. Ihre Leseleidenschaft stillte Marta in Bibliotheken. Sie hatte eine Hassliebe entwickelt für die in braunes Packpapier eingefassten Bände. Sie rochen modrig, waren abgegriffen, vergilbt, die Eselsohren und Fettflecken nervten – und gleichzeitig machten sie sie glücklich.
Am nächsten Tag, am Sonntag, schlief Tomek bis zum Mittag, und Mutter hatte Dienst im Internat. Marta hatte normalerweise zwar keine Mühe mit Mutters geistig behinderten Schützlingen, aber gerade jetzt wäre sie lieber als Familie zusammen gewesen. Sie besuchte die Messe, und obwohl ihr die Religion nicht viel sagte, fühlte es sich überraschend richtig an. Auf einem langen Spaziergang mit Joka überlegte sie, wie sie sich am Montag nach der Schule von ihren Freunden verabschieden würde. Kaum jemand besaß zuhause ein Telefon, also würde sie sie spontan am Spätnachmittag besuchen. Weil es verboten war und damit Tomek auf keine dummen Gedanken kam, erzählte sie ihm nichts davon.
Bevor sie ihre Kofferhälfte packte, begann sie, vieles aus ihrem Zimmer wegzuwerfen. Einzig alle Polnisch- und Mathe-Hefte verschnürte sie fein säuberlich, denn sie wollte sie unbedingt behalten. Denn sie war stolz auf die gelösten Aufgaben und auf die Aufsätze über die vielfältigen Themen und hoffte, sie irgendwann wieder in den Händen halten zu können.
Mutter kehrte spät abends nach Hause zurück und tat, als wäre alles wie immer. Sie fragte nicht einmal, ob sie zu Abend gegessen hatten.
In der zweiten Nacht, bevor sie ein letztes Mal in Breslau zur Schule gehen würden, konnte Marta kaum schlafen. Erfolglos versuchte sie, die unbekannte Zukunft vor ihrem geistigen Auge zu entwerfen.
Am Montagmorgen, dem 30. April 1984, stand sie müde auf. Um in der Schule nicht aufzufallen, meldete sie sich im Polnisch-Unterricht freiwillig, ihr Referat gleich nächste Woche zu halten. Danach konnte sie ihren Mitschülern nicht mehr in die Augen sehen. Nach der Schule spazierte sie ein letztes Mal durch ihre geliebte Altstadt und gab sämtliche Bücher an ihre drei Lieblingsbibliotheken zurück.
Dann betrat sie den Block, in dem viele Schüler aus ihrer Klasse wohnten. Als Erstes wollte sie sich von ihrem besten Freund Adam verabschieden. Als sie langsam in den siebten Stock hinaufstieg, nahm sie bewusst den vertrauten Geruch nach angesäuertem Kohl auf. Normalerweise lief sie so schnell es ging, um ihm zu entgehen.
Mit klopfendem Herzen klingelte sie an der vergilbten Spanplattentür.
„Komm raus, die Sonne lacht“, sagte sie, als Adam sie wie immer mit ausfahrendem Arm hineinlassen wollte. Ihr war eher nach Heulen zumute.
Sie liefen in Richtung Freibad, in dem gewöhnlich die halbe Klasse ihre Ferien verbrachte. Die Hecke um den Spielplatz kam ihr heute eigenartig dunkel vor, die Gehwegplatten auffallend uneben und schmutzig.
„Du bist so schweigsam. Was ist los mit dir?“, fragte er.
„Ich muss dir etwas unheimlich Wichtiges sagen“, hauchte Marta beinahe stimmlos und räusperte sich. Die Sonne spiegelte sich in einem Fenster und blendete sie. Ihre Anspannung war kaum auszuhalten.
„Schieß los!“
„Es betrifft mich und meine Zukunft.“
„Geht’s um das Lyzeum?“
„Du kannst es unmöglich erraten.“
„Du, du redest so komisch.“
„Niemand darf etwas davon erfahren.“
„Wovon?“
„Adam, du musst unbedingt dichthalten … Versprichst du mir das?“
Er blieb stehen und sah sie an. „Na klar, auf mich ist Verlass.“
„Du, ich meine es todernst. In unserer politischen Situation müssen wir einander vertrauen.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung.
„Nun sag’s endlich! Was darf ich niemandem verraten?“
„Heute Abend werden Tomek, Mutter und ich ausreisen“, würgte sie mühsam hervor. Sie, die normalerweise um kein Wort verlegen war. „Illegal. Für immer.“ Ihr Mund war noch nie trockener gewesen.
Sie beschleunigten das Tempo.
Adam hielt Marta am Arm zurück, sodass sie sich zu ihm umdrehen musste und stehen blieb. Er schaute sie durch seine dicken Brillengläser durchdringend an.
„Ich werde dich verlieren?“ Die beiden kannten die Gedanken des andern, lachten zusammen über die dümmsten Witze, darum wusste sie, was er dachte und fühlte. „Und was ist mit dem Schachspiel? Und den Büchern, die wir zusammen lesen?“, rief er und rüttelte sie an den Schultern.
Marta versuchte seinem Blick auszuweichen und wandte sich ab, um weiter zu laufen. Plötzlich schämte sie sich. Ich verlasse mein Land, als würde es sich nicht mehr lohnen, gegen die Kommunisten zu kämpfen. Ich bin ein Feigling. Es überkam sie ein fremdartiges Gefühl. Aber noch schlimmer war, dass sie sich gleichzeitig auf die unbekannte Zukunft, auf die verschiedenen Möglichkeiten im Leben freute. „Du musst es für dich behalten, versprichst du mir das?“
Adam schaute sie von der Seite an und schwieg. Sie wartete mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.
„Na klar. Ich weiß von nichts“, bestätigte er schließlich.
Sie umarmten sich das erste Mal überhaupt und schworen, sich zu schreiben obwohl sie ahnten, dass es unrealistisch war im kommunistischen Polen.
Marta hatte nicht den Mut, Adam in die Augen zu schauen. Sie fasste seinen Oberarm, drückte ihn leicht und wandte sich ab. „Bitte geh alleine nach Hause. Ich bleibe noch hier.“ Er sollte ihre Berührtheit lieber nicht sehen.
Sie lief weiter, bis sie sich mutig genug fühlte, um ihre beste Freundin Zosia aufzusuchen. Also betrat sie erneut das nach Sauerkraut riechende Treppenhaus und klingelte. Die beiden setzten sich aufs Sofa, und Marta druckste herum, bis sie es endlich aussprechen konnte. Schweigend umarmten sie sich.
Zosia sagte: „Aber bald haben wir die Aufnahmeprüfungen für das Bio-Chemie-Lyzeum! Wir wollen Medizin studieren. Hast du das vergessen?“
„Mutter hat uns vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich hab keine Wahl“, rechtfertigte Marta sich. „Du musst es für dich behalten, hörst du?“
Sie fühlte sich wie jemand, der wider Willen Unrechtes tut und sich dafür verantworten muss. Eine fremde Empfindung. Schweigend umarmte sie Zosia und verließ ihre Wohnung.
Danach rannte Marta förmlich nach Hause, um ihre geliebte Hündin zu holen. Die schwarze Mischlingsdame war üblicherweise quirlig und fröhlich. Doch bei diesem besonderen Spaziergang lief sie steif umher, entfernte sich nicht allzu weit und schaute häufiger als sonst zu ihr hinauf, als ahnte sie etwas.
Wieder Zuhause, gesellte Marta sich zu Tomek und Mutter aufs Sofa. Sie aßen Käsebrote und starrten wortlos auf den Koffer und Mutters Reisetasche, die wie verwurzelt in dem erdbraunen Spannteppich wirkten.
Es dämmerte schon, als die Bukowskis kamen. Es war ihre Familie, auch wenn sie nicht blutsverwandt miteinander waren. Martas Patenonkel Marcin und seine hochschwangere Frau Donata schienen bestens informiert, nur ihre achtjährige Tochter Agata begriff nicht, was vor sich ging.
„Zwillinge“, sagte Marcin streng. „Es ist wichtig: Im neuen Reisepass heißt ihr Kapowski, wie euer Vater. Prägt euch das gut ein.“
Tomek und Marta schauten einander entgeistert an. Das erste Mal hörten sie etwas von ihrem Vater und jetzt hatte er einen Namen.
Die Bukowskis begleiteten die Danutowskis zu dem weißen Auto, mit dem der unbekannte Mann sie in das unbekannte Land, in die unbekannte Zukunft bringen sollte. Joka! Marta küsste und drückte ihr geliebtes Tier so fest, dass es zu bellen anfing. Erschrocken ließ sie die sonst brave Hündin los. Erst als Marta zu schluchzen anfing – auch das vollkommen ungewöhnlich – merkte sie, dass sie neben all den anderen aufregenden Gefühlen traurig war.
