...nur schade, dass sie hinkt! - Horst Schwartz - E-Book

...nur schade, dass sie hinkt! E-Book

Horst Schwartz

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Beschreibung

Eine amüsante, aber mitunter auch nachdenklich stimmende Tour d'Horizon durch 50 Berufsjahre des Reisejournalisten Horst Schwartz. Die mehr als 60 Geschichten, die er erzählt, sind allesamt - zum Teil höchst überraschende - Momentaufnahmen. Die Begegnungen und Ereignisse spielen sich in ungezählten Destinationen ab - von A bis Z, Aachen bis Zypern.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»Garnele röstetein Cognac loderte«

Aus einer »deutschen« Speisekarte auf Korsika

Horst Schwartz

„…nur schade, dass sie hinkt!“

Kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben

© 2021 Horst Schwartz

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-20255-9

Hardcover:

978-3-347-20256-6

e-Book:

978-3-347-20257-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Gebrauchsanweisung…

…für dieses Buch: lauter Momentaufnahmen und kein Reiseführer

Schneewittchens harter Kern

Hinter den sieben Zwergen versteckt sich elende Kinderarbeit

Die Tränen der Diva

Wie mich Melina Mercouri nach Athen lockt

Der One-Dollar-Man

Interims-Tourismusminister arbeitet 18 Stunden

Was wird aus Hitchcock?

Adriana pflegt in ihrem Atelier eine verletzte Möwe

Dionysos und der Wein

Das Kloster Chrysorrogiatissa leidet unter der EU

Jean Rey und die Griechen

Protest bei Karlspreisverleihung – ein Politikum

Wie ich der antiken Lady sehr nahe komme

Streicheleinheiten unter der Plane

Dornröschen als Marketingtrick

Sababurg-Schlossherr überlässt nichts dem Zufall

Madonna mit exakter Sommer- und Winterzeit

Marienerscheinung macht Medjugorje zu Hotspot

Wie ich mich mit dem Bornholm-Virus anstecke

Der Überträger ist ein alter Freund

Der Zauberer von Bratislava

Behält der Messechef alle Abmachungen im Kopf?

Hotelinspektion im Bademantel

Ich werfe mal wieder ein volles Glas um

Begegnung mit Elvis‘ Sohn

Panos zeigt mir auf Kreta Überraschendes x 10

Wo es kein Zipfelchen Plastik gibt

In »The Brakers« dominieren Holz und Stoff

Das Lächeln am Abend

Wie meine Eitelkeit hart auf die Probe gestellt wird

Im Boot des Lebens

Hochzeit in der Glasbläserei

Der Sturz und die russische Seele

Wie mir ein Unfall die Augen öffnet

Wenn es riecht auf dem Kreuzfahrtschiff

Spürnase Henrik an Bord der AIDAmar

Alles, was rund ist

Mit dem fahrrad-vernarrten Christian auf Kreta

Herr Ngo schreibt keine Liebesbriefe mehr

Saigons Stadtschreiber wird häufig übersehen

Augen nur geradeaus!

Originelles Bahnhofsklo mit delikaten Motiven

Lauter Süßes

Fröhliche Frauen-Kooperative »Apolloniatisses«

Der Sammler

Er sammelt Füller, Teppiche – und ein Schloss

Ja, wo ist denn der kleine Beo?

Von links angequatscht im Aachener Tierpark

Überwintern in Zeiten der Revolution

83-Jährige sperrt sich gegen die Evakuierung

Der Biss des Klippschliefers

Begegnung im Mount-Kenya-Nationalpark

Vom Partisan zum Friedhofswärter

George Psychoundakis überrascht immer wieder

Der Retter

Wie TCM einer bemitleidenswerten Kollegin hilft

Ein Riesenhokuspokus

Frank Kantereit schreibt ein Märchenbuch nach dem anderen

DIESE GESCHICHTE GAB DEM BUCH DEN TITEL:

Das vergiftete Kompliment

Gespräch an der Bar mit kretischem Patriarchen

Das Kuhglocken-Ballett

Altes Handwerk auf der Weltkulturerbe-Liste

Stoppschild? Gas geben!

