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Kein Schweizer Diplomat ist so umstritten wie Hans Frölicher. Als Gesandter in Berlin hatte er während des Dritten Reiches die schwierigste diplomatische Mission zu erfüllen, die der Bundesrat je zu vergeben hatte. Die Schweiz rüstete sich mit grosser Entschlossenheit zum Widerstand. Frölichers Aufgabe bestand jedoch darin, mit dem nationalsozialistischen Deutschland freundliche Beziehungen zu pflegen. Gerade weil der Bundesrat ihm einen geschmeidigen Umgang mit den Nazi-Grössen zutraute, hatte er ihn auf diesen Posten berufen. Frölicher wurde nach dem Krieg für seine Amtsführung heftig kritisiert, namentlich von Edgar Bonjour. Paul Widmer, selber Diplomat, setzt sich in dieser ersten Frölicher-Biografie gründlich mit der schwierigen Rolle auseinander, in der sich ein Diplomat auf Posten in einem totalitären Staat befindet. Anpassung und Widerstand: Wie hat Frölicher dieses Problem gelöst? Paul Widmer gibt darauf eine differenzierte und klare Antwort.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Paul Widmer
Minister Hans Frölicher
Der umstrittenste Schweizer Diplomat
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2012 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Lektorat: Jens Stahlkopf, Berlin / www.lektoratum.com
Titelgestaltung: GYSIN [Konzept+Gestaltung], Chur
Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
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ISBN Print 978-3-03823-779-5
ISBN E-Book 978-3-03823-960-4
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung
Vorwort
Die vorliegende Publikation ist eine überarbeitete und erweiterte Version zweier Kapitel aus meinem Buch Die Schweizer Gesandtschaft in Berlin, erschienen 1997 im Verlag der Neuen Zürcher Zeitung. In den 1990er-Jahren leitete ich die Berliner Aussenstelle der Schweizerischen Botschaft in Deutschland. Die eigentliche Botschaft befand sich damals noch in Bonn. Berlin war im Umbruch. Die Stadt schickte sich nach der Wiedervereinigung an, von neuem Hauptstadt zu werden. Der Bundespräsident war bereits an die Spree umgezogen, die Regierung war dagegen noch am Rhein. Auch die Botschaften blieben vorerst in Bonn. Sie liessen sich jedoch in Berlin mit einer Aussenstelle vertreten. Ich wohnte in der alten Gesandtschaft und arbeitete im gleichen Büro, in welchem fünfzig Jahre vorher Minister Hans Frölicher gesessen hatte. Eine Aura des Mysteriösen umgab das Gebäude, das eine ausserordentlich bewegte Vergangenheit hat. Deshalb entschloss ich mich, die Geschichte dieser Gesandtschaft zu schreiben.
Seither sind fünfzehn Jahre vergangen. Vieles hat sich mit der Liegenschaft im Spreebogen getan. Darüber gäbe es einiges zu erzählen. Man könnte der Geschichte ein neues Kapitel hinzufügen. Nach einer glamourösen Eröffnung beherbergt das Gebäude, versehen mit einem architektonisch kontrastierenden Erweiterungsbau, seit 1999 wieder die offizielle Hauptvertretung der Schweiz in Deutschland. Die Botschaft ist dorthin zurückgekehrt, wo früher die Gesandtschaft war. Mitten in Berlin, an einmaliger Lage zwischen dem Reichstag und dem Kanzleramt, wurde der Faden wieder dort aufgenommen, wo er 1945 gerissen war.
Botschaft, Gesandtschaft, Legation, Generalkonsulat – die Diplomatie mit ihren Bezeichnungen und wohlklingenden Titeln ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Deshalb schicke ich einige Erklärungen voraus. Heute hat die Schweiz in rund 100 Staaten Botschaften. Diese werden von einem Missionschef geleitet, der den Titel Botschafter trägt. Bis Mitte der 1950er-Jahre hatte die Schweiz keine Botschaften, sondern nur – tiefer eingestufte – Gesandtschaften, die man auch Legationen nannte. Sie entsprachen den heutigen Botschaften und wurden von einem Gesandten oder, wie man in der Schweiz sagte, Minister geleitet. Minister Frölicher wäre also heute Botschafter Frölicher. Die diplomatischen Mitarbeiter des Ministers waren, hierarchisch abgestuft, Gesandtschafts- oder Legationsräte, Gesandtschafts- oder Legationssekretäre sowie Attachés.
In einem Land gibt oder gab es nur eine einzige bilaterale Botschaft beziehungsweise Gesandtschaft. Ihre Aufgabe besteht oder bestand darin, die Beziehungen von Staat zu Staat auf höchster Ebene zu pflegen. Aber in einem Land kann es mehrere Generalkonsulate geben, die jeweils von einem Generalkonsul geleitet werden. Dieser ist unter anderem für den Kontakt mit den Regionalbehörden und die Betreuung der Schweizer Bürger zuständig. Er ist dem Botschafter des jeweiligen Residenzlandes unterstellt.
Schliesslich möchte ich noch, da ich selbst im diplomatischen Dienst bin, der guten Form halber festhalten, dass dieses Buch ausschliesslich meine persönliche Meinung wiedergibt und das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten in nichts verpflichtet.
Bern, im Frühling 2012
Einführung
Die Gesandtschaft in Berlin war während des Dritten Reiches der schwierigste Posten, den die Schweiz je zu vergeben hatte. Natürlich stellt man sich, wenn man später an solch einem Ort arbeitet, die Frage, wie man selbst die Herausforderung damals bestanden hätte. Wie weit hätte man der eigenen Regierung geraten, sich den neuen Umständen anzupassen, wie weit wäre man für entschiedenen Widerstand eingetreten? Anpassung oder Widerstand – oder: zwischen Anpassung und Widerstand – dieses Thema lag in Berlin nach dem Fall der Mauer ohnehin in der Luft – nicht nur wegen dem Dritten Reich, sondern auch wegen der Deutschen Demokratischen Republik, wegen den heftigen Debatten um die DDR-Vergangenheitsbewältigung. Manfred Stolpe etwa, der ehemalige populäre Ministerpräsident des Landes Brandenburg, stand fast täglich in den Schlagzeilen wegen seiner Rolle, die er als Anwalt innerhalb der evangelischen Kirche in der DDR gespielt hatte. Viele Bürgerrechtler missbilligten seine Stasi-Mitarbeit. Hatte er Bürger, die sich ihm anvertrauten, verraten, oder hatte er unter den obwaltenden Umständen das Beste gemacht? Die Frage ist bis heute umstritten. Die Fragezeichen zu seiner Vergangenheit hatten ihn allerdings nicht daran gehindert, Bundesminister zu werden.
