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Bernhard Paul hat uns das Träumen geschenkt. Mit dem Circus Roncalli gelang ihm die Neuerfindung des Zirkusses in einer Welt, die die Kraft der Fantasie vergessen hat. Erstmals erzählt der Erfinder der Traumfabrik Roncalli nun auch offen und tabulos von den Abgründen seiner Kindheit und von seiner Rettung. Seine Autobiografie ist ein Plädoyer für das Miteinander von Menschen aus aller Welt, für Kreativität und grenzenloses Denken. Der Zirkusdirektor und beliebte Clown Zippo nimmt uns mit in das Wien der 70er Jahre an der Seite von Manfred Deix und Gottfried Helnwein, erzählt über seine Freundschaft und den Bruch mit André Heller, über seine Begegnungen mit Stars und Politikern. Vor allem aber schreibt er eine große Menschheitsparabel über die Bedeutung der Kreativität in einer Welt, die uns immer verrückter und komplexer erscheint.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Elli gewidmet
BERNHARDPAUL
Die Autobiographie desRoncalli-Gründers
In Zusammenarbeit mit Clemens Marschall
Bernhard Pauls
PLAYLIST DER TRÄUME
Der Soundtrack meines Lebens
Vorwort
I
Schwarz-weiß
II
Wie Farbe und Zauber in das Leben kamen
III
Die „Graphische“ als Clownschule
IV
Eine Vision in Zeltform
V
Wenn Träume Gestalt annehmen
VI
Die Reise zum Regenbogen beginnt
VII
Die Kinder des Olymp
VIII
Mein Traum, die Zeit festzuhalten
Nachwort
Dank
Wenn man keine Träume hat, hat man aufgehört zu leben. Mein Leben könnte man vielleicht in einem Traum zusammenfassen: den Traum vom Circus. Man könnte auch sagen: Traum erfüllt. Beides stimmt – und dann auch wieder nicht. Denn erstens muss es immer ein Ziel geben, weitere Träume, groß und intensiv, auf die es sich hinzuarbeiten lohnt. Und zweitens beginnt mein Leben nicht erst mit dem Circus: Als ich Roncalli zur Welt brachte, war ich 28 Jahre alt, und in diesen ersten 28 Lebensjahren hatte sich bereits so vieles entschieden und entwickelt – auch das Fundament, auf dem Roncalli überhaupt gedeihen konnte.
Mein Leben ist bunt und kompliziert, meine Gedanken ebenso vielfältig, sie fliegen oft so schnell vorbei, dass ich sie gar nicht fassen kann. Fest steht jedenfalls: Der Moment, in dem mich der Circus als Knirps verzaubert hatte, war der Startschuss für alles, was meine Existenz von nun an bestimmen sollte. Und ich habe das Glück, nach wie vor mit meinem Circus, mit Roncalli zu leben, in dem sich mittlerweile auch meine ganze Familie entfalten kann.
Einen geraden Lebenslauf habe ich mit Sicherheit dennoch nicht vorzuweisen: Es ist ja nicht unbedingt üblich, als Arbeiterkind aus der Provinz Clownnummern einzustudieren, anschließend den Weg über Architektur und Rock ’n’ Roll Richtung Grafik einzuschlagen – um schließlich Circusdirektor und Clown zu werden. Nebenbei habe ich noch eine Sammlung angehäuft, die ein historisches Wunderland darstellt. Kurz: Das würde ich nicht den typischen, vorgezeichneten Weg nennen – aber das war genau jener Pfad, der für mich funktionierte, und auf dem ich Phantasie, Poesie, Gespür und Leidenschaft ausleben konnte und bis heute kann. Ich fühle mich als geborener Clown, als berufener Circusdirektor, und als Reiseleiter zum Regenbogen: mit Roncalli als fahrendem Theater der Träume.
Dass ich in vielen Hinsichten als Außenseiter ins Leben gestartet bin, hat meine Kindheit in der grauen Nachkriegszeit nicht einfach gemacht. Vielleicht aber hat mir das auch dabei geholfen, später nie jenen zu glauben, die einem sagen: So geht das nicht, das kannst du doch nicht machen, das muss so sein, wie wir es immer gemacht haben. Damit meine ich nicht, dass früher alles schlechter war und immer alles neu erfunden werden muss, ganz im Gegenteil: Es gibt so vieles, das es sich zu bewahren lohnt. Um es aber bewahren zu können, braucht es auch Kreativität und Phantasie – im Circus wie überall sonst.
Wenn man genauer hinsieht, dann schließen sich also in meinem auf den ersten Blick absonderlichen Kaleidoskop des Lebens zahlreiche Kreise, die nicht auf bloßen Zufällen beruhen können. Und der Circus als Gesamtkunstwerk war für mich, ohne das anfangs zu wissen, die einzig logische Antwort auf all meine Interessen und Fragen – auch wenn er sich oft als existenzieller Drahtseilakt zeigte und die Sterne nicht immer gut zu stehen schienen. Ich musste unbeirrt für meine Träume arbeiten, um sie wahr werden zu lassen: Der Circus gab mir die Möglichkeit, Clownerie, Architektur und Kunst, Musik, Abenteuer und Regie, Sammelleidenschaft, Phantasie und Humor unter ein Zelt zu bringen. Und dieses Zelt nenne ich bis heute meine Familie und mein Zuhause: Roncalli.
Ich kam 1947 zur Welt, zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und zwar in Lilienfeld – aus dem schlichten Grund, weil dort das nächstgelegene Spital von Wilhelmsburg war. In Wilhelmsburg, einer niederösterreichischen Kleinstadt südlich von St. Pölten, lebten meine Eltern Gertrude und Karl Paul mit meinem Bruder Werner, der fünf Jahre älter war als ich. Meine ersten sechs Jahre verbrachten wir in einer kleinen Mietwohnung. Es war ein durchaus schönes Gebäude, und wir wohnten in der einen Hälfte des ersten Stockwerks. Neben uns, in der anderen Hälfte, lebte der damalige Bürgermeister von Wilhelmsburg, und unter uns wohnten zwei weitere Parteien. Die Wohnung war also charmant, aber bescheiden mit der typischen Aufteilung: Zimmer, Kuchl, Kabinett, wie man in Österreich sagt.
