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Die Journalistin Kathrin Degen lebte bis zum August 1989 in Magdeburg. Im Sommer vor dem Mauerfall floh sie mit ihren Eltern über Ungarn nach Österreich in die Freiheit. Für den TV-Sender RTL begab sie sich 30 Jahre später auf eine Reportage-Reise in die eigene Vergangenheit und beging ihren Fluchtweg ein zweites Mal. Aus der Perspektive einer erwachsenen Frau und Mutter beschreibt Kathrin Degen ihr Leben als damals 13-jähriger Teenager in der DDR und ihre heutige Sicht auf die dramatischen Ereignisse, die ihr Leben für immer verändern sollten. Ein Erlebnisbericht, der die Wucht der Zeit spürbar macht. Eine ungewöhnliche Zeitreise, die nicht kalt lässt.
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Seitenzahl: 120
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kathrin Degen
Mücken imNiemandsland
Meine Flucht aus der DDR
© 2020 Kathrin Degen
Umschlag, Illustration: Annett Bönte
Lektorat, Korrektorat: Dr. Anestis Nessou, Nina Stern
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-15362-2
Hardcover:
978-3-347-15363-9
e-Book:
978-3-347-15364-6
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Für meine Eltern
VORWORT
Warum seid ihr geflohen, so kurz vor der Wende? War das Ende denn nicht absehbar? Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, wenn ich davon erzähle, dass meine Eltern und ich im August 1989 über Ungarn nach Österreich geflohen sind, um die DDR zu verlassen. Für immer. 30 Jahre ist es her, dass wir diesen Weg gegangen sind, dass meine Eltern diesen Weg für mich gewählt haben, denn ich war damals erst 13 Jahre alt. Diese Entscheidung hätte ich nie treffen können. Ich war ein Kind, ein Teenager, mit Flausen im Kopf, und doch habe ich diese Entscheidung mitgetragen. Mehr als mir damals bewusst war. Unzählige Male habe ich Freunden, Bekannten, Kollegen meine Geschichte erzählt, wie das so war mit dieser Flucht, die bei meinem Gegenüber oft ungläubiges Staunen auslöst, meist Respekt und immer Neugier. Im Nachhinein weiß ich, es war nur eine Flucht von vielen tausenden, die andere zeitgleich gewagt haben. Es machte mir nie etwas aus, darüber zu sprechen, Details zu beschreiben, den Krimi meines Lebens zu erzählen, wie er war, ungeschönt, echt.
Doch bei einem dieser Gespräche wurde mir eine Frage gestellt, die zuvor niemand stellte: »Warst Du nochmal da?« fragte mich eine Schülerin, die ein Referat über den Mauerfall vor 30
Jahren halten wollte. Genau genommen über mich, mich als Zeitzeugin sozusagen. »Warst Du nochmal da?« hallte es in meinem Kopf wider. Nein. Nie wieder. An dem Punkt, der mein Leben und das meiner Eltern vor 30 Jahren so einschneidend und für immer änderte, waren wir nie wieder. Dabei habe ich vieles so klar vor Augen – soweit ich damals bei Nacht etwas sehen konnte. Ich könnte Details zeichnen, so präsent kommen sie mir vor, sobald ich davon erzähle. Sequenzen werden dann vor meinem geistigen Auge zum Leben erweckt, so als hätten sich manche Bilder wie ein Dia auf meiner Netzhaut eingebrannt. So, wie wenn man früher den Fernseher zu lange anließ und nach dem Ausschalten das letzte Bild noch lange auf der Mattscheibe zu sehen war, bevor es schwächer und schwächer wurde und schließlich ganz verblich.
Nein, ich war nie wieder dort. Die Neugier danach war unterbewusst schon lange da. Nur hatte ich sie ignoriert. Ich hatte sie überhört, meine innere Stimme, die fragte: Wie sieht es wohl bei Tag aus? Wo ist die Stelle, an der wir uns auf den Weg machten? Auf den Weg ins Ungewisse? Auf den Weg in ein neues, in ein freies Leben - unser zweites Leben.
Jetzt konnte ich die Stimme nicht mehr überhören. Die Idee pochte von innen an meine Schläfen. Wie eine Lawine überrollte mich der Wunsch, diesen ungewöhnlichen Zeitsprung zu wagen. Einen Zeitsprung ins Jahr 1989. Ich wollte unseren Fluchtweg noch einmal begehen. Die Idee kam auch in meiner Redaktion gut an. So bekam ich den Auftrag, daraus eine Reportage zu drehen. Ich zögerte kurz und dann ließ ich mich ein auf ein ungewöhnliches Experiment, auf mein kleines Abenteuer, von dem ich nicht ahnte, was es mit mir machen würde.
