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Jeden Tag als Soldat hat der Vater des Autors seiner Frau einen Brief geschrieben. 500 dieser Briefe sind erhalten. Der Autor hat sie für dieses Buch thematisch geordnet, erläutert und mit eigenen Erinnerungen verbunden. So entstanden schlaglichtartige Bilder vom rauen Soldatentum zur Nazizeit, von gewonnenen und verlorenen Schlachten, vom blinden Glauben an "den Führer", vom Hass auf die Gegner in Russland und Großbritannien, von der Sorge um die geliebte Familie, seine Frau und die zwei kleinen Söhne.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2020
Es gibt nie wieder Krieg
Mein Vater im Herbst 1948 nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Am 25. Juni 1950 begann der Krieg in Korea. Bis zum Waffenstillstand am 27. Juli 1953 hat er fast vier Millionen Menschen das Leben gekostet.
Horst Schwartz
"Meine liebe Mutti"
Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau
© 2020 Horst Schwartz
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-16623-3
Hardcover:
978-3-347-16624-0
e-Book:
978-3-347-16625-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt:
Mein Vater:So etwas wie ein Vorwort
Der Soldat:Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt
Briefe:Ich schreibe jeden Tag ohne Ausnahme
Befinden:Mir kommt es heutzutage auf die Gesundheit an
Lehrgänge:Ich bin ein richtiger Außenseiter
Familie:So viel hat man sich zu erzählen
Schlachten:Wer auf Vati schießt ist ein Lump
Russland:Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse
Aachen:Sogar unsere Heimat ist Front geworden
Die Engländer:Man wartet mit Genugtuung auf Vergeltung
Die Italiener:Was soll man nur zu Italien sagen…
„Der Führer“:Einzige Figur weltgeschichtlicher Größe
Gefangenschaft und Heimkehr:Barfuß im Schlafanzug mit Krawatte
Mein Vater:So etwas wie ein Vorwort…
Als mein Vater 50 wurde, ließ er sich fotografieren, und zwar so, wie das damals in bürgerlichen Kreisen üblich war: im Maßanzug mit Krawatte und Einstecktuch, mit geöltem Haar und mit auf dem Tisch vorgestrecktem rechten Arm, damit man den Brillantring besser sehen konnte.
Ich habe das Foto nie gemocht, ich fand es ziemlich seelenlos. Es gab mir nicht die geringste Antwort auf die Fragen, die ich im Laufe meines Lebens an meinen Vater hatte. In neun Umzügen während eines halben Jahrhunderts habe ich das Foto, das mein Vater mir gerahmt geschenkt hatte, niemals aufgehängt. Es blieb unausgepackt und unbeachtet.
Dasselbe gilt für einen Karton, den ich von Umzug zu Umzug mitschleppte. Er enthielt zahlreiche Briefe, die mein Vater im Krieg geschrieben hatte. Erst vor ein paar Jahren habe ich sie mir näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß.
Mein Vater war vom 10. Februar 1942 (dem Tag, an dem er eingezogen wurde) bis zum 3. Oktober 1948 (dem Tag seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft) Soldat. Vor allem in den Jahren 1943 und 1944 hat er fast jeden Tag seiner Frau einen Brief geschrieben. Etwa 500 Briefe und Postkarten – darunter nur einige wenige aus der Kriegsgefangenschaft – sind erhalten und in dieses Buch eingeflossen.
Die Hälfte der Briefe ist völlig fehlerfrei mit der Schreibmaschine und die andere Hälfte in beeindruckend schöner Schrift mit der Hand geschrieben. Bei den Zitaten habe ich die Original-Schreibweise und Zeichensetzung übernommen. Das viele Schreiben war meinem Vater durch die Truppenteile möglich, in denen er eingesetzt war: im Bürokratendeutsch laut Meldung vom 25. März 1942 in der Kraftfahr-Ersatz-Abteilung 16 (Standort Krefeld), später ab März 1944 in der Großen Kraftwagen-Kolonne 244 (Zugang: von Stab-Kommandantur der Division-Nachschub-Truppe 244). Das Kriegsende erlebte er im Rang eines Leutnants.
Der Wiederbewaffnung Deutschlands stand er wahrscheinlich durchaus kritisch gegenüber. Gemeinsam sahen wir im Fernsehen die ersten Bundeswehr-Soldaten, wie sie 1956 durch Andernach schlenderten. Die Bilder stießen nicht nur bei mir als pubertierenden, aber politisch interessiert Jugendlichen sondern auch bei meinem Vater auf Unverständnis. Er verhielt sich völlig neutral, als wir beide, mein Bruder und ich, nacheinander als „in Friedenszeiten untauglich“ gemustert wurden. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er das mit Wohlwollen sah, aber er enthielt sich jeden Kommentars.