Hinter dem Haus gab es eine Wiese mit einem Brunnen, wo wir die Wäsche zum Trocknen aufhängten. Neben dem Brunnen wuchs ein großer Fliederstrauch, und dort saß ich oft mit meiner Oma mütterlicherseits. Manchmal brachte sie mir für einen Schilling eine Bensdorp-Schokolade, und wenn die Sonne schien, legte ich die Schokolade im Silberpapier zum Brunnen und beobachtete, wie sie schmolz. Nach einer gewissen Zeit war die Schokolade weich und ich schleckte sie vom Silberpapier ganz langsam weg. Das dauerte oft stundenlang, so lange hielt ich das aus und genoss es. Ein letztes Mal noch mit der ganzen Zunge über das Silberpapier – danke, Oma!
In der Wohnung gab es kein fließendes Wasser, die Bassena, also die Wasserstelle, war am Gang. Wir hatten einen größeren Kasten, in dem das Lavoir war – eine größere Waschschüssel: Da wusch man sich das Gesicht und putzte die Zähne. Ein Badezimmer gab es nicht, nur eine Sitzbadewanne aus grauem Zinkblech. Die war nicht groß, die Arme hingen auf der Seite raus, die Füße vorn drüber. Man musste einen Kübel mit Wasser füllen, das auf dem Ofen warm gemacht und in die Wanne geschüttet wurde. Waschtag fand einmal in der Woche statt, am Freitag oder Samstag: Zuerst badete sich mein Vater, dann meine Mutter, dann mein Bruder – und als Letzter durfte ich.
Ich hatte kein eigenes Zimmer, sondern schlief zwischen meinen Eltern im Ehebett.. Die Routine unter der Woche sah so aus: anziehen, Schultasche am Rücken und in die Schule gehen. Falls ich 50 Groschen hatte, kaufte ich mir am Weg bei der Bäckerei Ehrenberger einen Schaumbecher, eine typische Schaumzuckerware – Süßes habe ich schon immer geliebt, bis heute!
In der Schule gab es Fächer, die mochte ich, und andere, die ich eben nicht mochte: Rechnen lag mir gar nicht, Geographie auch nicht: „Hier auf der Landkarte sieht man das Fichtelgebirge.“ Mit solchen Aussagen konnte ich nicht viel anfangen, ebenso wenig mit typischen Schulaufgaben: „Wir schreiben einen Aufsatz mit dem Titel: Der März kommt!“ Also fing man an: „Die ersten Maiglöckchen kommen schon aus dem Gras …“ Das war alles relativ unspektakulär. Der einzige Lehrer, der mir in Erinnerung blieb, hieß Sklenetzka: Wenn der über die Hunnen erzählte, dann ritt er auch als Hunne durch die Klasse, mit dem Zeigestab als Schwert. So war das spannend, Sklenetzka war ein Kabarettist, und alle hörten ihm zu.
Nach der Schule ging ich wieder heim, zum Mittagessen. Wenn am Sonntag die Verwandtschaft zum Mittagessen kam, dann machte meine Mutter – und das wurde zum Running Gag – jedes Mal faschierte Laibchen mit Erdäpfelsalat. Ein Schnitzel konnten wir uns meistens nicht leisten.
Dennoch gab es in dieser Nachkriegsmonotonie auch Spektakel: Es gab damals zwei große Fabriken, und die meisten Menschen im Umkreis hatten in einer der beiden ihre Arbeit gefunden: entweder in der Lilien-Porzellanfabrik oder im Eisenwerk Schmid. Mittags traten die Fabriksirenen regelmäßig in Wettstreit mit den Kirchenglocken, und alle Fabrikarbeiter kamen in der Mittagspause auf die Straße.
Ich war als Kind sehr viel alleine und richtiggehend isoliert, gehörte keinem Rudel an, sondern war ein Einzelgänger. Ich hatte vieles nicht, was andere hatten. Die meisten Kinder besaßen einen Dreiradler – ich nicht. Einen Tretroller – ich nicht. Dann ein Fahrrad – ich nicht. Rollschuhe – ich nicht. Wenn ich damals durch den Ort ging, fielen mir Dinge auf, die andere nicht sahen. Die Bedeutung, die ich diesen Dingen zusprach, nahmen die anderen gar nicht wahr. Das war, als habe man einen Ritterfilm gesehen und geht dann mit dem Gefühl durch die Stadt, selbst wie ein Ritter in einer Ritterrüstung zu stecken – so war für mich das Leben.
Gemerkt habe ich allerdings erst viel später, dass ich eine andere Wahrnehmung hatte als meine Umgebung. Das war, als ich schon den Circus Roncalli hatte und an einem neuen Programm arbeitete, das meine eigene Biographie thematisierte. Mein Freund Klaus Voormann, der Musiker, Grafiker und sogenannte fünfte Beatle − von ihm werde ich später mehr erzählen –, stellte mir Fragen über die damalige Zeit. Ich ging in mich und dachte nach: Die Fabriksirene hatte täglich geheult, und zwar immer kurz vor zwölf. Wenn man sensibel war und aufpasste, merkte man, dass es einen Wettkampf gab zwischen Kirchenglocken und Fabriksirenen, eine Situation wie bei Don Camillo und Peppone: Wer schafft es, als Erster zu läuten?
Meistens gewann die Fabriksirene, und danach kamen die Glocken, aber am folgenden Tag waren sie näher beieinander, und manchmal schaffte es sogar die Kirche, das Spektakel einzuläuten – für mich war es jedenfalls ein offensichtlicher Wettstreit.
Eine meiner prägenden Erinnerungen sind die schwarzen und weißen Figuren: Mit dem Glockenschlag und den Sirenen öffneten sich die Tore der – in Wilhelmsburg sagte man: G’schirrfabrik – Lilien-Porzellanfabrik, und es ergoss sich ein unübersehbarer Pulk von Radfahrern. Das waren sicher 100, 150 Fahrradfahrer. Die aus der Porzellanfabrik kamen ganz in Weiß: Das Fahrrad war weiß, die Reifen waren weiß, der Anzug war weiß, die Schiebermützen waren weiß, und das Gesicht und die Hände waren auch weiß. Die waren zugestaubt wie Wesen von einem anderen Planeten – und so radelten sie durch die Stadt: eine Armee von Weißclowns mit weißen Rädern.