«Wie hätte ich damals gehandelt?»– das ist eine hypothetische Frage, und auf solche Fragen gibt es keine zuverlässigen Antworten. Im Nachhinein kann man sich mühelos ausmalen, wie man es besser gemacht hätte. Doch sich mit dem Wissen des Nachgeborenen bei jenen einzureihen, die recht bekommen haben, ist billig. Denn man muss den Beweis für die eigene Urteilsfähigkeit nicht antreten. Um Erkenntnisse zu gewinnen, ist es deshalb unumgänglich, die Geschichte zu studieren und daraus zu lernen. Dabei sollte man sich eher den Schattenseiten zuwenden als den Sonnenseiten. Denn man lernt bekanntlich am meisten aus Fehlern.
Geschichte ist verwirklichte Politik, etwas Abgeschlossenes. Sie enthält das, was sich aus unzähligen Möglichkeiten in der Zeit realisiert hat. Alle anderen Varianten, die einst bestanden, sich aber nicht durchsetzten, kann man vergessen. Politik jedoch ist nie fertig. Sie gärt ständig, ist von den Impulsen der Zeit getrieben, bringt das Zeitbedingte zum Ausdruck. Wer ohne feste Grundsätze politisiert, wird von Strömungen mitgerissen, hat keinen Boden unter den Füssen. Deshalb braucht gute Politik ein ethisches Fundament, eine Verankerung in Werten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Warum?
Die Ethik enthält Grundsätze vom richtigen Leben. Diese mögen in sich stimmig sein und theoretisch überzeugen. Aber sie lassen sich im öffentlichen Leben nie voll verwirklichen, weil es nicht nur eine Ethik, sondern verschiedene Ethiken gibt. Und diese widersprechen sich oft. Was für den einen gut ist, mag für den anderen schlecht sein und umgekehrt. Folglich entscheiden wechselnde Mehrheiten, was umgesetzt wird. Wer mit dem Kopf durch die Wand rennt, bezeugt vielleicht heldenhaft seine Gesinnung, aber er wird an der Realität scheitern. Im Alltagsleben prallen immer verschiedene Überzeugungen aufeinander. Zwischen ihnen muss man aus einem Gefühl der Verantwortung heraus einen Kompromiss finden. Das ist die Aufgabe der Politik. Jeder nimmt sich etwas zurück, um wenigstens einen Teil dessen zu verwirklichen, was er für richtig hält. Man kann die ethischen Ziele nie ganz erreichen, man kann sich ihnen nur annähern, mal auf diesem, mal auf jenem Weg oder Umweg. Ein Politiker muss das langfristig Richtige anstreben und sich mit dem vorläufig Machbaren begnügen. «Sieh auf zu den Sternen, gib acht auf die Gasse!», empfiehlt ein Sprichwort.
Im Inneren eines demokratischen Staates spielt sich die Politik zwischen verschiedenen Parteien ab, ausserhalb der Grenzen zwischen verschiedenen Staaten. In beiden Fällen geht es um Macht oder, wie man heute lieber sagt, um Interessen. Aussenpolitik ist Interessenpolitik. Jeder Staat versucht seine Interessen im Verhältnis zu anderen Staaten möglichst weitgehend durchzusetzen. Doch die Spielregeln sind anders als in der Innenpolitik. Im innerstaatlichen Bereich gibt es in Konfliktfällen Instanzen, die ein Machtwort sprechen können und auch befugt sind, dieses durchzusetzen. In der Aussenpolitik fehlen diese weitgehend. Gewiss gibt es im zwischenstaatlichen Bereich auch ernsthafte Anstrengungen, die Verrechtlichung voranzutreiben und die internationalen Beziehungen einer reglementierten Ordnung zuzuführen. Aber die internationale Politik ist bis heute eine ständige Auseinandersetzung zwischen dem Streben nach Ordnung und dem Rückfall in anarchische Zustände.
In diesen lose geregelten Sphären betreiben die Staaten seit alters ihre Aussenpolitik, und zwar mit drei Mitteln: mit Waffen, Geld und Worten. Im Extremfall greifen sie zu den Waffen und führen Krieg. Im Normalfall begnügen sie sich mit dem Wort und betreiben Diplomatie. Und irgendwo dazwischen verwenden sie auch Geld, um mit wirtschaftlichem Druck ihre Interessen durchzusetzen. Dem Diplomaten steht, von Verirrungen abgesehen, nichts anderes als das Wort zur Verfügung. Die Mittel, um die Interessen in der Aussenpolitik zu verfechten, sind also verschieden von der Innenpolitik; im Inneren verfügt man über rechtlich abgesicherte Sanktionsmechanismen, in der Aussenpolitik dagegen nur selten. Das Vorgehen ist jedoch das gleiche. Auch in der Aussenpolitik muss man Kompromisse schliessen. Ein Staat darf seine nationalen Interessen nicht mit der Verbissenheit eines Dogmatikers verfechten. Vielmehr muss er auf die Argumente der Gegenseite eingehen und allenfalls, wenn er etwas erreichen will, seine eigenen Forderungen mässigen.
Den richtigen Kompromiss zu finden, ist generell eine heikle Aufgabe. Sie kann aber schier unlösbar werden, wenn man es mit totalitären Staaten zu tun hat. Konkret geht es dann um Anpassung und Widerstand, im Extremfall gar um Knechtschaft und Untergang. Wie weit darf sich ein freies Land einem totalitären Staat anpassen, ohne sich selbst aufzugeben? Wie weit soll es, ohne sich ins Verderben zu stürzen, Widerstand leisten? Für die Schweiz stellten sich diese Fragen nie dramatischer als während des Zweiten Weltkriegs. In jenen Jahren lastete eine ungeheure Verantwortung auf dem General, dem Bundesrat und einigen Diplomaten. Ein falscher Entscheid, ja bloss ein falsches Wort oder eine dumme Geste hätte verheerende Reaktionen auslösen können.
Niemand bekam dies mehr zu spüren als der Schweizer Gesandte in Berlin, der Hans Frölicher hiess. Ihm hatte der Bundesrat eine überaus schwierige Mission anvertraut. Während sich die Schweiz militärisch mit grosser Entschlossenheit zum Widerstand rüstete, bestand seine Aufgabe darin, mit dem nationalsozialistischen Deutschland nicht nur korrekte, sondern, wenn möglich, freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Er musste auf dem Berliner Aussenposten notgedrungen eine Rolle spielen, in der die Gesten der Anpassung dominierten. So wollte es der Bundesrat. Gerade weil man ihm einen geschmeidigen Umgang mit den Nazigrössen und der Berliner Gesellschaft zutraute, hatte ihn seine Regierung auf diesen delikaten Posten geschickt. Sein Vorgänger, Paul Dinichert, ein erklärter Gegner der Nazis, wurde dagegen auf starken Druck aus dem Gastland, aber auch auf Druck von verschiedenen Kreisen in der Heimat, abgezogen. Ihm seien, so beschwerten sich Politiker, Schweizer Presseorgane und Wirtschaftsführer, in Berlin alle Türen verschlossen und somit nütze er der Schweiz nichts. Dinichert war unter anderem deshalb gescheitert, weil er zu wenig Diplomat war. Frölicher hatte also, als er in der Reichshauptstadt antrat, ein Beispiel vor Augen, wie man es nicht machen sollte.