Ich fand eine Liebesgeschichte
Als ich anfing, mich mit den Briefen näher zu beschäftigen, war zuerst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann kristallisierte sich die Frage heraus, die sich wohl viele Deutsche meiner Generation gestellt haben oder mangels Antworten immer noch stellen: Wie tief war die Verstrickung in das Nazi-System? War es die Ideologie, die so viel Kraft gab, die Kriegsgräuel und die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten? Oder war da noch etwas anderes, das ihn durchhalten ließ? Ich erwartete keine schlüssige Antwort, die alle Facetten abdeckte. Diese habe ich tatsächlich auch nicht gefunden…
Gefunden habe ich eine Liebesgeschichte, die sich in den Briefen versteckt, die Liebe zu seiner Frau (und zu seinen beiden Kindern), die meinem Vater ohne Zweifel geholfen hat, den ganzen Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft physisch und psychisch zu überleben.
Was ich nun gar nicht erwartet oder gar erhofft hatte: meinem Vater näher zu kommen und durch die Briefe einen direkteren Zugang zu ihm zu erhalten. Jetzt weiß ich: Ich habe einen ganz anderen Vater kennengelernt, als er bisher in meinem Bewusstsein und in meiner Erinnerung war. Gütiger ist er und liebevoller…
Wir hatten kein schlechtes Verhältnis. Er war ein recht liberaler Vater und ließ meinen Bruder und mich gewähren. Allerdings mussten wir dabei bestimmte Spielregeln einhalten, was mir nicht schwerfiel. Ein Beispiel: Er erlaubte, als ich noch nicht volljährig war, dass meine Freundin mit mir in meinem Bett übernachtete. Aber es musste immer pro forma ein zweites Lager auf der Couch im Wohnzimmer hergerichtet werden, denn damals existierte noch der Kuppeleiparagraf.
Es kam die Zeit, in der ich – ohne je mit ihm darüber zu sprechen – in einer sehr eigenwilligen Interpretation der Vererbungslehre meinen Vater für alles verantwortlich machte, was in meinem Leben nicht so richtig lief. Woher hatte ich meine damalige Neigung zu Zornesausbrüchen? Von meinem Vater natürlich. Das war ungerecht von mir, entsprach aber meiner damaligen Überzeugung.
Mit Ausnahme der Studienzeiten in Bonn wohnte ich bis zum Alter von 27 Jahren bei meinen Eltern. Um Abstand zu gewinnen, kamen meine Hochzeit mit Doris im Juni 1968, der dienstliche Umzug von meiner Heimatstadt Aachen in eine in der Nähe liegende Kreisstadt und schließlich 1972 der Umzug nach Berlin gerade recht. Das Verhältnis zu meinem Vater wurde oberflächlicher. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass bei Besuchen von meiner Frau, den beiden Kindern und mir bei meinen Eltern in Aachen immer der Fernseher lief. So kamen nur flache Gespräche zustande.
Das heißt aber nicht, dass ich mich „zu Hause“ nicht wohl gefühlt hätte. Wir waren eine normale, bürgerliche Familie. Wir, das waren mein Vater, Jahrgang 1909, meine Mutter (geboren 1907), mein Bruder Rolf (Jahrgang 1938) und ich (1941). Zur Familie meines Vaters gehörten noch sein Bruder Walter mit Frau und Sohn, die Schwester Luise mit Mann und einem Sohn, und der Bruder Albert, der aus dem Krieg nicht mehr heimgekommen ist und seine Frau mit vier Kindern hinterließ. Wir waren eine große Familie: Meine Mutter war eines von 18 Kindern. Meine Großeltern mütterlicherseits hatte ich nie kennengelernt, wohl aber die überlebenden Geschwister meiner Eltern und meine über 20 Cousins und Cousinen.
Als mein Vater in den Krieg musste, arbeitete er als Bilanzbuchhalter. Meine Mutter war nicht berufstätig und nicht zur Arbeit in einem kriegswichtigen Betrieb verpflichtet; nach der Einberufung meines Vaters musste sie sich finanziell keine übergroßen Sorgen machen. Wie allen Ehefrauen, deren Männer in den Krieg zogen, zahlte ihr der Staat Unterhalt, der durch Beihilfen zur Miete und Krankenversicherung aufgestockt wurde.
