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Ulla Lohmann erzählt von ihrer Kindheit und Jugend zwischen 1949 und 1969 an der niederländischen Grenze: vom Aufwachsen in der Nachkriegszeit in einem konservativ geprägten Elternhaus, der Bevormundung durch ihre Eltern, von Familienurlauben- und -festen, von der Verwandtschaft, Schule und Kirche, vom Leben auf dem Dorf, Kommunion, Beichte und Prozessionen – und ihrem wachsenden Wunsch nach Veränderung und Selbstbestimmung. Es geht um das Erwachsenwerden einer jungen Frau, die schließlich zum Studium in die Großstadt aufbricht, und sich damit aus den engen Verhältnissen befreit. In klarer Prosa und einem nüchternen Ton, der Vorwurf und Abrechnung vermeidet, wird ein gesellschaftliches Umfeld lebendig, das eine ganze Generation geprägt hat: »Mein Weg hinaus« ist die Geschichte einer Frau, die sich wie viele andere jener Zeit aus einem Geflecht aus seelischer Armut, überlieferten Kriegstraumata und Lieblosigkeit befreien musste, um ihren eigenen Weg gehen zu können.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Ulla Lohmann
Ulla Lohmann
Kindheit und Jugend in engen Verhältnissen
© Dittrich Verlag in der Velbrück GmbH Verlage, 2025
Meckenheimer Str. 47 · 53919 Weilerswist-Metternich
www.dittrich-verlag.de
Printed in Germany
ISBN 978-3-910732-49-0
eISBN 978-3-910732-56-8
Satz und Cover: Katharina Jüssen, Weilerswist-Metternich
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://dnb.dnb.de abrufbar.
01 erzähl doch mal von früher
02 alles auf Anfang
03 niemals Heimweh
04 Musik vom Akkordeon
05 Sehnsucht nach dem Süden
06 schnittfeste kalte Butter
07 Petticoat und Caprihosen
08 Mythos und Realität
09 Alltag bei der Omia
10 ein Schaf und ein Schwein
11 der Garten ernährt uns
12 das hat man jetzt so
13 der MERZbau und das Tote Haus u r
14 Gerüschtes und Geblümtes
15 der Pfarrer nahm besser dienstfrei
16 ein spärliches Licht
17 fleißig sein! brav sein! fromm sein!
18 allein meine Unachtsamkeit?
19 die Sache mit der Beichte
20 am zweiten Tag das Samtkleid
21 dieses emotionale Vakuum
22 Prozession und Segen
23 Kultur und Vergangenheit
24 das Minimalprogramm musste genügen
25 die Zwergschule
26 der lange Weg zur Bildung
27 zwischen Wien und Poserna
28 Erkenntnisse
29 wir ziehen um
30 Oma Netta
31 das Gymnasium
32 vor dem Abitur
33 nach dem Abitur
34 zwei Welten
DANK
Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die mich ermutigten und unterstützten einen eigenen Weg zu gehen.
Ulla Lohmann
Als kleines Mädchen folgte ich aufmerksam den Geschichten der Großmütter. Zu gern hörte ich von ihren Erlebnissen aus der Kindheit und Jugend. Die anschaulichen Schilderungen versetzten mich in Erstaunen und beflügelten meine Phantasie. Fremde Welten taten sich auf. Die authentischen Zeugnisse der Oma Netta und der Omia ließen mich an ihrer bewegten Vergangenheit teilhaben. Zugleich öffneten mir deren Berichte einen eigenen Blick auf die große Geschichte. Am Ende verband sich ihr Gestern mit meiner Wirklichkeit.
Beide Frauen waren unter mehreren Geschwistern aufgewachsen. Aus den dörflichen und kleinstädtischen Milieus berichteten sie ebenso spannend wie humorvoll. Unglaubliches erfuhr ich aus der Familie, der Nachbarschaft und der Schule. »Oma, erzähl doch mal von früher!«, erwies sich meist als erfolgreiche Bitte. Schwärmten andere Kinder von ihrem Opa, beschlich mich ein Gefühl der Wehmut, hin und wieder ein bisschen Neid. Meine Großväter konnte ich nie kennenlernen – denn beide sind am Ende des Krieges gestorben – nicht in Gefechten, sondern an den verheerenden Kriegsfolgen. Zum Verhängnis wurde ihnen die Unzulänglichkeit medizinischer Versorgung.
Phasen radikalen politischen Umbruchs und extremer gesellschaftlicher Veränderungen prägten die zweite Dekade des 20. Jahrhunderts. Die Großmütter, damals Mädchen und junge Frauen, erlebten eine schicksalhafte Zeit. Der Erste Weltkrieg, der Untergang des Kaiserreiches, die Weimarer Republik beherrschten die Szene. Die Rolle der Frauen in der Öffentlichkeit wandelte sich, das Frauenwahlrecht wurde verfassungsrechtlich verankert. Neu verhandelt werden mussten die Positionen der Geschlechter in der Familie, denn Erfordernisse der Industrialisierung offenbarten sich gleichermaßen drängend, wie dem Krieg geschuldete Bedingungen und die wollten berücksichtigt werden.
