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Sie ist eine bemerkenswerte, eine wirklich erstaunliche Frau, und sie steht mit beiden Beinen mitten im Leben. Die Kinderärztin Dr. Martens ist eine großartige Ärztin aus Berufung, sie hat ein Herz für ihre kleinen Patienten, und mit ihrem besonderen psychologischen Feingefühl geht sie auf deren Sorgen und Wünsche ein. Alle Kinder, die sie kennen, lieben sie und vertrauen ihr. Denn Dr. Hanna Martens ist die beste Freundin ihrer kleinen Patienten. Der Kinderklinik, die sie leitet, hat sie zu einem ausgezeichneten Ansehen verholfen. Es gibt immer eine Menge Arbeit für sie, denn die lieben Kleinen mit ihrem oft großen Kummer wollen versorgt und umsorgt sein. Für diese Aufgabe gibt es keine bessere Ärztin als Dr. Hanna Martens! Kinderärztin Dr. Martens ist eine weibliche Identifikationsfigur von Format. Sie ist ein einzigartiger, ein unbestechlicher Charakter – und sie verfügt über einen extrem liebenswerten Charme. Alle Leserinnen von Arztromanen und Familienromanen sind begeistert! »Guten Morgen, Papa, hast du gehört, ob die kleinen Katzen von Schumanns schon da sind?« Doktor Stefan Holzner sah seine zehnjährige Tochter Svenja liebevoll an und schüttelte den Kopf. Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich an den Frühstückstisch. »Aber die müssen jetzt doch jeden Tag kommen, nicht? Minka hat schon ein Nest gebaut. In der Schublade von Katrins Kommode! Sie wollte Minka da raussetzen, aber die geht immer wieder hinein, und dann faucht sie!« »Ja, Katzen sind sehr eigenwillig. Wenn sie ihren Platz gefunden haben, lassen sie sich nicht mehr vertreiben. Katrin soll alte Stofflumpen in die Schublade legen statt ihrer Pullover, dann wird es sicher gehen! Darunter eine Schicht Zeitungen, das kann sie dann nach der Geburt wegwerfen. Katzenmütter halten den Wurf und die Kiste sehr sauber.« »Ich sag's dir, wenn ich sie in der Schule sehe! Oma, ich möchte gern einen Toast!« Melanie Holzner, die sechzigjährige Großmutter von Svenja und Mutter des Tierarztes, steckte eine Scheibe Toast in den Toaster und goß ihrem Sohn Kaffee ein. Sie betreute Sohn und Enkelin, seit Claudia Holzner die beiden vor fünf Jahren verlassen hatte, um mit einem anderen Mann zu leben. Stefan Holzner hatte dieser Schlag völlig unvorbereitet getroffen. Zwar war Claudia oft nach Uelzen gefahren, aber daß sie dort einen Freund hatte, wußte er nicht. Nur ein Brief erklärte ihm dann in dürren Worten, daß sie das langweilige Landleben in Ögela, einem Heideörtchen, nicht mehr aushielte. So hatte er nach einem Vierteljahr die Scheidung eingereicht und seine Mutter gebeten zu bleiben, damit sie sich um die kleine Svenja kümmern konnte.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Guten Morgen, Papa, hast du gehört, ob die kleinen Katzen von Schumanns schon da sind?«
Doktor Stefan Holzner sah seine zehnjährige Tochter Svenja liebevoll an und schüttelte den Kopf. Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich an den Frühstückstisch.
»Aber die müssen jetzt doch jeden Tag kommen, nicht? Minka hat schon ein Nest gebaut. In der Schublade von Katrins Kommode! Sie wollte Minka da raussetzen, aber die geht immer wieder hinein, und dann faucht sie!«
»Ja, Katzen sind sehr eigenwillig. Wenn sie ihren Platz gefunden haben, lassen sie sich nicht mehr vertreiben. Katrin soll alte Stofflumpen in die Schublade legen statt ihrer Pullover, dann wird es sicher gehen! Darunter eine Schicht Zeitungen, das kann sie dann nach der Geburt wegwerfen. Katzenmütter halten den Wurf und die Kiste sehr sauber.«
»Ich sag’s dir, wenn ich sie in der Schule sehe! Oma, ich möchte gern einen Toast!«
Melanie Holzner, die sechzigjährige Großmutter von Svenja und Mutter des Tierarztes, steckte eine Scheibe Toast in den Toaster und goß ihrem Sohn Kaffee ein.
Sie betreute Sohn und Enkelin, seit Claudia Holzner die beiden vor fünf Jahren verlassen hatte, um mit einem anderen Mann zu leben.
