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1989: Der elfjährige Kurdenjunge Murti flieht mit seiner Familie aus der krisengeschüttelten Türkei über die grüne Grenze in die Schweiz. Im Entlebuch findet er eine neue Heimat. Bald ist er beliebt und erfolgreich. Doch der äussere Schein trügt. Geld und Konsum, Frauen und Freunde können die Leere in seinem Innern nicht ausfüllen. Mit 22 Jahren eröffnet er seinen eigenen Kebabladen. Eine Herausforderung, die ihm über den Kopf zu wachsen droht. Der Druck und die Angst zu versagen rauben ihm allen Lebensmut. Bis er eines Tages einen erstaunlichen Traum hat …
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Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Eine wahre Lebensgeschichte
Verlag Netzwerk Schweiz
Dieses Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Quellen:
Bibelzitate stammen aus «Hoffnung für alle»
Die Bibel, 1. Auflage der revidierten Fassung, Brunnen Verlag Basel, 2002
© Copyright:
Netzwerk Schweiz, CH-5000 Aarau
Oktober 2014
Verlag und Herausgeber:
Netzwerk Schweiz
Frey-Herosé-Strasse 25
CH-5000 Aarau
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Autorin: Doris Smonig-Klauser
Gestaltung, Satz: fortissimo : think visual, 8820 Wädenswil
Druck: Jordi AG, CH-3123 Belp
Printed in Switzerland
ISBN: 978-3-90913-130-3
Lass dich nicht vom Bösen besiegen,
sondern besiege das Böse durch das Gute.
Römerbrief 12,21
Diese Wärme im Blick, fährt es mir durch den Kopf, als mich Murti bei unserem ersten Treffen in seinem Kebablokal begrüsst. Er spricht mit viel Respekt und Liebe. Er erzählt sorgfältig, bedächtig, mit Ehrfurcht vor seiner Familie und grosser Dankbarkeit gegenüber der Schweiz, die ihm ein neues Leben ermöglicht hat.
Es wird spannend. Seine Geschichte beginnt bei den Schafen im kargen Hügelland der Türkei. Sie führt uns durch den kalten Rhein in die Geborgenheit des Entlebuchs. Immer wieder steigen Tränen in diese schwarzen Augen. Murti ist ein Mann mit viel Herz.
Um ihn und seine Liebsten zu schützen, haben wir gewisse Namen geändert. Es geht nicht darum, wer genau was gesagt oder getan hat. Es geht nur darum, dass wir sehen, mit wie viel Phantasie Gott es immer wieder schafft, den Menschen zu begegnen.
Murtis Geschichte hat mich beeindruckt. Möge sie auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, tief im Herzen berühren.
Doris Smonig-Klauser, Autorin
KAPITEL 1
In der Ferne bellte ein Hund. Das Wasser schloss sich eisig um meine Füsse, durchtränkte den Saum meiner Hosen, stieg dann weiter und weiter empor. Schritt für Schritt kämpfte ich mich vorwärts. Mit meinen elf Jahren hatte ich zwar schon Vieles erlebt und gesehen. Aber der Rhein, den wir in jener Novembernacht im 1989 zu Fuss durchquerten, war unbarmherzig zu uns Kindern. Neben mir spürte ich Sanna, meine Schwester, ich hörte ihr Keuchen und merkte, wie ihre Hand nach mir suchte. Wir klammerten uns aneinander, als das Wasser bis zu unserer Hüfte hochstieg und uns schier den Atem raubte. Anin, der Kleinste, war verstummt. Eben noch hatte er gewimmert in den Armen meiner Mutter, die hinter uns durchs Wasser watete. Onkel Onur trug meinen zweiten Bruder, Haydar, auf dem Rücken. Haydars Gesicht schimmerte weiss hinter dem breiten Rücken des Onkels hervor und die schwarzen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Gespenstische Stille um uns. Nur das Plätschern des Wassers und die schwarzen Gestalten um uns her, die sich mit uns vorwärtskämpften, verzweifelt versuchten, Halt zu finden in den Steinen des Flussbetts in der Tiefe.
Wir waren auf der Flucht. Und wir wussten, dass dies unsere einzige Chance war. Der einzige Weg ins gelobte Land. Und wir Kinder hatten verstanden, dass es auch auf uns ankam. Dass das kleinste Geräusch uns bei diesem letzten illegalen Grenzübertritt verraten konnte.