Nach seiner Entlassung war mein Vater eine Zeit lang in der Auskunftei seiner Schwester tätig und machte sich dann als Helfer in Steuersachen selbständig. Im relativ hohen Alter legte er die Prüfung zum Steuerberater ab. In unserer Heimatstadt war er vielen bekannt. Als Kind war ich immer stolz darauf, dass mein Vater beim Gang durch die Innenstadt den Hut – ohne den ging ein Mann damals nicht aus! - in der Hand behielt und nicht aufsetzte, weil er so oft gegrüßt wurde.
Ein Zahlen- und Gewohnheitsmensch
Mein Vater war ein Zahlenmensch. In die Additionsmaschine eingegebene Zahlenkolonnen kontrollierte er im Kopf auf ihre Plausibilität, und so manchen Kellner verblüffte er, weil er die Endsumme schon längst im Kopf hatte, ehe der Kellner sie addieren konnte. Er war auch ein ausgeprägter Gewohnheitsmensch: Jeden Sonntag endete der immergleiche Spaziergang im selben Restaurant, und auch der Urlaubsort blieb über Jahrzehnte derselbe.
Das Steuer-Büro meines Vaters lag immer in der Wohnung. Heute würde man das Homeoffice nennen. Mittags verschwand er für 20 Minuten zu einem kurzen Mittagsschlaf ins Schlafzimmer, um dann „gesund und munter“, wie er das nannte, weiterzuarbeiten. Das habe ich nie verstanden, bis mich ein Arzt vom Sinn des Power Napping überzeugte; der Kurzschlaf ist für mich längst eine tägliche Gewohnheit.
Das erste, was mir einfällt, wenn ich an unsere Wohnung denke, ist Tabakrauch. Der kam mir auch entgegen, als ich mich zum ersten Mal intensiver mit den Kriegsbriefen befasste. Über 70 Jahre hatte er sich in den Papieren gehalten. Mein Vater rauchte ausschließlich - heute von der EU verbotene - Orientzigaretten der Marke Finas. Vor mir liegt die letzte, noch ungeöffnete Packung, die er sich gekauft hatte. 40 Zigaretten waren das Tagespensum, regelmäßig sechs Zigaretten rauchte er schon vor dem Frühstück. Mein Vater starb 1985 an Lungenkrebs.
Wie in so vielen Familien wurde damals über Probleme nicht geredet, über die Kriegserlebnisse schon gar nicht. Nur zweimal hat mein Vater davon im Zusammenhang erzählt: einmal direkt nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, aber da war ich noch ein Kind, das zweite Mal in langen abendlichen Gesprächen, als meine Mutter in einer Klinik war und ich in der Zeit meinen Vater betreute. Dass mit ihm irgendetwas „nicht stimmte“, wussten wir: Manche Nacht wachte mein Vater schreiend auf – und fiel dann wieder zurück in tiefen Schlaf. Aber wir wagten nicht, ihn darauf anzusprechen
Was gäbe ich dafür, noch einmal mit ihm über seine Kriegserlebnisse reden zu können! Sein Bild, das habe ich inzwischen hervorgeholt und aufgehängt.
Das ist das Foto: Mein Vater mit 50 Jahren.
Foto: privat
Mein Vater als Soldat.
Foto: privat
Der Soldat:„Jeder Befehl ist heilig und wirdausgeführt“
Wie so oft ist aus den Kriegsbriefen meines Vaters auch zum Soldatentum keine eindeutige Position auszumachen. Ist er gerne Soldat? Oder ist er zumindest davon überzeugt, das Richtige zu tun?
Gewiss leidet er unter der Trennung von seiner Familie, wie hundertfach belegt, aber fügt er sich klaglos? Bei allen Unbilden, Ungerechtigkeiten und bei allem Unheil, das der Krieg über Soldaten und Zivilisten bringt: Die Briefe sind kein Protestschrei. Aber sie sind auch keine Verherrlichung des Krieges und des Soldatentums.
Allein und doch nicht allein, schreibt mein Vater in der Neujahrsnacht 1942/1943, weiß ich doch deine Gedanken bei mir. Bei aller Sehnsucht orientiert er sich an den Fakten: Aber wir sind nun mal Soldaten und müssen immer an unsere so tapferen Kameraden im Osten denken, die teilweise schon mehrere Jahre nicht mehr zu Hause waren und die ihre Lieben daheim genauso gern haben wie wir. Dabei müssen unsere armen Jungens zum Teil tagtäglich, ja stündlich einen harten Kampf um ihr Leben austragen.