»DDR und UdSSR tragen gemeinsam zur Stärkung des Sozialismus und zur Sicherung des Weltfriedens bei«
Neues Deutschland, 01.07.1989, Seite 1
»Was ist der Deutschen Vaterland?«
Ein endgültiger Verzicht auf die Einheit würde nur das Mißtrauen unserer Nachbarn in Ost und West verstärken.
DIE ZEIT, Ausgabe 29, 1989
ETAPPE 1 – DER AUFBRUCH
September 2019. Ich bin auf dem Weg in meine Heimatstadt Magdeburg, Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. Ich bin nicht allein unterwegs, sondern mit einem Kamerateam. Ich mache das also wirklich. Es gibt kein Zurück mehr. Verrückt.
Es ist nicht mein erster Besuch in Magdeburg seit dem Mauerfall. Keineswegs. Ich bin seit dem Tod meines Opas sogar jedes Jahr einmal dort. Jedes Jahr im Sommer. Doch während ich mich sonst auf den Besuch freue, ist es dieses Mal anders. Sonst weiß ich genau, was mich dort erwartet. Normalerweise treffen meine Eltern, meine kleine Familie und ich dort langjährige Freunde und halten unser jährliches Familientreffen ab. Dabei verabreden wir uns mit Tanten, Cousinen und Onkeln auf einem bestimmten Friedhof. Nicht etwa, weil wir alle ein besonders morbides Gemüt haben, sondern um dort dem verstorbenen Vater, Opa und mittlerweile Uropa zu gedenken und mit einer mit einer Flasche Sekt auf ihn anzustoßen. Drei Generationen stehen dann quasselnd am Grab und plaudern über das was ist, was war und was kommt. Dass wir uns schon den ein oder anderen irritierten Blick anderer Friedhofsbesucher eingefangen haben, nehmen wir in Kauf, dieses eine Mal im Jahr. Doch diese kunterbunte, giggelnde Truppe wartet bei dieser Reise nicht auf mich. Heute wird mir flau im Magen bei dem Gedanken an die Stadt, die ich vor 30 Jahren von einem Tag auf den anderen verlassen musste. Es dreht sich alles in meinem Kopf um den Sommer 1989, und das schon seit Tagen. Genau genommen seit ich die Idee hatte, unseren Fluchtweg noch einmal zu besuchen – und zwar als Journalistin und Reporterin für meine Redaktion.
Ich versuche mich zu erinnern, wie die letzten Wochen und Tage vor unserer Flucht waren. Was habe ich gemacht, was habe ich gefühlt, wie war unser Leben hier? 30 Jahre ist das jetzt her. Bilder, Ausschnitte, wie auf einem vergilbten Polaroidfoto blitzen in meinen Kopf auf. Geräusche und Gerüche kriechen in Ohr und Nase. Der staubig milde, vertraute Geruch der Tagesdecke auf meinem Bett in meinem Kinderzimmer, der liebliche, geheimnisvolle Duft des Intershops mit seinen leuchtenden, Freiheit verheißenden Waren aus einer Welt jenseits des DDR-Graus, das Kichern meiner besten Freundin, das Quietschen der Straßenbahn, wenn sie wenige Meter neben unserem Haus an der Endhaltestelle um die Ecke bog, das fröhlich aufgeregte Knattern der Trabimotoren, »Seid bereit! Immer bereit!«-Ausrufe vor Unterrichtsbeginn…
Ich fühle und weiß, dass ich eine glückliche Kindheit dort hatte vor unserer Flucht. Trotzdem scheint es mir unangemessen, die Worte Flucht und glückliche Kindheit in einen Satz zu bringen. Es klingt wie ein Tabu. Glück und Unrechtsstaat – das passt nicht zusammen. Oder doch? Darf ich sagen, dass ich in der DDR glücklich war, obwohl wir aus ihr geflohen sind? War echtes Glück überhaupt möglich in einem Staat, der seine Bürger bespitzelt, Regimekritiker eingesperrt und gegenseitiges Misstrauen geschürt hat, in dem Mangel Normalzustand war oder war dieses Glück nur eine Illusion? Ein Staat, der für die Begrenzung der physischen und gedanklichen Freiheit Mauern bauen ließ und dafür sogar Tote in Kauf nahm? Ich habe darauf keine Antwort.