Onkel Onur gab uns das vereinbarte Zeichen, stehen zu bleiben. Das Wasser riss an unseren Kleidern, doch gemeinsam hielten wir der Strömung entgegen. Die Männer, die unsere Gruppe begleiteten, Schlepper nannte man sie, hatten uns am Vorabend die letzte Etappe erklärt.
«Wer kann schwimmen?»Mein Onkel und ein gutes Dutzend anderer Männer hatten schweigend eine Hand erhoben.
«Jeder von euch nimmt drei oder vier Kinder mit. Die letzten paar Meter des Flusses sind tief. Da müsst ihr die Kinder tragen.» Angst hatte mich gepackt wie mit unsichtbaren Krallen.
Ich schlotterte am ganzen Körper, als Onkel Onur endlich aus der Dunkelheit vor uns auftauchte. Ich kam als zweiter dran und liess mich auf seinen Rücken hieven. Den Plastiksack mit meiner Ersatzhose und dem Pullover hob ich weit über meinen Kopf. Wenige Augenblicke später fand ich mich auf der Böschung wieder, neben Haydar, der bereits im Gras kauerte und leise weinte. Ich drückte mich an ihn und spürte, wie er ebenfalls am ganzen Körper zitterte. Da fiel mir ein, was die Männer uns eingetrichtert hatten. Die trockenen Kleider in den Säcken! Mit klammen Fingern begannen wir uns umzuziehen.
Mein Pullover roch noch immer nach Schaf und unvermittelt überfiel mich eine Welle von Heimweh. Wie war es möglich, dass plötzlich nichts mehr so war wie früher? Wo mochten meine Schafe in der Zwischenzeit sein? Vor meinen inneren Augen tauchte die Herde auf, die zotteligen Mutterschafe mit den prall gefüllten Eutern. Die Lämmer, noch wackelig auf den Beinen, die zu zweit, zu dritt trotz flimmernder Hitze um ihre Mütter herum tollten. Ganz besonders die kleine Berma, mein Lieblingsschaf! Ich hatte sie kurz vor unserer Flucht von den Weiden nach Hause getragen. Wie immer, wenn die Sonne sich hinter den Bäumen versteckte, hatten wir unsere Hirtenstäbe genommen und die Schafe heimwärts getrieben. Tahir, mein Freund, lief zuvorderst, dicht gefolgt vom Leitschaf. Haydar rannte hierhin und dorthin, um die vorwitzigen Schafe bei der Herde zu halten. Das war gar nicht immer so einfach, wenn nach dem Regen saftige Kräuter am Wegrand lockten. Und zuhinterst lief ich, Sohn von Mustafa, einem Kurden aus der türkischen Provinz Südostanatolien.
Geboren war ich irgendwann im Sommer 1978, ein Geburtsdatum kannte ich nicht. Wir lebten in einem ärmlichen Dorf nahe der syrischen Grenze. Die Sonne brannte im Sommer tagelang unbarmherzig von einem wolkenlosen Himmel. Dann war der Boden hart, schien nur noch aus Steinen und Sand zu bestehen und für uns Hirtenjungen brach eine anstrengende Zeit an. Noch vor Sonnenaufgang wurden wir von unserer Mutter geweckt, damit wir noch vor der grössten Hitze mit den Schafen auf der Weide sein würden. Haydar mochte vielleicht drei Jahre alt, ich höchstens sieben gewesen sein, als Grossvater entschied: «Jetzt seid ihr alt genug, um alleine hüten zu gehen!» Grossvater hatte das Sagen, denn Vater war in Arabien zum Arbeiten. Meine Mutter, eine, wie bei uns Kurden üblich, klein gewachsene Frau mit den typischen vollen, schwarzen Haaren war mit dem Haushalt und den Babys beschäftigt. Das Wasser holte sie am Brunnen, der mitten im Dorf stand. Dort wusch sie auch die Wäsche, die von uns Kindern, ihr und dem Grossvater anfiel. Das Leben war einfach, aber es ging uns gut. Wir hatten immer genug zu essen und zu trinken. Und sowieso: Was heisst schon gut? Verglichen mit Tahir und seinen sechs Geschwistern, die in einem halbzerfallenen Haus lebten und nur noch die Mutter hatten, die zu Haus und Hof schaute, ging es uns geradezu fürstlich. Ja, was hiess schon gut, jetzt, da sowieso nichts mehr sein konnte, wie es einmal war. Auf der Flucht hatte das Leben ganz andere Spielregeln.