„Bis zur Grenze musst du dich aber beruhigen“, sagte Tante Donata, als sie Marta umarmte. „Es steht viel auf dem Spiel. Keiner darf weinen oder traurig wirken. Auf keinen Fall ungefragt reden. Wir kümmern uns um Joka, versprochen. Es wird alles gut werden.“
Onkel Marcin legte seine Hand auf Martas linke Schulter. Sie war nun zu alt, um auf dem Kopf gestreichelt zu werden. Donata drückte Tomek an ihre Brust. Mutter nahm Platz auf dem Beifahrersitz, die Zwillinge auf der Rückbank. Marta war es peinlich, dass sie sich nicht im Griff hatte.
Während der nächtlichen Autofahrt blieben alle wach und schwiegen. Nicht einmal das Radio lief. Die vorbeiziehende Landschaft war in Dunkelheit getaucht. Marta starrte auf den Fahrer, den sie für sich ‚Drachen‘ nannte. Er war weder mager noch dick, sein adrett gebügeltes, dunkles Hemd passte zur beigefarbenen Hose, sein Hinterkopf mit den leicht gräulichen, blonden Haaren kam ihr eigenartig vor. Bukowskis’ Schinkenbrötchen schmeckten herrlich – wie die Heimat, die sie gerade verließen. Mutter bot dem ‚Drachen‘ davon an, und Marta staunte, dass er keinen eigenen Proviant mithatte.
Als sie an der DDR-Grenze ankamen, weinte sie nicht mehr, sondern saß steif und innerlich leer auf ihrem Sitz. Tomek blieb ruhig, was sie verwunderte. Wortlos zeigte der Fahrer ihre gefälschten Pässe und beantwortete einsilbig zwei Fragen der Beamten, deren prüfende Blicke schwer auszuhalten waren. Ihr Gepäck wurde nicht durchsucht. Während Marta alles rätselhaft vorkam, schien es für die anderen wie ein eingeübter Sketch abzulaufen. Sie kamen an Karl-Marx-Stadt vorbei. Merkwürdig, dass eine ganze Stadt nach einem Mann benannt ist, der für mich der Inbegriff des Bösen ist.
An der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland zeigte Mutter nur kurz zwei Blätter, und sie wurden durchgewinkt.
Sie waren im Westen.
Im Morgengrauen erreichten sie Friedland bei Göttingen. Marta hatte noch nie so saubere Straßen gesehen. Sie sind ja gar nicht bunt! Wortlos ließ der ‚Drache‘ sie mitsamt Gepäck an einem gelben Gebäude aussteigen und fuhr weg.
Es empfing sie eine schlanke, gepflegte, etwas unterkühlte Mitarbeiterin des Auffanglagers für Aussiedler. Es ärgerte Marta, dass sie die Sprache nicht verstand, während Mutter keine Probleme zu haben schien. Die Frau führte sie in ein Zimmer in einer der vielen länglichen Baracken. Es roch nach Putzmitteln, die gelblichen Wände waren kahl, ihr dürftiges Gepäck landete neben den zwei Etagenbetten. Einen Tisch oder Schrank gab es nicht. Die Frau legte eine mit Formularen gefüllte Mappe auf einen der vier Stühle und überließ sie ihrem Schicksal. Keiner redete, alles fühlte sich fremd an. Ohne auszupacken legten die Danutowskis sich in ihrer Reisekleidung hin und schliefen bis in den Nachmittag hinein.
Hungrig wachte Marta auf - Mutter und Tomek rührten sich nicht. Sie nahm das vorletzte Brötchen aus ihrem Proviant und schlich sich nach draußen, froh, an diesem ersten Tag im sagenumwobenen Westen allein die Gegend erkunden zu können.
Die Straßen waren menschenleer. Marta staunte, denn sie hatte am Tag der Arbeit Demonstrationen erwartet.Wie sie es gehasst hatte, die nach strengen Vorgaben angefertigten Transparente und rote Papierfahnen zu schwenken und gute Miene zu dem absurden Zirkus zu machen. Aus Angst vor schlimmen Folgen hatte sie mitgemacht, statt auszuschlafen.
Nachdem sie eine Weile herumgelaufen war, ohne eine Menschenseele zu erblicken, kehrte sie zurück ins Zimmer. Mutter und Tomek waren wach, also gingen die Danutowskis in den geräumigen, nahezu leeren Speisesaal. Das gratis Abendessen schmeckte seltsam steril, sättigte aber gut. Wie üblich stellten die Kinder keine Fragen.
Am zweiten Mai ging Marta nach dem Frühstück in den Supermarkt gegenüber dem Lager. Nur alles anschauen, sagte sie sich; sie hatte schließlich kein Geld. Und sie brauchte nichts. Beim Abendessen gestern hatte sogar eine ganze Wurst in der Linsensuppe geschwommen. In Breslau hatte es höchstens alle zwei Wochen eine für drei Personen gegeben, und das erst nach stundenlangem Schlangestehen. Zu ihrem Erstaunen waren die blitzeblanken Schaufenster mit farbenfreudigen Plakaten beklebt, die Tür öffnete und schloss sich ungewohnt lautlos.
Drinnen traf Marta buchstäblich der Schlag. Ihr Kopf dröhnte und sie begann zu schwitzen. Niemand stand an, die Frau an der Kasse begrüßte sie – das hatte sie noch nie erlebt. In einem breiten Kühlabteil erblickte Marta bunte Joghurtbecher mit mannigfaltigen Geschmacksrichtungen: Himbeere, Erdbeere, Heidelbeere! Ordentlich aufgereiht, und von allem unerwartet viele. Ihr wurde schwindlig. Sie entdeckte schön verpackte Milch, Butter, Käse. Und in einem anderen Regal lagen Salamis und unterschiedliche Schinkensorten. Die hauchdünnen Scheiben waren sorgfältig fächerförmig übereinandergelegt. Fein geschnittene Wurstwaren?! Sie kniff sich in die linke Hand und spürte es. Oh, Realität! Um nichts zu verpassen, versuchte sie ihren Blick systematisch schweifen zu lassen. Und sie wollte sich alle deutschen Wörter für die Lebensmittel merken. Aber es waren viel zu viele. Es gab mehrere Sorten Schokolade, Eier, sogar Strumpfhosen und Zigaretten. Was war nun richtig: Dass es in Polen schwer war, solche Dinge zu ergattern, vielleicht, um bescheiden zu bleiben? Oder dass hier alles einfach da war und man das Problem hatte, zwischen gelb und blau zu wählen? … Was ist das!? Sie hielt die Luft an. Gewaschene und polierte Früchte? Irrsinnig! Und dann: Bananen!!!
Martas Herz hämmerte kräftig in ihrer Brust. Blitzartig fasste sie einen äußerst dringenden Entschluss, und rannte wie der Blitz hinaus.
Sie fand Mutter im Verwaltungsgebäude, wo sie in einem schmalen Gang mit Dokumenten auf dem Schoß saß.
„Im Laden gibt’s Bananen!“, japste sie atemlos in Mutters Ohr und stammelte aufgeregt: „Ich möchte soooo gern eine essen! Nur eine! Eine Einzige! Kannst du mir bitte Geld dafür geben?“
„Bananen?“, fragte Mutter.
Marta nickte heftig und trippelte mit den Beinen.
„Was kosten die denn?“
Marta schluckte. In der Aufregung hatte sie nicht auf den Preis geschaut. „Ich … weiß nicht.“
Mutter seufzte, fingerte in ihrer Hosentasche ungelenk eine fremde, recht schwere Münze heraus.
„Hier, vielleicht genügt das.“
Mit einer D-Mark in der Hand eilte Marta zurück in das Geschäft und kaufte sich die erste Banane in ihrem Leben. Sie nahm sich vor, die Frucht abseits des Lagergeländes schön langsam zu verspeisen. Aber als sie nach draußen gelangte, warf sie alle Vorsätze über Bord und schälte ihren Schatz. Auf der Stelle. Gierig schnupperte sie an der weichen, gelblich-braunen, vanilleartigen Banane. Das erste Stückchen schmeckte mild, süß, geradezu himmlisch. Schön langsam essen, ermahnte sie sich. Der Genuss verstärkte sich deutlich, wenn sie vor dem Schlucken durch die Nase einatmete. Die braunen Stellen zergingen leicht auf der Zunge und waren am leckersten.
Den ganzen Nachmittag und Abend blieb Marta wie berauscht von ihrer einzigartigen Bananenerfahrung. Sie erzählte sonst niemandem davon.