Doch damit ist noch nichts darüber gesagt, wie er es machen sollte. Ein Diplomat ist in einem feindlich gesinnten Staat in einer fast aussichtslosen Lage. Seine Regierung entsendet ihn, um freundliche oder mindestens korrekte Beziehungen mit seinem Gastland zu unterhalten. Dazu ist er jedoch nur fähig, wenn er einen guten Zugang zu den wichtigsten Entscheidungsträgern hat. Doch gelingt ihm dies, wecken gerade seine guten Beziehungen häufig Misstrauen in seinem Herkunftsland. Viele Diplomaten scheitern in politisch schwierigen Ländern. Sie werden Opfer des inneren Widerspruchs ihres Berufs: Je mehr sie ihren Auftrag zu erfüllen suchen, desto mehr werden sie verdächtigt, von der Gegenseite eingenommen zu sein, je mehr sie aber der Gegenseite opponieren, desto mehr werden sie bezichtigt, mit dem Partner nicht umgehen zu können. Dinichert und Frölicher waren in diesem Dilemma verstrickt. Dinichert warf man vor, zu stark opponiert zu haben, Frölicher dagegen, den Deutschen zu viel nachgegeben zu haben.
Aber nicht nur ihnen erging es so. Kleinere Narben trugen alle Schweizer Diplomaten davon, die im Zweiten Weltkrieg auf problematischen Posten stationiert waren. Paul Ruegger, der Missionschef in Rom, erlitt das gleiche Schicksal wie Dinichert. Er wurde 1942 vom Bundesrat auf Verlangen der italienischen Regierung abberufen und durch einen Gefügigeren ersetzt. Den Minister in Vichy, den tatkräftigen Walter Stucki, ereilte dagegen der Bann zu grosser Anpassung – zwar nicht von seiner eigenen Regierung, jedoch vom Gaststaat. Er wäre nach dem Krieg gern Gesandter in Paris geworden. Aber de Gaulle war nicht gewillt, das Agrément zu erteilen. Frankreich warf Stucki vor, zu stark mit Pétain und dessen Umkreis liiert gewesen zu sein. Auch Carl J.Burckhardt gehört in diese Kategorie. Als sich der Bundesrat 1944 bei der britischen Regierung erkundigte, ob der ehemalige Völkerbundskommissar als Schweizer Gesandter in London genehm wäre, erhielt er eine Absage. Burckhardt habe in Danzig wie auch als Repräsentant des Roten Kreuzes einen zu vertrauten Umgang mit Nazigrössen gepflegt. Schliesslich mussten bei Kriegsende auch Bundesrat Marcel Pilet-Golaz und der höchste Diplomat im Eidgenössischen Politischen Departement (EPD), der Genfer Pierre Bonna, Chef der Abteilung für Auswärtiges, ihre Sessel räumen, weil sie mit der Aussenpolitik, die sie zu verantworten hatten, in der neuen Konstellation als Altlast empfunden wurden.
Ein Diplomat betreibt freilich im Gastland keine eigene Aussenpolitik. Unter normalen Umständen führt er Instruktionen aus, die er von der Zentrale erhält. Diese trägt ja auch die letzte Verantwortung. Aber bei aller Mitverantwortung der vorgesetzten Behörden bleibt reichlich Zwischenraum, den ein Missionschef allein auszufüllen hat. Das gilt auch für Frölicher. Denn die Instruktionen waren in der Schweiz bis zur Aufblähung des Beamtenapparates am Ende des 20. Jahrhunderts meist knapp und generell gehalten. Somit hing die Ausführung stark von der jeweiligen Persönlichkeit des Gesandten ab. Und dafür muss dieser geradestehen.
Ich bin der Ansicht, man könne aus der Geschichte lernen, allerdings kaum, wie man etwas machen muss, hingegen sehr wohl, wie man es nicht machen darf. Keine Entscheidungssituation präsentiert sich genau so, wie sie in der Vergangenheit vorlag. Die Zukunft ist offen. Anders jedoch ist es mit der Vergangenheit. Sie ist abgeschlossen. Man sieht, was ein Entscheid oder eine Handlung bewirkt hat. Deshalb kann, wer geschichtliche Kenntnisse hat, von vornherein viele Varianten ausschliessen. Geschichtliche Erfahrung liefert keine Erfolgsrezepte zur Gestaltung der Zukunft, aber sie hilft wenigstens, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, sie lehrt einen, schon einmal begangene Fehler nicht zu wiederholen. Mit Hans Frölicher – kontrastiert mit seinem Vorgänger Paul Dinichert – liegt ein Musterbeispiel von Anpassung und Widerstand in der Schweizer Diplomatie vor. In der Überzeugung, dass es sich lohnt, diese Biografie genauer anzuschauen, habe ich mich nochmals dem Wirken von Frölicher zugewandt und diese Monografie vorgelegt.
Diplomat aus grossbürgerlichem Milieu
Hans Frölicher (1887–1961) wurde am 3.Dezember 1887 als zweites Kind von Maximilian Frölicher und Margaretha Emerentia Stehli in Zürich geboren. Im Kreis von vier Geschwistern wuchs er in der Villa «Riesmatt» an der Mittelstrasse 6 im Seefeld auf. Die Frölichers waren ein altes und reiches Burgergeschlecht aus Solothurn. Sie hatten ihr Vermögen als Textilfabrikanten erworben. Und die Stehlis aus Zürich waren nicht minder begütert. Ihr Reichtum kam aus der Seidenfabrikation. Maximilian Frölicher trat in frühen Jahren in die Firma Stehli-Hausheer & Sohn ein, heiratete 1885 die Tochter des Firmenchefs Emil Stehli-Hirt und wurde 1892 Partner des international tätigen Unternehmens. Die Firma hatte auch Niederlassungen in den USA und Kanada. 1912 beabsichtigte er, die Betriebe und einige Freunde in Übersee zu besuchen. Es sollte eine besondere Reise werden. Er buchte für sich, seine Frau und die Tochter Margaritha drei Plätze auf der famosen «Titanic». Am 10.April bestiegen die Frölichers in Cherbourg den Luxusdampfer. Als das Schiff mit mehr als 2200 Passagieren an Bord auf einen Eisberg fuhr, gehörten sie zu den Glücklichen, die mit dem Leben davonkamen, wahrscheinlich weil sie in der ersten Klasse einquartiert waren. Nochmals Glück hatten sie, da bald schon das Ersatzschiff «Carpathia» aufkreuzte und sie aufnahm.
Besonders dramatisch war die Lage für Margaritha oder, wie Hans seine Schwester immer nannte, «Mädi». Sie hatte eben die Matura bestanden und durfte mit den Eltern auf der «Titanic» mitreisen. In einem Brief an Bruder Willy beschrieb sie von der «Carpathia» aus, wie sie völlig seekrank den Untergang des Dampfers erlebte. Die Reise war für sie noch in anderer Hinsicht denkwürdig. Sie reiste nach Amerika, um dort ihren Verlobten zu heiraten, Robert Schwarzenbach, den Direktor der Seidenweberei Schwarzenbach & Huber in New York – nicht die erste und auch nicht die letzte Ehe zwischen den verbandelten Clans der Frölichers und der Schwarzenbachs. Als ihr Ehemann 1929 früh verstarb, kehrte Mädi mit ihren drei Söhnen in die Schweiz zurück. Hans Frölicher verstand sich gut mit ihr. Immer wieder besuchte er sie in Zürich, wenn er von Berlin aus zu Besprechungen oder auf Urlaub in die Schweiz kam.