Und etwas verzögert, weil ein bisschen weiter weg vom Zentrum, kamen aus der Eisengießerei Schmid schwarze Radfahrer – bei denen war alles schwarz. Die fuhren dann auch ins Zentrum und vermischten sich, die schwarzen und die weißen Radfahrer, bis sie in irgendwelchen Haustoren verschwanden, wo sie wohnten. Das waren die zwei Möglichkeiten, die ich kannte. Alles war schwarz oder weiß, Farbe gab es damals nicht in meiner Welt.
Eine Ausnahme boten lediglich die kleinen Fenster, die bei uns zu Hause in der Haustüre eingesetzt waren. Diese quadratischen Dekorationselemente aus buntem Glas waren in der Höhe des Türschlosses angebracht, und als ich groß genug war, dort durchzuschauen, stand ich oft da und brachte Farbe in meine sonst sehr eintönige Welt: Dann leuchtete alles blau, grün oder orange, je nachdem, durch welches Fenster ich blickte. Dort vermischten sich plötzlich die schwarzen und die weißen Figuren, stiegen auf ihre Räder und fuhren nach Hause. Eine Stunde später läuteten die Sirenen wieder, da kamen sie zurück und trennten sich für ihren Nachmittagsdienst wie zuvor streng in schwarze und weiße Einheiten. Sie kamen aus den Häusern, stiegen auf ihre Fahrräder, und es war alles so wie vorher – nur die Hände waren weder schwarz noch weiß, sondern fleischfarben, weil sie sich diese vorm Essen gewaschen hatten. Auf den Rädern sortierten sie sich wieder in Schwarze und Weiße: Die einen fuhren in die Eisengießerei, die anderen in die Porzellanfabrik. Das kam mir wie eine eigenartige Inszenierung vor, die ich unzählige Male staunend beobachtete, während alle anderen Menschen in meiner Umgebung mit den Schultern zuckten und sagten: „Ja, die arbeiten da, ist ja klar, dass die dreckig werden in der Fabrik.“
Für mich war das ein gigantisches, faszinierendes Theater: Da kommt die Musik, spielt Glockengeläut, leitet den Auftritt der schwarzen und weißen Figuren ein, die sich plötzlich vermischen wie in einem Ballett. Genauso habe ich es betrachtet. Ich habe mich nicht gewundert, sondern es bewundert.
Das Lilien-Porzellan Daisy mit seinen Regenbogenfarben in Pastelltönen erreichte später Kultstatus und gehört auch heute noch auf Flohmärkten zur gesuchten Ware. In dieser Porzellanfabrik hatten schon meine Großeltern väterlicherseits als Porzellanmaler gearbeitet. Meine Mutter hingegen war die Tochter von Rosa und August Slameczka, Letzterer seines Zeichens Schuldirektor. Damals war Lehrer ein angesehener Beruf, und man wurde relativ häufig versetzt: Man fing in einem Dorf an, kam dann in ein größeres und landete später wieder woanders als Schuldirektor – ein langsamer Aufstieg, bei dem mein Großvater als Direktor über Böheimkirchen nach Wilhelmsburg gekommen war.
Kennengelernt haben sich meine Mutter und mein Vater in Wilhelmsburg. Dort gab es das Kino Duchek, und meine Mutter ging eines Tages kurz vor der Filmvorführung daran vorbei, als mein Vater sie ansprach: „Die Vorstellung ist restlos ausverkauft, aber ich hab’ noch eine Karte.“ Es gab einen Hans-Moser-Film, „Die unentschuldigte Stunde“. Doch zur Überraschung meiner Mutter war das Kino dann komplett leer, und die zwei saßen auf einmal ganz alleine nebeneinander.
Die Brüder Bernhard und Werner Paul auf der Veranda in Wilhelmsburg, die heute in Köln beim Roncalli-Winterquartier steht.
Mit Mutti und Oma auf jener Bank vor dem Gartenhaus, auf der Bernhard Paul gern geschmolzene Bensdorp-Schokolade genoss.
Die Eltern Gertrude und Karl Paul.
Bernhard Paul mit seinem älteren Bruder Werner.
Später beschwerte sich meine Mutter immer: „Er hat gesagt, das Kino ist ausverkauft, das hat ja gar nicht gestimmt! Er hat immer gelogen.“ Sie hielt ihm ein Leben lang vor, dass er sie belügen und betrügen würde. Die beiden stritten andauernd, das war fürchterlich, besonders für uns Kinder. Ich sehnte mich sehr nach heiler Welt und Harmonie, aber beides gab es bei uns zu Hause nicht.
Eine andere Kindheitserinnerung, die sich eingeprägt hat, war, dass meine Mutter viel daheim war und ständig jammerte: „Auweh, mir tut alles so weh!“ Ich sagte schon damals: „Na, dann musst’ zum Doktor gehen, dich untersuchen lassen.“ „Wenn mich die sehen, dann muss ich ins Spital, dann schneiden sie mich auf, und dann machen sie gleich wieder zu.“ Das hörte ich als Kind andauernd, denn sie hatte durch die stille Post von Leuten gehört, die Krebs hatten, nie zum Doktor gingen, und wenn es dann so weit war und sie operiert wurden, dann war schon alles verkrebst, und sie haben sofort wieder zugemacht – solche Räubergeschichten. Dauernd drückte sie herum: „Ich leb’ eh nimmer lang. An meinem Grab werdet ihr stehen, und dann ist es zu spät!“
Ich ging noch nicht einmal zur Schule, als ich mit den ständigen Klagen über den anstehenden Tod konfrontiert wurde. Das hat mich begleitet und tief geprägt, sodass ich in der Nacht oft aufwachte und zu meiner Mutter hinschlich, um zu hören, ob sie noch atmete – solche Sorgen machte ich mir um ihr Leben, wenn es ruhig war in der Nacht. Dieses Klima hat sie geschaffen, und ich empfand ein Leben lang Todesangst um meine Mutter. Man kann doch seinem Kind nicht dauernd den herannahenden Tod vorgaukeln. Geworden ist sie schließlich 93 Jahre!
