Verlag: adeo Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Mit 50 Euro um die Welt E-Book

Christopher Schacht  

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E-Book-Beschreibung Mit 50 Euro um die Welt - Christopher Schacht

Christopher Schacht ist erst 19 Jahre alt und hat gerade sein Abi in der Tasche, als er eine verrückte Idee in die Tat umsetzt: Mit nur 50 Euro "Urlaubsgeld" reist er allein um die Welt. Nur mit Freundlichkeit, Flexibilität, Charme und Arbeitswillen ausgestattet, ohne Flugzeug, ohne Hotel, ohne Kreditkarte. Vier Jahre war er unterwegs, hat 45 Länder bereist und 100.000 Kilometer zu Fuß, per Anhalter und auf Segelbooten zurückgelegt. Seinen Lebensunterhalt hat er sich als Goldwäscher, Schleusenwart, Babysitter und Fotomodell verdient, unter Ureinwohnern und Drogendealern gelebt und ist durch die Krisengebiete des mittleren Ostens getrampt. In diesem Buch erzählt der junge Weltenbummler auf humorvolle und mitreißende Art von seinen unglaublichen Erlebnissen. Er verrät, was er unterwegs über das Leben, die Liebe und Gott gelernt hat, schildert berührende und skurrile Begegnungen und verblüfft mit Einblicken, die man in keinem Reiseführer finden würde. Eine faszinierende Story, die Lust macht, Neues zu wagen und seine Träume zu leben! "Mein Plan war es, keinen Plan zu haben. Einfach mal ohne Terminkalender und Zeitdruck zu leben. Da, wo es mir gefällt, so lange zu bleiben, wie ich will, und weiterzuziehen, wenn ich Lust dazu habe."

Meinungen über das E-Book Mit 50 Euro um die Welt - Christopher Schacht

E-Book-Leseprobe Mit 50 Euro um die Welt - Christopher Schacht

Für meine Mutter, die in den vier Jahren fast umgekommen ist vor Sorgen.Mama, hör am besten hier schon auf zu lesen ;-)„Es ist eine gefährliche Sache, Frodo, aus deiner Tür hinauszugehen. Du betrittst die Straße, und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.“J.R.R. Tolkien, Der Herr der Ringe: Die Gefährten

Inhalt

Noch kurz vorab …

Es geht los

1. Etappe: Europa, Atlantik, Karibische Inseln

Geld verzockt, pleite(r), aber weiter, mehr Glück als Vernunft … Leinen los – per Anhalter über den Atlantik

2. Etappe: Südamerika

Dschungelleben unter Ureinwohnern, Drogen – Mörder – Sex, Goldrausch, Rettung in letzter Sekunde und der peinlichste Moment meines Lebens

3. Etappe: Pazifik und pazifische Inseln

Endlose Weiten, stinkige Äquatortaufe, Schweine als Währung, kurioser

Cargo-Kult, am Krater des Vulkans

4. Etappe: Asien und Mittlerer Osten

Seenot im Stum, im buddhistischen Kloster, die beste Suppe der Welt,

Golfschuh-Model und Versuchskaninchen, Kuss und Maschinengewehr

Zurück nach Hause

Danke

55 Tipps für Backpacker mit kleinem Budget

Anhang

Noch kurz vorab …

Natürlich habe ich in über vier Jahren Weltreise viel, viel mehr erlebt, als zwischen diese beiden Buchdeckel passen würde. Aber dennoch möchte ich Einblicke in die spannendsten, traumhaftesten, witzigsten und skurrilsten Momente ermöglichen. Wer weiß, vielleicht macht das dem einen oder anderen ja Appetit auf mehr!

Als grober Überblick:

✓ 45 Länder

✓ 1512 Tage

✓ Über 100.000 Kilometer zu Wasser und zu Land

✓ 5 der 7 neuen Weltwunder

✓ 5 der 7 Weltmeere

✓ 4 neue Sprachen

✓ 4 Weisheitszähne weniger

✓ Aberwitzige Begegnungen

✓ Intensive neue Freundschaften

✓ Bilder zum Neidischwerden

✓ Ekliges Essen

✓ Lebensverändernde Erkenntnisse

✓ Jede Menge Abenteuer …

Und jetzt geht’s los!

Es geht los

1. Juli 2013

„Klick …“, noch einmal herum im Schloss, und „Klack“, das war’s! Ich warf den Schlüssel durch den Briefschlitz neben der Tür, wandte mich um und versuchte mir diesen Moment einzuprägen. Die Sonne schien warm, der Wind wehte sacht und brachte den Geruch von Tannen und frisch gemähten Wiesen mit sich. Ein wirklich traumhafter erster Juli! Mit einem breiten Grinsen blinzelte ich in die Sonne – auf diesen Moment hatte ich die letzten anderthalb Jahre gewartet!

Hinter mir lagen ein stressiges Jahr voller Abi-Klausuren, weit über 200 Stunden Arbeit für einen Programmierwettbewerb, ein Nebenjob in Hamburg und ein bisher immer schon drei Wochen im Voraus völlig überfüllter Terminplaner, den ich nun abgehakt hatte. Vor mir lag … Freiheit!

Ich schulterte meinen Rucksack, hüpfte die Treppenstufen hinunter auf den Gehweg und lief einen guten Kilometer von unserem winzigen Dorf zur Bushaltestelle an der Bundesstraße. Im Gehen winkte ich einigen älteren Nachbarn, die diesen herrlichen Montagvormittag zur Gartenarbeit nutzten, und ließ die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren.

Am Wochenende hatten wir den 90. Geburtstag meines Großvaters gefeiert, bei dem ich mich von meinen Verwandten verabschiedet hatte. Ob für Monate oder Jahre – ich war froh, es nicht zu wissen. Meiner jüngeren Schwester und meiner Mutter waren die Tränen gekommen, während mein Vater und mein Zwillingsbruder das Ganze etwas gelassener sahen. Und dann war meine Familie nach Dänemark in den Sommerurlaub gefahren. Seit 10 Jahren das erste Mal ohne mich.

„Du bist echt verrückt!“, hatte mir ein Freund kopfschüttelnd vorgehalten und hinzugefügt: „Ich habe keine Ahnung, wie du das mit so wenig Geld überhaupt machen willst!“

„Das“ bedeutete: Ich wollte versuchen, die Welt zu umrunden. Und zwar mit nur 50 Euro in der Tasche und ohne konkreten Plan. Beziehungsweise war der Plan, keinen Plan zu haben. Einfach losgehen und schauen, wo das Leben mich hintrieb. Dort, wo es mir gefiel, so lange bleiben, wie ich wollte, und weiterziehen, wenn mir danach war. Ohne Termine, ohne festgelegtes Ziel. Das totale Kontrastprogramm zu meinem bisherigen Leben. Freiheit eben!

„Wolltest du nicht eigentlich studieren? Und wo wirst du schlafen? Wer wäscht deine Wäsche?“ – manche Fragen bewiesen echt Humor. Als ob mein Leben von einer Waschmaschine abhängen würde …

Natürlich hatte ich ein paar Vorkehrungen getroffen. Ich hatte mich informiert, was andere Backpacker so mitnehmen (dazu gibt es ja genug Blogs/Vlogs), mir ein vernünftiges Zelt besorgt, einige Impfungen vornehmen lassen und einen Reisepass beantragt. Und ich hatte angefangen, meine Eltern schonend an den Gedanken zu gewöhnen, was ich vorhatte ;-).

Vor allem aber hatte ich mich darauf vorbereitet, nicht vorbereitet zu sein – viele Probleme können unvorhersehbar und unerwartet auftauchen; meine Vorbereitung bestand daher vor allem darin, mir alle Möglichkeiten offen zu halten. Zum Beispiel macht ein Zelt unabhängiger von organisierten Schlafplätzen; eine Karte informiert über alternative Verkehrsrouten; die jeweilige Landessprache zumindest ansatzweise zu lernen und Übersetzer-Apps zu verwenden macht die Kommunikation leichter; Medikamente, Impfungen und richtige Ernährung können Krankheiten in Grenzen halten. Wenn man viel Zeit, gute Kontakte oder sehr niedrige Ansprüche im Hinblick auf Komfort hat, eröffnen sich oft ungeahnte Möglichkeiten. Und wenn es mal Probleme gibt, findet man meist schneller eine Lösung, wenn man weiß, was man will, und eine positive Einstellung hat.