Auf Malta brauche ich an drei Tagen drei Mietwagen

Das Geheimnis der Goldgreise

Die Männer haben auffallend große Nasen

Peinlich…

Wie sich Maßstäbe schnell verschieben

Ole auf den Erbseninseln

Tourismuskoordinator für Christiansø

Schnappschuss mit dem Kronprinzen-Paar

Gewese um die Belgrader Royals ist nur Show

Hundertwasser ist es zu warm

Interview im Kunst Haus Wien ist in Gefahr

Die Glas-Poeten

Pete & Maibritt sind in der Østersøhytten kreativ

In Panik gegen den Schrank

Wenn ein Hotel in der Einflugschneise liegt

Wie ich beschließe, 60 zu werden

…und dabei so jung zu sein wie César Manrique

Der Langzeitgast

Wie ich auf Madeira ins Fettnäpfchen trete

Testurteil »Nicht feuersicher!«

Wie ich in Wien mit einer Hotelinspektion auflaufe

„Ich werde Sie bescheißen!“

Die Tricks des Souvenirhändlers Russetos

Seifenstücke mit Autogramm

Der »Teufelsgeiger« war ein Vermarktungsgenie

Time to say goodbye

Wieso meine Bahamas-Tickets verschwunden sind

Die glatte Fünf

Oman: das merkwürdige Spiel von Henrik und mir

Der Mops, der mich zu Arne führt

Künstler-Kosmos auf dem Bukkegård

Renrajd-Uwe und seine Rentiere

Lapplandlager Björkträsk im Tierpark Sababurg

Tabus? Welche Tabus?

OB Boutaris krempelt Thessaloniki um

Horst kommt!

Als er da ist, findet niemand seine Reservierung

Der Ring im Sand

Szenen einer Ehe auf Skiathos

Thomas Bernhards Theaterkulisse

Nachbar Maxwald: »Er ist nicht der Finstere«

Kahlschlag im Gellért

Friseurbesuch unter erschwerten Bedingungen

Abenteuer Schieferdorf

Thomas Cölle beherzigt portugiesische Lebensregel

Der Blick in die Ewigkeit

Aus Zufallsfund wird Weltsensation

Auch das noch: Randnotizen…

…zum Schluss noch Eigenwerbung

»Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau«

Der Autor

Meiner kleinen Freundin Akeyo (»Pepi«) gewidmet

Dank an Michael Manfred Köpp für seine Korrekturen. Mein besonderer Dank gilt Esther H. Norman für ihr professionelles Korrektorat (www.esthernorman.de).

Meiner Tochter Kirstin und Doris Schwartz danke ich für ihre Unterstützung bei der Herausgabe des Buches.

Alle Fotos in diesem Band – auch das Foto auf dem Cover – stammen vom Autor, bis auf die Fotos auf S. 139 und 198.

Gebrauchsanweisung…

…für dieses Buch: lauter Momentaufnahmen und kein Reiseführer

Eines kann und will dieses Buch nicht sein: ein Ersatz für Reiseführer. Wie sollte das auch gehen bei drei Dutzend Destinationen, in denen die hier geschilderten Ereignisse spielen. Es sind mal kürzere mal längere Geschichten aus einem langen Reiseleben.

Seit fast fünf Jahrzehnten bin ich als Reisejournalist unterwegs, dies übrigens mehr in Europa als auf Fernreisen. Das spiegelt sich in den Kapiteln entsprechend wider.

Die ersten neun Jahre war ich für die Stiftung Warentest als Leiter der Reiseredaktion der Zeitschrift „test“ unterwegs, später machte ich mich selbständig. Mein Redaktionsbüro besteht jetzt genau 40 Jahre.

Es wird Lesern sofort auffallen, dass besonders viele Geschichten auf der kleinen dänischen Insel Bornholm spielen und in Griechenland, dort vor allem auf der Insel Kreta. Über beide Destinationen habe ich mehrere Reiseführer geschrieben und musste deshalb entsprechend oft hinreisen. Bornholm bezeichne ich zudem privat als meine Schicksalsinsel, aber das ist hier nicht das Thema. Bornholm habe ich schon besucht, als ich noch Redakteur bei einer Tageszeitung war. Die Reisen nach Griechenland habe ich nicht gezählt, allein auf Kreta war ich bestimmt 40mal oder mehr, dies fast ausnahmslos dienstlich. Nur einmal habe ich dort Ferien mit meinen Söhnen verbracht.