Die Großmütter waren grundverschieden. Jede hatte sich auf ihre Weise zu einer selbstbewussten, emanzipierten Person entwickelt. Bei späteren tragischen Ereignissen – die stellten sich im Überfluss ein – haben sie das Leben selbständig gemeistert. Mit einer Berufsausbildung, die eine im Handwerk, die andere in der Verwaltung, waren sie zahlreichen Zeitgenossinnen eine Nasenlänge voraus. Sie waren mutig und wissbegierig. Auf der Suche nach Arbeit kamen sie aus ihren Heimatorten in die Region Heinsberg. Diese gehörte einst, wie das Dorf Neusen bei Aachen und die Kleinstadt Sourbrodt im Kreis Malmedy, zur industriell aufstrebenden Rheinprovinz. Hier lernten sie ihre Partner kennen, verliebten sich, heirateten, gründeten Familien.
Die Oma aus Sourbrodt, Oma Netta, war das älteste der elf Geschwister, die Anfang 1900 das Erwachsenenalter erreichten. Drei Kinder starben früh. Die Last der Verantwortung neben der Mutter, einer von vierzehn Geburten gezeichneten, stets schwangeren Frau, bedrückte sie. Ihre Perspektive war das offenbar nicht. Sie stellte sich die Zukunft anders vor, sie war ein freier, unabhängiger Geist.
Voller Stolz illustrierte sie mir ihre oppositionellen Bravourstücke. Einmal sei sie in jugendlichem Übermut ungeniert auf einem Fahrrad durch den Ort gestürmt. Der Vater, preußisch-wilhelminischer Gesinnung, zeigte sich angesichts solchen Betragens der ältesten Tochter schockiert. Eine derartige Szene konnte in einem wohlsituierten Beamtenhaushalt unmöglich geduldet werden. Bewusst hatte die Oma dieses skandalöse Verhalten eingesetzt. Sie wollte den Status und die Macht des Vaters unterminieren. Dessen gesellschaftliche und politische Auffassungen lehnte sie ab. Er, der angesehene Bahnhofsvorsteher, eine Persönlichkeit, der man in der Stadt Respekt entgegenbrachte, durfte weder seine öffentliche Reputation, noch seine familiäre Rolle durch ein Kind, erst recht nicht durch ein Mädchen, gefährden lassen. Ausgeprägte Konfliktpotentiale taten sich auf, die zeitlebens nicht von den Kontrahenten bewältigt worden sind.
Diese individuellen Unvereinbarkeiten und Auseinandersetzungen können ohne Weiteres als Pendant zu damaligen gesellschaftlichen Kontroversen verstanden werden. Die Oma demonstrierte unverhohlen Freude, nachdem Kaiser Wilhelm II. 1918 ins niederländische Exil geflohen war. Ihr Vater dagegen empfand den Zusammenbruch der Monarchie als erschütterndes Desaster. Einen spöttischen Kommentar der erwachsenen Tochter beantwortete er mit einer heftigen Ohrfeige. Der Status der verheirateten Frau hat sie genauso wenig wie ihr Alter – sie zählte immerhin schon 26 Jahre – davor schützen können.
Die andere Oma, die »Omia«, war unter sieben Geschwistern aufgewachsen, fünf weitere starben im Kindesalter. Drei Brüder fielen im 1. Weltkrieg. Die Mutter, offenbar eine resolute Person, wirkte im Hintergrund der Familie. Die Zuneigung galt dem Vater. Er hat seinen Kindern die Lieder der Romantik vermittelt, ihnen die Namen und den Habitus der Wildpflanzen erklärt und sie gelehrt, die Vögel an den Stimmen zu unterscheiden. Er war überzeugt, die Menschen würden sich eines fernen Tages auf dem Mond einfinden. Diese, am Beginn des 20. Jahrhunderts utopische Vorstellung, hat offenbar nur die Kinder begeistert. Sie erkannten in dieser Idee die Zauberwelt der Märchen. Die Erwachsenen reagierten eher befremdlich, gerieten in Verwirrung. Wie konnte ein sonst so kluger Mensch eine derart absurde Auffassung vertreten? In der Erziehung war er liberal, ja, gemessen an den geltenden Standards äußerst fortschrittlich. Den Töchtern erlaubte er sogar das Schwimmen gemeinsam mit den Brüdern. In seinem Beruf, er war Bergmann, arbeitete er untertage in den Gruben bei Alsdorf. Daneben hat er eine Landwirtschaft betrieben. Vielleicht war es handwerkliches Interesse, vielleicht war es wirtschaftliche Notwendigkeit, die Schuhe der Kinder fertigte er selbst.
In diesen unruhigen Zeiten ertrugen die Menschen extreme politische und soziale Konfrontationen. Technologisch kam die Welt ebenfalls in Bewegung, erreichte den kleinen Ort Neusen. Die Omia erinnerte sich voller Faszination an das erste rumpelnde, dröhnende und hupende Automobil, das in den 1910er Jahren dort auf der Straße erschienen war. Eine beispiellose Attraktion! Das Auto brachte die Bewohner in Aufruhr. Die Kinder, sogar die Mädchen wollten unter allen Umständen dieses einzigartige Abenteuer erleben. Undenkbar war, hinter den Brüdern zurückstehen.
Die Großmütter berichteten von dramatischen und verstörenden, heiteren und glücklichen Ereignissen. Gelegentlich erfuhr ich Unfassbares, etwa vom Krieg. So unwahrscheinlich ihre Geschichten mitunter erscheinen mochten, deren Wahrhaftigkeit bezweifelte ich keinen Augenblick. Nein, so wird es gewesen sein, denn Märchen fügen sich anders.