Der Bus schwenkte über auf den Haltestreifen und kam mit einem kurzen Quietschen zum Stehen. Die Insassen beäugten mich verwundert, als ich meinen prall gefüllten Rucksack hineinhievte.

Im nächst größeren Ort angekommen ging ich zu Fuß zu einer mäßig frequentierten Auffahrt der A1 in einem Gewerbegebiet, die ich mir über Google Maps ausgesucht hatte. Meinen rechten Arm seitlich ausgestreckt, den Daumen in die Höhe haltend und ein – wie ich fand – überzeugendes Lächeln im Gesicht, wartete ich nun auf ein Auto, das auf das Pappschild in meiner linken Hand reagieren würde. Mit schwarzem Edding geschrieben stand darauf: „A1 Richtung Bremen“. Darunter ein gemalter Smiley.

Die erste halbe Stunde verging und die Autos fuhren an mir vorbei, ohne dass mich deren Insassen beachteten. Ich wartete weiter. Immer noch nichts …

Geduld!

Nichts …

Mein Lächeln war mittlerweile etwas verkrampft, meine Arme wurden müde, und statt des Geruchs von Freiheit wehten mir Abgase ins Gesicht. Die Sonne, die am Morgen noch so freundlich gewirkt hatte, brannte in erbarmungsloser Mittagshitze auf mich herunter. Weit und breit kein Schatten. Eine leise Stimme in mir regte sich und kämpfte mehr und mehr um Beachtung: „Die Zeiten des Trampens sind vorbei, das macht heutzutage keiner mehr! Dich nimmt niemand mit. Noch heute Abend kehrst du um, bevor es überhaupt richtig losgegangen ist!“

„Warum probierst du es nicht etwas weiter unten beim Burger King?“ – die leise Stimme in meinem Kopf war von der realen eines Passanten unterbrochen worden.

„Ja … äh, danke“, stammelte ich und musste dann über mich selbst lachen. Ich war zu einer Weltreise aufgebrochen, und alles, was es brauchte, um erste Zweifel in mir zu säen, waren anderthalb Stunden Warten an einer Autobahnauffahrt!

Mit dem Lachen verflogen die negativen Gedanken, und frisch motiviert schulterte ich meinen Rucksack, um dem Rat des Fremden zu folgen.

Und tatsächlich, wenige Minuten später saß ich neben zwei Kindern im Grundschulalter auf der Rückbank eines dunkelblauen Opel Corsa. So rollten wir nun über den Asphalt, und hinter der Fensterscheibe verformte sich das grüne Gestrüpp zu verschwommenen Streifen.

1. Etappe: Europa, Atlantik, Karibische Inseln

Geldverzockt,pleite(r),aberweiter,mehrGlückalsVernunft–Leinenlos–perAnhalterüberdenAtlantik

1. Juli 2013 – März 2014

Bei Osnabrück sammelte mich ein schwedisches Paar ein. Auch wenn es für mich neu war, per Anhalter zu fahren, fühlte es sich nicht einmal seltsam an. Ganz im Gegenteil. Meist herrscht beim Trampen eine offene und herzliche Stimmung im Auto. Es nehmen einen schließlich nur Leute mit, die jemanden mitnehmen wollen. Aufgedrängt habe ich mich nie.

Und obwohl man die Menschen noch nie vorher getroffen hat und es wohl auch nicht mehr tun wird, liegt kein Gefühl der Fremdheit in den Gesprächen, wie man es vielleicht vermuten würde. Aus den anfänglichen Fragen wie: „Und woher kommst du?“ und: „Wo willst du hin?“ entwickeln sich oft – je nach Länge der Fahrt – sehr lustige, aber auch tiefgehende Gespräche.

Trampen war für mich eine Möglichkeit, Einblicke in das Leben anderer Menschen zu erhalten, die ich sonst aufgrund meines Alters, anderer Interessen oder meines doch beschränkten sozialen Umfelds wohl nie kennengelernt hätte. Und auf den Autobahnen trifft man wirklich alles: Ärzte, Bauarbeiter, Hausfrauen, Krokodilfarmbesitzer, ehemalige Gefängnisinsassen und sogar Mafiamitglieder. Fast, als schaltet man den Fernseher an und zappt wahllos durch alle Programme, lässt dabei eine Serie für 10 Minuten laufen und zappt dann wieder weiter. Ein kurzer Ausschnitt einer Geschichte, die man erfasst, aber man weiß nicht, was vorher war oder was hinterher passieren wird. Das Spannende daran ist: Man lernt ständig dazu. Über Berufe, Länder und Lebenseinstellungen.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten wir die Ausläufer Amsterdams. Mein erstes Ziel. Danach wollte ich über Paris nach Barcelona reisen.

„Heute Nacht muss gefeiert werden!“, beschlossen die beiden Schweden, mit denen ich mich angefreundet hatte, und ich. Unsere Sachen ließen wir in einem billigen Hotelzimmer, das sich die beiden genommen hatten, und gingen dann auf die Piste.

In den engen Straßen und an den Kanälen, die Amsterdams Zentrum ringförmig durchzogen, stießen wir auf eine große Menschengruppe. Auf die Frage, wo sie hinwollten, lud uns ein junger Mann im roten T-Shirt ein, uns ihnen anzuschließen. Auf seiner Brust stand in weißer Schrift: „Pubcrawl eine Nacht, an die du dich nicht erinnern, aber die du nie vergessen wirst!“ Wenig später drängten wir uns zusammen in eine dreckige, rot beleuchtete Kneipen-Disco. „Ein Paradies!“, kommentierte der Schwede, der auf einem Flyer an der Tür „1 Euro Bier-Special“ gelesen hatte …

Ich blinzelte. Sonnenstrahlen erfüllten das Auto. Mit der Hand strich ich mir über meinen immer noch leicht benebelten Kopf. Ob vom Schlaf, dem Gras oder den Getränken, war schwer zu sagen. Wahrscheinlich alles zusammen. Vor nur vier Stunden waren wir mit einem Taxi zum Hotel zurückgefahren und ich hatte im Auto der Schweden schlafen dürfen.

Mein Mund war trocken. Ich griff nach der Wasserflasche auf dem Armaturenbrett, nahm einige große Schlucke und öffnete die Tür. Der Wind wehte mir angenehm kühl entgegen. Während mein Blick über den Hotelparkplatz streifte, fuhr ich mit meinen Fingern in meine Hosentasche und holte das übrig gebliebene Geld, ein altes Kaugummi und einen kleinen, abgerissenen Zettel heraus. Diesen hatte mir einer der Typen mit den roten T-Shirts gegeben, als wir auf dem Bürgersteig vor der Bar gesessen und geplaudert hatten.

Ich steckte den Zettel wieder ein und fing an, mein Restgeld zu zählen. NEEIIIIIINN! Von den einstigen 50 Euro hatte ich ganze 35 Euro in meiner allerersten Nacht auf den Kopf gehauen! „Herzlichen Glückwunsch!“, gratulierte ich mir selbst sarkastisch zu dieser Vollpleite.

Eins war klar: Ich brauchte dringend einen Job und einen Platz zum Schlafen. Die beste (und einzige) Option war momentan die Karte des jungen Mannes, der uns zum Pubcrawl eingeladen hatte. Den würde ich als Ersten aufsuchen …

Ich spazierte durch den Vondelpark, dessen viele Grünflächen und entspannte Stimmung im Sommer vor allem Studenten und Künstler zum Müßiggang einladen. Auf einer Bank am Weg zupfte ein junger Mann mit langen blonden Haaren lässig die Seiten seiner Gitarre und sang dazu. Die Tasche des Instruments lag geöffnet vor ihm und lud zum Geldhineinwerfen ein. Hinter ihm passte eine dünne junge Frau auf ihre beiden großen Rucksäcke auf. Im Kontrast zu ihrem Freund hatte sie kurze Haare, und ihr linkes Nasenloch war gepierct.