Um die Neugierde beim Lesen zu erhöhen, habe ich mich bewusst dagegen entschieden, Geschichten, die in ein und derselben Destination spielen, auch hintereinander zu bringen. Auch habe ich der Suche nach einem „roten Faden“ ebenso bewusst eine Absage erteilt wie einer chronologischen Ordnung.

Eine einzelne Geschichte in dieser Sammlung hängt nicht direkt mit einer Reise zusammen: das Kapitel über die Karlspreisverleihung 1969. Aber sie hatte großen Einfluss auf meine Reisen nach Griechenland, wie sich später herausstellte. Ich musste damit rechnen, dort in der Juntazeit als unerwünschte Person zu gelten.

Wer mich besser kennt, vermisst in diesem Buch ein paar Geschichten, die ich vielleicht auf Partys erzähle oder im privaten Gespräch bei einem Glas Wein. Nämlich die Geschichten, in denen mir oder Mitmenschen Missgeschicke widerfahren, über die man sich köstlich amüsieren könnte. Könnte! Aber ich möchte hier niemanden zum Gespött machen, auch nicht mich selbst…

Sollte sich doch einer der Akteure bei einer Geschichte heftig auf den Fuß getreten fühlen, soll er mir schreiben ([email protected]). Das Prinzip Print-on-Demand (es werden nur so viele Bücher gedruckt, wie bestellt oder verkauft sind), ermöglicht es, solche Passagen relativ schnell zu korrigieren.

Die Kapitel sind eine bunte Mischung, für den einen oder anderen mal interessanter, mal vielleicht weniger interessant. Wichtig ist: Ich habe auch bewusst darauf verzichtet, die Destinationen genau oder gar ausführlich zu beschreiben (dies zum Stichwort: kein Reiseführer). Nur ganz selten gerate ich etwas ausführlicher ins Erzählen über das gerade Erlebte hinaus (zum Beispiel in der Geschichte über Werner Levano, der mich mit dem Bornholm-Virus angesteckt hat…)

Bewusst und konsequent habe ich darauf verzichtet, Aufgaben und Umfeld geschilderter Personen oder Gegebenheiten zu aktualisieren. Das wäre ein uferloses Unterfangen gewesen. Alles, was in diesem Buch steht, sind Momentaufnahmen. Jahreszahlen am Ende der Geschichten weisen darauf hin, in welche Zeit diese Momente einzuordnen sind.

So kann eine kleine Geschichte im Jahr 1982 spielen, eine andere im Vorjahr. Eine der handelnden Personen könnte also schon längst ihren Job gewechselt haben, eine andere gestorben sein. Sie alle leben in meiner Erinnerung weiter – und jetzt auch in diesem Buch.

Berlin, im Juli 2021

Als »Schlangenbeschwörer« in Marokko

Schneewittchens harter Kern

Hinter den sieben Zwergen versteckt sich elende Kinderarbeit

Kinderarbeit ist das Thema, das den pensionierten Berufsschullehrer Eckhard Sander aus Borken in Nordhessen seit vielen Jahren umtreibt. Das hängt mit dem Schrecken zusammen, den er vor Jahren bei einem harmlosen Ausflug bekam. Da erfuhr er, dass früher auch Kinder im Kupferbergwerk im Bad Wildunger Ortsteil Bergfreiheit geschuftet haben.

Das Bergwerk war 1561 gegründet und wohl schon Ende des 16. Jahrhunderts aufgegebenen worden. 1974 wurde es nach zehnjähriger Planungs- und Sicherungsarbeit für Besichtigungen freigegeben. Auch Eckhard Sander war mit seinen Kindern unter den Besuchern, als der Bergwerksführer dem staunenden Publikum die Sache mit der Kinderarbeit erzählte. »Das hat mich erschüttert«, sagt Eckhard Sander heute. Aber das sei doch nur Spaß gewesen, um den Besuch interessanter zu machen, versicherte ihm der Bergwerksführer.

Doch da hatte sich die Vorstellung schon in Eckhard Sanders Kopf eingebrannt und seitdem nicht mehr losgelassen. Bei einer Führung durch das Besucherbergwerk erscheint logisch, dass auch Kinder in dem Bergwerk arbeiten mussten, um das Erz aus den teilweise nur 30 Zentimeter hohen Schürfgängen herauszuholen. Im Laufe der Jahre hat der Amateurhistoriker viele Belege für Kinderarbeit gefunden,

das Besucherbergwerk in Bergfreiheit war kein Einzelfall: »Die Kinder sahen in den Bergwerken 14 Stunden lang kein Sonnenlicht, arbeiteten liegend im Feuchten und waren schlecht ernährt.« Sie blieben im Wachstum zurück, wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, »dass sie im Berg zum Greis wurden« (Sander).