Mein Vater hingegen war viel unterwegs, er hat als Elektriker für verschiedene Firmen gearbeitet: zuerst für Elektro Klug, das war ein Elektro- und Radiogeschäft am St. Pöltner Hauptplatz. Später hat er sich beruflich ganz gut nach oben gemausert und war für die Brown, Boveri Werke in Wien tätig, die ihn oft auf Montage schickten: So auch zur Expo 58, der Weltausstellung in Brüssel 1958, wo er mithalf, das Licht in die Bauwerkikone Atomium einzuleiten. Er war Elektrogeselle, kein Meister, und es muss sehr mühsam für ihn gewesen sein: jeden Tag zeitig aufstehen, zum Zug gehen, nach St. Pölten fahren, umsteigen, nach Wien fahren, dann noch mit der Straßenbahn – und am Abend dasselbe retour.
Mein Vater war sicher nicht unfroh, auf Montage zu sein. Er war generell recht umtriebig, nebenbei Heimatforscher, organisierte verschiedene Feste in Wilhelmsburg und schrieb für die Neue Illustrierte Wochenschau über Heimatkunde. Mein Vater hat mir viel erklärt, und ich zeichnete mit sechs, sieben Jahren schon Illustrationen mit der Tuschfeder für diese Zeitung. Ich war natürlich stolz, als Kind mit Namen in der Zeitung abgedruckt zu werden.
Mit dem Circus aber hatte mein Vater nichts zu tun. Weder wollte er mir und meinem Bruder diese Welt ausreden, noch hat er sie in irgendeiner Form unterstützt.
Wir waren definitiv arm und hatten nicht viel, unser bescheidener Lebensstil entsprang also keiner Boshaftigkeit mir gegenüber, aber eine Erinnerung, die sich eingeprägt hat, ist, dass meine Mutter meinen Bruder, seit ich denken kann, stets bevorzugt hat. Im Zweiten Weltkrieg hatte mein Vater einrücken müssen, als Funker, und kam in englische Gefangenschaft. Wie so viele Männer seiner Generation konnte und wollte er nicht über den Krieg und seine Erlebnisse sprechen. Irgendwann war er doch freigekommen und musste sich mit seiner Rückkehr arrangieren – genau wie meine Mutter, die während seiner Abwesenheit im Krieg von einem Russen vergewaltigt worden war und abtreiben musste. Ich weiß nicht, ob sie damit gerechnet hatte, dass er überhaupt je wiederkommen würde, das war eine unvorstellbare Zeit, jeder war auf seine Art traumatisiert.
Meine Mutter bekam auf jeden Fall später noch ein Kind, und das war ich. Mein Vater sagte immer zu mir: „Eines kann ich dir garantieren – du bist ein Kind der Liebe.“ Kein Zufallstreffer also. Mein Vater wollte mich. Aber meiner Mutter hat es nicht gepasst, dass ich noch kam. Laut meinem Vater sagte sie: „Ich verfluche die Stunde, als dieses Kind auf die Welt kam.“
Ich habe immer schon gemerkt, nicht ihr Lieblingskind zu sein. Ich war einfach ein Faktor, der eben da war. Nur auf Werner, auf den hat sie immer geschaut, das war ihr Ein und Alles. Als ich nach ihrem Tod die Familienfotos zusammensammelte, fand ich zwei, drei von mir – von meinem Bruder über 30.
Ein anderes Stimmungsbild dieser Zeit, das sich mir regelrecht eingebrannt hat, ist Weihnachten. Uns Kindern wurde erzählt: „Da gibt’s das Christkind, und wenn du nicht brav bist, dann bringt dir das Christkind nichts.“ Man hielt diese Geschichte so lange aufrecht, wie es eben ging, denn, seien wir ehrlich: Es war ja auch für uns viel schöner, als wir noch ans Christkind geglaubt haben. Das machte ich also viele Jahre – oder zumindest habe ich so getan als ob. Man hat jedes Jahr einen Brief geschrieben: „Liebes Christkind! Ich wünsche mir …“ Den Brief legte man ins Fenster und einen Würfelzucker dazu. Ich schrieb also: „Ich wünsche mir ein rotes Feuerwehrauto.“ Das waren damals sehr schöne Spielzeuge aus Blech. Mein Bruder wünschte sich vom Christkind ein Paar Ski und Skistöcke.
Am 24. Dezember waren wir total aufgeregt, fragten andauernd: „Können wir jetzt reingehen ins Wohnzimmer?“ „Nein, das Christkind ist noch nicht da gewesen.“
Irgendwann hörte man von draußen die Glocke läuten: Bing-bing-bing! „Ah, das Christkind war schon da, jetzt könnt’s reingehen.“ Vor dem Christbaum sangen wir immer gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“. Mein Bruder war damals schon in der Lehrerbildungsanstalt in St. Pölten und lernte Klavier und Klarinette – das stellte er zu Weihnachten gleich unter Beweis. Auch ich spielte manchmal Klavier, und dann kam der große Moment: Wir durften endlich schauen, was uns das Christkind gebracht hatte.
Unterm Christbaum war nichts in der Größe eines Spielzeugautos, aber ich fand dennoch etwas und packte es aus – und zwar ganz vorsichtig: das Einwickelpapier schön gefaltet und auch das goldene Band aufgerollt – das brauchten wir nächstes Jahr wieder. Was ich ausgepackt hatte, waren ein Paar Fäustlinge aus grauer Schafwolle. Die kannte ich schon im unfertigen Zustand, weil ich gesehen hatte, wie meine Mutter im Wohnzimmer daran gestrickt hatte. Zwar rührend aus heutiger Sicht, aber eben kein Feuerwehrauto.
Währenddessen schaute und schaute mein Bruder – und auf einmal sah er: Hinterm Christbaum standen sie, seine Skier! Er juchzte, Skischuhe und Skistecken auch gleich dazu, toll!
Das war Weihnachten. Da kam man sich besonders als Kind verarscht vor. Und verletzt. Und gleichzeitig war das nur ein typisches Erlebnis, denn diese Art zog sich durch sämtliche Anlässe, auch Kleinigkeiten, die eigentlich nicht der Rede wert sein sollten. In der Zeit des Schlagerfilms – Stichwort „Wenn die Conny mit dem Peter“ mit Conny Froboess und Peter Kraus, sozusagen die Vorstufe des aufkommenden Rock ’n’ Rolls, die ich später beide kennenlernte – wurden diese Matrosenleiberl plötzlich modern: rot-weiß oder blau-weiß gestreift. Ich wollte unbedingt eins – bekam es aber partout nicht. Die Begründung meiner Mutter: „Nein, das passt nicht zu deinen roten Haaren, das schlägt sich …“ Das schlägt sich?