Hans Frölicher studierte nach der Matura Jurisprudenz in Zürich, München, Bern und Leipzig. Dort erwarb er sich mit der Dissertation Das Verfügungsrecht des Absenders im Eisenbahnfrachtgeschäft nach OR 1912 den Doktortitel. Zudem legte er das Anwaltsexamen in Zürich ab. Darauf arbeitete er in der Anwaltskanzlei eines Verwandten in seiner Heimatstadt, ehe er 1918 auf Anraten seines Freundes, des Ministers Walter Thurnheer, ins EPD eintrat. Er kam in die Rechtsabteilung und befasste sich unter anderem mit Doppelbesteuerungsfragen. Rasch fand er Gefallen an der internationalen Politik. So beschloss er, die diplomatische Laufbahn einzuschlagen. Nach zwölf Berner Jahren erfolgte 1930 seine Versetzung als Gesandtschaftsrat nach Berlin.
Nach dem Studium hatte Frölicher 1913 eine vermögende Berner Patrizierin, Margarete Thormann, die Tochter von Eduard Thormann, dem Präsidenten des Obergerichts, geheiratet. Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Max und Hélène. Max absolvierte ein Rechtsstudium und wurde Direktor der Wander AG in Neuenegg bei Bern. Die Tochter verheiratete sich 1947 – nach einer kurzen gescheiterten Ehe mit dem Diplomaten Max König, einem Mitarbeiter von Frölicher auf der Gesandtschaft in Berlin – mit dem Basler Kinderarzt Otto Geiser. Gemeinsam hatten sie zwei Söhne, einer davon ist der Schriftsteller Christoph Geiser. Frölichers Ehe war allerdings keine glückliche gewesen. Schon während seines ersten Berliner Aufenthalts von 1930–1934 begleitete ihn seine Frau nicht. Sie hatte seit Langem eine Liaison mit Edwin Schwarzenbach aus der Dynastie der Seidenbandweber vom Zürichsee. Hans Frölicher nahm es hin, er wollte keine Scheidung. Doch 1937 kam es dennoch dazu. Der Bundesrat hatte verlangt, dass Frölicher seine persönlichen Verhältnisse in Ordnung bringe, bevor man ihn zum Gesandten in Berlin ernenne. So kam es, dass er allein das grosse Palais im Spreebogen bezog. Aber seine Tochter weilte bis zu den schweren Bombardierungen von 1943 meistens bei ihm und stand ihm bei gesellschaftlichen Anlässen zur Seite. Als dann der Aufenthalt in der Stadtmitte von Berlin zu gefährlich wurde, bat er Hélène, in die Schweiz zurückzukehren.
Nach der Scheidung verheiratete sich Margarete Frölicher-Thormann mit Edwin Schwarzenbach. Dieser hatte zwei Brüder. Der eine, Robert, war, wie eben erwähnt, mit Frölichers Schwester Mädi verheiratet, der andere, Alfred, hatte seinerseits Renée Wille, die Tochter von General Ulrich Wille geehelicht. Aus erster Ehe brachte Edwin Schwarzenbach den Sohn James mit, der sich in den 1970er-Jahren im Kampf gegen die Überfremdung hervortun sollte. Hans Frölicher war also prominent verschwägert. Er war mit der Oberschicht in Zürich, Bern und Solothurn wie kaum ein Zweiter verwoben. Nahtlos passte er in jenes Gesellschaftsgeflecht um die Familien Wille und Schwarzenbach, das der Schriftsteller Niklaus Meienberg in seiner Reportage Die Welt als Wille & Wahn beschrieben hatte.
Als Frölicher nach dem Eintritt ins EPD von Zürich nach Bern umzog, mietete sich das junge Paar im Schlösschen Allmendingen ein. Der umgängliche Jurist und Hauptmann der Artillerie kümmerte sich nebst seinem Beruf auch um das Ortsgeschehen. Man mochte ihn im Dorf gut. Zuerst stellte er sich als Schulratspräsident, dann als Gemeindepräsident zur Verfügung. Doch 1928 zog das Ehepaar weg. Es übersiedelte aufs Landgut Ursellen, eine der reizvollsten Berner Campagnen des 18.Jahrhunderts, am Eingang zum Emmental bei Konolfingen gelegen, bestehend aus einem Schlössli und einem prächtigen Gutshof mit 18 Hektaren Land. Es sollte sein endgültiger Wohnsitz werden. Seine Frau hatte damals zusammen mit ihren Schwestern Elisabeth von Wyttenbach und Katharina Wander die Liegenschaft, die aus der mütterlichen Linie der Familie von May stammte, geerbt. Die Erbengemeinschaft überliess umgehend den herrschaftlichen Besitz ihrer Miterbin Margarete. Als diese ihre Familie verliess, vermachte sie das Landgut den beiden Kindern, bestimmte jedoch, dass ihr Exgatte lebenslang unentgeltlich im Schlössli wohnen könne. Nach dem Tod seines Vaters bewohnte Dr.Max Frölicher das Anwesen. 1980 sah er sich jedoch infolge eines Familienstreits gezwungen, die Liegenschaft zu verkaufen.
Hans Frölicher machte eine gute Figur als Schlossherr. Er hatte etwas von einem Gentleman-Farmer. Er hätte ausgezeichnet in die englische «upper class» hineingepasst: kultiviert, sportlich, mit Sinn für Speis und Trank, über beste Beziehungen verfügend und mit einem leichten Hang zum Spleen. Auch war er ausgesprochen naturverbunden. Wann immer er konnte, frönte er seinem Hobby, der Jagd. Während der Berner Jahre verbrachte er nach Möglichkeit die freien Wochenenden im Oberland oder im Wallis auf der Pirsch. Und in Berlin wirkte es manchmal fast grotesk, wie er seiner Leidenschaft nachging. Mochten ringsum die Bomben fallen, er liess sich nicht von einer Niederjagd im Havelland abhalten.
Frölicher war auch eng mit der Landwirtschaft verbunden. Gern gab er sich mit den Bauern von Ursellen leutselig, auch nahm er ab und zu am Vereinsleben der Gemeinde teil. Seine privaten Aufzeichnungen bereicherte er immer wieder mit Bildern und Vergleichen aus Feld und Stall. Nach dem ersten Neujahrsempfang in der Reichskanzlei, dem er 1939 beiwohnte, bemerkte er, die Diplomaten hätten sich alle protokollmässig richtig aufgestellt, «weil jeder seinen Platz kannte, wie die Kühe in einem guten Schweizer Stall».[1] Frölicher war auch ein guter Schütze. Einmal wurde er gar Berner Schützenkönig. Nach seiner Rückkehr aus Berlin nahm er sozusagen immer am Feldschiessen der Schützengesellschaft von Ursellen teil.