„Wo kommt ihr her?“, sprach ich die beiden an.

Sie kamen aus Slowenien und reisten für einige Monate durch Europa, was sie mit Straßenmusik finanzierten. Wir plauderten etwas und waren uns auf Anhieb sympathisch. Ich fragte sie, ob sie eine Weile auf meine Sachen aufpassen könnten, solange ich mich auf Jobsuche machte. Mir schienen die beiden vertrauenswürdig zu sein. Sie willigten gern ein und sagten, sie wollten ohnehin noch bis spät abends an dieser günstigen Stelle bleiben.

Einige Stunden später kam ich beschwingten Schrittes zurück in den Park, da ich tatsächlich einen Job als Party-Tourguide ergattert hatte. Doch an der Stelle angekommen konnte ich nicht glauben, was ich sah. Oder vielmehr nicht sah. Es regnete. Vor mir stand die Parkbank im blass-gelben Schein der Straßenlampen. Genau hier hatte bei Sonnenuntergang noch mein Rucksack neben dem slowenischen Pärchen gelegen.

Und nun: Nichts!

Verzweifelt schaute ich mich um und suchte die Silhouetten der Büsche ab. Keine Menschenseele weit und breit.

„Nein, nein, NEIN!“ Mein Herz schlug schneller. Ich konnte es einfach nicht fassen! Nur die Regentropfen schienen mir verständnisvoll auf die Schultern zu klopfen. Was nun?! In dem Rucksack waren meine Dokumente gewesen. Mein restliches Geld. Meine Ausrüstung. Ich war gerade mal einen einzigen Tag von zu Hause weg, und schon hatte ich nicht nur mein komplettes Reisegeld auf den Kopf gehauen, sondern nun auch noch alles andere verloren! Warum war ich bloß so naiv gewesen, ihnen einfach zu vertrauen? Meine Menschenkenntnis war wohl doch nicht so gut, wie ich gehofft hatte …

„CHRIS!“

Aus dem Schatten der Baumgruppe lösten sich zwei Gestalten. Könnten das … ? Ich lief ihnen entgegen, und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen!

„Entschuldigung, wenn wir dich erschreckt haben. Aber es fing plötzlich an zu regnen, deshalb haben wir uns da drüben untergestellt“, erklärte mir der langhaarige Musiker.

Ich fiel ihm vor Erleichterung um den Hals, was er leicht überrascht erwiderte. Hatte mich mein Bauchgefühl also doch nicht getäuscht!

Den Juli verbrachte ich also als Party-Tour-Guide in Amsterdam. Dann wurde es Zeit, weiterzuziehen, und so machte ich mich an einem Montagmittag mit meinem Pappschild auf den Weg nach Paris. Die Fahrt dauerte länger, als ich geplant hatte. Aber was man manchmal so schnell als negativ abstempelt, nur weil es anders läuft, als man es sich vorstellt, entpuppt sich später oft als etwas Einmaliges.

So auch hier: Ich hatte dadurch das Privilieg um 4:00 Uhr morgens in dem einzigen Auto weit und breit um den Arc de Triomphe des schlafenden Paris zu kreisen. Da der Moment so unglaublich war, drehte der Fahrer extra für mich ein paar Ehrenrunden.

Trotz der frühen Stunde hatte mir ein überaus gastfreundlicher Couchsurfer, den ich in Amsterdam schon kontaktiert hatte, noch die Türen zu seinem bescheidenen Apartment mit Blick auf den Eiffelturm und den Montmartre geöffnet. Die Mitglieder dieses Gastfreundschafts-Netzwerks nutzen die Website www.couchsurfing.com, um eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit auf Reisen zu finden oder selbst eine Unterkunft anzubieten. Es ist auch so gedacht, dass man nicht nur ein Sofa zur Verfügung stellt, sondern zum Beispiel den Reisenden auch seine Stadt zeigt. Das Netzwerk hat inzwischen über 10 Millionen Mitglieder. Grundsätzlich finde ich das eine tolle Sache, aber rückblickend habe ich es über die gesamte Reise hinweg weniger als zehnmal genutzt. Es erwies sich als für meinen Reisestil einfach nicht spontan genug. Zudem muss man regelmäßig Zugriff aufs Internet haben, was mir ebensowenig möglich war. Wenn man etwas „kalkulierter“ reist, ist es aber unbedingt empfehlenswert!

Um in einer der teuersten Städte Europas nicht wieder völlig über meine Verhältnisse zu leben, erlegte ich mir eine Ausgabe-Obergrenze von 5 Euro pro Tag auf. Zwei für Essen und drei für andere Dinge. Das war hart, aber gerade so machbar. In anderen Ländern, in denen die Lebenshaltungskosten niedriger sind, musste ich später meist nur einen Euro am Tag aufwenden, oft auch weniger. In einer kompletten Woche in Paris gab ich insgesamt nur sage und schreibe 33 Euro aus und sah dennoch alle großen Attraktionen. Dann ging es weiter Richtung Spanien.

August 2013

Bei angenehmen 28 Grad lief ich schnellen Schrittes durch Barcelona, weil ich gehört hatte, dass irgendwo hier in der Gegend eine Stadtteilparty stattfinden sollte, und ich hoffte, dass sich dort eine Unterkunft für mich auftun könnte. Mit dem schweren Rucksack war das alles andere als ein Spaziergang.

„Dónde Saints? Fiesta?“, fragte ich mit meinen zu dieser Zeit noch äußerst rudimentären Spanischkenntnissen die einzige Person, die mir begegnete: eine kleine Frau mittleren Alters mit mediterranem Teint, schwarzen Haaren und einem sympathischen Gesicht. Sie lachte, sagte etwas auf Spanisch oder Katalanisch – jedenfalls verstand ich es nicht – und dann in einem Englisch, das nicht viel besser als mein Spanisch zu sein schien: „Follow me.“

Die Geduld und das Interesse, die sie mir entgegenbrachte, machten es uns irgendwie möglich, uns auszutauschen. Wie sich zeigte, kam sie aus Kolumbien – lebte aber schon seit vielen Jahren in Barcelona und unterrichtete Kinder im Vorschulalter. Ich „erzählte“ ihr bruchstückhaft von meiner Reise.

„Donde duermes?“, fragte sie und lehnte ihren Kopf an ihre zusammengelegten Hände, um ein Kissen zu simulieren. Ich deutete auf meine Isomatte am Rucksack und zuckte die Achseln. Sie lachte und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf mich „Tu. Dormir“, nun zeigte sie auf sich selbst: „Mi casa.“ Das verstand ich und bedankte mich lachend und laut „Gracias! Gracias!“ rufend.

Die alleinerziehende Kolumbianerin hatte zwei Söhne in meinem Alter, die mir in den kommenden Tagen die Stadt zeigten – wenn ich nicht gerade Spanisch lernte. Die Erfahrung, mich nicht richtig verständigen zu können, hatte mich dazu angespornt, meine Sprachkenntnisse möglichst rasch zu verbessern. Die Kolumbianerin, die gerade zwei Wochen Urlaub hatte, schien großen Spaß daran zu haben, mit mir zu üben. Nebenbei polierten wir zusammen auch ihr Englisch etwas auf.

Obwohl es ihr scheinbar gut gefallen hätte, mich zu adoptieren, verabschiedete ich mich nach einer Woche wieder, um weiterzuziehen. Ich bin mit Pferden aufgewachsen und wollte mir einen Kindheitstraum erfüllen: auf einer Pferderanch in Spanien zu arbeiten. Auf so einem Hof im Osten von Murcia an der Costa Blanca hatte mein Vater vor Jahren mal einen Andalusierhengst gekauft. Und dieser Ort war nun mein nächster Anlaufpunkt.