Gegen Mitternacht war der Vater auf dem »neuen« Fahrrad in das einige Kilometer entfernte Nachbardorf gefahren. Er sollte die Hebamme zur Unterstützung meiner Geburt holen. Der Hausarzt kam nur in schwierigen Fällen. Eine Einweisung in die nahe gelegene Klinik in Heinsberg wäre vollkommen unüblich gewesen. Hausgeburten waren alltägliche Vorgänge, die keine gesonderten Vorbereitungen und Behandlungen erforderten. Die Mutter allerdings empfand ihre erste Niederkunft kompliziert genug. Es war Sonntag, der 07. August 1949, auf dem Sprung in die zweite, bessere Hälfte des 20. Jahrhunderts. An diesem Morgen ließ ich mir Zeit, bis 9:40 Uhr haben sie auf mich gewartet.
Am folgenden Sonntag waren wir mit einem geliehenen Kinderwagen zur Taufe in die örtliche Pfarrkirche unterwegs. Nach der feierlichen Zeremonie hatte die Mutter zu Kaffee und selbstgebackenen Obsttorten geladen. Erstmals wurde das neue Service aufgedeckt. Ein Dekor zarter Streublümchen zierte das cremefarbene Porzellan. Auf der Unterseite trugen die Teile die Marke Eschenbach und den Hinweis »Germany US-Zone«.
Das Rad, gebraucht gekauft, hatte das junge Paar vor enorme finanzielle Anstrengungen gestellt. Der Vater war froh, in der Zwirnerei eines Chemieunternehmens tätig sein zu können. Seine solide kaufmännische Ausbildung nützte ihm in jener Phase hoher Arbeitslosigkeit wenig. Unter dem Datum vom November 1947 war in der Heiratsurkunde der Eltern der Beruf des Polizeiwachtmeisters eingetragen. Vorübergehend war er Chauffeur bei einem hochrangigen Beamten gewesen. Die Ziele, die er oft nach Dienstschluss auf Anweisung seines Chefs genötigt war anzusteuern, bevor er ihn irgendwann in der Nacht nachhause fuhr, hatten ihm missfallen. Lieber nahm er die Strapazen der beschwerlichen Schichtarbeit auf sich. Auch die letzten zwei Jahrzehnte Drill und Uniform waren genug gewesen, sie bedurften keiner Fortsetzung. Immer noch sah er krank und abgemagert aus. Die alten Fotografien beschönigen nichts. Sie verbergen nicht das Elend der Vergangenheit und die weiter herrschende Armut. Jeder Pfennig wurde dreimal umgedreht, trotzdem war das Fahrrad unerlässlich, es ersparte täglich gute zwei Stunden Fußmarsch auf dem Weg in die Fabrik. Nach den endlosen Erfahrungen von Not, Sorge und Entbehrung war man zweifellos ein wenig stolz auf diesen kleinen Luxus.
Bald wurde ein zweites Rad angeschafft. Es diente der Mutter zur Entlastung. Alles lief zügiger, die Bewegungsfreiheit wurde größer: Lasten und Einkäufe transportieren, Freunde und Verwandte besuchen, Ausflüge unternehmen. Ein Weidenkorb, montiert an der Lenkstange, erlaubte Ausfahrten zu Dritt. So manchen Abend, wenn es bei einer Namenstagsfeier oder einer Kirmes wieder einmal spät geworden war, wurde ich in dem Körbchen schlafend durch die Nacht nachhause gebracht. In diesem privaten Geschehen reiften zögernd und fast unmerklich die ersten zaghaften Anzeichen einer sich verändernden Freizeitkultur. Jeder Anlass, jede Gelegenheit wurde genutzt, in geselliger Familien- und Freundesrunde beisammen zu sein. Denunziationen, Fliegeralarm, Kriegsgefechte, das sinnlose Sterben hatte ein Ende. Es schien, die Erinnerung daran sollte mit demonstrativer Lebenslust ausgelöscht werden. Man konnte sich frei fühlen, unbeschwerte Freude spüren, die man so lange vermisst hatte.
Trotz Schichtdienst reichte der Lohn des Vaters allein nicht, um die materiellen Defizite auszugleichen. Die Mutter hatte sich deshalb ebenfalls um Beschäftigung bemüht. Zunächst bewältigte sie den weiten und beschwerlichen Arbeitsweg mit dem Fahrrad. Fuhr sie in aller Herrgottsfrühe los, war es häufig dunkel, bei Schnee und Eis nahm sie den Bus. Einen spürbaren Vorteil bot endlich das neue Moped, der legendäre »Quickly«. Nun war sie nicht mehr auf das Rad angewiesen, war im Winter unabhängig von den ungünstigen Fahrzeiten der Buslinie. Die Mutter hatte eine Anstellung bei der RAF, der Royal Air Force, in Wildenrath gefunden, »bei den Engländern«, sagte man landläufig. Auf der Air-Base freundete sie sich mit der Kollegin Adele an, die wie sie eine Küchenhilfe war.