Mutter verschwand vormittags im Verwaltungsgebäude, nachmittags saß sie im Foyer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die Zwillinge spielten Federball vor dem Lager. Marta ging hinaus auf die Straße, wo sie deutsche Kinder nach der Schule auf dem Heimweg sah. Als zwei Jugendliche in ihrer Nähe stehen blieben, schaute sie sie freundlich an und sagte: „Gute Tak …“
Der eine blonde, kräftigere Junge lächelte sie an und zeigte auf die Badmintonschläger, die sie vom Aufenthaltsraum ausgeliehen hatte. Sie gab ihm wortlos einen und sie begannen zu spielen. Der andere schaute ihnen zu. Zwischendurch blickte Marta auf die Seite, wo er seinen Schulranzen hingelegt hatte. Denn dieser kam ihr bunt und gigantisch vor, anders als die Polnischen.
Wenn der Ball nicht so flog, wie sie wollten, lachten alle drei.
„Jörg“, rief der blonde Junge, als er sich nach dem Ball bückte.
„Jo?“, fragte Marta verunsichert, weil sie weder verstand, worum es ging, noch wie dieses Wort genau ausgesprochen wird.
„Nicht jo, Jörg, J ö r g, ich heiße Jörg“, sagte er lachend und zeigte auf seine Brust.
„Ah, Marta, gute Tak!“. Sie vermied es, den merkwürdigen Buchstaben, das komische ‚ö‘, das es im Polnischen nicht gibt, zu wiederholen. Stattdessen blickte sie fragend den anderen Jungen an.
„Matthias“, sagte dieser und übernahm den Schläger von Jörg.
Bei uns gibt es normale Namen, die hier kann ich nicht mal aussprechen, geschweige denn mir merken, dachte Marta und nickte in seine Richtung. Dabei muss ich möglichst alles gut lernen! Als der Ballwechsel schleppend wurde, hörten sie auf zu spielen.
„ … klasa?“, fragte Marta die beiden.
„Ich gehe in die sechste Klasse“, antwortete Matthias.
„Ich in die siebte“, sagte Jörg.
Marta nahm ihre Finger zur Hilfe: „Eis, zwei, …“
„Nein. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben …“, setzte Mat-thias an und lachte laut. Was ist daran komisch? Ich kanns nicht gut. Also noch mal.
„Acht klasa“, sagte Marta und zeigte auf sich.
„Achte Klasse. Echt klasse“, meinte Jörg und musterte sie von Kopf bis Fuß.
„Echt klasse“, wiederholte Marta und die beiden Jungen kringelten sich vor Lachen. Was haben die? Meine Hose ist zwar etwas kurz, aber sauber!
Als Matthias sich beruhigt hatte, schaute er auf die Uhr, hob seine ebenfalls bunte Schultasche von der Straße und rief: „Tschüss, bis morgen.“
Jörg folgte ihm und winkte zum Abschied.
„Tschus“, plapperte Marta unbeirrt nach, denn sie wollte ihre Zukunft möglichst schnell selbst anpacken. Zwar fühlte sich das Ganze holprig an, aber sie gab ihr Bestes. Die Jungs lachten, drehten sich aber nicht mehr zu ihr um.
Wieder im Zimmer nahm Marta das winzige, in eine Hand passende Wörterbuch und schlug Vokabeln nach, die sie am nächsten Tag im Gespräch mit den Jungs benutzen wollte.
Beim Abendbrot in der Kantine schwiegen alle wie so oft. Seit Mutters denkwürdigem Satz ‚Übermorgen fahren wir nach Deutschland‘ rasten in Martas Kopf ungeordnete Gedanken, die sich mit einer unheimlichen Leere abwechselten. Dabei wollte sie sich auf die neuen deutschen Wörter konzentrieren. Sie behielt alles für sich, um Mutter nicht zu beunruhigen.
Die Zwillinge berichteten beim Tee vom Federballspielen, als Mutter in Richtung Tür blickte und sagte:
„Morgen reisen wir weiter. Nach Norddeutschland.“
„Ist das weit?“, fragte Tomek und richtete sich auf.
„Einige Stunden Zugfahrt.“
„Warum fahren wir da hin?“, wollte Marta wissen.
„Eure Großtante Elisabeth lebt dort, die Stadt heißt Kiel.“
„Haben wir eine Tante?“, rief Marta. Von Angehörigen war zuvor nie die Rede gewesen. Mutter ist doch als Waisenkind im Heim aufgewachsen. Deswegen sind die Bukowskis unsere Familie, obwohl wir nicht blutsverwandt sind. Merkwürdig.
„Packt euren Koffer. Ich muss noch etwas erledigen. Heute gehen wir früh schlafen“, sagte Mutter und verließ die Kantine.
Marta schaute ihr nach, sah ihren plumpen Gang, ihre mollige Figur, ihre kurzen, dichten, schwarzen Haare, um die sie sie immer beneidete.
Tomek öffnete Mutters Wohnung in Kiel-Elmschenhagen, und Marta und ihr Mann Patrik folgten ihm.
Erwartungsgemäß sah es unordentlich aus: Überall lag benutztes Geschirr, im trüben Wasser des Aquariums trieben zwei aufgeblähte Fische und man stolperte über Kabel und Schläuche. Der Fernseher lief, auf dem Sofa stapelten sich Bücher.
Sie kam Marta fremd vor, diese nach Luft schnappende ältere, dickliche Frau mit vergrößernder Brille und dem schütteren, grauen Haar. Wenn sie meine Patientin wäre, dachte Marta, hätte ich sofort angefangen, professionell zu handeln. Doch bei Mutters Anblick war sie unfähig, das Richtige zu tun.
„Bleib sitzen, wir kommen zurecht“, sagte Marta trocken, als sie das Wohnzimmer betraten.
Patrik küsste seine Schwiegermutter auf die Wange und verschwand in der winzigen Küche, um Tee zu kochen. Tomek setzte sich aufs Sofa. Marta blieb neben dem wuchtigen Sauerstoffapparat stehen. Eingeschaltet surrte er ähnlich, wie eine alte Spülmaschine. Aber das war er nicht. Schläuche schlängelten sich daraus hervor und lagen ungeordnet auf dem Boden. Zu ihrer eigenen Überraschung wühlte es Marta auf, mit anzusehen, wie Mutter schwer nach Luft schnappte und hechelte.
„Heute kann ich besonders schlecht atmen …“, japste Mutter.
Der Schlauch mit dem lebensrettenden Gas, der in ihren Nasenlöchern stecken sollte, lag auf dem schmutzigen Teppich. Wie kann sie nur.
„Hier, nimm das!“, sagte Marta und gab Mutter das Ende des Kunststoffröhrchens.
„Ich brauch das nicht.“
„Ich denke, doch. Jetzt schalten wir das ein, damit du besser Luft holen kannst.“
„Ach wo! Es ist bloß das Asthma!“
„Für die Nacht hat sie ein Gerät mit einer Maske, aber sie vergisst meistens, es anzuschließen“, warf Tomek ein.
Ist klar, weil das Gehirn zu wenig Sauerstoff erhält … Auch eine Demenz wäre möglich. Marta schwieg lieber, weil es ihren Bruder sicher verletzt hätte. Die erwarten wohl, dass ich alles richte, was sie haben schleifen lassen.Aber Mutter hört ja noch weniger auf mich als auf ihn.
Als Tomek zum ersten Mal in der Schweiz angerufen und Marta gebeten hatte, wegen Mutter nach Kiel zu kommen, hatte sie schon über schlimme Atemprobleme geklagt. Klar, nach jahrzehntelangem Rauchen. Ursprünglich hatte sie nicht fahren wollen. Mutter war ihr fremd geblieben, rätselhaft, unnahbar. Marta hatte sich vor ihrem eigenen Ekel und peinlicher Nähe gefürchtet. Dank ihrem Ehemann war sie nun hier. Und ich will Tomek mit unserer alten Mutter helfen. Ja, ich will es wirklich.
„Johanna, schau’ her“, sagte Patrik zu Martas Mutter. Er hatte sich neben sie gesetzt, um ihr zu erklären, wie sie per Internet telefonieren konnte. Denn beim normalen Telefon vergaß Mutter, den Hörer aufzulegen, oder drückte die falschen Tasten. Sie hatten extra einen ausgemusterten Computer aus Patriks Arztpraxis mitgebracht. „Zuerst bedienst du den Knopf hier, dann diesen hier, und schon hören und sehen wir uns auf dem Bildschirm.“
Nach drei vergeblichen Versuchen zeigte Patrik Johanna ein Blatt Papier. „Guck mal, hier steht alles drauf!“
Mutter wirkte zerstreut und desinteressiert.