«Los! Vorwärts!» Die Schlepper trieben zur Eile. Bald würde der Morgenverkehr einsetzen, einzelne Lastwagen hatten wir schon über die breite Strasse oberhalb der Böschung donnern hören. Wir wussten, wenn der Fluss geschafft war, war die grösste Hürde genommen. Dann würde uns nur noch die Autobahn von der Schweiz trennen! Eine Person nach der anderen musste diese gefährliche Strasse überqueren, bei unserer Gruppe von gegen achtzig Personen würde das eine Weile dauern. Nur wir Kinder durften zu zweit rennen, einander an den Händen haltend, rennen, rennen, rennen in ein neues, unbekanntes Leben. Auf ein Zeichen ging es los. Meine Mutter scharte uns um sich, Onkel Onur blieb dicht dabei. Die ersten Läufer starteten. Mein Herz klopfte hart gegen meine Brust, als ich dunkle Gestalten über den Maschenzaun klettern sah, sich ins Gebüsch ducken, warten, bis sich kein Scheinwerferlicht mehr näherte, und dann losrennen, rennen um ihr Leben. Mir war übel, trotz trockener Kleider waren meine Beine steif und kraftlos und ich fragte mich, wie in aller Welt ich mit solch eingefrorenen Füssen rennen sollte. Schon zog Sanna mich mit sich zum Zaun. Wir waren dran. Alles verschwamm vor meinen Augen, als ein Mann mich hochhob und anfuhr, über den Zaun zu klettern. Lichter tauchten hinter der nächsten Kurve auf und Sanna drückte mich ins Gras. Mein Atem stockte, als ein Auto direkt neben unseren Köpfen vorbeisauste. Und dann fauchte der Mann uns zu: «Lauft!», und wir liefen.
Wie unsere Schafe, die kurz vor der Flucht mit einem Transporter abgeführt worden waren, steckte man uns Kurdenflüchtlinge auf der Schweizer Seite in Autos. Zu sechst, zu siebt, eingepfercht auf Sitzen, dem Fussboden, irgendwo. Haydar, Sanna und ich im Kofferraum eines roten Opel Astra. Die Fahrt dauerte endlos. Wir waren verängstigt und uns war übel von der nächtlichen Fahrt. Als der Kofferraum sich schliesslich öffnete und Onkel Onur uns herauszog, erschien am Horizont der erste Streifen helles Tageslicht. Wir standen vor einem grossen Haus, umgeben von hohen Eichen und Stallungen. Mama und Onkel Onur drängten uns mit den anderen Männern, Frauen und Kindern durch die knarrende Holztür ins Innere des verlassenen Bauernhauses. Ein strenger Geruch schlug uns entgegen. Stumm versammelten wir uns im grössten Raum des Hauses, es musste früher ein Wohnraum gewesen sein, ein alter Holztisch und ein paar Stühle standen noch da, ein Stapel mit Wolldecken in der Ecke, durch die Ritzen der Fensterläden drang das spärliche Licht des frühen Morgens. Akam, der Kopf der Schlepperbande, der uns in den österreichischen Alpen von seinem Vorgänger abgekauft hatte – wie illegaler Schnaps wurden wir teuer verkauft und heimlich in den Nächten weitergereicht – löschte die Taschenlampe aus, sobald alle auf dem Fussboden einen Platz ergattert hatten. Mama hatte die Bluse hochgezogen und gab Anin die Brust. Man hörte sein Schmatzen. Die meisten Kinder schliefen auf den Armen ihrer Mütter und Väter, erschöpft von den Strapazen der Reise. Die junge Frau, die vor wenigen Tagen in unserem letzten Versteck, einer Alphütte, ihr drittes Kind geboren hatte, hustete. Es klang blechern und jagte mir einen Schauer über den Rücken. Wann mochte dieser Alptraum ein Ende haben? Wann würde unser Leben wieder normal werden? Und wo war unser Vater?