Stefan Holzner hatte dieser Schlag völlig unvorbereitet getroffen. Zwar war Claudia oft nach Uelzen gefahren, aber daß sie dort einen Freund hatte, wußte er nicht. Nur ein Brief erklärte ihm dann in dürren Worten, daß sie das langweilige Landleben in Ögela, einem Heideörtchen, nicht mehr aushielte.
So hatte er nach einem Vierteljahr die Scheidung eingereicht und seine Mutter gebeten zu bleiben, damit sie sich um die kleine Svenja kümmern konnte.
Svenja hatte zum Glück mehr an dem Vater gehangen, ihre Mutter war oft ungeduldig und grob mit ihr gewesen, so daß sie ihr nicht sehr fehlte. Sie war zu einem fröhlichen Mädchen geworden, das nichts zu vermissen schien bei Vater und Großmutter.
Sicher trugen auch die vielen Tiere dazu bei, die hier bei ihnen lebten. Sie hatten eine Ziege, die Martha hieß, ein Kaninchen Anton, eine Boxerhündin Suse und ein zahmes Eichhörnchen namens Mister X, weil es immer so geheimnisvoll auftauchte und wieder verschwand.
Vor der Schule versorgte Svenja gewissenhaft alle Tiere, sie war da sehr zuverlässig, wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte. »Gibt es heute etwas Besonderes in der Schule?« fragte Dr. Holzner jetzt.
»Ja, wir schreiben heute eine Rechenarbeit, aber das kann ich ganz gut. Ist der Dackel von Maier eigentlich wieder gesund?«
»Ja, er hat es geschafft, ich habe es fast nicht geglaubt. Hoffentlich passen Maiers jetzt besser auf, damit er nicht noch mal so viel Schokolade samt Papier frißt!«
Ihr Vater freute sich über Svenjas Interesse an seiner Arbeit. Ob sie mal in seine Fußstapfen treten würde? Sie war sehr geschickt im Umgang mit Tieren und hatte keine Angst vor ihnen. Aber um das zu beurteilen, war es wohl noch zu früh.
»So, ich muß flitzen. Gestern bin ich zu spät gekommen, weil Suse mich gar nicht gehen lassen wollte!«
Svenja erhob sich, gab Oma und Vater einen Kuß und griff nach ihrer Schultasche. Sie war ein hübsches Mädchen. Ihr dickes rotbraunes Haar war heute zu einem Pferdeschwanz zusammengefaßt, den sie mit einer roten Schleife, passend zum T-Shirt, geschmückt hatte. Dazu trug sie ihre unvermeidliche Jeans, in Röcken sah man sie so gut wie nie. Sie fand das schrecklich unpraktisch, wenn sie zum Beispiel über den Zaun einer Pferdekoppel klettern wollte.
»Viel Spaß, meine Kleine« rief ihr die Großmutter nach. Svenja nickte und schlug die Haustür hinter sich zu.
»Was ist sie doch für ein liebes Mädchen! Ich bin froh, daß sie dir nachgerät, mein Junge, und nicht ihrer Mutter!«
Melanie Holzner setzte sich ihrem Sohn gegenüber. Diese halbe Stunde, bevor der Praxisbetrieb begann, war für beide wichtig. Sie besprachen anstehende Entscheidungen oder klönten gemütlich zusammen. Oft sah sie ihren Sohn vor dem Abend gar nicht, höchstens im Vorbeigehen.
Bei der Erwähnung seiner geschiedenen Frau verzog Stefan Holzner unwillig sein Gesicht. Er dachte nicht gern zurück an sie.
»Du tust ja so, als wäre ich ein Musterknabe gewesen, Mama. Das habe ich allerdings etwas anders in Erinnerung. Weißt du noch, wie ich mal dein Badezimmer unter Wasser gesetzt habe?«
Sie lachte.
»Ja, du wolltest unbedingt Fische haben, und weil wir kein Geld übrig hatten für ein Aquarium, hast du einfach die Guppys in die Badewanne gesetzt und vergessen, das Wasser auszudrehen. Wir haben noch tagelang Guppys in allen möglichen Ritzen gefunden!«
»Siehst du, schon damals hatte ich Interesse an Tiere. Wie alt war ich da eigentlich, acht?«
»Nein, ich glaube, du warst gerade erst zur Schule gekommen. Also etwas über sechs. Ich erinnere mich auch noch daran, wie du eine Schlange in dein Zimmer geschmuggelt hattest. Du hast Kreuzotter und Blindschleiche verwechselt. Weißt du noch? Du dachtest, die Kreuzotter sei nicht giftig und hast sie gestreichelt! Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich den Karton unter deinem Bett entdeckte!«
»Siehst du, und da bist du froh, daß Svenja mir nachschlägt? Sei lieber vorsichtig!«
Sie lachten sich vergnügt an. Svenja war umsichtiger als ihr Vater in dem Alter, meinte die Großmutter abschließend, wahrscheinlich hatte sie das von ihr geerbt.