Vielleicht finde ich sie auf dieser Reise. Denn ich war bloß ein Kind, 13 Jahre alt, an der Grenze zum Teenager. Und meine kleine, beschränkte Welt war heil. Meine Kindheit war schön und das verdanke ich vor allem meinen Eltern. Sie ließen mich behütet aufwachsen, schirmten mich ab von dem, was mich mit 13 noch nicht interessieren musste, sie schützten mich vor der ungerechten Wahrheit in diesem Staat so lange es ging. Vielleicht ein bisschen zu lange, wie die Ereignisse hinterher zeigten.
Mein Vater gelernter Maschinenbau-Ingenieur, meine Mutter, Ingenieurin für Datenverarbeitung, hatten 1977 im Alter von 30 und 33 Jahren umgesattelt in die Gastronomie. Als Gaststättenleiter hatten sie oft 14 Stunden-Tage. Fleißig und unauffällig fügten sie sich jahrelang ins System ein. Regimetreuen Kontakten begegneten sie höflich, machten sich aber nie selbst zum Handlanger der politischen Mächte. Sie traten ganz bewusst nie in die SED ein, sondern nur in die LDPD, die Liberal-Demokratische-Partei-Deutschlands. Für sie war diese Partei die entspanntere Alternative, in die sie nur deshalb eintraten, um nicht den Anschein zu erwecken, dass sie Systemkritiker seien, um in Ruhe gelassen und vor allem nicht bevormundet zu werden. Sie wollten keinen Ärger, sondern machten vorsichtig und pfiffig das Beste aus allem, was sich ihnen entgegenstellte. Allerdings hatten sie einen großen Makel. Den konnte man ihnen zwar nicht ansehen, aber er war da, unsichtbar aber unauslöschbar. Sie wollten frei und selbstbestimmt sein.
Wie ein Magnet zieht mein ungewöhnlicher Reiseplan all meine Gedanken an sich und alle Energie. Während der 419 Kilometer Autofahrt bis zum Startpunkt unserer ersten Etappe versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl sein wird, wieder vor unserem Wohnhaus zu stehen. Nur wenige Male war ich in den vergangenen Jahren nach dem Mauerfall in unserer Straße. Ich habe sie meinem Mann gezeigt, auch meinen Kindern. Aber bisher bin ich immer nur langsam vorbei gefahren an unserer Wohnung. Genau musterte ich die Gardinen und die Deko im Fenster und versuchte, einen Hinweis zu erhaschen, wer dort seitdem wohnte. Wieder eine Familie? Haben sie unsere Sachen behalten? Hat das Kind sich gefreut über mein Spielzeug? Oder war alles Geliebte und Gesammelte im Schlund eines Müllautos verschwunden, nachdem die Staatsicherheit die Wohnung zur Entrümpelung frei gegeben hatte? Meine Fantasie geht mit mir durch. Doch der unerfüllbare Wunsch, einen Blick zu erhaschen in das, was einmal mein Zuhause war, in Schränke zu schauen, in denen womöglich noch die Schätze meiner Kindheit liegen oder auch nur etwas ganz Banales, lässt mich nicht los. Soll ich heute klingeln? Meine Vernunft ermahnt mich, dass ich heute schließlich auch als Reporterin hier unterwegs bin. Ich habe einen Auftrag. Es soll ein guter Film dabei herauskommen. Also ja, ich weiß, ich sollte klingeln. Und was dann? Ich glaube nicht, dass mir jemand aufmacht, geschweige denn, mich hereinlässt, erst recht nicht mit Kamerateam im Schlepptau. Die Ostdeutschen schätze ich da noch viel skeptischer ein als die Westdeutschen. Und was, wenn nicht? Was, wenn mir jemand öffnet? Was mache ich dann? Wieder wird mir mulmig, es kribbelt in meinem Bauch, meine Augen werden feucht. Schnell schiebe ich den Gedanken weg.
Angekommen. Wir sind in Magdeburg. Es ist später Nachmittag. Uns bleibt nicht viel Zeit für die passenden Bilder. Wir fahren durchs Stadtzentrum – ich mache meine Aufsager im Auto mit laufender Kamera und spreche davon, dass ich gespannt bin auf diese Zeitreise und wie vertraut mir alles hier ist. Ja, das ist es tatsächlich, trotz der vielen Jahre, die ich nicht mehr hier lebe. Im Stadtzentrum und auch in den anderen Stadtteilen hat sich im Laufe der drei Jahrzehnte viel verändert. Es wurde viel gebaut, verschönert, modernisiert, aber die großen Adern der Stadt sind gleich. Wir fahren vorbei am alten Marktplatz. Ein vertrauter Platz für mich, denn die letzten 5 Jahre unserer DDR-Zeit hatten meine Eltern dort ein Restaurant beziehungsweise sie leiteten ein Restaurant im Auftrag der Handelsorganisation Gaststätten, einem staatlich geführten Unternehmen. Es war eins der beliebtesten Restaurants der Stadt. Das ließ zumindest die meterlange Schlange erahnen, die sich regelmäßig davor bildete. Selbst gepökeltes Eisbein, im Magdeburger Raum »Bötel« genannt, mit Sauerkraut, Börderländer Schlachteplatte und natürlich auch DDR-Klassiker wie Würzfleisch oder Soljanka fand man auf der Karte der »Bötelstube«- Spezialitätengastronomie im Herzen von Magdeburg. Auch wenn man die dafür klassische Zutat Tomatenmark erst von einem anderen Restaurant leihen musste, weil der eigene Vorrat aufgebraucht war und es stets zu wenig gab. Irgendein anderes Restaurant hatte immer welches und irgendwer keins. Gute Kontakte zu den anderen Restaurant-Chefs zu haben, war Gold wert, denn eine Hand wusch die andere. Meine Eltern versuchten alles Mögliche, um ihren Gästen immer etwas Besonderes zu bieten. In der Bötelstube gab es deshalb auch ein Salatbuffet, auf dem eben nicht nur Weißkohl- und Rotkohlsalat aus Mangel an Alternativen zu finden war. Bei uns gab es auch Mais, rote Beete und manchmal sogar Paprika – je nachdem, wie oft die Beziehungen in den Lebensmittelhandel es möglich machten. Zur Beziehungspflege mit selbigem stimmte mein Vater das Personal des Großmarktes freundlich, indem er zum Beispiel bei der Bestellung der Ware dem zuständigen Mitarbeiter einen extra Geldschein zusteckte, heimlich übergeben im Großmarkt-Ausweis, den er vorlegen musste, um überhaupt Zutritt zum Großmarkt zu bekommen. Als Dankeschön wurde die bestellte Ration dann entsprechend aufgestockt und es wurden eben ein paar mehr Stangen der gewünschten Zigarettenmarke oder ein paar mehr Flaschen Spirituosen geliefert als bestellt. Bei der Prüfung der Lieferung drückte man sozusagen beide Augen zu, zum eigenen Vorteil. Wie gesagt, eine Hand wusch die andere. Um Champignons zu ergattern, machte mein Vater sich sogar regelmäßig auf den Weg in die Hauptstadt Ost-Berlin. 160 Kilometer vom Restaurant entfernt kaufte er in einem polnischen Feinschmeckerladen die beliebten Pilze – natürlich auch nur in Gläsern oder Dosen, aber dennoch eine Rarität. Wimpel oder Gläser, die aussahen wie Pokale, mit dem Logo des 1. FC Magdeburg waren dort im Gegenzug gern gesehene Bestechungsware. Zur Spargelsaison musste mein Vater zwar nur 50 Kilometer in die Altmark fahren, um das begehrte Gemüse einer alten Bäuerin abzukaufen. Dafür verbrachten wir das darauffolgende Wochenende damit, auf der Terrasse unseres Bungalows am Stadtrand stundenlang Spargel zu schälen. Manchmal half sogar eine Nachbarin mit. Für einen netten Plausch und ein Glas Wein. Und so pflegte man gleichzeitig das typische DDR-Gemeinschaftsgefühl. Denn schließlich brauchte jeder mal Hilfe bei irgendetwas. Eine Hand… und so weiter.
Die Mühe zahlte sich aus. An Wochentagen bildete sich vor allem mittags oft eine lange Menschenschlange vor der Tür unseres Restaurants. Wie beliebt es war, das spürte ich am eigenen Leib, wenn ich als angehender Teenager mal wieder in der Küche aushalf. Seit ich 11 Jahre alt war, spülte ich meist am Wochenende die stetig wachsenden Tellerberge vor dem Rückgabefenster der Küche weg – damals alles noch schön per Hand in riesigen Großküchen-Spülbecken. Mein Bruder war mit seinen 23 Jahren bereits selbst Familienvater und bereits Küchenchef im Restaurant. Wer weiß, wären wir nicht geflohen, wahrscheinlich wäre ich auch in die Gastronomie eingestiegen, obwohl damals Ballerina, Kosmetikerin oder Erzieherin meine eigentlichen Jobfavoriten waren.