Zum Schutz gegen Steinschlag trugen sie eine Art Zipfelmütze. Wem fielen da nicht die sieben Zwerge aus dem Märchen Schneewittchen ein. Im Märchen – das die Brüder Grimm ja nicht erfunden haben, sondern von dem ihnen verschiedene Fassungen zum Sammeln zugetragen wurden – leben sie in einem »Zwergenhaus«: »Da stand ein weißgedeckter Tisch, …und ferner waren an der Wand sieben Bettchen«, heißt es da. Genauer hingeschaut: An der Wand im Wohn- und Esszimmer und nicht in einem eigenen Schlafzimmer standen die Bettchen. Das ist genau der Grundriss der Bergmannshäuser, die es in Bergfreiheit gab – und des historischen »Schneewittchenhauses« im Ort, in dem für die Touristen eine hübsche Schneewittchen-Darstellerin mit sieben Zwergen, goldigen Kindern mit angeklebtem Bart und roter Zipfelmütze, an einem weißgedeckten Tisch sitzt.

Schneewittchen mit Arsen vergiftet?

Apropos: Schneewittchen als Person fehlt noch auf der Suche nach historischen Quellen zum Märchen. Auch die hat Eckhard Sander gefunden. Der Gründer des Bergwerks in Bergfreiheit war Graf Samuel von Waldeck, der auf Schloss Friedrichsstein in Bad Wildungen residierte. Der hatte eine schon in zeitgenössischen Dokumenten als wunderschön beschriebene Schwester, Margarethe von Waldeck. Mit 16 wurde sie zur standesgemäßen Erziehung nach Brüssel an den Hof der Königin Maria von Ungarn und Böhmen geschickt, Schwester Kaiser Karls V. und dessen Statthalterin in den Spanischen Niederlanden. Eckhard Sander: »Zieht man von Wildungen nach Brüssel eine Linie, führt diese durch das Siebengebirge« – Schneewittchens sieben Berge.

Eckhard Sanders hat in den Archiven »in Brüssel, Wien und Spanien viele Belege gefunden«, die vermuten lassen, dass sich zwischen der schönen, blutjungen Margarethe und dem Infanten Philipp von Spanien eine romantische, aber schließlich unglückliche Liebesgeschichte entwickelte.

Doch diese konnte am Hof keinen Gefallen finden: Philipp war katholisch, Margarethe protestantisch, er der Sohn des Kaisers, sie eine unbedeutende Gräfin. Zudem hatte der Kaiser seinen Sohn der Maria Tudor versprochen, der Tochter Heinrich VIII. Margarethe starb mit 21 Jahren und wurde wahrscheinlich vergiftet, wie nicht nur die zittrige Unterschrift unter ihrem Testament zu belegen scheint. Margarethe schrieb: »Mein Gemüt und mein Kopf sind gesund, mein Körper ist blöd…« Die Vermutung der Nachwelt: Arsen!

Nordhessen, die Heimat der Brüder Grimm, ist reich an märchenhaften Orten. Aber nur selten lässt sich der harte Kern eines Märchens so präzise herausschälen wie bei Schneewittchen.

[2017]

»Schneewittchenhaus«

Die Tränen der Diva

Wie mich Melina Mercouri nach Athen lockt

Die Entscheidung ist gefallen. Dies dank Melina Mercouri, der großen griechischen Diva (»Sonntags…nie!«). Der tränenreiche Auftritt der exzellenten Schauspielerin vor einer deutschen Kamera hat bei der Stiftung Warentest zu einer folgenreichen Entscheidung geführt: nämlich das Reiseziel Athen zu testen, obwohl dort die Junta herrscht.

Darf man das? Dürfen wir von der Stiftung Warentest das, die komplett vom Bund finanziert wird? Nämlich in dem aufstrebenden Reiseziel eine Untersuchung durchführen, das gerade unter der Knute einer Militärdiktatur leidet? Kann das nicht zu Fehlschlüssen führen – deutsche Regierung unterstützt griechisches Regime, oder so ähnlich? In der Redaktion der Zeitschrift »test“, deren Reiseredakteur ich bin, folgt eine Konferenz der anderen, Besprechung auf Besprechung. Wir kommen zu keinem Entschluss.

Bis Melina Mercouri, die in Frankreich im Exil lebt, im deutschen Fernsehen zum Urlaub in Griechenland aufruft. Nur wenn weiter Deutsche in Scharen nach Griechenland strömten, werde dort die Flamme der Demokratie nicht gelöscht. So lautet ihr eindringlicher Appell, bei dem ihr die Tränen kommen.

Die Entscheidung ist also gefallen. Auch meine ganz persönliche Entscheidung. Denn vor der Reise hatte ich einen großen Bammel. Würden die Grenzer mich überhaupt ins Land lassen? Oder, noch schlimmer, mich verhaften und wegen Verunglimpfung der Junta vor Gericht stellen? Vor ein paar Jahren, als ich noch bei der Tageszeitung »Aachener Nachrichten« arbeitete, war von mir ein Artikel erschienen, der nicht gerade von Sympathie für die griechische Militärregierung zeugte (s. »Jean Rey und die Griechen«, Seite 33).

Ein unverzeihlicher Fehler

Mit zwei Hotelinspektoren fliege ich klopfenden Herzens nach Athen, um dort und in Attika zu recherchieren, wie sehr Katalogbeschreibungen und Urlaubswirklichkeit auseinanderdriften. Die Einreise geht glatt. In den ersten Tagen legen wir bei Recherchen in den Hotels immer ein Beglaubigungsschreiben des Griechischen Fremdenverkehrsamtes vor, um Zweck und Ziel der Recherchen zu erklären.

Mein – eigentlich unverzeihlicher – Fehler ist, dass ich mir das Schreiben vor Reiseantritt nicht übersetzen ließ. Als wir immer wieder merken, dass Hotelmitarbeiter oder Tourismusmanager beim Lesen des Beglaubigungsschreibens blass werden, hole ich das Versäumte nach und lasse mir das Schreiben von einem Athener Freund übersetzen. Fazit: Wir werden es nicht mehr einsetzen, denn in dem Schreiben werden den Betreffenden vom Militär (!) und nicht vom Tourismusministerium harte Strafen angedroht für den Fall, dass sie nicht alle Wünsche des Inspektionsteams erfüllen.

Ich schäme mich! Die Testreise geht also ohne dieses Schreiben weiter. Einen Tag widmen wir der Hotelsituation im Städtchen Marathon, das – wie jeder weiß – 40 Kilometer von Athen entfernt liegt. Nur ein Luxushotel steht nach der Tagesarbeit noch auf dem Plan. Ich fahre hin, finde aber weit und breit keine Parkmöglichkeit: Der Bürgersteig ist aufgerissen, die Straße auch. Ein Passieren ist unmöglich. Solch ein Zustand gehört nicht zu einem Fünf-Sterne-Hotel, ist mein Gedanke.

»Was ist denn hier los?« frage ich den Hoteldirektor.

»Das verdanken wir einem griechischen Soldaten«, antwortet der Hotelchef betreten.

»Wie bitte?«

»Ja, der Soldat hat sich in eine Urlauberin, die bei uns wohnte, verliebt und sie zum Rendezvous abgeholt.«

»Ja – und?«

»Er fuhr mit dem Panzer vor…«

[1973]

Der Autor in den 1970-er Jahren

Der One-Dollar-Man

Interims-Tourismusminister arbeitet 18 Stunden

Seinen Managerjob in Frankreich hat Mehdi Houas aufgegeben, um als Interims-Tourismusminister nach der Jasmin-Revolution seinem »Land zu dienen«. Das klingt ziemlich pathetisch. Aber der Tunesier ist ein bescheidener Mann. Ein typischer One-Dollar-Man. Für seinen 18-Stunden-Arbeitstag bezieht er kein Gehalt.