Er trank seinen Kaffee aus und bedankte sich für das Frühstück. Immer war er sehr höflich, darauf war Melanie besonders stolz, war es doch auf ihre Erziehung zurückzuführen. Sie sah ihm nach, als er jetzt über den Hof ging.
Ein so stattlicher Mann von siebenunddreißig Jahren sollte nicht allein leben. Melanie gehörte nicht zu den Müttern, die ihren Sohn lieber für sich behalten wollten. Es war nicht natürlich, wenn ein Mann dieses Alters mit Kind und Mutter zusammenlebte, fand sie. Aber weit und breit sah sie keine Frau, die auch nur annähernd zu ihm passen könnte.
Da gab es mal eine junge Frau, die des öfteren mit ihrer Katze in die Praxis gekommen war. Melanie wußte gar nicht mehr, wie sie hieß. Sie war sehr nett gewesen, und die Mutter hoffte bereits, daß auch ihr Sohn das bemerken würde, aber leider hatte die junge Frau dann einen Bauern aus dem Nachbardorf geheiratet, der Witwer war.
Als sie es später Stefan gegenüber einmal erwähnte, hatte er schallend gelacht.
»Weißt du, daß sie mir erklären wollte, wie ich ihre Katze zu behandeln hätte? Sie kam ja nur zu mir, weil weit und breit kein anderer Tierarzt ist! Ich glaube, sie konnte mich nicht ausstehen!«
»Das gibt es nicht, daß man dich nicht ausstehen kann«, widersprach seine Mutter, was bei ihm zu einem erneuten Heiterkeitsausbruch führte.
»Laß man, Mutter, ich fühle mich ganz wohl so, wie es ist. So etwas kann man nicht erzwingen!«
*
Doktor Holzner ging in seine Praxis hinüber, die in einem extra gebauten Flachdachbungalow untergebracht war. Er hatte ein großes Grundstück, so war es ohne weiteres möglich gewesen.
Seine Frau hatte damals darauf bestanden, weil sie das ewige Hin und Her nervte. Sie wollte nicht ständig über kranke Tiere stolpern.
Gesa Schroeter, – seine tüchtige, zweiundzwanzigjährige Sprechstundenhilfe, war schon am Wirbeln, wie sie es immer nannte. Sie ließ die tierischen Patienten herein mit ihren Besitzern, nahm die Anrufe entgegen und half bei kleineren Eingriffen.
Dann war da noch der alte Knut, von dem niemand viel wußte. Eines Tages war er in Ögela aufgetaucht und hatte dem Doktor seine Dienste angeboten. Er war viele Jahre Schäfer gewesen, aber sein Rheuma ließ das Leben in der freien Natur nicht mehr zu. Jetzt wohnte er in einer alten Kate am Dorfrand und erschien jeden Morgen pünktlich um neun, um seine Arbeit bei dem Doktor anzutreten.
Seine Hand für Tiere war bemerkenswert. Er behauptete steif und fest, daß er mit ihnen sprechen könnte, und fast glaubte es der Doktor, denn manchmal, wenn er nicht so recht weiterkam, half es schon, wenn der alte Knut ihnen die Hand auflegte oder irgendein Kräutlein oder eine Salbe mitbrachte.
Im Laufe der Zeit war er Stefan unentbehrlich geworden. Er fühlte sich keineswegs in seiner Berufsehre gekränkt durch die Fähigkeiten des alten Mannes. Stefan zahlte ihm ein anständiges Gehalt für seine Hilfe, so daß beide zufrieden waren.
»Gute Morgen, Doc, allerhand Betrieb heute morgen«, grinste Gesa und deutete auf die Tür des Wartezimmers, hinter der Bellen, Miauen und Quaken zu hören war.
»Haben wir Frösche da drinnen?« fragte Stefan erstaunt.
»Ja, haben wir wirklich. Frau Seiler will wissen, ob man ihnen das Quaken abgewöhnen kann. Ihre Nachbarn beschweren sich! Die Frösche sind aus ihrem Gartenteich!«
»Dann schicken Sie sie mir mal gleich rein, damit die anderen Tiere nicht rebellisch werden. Fast kann ich die Nachbarn verstehen«, grinste er und zog seinen weißen Kittel an, den Gesa ihm hinhielt.