Doch er hatte auch andere Seiten vorzuweisen. Frölicher war zwar nicht das, was man einen musisch veranlagten Menschen nennen könnte, aber ohne künstlerische Ader war er nicht. Er liebte die Musik und spielte selbst Geige, meistens für sich allein, gelegentlich in kammermusikalischer Formation im Freundeskreis. Er schloss sich zudem der Berner Gesellschaft von Musikfreunden an und war 1926 ein Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. In Berlin besuchte er häufig Konzerte und Opern. Herbert von Karajan gehörte in den letzten Kriegsjahren zu seinen häufigsten Hausgästen. Furtwängler, Maria Stader oder Othmar Schoeck verkehrten auch in seinem Haus. Frölichers spärliche Kommentare zu musikalischen Darbietungen zeugen von Kennerschaft. Aber er war kein Intellektueller. Diesen Anspruch erhob er auch nie. Zur Literatur scheint er keinen besonderen Zugang gehabt zu haben. Jedenfalls findet sich in seinen Tagebüchern, abgesehen von einem Eintrag über den seinerzeit populären John Knittel, nichts dazu. Philosophische Gedankengänge lagen ihm auch nicht. Er war auf das Praktische ausgerichtet.
Im Jahr 1930 trat Frölicher seinen ersten Auslandsposten an. Als Legationsrat wurde er Stellvertreter des Missionschefs in Berlin, zuerst zwei Jahre unter dem Berner Hermann Rüfenacht, dann zwei Jahre unter Paul Dinichert. Ausserdem war er in Doppelfunktion Militärattaché, denn vor 1937 kannte die Eidgenossenschaft noch keine ausschliesslich auf Verteidigungsaufgaben spezialisierten und aus dem Militärdepartement stammenden Offiziere auf diplomatischen Posten. Um dieses Amt mit dem nötigen Prestige zu versehen, wurde dem Hauptmann der Grad eines Majors geschenkt. Rüfenacht soll Frölicher sehr geschätzt haben. Er sei der beste Mitarbeiter gewesen, den er je gehabt hätte, teilte er seinem Neffen mit, dem späteren Botschafter August Lindt.[2] Frölicher führte in der Reichshauptstadt ein geselliges Leben; er war allseits beliebt. Aber meistens nahm er die gesellschaftlichen Verpflichtungen allein wahr. Seine Frau tauchte nur sporadisch in Berlin auf. Als Legationsrat war Frölicher, soweit die schriftlichen Zeugnisse reichen, ein alerter Beobachter. In scharfsinnigen und sorgfältigen Berichten, die er als Gesandter in dieser Qualität nicht mehr lieferte, informierte er das Politische Departement über die heraufziehende nationalsozialistische Gefahr.[3] Er pflegte auch, wie es seinem Naturell entsprach, Kontakte nach allen Seiten, unbesehen des politischen Standpunktes seiner Gesprächspartner. Das sprach sich in Bern herum, und man erachtete es als ein Plus.
Mitte 1934 kehrte er nach Bern zurück. Ein Jahr lang stand er dem Personaldienst vor. Dann holte ihn Bundesrat Giuseppe Motta, der viel auf ihn hielt, in die wichtige Abteilung für Auswärtiges, wo der Beförderte die Politische Sektion leitete und zugleich die Stellvertretung von Pierre Bonna, dem Abteilungschef, übernahm. Frölicher war mit seiner Stellung zufrieden. Er gedachte, sich endgültig in Bern niederzulassen, richtete sich bequem auf dem Landgut Ursellen ein und pachtete eine Jagd im Tiroler Lechtal. Er schien den angenehmen Lebenswandel eines begüterten Mannes ohne übermässigen Ehrgeiz einzuschlagen. Im Departement trug er die Politik von Bundesrat Motta voll mit. Wie sein Chef, den er stets hoch verehrte, erkannte er im Bolschewismus die grösste Gefahr für Europa. Aber als Realpolitiker trat er früh schon für die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zur Sowjetunion ein.
In der Schusslinie wegen Franco-Spanien
Als Stellvertreter des Chefs der Abteilung für Auswärtiges gelangte Frölicher an eine Schaltstelle im Politischen Departement. Hier liefen die Fäden zusammen von den Aussenposten, hier wurden die wichtigen aussenpolitischen Entscheide vorbereitet und die nachfolgenden Instruktionen erteilt. Frölicher wirkte bei der Bewältigung von vielen Problemen mit: mit dem Dritten Reich, mit dem faschistischen Italien, mit dem von der Volksfront regierten Frankreich. Eine Aufgabe sollte sich indes als besonders heikel erweisen: die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zum Regime von General Franco in Spanien. Frölicher war in diesem Geschäft Mottas rechte Hand. Er spurte die Entscheide vor. Dafür bezahlte er einen hohen Preis. Die Schweizer Linke verzieh ihm dieses Engagement nie. Dieses Schlüsselereignis sei im Folgenden etwas eingehender erläutert.
Nach dem Sieg der Volksfront 1936 tobte drei Jahre lang in Spanien der Bürgerkrieg. Die siegreich aus den Wahlen hervorgegangenen Republikaner wurden von den nationalistischen Aufständischen unter dem Oberbefehl von Caudillo Francisco Franco bekämpft. Diesem gelang es innert kurzer Zeit, grosse Teile Spaniens unter seine Herrschaft zu bringen. Für das Ausland stellten sich grundlegende Fragen. Durften die Demokratien abseits stehen, wenn die aufständischen Nationalisten, die von Italien und Deutschland unterstützt wurden, eine rechtmässig zustande gekommene Regierung bekämpften und Republikaner in Konzentrationslager steckten? Oder durften sie, von der anderen Seite her betrachtet, es zulassen, dass Anhänger der Volksfront Ausländer gewaltsam enteigneten, Priester und Nonnen niedermetzelten und, unterstützt von der Sowjetunion, einen neuen bolschewistischen Staat zu errichten drohten?
Die Leidenschaften wühlten ganz Europa auf. In der Schweiz reihten sich die Sozialisten bedingungslos hinter den «Frente popular», die Katholisch-Konservativen dagegen fürchteten die «rote Gefahr» und ergriffen für die Nationalisten Partei, während sich die Freisinnigen mit beiden Lagern schwer taten, aber letztlich doch die Ordnung von General Franco als das kleinere Übel taxierten. Der Bundesrat suchte, um den innenpolitischen Frieden nicht zu gefährden, die Gemüter mit verschiedenen Massnahmen, die zugleich die Neutralität bekräftigten, zu beruhigen. Er erliess ein Ausfuhrverbot für Waffen und Kriegsmaterial. Ausserdem untersagte er die freiwillige Teilnahme am Kriegsdienst auf beiden Seiten. Diese Verbote waren nicht überflüssig. Rund 800 junge Schweizer packte der alte Reisläuferinstinkt, und sie strömten den Freiwilligenbrigaden der «Weissen» wie der «Roten» zu, wobei die Mehrheit der Spanienkämpfer in den Reihen der Republikaner focht.