Adele war eine fröhliche, aufgeweckte Person, die leider unerträglich penible Seiten barg. Der Tochter nahm diese Pedanterie im wahrsten Sinn die Luft. Das Kind reagierte auf die Eskapaden der Mutter mit angehaltenem Atem, bis an die Grenzen der Bewusstlosigkeit. In der Erziehung und in gesellschaftlichen Fragen folgte Adele strengen Prinzipien. Ebenfalls bei der Auswahl der Garderobe vertrat sie klare Grundsätze. Die Tochter hätte so gern zu ihrem dunkelblauen Faltenröckchen einen hübschen roten Pulli getragen. Nein! Unmöglich! »Rot, Blau, Polakenfrau!« war Adeles kompromisslose Erklärung. Tief eingeprägt hatten sich ihr die Regeln der Klassengesellschaft. In einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen, fühlte sie alle Pflichten, niemals hingegen Befugnisse. Sie war eine Getriebene, meinte allen alles recht machen zu müssen. Eine Verbindung der Tochter zu einem Beamten wollte sie umgehend verhindern. Diese Beziehung käme einem Arbeiterkind nicht zu. Vater Fritz war ein technisch hochqualifizierter Facharbeiter in der Feinmechanikbranche, der Freund ein Postbote. Unerwartet erhielt die Tochter eine problematische Diagnose: Tuberkulose. Jetzt war die Mutter froh, dass überhaupt ein Mann sich für das Mädchen interessierte. Der Makel der Armutskrankheit stellte das Kind ihrer Auffassung nach endgültig ins soziale Abseits. Zweifellos liebte Adele Tochter und Ehemann, gleichwohl misslang in der Familie der vertrauensvolle Weg zwischen Zuneigung und unerbittlicher Kontrolle. Trotzdem, die Freundschaft von Adele und Fritz mit meinen Eltern überdauerte Jahrzehnte.
Die Eltern arbeiteten hart. Aus dem Nichts mussten sie einen völlig neuen Hausstand aufbauen. Es fehlte an brauchbaren Möbeln und funktionierenden technischen Geräten. Das meiste war im Krieg verloren. Ein eigenes Auto für den Vater sollte vorläufig ein Traum bleiben. Die Grundausstattung der kleinen Wohnung hatte Vorrang. Lediglich einen unvollkommenen Ersatz stellte der cremefarbene, elegante Motorroller dar. Immerhin erhöhte er deutlich die Mobilität und ermöglichte einen beträchtlichen Umfang an Reichweite und Nutzen. Die Bewährungsprobe bestand der »Goggo« 1953 bei einer Ferienreise an den Bodensee. Zum ersten Mal fuhren die Eltern in Urlaub. Nie zuvor im Leben waren sie mehrere Tage und ausschließlich zu ihrem Vergnügen unterwegs gewesen. Campingplätze waren ein absolutes Novum und kaum zu finden. War das ein Glück, das Zelt bei einem Bauern auf einer Wiese am Seeufer aufstellen zu dürfen. Der titelgebende Schlager des eben in den Kinos erschienenen Heimat-Films, »Die Fischerin vom Bodensee« avancierte beim Akkordeonspiel des Vaters zum festen Repertoire.
Die Eltern schätzten die gewonnene Flexibilität, die sommerlichen Ausfahrten wurden ausgedehnter. Die Mutter auf dem Quickly, der Vater und ich auf dem Roller, so erreichten wir an Sonntagen die Eifel, manchmal sogar das Ahrtal. Nach einem dieser Ausflüge kehrte ich abends überglücklich zurück. An den strömungsfreien, glasklaren Nebenarmen der Ahr fanden sich ideale Badestellen, wie geschaffen für erste Schwimmversuche. Welch ein Erlebnis, frei im Wasser schweben, nur vom Wasser gehalten, eine archaische Erfahrung. Und schon stand mir ein Ziel vor Augen, das Freischwimmerabzeichen, 15 Minuten schwimmen ohne Pause. Stolz trug ich im folgenden Sommer dieses Abzeichen auf dem bunten, baumwollenen Badeanzug. Richtig passend war er nur im trockenen Zustand, sobald er nass wurde, zog er sich endlos in die Länge, klebte unangenehm an Bauch und Po.
Aber schon bald kamen elastische Modelle aus Kunstfaser in Mode. Sie verdrängten auch die Hemdchen aus weiß gerippter Baumwolle und die dunkelblauen, innen angerauten Pluderhosen aus der Turnstunde. Der enganliegende, einteilige schwarze Sportanzug mit Dreiviertel-Ärmel wurde unverzichtbar. An diesem Trend nahm ich erstmals soziale Unterschiede bewusst wahr. Andere Mädchen trugen lange die alten Sachen. In derlei Angelegenheiten hatten die Eltern und ich selten schwierige Diskussionen. Nach außen sollte ich jederzeit den besten Eindruck hinterlassen, darauf legten sie größten Wert.
Brombeerranken wuchsen wild am Mauerwerk. Der hellgrüne Putz war fahl geworden. Heruntergekommen, verwahrlost, ohne Aussicht auf Fürsorge, fristete das Haus die Jahre nach dem Verkauf ein betrübliches Dasein. Längst waren wir ausgezogen, die Omia war vor geraumer Zeit gestorben. Der neue Besitzer vernachlässigte das Gebäude. Bevor es ein Opfer drohenden Verfalls wurde, ließ er es abreißen. Die Obstbäume wurden gerodet, der Garten eingeebnet.
Obwohl hier die 30er Jahre und der Krieg die Jugend der Mutter bestimmt hatten, war sie es, die das Haus nach dem Tod der Omia unbedingt verkaufen wollte. Sie vermisste schmerzlich ihre Mutter, das Elternhaus schien ihr ohne Belang. Von ihrer Jugend hat sie selten gesprochen, Fragmentarisches erzählte sie, das meiste blieb ungesagt. Bruder Hans und Schwägerin Sophie waren mit dem Verkauf einverstanden, alle verfügten inzwischen selbst über Eigentum. Vermietung wäre nicht infrage gekommen, in diesem ländlichen Milieu lebte man nicht zur Miete.