Nach drei Minuten betrat Frau Seiler das Sprechzimmer, in der Hand einen Bastkorb mit Deckel, aus dem Quaken und dumpfe Plumpser zu hören waren.
»Ach, Herr Doktor, ich bin ganz verzweifelt. Hören Sie doch, was die für einen Spektakel machen! Meine Nachbarn beschweren sich laufend!«
»Sind die Frösche allein in Ihren Garten zugewandert?« fragte der Tierarzt.
»Na ja, also… nicht direkt!«
»Sehen Sie, sie suchen Weibchen, deshalb machen sie dieses Gequake. Das hört erst dann auf, wenn die Zeit um ist! Da kann man nichts machen. Sie müßten sie höchstens zum Weiher bringen, da sind noch mehr Frösche!«
»Aber ich würde sie so gern behalten! Es ist so niedlich, wenn sie durchs Gras hüpfen!«
»Und unter den Rasenmäher kommen? Nein, wenn die Frösche nicht von selbst zuwandern, sollte man sie in ihren natürlichen Lebensräumen lassen. Entschuldigen Sie, Frau Seiler, aber es ist im übrigen auch verboten, Froschlaich oder Kaulquappen mitzunehmen!«
Sie wurde rot und sah ihn verärgert an. Aber Stefan Holzner erwiderte ihren Blick mit unbeweglicher Miene. Es ging nicht an, daß er solchen Leichtsinn noch unterstützte. Er war Tierarzt, und das Wohl der Tiere lag ihm am Herzen, auch wenn es sich um Frösche handelte.
»Also, Frau Seiler, seien Sie vernünftig und bringen Sie sie zum Weiher, dann ist wieder Ruhe in Ihrer Nachbarschaft.«
Sie nickte und verließ das Sprechzimmer. Stefan bat den nächsten Tierbesitzer, einen kleinen Jungen mit seinem Wellensittich, dem die Krallen geschnitten werden mußten. Er verwies ihn an Gesa, die so etwas nebenbei machte.
So ging der Vormittag dahin. Er untersuchte, gab Spritzen, verschrieb Salbe, entfernte Zecken, das übliche Pensum. Im Nu war es eins, eigentlich endete die Sprechstunde schon um zwölf. Aber wenn er sich den Tieren widmete und die Besitzer beruhigte, nahm er sich die Zeit, die er brauchte.
Um halb vier ging er hinüber, um eine Kleinigkeit zu essen. Svenja sauste an ihm vorbei und rief ihm im Vorbeigehen zu, daß bei Minka die Geburt begonnen hatte.
»Gut, Kleines, du weißt ja Bescheid. Wenn etwas ist, ruft mich!«
»Machen wir, Papa, aber ich glaube, sie schafft es allein. Kommst du abends mal vorbei und guckst sie dir an?«
»Natürlich, mache ich!«
Schon war Svenja wieder weg.
Ihre Freundin Katrin brauchte ihre Hilfe, schließlich wußte sie, worauf man zu achten hatte.
*
Am Abend um sechs endete die normale Sprechstunde, aber meistens kam Stefan vor sieben nicht weg. So war es auch heute.
Er wollte gerade ins Wohnhaus hinübergehen, als das Telefon klingelte. Gesa war gerade weg, auch Knut war vor zehn Minuten gegangen.
»Holzner«, meldete Stefan sich.
»Oh, Herr Doktor, gut, daß ich Sie noch erreiche! Mein Name ist Laura Simon. Unser Pferd scheint krank zu sein. Es ist ein Welsh-Pony und gehört meinem neunjährigen Sohn.«
»Was tut es, Frau Simon?« fragte Stefan zurück.
»Es schlägt immer mit den Hinterbeinen an den Bauch und will sich zum Bauch umdrehen. Außerdem schwitzt es und ist furchtbar unruhig!«
»Ich komme sofort. Bitte achten Sie unbedingt darauf, daß es sich nicht hinlegt und wälzt. Verhindern Sie es mit allen Mitteln!«
»Ist es so ernst?«
»Solange es steht, nicht. Ich bin gleich da. Wo wohnen Sie, Frau Simon?«
Sie gab ihm die Anschrift. Das Haus lag knapp außerhalb des Ortes.
Stefan packte seine Tasche entsprechend um und rief im Haus an.
»Mama? Ich komme später. Muß noch zu einem kranken Pferd! Vermutlich Kolik!«
»Oh, das kann ja dauern. Gut, ich weiß Bescheid!« antwortete Melanie.
Stefan Holzner stieg in seinen großen Kombi und fuhr los. Eine Viertelstunde später hielt er vor einem schönen Bungalow, der neu sein mußte, denn die Gartenbepflanzung war frisch angelegt.
Er war gerade ausgestiegen, als sich die Haustür öffnete und eine schlanke, große Frau herauskam. Sie hatte goldblondes, naturkrauses Haar, das sie im Nacken zusammengefaßt hatte mit einem braunen Samtband. Ihre blauen Augen blickten ihn freundlich an.
»Vielen Dank, Herr Doktor, daß Sie so schnell gekommen sind. Max ist schon ganz unglücklich!«
Sie ging mit ihm zum Stall hinüber. Ihre Schritte waren ausgreifend wie die seinen. Eine kokette Frau schien sie nicht zu sein, dachte Stefan und fragte sich dann, warum es ihm überhaupt auffiel. Wahrscheinlich, weil sie keine Anzeichen von Panik zeigte, vermutete er. Viele Frauen reagierten auf ihre kranken Tiere stärker, als wenn ihren Kindern etwas fehlte.
Im Stall, der sehr sauber war und gut roch nach frischem Heu, saß ein kleiner Junge mit dem gleichen goldblonden Haar wie seine Mutter auf dem Gitter der Box. Jetzt hüpfte er hinunter und sah den Tierarzt mit ängstlichen Augen an.
»Muß Baba jetzt sterben?«
Das Pferd war wirklich sehr unruhig. Es war ein schöner Brauner mit schwarzer, gepflegter Mähne.
Doktor Holzner legte ihm die Hand auf die Nüstern und murmelte ein paar beruhigende Worte, doch das Pferd stieß die Hand unwillig weg und versuchte erneut, mit dem Kopf an den Bauch zu stoßen.
»Nein, mein Junge, ich komme ja noch rechtzeitig. Gut, daß deine Mutter angerufen hat.«
Mutter und Sohn standen jetzt an der Seite und sahen Stefan zu, der das Pferd untersuchte.
»Wie ich mir dachte, eine Kolik. Wichtig ist dabei, daß das Pferd sich auf keinen Fall hinlegt und versucht, sich zu wälzen. Dann würde es Darmverschlingung bekommen. Sie werden eine lange Nacht haben, fürchte ich!«
»Ach, das macht nichts, Herr Doktor, Hauptsache, seine Baba wird wie der gesund«, antwortete Laura Simon mit ihrer tiefen, warmen Stimme.
Sie umarmte ihren Sohn, indem sie ihm die Arme von hinten um die Schultern legte und sie vor seiner Brust kreuzte. Er stand ganz still und beobachtete, wie der Tierarzt jetzt einen langen Schlauch und eine Flasche mit einer öligen Flüssigkeit aus der Tasche nahm.
»Ich mache Baba jetzt einen Einlauf. Er geht von den Luftwegen direkt in den Magen. Baba wird dann nach einer Weile Durchfall bekommen, dann ist es geschafft. So lange darf sie nicht liegen, Sie werden sie im Hof herumführen müssen an der Longe.«
Er führte mit geschickten Bewegungen den Schlauch in die Nüstern ein, schob ihn nach und paßte gleichzeitig auf, daß das unruhige Tier ihn nicht trat. Dann kippte er den Inhalt der Flasche in den Schlauch und hob ihn hoch.
»So, das war’s schon. Ich warte noch ein wenig. Können wir Baba hinausführen?«
»Ja, ich mache das Tor auf«, erbot sich Max eifrig.
Stefan legte ihm die Longe an, die Laura ihm reichte, und brachte das Pferd hinaus. Es wehrte sich gegen alles, was es davon ablenkte, an seinen Bauch zu kommen, aber Stefan hielt Baba eisern fest.
»Sie wohnen noch nicht lange hier, nicht wahr?« fragte er Laura, die neben ihm her ging.
»Nein, erst seit knapp einem Jahr. Ich bin wegen Max hier heraus gezogen. Er wollte unbedingt ein Pferd haben. Da es aus therapeutischen Gründen wichtig für ihn war, habe ich dann das Grundstück gekauft und das Haus gebaut. Hier draußen hat er es gut!«
»Ist er denn krank? Er macht einen ganz munteren Eindruck auf mich!« sagte Stefan.
»Gott sei Dank! Er hatte als Baby cerebrale Bewegungsstörungen. Wir haben unentwegt geturnt und bestimmte Übungen gemacht. Dann begann er zu reiten, weil es für die Bewegungskoordination gut und wichtig war. Leider schloß der Reitstall, zu dem ich ihn immer brachte. Weil er inzwischen auch seine Liebe zu Pferden entdeckt hatte, sind wir nun hier gelandet.«
»Es lebt sich schön hier, Sie werden sehen!«