„Wir müssen wohl aufgeben“, sagte er zu Marta, die seine Geduld bewunderte.
„Sieht so aus.“
Da sitzt sie, meine eigene Mutter: Gleichgültig, beinahe abwesend, gerade einmal siebzig und verdummt. Dabei war sie früher immer ausgeglichen gewesen.
Marta seufzte. „Komm, wir fahren in die Stadt und kaufen ein Telefon mit großen Tasten. Tomek, bleibst du solange hier?“
Er nickte und befestigte erneut Mutters Nasensonde.
Marta und Patrik verließen erleichtert die Wohnung.
Später bestellten sie sich bei Tomek Pizza, und Marta freute es, dass er sich in guter psychischer Verfassung zu befinden schien. Er erzählte, dass er nur noch selten kiffte, regelmäßig arbeitete und Sport trieb. Sie zeigten ihm das neu erstandene Gerät für Mutter.
„Super, die großen Tasten“, meinte er.
„Wir installieren es morgen, bevor wir nach Hamburg zum Flughafen fahren“, beschloss Patrik.
„Gut, denn ich muss arbeiten.“
„Ich bin dankbar, dass du Mutter so gut umsorgst“, sagte Marta.
„Es ist nicht so einfach, wie du denkst. Sie macht mir dauernd Vorwürfe“, sagte Tomek ein wenig hilflos. Er wirkte bekümmert.
„Und wieso?“, fragte Patrik.
„Keine Ahnung. Ich besuche sie täglich, bringe mal eine Suppe oder wasche ihre Kleidung, vor allem Unterwäsche – sie duscht kaum …“
„Sie scheint nicht mehr zu lesen“, stellte Marta fest.
„Dafür läuft den ganzen Tag der Fernseher“, fügte Tomek hinzu.
„Und kann nicht einmal zwei Knöpfe am Computer bedienen“, sagte Patrik.
„Mir gefällt die Atemnot nicht“, warf Marta ein.
Tomek lachte auf. „Sie geht nicht zum Arzt.“
„Dann muss der Arzt eben zu ihr kommen“, beschloss sie. „Ich kümmere mich morgen darum.“
„Hoffentlich bewirkst du etwas. Denn das ist ja sehr schlimm“, meinte Patrik.
Gleich am nächsten Morgen rief Marta Mutters Hausarzt an. Schon nach wenigen Sätzen warf sie das Mobiltelefon wütend aufs Sofa. „Das ist ja nicht zu glauben!“, schnaubte sie.
„Was?“, fragte Patrik.
„Der Arzt macht keine Hausbesuche, man muss zu ihm gehen, wenn man ihn braucht.“
„Das ist ein dicker Hund.“ Patrik schüttelte ungläubig den Kopf. Auch er war Arzt und engagierte sich für seine Patienten.
„Hoffentlich schafft Tomek es, sie in die Praxis zu bringen.“
Womöglich ist es nicht nur Asthma, sondern sogar eine COPD. Der ständige Sauerstoffmangel würde die Vergesslichkeit und Depression erklären. Marta hatte das Gefühl, sie müsste mehr für Mutter tun, aber sie bezweifelte, eine Beziehung zu ihr aufbauen zu können. Sie übernahm lieber die Finanzen, die sie von der Schweiz aus regeln würde.
Einige Wochen später joggte Marta am Dorfrand und beobachtete den über ihrem Kopf kreisenden Bussard, als ihr wieder einmal bewusst wurde, wie fantastisch die Schweiz mit ihren Bergen, Wiesen, Seen und Wäldern war. Sie fühlte sich sehr privilegiert, in diesem Land, in einem der alten, gepflegten Dörfer zu wohnen. Ich kann einfach rauslaufen und in der Natur sein.
Zurück zuhause sah sie auf dem Weg zur Dusche, dass der Anrufbeantworter rot leuchtete. Auf dem Display erschien Tomeks Nummer. Hm, was ist los, fragte sie sich.
„Mutter ist in der Uniklinik! Es ist schlimm“, schnaubte ihr Bruder.
„Erzähl!“
„Sie hat so schwer geatmet am Telefon, geröchelt, sag’ ich dir, ich hab nur ‚Krankenhaus‘ verstanden. Bin mit dem Taxi zu ihr. Sie war fast blau im Gesicht! Unterwegs hat sie auf einmal aufgehört zu atmen. Sie lebte nicht mehr, Marta! Ich dachte, sie stirbt!“
Etwas hinter Martas Brustbein zog sich zusammen. So tapfer. Er hat nicht einmal daran gedacht, die Ambulanz zu rufen, sondern ist sofort zu ihr.
„Warum hast du keinen Krankenwagen …“ Marta hielt inne. Das war jetzt egal. „Ich nehme den nächsten Flieger.“
Sie eilte durch die grell beleuchteten, unendlich langen Gänge des Kieler Krankenhauses. Mutter sah bleich aus, lag halb aufrecht im Bett und starrte vor sich hin, als Marta klopfte und ihren Kopf hineinschob.
„Einen Moment bitte“, sagte ein Arzt, der gerade mit Mutter sprach.
Marta zog sich zurück und wartete auf dem Flur. Sie würde gleich Fragen stellen.
Als der Arzt aus dem Zimmer kam, stellte sie sich vor, und er erklärte:
„Ihre Mutter hat das Sauerstoffgerät zu wenig genutzt und hat darum eine schwere Lungenentzündung bekommen. Leider nimmt sie die Situation nicht ernst.“
„Ich befürchte, dass sie zeitweise recht vergesslich ist. Je nach Belüftungssituation.“
„So entsteht ein Teufelskreis, genau.“
Ich muss es mit Tomek besprechen, das kann niemand mehr verantworten.
Tomek ließ Marta Platz nehmen, als sie bei ihm eintraf und begab sich in die Küchennische. Sie erblickte den mit Zigarettenkippen, Feuerzeugen, altem Brot und Münzen vollgestellten Tisch und legte herumliegende Kleider zu Seite, um sich aufs Sofa setzen zu können. Kommt mir bekannt vor. Routiniert schob Tomek mit einem Unterarm die Sachen auf der Tischplatte zur Seite und stellte zwei Gläser hin. „Der Tee kommt gleich.“
„Wir können es nicht verantworten, dass Mutter erneut fast erstickt“, begann Marta, ohne abzuwarten.
„Kann das wieder passieren?“
„Du hast doch auch mit dem Arzt gesprochen.“
Er stand auf und schnappte sich eine Scheibe Brot aus dem Schrank und legte sie auf die ebenfalls sehr belegte Küchenplatte. Dann strich er sie bedächtig mit viel zu weicher Butter und schleckte sich die Finger ab. Er sah Marta nicht an, als er fragte. „Was sollen wir tun?“
„Sie kann nicht mehr nach Hause, Tomek.“
„Aber ich bin ja für sie da“, rief er und warf das Messer auf die Ablage.
„Sie schafft es nicht mehr allein. Sobald sie zu Hause ist, werden wir sie nicht davon überzeugen können, freiwillig in ein Heim zu gehen. Bekanntlich ‚fehlt‘ ihr ja nichts.“
Tomek nahm einen Bissen von seinem Brot, drehte sich zu Marta, und sagte laut schmatzend: „Ich kann täglich für sie kochen und weiterhin waschen.“
„Du … Dieser Gedanke tut mir doch auch weh.“ Vergeblich suchte sie seinen Blick.
Er schluckte laut und biss noch mal in sein Brot. „Ich kann das. Wie die letzten Monate auch.“
„Wir müssen vernünftig sein. Sie versteht das leider nicht. Es wird einfacher für sie sein, direkt vom Krankenhaus ins Heim zu gehen. Glaub mir.“
„Aber sie will nun mal nach Hause!“, rief Tomek und schlug mit der flachen Hand auf die Platte.
Marta fuhr erschrocken auf. „Und was ist mir dir? Willst du bei ihr einziehen und sie umsorgen? Tag und Nacht? Denn das braucht sie: Vollzeitpflege! Das ist zu viel, auch für dich!“, sagte sie ärgerlich. Doch dann verrauchte die Wut sofort wieder. Für einen Moment hatte sie das Bedürfnis, ihren Zwillingsbruder in den Arm zu nehmen. Sie war dankbar für alles, was er für Mutter tat und wie er es anstellte. Aber sie rührte sich nicht, denn sie umarmten sich nie. Sie war noch nicht so weit, ihm die schlimmen Dinge in der Kindheit und Jugend zu verzeihen.
