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Die Fernsehjournalistin Josephine, genannt Jo, hat nach 16 Jahren im Job für einen öffentlich-rechtlichen Sender die "Schnauze voll" und möchte sich beruflich verändern. Statt Kurzbeiträge in Norddeutschland zu machen, möchte sie nun Langformate, am liebsten Auslandsreportagen, realisieren. Ihre Wunschredaktion dafür befindet sich im Haus, doch der Weg dahin wird von männlichen Redakteuren dominiert. Insbesondere ein Redakteur, dem Jo emotional verfallen ist, könnte ihr dabei behilflich sein. Doch er spielt nur mit ihren Gefühlen. Auf dem Weg sich von ihm zu befreien, erinnert sich Jo an ihr Leben, den Weg zum Fernsehen, skurrile Situationen und Reisen, ein missglücktes Drehbuchseminar in Italien und dessen Folgen, und natürlich an Männer, die ihr Leben gekreuzt haben. Da sich einige davon in ihre Seele gefressen haben, wie sich Motten in ihre Kleidungsstücke, nennt sie Jo "Motteneier"…
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Seitenzahl: 83
Veröffentlichungsjahr: 2021
Nanni Bordeaux, Jahrgang 1969, schreibt unter Pseudonym und arbeitet seit 30 Jahren als freiberufliche Print- und Fernsehjournalistin. Sie lebt in Hamburg und Schleswig-Holstein.
„Motteneier“ ist ihr erster Roman.
Nanni Bordeaux
Motteneier
© 2021 Nanni Bordeaux
Umschlag, Illustration:
Nanni Bordeaux , Wolfgang Nenz
Lektorat, Korrektorat:
Nanni Bordeaux , Wolfgang Nenz und Lilly
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
978-3-347-30859-6 (Paperback)
978-3-347-30860-2 (Hardcover)
978-3-347-30861-9 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten und mit lebenden, realen Personen und Firmen sind rein zufällig.
Für Wolfgang Nenz und Oskar
Motteneier Teil I
Kapitel 1
Die Luft war wie Koks. Schärfte meine Sinne. Die Natur setzte all ihre Möglichkeiten ein, um mich an das größte Defizit in meinem Leben zu erinnern: Sex! Wer hätte das vor ein paar Jahren für möglich gehalten. Ich hatte irgendwann aufgehört, die Männer zu zählen mit denen ich im Bett gewesen war. Selbst mir erschien die Zahl unmoralisch. Obwohl: Als unverheiratete Frau konnte da im Laufe von fast dreißig Jahren schon ein kleines Sümmchen zusammenkommen. Zudem war ich eine Jägerin! Ich guckte mir einen aus, den ich attraktiv fand, und das Spiel begann! Zwischendurch hatte ich natürlich auch längere Beziehungen. Doch für den ganz großen Wurf hatte es nie gereicht. Der letzte Mann, den ich auserwählt hatte, war ein Tunichtgut. Ein Alkoholiker und Spinner, ich nannte ihn „Gigolini“. Zunächst tat er mir leider ziemlich gut. Der Sex war göttlich. Nicht von dieser Welt. Ich verließ seine Wohnung stets mit verklärtem Blick und einem seligen Lächeln. Ich konnte den Moment der nächsten Vereinigung kaum erwarten. Zusammen mit „Gigolini“ erreichte ich eine ungeahnte Daseinsstufe! Leider liebte er mich nicht als Mensch. Der Spruch: „Wenn Du sechs Kilo abnimmst, dann heirate ich Dich“, war erst die Spitze des Eisbergs. Ich nahm „Gigolini“ trotzdem mit in den Urlaub nach Südfrankreich, bezahlte Haus und Hof, und sank immer mehr in seiner Achtung. Um meiner Selbstwillen gab ich ihm den Laufpass. Aber ich vermisste den Sex….
Kapitel 2
Mein Name ist Josephine, genannt Jo, und ich bin Fernsehreporterin. Früher aus Leidenschaft – jetzt um Geld zu verdienen. Das Geschäft hatte sich in den vergangenen Jahren komplett gewandelt, quasi aufgelöst. Wurden wir früher mit einem roten Teppich begrüßt, konnten wir heute froh sein, überhaupt hinein gelassen zu werden. Es war ähnlich wie in meinem Liebesleben: Früher hatten die Männer Schlange gestanden – jetzt freute ich mich über einen durchgeknallten Narzissten. Oder Männer, denen ich schon auf den ersten Blick ansah, dass sie irgendwie schräg waren. So wie „Mr. Copy“. Unsere erste Begegnung ging von mir aus: Ein Wellensittich war durch die offene Balkontür, an mir vorbei, ins Schlafzimmer geflogen. Dort hockte er auf der Gardinenstange bis ich mit „Gigolini“ einen Vogelkäfig, samt Futter, aus dem nahegelegenen Tierheim organisiert hatte. Über Nacht kletterte der kleine Kerl brav in seine neue Herberge. Nun hatte ich tatsächlich einen Vogel. Da ich jedoch in den Urlaub nach Südfrankreich wollte – und mir Tiere in Käfigen ohnehin leidtaten – versuchte ich, den Besitzer zu ermitteln. Ich setzte einen Steckbrief auf, und suchte nach einer Möglichkeit, ihn zu vervielfältigen. An der Ecke gab es eine Verwaltungsagentur für Immobilien. Die hatten bestimmt einen Kopierer! Ich nahm mir ein Herz für meinen kleinen Freund, ging rein und fragte nach. „Mr.Copy“ war so freundlich, mich 20 Kopien machen zu lassen. Wir redeten ein bisschen, und er verschwand aus meinem Leben wie der rechtzeitig nach Hause vermittelte Vogel. Unser nächstes Treffen sollte am Flughafen von Rom stattfinden.
Kapitel 3
Da das mit dem Fernsehen nicht mehr so lief, hatte ich mich für ein Drehbuchseminar in Italien angemeldet. Wenn schon – denn schon! Der Treffpunkt war Rom. Von dort aus würden wir per Bus, in die Berge, zum Tagungsort gebracht werden. Ich flog einen Tag früher, um auf jeden Fall rechtzeitig dort zu sein. Zwei Jahre lang war ich nicht mehr verreist. Dienstreisen, ja, aber nicht in den Urlaub oder ins Ausland. Die Tour mit „Gigolini“ hatte mir jegliche Lust genommen. Ich hatte schon Sorge nie wieder irgendwo hinzuwollen oder in ein Flugzeug zu steigen. Doch das Drehbuchseminar versprach, Weiterbildung und italienische Lebensfreude zu vereinen. Zudem kannte ich Italien quasi überhaupt nicht. Gut – wir hatten mal eine Tutandenfahrt durch Italien gemacht. 1989. Im Frühjahr. Rom – Venedig – Florenz – Ravenna – Cesenatico. Alles in 10 Tagen. Mit dem Bus. Von Hamburg! Damals waren Flüge noch sehr teuer Wir hatten einen super Tutor, seines Zeichens Mathelehrer. Von der Geschichte des Landes habe ich nicht so viel mitgekriegt. Wir waren jung, verspielt und alberten mit den Jungs rum. Unser Lehrer machte mit. Die wirklich prägende Erinnerung an diese Klassenreise ereignete sich am Strand von Cesenatico: Ich kroch im Bikini auf meinen Tutor zu, als dieser bemerkte: „Sie haben ja auch Wolkenbeine! Sagt meine Frau immer…“ Der Tag war gelaufen. Von seinem Klassenlehrer auf Cellulitis angesprochen zu werden, war ja wohl echt das Letzte! Immerhin brachte er mich durchs Abitur – Italien war für mich erst mal gestrichen, drei Kreuze.
Kapitel 4
Nun flog ich also wieder nach Italien. Wieder im Mai. Vierundzwanzig Jahre waren inzwischen vergangen. Rom stand noch und meine Cellulitis war auch noch da. Dass Rom noch stand empfand ich nicht als selbstverständlich. Hatte ich in meinem Leben doch schon Orte besucht, die es so nicht mehr gab: Das World Trade Center, New Orleans, die Mauer. Entdecken Sie Europa, so lange es noch geht! Doch auf die ewige Stadt war Verlass. Ich hatte einen super Flug obwohl der Kapitän Italiener war, eine ordentliche Bus-Shuttle-Anbindung und… ein scheiß Hotel! Es war eine Pension im Bahnhofsviertel. Zunächst wusste ich überhaupt nicht, wie ich diesen klapprigen, offenen, eisernen Fahrstuhl bedienen sollte. In französischen Filmen fand ich sie immer sehr charmant. Aber mich selbst da rein zwängen und den Käfig verschließen, war nicht meins. Im fünften Stock angekommen, musste mich der Nachtportier dann auch befreien, weil ich nicht wusste, wie ich aus dem Ding wieder rauskommen sollte. Es war 20 Uhr, meine Internetreservierung lag nicht vor, Rom schien ausgebucht. Ich sprach kein italienisch, der Portier kaum Englisch – also versuchten wir es auf Französisch. Ein Zimmer mit Bad gab es nicht mehr. Aber noch ein Mini-Zimmer. Dusche und Klo auf dem Gang. Ich war zu müde um weiterzuziehen und willigte ein. Das Zimmer brachte mich erst mal zum Lachen: Auf dem verschrammten Schreibtisch stand ein grünes Telefon wie zu guten, alten „Derrick“-Zeiten; über dem schmalen Bett hing „Das Abendmahl“. Beim Gang aufs Klo, wo sich auch die die Dusche befand, verging mir selbiges jedoch sofort: Eine fette Kakerlake saß auf der Klobrille und betrachtete mich interessiert. Ich hatte meinen Darm seit Stunden nicht entleert, doch auf diese Brille würde ich mich nicht setzen. An duschen war gar nicht zu denken. Hier würde ich mich nicht nackig machen. Ich ging ins benachbarte Restaurant und nach einer guten, italienischen Pasta schlief ich tief und fest. Die Matratze war so hart wie ich es mochte.
Kapitel 5
Am nächsten Morgen gab es ein sehr süßes, übersichtliches Frühstück. Eingeschweißter Zwieback, Milchkaffee. Obwohl mir im Bad wieder eine Kakerlake über den Weg lief, beschloss ich, für die Übernachtung der Rückreise zu reservieren. Diesmal persönlich. Erstens hatte ich sehr gut geschlafen, zweitens hatte ich keine Lust, mir während des Drehbuchseminars Gedanken um meine Unterkunft zu machen und drittens gab es jetzt die Chance, ein Zimmer mit Bad zu bekommen. Der Vertrag wurde gemacht, und ich trollte mich in Richtung Bahnhof. Hier sollte ich meine Drehbuchtruppe treffen – das war der Grund, weshalb ich hier, „Termini“, ein Quartier gesucht hatte. Kurze Wege – kein Stress, so war der Plan. Hatte doch wunderbar funktioniert. Ich setze mich in ein Café direkt gegenüber des Treffpunkts. Nirgendwo konnte italienisches Leben greifbarer sein: Menschen begrüßten sich stürmisch, verabschiedeten sich theatralisch. Es war der Bahnhof von Rom! Touristen quälten sich mit ihren Trolleys über die Pflastersteine. Es war laut, schwül und quirlig. Und ich war viel zu früh. Pünktlichkeit. Eine deutsche Tugend, die ich im Job noch optimiert hatte. Als Fernsehjournalistin galt es immer Zeiten einzuhalten: Treffen mit dem Team, Treffen mit den Protagonisten, Drehzeiten, Schnittzeiten, Sendetermine. Man konnte mich stets fragen, wie spät es wohl sei, und ich nannte die Tageszeit ohne Zeitmesser. Ich hatte eine Uhr verschluckt. Zudem kam ich immer lieber früher als zu spät. Warum sollte sich das in Rom ändern? Nur weil ich in Italien war?! Neben mich setzte sich eine sehr elegante Frau. Schickes Outfit, souveräner Auftritt, großer Koffer. Eindeutig deutsch. Ich linste zu ihr herüber. Ob sie wohl auch ein Kandidat für „Drehbuchschreiben in Italien“ war? Oder eher für „Deutschland sucht den Superstar“?! Ich verharrte in meinem Ausguck und wartete die Zeit ab. Gegen zwölf verlangte ich die Rechnung und ging gespannt hinüber zum Busbahnhof. Neben einem VW-Bus hatte sich ein kleines Grüppchen gebildet.
Kapitel 6
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