Also wollte ich schwarze Schuhe mit weißem Einsatz vorne, die hatten Elvis und alle anderen meiner Helden. Aber ich bekam auch die ums Verrecken nicht. Deswegen fing ich an zu sparen: Haupteinnahmequelle war für mich jahrelang der Ministrantendienst. Pro Messe verdiente man zwischen einem und drei Schilling, je nach Anlass. Am lukrativsten waren Begräbnisse und Hochzeiten, denn da gab es Trinkgeld. Einmal in der Woche fand die Ministrantenstunde statt, und an der Innenseite der Sakristeitür hing ein Zettel mit den Namen aller Ministranten und einer Liste, bei der man ankreuzen musste, wo man gedient hatte: Begräbnis, Ganzkondukt, Halbkondukt, Maiandacht, Frühmesse … Das füllte ich immer ganz korrekt aus wie ein braver Ministrant und bekam dafür mein Geld. Nur irgendwann kam in mir der Gedanke hoch: „Jetzt bin ich aber gespannt: Wenn ich mich ganz blöd irre und eins zu viel ankreuze, was passiert dann?“ Der liebe Gott war auf meiner Seite. Denn nichts passierte! Nur ein paar Schillinge Nebenverdienst mehr kamen herein, das hat mir gefallen.
Ich sparte also mein Geld zusammen, und als ich genug hatte, kaufte ich mir ein Paar weiße Schuhbänder: Die fädelte ich in meine schwarzen Schuhe hinein, und so konnte ich mich trösten: „Sind zwar nicht die Schuhe, die ich wollte, aber das ist fast genauso schön.“
Am nächsten Tag freute ich mich schon darauf, die Schuhe anzuziehen und damit in die Schule zu gehen – doch da entdeckte ich, dass die weißen Schuhbänder weg waren! Meine Mutter stand schon hinter mir und keifte: „Na, das gehört doch nicht zusammen! Was sagen denn die Leute dazu?!“
Ich versuchte also dauernd, mir ein bisschen Selbstbewusstsein zu holen, auf welchem Weg auch immer – aber nie und nimmer, jegliche Versuche wurden sofort unterbunden. Ich brauchte nicht einmal probieren, so etwas mit meiner Mutter zu diskutieren, da kam nur etwas wie: „Geh, hör doch auf!“
Das meiste Spielzeug, das ich hatte, besorgte ich mir selbst: und zwar fand ich es nach einem Hochwasser vom Fluss Traisen, der durch Wilhelmsburg geht, in den Überschwemmungsgebieten. Ich bekam also wenig, aber mein Vater hatte komischerweise schon immer einen Spruch parat, eine Prophezeiung zu Zeiten, als von Circus noch keine Rede war: „Wenn du dir einen goldenen Wagen wünschst, wirst du ihn auch kriegen.“ Und heute lebe ich darin, wenn Roncalli auf Tournee ist.
Die einzigen Anlässe, zu denen es kleine Geschenke gab, waren der Geburtstag oder Weihnachten. Zu jedem Geburtstag hat meine Mutter die gleiche Biskuittorte gebacken: vier Eier, vier Löffel Zucker, vier Löffel griffiges Mehl – alles schaumig schlagen, dazu eine Creme aus zwei Rippen Manner-Kochschokolade mit Butter und Zucker. Die Torte wurde in der Mitte quer durchgeschnitten, dazwischen kam eine Cremeschicht, und danach wurde das Ganze noch mit der Schokocreme versiegelt, in die meine Mutter mit einer Gabel Muster zeichnete. War die Torte fertig, wurde sie genau in vier Teile geschnitten, und jeder kriegte sein Viertel. Das aß man nicht auf einmal, sondern immer nur ein Stückchen vom eigenen Viertel, der Rest kam hoch hinauf auf eine Kredenz und wurde aufgespart. Dabei hätte ich am liebsten alles sofort aufgegessen.
Falls ich als Erster von der Schule nach Hause kam, nahm ich einen Sessel, stellte mich darauf, hob ein Viertel Torte mit einer Gabel auf und kratzte von innen heimlich ein bisschen Creme heraus. Die Torte war manchmal am Schluss völlig ohne Creme und ausgehöhlt, aber ich tat so, als wäre nichts gewesen. Jeder hat sein Tortenviertel brav aufgegessen, da blieb nichts übrig, und niemand fragte: „Willst du vielleicht noch ein Stück?“ Nein, vier Teile – und zwei Tage darauf war nichts mehr davon übrig.
So verlief jeder Geburtstag. Die einzige Variante bestand darin, dass meine Mutter manchmal keine Torte, sondern eine Biskuitroulade machte – aber mit genau den gleichen Zutaten. Das hat einen ganz eigenen Geschmack, und ich habe sie später selbst noch manches Mal für meine Kinder gebacken.
Begräbnisse liefen in Wilhelmsburg auch immer nach demselben Muster ab: Wenn jemand starb, wurde er zu Hause aufgebahrt. Später kam eine schwarz-silberne, mit Kränzen geschmückte Kutsche, in der der Sarg war, und die Kapelle Willi Wilczek spielte einen bleiernen Trauermarsch, der sich langsam durch die ganze Ortschaft zog. Das hat man stundenlang gehört.
War das Begräbnis vorbei, ging die Kapelle Willi Wilczek ins Wirtshaus: Dort nahmen sie einen ordentlichen Leichenschmaus zu sich und tranken „a bisserl was“, und hinterher verließen sie in Hochstimmung das Lokal: Statt trauriger Begräbnismusik standen dann lustige Märsche am Programm.