Per Anhalter aus Barcelona herauszukommen war jedoch sehr schwierig. Das liegt an dem in Spanien verbreiteten Vorurteil, dass nur Bettler und Kriminelle so etwas machen. Deshalb wird man häufiger von Urlaubern mitgenommen als von Einheimischen.

Der Besitzer der Ranch erinnerte sich sowohl noch an den Hengst als auch an meinen Vater. Und schon war ich eingestellt.

Unter der Anhöhe, auf der El Refugio lag, befand sich das Naturschutzgebiet der blauen Salzlagunen von La Mata und Torrevieja mit einer ausgedehnten Dünenlandschaft, und dahinter lag das Meer mit einem kilometerlangen einsamen Strand. Weiter im Inland gelangte man bald zu trockenen Kiefernwäldern und Orangenplantagen.

Neben Pferde versorgen, Ausmisten, Gärtnern, Schweine schlachten und Reparaturarbeiten gehörten zu meinen Aufgaben auf der Ranch auch geführte Ausritte mit Touristen, die ich immer sehr genoss. Auch einige Spanien-Auswanderer, die in der Nähe lebten, kamen regelmäßig zum Reiten auf die Ranch. Einer von ihnen war ein ehemaliger Architekt aus Deutschland. Er war schon 83 und hatte ein eigenes Pferd auf der Ranch stehen.

„Dass deine Eltern dich in deinem Alter ganz allein so eine Reise machen lassen …“, sagte der Deutsche, als ich ihm auf einem Ausritt von meinen Weltreiseplänen erzählte. Er hielt seinen Fuchswallach etwas zurück, um mit mir auf gleicher Höhe zu bleiben. Sowohl der Mann als auch das Pferd waren noch äußerst fit für ihr Alter, wie man bei diesem Ausritt wieder mal merkte.

„Na ja, zuerst waren sie dagegen. Und sie haben vermutlich auch gehofft, das sei nur so eine fixe Idee von mir, die ich bald wieder vergesse“, lachte ich. „Aber als ich mich dann mit meiner Ausrüstung und den Impfungen immer intensiver vorzubereiten begann, da dämmerte ihnen langsam: Der Junge meint es ernst.“

„Und dann? Haben sie es dir auszureden versucht?“

„Sie haben sich mit mir hingesetzt und mir ins Gewissen geredet: Ist dir klar, dass du sterben könntest? Aber darauf habe ich gesagt, dass mir das bewusst ist und dass ich es trotzdem machen werde. Weil ich lieber bei etwas sterbe, was ich liebe, als in fünfzehn Jahren in irgendeinem Büro zu sitzen und mir zu sagen: Hätte ich doch …“

Er nickte. „Genau so ging es mir, deshalb bin ich hergekommen. Und was hast du jetzt vor?“

„Die ganze Welt erobern“, zwinkerte ich ihm zu.

Der Deutsche schüttelte den Kopf. „Nur Narren wollen die Welt erobern. Ein Weiser sich selbst.“

Ich musste grinsen. Meine scherzhaft gemeinte Anspielung hatte er anscheinend nicht verstanden. Aber an seinem Spruch war dennoch viel dran. Stumm wiederholte ich ihn noch einmal und merkte ihn mir.

„Und wie machst du das mit den Flügen?“, fragte er.

„Ich habe nicht vor, ein Flugzeug zu nutzen. Wenn man größere Strecken fliegt, verliert man doch völlig das Gefühl für die Entfernung. Man steigt an Punkt X in den Flieger und ein paar Stunden später an Punkt Y wieder aus und hat die eigentliche Reise gar nicht mitbekommen. Ich dachte eher daran, auf einer Segeljacht zu helfen und so über die Meere zu kommen.“

Er hob seine Augenbrauen. „Kannst du denn segeln?“

Ich gestand ihm, dass ich nahezu keine Ahnung hätte. Er grinste. „Na, da hast du Glück! Ich war mal Segellehrer. Daran sollte es also nicht scheitern.“

„Und was meinst du, wie meine Chancen stehen, mitgenommen zu werden?“

„Wenn du dich gut vorbereitest – nicht schlecht, würde ich meinen. Ein guter Skipper wertet die Einstellung ähnlich hoch wie die Erfahrung. Und in der Saison zur Atlantiküberquerung, die Ende November beginnen und bis Februar andauernd wird, gibt es immer einige Segler, die andere Hand-gegen-Koje mitnehmen. Also kostenlos, wenn man mit anpackt. An deiner Stelle würde ich es in Gibraltar versuchen. Von da aus starten viele über den großen Teich.“

Ich habe diesem Mann wirklich viel zu verdanken. Dass ich ihn genau jetzt getroffen hatte, wo die Saison vor der Tür stand, fühlte sich sehr nach einer Art Vorsehung an.

In den kommenden Tagen brachte er mir zunächst ein Segel-Schulbuch mit, dann ein Segelmesser und Seglerkleidung. „Was soll ein alter Mann wie ich denn noch mit all diesen Dingen? Ich freue mich, wenn sie dir von Nutzen sind!“ Das waren sie. Und zwar sehr entscheidend für die gesamte Reise.

November 2013

Drei Tage vor meinem 20. Geburtstag, in der ersten Novemberwoche, verließ ich El Refugio wieder und machte mich auf den Weg nach Süden.

Durch die große Frontscheibe des Lieferwagens, der mich mitgenommen hatte, blickte ich schließlich auf einen gigantischen Felsen, der sich aus dem Blau des Horizontes schälte: Gibraltar! Das Tor zum Atlantik! Jedenfalls hoffte ich, dass sich dieses Tor für mich öffnen würde …

Zur Mittagszeit schritt ich zu Fuß über die Grenze, wo ich zu meiner Überraschung auf den Start eines Flugzeugs warten musste. Gleich hinter der Grenze mit der spanischen Seite „La Línea“ hatten die Engländer einen Flugplatz errichtet, den man als Pendler jedes Mal passieren musste. Mit den auf dem Felsen lebenden Affen, der typisch britischen Architektur und einer interessanten Geschichte ist Gibraltar sicher ein tolles Ziel für einen Wochenendausflug.

„Häng deinen Zettel hier ans Brett zu den anderen. Falls du Platz findest“, sagte der Zuständige im Hafenbüro.

Ich drehte mich um – und musste erstmal schlucken: Das Brett quoll bereits über vor Zetteln von Leuten, die wie ich auf Bootssuche über den Atlantik waren. Nicht wenige der Bewerber hatten bereits Erfahrung und einige sogar schriftliche Qualifikationen. Niedergeschmettert verließ ich das Büro wieder. Bei dieser starken Konkurrenz standen meine Chancen, einen Platz zu ergattern, denkbar schlecht! Im Grunde sogar unmöglich, wenn ich noch dieses Jahr über den Atlantik wollte.

Als ich dann die Kais ablief und mit so vielen Leuten wie möglich Kontakte aufbaute, wurde ich wieder zuversichtlicher. Die Verfasser der Inserate im Hafenbüro schienen sich allein auf ihre Zettel zu verlassen. Ich aber konnte einen persönlichen Eindruck hinterlassen. Wenngleich ich mir diese Hoffnung mit zwei Polen, einer jungen Engländerin und einem Australier teilen musste.