Ein Schlüsselsatz findet sich im Brief vom 17. Januar 1943: Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt.
Am 10. Februar 1942 wurde mein Vater eingezogen. Zum bevorstehenden zweiten Jahrestag schreibt er am 6. Februar 1944: Wir hatten niemals gedacht, dass ich so lange Soldat bleiben könnte. Wie schnell vergeht doch die Zeit. So viel man sich auch als Soldat fühlt und davon überzeugt ist, dass wir die Waffe erst nach einem totalen Sieg aus der Hand legen dürfen, so sehnsüchtig erwartet man doch den Tag der Heimkehr. Notiz vom 9. Februar: Heute vor zwei Jahren feierten wir zu Hause Abschied von der bürgerlichen Existenz. Morgen wird es zwei Jahre, dass Vati den grauen Rock trägt. Den trägt er nicht ganz ohne Stolz. Wenn es mir gelingt, dann kann ich mich Weihnachten im Schmuck meiner neuen Uniform vorstellen, heißt es in einem Brief vom 2. Juni 1944.
„Die Herren sind sehr selbstherrlich“
Das Verhältnis zu Vorgesetzten und Kameraden ist, wie zu erwarten, von einem ständigen Auf und Ab geprägt. Mit unserem Kommandeur und mit den Offizieren ist im allgemeinen nicht gut Kirschen zu essen, die Herren sind sehr selbstherrlich (2. Mai 1943). Gewiss habe ich ein paar sehr nette Kameraden, aber nichts kann einem die Familie und die Heimat ersetzen. Wenigstens mir nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu anspruchsvoll bin. Gewiss ist aber meine persönliche Feststellung, dass es sehr wenige Menschen gibt, denen Familie und Heim so alles bedeuten wie mir. - Bei all dem rauen Soldatentum sehnt man sich so oft nach einem kultivierten Gespräch mit lieben Menschen (23. Januar 1943).
Besonders gelungene Abende sind offensichtlich die Ausnahme: Gestern Abend haben wir ganz gemütlich den Geburtstag meines Inspektors gefeiert. Mangels Trinkgelegenheit haben wir aber wie gewöhnlich zeitig Schluss gemacht, sodass ich um 10 Uhr schon wieder im Bett lag. Zur Feier des Tages haben wir uns eine Pfanne mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln gemacht, das hat herrlich geschmeckt (13. Juli 1943).
Froh bin ich nur, notiert mein Vater am 5. Juni 1944, dass ich annehmen darf, vollstes Vertrauen bei meinen Vorgesetzten und Respekt aus ehrlicher Achtung bei meinen Kameraden zu haben. Und: Ich fühl das Vertrauen dieses Einheitsführers, der mich gern nach meinem Gutdünken schalten lässt. So macht das Arbeiten Freude. Du weißt ja: Vati darf nicht geduckt werden. Er muss sich frei wie ein Adler regen können, dann geht es mit Schwung an die Sache ran und es klappt dann auch alles (11. Juni 1944).
„Arbeit habe ich mehr als genug“
Die Anerkennung, die mein Vater durch seine Arbeit im Krieg genießt, bedeutet ihm sehr viel: Bei meiner augenblicklichen Arbeit fühle ich mich sehr wohl, allseits geachtet, vom Inspektor als wirklicher Mitarbeiter betrachtet. Was will man mehr, dazu kommt noch, dass man sich von der 4.K. so reißt, damit ich helfen komme. Als ob man richtig erkannt hätte, was Vati leisten kann, wenn er den richtigen Rahmen hat. So etwas macht einem das Soldatenleben wenigstens erträglich (27. Januar 1943).
Die Aufgabengebiete meines Vaters im Krieg wechselten häufig. Mitunter hatte er kurzfristige Aufgaben zu erfüllen.
Heute musste ich Ordonnanz spielen, schreibt er am 11. Januar 1943, da Glatteis ist, konnte ich nicht mit dem Rad fahren, sondern bin um 6:00 Uhr früh schon zu Fuß losgegangen. 20 km bei Glatteis zu laufen ist auch nicht übel, was? Ironisch stellt er am 14. Januar fest: Ich habe schon wieder etwas Neues: Verantwortlicher für die geistige Betreuung der Truppe. Na, wer ein Amt hat, dem gibt Gott auch den Verstand. Am 29. Januar heißt es: Heute habe ich die Geschäfte der Stabsschirrmeisterei übernommen.