Bundesrat Motta betrieb insgesamt eine realistische Politik.[4] In erster Linie liess er sich von den nationalen Interessen leiten. Diese bestanden vor allem im Schutz der rund 4000 Landsleute und ihres beträchtlichen Besitzes. Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs kehrte etwa die Hälfte der Auslandschweizer in die Heimat zurück. Fast alle Flüchtlinge kamen aus dem von der Volksfront beherrschten Gebiet, wo ihr Eigentum oft von Arbeiterkomitees beschlagnahmt worden war. In der republikanischen Zone war auch die materielle Not gross. Der Bund versorgte die Kolonien in Barcelona, Valencia und Madrid mehrmals mit Lebensmittelkonvois. Zudem wurden mehrere Schweizer – meist gegen die Anordnung der offiziellen Regierung, die sich jedoch gegen anarchische Elemente nicht durchsetzen konnte – von lokalen Revolutionskomitees inhaftiert.
Um einen wirksameren Beistand leisten zu können, erhöhte der Bundesrat die Konsulate von zwei auf sechs. Als die Truppen von General Franco bis zum Frühjahr 1938 den grössten Teil Spaniens erobert hatten, gerieten immer mehr Vertretungen in die von den Nationalisten kontrollierte Zone. Wenn der Bundesrat seinen Landsleuten weiterhin beistehen wollte, war es unvermeidlich, mit dem nationalistischen Regime gewisse faktische Beziehungen aufzunehmen. Die Gegenregierung von Franco liess den Bundesrat wissen, dass die konsularischen Vertreter in der nationalen Zone ungehindert ihrer Tätigkeit nachgehen könnten. Der Bundesrat machte davon Gebrauch, und im Sinne eines Gegenrechts nahm in Bern ein ehemaliger Mitarbeiter der spanischen Gesandtschaft die Interessen der Nationalisten informell wahr. Derartige Vertreter hatte Franco auch in London, Paris, Brüssel und Den Haag platziert.
Hingegen war Motta nicht bereit, mit Francos Gegenregierung in Burgos offizielle Beziehungen aufzunehmen. Solange ein Bürgerkrieg tobte, wäre ein solcher Akt weder völkerrechtlich noch neutralitätsrechtlich zu verantworten gewesen. Er hätte eine Parteinahme für die Nationalisten und somit für eine der Bürgerkriegsparteien bedeutet. Doch der EPD-Chef ging nicht einmal so weit, wie es das Völkerrecht gestattet hätte. Er verweigerte den Nationalisten auch die offizielle Anerkennung als kriegsführende Partei. Auf ein entsprechendes Gesuch von Franco ging er im August 1937 nicht ein, obschon die erforderlichen Kriterien, nachdem die Nationalisten den grössten Teil des Territoriums beherrschten und sich ein Staatsgebilde geschaffen hatten, hinreichend erfüllt gewesen wären. Die Schweiz wahrte formell weiterhin den Status quo. Sie pflegte einzig mit der republikanischen Regierung in Valencia offizielle diplomatische Beziehungen.
In der Praxis freilich empfand Motta das Bedürfnis, die tatsächlichen Beziehungen mit der Franco-Regierung auszubauen. Und er tat es auch. Aber er suchte sich in den Grauzonen des Völkerrechts zu bewegen, das heisst: Man baute die Beziehungen faktisch aus, man veränderte die Substanz, beliess aber die Bezeichnung beim Alten. Im Sommer 1938 entsandte der Bundesrat sogar einen Diplomaten mit einem Beglaubigungsschreiben zur Regierung von Burgos. Diesen Beziehungen fehlte nur noch die verbale Weihe, um sie auf den Status von offiziellen diplomatischen Beziehungen zu heben.
Um die Jahreswende 1938/39 rückte der Endsieg der Nationalisten in Reichweite. Damit änderte sich die Ausgangslage. Nun konnte eine Anerkennung der nationalistischen Regierung kaum noch als Parteinahme im Bürgerkrieg gedeutet werden, sondern sie sanktionierte nur das, was Wirklichkeit geworden war. Seit Januar dachte Motta daran, die Beziehungen mit der Regierung von General Franco aufzuwerten. Am 24.Januar 1939 schrieb ihm Frölicher, der bereits seit mehr als einem halben Jahr Missionschef in Berlin war und eigentlich mit diesem Dossier nichts mehr zu tun hatte:
«Zur Zeit ist die Regelung die, dass die [republikanische] Regierung in Barcelona de jure anerkannt ist, während mit Franco nur de facto Beziehungen bestehen. Es liegt somit eine bevorzugte Behandlung des republikanischen Spaniens vor, eine unterschiedliche Behandlung, die sich bisher vom Gesichtspunkte der Priorität aus rechtfertigen lässt.
Es fragt sich nun aber, ob heute diese ungleiche Behandlung noch angezeigt erscheint, nachdem der endgültige Erfolg Francos in greifbarer Nähe ist und bereits der grösste Teil Spaniens von den nationalen Truppen besetzt ist. Es liegt daher nahe, eine Lösung zu wählen, bei der die völkerrechtliche Gleichbehandlung beider Bürgerkriegsparteien zum Ausdruck kommt, nämlich offizielle Beziehungen mit beiden Teilen, d.h. De-jure-Anerkennung Francos, ohne Abbruch der bestehenden offiziellen Beziehungen mit dem republikanischen Spanien. Jede der beiden Regierungen würde also anerkannt werden für diejenigen Gebiete des spanischen Territoriums, die von ihr beherrscht werden. Die Beziehungen zu dem republikanischen Spanien würden aufhören, sobald diese Regierung in Spanien nicht mehr existiert.
Ich bin mir bewusst, dass diese Lösung bisher noch von keinem anderen Land gewählt worden ist. Das aber ist kein Nachteil, sondern scheint mir vom Standpunkt unserer unabhängigen Neutralitätspolitik aus eher erwünscht. Die jetzige Lösung haben wir auch beinahe als erstes Land gefunden und dann gesehen, dass sie von England und vielen anderen Staaten nachgemacht wurde.»[5]
Frölicher fand bei Motta ein offenes Ohr. Auch der Aussenminister hielt den Zeitpunkt für eine juristische Aufwertung gekommen. Die Feder bei der Lektüre stets zur Hand, kritzelte er an den Rand: «Dieser Brief ist sehr interessant. Er deckt sich mit den Auffassungen, die ich gestern ausgesprochen habe.» Motta erkundigte sich noch bei anderen Regierungen, wie sie zu verfahren gedächten. Als er vernahm, dass Grossbritannien und die Niederlande bald die Franco-Regierung de jure anerkennen würden, schritt er zur Tat. Der Bundesrat beschloss am 14.Februar 1939, einen ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister bei Franco zu akkreditieren; dem republikanischen Vertreter wurde derweil in Bern mitgeteilt, dass die Beziehungen zu seiner Regierung ein Ende gefunden hätten. Vierzehn Tage danach folgten Grossbritannien und Frankreich dem Schweizer Beispiel. Und einen Monat nach der De-jure-Anerkennung rückte General Franco in Madrid ein und erklärte den Bürgerkrieg für beendet.