„Der Sozialdienst hilft uns, die Dinge zu organisieren“, sagte Marta müde. „Jetzt können wir sagen, die Ärzte haben uns zu diesem Schritt geraten, begreifst du das?“
Erwartungsgemäß kam Mutter das Heimzimmer fremd vor, sie fand sich nicht auf der Abteilung zurecht, geschweige denn in der Parkanlage. Es war zu kompliziert für sie, sich in ihrem Zimmer Kaffee zuzubereiten. Dauernd fragte sie nach ihrer Wohnung. Marta blieb ohnmächtig und sprachlos, und Tomek stritt mit ihr ständig um Kleinigkeiten, als die beiden die wenigen Habseligkeiten ins Heimzimmer transportierten oder einen Sessel für Mutter kauften. Einmal war er drauf und dran, den Sessel gegen Martas Mietwagen zu schleudern vor lauter Wut und Ohnmacht. Aber es gab keine bessere Lösung.
Abends berichtete sie Patrik am Telefon über die Situation.
„Wenn sie über längere Zeit Sauerstoff bekommen hat, wirkt sie rege und konzentriert. Bald findet sie, dass sie keinen Schlauch in der Nase braucht, da sie ja ‚nur‘ Asthma hat. Und dann verschlechtert sich wieder alles.“
„Je nach Sauerstoffversorgung, das ist klar“, sagte ihr Mann. „Es ist das einzig Richtige, sie im Heim zu wissen.“
„Ja, klar, aber es ist so seltsam und beängstigend. Und Tomek … “
„Soll ich mal mit ihm reden?“, fragte Patrik, und Marta hörte die Zärtlichkeit in seiner Stimme.
„Das ist lieb. Vielleicht später. Übrigens, das Gericht setzt mich morgen als Mutters Betreuerin ein, für die Finanzen, Entscheidungen über ihre medizinische Behandlung und ihren Aufenthaltsort. Tomek … kommt dafür ja leider nicht in Frage.“
„Das ist heftig. Aber niemand ist besser dafür geeignet als du.“
„Hm. Ich konnte Tomek nur mit Mühe überzeugen, die Wohnung aufzulösen.“
„Lass ihm Zeit.“
Die Entrümpelungsfirma brauchte einen ganzen Tag, um die Wohnung – bis auf das Aquarium – leer zu räumen. Marta goss dessen Inhalt in die WC-Schüssel, woraufhin Tomek einen Schreianfall bekam, weil er die zwei am Beckenrand klebenden Fische entdeckt hatte. Erst bei der dritten Pizza konnte er darüber lachen.
Seit dem pendelte Marta oft zwischen Kiel und der Schweiz. Mutters Zustand verschlechterte sich in Wellen, die langsam und kraftvoll an die Zwillinge heran rollten. Ein halbes Jahr später musste Marta einem Luftröhrenschnitt zustimmen, wodurch Mutter dauerhaft beatmet wurde und deswegen in eine andere, darauf spezialisierte Pflegeeinrichtung verlegt werden musste.
Marta übernachtete jeweils bei Erika Rentsch, ihrer ehemaligen, ersten Lehrerin in Deutschland, und deren Mann Christian, wenn sie Mutter im Heim besuchte. In all den Jahren hatten sie immer den Kontakt gepflegt. Nach dem Abitur durfte sie zu ihnen ‚du’ sagen, was sie sehr stolz machte. Tagsüber ging sie ins Heim zu Mutter, und in den Nächten wälzte sie sich im Bett im Haus der Menschen, von denen sie wünschte, sie wären ihre Eltern gewesen. Nicht selbstständig atmen und schlucken zu können muss schrecklich sein, dachte sie. Hoffentlich quält sie sich nicht lange. Ich muss mit Tomek die Kremation besprechen, und dass wir Intensivbehandlungen und lebenserhaltende Maßnahmen ablehnen. Er muss jetzt stark sein.
Es war wie damals nach der Herz-Bypass-Operation. Nur jetzt war es endgültig. Jetzt bin ich die Angehörige, die Tochter, nicht Ärztin oder Krankenschwester. Und darum will ich nicht mehr, dass mir die Pflegerin diesen Ausschlag an Mutters Innenschenkeln zeigt. Es ist zu viel für mich.
Im neuen Heim zeigte sich Mutter von unbekannten Seiten. Oft thronte sie wie eine Prinzessin auf ihrem Bett und schäkerte stumm, aber ausreichend verständlich mit dem Pflegepersonal. Ihre Stimmung hatte sich gebessert, sie schien weniger mit ihrem Schicksal zu hadern, als Marta befürchtet hatte. Die Körperpflege ließ sie von keinem Mann durchführen, auch die Bettpfanne sollten ihr ausschließlich weibliche Pflegekräfte bringen. Mutter wendete sich deutlich ab oder blickte abwertend, sobald ein Pfleger ihr Zimmer betrat. Nur wenn Tomek kam, strahlte sie ihn freudig an. Er blieb den ganzen Tag.
Obwohl sie Mutter nur alle paar Wochen besuchte, konnte Marta nicht das tun, was von ihr erwartet wurde. Trotz des schlechten Gewissens ging es nicht anders.
Schon das Heimgebäude ließ bei ihr Widerwillen und Freude zugleich aufkommen. Was sie im Heim erlebte, sollte Martas Inneres nicht erreichen. Ihre Haut fühlte sich dick und prall-elastisch an, wie die eines Nilpferdes. Emotional erstarrt flößte sie Mutter schluckweise Kaffee ein und achtete darauf, keinen Kuchen in Sichtweite zu haben. Zur Ablenkung zeigte sie ihr irgendwelche Fotos oder fuhr sie im Rollstuhl herum. Alle begrüßten sie ausnehmend freundlich, und sie fühlte sich wie eine ferngesteuerte Puppe. Im Stationszimmer labten sich die Schwestern am Kuchen, den sie ihnen mitgebracht hatte. Zurück lächeln, winken, gut gemacht! Und weiter geht’s.
Die meiste Zeit verbrachte Marta nicht bei Mutter, sondern in den vielen Läden in Kiel. Uninteressiert schaute sie sich irgendwelche Waren an, die sie nicht benötigte und nicht kaufte und wechselte in das nächste Geschäft. Abends traf sie Tomek und fuhr dann nach Felde, wo sie den Tag mit Erika und Christian ausklingen ließ und sich auf das spätabendliche Telefonat mit Patrik freute. Um einschlafen zu können, verschob sie virtuelle Blöcke auf einer Spiel-App auf dem Mobiltelefon. Der zweite Tag glich dem davor, und nach dem Dritten hatte sie es hinter sich und flog zurück in die Schweiz.
„Sie fuchtelt mit ihren Armen und hüpft auf dem Stuhl wie ein Affe!“, flüsterte Marta lachend in Izas Ohr. Es war inzwischen Abend geworden, als die beiden knapp fünfjährigen im Kindergarten mit Klötzchen spielten, während die Erzieherin fernsah.
Marta erntete einen entsetzten Blick und eisiges Schweigen. Aber es ist so, dachte sie trotzig. Ihr war langweilig, sie wäre lieber bei Oma und Opa gewesen. Tomek döste in einer Ecke. Sie warf einen finsteren Blick auf die Erzieherin. Die kann doch jetzt nicht Fußball gucken, Mutter macht das ja auch nicht, wenn sie im Internat arbeitet. Wieso ist Iza so ernst? Es sah doch wirklich lustig aus, wie die Erzieherin die ganze Zeit ihre Arme herumwarf und wie ein Gaul wieherte.
Von da an musste Marta immer neben ihrer erzwungenen Freundin sitzen, mit ihr spielen und ihr sogar ihren bunten, duftenden, chinesischen Radiergummi ‚schenken‘. Denn sie wollte um jeden Preis verhindern, dass die Erzieherin von der Sache mit dem Affen erfahren und sie bestrafen würde. Dabei hatte sie die Hexe, wie sie Iza im Stillen zu nennen begann, schon vorher nicht gemocht. Marta hoffte, dass die Hexe die Erpressung irgendwann langweilen würde, aber leider schienen ihr die Privilegien zu gefallen. Marta begann die Geschichte sehr zu belasten. Als Iza ihr eines Tages auch noch den dritten duftenden Radiergummi abknöpfen wollte, hielt sie es nicht mehr aus und zischte der Erpresserin ins Ohr.
„Lass mich endlich in Ruhe.“
„Hä?“
„Erzähl’ es der Erzieherin!“
„Was soll ich ihr denn sagen?“, fragte Iza verwundert.
„Tu’ nicht so scheinheilig – das mit dem Affen natürlich!“
Iza zog die Augenbrauen hoch, drehte sich schwungvoll um und entfernte sich wortlos.