Einige Wochen nach dem Schulabschluss hatte ich die Gegend verlassen, war selten zu kurzen Besuchen zurückgekommen. Niemals verspürte ich Sehnsucht, niemals bemerkte ich die geringste Spur von Heimweh. Doch wie oft bin ich in Gedanken, die Kindheitserinnerungen im Kopf, durch die bescheidenen Zimmer, den Garten und die Obstwiese gelaufen, habe renoviert, umgebaut und renaturiert. Hunderte Kilometer trennten mich seit langem vom Ort dieser Visionen. Sechzehn Jahre lang war dort mein Zuhause gewesen, Heimat war es mir nie. Dörfliche Enge, eine herbe Abgeschiedenheit prägten die bodenständige, bäuerliche Gemeinde. Die vielen zugewanderten Arbeiter, seit Ende des 19. Jahrhunderts fanden sie im benachbarten Chemiebetrieb ihren Unterhalt, änderten daran wenig.
Aber warum nur wollte ich, wenn ich dort in der Nähe war, zumindest einmal nach »unserem« alten Haus und sogar zum Hof der Tante Bäbchen – der Schwester der Omia – schauen? Auch dieses Gebäude war längst in fremdem Besitz. Warum haben sich meine Gedanken wieder und wieder in den Vorstellungen von Restaurierung und Renaturierung verstrickt?
Die Mutter, deren 14 Jahre jüngerer Bruder Hans und ich wurden in einer kärglichen Mansarde in diesem Haus der Omia geboren. Entscheidende Phasen unseres Lebens hat es geprägt. Die Eltern, ich und nachher meine zehn Jahre jüngere Schwester Paula bewohnten die Räume links vom Eingang. Die Omia und Hans lebten rechts vom Eingang. Links, das war ein kleines Wohnzimmer mit einem Kohleofen und einer dahinter liegenden noch kleineren Küche, so winzig, dass es keiner Heizung bedurfte. Trotz der Enge, des Mangels und der Unzulänglichkeit habe ich in der Kindheit nie Armut oder Bedürftigkeit empfunden.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit mussten sich die Menschen mit dem begnügen, was übrig war, was Bomben, Plünderungen und Willkür an Hab und Gut gelassen hatten. Das Haus ist von größeren Beschädigungen verschont geblieben. Nach Aufhebung der Einquartierung richtete sich die Familie wieder in den einfachen Wohnräumen ein und die Eltern, Elli und Bert, konnten endlich heiraten. Die Trauung fand unter ärmlichen Bedingungen statt. Rationierungen und Nahrungsmittelmarken gehörten weiter zur Normalität. Trotzdem wurden die Gäste, Familie und Nachbarn nach der kirchlichen Zeremonie mit köstlichem Kartoffelsalat bewirtet. Ausreichend für alle, war er in einer kleinen Zinkwanne zubereitet worden. Die Eier hatten die Hühner gelegt, die übrigen Zutaten, Kartoffeln, Gurken, Kräuter und Lauch, wuchsen im Garten. Zur Feier des Tages wurde »Knolli« serviert, selbstgebrannter Kartoffelschnaps. Wer wollte bei einem solch freudigen Ereignis an einer privaten Destillation Anstoß nehmen?
Einen Steinwurf entfernt lebte die ältere Schwester der Omia mit ihrer Familie. Barbara – alle nannten die zarte Person nur »Bäbchen« – und die Omia waren gegen Ende des 1. Weltkrieges in das Dorf Unterbruch gekommen. Die beiden jungen Frauen, gerade mal 19 und 23 Jahre alt, hatten zuvor in einer Fabrik in Stolberg Stecknadeln und Druckknöpfe produziert, nun fanden sie Arbeit in der Chemie-Fabrik. Sie blieben für immer.
Das Hochzeitsfoto, eine professionelle Studioaufnahme im Postkartenformat, zeigt Tante Bäbchen und ihren Mann als kultiviertes Paar. Selbstbewusst stehen sie nebeneinander. Eine auffallend makellos schlichte Szene. Er trägt einen eleganten hellen Anzug, sie ein kurzes, in den 20er Jahren modisches weißes Kleid in gerader Silhouette, ohne Schleier, ohne Dekoration. Nur eine goldene Spangenuhr ziert das rechte Handgelenk der Braut, ein geschmackvolles Schmuckstück im Art-Deko-Stil. Es war lebenslang ihr ständiger Begleiter und zog meine ungeteilte Bewunderung auf sich.
»Scheng«, eigentlich Johannes, aus einer Bauernfamilie stammend, hatte Wohnhaus und Werkstätten des elterlichen Hofes geerbt. Im Carré des ehemaligen Gehöftes blühten im Sommer die schönsten Stauden und Rosen. Das abgeschlossene Areal war das Zuhause einer alten, zutraulichen Schildkröte. Vorsichtig, genussvoll fraß sie frische Blätter direkt aus der Hand. Onkel Scheng arbeitete mittlerweile, wie so viele Menschen der Region, auch in der Fabrik. Eine Nebenbeschäftigung hatte er sich bewahrt. Er stellte Körbe und Holzschuhe her. Dieses Handwerk hatte einige Jahrzehnte zuvor das Niederungsgebiet zwischen Rur und Wurm geprägt.
Onkel Schengs Werkstatt glich einer Wunderkammer. In einem alten Schuppen lagerten verschiedene, akkurat gestapelte Hölzer. Weidenruten, naturbelassen oder geschält und gebleicht, lehnten geordnet an der Wand. Die Arbeitsgeräte hatten ihren Platz in Kästen und Regalen. Fertige und soeben begonnene Stücke waren getrennt deponiert. Mit einer Lederschürze über den Knien saß er dort in der Freizeit im blauen Drillich an der Werkbank. Seine Körbe aus gebleichtem Material verwendeten wir bei der Wäsche, die anderen taten gute Dienste zur Obst- und Kartoffelernte. Ausgestattet mit dicken Socken, benutzten wir die Klompen im Garten. Scheng erlebte früh den zerstörerischen 1. Weltkrieg, da war er ein junger Mann gewesen. Später ertrug er die zweite verheerende Katastrophe. In der Werkstatt fand er einen Ort der Ruhe und Zufriedenheit. Er sprach wenig. Hier allein war seine Welt. Das Alltägliche regelte Bäbchen.
Das Wohnhaus teilten sich die beiden mit der Familie der Stieftochter Lene, einer aufgeschlossenen, hübschen jungen Frau. Sie war literarisch interessiert, las gern und viel und sie war glücklich mit ihrem freundlichen, liebevollen Ehemann und den drei Kindern. Ohne Zweifel belastete die Trennung von den Geschwistern ihr Leben schwer. Der Vater war früh gestorben, ein Fahrradunfall. Zurück blieb ihre Mutter mit fünf Kindern. Zu deren Entlastung übergab man Lene, die jüngste Tochter, kurzerhand der Schwester der Mutter, die gerade ihren kleinen Sohn verloren hatte.
Lene konnte den Tod des Jungen nicht ungeschehen machen und Tante Bäbchen, so gutherzig und wohlwollend sie sein mochte, war nicht in der Lage, die vier Geschwister, vor allem nicht die beiden munteren, immer fröhlichen Schwestern, zu ersetzen. Niemals ist der Versuch unternommen worden, diese tragischen Verhältnisse zu verstehen, geschweige denn aufzulösen. Stattdessen wurde Lene zu Unrecht mit Vorwürfen konfrontiert. Angeblich schlief sie morgens zu lange, hörte zu oft Radio, las zu viele Bücher und soll darüber den Haushalt vernachlässigt haben.
Diese gestörten Wahrnehmungen und wohl auch das eigene Trauma des Kindstodes dienten Tante Bäbchen zum unabweisbaren Vorwand, sich vollständig der Betreuung und Erziehung von Lenes Sohn zu bemächtigen. Ohne kindliche Entwicklungschancen, ohne eigene Erfahrungen im Jugendalter, erzog Bäbchen den Jungen in nahezu panischer Besorgnis zu einem lebensunfähigen Menschen. Lene flüchtete in ungesunde Ernährung und nachher in Tablettenkonsum, bis ihre Konstitution versagte. Unablässig ist sie mit meiner Mutter verglichen worden, die als »rechte Hand« der Omia eigene Ideen und Gestaltungskraft vermissen ließ. Ihre Elli war die Beste, die Fleißigste, war beispiellos und unersetzlich. Das taten Bäbchen und die Omia überall und ungefragt kund. Wie Lene diese stetigen Kränkungen empfand, interessierte niemanden.
Tante Bäbchen besuchten wir häufig. Sie hatte ihren knapp bemessenen Räumen durch wenige zierliche Möbel und bei Bedarf weit zu öffnende Verbindungstüren zwischen Wohnküche und Wohnzimmer einen geräumigen Eindruck gegeben. Das »Zimmerchen«, wie sie liebevoll ihr Wohnzimmer nannte, war tatsächlich winzig, und es lag zwei Stufen höher, weil sich darunter ein Kriechkeller verbarg. Hatte Tante Bäbchen zu einer Feier geladen, wurde vor dem Essen effektvoll der raumfüllende unechte Perserteppich zurückgeschlagen und an einem mächtigen, versenkbaren Messingring eine Klappe im Fußboden aufgezogen. Eine Leiter wurde ausgefahren. Man reichte die köstlichsten Kuchen oder kalten Platten herauf. Staunend sah ich diesem Schauspiel zu.
War die Kaffeetafel abgeräumt, kamen die Raucher zu ihrem Recht. Festliche Ereignisse nahmen die alten Herren, Onkel Scheng und Sophies Vater, Opa Fritz, zum Anlass, sich aus der Zigarrenkiste zu bedienen. Die Luft wurde blau, Linderung versprach ein ungewöhnliches Modeobjekt, der Rauchverzehrer. Die hohle Figur aus dünnem, bemaltem Porzellan leuchtete geheimnisvoll. Das Duftöl darin ließ zusätzlich graue Wölkchen aufsteigen – man vertraute eben dem Wohlgeruch. Der Vater mied die Zigarren. Während des Krieges war er zum Kettenraucher geworden, danach hat er, konsequent wie er war, niemals mehr eine Zigarette angefasst, das sei gesünder. Verständnis oder Zustimmung fand seine Auffassung in einer Gesellschaft, die das Rauchen zum Statussymbol erkoren hatte, nirgends. Oft genug erntete er Spott, bestenfalls ein müdes Kopfschütteln.