Wohl nur den Lesern, die in militärische Strukturen eingeweiht sind, bringt eine Briefpassage vom 14. Februar 1943 Licht ins Dunkel; sie stammt offensichtlich vom Einsatzort Belgien: Die Dienststelle, bei der ich jetzt bin, ist der Kommandeur der Divisions Nachschubtruppen. Außer den Geschäften der Schirrmeisterei des Stabes/ Kdeur.d.DivNachsch. muss ich die Arbeiten der Abt V (K) machen, die als solche vorgesehene Dienststelle für alle Nachschubtruppen der Division ist. Nebenher kommt dann noch die Verwaltung des Reifen- und des Betriebsstofflagers der Division.
Du siehst also, dass ich Arbeit mehr als genug habe. Für alle diese Arbeiten waren bis jetzt 2 Oberschirrmeister da, die nach Aussage des Inspektors keine Ahnung hatten und nur Durcheinander schafften. - Das Leben besteht bei mir nur noch aus einem bunten Wirbel, heißt es klagend im Brief vom 2. März, ich weiß wirklich nicht, wie es auf einmal Abend ist, ein solcher Betrieb herrscht bei mir den ganzen Tag.
Die folgenden Sätze vom 2. Mai 1943 klingen auf den ersten Blick wie überzogenes Eigenlob, aber wie ich meinen Vater kenne bzw. kannte, gibt er exakt die Tatsachen wieder – er war zwar sehr selbstbewusst, neigte aber nicht zur Überheblichkeit: In der Abwesenheit des Herrn (die Rede ist vom Inspektor)muss ich nun die ganz erstaunliche Feststellung machen, dass ich nicht nur mit den höheren Vorgesetzten tadellos auskomme, sondern wirklich und ernsthaft für voll genommen werde. Ich kenne meine Arbeit, und vertrete einen geraden Standpunkt sehr oft gegen die Meinung der Offz., und ich finde Anerkennung und setze mich da mühelos durch, wo bisher der Inspektor glatt aufgeben musste.
Wenn ich dem Adjutanten ruhig und sachlich klar etwas auseinandersetze, dann gibt er mir recht und unterstützt mich sogar. Das ist mir neu, erfüllt mich aber andererseits mit einer gewissen Freude, weil ich Grund zu der Annahme habe, dass es zum größten Teil meiner Person gilt. Ich brauche keinem eine Antwort schuldig zu bleiben, ich weiß eben immer und überall Bescheid. Das merken die Herren ja doch. Der Adjutant hat mich auch als alleinverantwortlichen Fahrdienstleiter bestimmt, es hat mir keiner etwas dreinzureden. Selbst wenn der Kommandeur fahren will, muss er mich zuerst um einen Fahrbefehl fragen.
Foto: privat
Seit heute bin ich nun endgültig auf der Schreibstube gelandet, klagt mein Vater im Brief vom 11. Dezember 1943. Der Oblt. hat lange mit mir gesprochen und mir klargemacht, dass er mich unter keinen Umständen fortgeben will. Auch dann nicht, wenn es einmal sehr hart werden sollte. Bei meiner Rücksprache mit dem Oblt. habe ich nun an dich gedacht und zugesagt. Das hat mich doch ein großes Opfer gekostet, eigentlich bin ich deswegen noch nicht beruhigt, aber es wird schon besser sein.
„Wo gibt es schon Dank in der Welt?“
Er sei noch nicht ganz damit einverstanden, so dauernd auf der Schreibstube zu hängen, schreibt mein Vater Heiligabend 1943. Mitunter kommt Frust auf – wie am 14. Februar 1943: Manchmal ist man es doch etwas leid, wenn man an allen Ecken die Arbeit herausreißen muss wobei sich andere einen guten Tag machen. Aber wo gibt es schon Dank oder Anerkennung auf der Welt. Andere werden Uffz., bekommen K.V.K. nachgeschmissen und man selbst sitzt da und guckt in den Mond.
K.V.K. steht für Kriegsverdienstkreuz, das in mehreren Abstufungen als Zeichen der Anerkennung für Verdienste in dem uns aufgezwungenen Krieg verliehen wurde, wie es absichtlich gelogen in der Stiftungsverordnung heißt.
Stolz schwingt mit, als mein Vater im Brief vom 14. November 1944 das Gespräch mit seinem Oberleutnant schildert. Dieser gratuliert ihm zur Beförderung:
