Inhaltsverzeichnis
Widmung
Vorwort
Kapitel 1 - Der Bescheid
Kapitel 2 - Die Forderung
Copyright
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Mes chères études. Étudiante, 19 ans,job alimentaire: prostituée bei Max Milo, Paris
»Das erste Wort auf dem Papier ist der Auftakt, alles nimmt seinen Anfang... Die Verschmelzung von Papier und Tinte, von dir und mir... Die Liebe, die über sich hinauswächst, die Antwort des Gegenübers. Der Moment, in dem die beiden eins werden; das Schreiben, unser Abenteuer, dieses Buch. Dieser Augenblick, der mich erbeben lässt. Die Realität der Worte, der Tatsachen, der aufgezeichnete Schrecken... Der Schrecken eines Teils der Studienzeit... Ein Buch, das von Laura erzählt, doch Laura ist mehr als eine Person... Sie ist zu viele Personen auf einmal, man muss die Augen öffnen, muss reagieren...«
Dieses Buch entstand in Zusammenarbeit mit Marion Kirat, 23 Jahre, Studentin an einer Übersetzerschule.
Für meine Schattenschwester
Vorwort
Verschließen Sie nicht die Augen
Er steht jetzt vor mir, die Hose zu seinen Füßen. Ich stehe in Unterwäsche vor ihm und sehe, wie er mich lange anstarrt. Ich weiß, in knapp einer Minute wird er mich bitten, mich zu ihm zu setzen, und danach wird mein Körper mir eine Stunde lang nicht gehören. Eine Stunde für hundert Euro.
Ich heiße Laura, ich bin neunzehn Jahre alt. Ich studiere Sprachen und muss mich prostituieren, um mein Studium zu finanzieren.
So ergeht es nicht nur mir. Offenbar machen es vierzigtausend Studentinnen wie ich. Das alles folgte einer seltsamen Logik, ohne dass mir wirklich bewusst wurde, worauf ich mich einließ.
Mir wurden keine Silberlöffel in die Wiege gelegt. Luxus und Wohlstand habe ich nie kennengelernt, doch bis zu diesem Jahr hat es mir an nichts gefehlt. Mein Wunsch zu lernen, meine Überzeugungen haben mich immer denken lassen, meine Studienjahre würden die schönsten, die unbekümmertsten meines Lebens werden. Nie hätte ich gedacht, dass mein erstes Jahr an der Universität sich in einen wahren Albtraum verwandeln würde, der mich aus meiner Heimatstadt flüchten lassen sollte.
Mit neunzehn Jahren prostituiert man sich nicht für ein Taschengeld. Man verkauft nicht seinen Körper, um sich Kleider leisten zu können oder einen Kaffee zu bezahlen. Man tut es nur aus der Not heraus und redet sich ein, es sei nur vorübergehend, nur für eine Zeit lang, um die Rechnungen, die Miete und das Essen bezahlen zu können. Studentische Prostituierte trifft man nicht auf der Straße an. Sie sind auch nicht drogenabhängig oder Illegale, und nicht alle stammen aus der Unterschicht. Sie können weißhäutig sein, Französinnen, und aus Familien mit bescheidenem Einkommen stammen. Gemeinsam ist ihnen nur der Wunsch, ihr Studium in einem Land zu absolvieren, das ihnen immer mehr Geld für dieses Studium abknöpft. Die Geschichte, die Sie lesen werden, ereignet sich in einer französischen Großstadt. Ich habe sie V. genannt, um meine Eltern zu schützen. Sie dürfen es nicht erfahren. Niemals. Ich bin ihre liebe kleine, geradezu vorbildliche Tochter. Dickköpfig, ja, aber keine Hure.
Selbstverständlich kann man mir vorwerfen, dass ich nicht meinen erbärmlichen Job behalten habe, um aus der Tretmühle auszusteigen. Die meisten studentischen Prostituierten haben, so wie es auch bei mir der Fall war, einen kleinen Nebenjob, und dennoch gelingt es ihnen nicht, aus den roten Zahlen zu kommen. Die Prostitution und ihre enormen Tarife sind eine viel zu große Versuchung, wenn man kein Geld hat und es dringend auftreiben muss.
Dies ist meine Geschichte, und selbst wenn es mir nicht leichtgefallen ist, sie preiszugeben, war meine Hauptmotivation, das Ausmaß der Heuchelei aufzudecken, die die studentische Prostitution umgibt. Die finanzielle Unsicherheit der heutigen studentischen Lebensbedingungen darf nicht länger ignoriert werden. Bis jetzt wissen zu wenige Leute von der Existenz dieses Unwesens.
Dieses persönliche Bekenntnis hat das Ziel, ein Bewusstsein herzustellen und Veränderungen herbeizuführen, damit mittellose Studentinnen niemals mehr ihren Körper verkaufen müssen, um ihr Studium bezahlen zu können. Damit nicht nur der Menschenhandel mit Prostituierten in anderen Ländern Entsetzen auslöst, sondern sich die Bemühungen auch auf die Fälle in Frankreich konzentrieren.
Und schließlich, damit man so etwas nie mehr zulässt, damit man nicht länger die Augen davor verschließt.
Kapitel 1
Der Bescheid
4. September 2006
Ich schlendere über den Uni-Campus von V. Heute ist kein gewöhnlicher Tag, denn ich schreibe mich für LEA (Langues Étrangères Appliquées), für Angewandte Fremdsprachen, Spanisch und Italienisch, ein.
Vor zwei Wochen habe ich die schriftliche Aufforderung erhalten, ich müsse unbedingt um 14 Uhr 30 im Sekretariat der Universität erscheinen, dort meine Unterlagen abgeben und meinen Studentenausweis entgegennehmen. Ich war ungeheuer aufgeregt und habe eilig alle nötigen Papiere zusammengesucht. Es ist viel Papierkram, doch ich habe es geschafft. Am tollsten war es, das Abiturzeugnis dazuzulegen, denn es symbolisiert sehr konkret das Ende eines Lebensabschnitts. Ich bin auch rasch zur Metrostation gelaufen, um Fotos zu machen. Ich setzte ein breites Lächeln auf, das Lächeln einer Siegerin.
Als ich an diesem Morgen aufstand, habe ich mir, weil ich pünktlich in der Universität sein wollte, die Metroverbindung genau angesehen. Ich wollte keinesfalls die Einschreibung versäumen. Ich habe sogar die öffentliche Verkehrsgesellschaft betrogen, da ich nicht genügend Geld für den Fahrschein hatte. Ich habe mir geschworen, es das Jahr über nicht mehr zu tun und mir eine Dauerkarte zu kaufen, auch wenn sie horrend teuer ist. Ich war fest davon überzeugt, dass die Universität vieles in meinem Leben ändern würde.
In der Metro hielt es mich nicht auf meinem Platz, ich war zu aufgeregt bei dem Gedanken, den Ort kennenzulernen, wo ich studieren und viel Zeit verbringen würde. Mein Walkman, dessen Stöpsel ich normalerweise immer in den Ohren habe, konnte meine Erregung nicht bremsen. Ich vergewisserte mich sogar dreimal, dass ich wirklich alle Unterlagen für die Einschreibung dabeihatte. Ich wollte auf keinen Fall dort ankommen und mir anhören müssen: »Tut mir leid, Mademoiselle, Ihre Unterlagen sind nicht vollständig, Sie können Ihren Studentenausweis nicht bekommen. Sie müssen noch mal wiederkommen.« Nein, Studentin würde ich heute und an keinem anderen Tag.
Ich war so nervös, dass ich fast meine Haltestelle verpasst hätte. Im letzten Moment haben mich die fröhlichen Stimmen einiger Jugendlicher aus meinen Träumereien geweckt. Als sie sich gegenseitig hinausschubsten, erinnerte ich mich, dass auch ich hier aussteigen musste. Ich werde mich an meinen neuen Status gewöhnen müssen: Ich bin jetzt Studentin und keine Schülerin mehr. Ich bin achtzehneinhalb.
Punkt 14 Uhr kam ich auf dem Campus an. Da ich, als ich aus der Metro stieg, nicht genau wusste, wo ich hinmusste, folgte ich einer Gruppe Studenten. Mir blieb noch etwas Zeit, also spazierte ich herum, um mich mit dem Ort vertraut zu machen.
Ich schaue auf einem Plan am Metroausgang nach, wo genau ich mich befinde, damit ich mich nicht verlaufe. Der Campus ähnelt einem richtigen Dorf. Es gibt sogar Schilder, die den Weg zu den verschiedenen Gebäuden weisen. Auf dem Plan mache ich meinen zukünftigen Studienort ausfindig: »Geisteswissenschaften, Gebäude F«. Gebäude F, das ist also mein Standort für dieses Jahr. Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen, wie ein alter Hase die Stufen hinauf- und hinunterzugehen und zu wissen, welche Abkürzung man nimmt, um zu ihm zu gelangen. Ich kann es kaum erwarten, zu dieser Welt zu gehören.
Ich beschließe, einen schnellen Blick zu riskieren, ehe ich mich einschreibe. Ich kann unmöglich wieder nach Hause fahren, ohne gesehen zu haben, wo ich mich im Laufe der nächsten drei Jahre auf meinen Abschluss vorbereiten werde. Als ich davorstehe, muss ich wegen der Septembersonne, einem Nachklang des Sommers, blinzeln. Der Bau ist eher banal, doch das ist mir egal. Heute ist er in meinen Augen gleichbedeutend mit Zukunft.
Ich gebe zu, ich habe mich ein bisschen aus Trotz für das Sprachenstudium entschieden. Ich wollte etwas in Richtung Marketing machen und auf eine Schule gehen, die mir eine erstklassige Ausbildung böte. Ich war immer schon sehr dynamisch und übernehme gerne Verantwortung. Es gefällt mir, dauernd unter Druck zu stehen und mich der Herausforderung zu stellen, die das Verkaufen mit sich bringt. Ich glaube, ich wollte auch so schnell wie möglich eine klare Vorstellung von der Arbeitswelt haben. Ich wollte, dass man mich bestmöglich auf meinen zukünftigen Beruf vorbereitet. Ich suchte den totalen Bruch zum Schülerdasein, das mir wegen seines Protektionismus und der Kindereien eine Last war. Und, seien wir ehrlich, nach einer Wirtschaftsschule eine Arbeit zu finden erweist sich oft als sehr viel einfacher als mit einem Universitätsabschluss. Und zudem noch eine Arbeit, die gut bezahlt ist.
Doch dieser Traum ist im Augenblick unerreichbar. Die Schulen sind viel zu teuer für mich. Und einen Kredit aufzunehmen bedeutet, eine Verpflichtung auf mehrere Jahre hinaus einzugehen, und das kann ich mir nicht erlauben. Im Grunde bezweifle ich ohnehin, dass er mir gewährt worden wäre. Abgesehen von einer vollständigen Tilgung hätte ich nicht einmal eine kleine monatliche Rate zahlen können. Also habe ich diesen Gedanken aufgegeben, um mich nun aus strategischen Gründen in das Sprachenstudium zu stürzen. Ich bin überzeugt, dass ich nach meinem Examen in Spanisch und Italienisch immer noch auf eine Wirtschaftsschule gehen kann, wo es unerlässlich ist, Sprachen zu beherrschen. Außerdem hat Lateinamerika in den letzten Jahren einen beträchtlichen Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen, mit meinem Spanisch und Italienisch werde ich demnach gut aufgestellt sein. Vielleicht kann ich mit diesem kulturellen Rüstzeug alle anderen überholen?
Vor dem Gebäude F habe ich den Kopf noch voller Träume.
Man muss mich nicht bedauern, ich hatte immer etwas anzuziehen und genügend zu essen. Aber Wohlstand und finanzielle Sorglosigkeit kenne ich nicht. Mein Vater ist Arbeiter und meine Mutter Krankenschwester. Beide verdienen genau den staatlichen Mindestlohn SMIC, und davon ziehen sie zwei Kinder groß. Es ist gerade genug, um einigermaßen zurechtzukommen, für Rücklagen hat es nie gereicht. Ich habe kein Anrecht auf Ausbildungsförderung, denn ich gehöre zu den unzähligen Studenten, die sich in der fatalen Spanne befinden: weit entfernt von dem, was man als wohlhabend bezeichnen kann, und nicht arm genug, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Nach der Addition der beiden Familieneinkommen urteilt der Staat, dass meine Eltern in der Lage sind, für meinen Unterhalt aufzukommen. Es gibt keinen Ausweg: Ich muss mich mit dem zufriedengeben, was wir haben.
Ich beende meinen kleinen Rundgang, denn ich möchte wirklich pünktlich im Sekretariat erscheinen. Ich kann es nicht mehr erwarten, ich will meinen Studentenausweis in Händen halten. Ich laufe beinahe.
Dort angekommen, stehe ich vor eine Menschenschlange, die bis draußen vor das Gebäude reicht. Ich Neuling gedulde mich brav. Aber es hieß doch, unbedingt um 14 Uhr 30. Hier habe ich den ersten Eindruck vom Studentenleben, das sich oft darauf beschränkt, stundenlang vor den Schaltern der Verwaltung zu warten.
Als ich auf die Schlange zugehe, stürzen sich zwei Mädchen, herausgeputzt mit verschiedenfarbigen T-Shirts, buchstäblich auf mich.
»Hallo, bist du im ersten Semester?«
»Ja, und du?«, frage ich mit einem eher überraschten Lächeln.
Eines der Mädchen schaut mich merkwürdig an. Das ist nicht die Antwort, die sie erwartet, und offensichtlich hat sie nicht vor, mit mir ein Gespräch anzufangen. Doch rasch lächelt auch sie: Ich bin eine leichte Beute.
Sie sind nur aus einem einzigen Grund auf mich zugekommen, sie wollen mich für eine studentische Sozialversicherung werben. Ihren Worten entnehme ich schnell, dass sie diesen Job machen, bevor die Vorlesungen wieder anfangen, und auf Provisionsbasis bezahlt werden. Sie stehen sichtlich in Konkurrenz zueinander, also im Krieg, denn auch wenn sie nicht heftig werden, schneiden sie sich immer gegenseitig das Wort ab und schubsen sich fast, um direkt vor mir zu stehen. Ich verstehe nicht genau, was ich tun muss, all das ist neu für mich. Sie reden schnell und undeutlich, ich schnappe nur jedes zweite Wort auf. Da eine überzeugender sein will als die andere, wird ihrer beider Rede völlig unverständlich. Ich freue mich nur an diesem surrealen Spektakel, wobei mir beide leidtun. Sie verhalten sich so, um ein bisschen Geld zu verdienen, und ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie normalerweise sanft wie Lämmchen sind.
»Hast du dich entschieden?«
Die beiden Kämpferinnen sehen mich an, der Wettkampf ist beendet. Sie appellieren an meine Urteilskraft, ich soll entscheiden. Ich habe gar nicht zugehört.
»Äh... ich... ich habe schon eine Sozialversicherung!«
Ja, klar, das ist eine gute Ausrede. Eine von beiden, sichtlich enttäuscht und nicht gewillt, weiter ihre Zeit mit mir zu vergeuden, geht sofort weg. Die andere lässt mich nach einigen Minuten aus ihren Fängen, nachdem sie ein letztes Mal versucht hat, mich davon zu überzeugen, zwei Versicherungen seien besser als eine, und meine sei vielleicht nicht die beste, und wenn du deine Entscheidung noch einmal überdenkst, wirst du merken, dass... blabla.
Vor einem solchen sinnentleerten Plädoyer wende ich mich ab und stelle mich in die Schlange. Es ist 14 Uhr 30, die Zeit meines Termins. Aber sich an allen anderen vorbei ins Sekretariat drängeln tut man sicherlich nicht, selbst mit den besten Erklärungen. Ich beschließe also, brav zu warten, und stelle mich hinter einen riesigen Kerl. Ich schiele auf seinen Bescheid, er sieht genauso aus wie meiner. Nur dass mitten auf dem Blatt mit rotem Filzstift »14 Uhr« steht. 14 Uhr! Seit wann steht er denn hier?