Ich habe immer alles als Zuschauer wahrgenommen, der in einem Circus sitzt, habe die Welt aus dieser Perspektive beobachtet und auch selbst inszeniert. Ich liebte etwa die Konditorei Knapp und die Konditorei Blum, dort ließ ich mein Ministrantengeld liegen. Mein Fahrrad baute ich mir selbst: Das Hochwasser hatte verschiedenste Gegenstände angeschwemmt – so auch einmal einen Fahrradrahmen. Die Felgen bekam ich von einem Schulfreund, dem Wicho Toni, der in einem Club Radrennen fuhr, auf Reifen musste ich sparen. Als es fahrtüchtig war, habe ich das Rad hellblau gestrichen, ein paar bunte Isolierbänder in Ringform darauf geklebt, und es war mein Ein und Alles.
Nun reihte ich verschiedene Elemente sinnvoll aneinander: Freitag zu Mittag war Ministrantenstunde, und danach fuhr ich mit meinen paar Schillingen auf dem Fahrrad zur Konditorei Blum und nicht zu Knapp, weil Blum die höchstgelegene war – ganz wichtig! „Bitte ein Eis für zwei Schillinge: Erdbeere, Kaffee und Vanille.“ So setzte ich mich auf mein Fahrrad, einmal angetreten, und dann rollte ich vom Blum durch den ganzen Ort zum Bahnhof fast im Schritttempo dahin. Ich wollte nicht treten oder absteigen, sondern gemütlich mit meinem Eis gleiten, und das ging sich genau aus. Im Radio lief da immer eine „moderne“ Sendung namens „Hallo Teenager“, und die hörte damals jeder Haushalt. Ich rollte also an einem schönen Sommertag durch Wilhelmsburg, überall waren die Fenster offen, und ich hörte Conny Froboess singen: „Zwei kleine Italiener, die träumen von Napoli …“ Auf meinem Fahrrad wurde ich weitergereicht und hörte die Musik ohne Unterbrechung aus verschiedenen Fenstern in verschiedenen Wellen als ganzes Stück. Das war Teil der Inszenierung, während ich langsam mein Eis genoss. Ein Riesentheater, das mich nichts kostete außer den zwei Schillingen fürs Eis.
In Wilhelmsburg gab es zwei Narren, „Dorfdeppen“ wurden die damals genannt, einer von ihnen war der Hochreiter Kurti. Der Kurti sah mit seinen grauen Haaren sehr gepflegt aus, ging aber immer durch den Ort, und wenn er ein Fenster im Erdgeschoß entdeckte, das offen stand, rannte er hin, spuckte hinein und rief: „Pfui, die haben auch keinen Diwan!“ Und dann zum nächsten Fenster.
Er ging auch bei jedem Begräbnis mit, als Letzter, ganz hinten, und weinte immer wie ein Schlosshund.
Ein bestimmtes Erlebnis mit dem Hochreiter Kurti werde ich nie vergessen: Sonntag in der Früh kamen die Bauern von allen Hügeln ringsum herunter ins Dorf, meistens mit dem Steirerwagerl, einer kleinen naturfarbenen Kutsche, bei der zwei Haflinger eingespannt waren. Die Frauen waren im Dirndl, die Männer im Steireranzug, alle Männer trugen einen Hut, und so standen sie vor der Kirche. Mein Bruder und ich mussten uns immer den Sonntagsanzug anziehen, und bei speziellen Feiertagen war die Kapelle Willi Wilczek vertreten.
Wir sammelten uns also alle vor der Kirche, und diesmal stand auch die Kapelle Willi Wilczek schon der Reihe nach da, schön aufgesäbelt. Die Sonne stand am Himmel, alles war gemütlich und in bester Feiertagslaune. Ein großer Schäferhund lag in seitlicher Haltung am Asphalt, todmüde, schlief tief und fest. Der Hochreiter Kurti stand im Steireranzug alleine herum und schaute ins Narrenkastl, war irgendwie geistesabwesend, sonst hatten sich alle in Gruppen gesammelt, und man hörte sie palavern.
Die Volksschule in Wilhelmsburg.
Mit der Schulklasse bei der Erstkommunion, Bernhard Paul steht ganz rechts hinten.
Bernhard und Werner Paul mit Cousine Traudl.
Willi Wilczek nahm irgendwann sein Stöckchen und klopfte damit dreimal auf seine Klarinette. Seine Kapelle wurde aufmerksam, dudelte die Tonleiter rauf und runter und bereitete sich langsam vor. Niemand aber achtete darauf oder merkte es. In dem Moment, als der Kapellmeister Willi Wilczek seinen Stock zackig nach unten bewegte, haute die Kapelle von einem Moment auf den anderen in die Pauken, Trompeten, Trommeln und Tschinellen – das war von null auf hundert, 30 Mann, wie aus dem Nichts! Woraufhin der Hochreiter Kurti sich derartig erschreckte, dass er aus dem Stand zwei Meter nach rechts hüpfte – oder eigentlich: flog. Der Schäferhund stand wie eine Comicfigur aus der ruhenden Seitenlage plötzlich aufrecht, als hätte man ihn umgedreht, und lief im selben Moment los, mit 180 quer über den Hauptplatz durch alle Leute. Weg war er und wurde nie wieder gesehen.
Das war ein Moment wie aus einem Film von Federico Fellini, Charlie Chaplin und Louis de Funès. Keiner hat damit gerechnet, nur ich, weil ich gesehen hatte, wie Willi Wilczeks Staberl langsam nach oben ging …
Diese Perspektive war eine Strategie, mit der Welt zurechtzukommen, denn zu Hause gab es wenig zu lachen. Mein Bruder wusste zwar, dass er der Liebling unserer Mutti war und es mir dabei nicht gut ging, aber er unterstützte mich nur wenig und war relativ egoistisch: Hauptsache, er hatte alles und kam gut davon. Wir hatten zum Beispiel eine Lilien-Porzellanschüssel, die wir heimlich als Spielzeug verwendeten und wie einen Jonglierteller am Tisch kreisen ließen. Eines Abends waren unsere Eltern im Kino, wir nahmen also die Schüssel und drehten sie. Mein Bruder übertrieb es dann aber irgendwann, und die Schüssel ist vom Tisch gesprungen.
In dem Moment hörten wir den Schlüssel im Schloss. Die Tür ging auf, meine Mutter kam herein und sah die Scherben am Boden liegen. Sie fragte gar nicht, was passiert war und wer den Schaden angerichtet hatte, sondern marschierte geradewegs auf mich zu, verpasste mir eine Mordstrum-Watschen, also eine schallende Ohrfeige, und ging wortlos wieder hinaus.