Meinen Geburtstag verbrachte ich bei Sonnenschein, Möwenkreischen und etwas Whisky im Cockpit eines kleinen französischen Segelbootes, das im Hafen lag. Die Besatzung deckte mit Straßenmusik ihre Kosten und hatte vor, im Mittelmeerraum zu bleiben. Am Abend war ich mit einem Tschechen zusammen „containern“ gewesen. Das heißt, man holt Weggeworfenes, aber noch Brauchbares wieder aus der Mülltonne. Der Tscheche lebte seit über vier Jahren ausschließlich von weggeworfenem Essen. Nicht ein einziges Mal hatte er damit gesundheitliche Probleme gehabt. In Paris hatte er mal in einer Mülltonne einen brandneuen Armani-Anzug gefunden. Und Freunde von ihm sammelten bei einem US-amerikanischen Militärstützpunkt sogar Laptops, Tablets und Smartphones aus dem Abfall. Die Geräte wurden nur wegen der nicht zur Steckdose passenden Stecker entsorgt – waren ansonsten aber frei von Defekten. Es ist unglaublich, was alles weggeworfen wird! Allein in Deutschland landen rund 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr im Müll. Das sind 250 kg pro Person!

An diesem Abend zelebrierten wir meinen Geburtstag mit einem ganz besonderen Fund unserer Schatzsuche: einer ehemals tiefgekühlten Pizza, die wir in einem Müllcontainer gefunden hatten und in der Mikrowelle aufwärmten. Bei unserer Rückkehr gratulierte ich übers Handy auch noch kurz meinem Zwillingsbruder.

November 2013

Zu meinem Glück geschah drei Tage später dann eine Überraschung: Ein Italiener mit seiner thailändischen Frau hatte vor, mit seinem selbstgebauten, aber sehr schönen Kutter über den Atlantik zu segeln. Die zwei Freunde, die ihn begleiten wollten, tauchten allerdings nie auf. Was für ihn ein Problem war, wurde meine Rettung. Er war durch einige Gespräche in den Tagen zuvor auf mich aufmerksam geworden, und nach einem Probesegeln vor dem Hafen bot er kurzerhand an, mich auf die Kanarischen Inseln mitzunehmen. Und wenn alles gut lief, auch mit in die Karibik.

Ich wäre fast geplatzt vor Freude! Mein neuer Kapitän hatte wohl nie auf die Inserate am schwarzen Brett geschaut. Obwohl, vielleicht hatte er das sogar, aber er konnte kaum ein Wort Englisch. Und somit konnte er auch die unzähligen Angebote der erfahrenen Skipper nicht lesen.

Ich konnte mein Glück wieder einmal kaum fassen. Weniger als eine Woche später legte ich bereits (als Erster von den Bootssuchenden) zusammen mit dem 58-jährigen Italiener und seiner Frau an Bord ihrer 13 Meter langen und vier Meter breiten Segeljacht ab. Sie wollten erst in die Karibik und vielleicht später sogar bis nach Thailand segeln. Die thailändische Ehefrau wurde allerdings leicht seekrank, was ein weiterer Grund für sie war, mindestens eine weitere Person aus Sicherheitsgründen zum Helfen mit an Bord haben zu wollen.

Es war schon später Nachmittag, als wir in die Straße von Gibraltar hinausfuhren. Ich war glücklich und aufgeregt – endlich hatte ich zur ersten richtig großen Etappe meiner Reise angesetzt. Inzwischen war ich seit 4 Monaten unterwegs, aber die Atlantik-Überquerung war gefühlt der bisher wichtigste Schritt „in die Welt hinaus“. Vor mir lag der unbeschreibliche Anblick von Freiheit. Ein Gefühl, das man nicht in Worte fassen konnte. Im Westen war lediglich der Horizont zu sehen und die endlosen Weiten des tiefblauen Meeres. Zudem war dies der allererste Tag meines Lebens, den ich auf See verbrachte. Und gleich würde ich meinen ersten Sonnenuntergang an Bord erleben!

„Wenn die Sonne gerade im Begriff ist, hinter dem Wasser zu verschwinden, behalte sie genau im Auge!“, riet mir der Italiener mit einem geheimnisvollen Unterton und schaute mich vielsagend an. „Nur ein einziges Mal im Leben eines Seemannes geschieht es, dass er genau in diesem Moment dort einen grünen Lichtblitz sieht. Das ist ein ganz besonderer Moment, denn an diesem Ort versammeln sich die Seelen der Ertrunkenen.“

Ich war ganz ergriffen. Ob ich so einen Moment in meinem kleinen Seemannsleben wohl jemals erleben werde? Zusammen verfolgten wir den Niedergang der Sonne – und tatsächlich: Die allerletzten Strahlen färbten sich plötzlich grün.

„War das das Licht, von dem du gesprochen hast?“, fragte ich, aber ich bekam keine Antwort.

Meinem Kapitän war die Kinnlade heruntergefallen.

Trotz des guten Wetters warfen die Wellen die Jacht von einer auf die andere Seite. Regelmäßig überspülte Meerwasser das Deck und floss über meine Füße. Den Wind von achtern, machten wir nur mit der Genua (ein großes Vorsegel) zwischen sechs und sieben Knoten und alle waren glücklich, endlich unterwegs zu sein … Gott sei Dank spürte ich nicht den Hauch von Seekrankheit. Aber das ging leider nicht jedem so: Die Ehefrau des Kapitäns lag mit geschlossenen Augen in der Mitte des Bootes auf dem Sofa, wo die Bewegungen am wenigsten stark zu spüren sind, und erbrach sich alle paar Minuten in einen Suppentopf.

Der Italiener trug fast ununterbrochen einen grauen Jogging-Anzug mit einer blauen Wollmütze. Man merkte deutlich, dass er lange Jahre eine Elektro-Mechanik-Firma geleitet hatte – ganz unitalienisch schätzte er deutsche Exaktheit und Pünktlichkeit und schimpfte immer auf die Schludrigkeit der Italiener. Außerdem hatte er als Chef natürlich immer Recht und konnte schnell sehr aufbrausend werden, obwohl er eigentlich ein lustiger und freundlicher Zeitgenosse war.

Seine rundliche Ehefrau hatte weit mehr Einfluss auf den Kapitän, als dieser zugegeben hätte. Sie lachte viel, sprach immer von sich in der dritten Person, und mit ihren lustigen Grammatikfehlern amüsierte sie mich jeden Tag aufs Neue. Oft wirkte sie fast kindlich. Dann wieder überraschte sie in wichtigen Momenten mit ausgeprägter Menschenkenntnis und einem Feingefühl, das man ihr gar nicht zugetraut hätte. Zu ihrem Leidwesen fiel sie, wenn sie nicht gerade an Seekrankheit litt, immer wieder Heißhunger-Attacken zum Opfer, was ihre Pausbäckchen erklärte. Ich war fast ein wenig neidisch, da ich aufgrund der Rationierung unserer Lebensmittel häufig hungrig war.

Zwar sprachen die beiden kein Englisch, aber Italienisch und Spanisch ähneln sich genug, dass wir uns grob verständigen konnten. Ich sprach also Spanisch und sie Italienisch, bis ich nach und nach ihr Italienisch adaptierte. Da ich mich mehr mit der thailändischen Ehefrau unterhielt, hatte es einen asiatischen Einschlag, was urkomisch geklungen haben muss. Im Nachhinein erklärte das wohl einige zunächst befremdete Blicke von den italienischen Seglern.

Nach fünf Tagen und Nächten erreichten wir die Kanarischen Inseln. Die Überfahrt war brutal gewesen. Wir hatten ohne Autopilot die gesamte Zeit über gegen den Wind und die Wellen ansteuern müssen. Das bedeutete theoretisch 12 Stunden für den Italiener und 12 für mich. Aber da er fürs Segeltrimmen, Navigieren und das Radio verantwortlich war – zudem älter und weniger fit –, verbrachte ich faktisch 15 Stunden täglich hinterm Steuer. Hinzu kam, dass der Wechsel alle zwei Stunden erfolgte. Kaum genug, um erholsamen Schlaf zu kriegen. Es gab bei all dem Schaukeln keine Orientierung, außer der winzigen roten LED des Kompasses. Die Wahrnehmung dessen, was Realität und was Traum war, verschwamm, und es erforderte viel Willenskraft, die brennenden Augen nicht von der kleinen, wegweisenden Nadel abschweifen zu lassen.

Dafür wurde ich aber auch reichlich entschädigt: Mehrmals erlebte ich nächtliches Meeresleuchten – im Wasser befinden sich Kleinstlebewesen, die bei bestimmten Bedingungen strahlende Lichtsignale aussenden. Im Dunkeln sah das aus wie ein vom Boot wegfliegender neonblauer Unterwasser-Funkenregen. Immer wieder begegneten uns auch Delfine, spielten übermütig in den Wellen und begleiteten uns oft neugierig ein ganzes Stück. Und die im Schein der Morgen- und Abenddämmerung magisch in Szene gesetzte See war jeden Tag ein Fest für die Augen.

Auf Gran Canaria machten wir zum letzten Mal halt, bevor wir derselben Route über den Atlantik folgen wollten, die Christoph Kolumbus 500 Jahre vor uns genommen hatte. Neben jeder Menge Proviant nahmen wir außerdem noch ein neues Crewmitglied an Bord, einen jungen Italiener. An Angeboten mangelte es auch hier nicht: Gut 50 junge Menschen suchten nach einem freien Platz auf einer Jacht, um den Atlantik zu überqueren. Ich war froh, meinen bereits gefunden zu haben.

Dezember 2013/ Januar 2014

Am 24. Dezember pausierten wir für einige Tage auf den Kapverdischen Inseln westlich des Senegals. Es war das erste Weihnachten, das ich fern der Heimat und ohne meine Familie verbringen würde. Schluck! Einerseits vermisste ich alle sehr und hatte schon ein wenig daran zu knabbern. Andererseits war es so warm, dass ich das erste Mal in meinem Leben einen Heiligabend in Badehose verbrachte. Jippieh!!!, dachte ich, als ich vom Boot aus ins türkisblaue Wasser sprang und dabei an das verregnete Norddeutschland dachte, in dem meine Familienmitglieder jetzt vermutlich in Gummistiefeln und Daunenjacken fröstelnd von der Christvesper nach Hause gingen.

Der darauffolgende Teil der Überfahrt verlief – abgesehen vom Verlust unseres Notruders, einer gerissenen Leine und einigen zwischenmenschlichen Spannungen – ohne größere Komplikationen. Auf so engem Raum bleibt eben nichts verborgen, und noch viel weniger kann man sich aus dem Weg gehen. Auch veränderte sich unsere Wahrnehmung der Zeit. Der Tag schrumpfte von 24 Stunden auf drei – die Zeitspanne, bis der nächste Schichtwechsel erfolgte –, und gleichzeitig verloren Wochentage komplett ihren Sinn. War es Montag? Oder Mittwoch oder Donnerstag? Keine Ahnung.

Tausend Kilometer von jeglichem Festland entfernt über eine Tiefe von 6.000 Metern gleitend kam eines Nachts ein völlig erschöpfter Vogel ins Cockpit geflogen. Er ruhte sich etwa zwei Stunden aus, trank etwas von dem Wasser, das ich ihm gab, und schwang sich dann wieder in die Lüfte. Beinahe in der Mitte des Atlantiks hatte ich so eine Begegnung nicht erwartet. Fliegende Fische hingegen gab es zuhauf, und vor allem bei Nacht landeten immer mal wieder einige Exemplare auf dem Deck. Seltener sogar springende Kopffüßler.

Zweieinhalb Wochen vom letzten Landgang entfernt deutete sich im morgendlichen Blassblau des Horizonts – durch einige Schildkröten am Vortag bereits angekündigt – endlich der Umriss einer Insel an. Und kurz darauf setzten wir unsere Füße wieder auf festen Grund. Genauer gesagt auf das karibische Eiland Grenada.

Statt von langen Stränden, mit denen ich gerechnet hätte, war die Küste überwiegend von Felsen umgeben und erhob sich zu bewachsenen Bergen voller tropischer Vegetation. Die Bewohner von Grenada sind dunkelhäutig, sprechen Englisch mit karibischem Slang und begrüßen sich mit einem lustigen Ritual namens „Pong“: Zuerst werden die Fäuste aneinander geführt. Es folgt ein zweimaliges Schlagen auf die Brust kombiniert mit einer Parole wie „Respect“, „Jo“ oder „Love“. 60 Prozent der Bevölkerung scheinen regelmäßig zu kiffen, weitere 20 Prozent gelegentlich. Den grünen Muntermacher beziehen sie vorwiegend von der Insel St. Vincent und handeln ihn für umgerechnet gerade einmal einen Euro pro Gramm. Etwa zehnmal günstiger als in Amsterdam.

Meine Gastgeber wollten nach Martinique segeln, von dort nach Hause fliegen und das Boot für teures Geld zurücktransportieren lassen. Die Ehefrau war einfach zu seekrank, als dass sie auch noch den Pazifik geschafft hätte. Um den teuren Transport zu sparen, bot mir der Italiener 2.000 Euro, wenn ich mit ihm zurück nach Italien segeln würde. Doch ich lehnte ab. Geld lockte mich wenig – Südamerika hingegen sehr.

In den anderthalb Monaten auf Grenada sittete ich unter anderem die vor Anker liegende Jacht eines Iren. Das heißt, er war für einen Monat weg, und ich lebte solange gratis auf dem Boot, hielt es in Schuss und passte darauf auf. Verantwortungsbewusst, wie ich teilweise noch war, beinhaltete dies unter anderem, Bob Marley-Musik bis zum Anschlag aufzudrehen und „Don’t rob my boat“ zu singen.

„Alles Gras, das du im Boot findest, gehört dir“, hatte der Ire gesagt. Nun, ich fand so einiges …

Ich übte mich im Speerfischen und verbrachte viel Zeit mit den Einwohnern der Insel, schaute mich aber auch immer mal wieder nach einem Boot in Richtung Südamerika um. Unter anderem wegen der vielen Piraterievorfälle im Norden Venezuelas und weil es noch nicht ganz Saison war, segelten von Grenada aus nur wenige in diese Richtung.

Aber schließlich traf ich auf eine Familie aus der Schweiz mit zwei Kindern, die nach einer Hilfe suchte. Zusammen fuhren wir zunächst zu der wunderschönen einsamen Insel Blanquilla, die uns mit bunten Riffen, klarem Wasser, blendend weißen Stränden und Unmengen von Pelikanen begrüßte.

März 2014

Waren die ersten Tage noch paradiesisch, schienen die beiden Schweizer bald irgendwie unzufrieden mit mir zu sein. Da ich die negativen Schwingungen wahrnahm, legte ich mich noch mehr ins Zeug. Aber je mehr ich tat, desto unzufriedener schienen sie.

Auf Los Roques angekommen sprachen sie dann endlich Klartext: Auf der einen Seite konnten sie sich nicht wie im Urlaub fühlen, wenn ich ständig arbeitete. Auf der anderen Seite aber würde ich noch lange nicht genug arbeiten für das, was ich von ihnen bekam, nämlich eine Fahrt durchs Paradies. Den Sachwert für die Arbeiten, die ich bisher an der Holzverkleidung des Bootes gemacht hatte, empfanden sie als ebenso gering wie meine Hilfe beim Segeln, das ständige Babysitten und die Haushaltsarbeiten, die ich übernahm. Ich hielt mich an jede unserer Abmachungen und arbeitete sogar darüber hinaus. Dabei konnte ich sie in unseren 10 gemeinsamen Tagen nicht mehr als 100 Euro gekostet haben.

Trotz all meiner Vermittlungsversuche gab es für dieses Problem keine Lösung, sodass sich schließlich unsere Wege wieder trennten. Eine Aussage des Paares beschäftigte mich sehr: „Mit deiner Art zu Reisen kannst du nur Probleme hervorrufen. Ohne Geld musst du doch immer mehr bekommen, als du geben kannst“, kritisierten sie mich.

Der Frage musste ich mich schon stellen: War ich ein Schmarotzer? Lebte und reiste ich auf Kosten anderer?

Das wollte ich auf gar keinen Fall! Nicht zuletzt deshalb habe ich auf meiner Reise keine Arbeit gescheut und oft umsonst oder für sehr wenig Geld eine Gegenleistung erbracht – und ebenso wenig jemals um etwas gebettelt. Genau genommen waren die einzigen beiden Dinge, nach denen ich ohne Gegenleistung fragte, Mitfahrgelegenheiten und Wasser.

Ich empfing dennoch ständig Dinge von Leuten, die mir auf dem Weg begegneten. Oft lehnte ich solche Angebote erst einmal ab, bis mich die Leute höflich drängten. Aber obwohl die Geber mir freiwillig halfen und dabei glücklich wirkten, haben sie nicht dennoch meine Kosten getragen? Beispielsweise die kolumbianische Familie in Barcelona? Habe ich da nicht viel mehr bekommen, als ich geben konnte?

Rein materiell betrachtet würde das wohl stimmen. Aber es geht ja bei solchen Dingen nicht um ein korrektes Preis-Leistungsverhältnis wie bei einem Handel. Ich bin mir sicher, dass die Leute, die mir unterwegs halfen, nicht das Gefühl hatten, dabei zu verlieren. Gerade Menschen, die vielleicht nur selten aus ihrem Heimatdorf wegkamen und nicht viel erlebten, empfanden die Begegnung mit mir als große Bereicherung. Der kulturelle Austausch, die Freude, die es macht, einen Gast zu bewirten, die Geschichten, die ich zu erzählen hatte, und nicht zuletzt die gewonnene Freundschaft waren es ihnen einfach wert.

Gerade in den sehr armen Ländern habe ich auch umgekehrt so oft wie möglich Leuten etwas zu essen spendiert oder Kleidung verschenkt, die ich entbehren konnte. Hier und da konnte ich mich auch bei manchen direkt revanchieren – beispielsweise durfte ich der Tochter einer meiner Gastfamilien aus Peru dabei helfen, ihr Medizinstudium in Deutschland aufzunehmen.

Viele Leute, denen ich auf der Reise begegnet bin, sind wirklich gute Freunde geworden, mit denen ich auch heute noch in Kontakt stehe, und einige von ihnen kommen sogar zu meiner Hochzeit – für mich die unbezahlbarste Form von Gewinn!

März 2014

Die Sonne stand hoch am Himmel. Am Strand lagen bunte Holzboote und ein Fischer flickte neben einem Radio sitzend sein Netz. Wirklich, es war paradiesisch! Perle der Karibik lautet der treffende Beiname der Inselgruppe Las Roques. Ich atmete tief ein, grub meine Füße in den heißen Sand und seufzte. In meinem Inneren kämpfte ich noch immer mit den unschönen Erinnerungen der letzten Tage und versuchte mich mit den positiven Umständen aufzumuntern.

„Busco una barca a Venezuela“, vermengte ich mein Italienisch und Spanisch zu einer Frage. Nachdem ich nun so lange nur Italienisch gesprochen hatte, schien all mein Spanisch davon überschrieben worden zu sein.

„La Posada“, sagte der Fischer und deutete über seine Schulter. Ich bedankte mich und folgte der angezeigten Richtung. Sie führte mich an einen breiten, weichen Sandweg, der hier als Straße galt. Autos gab es praktisch keine, denn dafür war die Insel zu klein. Auf dem Schild eines einladend wirkenden Hauses las ich Posada und darunter ein weiteres, silbernes Täfelchen mit der Aufschrift Tripadvisor Winner 2013. Posada bedeutete also anscheinend Gasthaus.

„Hola?“, rief ich durch die offene Tür, und sogleich erschien eine freundlich aussehende Frau in den 50-ern. Ich fragte nach dem Kapitän, woraufhin sie lachte.

„Hier ist kein Kapitän. Aber wann immer jemand Hilfe braucht, schicken die Leute ihn zu mir. Bist du Deutscher oder Italiener?“

Sie ist gut! Ich erzählte ihr von meiner Reise, und keine Viertelstunde später hatte mir die Gastwirtin bereits einen Gratis-Platz auf einem Frachter organisiert, mir ein Zimmer zugewiesen und für mich etwas zu essen zubereiten lassen. Der Kontrast hätte kaum enormer sein können: Eine halbe Stunde zuvor hatte ich mich noch von der Schweizer Familie total abgewiesen gefühlt, und nun wurde ich so liebevoll umsorgt.

In einem Kochbuch, in dem neben Gerichten aus allen Ecken Venezuelas auch Fotos von Land und Leuten abgebildet waren, entdeckte ich ein Bild, das mich elektrisierte: „Da würde ich gerne hin!“ Das Foto zeigte ein auf Stelzen im Wasser gebautes Holzhaus ohne Wände und einige kleine Leute mit schwarzen, glatten Haaren.

„Das sind die Warao, ein Naturvolk“, erklärte meine Wirtin. „Sie leben im Osten Venezuelas im gigantischen Flussdelta des Orinoco. Nach dem Amazonas der zweitgrößte Fluss Südamerikas.“ Das lag also mitten im Urwald, weit entfernt von jeglicher Zivilisation und Infrastruktur.

Eine Weile bei einem wirklichen Ureinwohnerstamm im Dschungel zu leben reizte mich ungemein. In Europa sind wir ja die „Ureinwohner“ – aber von Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit ist bei uns im Allgemeinen nicht mehr viel zu spüren. Ich war daher sehr neugierig darauf, eine Lebensweise kennenzulernen, die noch auf alle Errungenschaften der Industrialisierung verzichten kann. Außerdem wirkte die Aussicht darauf, die Flora und Fauna des echten Amazonas-Regenwalds hautnah zu erleben, für einen Entdecker-Geist, der sonst nur die norddeutschen Wälder kennt, wie ein Magnet! Bei den Warao kam für mich einfach alles zusammen: Das Abenteuer der natürlichen Lebensweise eines Naturvolks mitten im Regenwald und am und im Wasser, das für mich immer schon ein sehr anziehendes Element war. Jackpot!

Ich bekam eine Menge Tipps, wie ich nach Caracas gelangen konnte, der Hauptstadt Venezuelas, und von dort weiter nach Ciudad Bolívar, das näher am Delta des Orinoco lag. Eine sichere Zone, im Gegensatz zu einigen anderen Teilen des Landes, die aufgrund politischer Unruhen besser gemieden werden sollten. Denn nun hatte ich ein neues Ziel: Die Warao!

2. Etappe: Südamerika

DschungellebenunterUreinwohnern,Drogen–Mörder–Sex,Goldrausch,RettunginletzterSekundeundderpeinlichsteMomentmeinesLebens

März 2014 – April 2015

Ich trampte an Bord eines Lebensmitteldampfers nach Caracas und kam dort mitten in der Nacht an. Dennoch herrschte an der U-Bahnstation Gato Negro reges Leben. Händler verkauften auf ausgebreiteten Decken ihre Waren oder Essen aus Töpfen und vom Grill. Die Leute waren gut und sauber gekleidet, aber abseits von Bus und Metro sah Caracas ziemlich ramponiert aus. Vielerorts lagen Schutt und Gesteinsbrocken am Straßenrand, und nicht wenige der Gebäude sahen verfallen aus. Hochhäuser gab es nur vereinzelt, und Touristen habe ich keinen einzigen gesehen. Vor diversen Geschäften sah ich lange Schlangen – offenbar erlebte ich die „sozialistische Wartegemeinschaft“ gleich im ersten so geprägten Land, das ich bereiste, live und in Farbe.

Die Infrastruktur war jedoch komplett intakt und sogar modern und komfortabel. „Made in France 2006“, las ich im Inneren eines Bahnwaggons. Daneben hing Propaganda der sozialistischen Partei des Präsidenten Nicolás Maduro. Dieser hatte noch ein Jahr zuvor selbst als Busfahrer gearbeitet und war nach dem Ableben des vorangegangen Präsidenten Hugo Chávez plötzlich in das Amt des Staatsführers erhoben worden. Ohne jegliche Erfahrung oder Qualifikationen. Ein Mann aus dem Volk!

Ich entschied mich diesmal für den Bus. Zum einen, weil mir aus Sicherheitsgründen stark vom Trampen abgeraten worden war. Zum anderen, weil die rund 600 Kilometer von La Guaira nach Cuidad Bolívar mich insgesamt gerade mal 4 Euro gekostet hatten. Metro, Bus, Nachtbus und ein Taxi mit einberechnet. Und für 4 Euro mein Leben zu riskieren, das konnte ich meinen Eltern wirklich nicht antun.

Das Busfahren war unter anderem deshalb günstig, weil Benzin in Venezuela fast nichts kostet. Das meine ich wortwörtlich – umgerechnet bekommt man für einen Euro rund 44.000 Liter! Die Inflationsrate dort ist allerdings ebenso schwindelerregend: Aktuell liegt der Gegenwert für einen US-Dollar bei 136.000 Bolivares – als ich dort war, waren es noch 70 Bolivares!

Weil Benzin so günstig ist, geht man entsprechend verschwenderisch damit um. Ich hatte unterwegs zugesehen, wie Boote im Hafen betankt wurden. Man hielt es nicht für nötig, den Hahn des langen Schlauches zuzudrehen, sondern dieser wurde voll aufgedreht einfach zum Nachbarboot gereicht. Jedesmal liefen dabei etliche Liter in den Fluss, dessen Oberfläche weiträumig in allen Regenbogenfarben zu schillern begann. Umweltschutz ist für viele Ohren dort noch ein Fremdwort, und auch für Müllentsorgung fehlt jegliches Bewusstsein.

Ich hörte mich nach einer Möglichkeit um, wie ich zu den Ureinwohnern im Delta gelangen konnte. Es stellte sich als äußerst schwierig heraus, da keine Straße und somit auch kein Verkehr dorthin führte und auch nur wenige Menschen überhaupt einen Anreiz hatten, solche Strecken auf sich zu nehmen. Ich fand schließlich einen Missionar, der mich mitnehmen würde. Innerlich notierte ich, dass die drei geeignetsten Berufsgruppen, um an sehr abgelegene Orte zu trampen, Missionare, Ärzte und Händler (bzw. Schmuggler) sind. Anthropologen müssten zwar theoretisch auch nützlich sein, blöd ist nur, dass es so wenige davon gibt.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da stiegen wir in ein kleines metallenes Motorboot und fuhren sechs Stunden mit Höchstgeschwindigkeit die rund 150 Kilometer Luftlinie den Orinoco entlang.

Im Flussdelta befanden sich viele flache Inseln, und das Meer war nahe genug, um täglich den Wasserspiegel um einige Meter sinken und steigen zu lassen. Aber es war weit genug entfernt, um den Fluss noch nicht zu versalzen, und durch die regelmäßigen Fluten bewässert, spross dichte Dschungelvegetation links und rechts des Wassers.

Das Warao-Dorf Arature lag an einem größeren Flussarm und sah genau so aus, wie ich es auf dem Foto im Kochbuch gesehen hatte: Die Häuser waren auf hölzernen Stelzen über dem Wasser gebaut und hatten keine Wände, sodass man direkt hineingucken konnte. Zwischen den Häusern gab es aus Brettern gelegte Brücken, die teilweise recht unvollständig waren und einiges an Balance verlangten, um nicht hinunterzustürzen. Überall entlang des Flusses sprangen Kinder ins Wasser, spielten und paddelten in Kajaks. Es war nicht übertrieben zu sagen, dass die Kinder hier im Wasser aufwuchsen. Und da Wasser für das tägliche Leben so wichtig ist, hat es in der Sprache der Warao nur einen ganz kurzen Namen: Ho. Ebenso wie die aus getrockneten Palmenblättern geflochtenen Hängematten, die vom Status her schon fast als heilig gelten und die man aus Respekt vor ihrem Besitzer nicht einmal berührt. Sie werden als Ha bezeichnet.

Es ist eine sehr einfach zu lernende Sprache, da Verben nicht konjugiert werden und es kaum Grammatik gibt. Oder zumindest kam es mir so vor, denn man verstand mich auch, wenn ich einfach nur Wörter aneinanderreihte. Bemerkenswert fand ich auch, dass es in der Sprache der Warao kein Wort für „Liebe“ gibt. Ebenso fehlt eine Entsprechung für „bitte“. Und „danke“ sagt man, in dem man die Situation als „Gut!“ beschreibt: Yakera. Sehr viel reden die Warao nicht. Wichtiger als die Konversation ist das bloße Zusammensein.

Foto: © shutterstock

Die Warao erwiesen sich nach anfänglicher Scheu als fröhlich, unbeschwert und gastfreundlich. Außerdem waren sie trotz ihres geringen Wuchses sehr athletisch und hatten einen erstaunlichen Gleichgewichtssinn. Die meisten von ihnen wählen ihre Lebensgefährten schon mit 13 bis 15 Jahren und bekommen auch nicht lange danach ihre ersten Kinder. Bevor ein Missionar ihnen von Gott erzählt hatte, hatten die Warao geglaubt, früher mal in den Wolken gelebt zu haben. Als sie dort aber alles Essbare verzehrt hatten, wären sie auf einem Regenbogen zur Erde hinuntergerutscht, da diese Nahrung in Fülle bot. In der Tat war der Fluss schier überfüllt von Fischen, und dank der von den Warao angepflanzten Yams-Wurzeln und Maniok-Knollen reichten etwa zwei Stunden Arbeit völlig aus, um den restlichen Tag mit Essen in der Hängematte verbringen zu können. Was für ein Leben!

Ich durfte in einer leerstehenden Hütte schlafen. Die Nächte im Delta waren erfüllt von den Schreien furchterregender Bestien. Jedenfalls klang es so, aber in Wahrheit waren es nur lärmende Amphibien. (Ich traf später auf zwei Argentinier, die diese Geräusche zu Tode erschreckt haben. Sie dachten, dass riesige Jaguare in der Nähe umherstreifen würden, hungrig und auf der Suche nach einem Opfer, das sie zerfleischen könnten. Vor lauter Angst sind sie immer tiefer in ihre stickigen Schlafsäcke gekrochen und fast geschmolzen. Sie waren dann einerseits beruhigt und kamen sich andererseits auch etwas blöd vor, als ich ihnen erklärte, dass die Laute nicht von blutdürstigen Raubkatzen stammten, sondern nur von harmlosen kleinen Kröten.)

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Die Tage waren erlebnisreich. Ich machte kulinarische Erfahrungen wie beispielsweise das Nationaltier Cheguide, eine Art Wasserschwein, das interessanterweise nach Fisch schmeckt. Auch sehr beliebt war Leguanfleisch. Die Warao erzählten mir, dass Leguane sich stark mit ihrer Nase orientieren. Fängt man so eine Echse, fesselt ihr die Beine und reibt sie sich unter den Achseln, sodass sie den Menschengeruch annimmt, wird sie angeblich ruhig und zahm. Beim Ausnehmen fanden wir in den Bäuchen der Leguane Eier – mehr als fünfundzwanzig pro Weibchen –, die eine sehr leckere Beilage abgaben. Überall im Dorf stieß man auf freilaufende Hausschweine, die mir einmal meine Seife wegfraßen, als ich gerade mit dem braunen Flusswasser duschte. Der künstliche Kirschduft war wohl zu verlockend für ihre hungrigen Näschen gewesen.

Übel waren die Massen von dreieckigen, schwarzen Bremsen, deren Stiche nicht nur schmerzen, sondern auch gemein jucken. Mücken gab es ebenfalls ohne Ende, wobei ich hörte, dass das in der Regenzeit noch schlimmer sein sollte. Regelmäßig habe ich mit einer Nadel Eier von einem flohähnlichen Wesen namens Nigua aus meinen Fußsohlen picken müssen. Des Öfteren hatte ich dank dieses Tierchens mit Entzündungen und einem stark angeschwollenen Fuß zu kämpfen.