„So“, machte Marta, stemmte die Hände in die Seiten und streckte die Zunge raus. Das hatte gut getan. Dann kroch ein seltsames Gefühl in ihren Magen. Was, wenn sie jetzt Ärger bekam? Trotzdem! Ab jetzt würde sie nur noch mit Kindern spielen, die sie mochte. Zum Beispiel mit Bogdan, der ein Stockwerk tiefer schräg unter den Bukowskis wohnte.
„Nimm noch mehr, du isst sie doch so gern!“, sagte Bogdans Mutter und schöpfte Marta noch mal von der Suppe auf den Teller. Mutter arbeitete bis in die späten Abendstunden, Tomek war mit Tante Alina, Mutters bester Freundin, im Zoo, und Marta verbrachte die Zeit bei ihrem Kindergartenfreund. Bei ihnen war es behaglich.
„Danke“, antwortete Marta, um höflich zu sein. Sie mochte diese merkwürdige, gesalzene Milchsuppe mit Kartoffeln und Nudeln nicht. Lieber aß sie Hefekuchen oder Knödel, die Bogdans Mutter machte.
„Hoffentlich legst du etwas zu.“
Marta rang sich ein Lächeln ab. „Ja.“
Kein Wunder, dass die alle so dick sind. Die essen nie Gemüse.
„Gehen wir.“ Bogdan zupfte Marta, die mit ihrer Suppe kämpfte, am Ärmel. In seinen zwei recht großen Zimmern, die er als Einzelkind bewohnte, stolperte man oft über seine vielen Plastikautos, Schwerter und Legosteine. Sie war froh, dass sie einen Grund hatte, vom Tisch aufzustehen. In jedem Fall war sie lieber bei dem dicklichen Jungen mit den schweißigen Händen als im Aufenthaltsraum oder in der kalten Wohnung. Bei ihm war es sauber und roch nach Milch und Hefeteig. Sie half ihm bei den Hausaufgaben und sie spielten zusammen. Seine Eltern waren mit Abstand die ältesten von allen, sogar noch älter als Mutter, die die Zwillinge mit dreißig bekommen hatte. Sein Vater stand kurz vor der Pensionierung, seine Mutter war schon gut fünfzig und arbeitete nicht.
Nach dem Essen räumte Bogdans Mutter die Küche auf und putzte die Wohnung, zumeist in einer viel zu kurzen Polyesterschürze. Sie sammelte schwere Kristallvasen, die in der Wohnwand auf gehäkelten weißen Spitzenunterlagen standen. Oft polierte sie sie und betrachtete sie ehrfürchtig. Bücher gab es dort keine. Marta wusch sich gern in der Küche die Hände, weil sie dann auf die mit vergorener Milch gefüllten faustgroßen Baumwollsäckchen tippte, die an der Spüle hingen. Mit Wonne schleckte sie die frische Molke ab, die von ihm herunter tropfte und freute sich auf den Quark, der daraus entstehen würde.
Bogdans Vater verfolgte täglich die Resultate aktueller Fußballmatchs. Marta sah im gern zu, wenn er bei der Lotto-Zahlenziehung im Fernsehen angespannt auf die Richtigen hoffte. Jetzt legte er den Suppenlöffel weg und las mit ernster Miene die Zeitung, ähnlich wie Opa. Bei uns gibt es keine festgelegten Gewohnheiten.
Nicht nur dies unterschied sie von ihrem Zuhause. Nachdem Mutter zum ersten Mal bei Bogdans Eltern zum Kaffee eingeladen war, wurde Marta klar, dass sie selbst bis auf Mutters Freundin Alina nie Besuch empfingen.
Sie dachte an ihre Wohnung, deren einziges Familienzimmer so anders aussah als alle anderen, die sie schon mal besucht hatte. Weil es unordentlich und im Winter kalt war, nahm sie lieber keine Kinder mit zu sich nach Hause. Zudem stellte Mutter oft überraschend die Möbel um. Hin und wieder fanden die Zwillinge am Nachmittag einen völlig anderen Raum vor als es noch am Morgen gewesen war. Marta hätte lieber eine Ecke für sich gehabt, die immer gleich blieb, wie es bei den Bukowskis oder bei Bogdan war.
Als Alleinerziehende arbeitete Mutter immerzu, weshalb die Zwillinge nach dem Kindergarten selbstständig in die Wohnung zurückkehrten. Die knapp fünfjährige Marta hatte den Schlüssel um ihren Hals gehängt, damit er nicht verloren ging. Sie öffnete die breite Spanplattentür, deren mehrschichtige rostbraune Lackfarbe abblätterte. Modriger Geruch stach ihr in die Nase. Sie hasste den schweren, ewig schmutzigen Vorhang, der die Toilette vom Flur abtrennte. Als sie kurz die Küche betrat, um sich einen Apfel zu holen, bekam sie Angst vor den Ratten, die in den Rohren der Badewanne raschelten. Nur laufendes Wasser konnte die Tiere verscheuchen.
Furchtbar kalte Luftmassen kamen ihr entgegen, als Marta in das einzige Zimmer ging, dessen Kachelofen nur abends angefeuert wurde. Ihren Rucksack lehnte sie an ihr Bett und blieb vor der hohen und sehr breiten Wohnzimmerwand, ihrem Lieblingsmöbelstück stehen. Hinter den rotschwarzen Schiebetüren aus Glas wartete ein heilloses Durcheinander aus Büchern auf sie. Wenn man die Scheiben öffnete, fielen die Bände krachend heraus. Nur dieses eine, beständige Chaos zu Hause mochte Marta. Tomek und ihr standen je eine der drei breiten Schubladen zur freien Verfügung – eine Art Heiligtum. Sie bewahrte dort ihre Zeichnungen, Buntstifte, Gummibälle sowie Schokolade auf, die sie sich über die ganze Woche einteilte. Ihr Bruder vertilgte seine Süßigkeiten stets sofort und bediente sich dann bei ihren, was sie zur Weißglut trieb. Aber Mutter reagierte nicht auf ihre Beschwerden. Beim Einschlafen starrte Marta die floralen Stuckaturen an der Decke an und malte sich gute Giganten und zottige Riesentiere aus.
Die Kapuzenjacke verfügte über eine große Tasche, in die Marta rasch ein frisches Unterhemd hineinstopfte. Ohne sich darum zu kümmern, wie es aussah, zog sie ihren Bademantel darüber an und wickelte den Schal enger um den Hals. Mit Schwung warf sie sich ein Frotteetuch über die Schulter, biss in den Apfel und schloss die Tür von außen zu, indem sie den Schlüssel sorgfältig zweimal und in beiden Schlössern umdrehte. Andere Leute schützten sich mit mehreren Schlössern und dicken Gittern vor den Fenstern und vor der Tür vor Einbrechern, nicht so die Danutowskis. Marta lief rasch über den staubigen Innenhof in das siebenstöckige Mehrfamilienhaus, um zu Oma und Opa Bukowski zu gelangen. Obwohl nicht blutsverwandt, waren sie ihre Familie, und im Winter badeten die Zwillinge bei den Bukowskis, weil es bei ihnen zu Hause zu kalt war.
Am liebsten ging Marta allein dorthin, weil sie sich dann wie eine Prinzessin fühlte. Sie betrat das Treppenhaus und atmete durch den Mund, weil es entsetzlich nach feuchter, verschimmelter Luft, nach Erbrochenem von Betrunkenen, Hundekot und Katzenurin stank. Die schwachen Glühbirnen fehlten, sodass sie über verstreute Kohle auf dem Teppich aus Zigarettenkippen stolperte, die die Bewohner in Eimern vom Keller hinauf in ihre Wohnungen trugen. Geräuschvoll stolperte sie über einen metallenen Gegenstand, wohl einen Teil des Briefkastens und erschrak, obwohl sie all das kannte.
Gedankenversunken ließ sie ihre Hand auf dem breiten Holzgeländer entlanggleiten, während sie sich schon in der Badewanne voller Schaum sah. Plötzlich lief eine dunkelbraune Ratte mit ihrem langen, fleischigen Schwanz über ihren Handrücken und die Brüstung hinauf. Marta quiekte kurz vor Schreck. Sie war zwar nicht ängstlich, aber es kam unerwartet. So schnell wie noch nie rannte sie die restlichen vier Stockwerke hinauf und klingelte stürmisch. Oma öffnete die Tür und sah die keuchende Marta mit aufgerissenen Augen.
„Meine Kleine, was ist mit dir?“
„Eine fette … Glitschige …. Ratte … Auf meiner Hand …“ Stammelte sie, nah am Weinen.