Nach dem Abendessen schlich ich mich zu Lene. Auch sie verspürte geringe Neigung, den zunehmend belanglosen Gesprächen der Runde zu folgen. Ihr Mann war selten dabei. Er war Schichtarbeiter in der Fabrik und abends nur in jeder dritten Woche zuhause, dann arbeitete er von 6 bis 14 Uhr. In Lenes gemütlichem Wohnzimmer umgab uns die ideale Atmosphäre, ungestört über Schriftsteller und Bücher und über die Familie zu sprechen. Liebevoll erzählte sie von ihren Schwestern. Interessiert war sie an allem, was meine Schule betraf. Aufmerksam hörte sie zu, stellte kluge Fragen. Eindringlich riet sie mir, mindestens die Realschule zu beenden, möglichst sogar das Abitur zu machen. Den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Bildung und der damals gültigen Rolle der Frau sah sie deutlich. Und sie spürte bitter die Unauflösbarkeit dieser Festlegung auf das Mütterliche und Häusliche in der eigenen Biografie.
Bäbchen und die Omia blieben ein Leben lang unzertrennlich. Ihre Häuser lagen so nah beieinander, da konnte man mit dem Fahrrad schnell mal über die Feldwege hier oder dort vorbeischauen. Die Schwestern, kräftig und leger die Omia, Bäbchen schlank und elegant, waren derart symbiotisch, dass sie bei gemeinsamen Verabredungen außer Haus genauestens ihre Garderobe abstimmten. Unausweichlich kam die Frage ins Spiel: »Mit oder ohne Hut?«
Eine herzliche Beziehung verband vor allem die Omia mit dem jüngsten Bruder. Lambert hatte sich in einer Eisengießerei eine Staublunge zugezogen, war Frührentner, entsprechend angespannt gestaltete sich seine finanzielle Lage. Seine Frau arbeitete bei der Bahn im Schichtdienst. Sie versorgte als Zugbegleiterin die Passagiere der Nachtzüge oder servierte in den Speisewagen der Mitropa. Das Paar war kinderlos. In der gesamten Familie äußerte man sich voll des Lobes über die unermüdliche, fleißige und freundliche Agnes. Sie führte trotz ihres anstrengenden Berufes einen blitzsauberen Haushalt, bewirtete fürstlich jeglichen Besuch und kümmerte sich fürsorglich um den kranken Ehemann, der sich bisweilen die Langeweile in der Gastwirtschaft nebenan vertrieb. Ihn machte seine humorvolle und liebenswürdige Art augenblicklich zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft. Diese Fähigkeit hatte die Trauung der Eltern unvergesslich werden lassen. In der Kirche, am Ende der Zeremonie, sang er mit seiner schönen Tenorstimme das berühmte Ave Maria. Alle waren tief bewegt. Das anschließende Fest wurde zu einem fröhlichen Ereignis, für ein paar Stunden gerieten die Widrigkeiten der Zeit ins Abseits.
Bruno, dem Bruder der Schwägerin schickten wir Pakete nach Polen. Weshalb Bruno in Polen war, wurde nicht diskutiert. Die Omia äußerte sich zu dieser Unterstützung unangenehm despektierlich. Wir wussten, wie sehr sie die Menschen aus dem Osten ablehnte. Diese verächtliche Geringschätzung begann bei ihr regional bereits im Ruhrgebiet. Nach dem Tod der Eltern fanden sich im Nachlass der Mutter Papiere der Omia. Die viel gepriesene Großtante Agnes war, was vermutlich niemand ahnte und nur wenige wussten, in Polen geboren und war in Herne, im tiefsten Ruhrgebiet aufgewachsen. Konsequent hat die Omia die Schwägerin mit immer neuen Lobeshymnen, die ihre wahre Herkunft verschleierten, einer meisterlichen Legendenbildung unterworfen: Frei nach der Devise: »Es kann nicht sein, was nicht sein darf«.
Es war ein einfaches, bescheidenes Leben, das sich in unseren beiden engen Räumen unter niedriger Balkendecke abspielte. Das Wohnzimmer bot, was die Mutter für notwendig und bedeutsam hielt. »Das hat man jetzt so«, war häufig ihr kompromissloser Kommentar. Die neue Couchgarnitur, ein monströses Sofa und zwei schwere ausladende Sessel, bezogen mit cremefarbenem, stacheligem Wollplüsch, beherrschten den Raum. Dazwischen drängten sich auf Kniehöhe ein zu großer runder Tisch sowie zwei Stühle. Waren Freunde oder Familie zu Kaffee und Kuchen eingeladen, saß man auf den Stühlen zu hoch, blieb der Besuch wie üblich bis in den Abend, wurden die Sessel zurechtgerückt, der Tisch ausgezogen. Mit Hilfe einer Kurbel konnte er in die Höhe gefahren werden. Stühle und Hocker aus der Küche ergänzten das Ensemble. Gästen, die auf den Polstermöbeln platziert wurden, halfen dicke Kissen unzureichend, um sie vor dem Verschwinden hinter den Tellern zu bewahren. Ohnehin mussten alle erst sitzen, bevor die Mutter den Tisch eindecken konnte. War aus dem Schrank vom guten Porzellan oder Besteck ein Teil vergessen worden, waren zumindest zwei Personen gezwungen aufzustehen. Nur zur Küche hin war der Mutter ein kleiner Bereich vorbehalten, der, ohne die anderen zu stören, Bewegungsfreiheit erlaubte.