Ich stand völlig fassungslos da. Mein Bruder hätte sagen müssen: „Der war das nicht!“ Aber nein. Er hat nur zugeschaut und geschwiegen. Es gab viele Erlebnisse dieser Art, die mir wirklich wehgetan haben.
Einen möglichen Ausweg schien mir später der Circus zu geben, aber schon zuvor flüchtete ich mich in meine Phantasiewelt, das war eine Art Eskapismus aus Selbstschutz. Aber allzu tragisch möchte ich das im Nachhinein auch nicht darstellen: Um mich herum ging es zwar nicht besonders fröhlich zu, aber auch nicht bestürzend traurig – und außerdem kannte ich es ja nicht anders. Dazu kam, dass es in Wilhelmsburg viel schlimmere Beispiele gab: Damals waren noch die Nachwehen vom Zweiten Weltkrieg zu spüren, überall galten völlig starre Ansichten, und es herrschte ein allgegenwärtiges Verbotsdenken: „Singen und Musizieren im Hof nicht erlaubt!“, „Betteln und Hausieren verboten!“, „Spielen im Park verboten!“ – Wir Kinder haben diese Welt überhaupt nicht verstanden.
Meine erste Vorstellung vom Circus kam streng genommen und im Rückblick gar nicht vom Circus selbst, aber ich war damals noch nicht historisch vorgebildet – wir reden hier von mir im Alter von fünf Jahren, kurz vor Schuleintritt. Es war so: Wir hatten von unserer Wohnung aus Sicht auf den Kirmesplatz von Wilhelmsburg, und am 1. Mai wurde dort immer der Kirtag aufgebaut: mit Schaubuden, Ringelspiel, kleinen Attraktionen. Manchmal gab es auch eine Rauferei unter den ganz Wilden, das war ein aufregendes Spektakel. Ein Artist rollte einen Teppich aus und führte mit seinem Affen auf einem Stuhl kleine Kunststücke vor. Für mich reichte das, um mich sofort zu fesseln: Vor mir tat sich eine neue Welt auf und zog mich in ihren Bann. Statt Gesichter in Schwarz-Weiß sah ich auf einmal bunte Gaukler. Auf eine meiner ersten Kinderzeichnungen habe ich dann sogar schon „Circus“ geschrieben, aber man sieht darauf ein Karussell, eine Schiffschaukel, Bretterbuden – eben den Kirtag. Für mich war das damals eine aufregende Welt: Schausteller standen neben ihren Karussellen und riefen: „Hereinspaziert! Die schönste Frau der Welt!“ Eine Schaubude versprach: „Halb Mann, halb Frau!“ Daneben wurde „die Dame ohne Unterleib!“ angekündigt. Ich starrte mit offenem Mund aus dem Fenster, diese Welt war faszinierend – und für uns Kinder zum Teil verboten.
Umso mehr wollten wir natürlich daran teilhaben.
Erst im Nachhinein, Jahre später, habe ich festgestellt, dass ich die damals eher bescheidenen Schausteller maßlos idealisiert hatte. Doch die Verkettungen zwischen Schaubude, Jahrmarkt, Menagerie und Circus, die mir völlig natürlich vorkamen, gab es tatsächlich: Der Circus Krone etwa hatte als Tierschau auf einem Jahrmarkt begonnen. Nur hat sich der Circus erst später entwickelt und war in der Hierarchie schon eine Stufe über dem Jahrmarkt angesiedelt.
Das war mir mit meinen verzauberten Kinderaugen damals nicht bewusst, aber später konnte ich nach und nach Fotos in Archiven von verschiedenen Kirtagen finden – so auch von Wilhelmsburg: „Ach, das war doch diese Schaukel, in der ich auch geschaukelt bin!“ Nur zu diesem Zeitpunkt erkannte ich bereits, wie primitiv das alles gewesen war: notdürftig zusammengenagelt und nicht besonders kunstvoll angemalt. „Die Dame ohne Unterleib“ wusch nach ihrer Show mit Unterleib die Wäsche vor ihrem Wagen, die Clowns räumten ungeschminkt den Mist der Ponys weg.
Das waren spätere Desillusionierungen, aber als Kind hatte sich mir eine Zauberwelt offenbart, ein wahres Wunderparadies: In Wilhelmsburg gab es sonst nichts. Wirklich gar nichts. Und den Zauber spüre ich heute noch – mit dem Wissen, dass er bis zu einem gewissen Teil selbst generiert und idealisiert ist.
Wenig später, ich war wohl sechs Jahre alt, sah ich zum ersten Mal einen tatsächlichen Circus von innen – und natürlich von außen. Schon da hat der Zauber für mich angefangen. Ich wachte auf in der Früh, musste in die Schule gehen, und auf dem Weg dorthin, bei der alten Lederfabrik Flesch, staunte ich nicht schlecht: „Was ist denn da los? Steht da wirklich ein Circuszelt?!“ Auf dem Zelt stand „Circus Belli“, und ich sah schon – oder bildete es mir zumindest ein – Elefanten, Raubtiere, Akrobaten und Artisten. Ich war absolut aufgeregt und sagte mir: „Poh, wenn die Schule aus ist, bin ich sofort da!“
Ich kam also in die Schule, und da saßen doch wirklich neben mir die Kinder vom Circus Belli: Damals mussten Circuskinder in jeder Stadt, in der ihr Circus gastierte, in die Schule gehen. Das war verpflichtend, aber sehr chaotisch und unkoordiniert. Die hörten oft in drei verschiedenen Städten dreimal dasselbe, dafür anderes gar nicht. Circuskinder hatten damals eigene Hefte, und von jeder Schule bekamen sie ihren Teilnahmestempel – meine spätere Frau Eliana Larible hatte auch noch ein solches Heft.
Ich jedenfalls freundete mich sofort an mit den Circuskindern und nahm sie mit nach Hause, was meiner Mutter natürlich gar nicht passte, aber ich verteidigte sie gleich: „Das sind meine Freunde!“
Umgekehrt nahmen die mich mit in den Circus, wo ich mithelfen durfte in einer spannenden Welt: beim Stallausmisten und Sesselschleppen. Und dafür bekam ich für drei Tage Freikarten. Meine Freunde nahmen mich überall hin mit – und plötzlich saß ich auf der Veranda eines Circuswagens. Der Vater meiner Freunde war Circusdirektor, aber gleichzeitig auch Clown und Artist – jeder musste in einem solchen kleinen Circus alles machen, was er konnte. Ich hockte mit denen also am Tisch, der Vater war bereits geschminkt, und plötzlich wurden Spaghetti serviert! Das hatte ich bis dahin nicht gekannt: Spaghetti – was Italienisches, höchst exotisch. Es gab ja bei uns keine italienischen Restaurants – nur österreichische Wirtshäuser. Wir befinden uns hier auf dem Land in Niederösterreich im Jahre 1953 – Caterina Valente sang erst später „Komm ein bisschen mit nach Italien …“ Ich aß also die ersten Spaghetti meines Lebens mit einem Clown und seiner Familie in einem Circus – ich war der glücklichste Mensch der Welt.
Dann kam der Moment, wo der Circus Belli abgebaut wurde und weiterziehen musste, nachdem ich drei Tage fast durchgängig dort gewesen war. Meine Freunde hatten einen richtigen Holzwagen mit Stockbetten, an deren Rändern Kerzen befestigt waren, von denen Wachs herunterrann, ich erinnere mich noch genau. Ich verlautbarte also: „Ich fahr’ mit euch mit!“ Meine Freunde waren begeistert: „Ja, wir verstecken dich!“ Ganz naiv stieg ich in den Wagen und dachte mir, ich gehe nun auf große Circusreise.
Aber bei der Ortsausfahrt Wilhelmsburg stand bereits mein Vater, ich wurde längst schon gesucht: „Halt! Komm raus da!“ Ich sagte zu den Kindern: „Ich komme wieder!“ Zurück blieb ich mit einer Sehnsucht nach diesem circensischen Mikrokosmos, mit naivem Fernweh nach dieser fremden Welt und der Ahnung davon, dass man in ihr so leben konnte, wie man war – ohne jene Fesseln, die die Phantasie und Kreativität schon im Keim abschnürten.
Das war der erste Kontakt mit dem Circus, aber das gleich richtig: das Fundament für meine lebenslange Faszination.
Und doch hatte ich erst ein, zwei Jahre danach meine ultimative Circuserfahrung: Damals landete der seinerzeit schon sehr renommierte Circus Rebernigg – durch Zufall, Unfall oder gar wegen mir? – in Wilhelmsburg. Er war auf Tournee und hätte in einer größeren Stadt gastieren sollen, konnte aber − warum auch immer − dort nicht aufbauen. So kam der Circus mit all seinen Menschen, Tieren und Sensationen mitten in die Pampa, nach Wilhelmsburg, wo noch nie ein Circus dieser Größenordnung gastiert hatte. Der Circus Rebernigg war in Wirklichkeit auch viel zu groß für unser Städtchen, und als ich durch Wilhelmsburg ging, sah ich in jedem Winkel der Stadt einen Circuswagen stehen.
Ich streifte also durch meinen Heimatort und versuchte, in jeden Wagen einen Blick zu werfen. Das gelang mir wohl nicht, aber ich konnte Akrobaten beim Trainieren, beim Schminken, beim Rauchen und auch beim Entspannen und Palavern erspähen. Ich hörte die Elefanten trompeten, die Raubtiere brüllen – und vor allem: Ich sah meinen ersten richtigen Clown, Fredi Codrelli!
Natürlich beließ ich es nicht nur beim heimlichen Beobachten, sondern ging in den Circus, so oft es mir möglich war. Ich habe damals Circusluft geatmet, richtiggehend inhaliert: eine Mischung aus Popcorn, Heu und Elefanten. Das Erste, was mich in meinem Leben erotisch angesprochen hatte, war ebenfalls der Circus. Ich saß unten, und oben war eine Trapezkünstlerin mit einem Nichts von einem Kostüm, die im Spagat über mir hin und her geschwungen ist – das ließ irrsinnig viel Raum für Phantasie: Erotik, Exotik, für mich ein Super-GAU! So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen, das ergriff mich momentan. Ich habe von da an immer Erotik mit Circus verbunden, denn wo sonst waren Frauen noch so spärlich bekleidet zu sehen wie im Circus? Das war eine Selbstverständlichkeit, und darüber gab es diverse Witze: „Ich geh’ heute in den Circus.“ „Na, was ist denn da?“ „Eine Kunstreiterin, die nackt auf einem Schimmel reitet.“ „Ah, da geh’ ich auch hin, ich hab’ schon lang keinen Schimmel mehr gesehen.“
Circus stand also für Erotik, aber niemand sprach das aus, weil man ja mit Frau und Kindern dort hinging. Dagegen konnte niemand etwas sagen: „Die Kinder wollen die Afferln sehen!“ Und dann kam das volle Programm. Im Circus sah man Dinge, die sonst völlig undenkbar waren. Den Bikini gab es in den 1950ern noch nicht am Badestrand, aber schon am Trapez. Diese für diese Zeit knappen Kostüme, unterstützt durch Flitter, Glitzer, Spitzen und Tüll – das verstärkte die Gesamtwirkung. Und das war der Moment, in dem sich der Zauber des Circus vollständig über mich legte und ich beschloss – nein, ich erkannte: Das ist meine Welt.
Meine Eindrücke und Vorstellungen erklärte ich zwar anderen Menschen und Mitschülern – aber nicht lange. Die waren alle anders gestrickt als ich und verstanden meine Schwärmereien von der poetischen Welt des Circus nicht. Ich führte also eher Selbstgespräche, als mich vor denen lächerlich zu machen. Wenn 27 von 28 Schülern etwas so gesehen haben, war ich der eine, der es nicht so gesehen hat. Ich war total anders und dachte schon damals, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht ganz verstehen. Manche glauben, auf dieser Welt geht es nur um die sichtbaren, profanen Dinge, andere glauben an die Wiedergeburt und sagen, verschiedene Charaktereigenheiten könnten die Inspiration aus einem Vorleben sein. Und ich bin eher von letzterer Sorte. Durch mein Leben ziehen sich viele Kreise, die sich immer wieder schließen – zu denen werde ich noch später kommen – und die Circusfaszination ist sozusagen der Über-Lebenskreis.