Sein Mittagessen beschränkt er auf einen Apfel und ein kleines Stück Gebäck, um Zeit zu sparen. Obwohl er sichtbar unter Stress steht, lacht der Minister gerne – es ist ein freies, herzliches Lachen, das ansteckt. Angesteckt hat er mit seinem Elan schon viele deutsche Gesprächspartner. Gerade war Außenminister Westerwelle zu Besuch. Mehdi Houas: »Die deutsche Regierung ist beeindruckt von der Revolution.«

»Herzlich willkommen im freien Tunesien!« klingt es nach der Landung aus den Lautsprechern des Flugzeugs. Nach gründlichen Kontrollen verlassen wir den Airport. Ein mitreisendes Kamerateam darf ohne jede Drehgenehmigung Aufnahmen machen. Der erste Panzer steht an der Einfallstraße, die vom Flughafen in die Stadt führt. Dann sehe ich immer mehr Panzer, Stacheldraht. Das Innenministerium an Anfang der Avenue Bourguiba ist komplett abgesperrt und wird streng bewacht, hier war eine der Folterzentralen des Terrorregimes untergebracht.

Vor dem Theater der Stadt hat sich eine Art Hyde Park Corner gebildet. Jeder darf hier sagen, was er will. Das war vor ein paar Wochen noch nicht möglich, sondern hätte Folter und gar Tod bedeutet. Überall stehen kleinere und größere Gruppen, die heftig diskutieren. Als ein Mann meine Kamera entdeckt, entblößt er seinen Bauch und zeigt seine Foltermale. Ein zweiter präsentiert sein von Narben übersätes Bein, ein dritter seinen malträtierten Arm. Im Nu bin ich von einer Gruppe schreiender Männer umringt. Ich habe keine Angst. Denn die Männer sind freundlich. Sie scheinen über die neue Freiheit glücklich zu sein.

Drei schreckliche Tage

»Tunesien ist stolz, sich in die Reihe der freien Länder einzureihen!« sagt der Interimsminister in seinem durchaus bescheidenen Chefbüro. Das früher obligatorische Foto des nun abgesetzten Präsidenten Ben Ali hängt nicht mehr an der Wand hinter seinem Schreibtisch, nur der Nagel ist noch zu sehen. »Ich liebe mein Volk, das mit Würde und Mut die Freiheit erkämpft hat,« sagt der Minister, bevor er von seinen Plänen berichtet. Was den Tourismus betrifft, hat er nicht nur Normalisierungspläne. Er will das Ruder komplett herumreißen. »Die alte Regierung hat nur den Strandtourismus gefördert«, klagt er. Auf lange Sicht soll Tunesien dem Kulturtourismus einen wesentlich höheren Stellenwert geben.

Unvermittelt erzählt Mehdi Houas von den drei »schrecklichen Tagen, an denen die Miliz um sich geschossen hat.« Wer zu den Schützen gehört hat, sei mittlerweile verhaftet. Die Miliz habe Gefangene aus drei Gefängnissen freigelassen, daraufhin hätten die Bewohner der Stadt mit Stöcken ihre Wohnviertel verteidigt. »Das ist vorbei, jetzt gibt es keine kriminellen Überfälle mehr.« Die Ausgangssperre in der Hauptstadt Tunis ist aufgehoben.

Minister Mehdi Houas

Den Minister quälen viele Zahlen. Eine Million Jobs hängen vom Tourismus ab, und »jeden touristischen Arbeitsplatz muss man mal vier nehmen.“ Also sind fast 40 Prozent der Bevölkerung von diesem Geschäft abhängig. Die Partei des Terrorstaates war überall vertreten, »aber nicht so sehr in Hotels“. Von den 542 Hotels Tunesiens waren nur 25 mit der Partei verbandelt beziehungsweise staatlich. Jetzt sucht eine Kommission danach, ob vielleicht unter einem anderen Namen nicht doch Hotels zum Ben Ali Clan gehören – ein Problem von vielen.

Das Gespräch ist zu Ende. Denn vor dem Ministerium hat sich eine Demonstranten-Gruppe gebildet, die lautstark ihre Parolen hinausschreit. Die Männer – es sind wirklich nur Männer – verlangen Arbeitsplatz-Garantien. Den Minister hält es nicht mehr in seinem Bürosessel. Wie selbstverständlich geht er hinaus zu der Gruppe. Er ist ein kleiner Mann, fast jeder der Demonstranten überragt ihn um Kopfesgröße. Der Minister beginnt, mit den Demonstranten zu diskutieren. Er bleibt freundlich, die Meute bleibt friedlich…

[2011]

Was wird aus Hitchcock?

Adriana pflegt in ihrem Atelier eine verletzte Möwe

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