Neben mir höre ich Stimmen von älteren Studenten aus dem vierten oder fünften Jahr. Sie schimpfen, dass es nicht vorwärtsgeht. Wahrscheinlich ist es jedes Jahr dasselbe. Aber was soll’s, ich habe weder Lust noch die Kraft, mich heute aufzuregen. Ich gerate also nicht in die Krise und beteilige mich auch nicht an den allgemeinen Unmutsbekundungen.
Nach einer halben Stunde frage ich mich dann aber doch, ob man mich nicht vielleicht vergessen hat. Ich halte rasch einen Mann auf, der einen Sticker mit dem Sigel der Universität trägt.
»Entschuldigen Sie bitte, aber ich hatte einen Termin um 14 Uhr 30. Ich warte schon fast eine halbe Stunde.«
Dabei wedle ich mit dem Brief vor seinen Augen. Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, antwortet er mir in verächtlichem Ton: »Ja, Mademoiselle, wie alle hier.«
»Ja und? Soll ich weiter warten? Werde ich heute noch drankommen?«
»Man tut, was man kann.«
»Man tut, was man kann...« Das ist doch keine Antwort! Ich hatte gerade meine erste Begegnung mit der Verwaltung der Universität, und die ist nicht gerade erhebend.
Angesichts dieser ausweichenden Antwort beschließe ich, weiter zu warten. Innerlich werfe ich mir vor, kein Buch eingesteckt zu haben, ich hätte die Zeit besser nutzen können. Dennoch krame ich in meiner Tasche, doch nichts, nicht einmal eine Zeitung oder ein blöder Prospekt, den ich lesen könnte. Ich bedaure, dass ich die beiden Mädchen so schnell habe abblitzen lassen; ich hätte zumindest die Broschüren entgegennehmen können, die hätten mich fünf Minuten lang beschäftigt.
Blöderweise habe ich mich heute schick gemacht. Ich habe meine alten Stöckelschuhe angezogen, als ginge ich zu einer wichtigen Verabredung. Doch jetzt hier in dieser Schlange hasse ich mich für diese Entscheidung. Wenn ich es wagen würde, stünde ich barfuß hier.
Nach anderthalb Stunden Warten komme ich endlich ins Sekretariat. Ich beobachte alle besetzten Schalter, um zu sehen, welcher als Erster für mich frei wird. Ich murmle vor mich hin, ich bin müde von diesem Tag. Meine gute Laune ist verflogen, ich will nur meinen Studentenausweis abholen und dann gehen.
Endlich winkt mich eine junge Frau zu sich. Ich eile auf sie zu, mit einem Lächeln auf den Lippen, glücklich darüber, es bald geschafft zu haben. Sie sieht mich an, als hätte ich ihr einen blöden Witz erzählt, der nur mich zum Lachen bringt. Nicht wirklich kooperativ, um mich wieder aufzumuntern, die Gute!
Dann kommt der penible Moment des Bezahlens.
»Bezahlen Sie mit Scheck?«
Ja, meine Mutter hat mir letzte Woche einen Scheck ausgestellt. Einen Blankoscheck. Ich höre sie noch zu mir sagen: »Vorsicht, Laura, gib Acht, dass du ihn nicht verlierst! Nicht auszudenken, wenn ihn jemand findet!« Ich hatte immer schon eine Vorstellung von Geld, und kaum hat sich der Scheck in meinen Händen befunden, habe ich die Macht abgeschätzt, die in ihm steckt. Sorgsam habe ich ihn in mein Täschchen gesteckt, das ich dann in die abschließbare Schublade meines Schreibtischs gelegt habe. Nur ich kann sie öffnen, und selbst wenn ich meinem Freund vertraue, mit dem ich zusammenwohne, treffe ich lieber meine Vorkehrungen. Man weiß ja nie.
»Ja, per Scheck!«
»Da Sie keine staatliche Ausbildungsförderung bekommen, aber eine studentische Sozialversicherung haben, macht das insgesamt... 404 Euro 60!«
Welch eine lächerliche Summe! Ich reiche ihr den Scheck und versuche, meine Grimasse vor ihr zu verbergen. Wortlos stempelt sie, kritzelt überall Zeichen auf meine Unterlagen und deutet auf den Schalter für die Studentenausweise. Das Ganze ist in zwei Minuten erledigt.
Der Mann, der sich um die Ausweise kümmert, ist nicht freundlicher und reißt mir fast meine Schulbescheinigung aus den Händen. Mit automatischer Geste druckt er meinen Studentenausweis auf ein Stück Plastik, reicht es mir und nimmt schon das nächste Blatt an sich.
Das ist mir jetzt völlig egal, endlich habe ich meinen Studentenausweis. Geschafft, ein neues Kapitel meines Lebens nimmt seinen Anfang! Ich bin zuversichtlich und heiter, ich halte mit diesem blöden Stück Plastik meine Zukunft in Händen.
Laura D., erstes Jahr Angewandte Sprachen.
Erleichtert mache ich mich auf den Weg zurück zur Metro.
Kapitel 2
Die Forderung
8. September 2006
Nach einem Arbeitstag im Restaurant betrete ich meine Wohnung, in der ich mit meinem Freund Manu lebe. Wir sind seit einem Jahr zusammen und vor zwei Monaten zusammengezogen.
Damals suchte ich gerade verzweifelt nach einer Unterkunft, in der ich ab Anfang des Studienjahrs wohnen könnte. Ich hatte überhaupt kein Geld, und meine Eltern konnten mich finanziell nicht unterstützen. Außerdem leben sie nicht in V. Seit meinem Abitur wusste ich, dass ich unbedingt hier studieren wollte. Manu lebte hier schon seit Beginn seines Physikstudiums, und der Gedanke, mit ihm gemeinsam in dieser Stadt zu sein, gefiel mir. Ich habe also angefangen, eine Wohnung zu suchen. Ich habe das Studentenwerk und seine Kleinanzeigen abgeklappert, um ein Zimmerchen zu finden. Mir ist schnell klar geworden, dass eine richtige Wohnung viel zu teuer war, ja völlig unerschwinglich. Ich wollte einfach ein Dach über dem Kopf, doch selbst das schien unerreichbar. Ich erhoffte mir nichts Luxuriöses. Das ließen meine Finanzen sowieso nicht zu.
Ich steckte in der Klemme. Da ich keine Ausbildungsförderung bekam, hatte ich keinerlei Unterstützung vom Staat, und meine Eltern konnten mir keine zweihundert Euro für die monatliche Miete überweisen. Auch Wohngeld bekam ich nicht. Ich musste mir eine Arbeit suchen oder auf mein Studium verzichten, ich sah keine andere Möglichkeit, dieser Situation zu entkommen. Das Studentenwerk bevorzugte Stipendiaten für die Zimmer im Studentenheim. Viele Studenten arbeiten nebenbei, doch das sind oft dieselben, die durchs Examen fallen oder im Laufe des Jahres das Studium abbrechen. Ich konnte mein Studium nicht aufgeben, denn ich wusste, dass ich damit meine Zukunft aufs Spiel setzen würde. Wenn ich es für eine Arbeit an den Nagel hängte, zöge ich damit einen Schlussstrich unter meine Ambitionen.
Unablässig suchte ich weiter nach einem Wunder in den Gratiszeitungen mit den Kleinanzeigen. Gleichzeitig habe ich mich sogar in Obdachlosen-Wohnheimen erkundigt. Ich versuchte mir einzureden, dies sei die einzige Möglichkeit zu studieren, die mir bliebe, und ich könnte mir, wenn ich erst einmal da sei, etwas anderes suchen. Doch mich schauderte bei dem Gedanken, in einem solchen Heim zu übernachten, diese Situation erschien mir unglaublich erniedrigend.
Ich war verzweifelt, weil sich keine zufriedenstellende Lösung abzeichnete. Als ich eines Tages vor Wut weinte, packte Manu die Gelegenheit beim Schopf.
»Wir können doch zusammenwohnen! Das wäre genial! Zusammen könnten wir eine nicht zu teure Wohnung finden, und wir wären die ganze Zeit zusammen!«
Seine Augen strahlten. Die Idee gefiel mir, doch meine finanziellen Schwierigkeiten blockierten mich.
»Manu, ich kann nicht, ich habe kein Geld! Ich habe kaum genug für ein Zimmerchen, und eine Wohnung für zwei...!«
»Du könntest doch neben deinem Studium arbeiten, die Uni fordert nicht so viel Zeit!«
Ich habe meine Bedenken vorgebracht. Manu kommt aus einer relativ wohlhabenden Familie und macht sich manchmal nicht klar, welchen Ausgaben ich mich gegenübersehe. Um mich zu überzeugen, hat Manu mir die Webseite der Universität gezeigt, auf der die Semesterwochenstunden der Studiengänge stehen. Mein Stundenplan war ziemlich voll, doch es war machbar. Ich war hingerissen von diesem Zipfel eines Traums, den Manu mir reichte.
»Du kannst es schaffen, ganz bestimmt! Komm, sag schon Ja, es wäre klasse, wenn wir die ganze Zeit zusammen sein könnten! Und im Grunde genommen hast du keine Wahl!«
Es stimmt, ich hatte keine richtige Wahl. Vor Freude fiel ich ihm um den Hals. Schon am nächsten Tag nahm Manu mich in seiner Wohnung auf. Für mich war das der große Luxus. Eine Wohnung mit einem extra Schlafzimmer im Zentrum von V., ich fühlte mich wie eine Prinzessin in ihrem Palast! Ich habe meine beiden schweren Koffer im Eingangsflur abgestellt, bin durch die Wohnung gewirbelt und habe ihn in meinen Tanz hineingezogen.
Meine Eltern hat diese Lösung erleichtert, obwohl sie Manu nicht besonders mochten. Es war ihnen lieber so, als dass ihre Tochter einen bescheuerten Job machen oder, schlimmer noch, auf der Straße schlafen müsste.
Den ganzen Sommer über habe ich in einem Restaurant unten in unserem Haus gearbeitet, um zumindest unsere Lebensmittel bezahlen zu können. Das wenige, das mir übrig blieb, war nicht mehr als ein Taschengeld.
Unser Deal ist, dass er in Anbetracht meiner Finanzlage die Miete und die Rechnungen bezahlt und ich mich um den Rest kümmere. Obwohl er es mir nicht sagt, weiß ich doch ganz genau, dass nicht er die Miete zahlt. Seine Mutter überweist sie ihm jeden Monat und außerdem noch ein üppiges Taschengeld. Dazu sage ich nichts, ich liebe ihn zu sehr, und da ich bei ihm wohne, sehe ich es als normal an, mich an den Kosten zu beteiligen, soweit es meine Mittel zulassen. Ich komme schon irgendwie zurecht. Manchmal, wenn ich zu meinen Eltern fahre, packe ich ein, was ich im Kühlschrank finde oder was meine Mutter mir gibt.
In diesem Sommer klappte alles perfekt. Wir waren glücklich, verliebt, köchelten uns leckere Gerichte, und hin und wieder gingen wir mit Freunden etwas trinken. Die meiste Zeit verbrachten wir vor dem Fernseher, ich in seine Arme geschmiegt, er immer mit einem Joint zwischen den Lippen. Ich genoss das Leben in vollen Zügen, mit meinem geliebten Freund neben mir schien mir alles so viel leichter.
An diesem Abend komme ich erschöpft von der Arbeit nach Hause, nach zwei Überstunden, die mir, wie ich weiß, nicht bezahlt werden. Ich werde in diesem Job total ausgebeutet, doch es ist die einzige Möglichkeit, die ich auf die Schnelle gefunden habe, um mich an den Kosten beteiligen zu können. Ich weiß auch, dass ich mit dieser Arbeit, wenn ich sie das ganze Jahr machen sollte, immer müde sein werde, doch im Augenblick geht es nicht anders. Ich werde etwas anderes finden, wenn ich meinen Stundenplan habe, wenn ich genau weiß, zu welcher Zeit ich an der Uni sein muss.
Manu ist da, er sitzt vor dem Fernseher. Ich rufe ihm ein freudiges »Hallo« zu, setze mich neben ihn und drücke
Verlagsgruppe Random House
1. Auflage
Copyright © Laura D. en collaboration avec Marion Kirat, 2008, Tous droits réservés
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2008 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Copyright © für das Nachwort »Bafög der besonderen Art« bei Bernhard Albrecht
eISBN : 978-3-641-02490-1
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