Nichts trug Motta so sehr die Feindschaft der Linken ein wie seine Spanienpolitik. Diese Kreise verübelten ihm die faktischen Kontakte zum Generalissimo von Anfang an. Sie wollten eine weltanschaulich orientierte Aussenpolitik, der Tessiner dagegen verfolgte einen pragmatischen Kurs. Er richtete sich nach den Tatsachen im Felde und zog daraus die Konsequenzen. Irgendwelche völkerrechtlichen oder neutralitätsrechtlichen Gebote hat er nie verletzt. Einzig die De-jure-Anerkennung am Schluss ist problematisch. Sie erfolgte zu einem strittigen Zeitpunkt, nämlich vier Wochen vor dem Ende des Bürgerkriegs. Da indes auch London und Paris die endgültige Niederlage der Republikaner nicht mehr abwarteten, wird man Motta kaum vorwerfen können, mit einer eilfertigen Anerkennung den Kriegsausgang beeinflusst zu haben. Zu den Hasstiraden, die Motta in den letzten Lebensjahren über sich ergehen lassen musste, meinte Jean Rudolf von Salis: «Es ist nachträglich kaum zu verstehen, weshalb die Haltung Mottas während des spanischen Bürgerkriegs, die unparteiisch, korrekt und konsequent war, zu einer leidenschaftlichen und widerlichen Hetze der sozialdemokratischen Kreise gegen seine Person Anlass gegeben hat. Man klagte ihn undemokratischer, ja geradezu faschistischer Gesinnung an.»[6]
Frölicher war Teil der Verwaltung. Er musste folglich Beschlüsse des Bunderates umsetzen. Das tat er im Fall von Spanien korrekt. So teilte er Konsul Adolf Gonzenbach im republikanischen Barcelona mit, der Bundesrat hätte mit der nationalistischen Regierung de facto – und nur de facto – Beziehung aufgenommen. Daran gäbe es vorderhand keine Änderung.[7] Aber damit liess er es nicht bewenden. Er war mehr, war auch Motor und trieb als hochgestellter Beamter die Anerkennung des Franco-Regimes voran. Er wusste, dass Motta für seine Argumente zugänglich war, sonst hätte er sich kaum getraut, ihm noch von Berlin aus seine Meinung zu unterbreiten. Tatsächlich übten der Schweizer Vertreter bei der Franco-Regierung in Burgos, ein Mann aus der Wirtschaft, Paul Brand, ehemaliger Direktor der Firma Saurer in Madrid, und sein Pendant in Bern, der von der spanischen Gesandtschaft abgesprungene Legationssekretär Bernabé Toca, quasi diplomatische Funktionen aus. Und das war so gewollt. Bezeichnenderweise brachte Frölicher am Rand eines Schreibens von Brand folgende kritische Bemerkung an: «Wir haben uns nicht darauf beschränkt, unter tatsächlichen Beziehungen zu leben wie mit einem Kriegführenden, sondern wie mit einem Staat.»[8]
Natürlich wusste man auch ausserhalb des Politischen Departementes, welche Rolle Frölicher spielte. Dieser wiederum gab sich keinen Illusionen hin. Ihm entging nicht, dass ihn die Linke für den eigentlichen Sündenbock hielt. Im oben zitierten Brief aus Berlin meinte er denn auch stoisch: «Die Volksfrontfreunde bei uns würden allerdings bei ihrer antifaschistischen Einstellung opponieren. Aber das haben sie ja bisher auch immer getan, ohne dass man sich hat hindern lassen diejenigen Massnahmen zu ergreifen, die die aussenpolitischen Interessen der Schweiz erfordern.» Vor diesem Hintergrund erstaunt es keineswegs, dass sich die linke Presse über Frölichers Ernennung zum Gesandten in Berlin entrüstete und ihm namentlich seine Rolle im spanischen Bürgerkrieg ankreidete. Die Berner Tagwacht, das offizielle Organ der sozialdemokratischen Partei der Schweiz, titelte auf der Frontseite der Ausgabe vom 21.Februar 1938: «Der neueste Streich Mottas – Dr.Fröhlicher als Gesandter nach Berlin». Dann kommentierte Nationalrat Robert Grimm:
«Der Briefträger, Zwischenträger, der zwischen Motta und Toca hin und her lief und die Fäden zog, sei es im Bureau des Herrn Toca oder mit diesem bei gelegentlichen Diners, war der Legationssekretär Fröhlicher. … Dieser wertvolle und hilfsbereite Herr Fröhlicher soll nun belohnt werden. Herr Motta versorgt nicht nur seine Söhne, sondern auch seine Günstlinge. … Herr Motta kann zufrieden sein; er bekommt auf einen der wichtigsten Diplomatenposten einen Beamten, der stramm seinen Kurs mitmacht und pariert; die Nazis aber erhalten einen schweizerischen Interessenvertreter, der der fascistischen Ideenwelt zumindest nicht allzu demokratisch angekränkelt gegenübersteht. Wir haben hier das Gegenstück zur Ernennung des Herrn Dr.Ruegger mit seiner fascistischen Comtesse zum Gesandten in Rom.» Zusammenfassend meinte Grimm: «Mottas Diplomatie und Politik wird nicht fröhlicher, sie wird immer trauriger.»[9]
Diese abgrundtiefe Abneigung gegen Frölicher wich nie mehr. Während Grimm später seine Meinung, die er von Motta hatte, temperierte und pietätvoll des verstorbenen Bundesrates gedachte, blieb Frölicher für die Linke ein Outlaw. Die Sozialisten verachteten ihn bis zu seinem Lebensende. Die Winterthurer AZ
Der Vorgänger in Berlin: Paul Dinichert, ein standfester Diplomat
Wie in den meisten Lebensläufen, so führte auch in Frölichers Karriere zuweilen der Zufall Regie. Der Stellvertreter der Abteilung für Auswärtiges wäre wahrscheinlich nie als Minister nach Berlin versetzt worden, wenn mit seinem Vorgänger alles rundgelaufen wäre. Doch dem war nicht so. Die deutsche Regierung war mit dem Schweizer Gesandten nicht zufrieden. Sie verlangte die Abberufung dieser «persona non grata». Und der Bundesrat kam der Aufforderung nach – nicht zuletzt deswegen, weil auch in der Schweiz überall Kritik an einem angeblich unfähigen Diplomaten geübt wurde. Aber ein zweites Mal wollte der Bundesrat eine solche Desavouierung nicht riskieren. Man fand, nun brauche man in Berlin jemanden, der mit den Spitzen in Regierung und Gesellschaft besser umzugehen wisse. Daher ernannte er einen Mann mit einem ganz anderen Profil zum Nachfolger: geschmeidig im Umgang mit Leuten und in Berlin von einem früheren Aufenthalt her schon gut eingeführt. Um die Tücken, denen der Gesandte Frölicher im Dritten Reich ausgesetzt war, zu verstehen, sollte man auch die Geschichte seines Vorgängers kennen. Sie erklärt viel. Deshalb sei sie etwas näher beleuchtet.