„Meine Marta!“ Oma umarmte sie fest und lange, was sie rasch beruhigte.
Bei ihnen war es schön warm, im knapp beleuchteten Flur roch es nach alten Büchern, und die Möbel standen dort, wo ihr Platz seit jeher war. Als sie sich beruhigt hatte, legte Marta Oma das Frotteetuch in die Hände und wartete auf das vertraute Schmunzeln. Da waren sie, Omas kleine, aufmerksame Augen, die sich ulkig verengten, wenn sie lächelte. Und die kesse Haarlocke auf der Stirn. Marta zog den Bademantel und die Kapuzenjacke aus und betrat das geräumige Altbauzimmer. Oma ging in die Küche, um Wasser in die Wanne einlaufen zu lassen.
In der Mitte thronte Martas geliebter, wuchtiger Mahagonitisch, auf dem Teegläser standen und Bücher lagen. Es waren alle da: Der hinter einer aufgeschlagenen Zeitung kaum sichtbare Opa, die Bukowski-Kinder, die fünfundzwanzigjährige Helenka, die am liebsten auf dem Sofa saß und bei der Begrüßung Martas Pullover liebevoll zurechtzupfte, das machte nur sie so, und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Marcin, Martas stämmiger Patenonkel. Er schlürfte laut seinen Tee, stellte das Glas ab, streichelte mit seiner warmen Hand Martas Kopf und fragte, wie sie den Tag verbracht hatte. Das machte auch nur er so, und sie liebte es. Sie fand es lustig, dass seine Augen denen der Oma glichen, obwohl er ein Mann war.
Marta zog mit den Fingern die feinen Schwünge der Schnitzereien auf den Stuhllehnen nach und wünschte sich, dieser gemütliche und lieb gewonnene Moment würde nicht mehr aufhören. Dann kam Oma ins Zimmer und sagte:
„Bitte, dein Tee. Möchtest du was essen?“ Marta verneinte nur aus Höflichkeit, denn nirgendwo anders gab es bessere Brötchen mit Butter und Schinken. Aber sie kam, um zu baden, und man soll sich zu benehmen wissen.
Die Bukowski-Kinder holten die Zwillinge oft vom Kindergarten ab und nahmen sie zu sich nach Hause mit. Manchmal durften Tomek und Marta das grüne, schummrige Durchgangszimmer in Beschlag nehmen. Aus dem Tisch, den Stühlen, dem Schlafsofa sowie alten Vorhängen und Decken konstruierten sie Burgen, Häuser, Schlösser und Verstecke. Gräben mit erdachtem Wasser umringten die Festungsanlagen. Marta fungierte als Burgprinzessin oder edler Ritter, Tomek mimte die Magd. Hoch zu Ross begab sie sich auf einem Stuhl zu den anderen Edelmännern, um sie mit einem Regenschirm, den sie als Schwert einsetzte, zu unterstützen. Wenn sie weniger Zeit hatten, spielten sie Indianer oder mimten wilde Cowboys, die sich mit Revolvern, das heißt großen Löffeln, duellierten. In friedlichen Zeiten sprangen sie im Schlafzimmer der Großeltern auf dem uralten, durchgelegenen Ehebett mit dem aufwendig geschnitzten Rahmen herum. Gegenüber dem Bett lehnte ein mannshoher Mahagoni-Spiegel, in dem sie sich beim Springen sehen konnten, was ihr Vergnügen enorm steigerte. Sie rivalisierten um die größte Höhe oder die besten Figuren, bis das Spiel irgendwann von den Erwachsenen beendet wurde. Oder aber sie kämmten sich vor dem Spiegel mit Omas Haarbürste, oder probierten sämtliche Schuhe an. Tomek studierte zudem die unmöglichsten Grimassen mit passenden Gesten ein, worin er unerreichter Meister war. Oft zog er Helenkas Kleider an und sie bürstete seinen wallenden Schopf und schminkte seine Augenlider, Lippen und die Pausbacken. Die anschließende Vorführung sorgte für viel Gelächter. Marta beneidete Tomek zwar um diese Darbietung, aber so bunt angemalt gefiel er ihr ganz und gar nicht.
Die Erinnerung an die Ratte im Treppenhaus verflog vollends, als Marta mit dem Tee im Bauch ins warme Wasser stieg. Sie summte und formte Kuchen und Türme aus dem vielen Schaum und stellte sofort wieder neue auf, sobald die Bläschen wie welke Blumen in sich zusammensanken. Wenn Oma nicht mit dem ausgebreiteten Tuch die Küche betreten hätte, wäre Marta eine Ewigkeit im sich abkühlenden Wasser geblieben.
„So, raus mit dir!“ Oma half ihr, die vielen Kleiderschichten anzuziehen.
Als Marta sich von allen verabschiedete, sagte Marcin:
„Ich begleite dich nach Hause!“
„Ich kenne den Weg, danke!“, entgegnete Marta stolz.
„Hm, du hast wie immer deinen Kopf. Aber geh’ wenigstens außen ’rum.“
„Aber das ist doch viel zu weit!“
„Marta, Marta, was sollen wir mit dir tun?“ Ihr Patenonkel strich ihr über den Kopf und lächelte breit.
Halb Breslau erfrischte sich in Freibädern in den heißen Sommermonaten. Mutter ging gern mit den Zwillingen in die Olympia-Anlage, weil sie sich in der Nähe ihres Internats befand. An einem besonders sonnigen Tag ließen sie sich nicht planlos irgendwo nieder, sondern kreisten zunächst auf dem Rasen herum, bis Mutter sich an eine vertrauenswürdig wirkende, ältere Frau wandte:
„Wären Sie so freundlich und würden ein Auge auf meine Zwillinge werfen?“, fragte sie, während sie eine Decke, Badetücher und Proviant auf den Rasen in ihrer Nähe legte.
„Wenn sie brav sind“, antwortete diese, von ihrem Buch heraufblickend.
„Sie machen keine Dummheiten“, versprach Mutter und ging.
Von da an hatten Marta und Tomek öfter solche ‚Rasen-Eltern‘.
Die Zwillinge nutzten schamlos aus, dass sich die Leute selten für sie interessierten, und hielten sich die meiste Zeit im Wasser auf. Sie konnten wie ein Hund paddeln und ging deshalb nicht unter. Marta saß aber auch gern am Beckenrand und schaute auf die glitzernde, unruhige und in der Sonne funkelnde Oberfläche. Für sie waren es Sterne, die tagsüber herunter kamen auf die Erde und die Menschen beobachteten.
Wenn die Tore des Freibades schlossen, fuhren die beiden zwei Stationen mit der Straßenbahn in Mutters Internat und kehrten abends mit ihr zurück nach Hause. Mutter schien es zu genügen, ihre Kinder gesund zu sehen, und so fragte sie nicht, was die beiden getrieben hatten. Bogdans Mutter hingegen war entsetzt, als Marta ihr wie selbstverständlich davon erzählte.
„Dass sie keine Angst um euch hat?“, fragte sie sorgenvoll.
*
Kurz vor ihrem fünften Geburtstag legte Marta Mutter eines ihrer Lieblingskinderbücher auf den Schoß.
„Ich kann lesen wie die älteren Kinder und Erwachsenen!“, verkündete sie stolz.
„Aber das lernt man erst in der Schule.“
„Ich habe es mir selbst beigebracht“, sagte Marta und nahm das Buch. „Ich lese dir die Elefanten-Geschichte vor“, erklärte sie und begann, laut zu buchstabieren. Holprig, beinahe stotternd schaffte sie die ersten drei Sätze.
„Das ist sehr gut, Marta“, sagte Mutter staunend. „Aber du kennst den Text ja auswendig.“
„Ja, darum konnte ich damit Lesen lernen. Ich kann das!“
„Okay, versuche mal das.“ Mutter kramte in der Wohnwand ein dickes Buch hervor, was eine Lawine anderer Bücher nach sich zog. Langsam, nahezu richtig, buchstabierte Marta die unbekannte Prosa.
„Das war schon nicht schlecht.“ Mutter lächelte stolz, wie man es selten bei ihr sah.
„Darf ich schon in die erste Klasse gehen?“, fragte Marta.
„Warte, ich will dir die Kindheit nicht verkürzen.“
„Aber …“
„Nein, Marta. Du kommst wie vorgesehen in die Schule, nicht früher.“
Mutter, so schwankend wie sie sonst im Alltag war, blieb bei ihrer Entscheidung. Sie will sicher keinen Unterschied zwischen Tomek und mir machen. Immer muss es um ihn gehen!
Die schwere Tür knarrte lauter als üblich, als Mutter die Wohnung betrat. Die siebenjährigen Zwillinge kannten alle Mädchen aus der Gruppe jugendlicher, geistig leicht behinderter Mädchen, die Mutter als Sonderschulpädagogin im Internat betreute. Diesmal kam aber das erste Mal die jüngste von ihnen.
„Wir haben Besuch! Begrüßt Kinga schön“, rief Mutter laut und bugsierte eine breite Tasche ins Zimmer.
„Wir bauen eine Burg aus Klötzchen. Machst du mit?“, fragte Marta lächelnd und machte Platz neben sich auf dem Teppichboden.
Kingas Augen leuchteten auf, und sie griff nach einigen Klötzchen, die sie zu den bestehenden zu legen begann. Mutter ließ die Kinder allein.
Tomek sprang auf, holte sich ein Miniatur-Auto und machte wilde Motorengeräusche nach, während er es um die Burg herumfahren ließ. Man hörte das Badewasser einlaufen. Wie müssen sich die anderen fühlen, die nicht zu den Auserwählten gehören? Wieso macht Mutter das? Und was ist mit uns? Genügt es nicht, dass sie sich für Kriegsversehrte einsetzt?
Mutter kam ins Zimmer, reichte den Kindern belegte Brote und Tee und machte die Betten. Marta genoss die friedliche Stimmung, und sie freute sich schon darauf, noch lange nach dem Lichterlöschen zu kichern, bevor die Erschöpfung überhandnahm. Zuerst badete der Gast, danach Marta, später Tomek. Auf dem Weg zur Küche, wo die Badewanne stand, sah sie Kinga: in ihrem allerliebsten Pyjama aus bunt gestreiftem, anschmiegsamem, wenn auch ausgeleiertem und verblichenen Frottee-Jersey. Ein heißer Stich traf sie mitten ins Herz. Marta liebte ihn besonders wegen seiner Kapuze, die sie sich über die nassen Haare ziehen konnte.
Wortlos stieg sie ins Wasser, doch der viele Schaum vermochte nicht, sie von ihren dunklen Gedanken abzulenken. Mutter hat ihn ihr gegeben, ohne mich zu fragen! Wie kann sie nur!
Es gab kein Kichern an diesem Abend. Ich verstecke den Pyjama nächstes Mal. Nach langer Zeit schlief sie endlich ein.
„Deine Lehrerin hat dich gelobt“, sagte Mutter zu Marta, die ungeduldig auf ihren Bericht von der Elternversammlung gewartet hatte. Schon nach drei Schulwochen war Martas Begeisterung über das Rechnen und Malen verflogen. Schreiben und lesen konnte sie ja. Jetzt gab es nichts Neues mehr für sie.
„Und? Will sie mich in die Zweite versetzen?“
„Ich will das aber nicht.“
Marta schwitzte. Warum nur?
„Zeit für mein Käffchen“, verkündete Mutter und begann ihr Ritual, bei dem die Zwillinge sie auf keinen Fall stören durften. Sie brühte sich einen türkischen Kaffee, wie sie ihn nannte, indem sie das gemahlene Kaffeepulver direkt in dem dünnwandigen, henkellosen Glas mit kochendem Wasser übergoss. Mutter rührte bedächtig das braune Gebräu und wartete, bis sich die Körnchen am Boden abgesetzt hatten. Dann schob sie ihren knallroten 1960er-Jahre Kunstledersessel vor das Aquarium, zog die Schuhe aus und setzte sich mit einer angezündeten Zigarette und dem Kaffee hin. Marta mochte diesen intensiven Geruch, der sich dann ausbreitete, nicht.
Abwechselnd rauchend und schlürfend saß Mutter vor dem Aquarium und beobachtete die Guppys. In der Stille blubberte einzig die Luftpumpe im Wasser. Wie langweilig, die sehen alle gleich aus.
Nach dem ersten Glas goss Mutter den Kaffeesatz noch mal und später noch mal auf, rührte mit geschlossenen Augen die jetzt nur noch hellbraune Flüssigkeit.
„Die Schule ist langweilig, die zweite Klasse ist sicher interessanter“, sagte Marta in die Stille hinein. Sie riskierte, Mutter zu stören. Der Preis dafür könnte sein, dass sie ignoriert würde. Aber es war wichtig.
Mutter behielt die Augen geschlossen. „Ich will dir die Kindheit nicht verkürzen.“
Diesen Spruch kannte Marta auswendig.
Sie nahm allen Mut zusammen: „Aber sogar die Lehrerin sieht mich eine Klasse höher. Ich koche immer Tee für sie und gieße die Pflanzen, während die anderen Aufgaben machen.“
„Warte, bis es so weit ist.“
„Aber Arletta, vom Block gegenüber hat vor einer Woche in die Zweite gewechselt!“
„Du bist nicht sie. Du gehst normal zur Schule.“
„Aber es ist schrecklich!“
„Nein.“ Noch immer hatte Mutter die Augen nicht geöffnet, sah weder Marta noch ihre Fische an.
„Ich muss mich oft während des Unterrichts um den verwöhnten Sohn der Lehrerin kümmern. Er ist kindisch und kann sich nicht selbst beschäftigen!“
Mutter schwieg und wandte sich dem Aquarium zu. Marta wusste, dass es vorbei war, also kuschelte sie sich an Joka.
An diesem Samstag hätte Marta lieber ausgeschlafen, aber Mutter musste arbeiten und nahm die Zwillinge mit. Noch etwas müde saß sie in der Straßenbahn und dachte, dass es doch keine schlechte Idee war, mit ins Internat zu kommen. Sie hätte in die Tagesstätte der Schule gehen können, die Kindern von alleinstehenden Eltern bis zur dritten Klasse offenstand. Und Marta mochte die Mädchen aus der Gruppe im Internat.
„Guck mal, man schreibt diese Zahl genau unter der ersten und zählt so von oben nach unten zusammen. Du beginnst mit der hinteren Zahl und schreibst das Resultat direkt darunter. Und schon ist die Aufgabe gelöst“, erklärte Marta der dreizehnjährigen Kinga. „Versuch du mal. Schön langsam.“
Das Mädchen schaffte es dann schließlich, und Marta fand es schön, wie stolz es dreinblickte.
Es war herrliches Wetter, also ging die Gruppe nach dem Mittagessen nach draußen. Man spielte Volleyball oder Badminton. Als es Marta langweilig wurde, suchte sie Mutter. Es überraschte sie nicht, zu sehen, wie sie an der Längsseite des Gebäudes kniend die Rosen schnitt und sich mit den zerkratzten Händen den Schweiß von der Stirn wischte.
„Tun die Kratzer weh?“
„Ach wo!“ Sie hob welke Blätter vom Boden. „Es kommt ja von meinen geliebten Rosen.“
„Klar“, murmelte Marta enttäuscht. Wie gern hätte sie von Mutter gezeigt bekommen, wie man Rosen pflegte oder ihr von der Schule erzählt.
Abends gingen sie zu Fuß nach Hause, weil es angenehm sommerlich und noch hell war. Auf dem Weg klingelte Mutter spontan bei ihrer Freundin Alina, bei der die Zwillinge so manches Wochenende oder Feiertage verbrachten. Nachdem Tante Alina bekanntlich für ihre rechtzeitige Geburt gesorgt hatte, gehörte sie ein wenig zu der Danutowski-Familie.
„Kommt rein in die gute Stube! Wer hat Lust auf Tee?“, begrüßte sie die Überraschungsgäste.
„Wohl wir alle, denk’ ich“, sagte Mutter und nahm auf dem Sofa Platz.
Marta fühlte sich wohl in Tante Alinas winziger, über alle Massen vollgestellter, sauberer Wohnung, deren Boden mit mehreren Teppichen übereinander bedeckt war. Im Gegensatz zu Mutter pflegte ihre Freundin sich aufwendig – sie schminkte sich, toupierte ihre blondierten Haare und drehte sich passend zu ihrer Leibesfülle dicke Locken. Sie cremte ihr Gesicht sorgfältig ein und benutzte ein Deo sowie ein Parfum. Der tiefe Ausschnitt bot freien Blick auf ihren imposanten Busen, an den sie die Kinder bei der Begrüßung heranzog. Sie trug nie Hosen – unter dem knielangen Rock lugten ihre stämmigen Waden hervor. Weit und breit war sie die einzige Person, die sich ihre Zehennägel lackierte. Manchmal bekam sie Atemnot und musste sich etwas in den Mund sprühen.
„Das sind die Asthmamedikamente, die machen fett“, sagte sie und schüttelte kummervoll den Kopf.
„Tomek, was hast du heute so gemacht?“, fragte Tante Alina.