Beschwingt und gemütlich ging es in solchen Stunden zu, ausgiebig wurde geplaudert, reichlich gegessen, später auch getrunken. Gegen Abend holten der Vater und unser Freund Dietrich das Akkordeon aus dem Kasten. Das hatten sie meistens im Gepäck. Mit Begeisterung spielten sie zusammen, wann immer sich die Gelegenheit ergab. So wurde es wieder spät, bevor man sich zu Fuß, per Fahrrad, auf dem Motorrad oder im »neuen« Gebrauchtwagen in der Nacht nachhause begab. Man verabschiedete sich, verabredete sich spätestens bis zum nächsten Wochenende. Besonderer Anlässe bedurfte es nicht. Man schaute spontan vorbei, schaute, ob die Freunde eventuell zuhause wären. Wer hatte da schon ein Telefon?
So ein sonntäglicher Abstecher zu Dietrich und Inge konnte sich für mich durchaus lohnen. Im Sommer stand vielleicht ein Besuch im Eiscafé in Aussicht – ein Löffel Vanilleeis im Hörnchen zum Mitnehmen zu 10 Pfg., die Luxusvariante 30 Pfg., großes Hörnchen, zusätzlich Schokolade und Erdbeere. Im Winter hatte die Frittenbude geöffnet. Eine kleine Tüte meiner absoluten Lieblingsleckerei, inklusiv Mayonnaise, kostete ebenfalls 30 Pfg. Unvermutet sollte die Portion mit einem Mal 5 Pfg. teurer sein. Der Vater weigerte sich, diesen Preis zu zahlen. Äußerste Sparsamkeit war ich gewohnt. Die andauernden Abwägungen, das Für und Wider von Nutzen und Ausgaben, die Begründungen der Notwendigkeit, die materiellen Begrenzungen kannte ich. Doch in dieser Ablehnung des Vaters sah ich eine persönliche Zurückweisung, empfand sie gegen mich gerichtet. Das Glück der Vorfreude schien zu versinken. Was bedeuteten 5 Pfg. an diesem schönen Sonntagnachmittag? Betteln und Drängen war unnötig. Das Dilemma wäre schlimmer geworden, am Ende wäre ich erfolglos, überhäuft mit Vorwürfen und schlechtem Gewissen zurückgeblieben. Derart grundsätzliche Erfahrungen entfernten den Vater und mich nach und nach ein Stückchen weiter voneinander, geringfügig zwar, gleichwohl wirkungsvoll in der Summe.
Wann und unter welchen Gegebenheiten sich Dietrich, Inge und die Eltern kennenlernten, ist unbestimmt. Entscheidend, und das ist zweifelsfrei, war die Musik. Jeder suchte in den ersten Nachkriegsjahren seine Existenz zu sichern. Man erinnerte sich an Fähigkeiten, die zuvor höchstens eine Nebenrolle gespielt hatten oder eine angenehme Freizeitbeschäftigung gewesen waren. Privat und im öffentlichen Rahmen kam man wieder in munterer Gesellschaft zusammen. Traditionen wurden neu belebt, Kirmes, Schützenfest, Silvester und Karneval ausgiebig wahrgenommen. Man traf sich in den schlichten, teils maroden Sälen der Gastwirtschaften, die in den kleinen Dörfern in lebhafter Konkurrenz standen. Während der Kriegsvorbereitungen sollen sie mit Mehl und Getreide gefüllt gewesen sein. An diese Szenarien mochte sich nun niemand mehr erinnern, jetzt wurde gefeiert. Die Mitglieder des St. Josef Sängerbunds luden zu Tanzveranstaltungen und zum Silvesterball und unternahmen Ausflüge in die nahe Umgebung. Ein Foto aus dem Jahr 1951 zeigt eine fröhlich gestimmte Gruppe anlässlich einer Reise an die Ahr, mit dabei die Eltern und einige Nachbarn.
Bei den Saalfesten war es Aufgabe der Musiker, die Gäste in Stimmung zu bringen und zum Tanz aufzuspielen, zum beliebten Foxtrott oder Walzer. Dietrich beherrschte mühelos das Akkordeon, seine Mutter, die Omili, spielte seit der Jugend fabelhaft Klavier. Was lag näher, als sich solcher Talente zu besinnen und ein paar Mark zu verdienen, wo momentan jeder Pfennig gebraucht wurde. Beliebte Schlager waren schnell einstudiert: Die »Capri-Fischer«, »IchbrauchekeineMillionen«, »ManmüssteKlavierspielenkönnen«. Im Karneval hieß es: »Wersolldasbezahlen?« oder »WirsinddieEingeborenenvonTrizonesien!«. In bedrückender Weise ironisierte dieser Text die schreckliche Vergangenheit, er wurde ein Gassenhauer. Begeistert sang man mit, Heiterkeit und gute Laune garantiert.
Auch der Vater, versiert auf dem Akkordeon, hatte in der Saison einige Engagements, und die Mutter begleitete ihn zu den Veranstaltungen. An manchen Abenden trug Inge einen Bauchladen durch die Reihen der Gäste und verkaufte Süßigkeiten und Tabakwaren. Bei irgendeinem Fest, auf irgendeinem Saal müssen die Eltern und Dietrich und Inge sich gefunden haben.
Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft. Wenige Wochen nach dem Abitur sollte aus dieser Begegnung die entscheidende Wendung in meinem Leben hervorgehen.
