Mein Blind Date mit dem Leben - Saliya Kahawatte - E-Book

Mein Blind Date mit dem Leben E-Book

Saliya Kahawatte

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Beschreibung

15 Jahre lang verschwieg Saliya Kahawatte, dass er nur noch zu 5 Prozent sehen kann. Wie und warum er das tat, erzählt er in diesem Buch. Mit 15 Jahren verliert der Deutsch-Singhalese Saliya Kahawatte innerhalb von Monaten einen Großteil seines Augenlichts. Die Ärzte sagen, dass er eines Tages völlig blind sein wird. Er soll die Schule verlassen und in die Blindenwerkstatt, er aber träumt von Abitur, Studium und selbstbestimmtem Leben. 15 Jahre lang verschweigt er seine Behinderung, um in der Welt der Sehenden Karriere machen zu können. Fingerspitzen, Ohren und seine Intuition ersetzen seine Augen. Er arbeitet härter als die anderen, lernt mit Hilfe eines Sprachcomputers und weniger Eingeweihter Bücher, Stadtpläne oder als Barchef Getränkekarten auswendig. Das Zählen von Treppenstufen gehört zu seinen Strategien wie das Dummstellen im Notfall. Für seinen Weg zahlt er einen hohen Preis: Selbstverleugnung, innere Einsamkeit, immer wieder Suchtgefährdungen. Erst als er lernt, dass man nicht gegen, sondern nur mit seiner Behinderung leben kann, ist er wirklich im Leben angekommen. Selbstironisch und ermutigend erzählt Saliya Kahawatte von seinem Weg durch extreme Höhen und Tiefen.

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Seitenzahl: 296

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Saliya Kahawatte

mit Nele-Marie Brüdgam

Mein Blind Date mit dem Leben

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen WerkesBastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG© 2009 Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, KölnUmschlaggestaltung: Christin WilhelmLektorat: Marion Voigt, folioAusstattung, Typografie: Susanne ReehDatenkonvertierung: Fotosatz Amann, MemmingenISBN 978-3-8387-5601-1Sie finden uns im Internet unter: www.luebbe.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

FÜR MEINE MUTTER

INHALT

EINS

Heute. Klarheit

1985. Alles verschwimmt

ZWEI

Heute. Strukturen

1969 bis 1985. Drauflosgelebt

1986 bis 1989. Ich will mehr!

DREI

Heute. Einsichtig, aufrichtig

1989 bis 1992. Der Schwindel beginnt

1992 bis 1993. Auf der Karriereleiter

VIER

Heute. Volle Kraft voraus

1993 bis 1994. Im Aufwind

Juli bis Dezember 1994. Am Abgrund

FÜNF

Heute. Aus Schaden wird man anders

1995 bis 1998. Drunter und drüber

1998 bis 2002. Gehe zurück auf Los

SECHS

Heute. Immer noch die Ausnahme

2003 bis 2004. Absturz

2004 bis 2006. Im Blindflug zum Erfolg

SIEBEN

Heute. Und morgen

DANKE!

EINS

Heute. Klarheit

Mein Lieblingsweg führt an der Außenalster entlang. Ich gehe unheimlich gern spazieren, möglichst ein- bis zweimal pro Woche, meistens abends nach der Arbeit. Der Startpunkt ist für mich am Schwanenwik, direkt am Wasser, und der Wind sagt mir, wie die Alster gerade aussieht: spiegelglatt, ein bisschen wellig oder richtig aufgewühlt. Ich spaziere Richtung Norden, am Gästehaus des Hamburger Senats vorbei, wo immer ein Polizeiauto steht. Oft lassen die Polizisten die Standheizung laufen, ich erkenne das Auto am Dieselgeruch und am Geräusch. Wenn es Sommer ist und hell, bemerke ich den Wagen nur manchmal– aus einem bestimmten Blickwinkel und bei günstigem Licht. Als Nächstes kommen ein Ruderclub und eine Moschee, ein kleiner Park. Später geht es etwas bergab, danach ändert sich der Boden, da spüre ich Baumwurzeln. Wenn ich sehr viel Zeit habe, laufe ich noch bis zur großen Brücke, wo eine leichte Brise oft den Pommesgeruch eines Restaurants herüber weht. Dann kehre ich um und spaziere denselben Weg zurück.

Normalerweise erzähle ich so was nicht gern, weil die Leute schnell denken: Voll der Spinner! Fast blind, dazu noch gehbehindert– aber allein im Dunkeln an der Alster herumspazieren! Manche denken es nicht nur, sondern sagen es auch. Und wahrscheinlich machen sie dabei ein entsetztes Gesicht, aber das sehe ich zum Glück nicht.

Immer wieder höre ich auch den Ratschlag: »Sei vernünftig, nimm wenigstens deinen Stock mit.« Wie soll ich darauf angemessen reagieren? Ich will nicht zynisch klingen, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als zu fragen: »Welchen Stock meinst du denn? Den Blinden- oder den Gehstock?«

Mein Sehvermögen beträgt gerade mal fünf Prozent– in Umgebungen, die ich nicht kenne, brauche ich den Blindenstock tatsächlich. Außerdem sind meine beiden Hüften kaputt, das verdanke ich einer Chemotherapie. Rechts habe ich seit Langem ein künstliches Hüftgelenk, mittlerweile ist es so abgenutzt, dass die Prothese bald ausgetauscht werden muss. Das linke, noch nicht operierte Hüftgelenk ist ebenfalls stark angegriffen. Rein theoretisch wäre es also vernünftig, einen Gehstock zu benutzen. Aber in der Praxis ist es ein Unding, gleichzeitig mit zwei Stöcken zu hantieren. Selbst wenn ich es hinbekommen würde, wäre ein Spaziergang dann kein Genuss mehr. Deshalb verzichte ich auf beide Stöcke.

Bevor ich den Weg an der Alster das erste Mal allein gegangen bin, hat mich ein Freund begleitet. Dabei habe ich mir die verschiedenen Untergründe eingeprägt, sie sind verlässliche Anhaltspunkte: Asphalt, Platten, Schotter, festgetretener Sandboden, Gras. Gut für die Orientierung, wenn der Asphalt mal Wellen hat, gut, wenn sich kleine und große Gehwegplatten abwechseln. Das spüre ich unter meinen Füßen, ich höre es auch an meinen Tritten und den Tritten anderer Menschen. Außerdem orientiere ich mich an allem, was sonst noch zu hören, spüren, riechen ist: Stimmen, Wind in den Bäumen, Gläserklirren, Musik, Fahrradreifen, Motoren, Speisen, Pflanzendüfte… Für alle Fälle habe ich auch im Kopf, wie viele Schritte es von einem markanten Punkt bis zum nächsten sind.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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