Frölichers Vorgänger in Berlin war Paul Dinichert (1878–1954). Der Bundesrat hatte den früheren Vorsteher der Abteilung für Auswärtiges, also den ranghöchsten Diplomaten im EPD, am 27.Juni 1932 zum Gesandten ernannt. Dinichert, ein eigenständiger Kopf, erfahren und leistungsfähig, zudem perfekt zweisprachig, hatte das Vertrauen von Bundesrat Giuseppe Motta erworben. Motta hielt viel von seinem Mitarbeiter, der stets eine klare Meinung vertrat. Dinichert war dessen rechte Hand. Gegen die Berufskrankheiten der Diplomatie war er immun. Von floskelhafter Höflichkeit, Duckmäusertum und Intrigantenschläue hielt er nichts. Einem solchen Mann wollte Motta die Berliner Gesandtschaft anvertrauen, den damals wichtigsten und mit Abstand delikatesten Posten, den die Eidgenossenschaft zu vergeben hatte. Und dass die Vertretung der Schweizer Interessen in Berlin von Monat zu Monat schwieriger wurde, das war im Sommer 1932 mit Händen zu greifen.
Die Ernennung zum Gesandten in Berlin bedeutete zweifelsohne den Höhepunkt in Dinicherts Laufbahn. Sechs Jahre stand er der Gesandtschaft im Spreebogen vor. Und wenn alles nach seinem Willen gegangen wäre, dann wären noch einige Jahre dazugekommen. Doch im Jahr 1938 berief ihn der Bundesrat, von verschiedenen Seiten gedrängt, von seinem Posten ab und versetzte ihn nach Stockholm. Ohne Begeisterung, ja nur mit Widerwillen fügte sich der kantige Minister der bundesrätlichen Anordnung. Er nahm seine Mission an den königlichen Höfen von Schweden, Norwegen und Dänemark bis zu seiner Demission im Jahr 1946 wahr. Hernach verbrachte er seinen Lebensabend in seiner Heimatgemeinde Muntelier am Murtensee.
Dinicherts Amtszeit in Berlin sollte sehr schwierig werden. Als er am 26.Oktober 1932 die Geschäfte an der Fürst-Bismarck-Strasse 4 übernahm, drängten die Nationalsozialisten ungestüm an die Macht. Die NSDAP war aus den Juliwahlen als grosse Siegerin hervorgegangen. Im 608-köpfigen Reichstag konnte sie ihre Sitze von 107 auf 230 erhöhen. Sie war zur stärksten Partei herangewachsen. Hitlers Griff zur Macht rückte in Reichweite. Gefördert von der nationalistischen und antiparlamentarischen Politik des Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Hugenberg, schob sich Hitler so ins Machtgefüge ein, dass der ehemalige Reichskanzler von Papen meinte, dem greisen Reichspräsidenten Hindenburg Hitler als Reichskanzler vorschlagen zu müssen. Am 30.Januar 1933 wurde Hitler mit seiner Koalitionsregierung des sogenannten «nationalen Zusammenschlusses» vereidigt. Danach hob der neue Machthaber Schlag auf Schlag die verfassungsmässigen Grundrechte auf. Nach dem Reichstagsbrand vom 28.Februar wurde der Ausnahmezustand deklariert, und mit dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März verschaffte sich die Regierung das Recht, vier Jahre lang ohne den Reichstag Gesetze zu erlassen. Die Verfassung wurde ausser Kraft gesetzt.
Schnörkellos, aber präzise, informierte Dinichert den Bundesrat über die nationalsozialistische Herrschaft. In seinen Berichten schimmert nie auch nur die geringste Sympathie für jene Bewegung durch, die ein neues Europa zu bauen beanspruchte. Keine Faser seines Wesens war vom nationalsozialistischen Bazillus befallen. Die Schweizer Regierung war mit Dinichert in dieser Hinsicht von Anfang an gut bedient. Klipp und klar sagte er, was im wichtigsten Nachbarstaat vor sich ging. War dies selbstverständlich? Keineswegs. Wer Hitlers Ideologie nicht durchschaute und sich damit begnügte, die Resultate der Tagespolitik zu begutachten, der konnte von den Leistungen des NSDAP-Reichskanzlers anfänglich beeindruckt sein. Hitler war vergönnt, die späten Früchte der umsichtigen Politik Stresemanns in die Scheune einzufahren. Nicht nur war das Rheinland 1930, fünf Jahre vor der festgesetzten Frist, geräumt worden; die Konferenz von Lausanne (Juni 1932) strich auch die riesigen und weitherum als ungerecht empfundenen Reparationsforderungen. Von dieser Bürde befreit, begann Hitler unter Missachtung der Bestimmungen von Versailles massiv aufzurüsten. Mit seinen Waffenschmieden und dem Autobahnbau beseitigte er die Massenarbeitslosigkeit, was ihm grosse Zustimmung im Innern, aber auch Bewunderung von aussen eintrug.
Dinichert gehört nicht zu jenen, die Memoiren schreiben mussten, um darin zu behaupten, sie hätten früher das gesagt, was sie eben nicht gesagt hatten, aber nachträglich gern gesagt gehabt hätten. Der schmächtige Missionschef stand von Anfang an Gewehr bei Fuss. Nicht alle Diplomaten – auch nicht auf der Schweizer Gesandtschaft – hatten einen ungetrübten Blick. Sir Nevile Henderson etwa, britischer Botschafter in Berlin von 1937 bis 1939, hoch angesehen und eine Erscheinung wie aus dem Bilderbuch, war selbst bei Kriegsausbruch noch sehr empfänglich für Hitlers Erfolge. In seinen Aufzeichnungen von 1939, als Buch unter dem Titel Failure of a Mission erschienen, zögerte er nicht, Hitler ein Genie zu nennen und ihm zu attestieren, er hätte während vier Jahren gigantische Fortschritte beim militärischen, industriellen und – auch das steht geschrieben – moralischen Wiederaufbau von Deutschland erzielt.[11]
Für seine kaum verhüllte Gegnerschaft zum Nationalsozialismus bezahlte Dinichert einen erklecklichen Preis. Seine Kontakte in der Hauptstadt des Dritten Reiches waren schlecht. Er hatte keinen Zugang zu den Nazigrössen, zu Hitler schon gar nicht. Auch in den Ministerien empfing man ihn nicht auf hoher Stufe. Den Aussenminister sah er selten. Der Schweizer Gesandte war kein Gesprächspartner, den diese Kreise suchten. Nicht einmal die Staatssekretäre wollten ihn empfangen. Bernhard von Bülow ging ihm nach Möglichkeit aus dem Weg. Er fand ihn weitschweifig und lästig: Dinichert suche ihn bei jedem gesellschaftlichen Diner in ein politisches Gespräch zu verwickeln.[12]
