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Rebekka wächst in einer intakten, christlichen Familie auf. Sie ist schon im Kleinkindalter ein Wildfang. Mit der Schule fangen die Probleme so richtig an. In den Teeniejahren läuft es aus dem Ruder. Rebekka beginnt, Drogen zu konsumieren und lässt keine Party aus. Sie rebelliert und landet im Heim. Ein Selbstmordversuch misslingt. Bei den Männern findet sie nicht, was sie sucht. Die Abwärtsspirale dreht sich unaufhaltsam weiter, bis an Weihnachten 2011 ein neues Licht über ihrem Leben aufgeht.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2014
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DORIS SMONIG-KLAUSER
Eine wahre Lebensgeschichte
Verlag Netzwerk Schweiz
Dieses Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung ausserhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Quellen:
Bibelzitate stammen aus «Hoffnung für alle»
Die Bibel, 1. Auflage der revidierten Fassung, Brunnen Verlag Basel, 2002
© Copyright:
Netzwerk Schweiz, CH-5000 Aarau
Oktober 2014
Verlag und Herausgeber:
Netzwerk Schweiz
Frey-Herosé-Strasse 25
CH-5000 Aarau
Tel. +41 – (0)62 – 832 42 32
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Auslieferung Buchhandel: profimedia
profimusic gmbh
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CH-6874 Castel San Pietro
Tel: ++41 (0) 91 630 29 28
www.profimedia.ch
Autorin: Doris Smonig-Klauser
Gestaltung, Satz: fortissimo : think visual, 8820 Wädenswil
Druck: Jordi AG, CH-3123 Belp
Printed in Switzerland
ISBN: 978-3-90913-131-0
Inhalt
Berge mögen einstürzen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir wird nie erschüttert, und mein Friedensbund mit dir wird niemals wanken. Das verspreche ich, der Herr, der dich liebt!
Rebekka und ihr Töchterchen empfangen mich in ihrer gemütlichen Wohnung in Basel. In den folgenden Stunden tauchen wir in eine Geschichte ein, die kaum in 29 Jahre passt. Mobbing und Suizidversuch. Erziehungsheim und Ausbüxen. Erste Liebe und Männergeschichten. Drogen und Dämonen. Doch Rebekkas blaue Augen blicken heute klar. Vieles bereut sie. Sie hat einen neuen Weg gewählt und geht ihn mit bewundernswerter Standhaftigkeit.
Rebekkas Eltern erzählen ihre Version. Ihre Tochter stürzt ab. Viel Elend und Trauer, aber auch unendlich viel Hoffnung und Trost sprechen aus ihren Erlebnissen.
Gewisse Namen haben wir aus Personenschutzgründen geändert. Bei einzelnen Szenen habe ich die Details etwas ausgeschmückt, um den Lesefluss zu gewährleisten. Abgestürzt und aufgefangen – Rebekkas Leben ist ein starkes Zeugnis davon, wie Gott ein zerstörtes Leben auf festen Grund stellen kann.
Doris Smonig-Klauser, AutorinKAPITEL 1
In der Wohnung meiner Eltern roch es seltsam. Frau Kaufmann aus dem Parterre hatte mir die Haustür geöffnet. Vom Treppenhaus aus war ich ins Zimmer meines Bruders gelangt, durch die Tür, die auf den Flur hinaus führt. Sie war selbstverständlich immer abgeschlossen, aber ich hatte genug Kraft, sie einzudrücken. Ich durchquerte also Nils’ Zimmer, ging durchs Bad und stand im Entrée. Vaters Hausschuhe standen fein säuberlich an ihrem Platz, die spiessigen Zimmerpflanzen in der Fensternische, Mutters Schal am Haken. Draussen hörte ich meine Kollegen. Die Wohnung war leer, meine Eltern waren in den Ferien. Da, wo ich jetzt auch hätte sein sollen, auf irgendeiner griechischen Insel. Wie öde.
«Mach endlich auf, Rebi!», riefen sie von draussen und klopften an die Haustür. Ich schloss auf und meine Freunde polterten herein, geradewegs ins Wohnzimmer. Mein Vater wäre durchgedreht, der Erbsenzähler. Meine Mutter hätte einen Schreikrampf bekommen. In der Küche suchten wir nach etwas Essbarem, aber im Kühlschrank herrschte Ferienstimmung. Eine angefangene Packung Chips und ein paar Kekse stillten unseren grössten Hunger. Doch wir brauchten etwas Währschaftes, also schaute ich im Vorratsraum nach.
Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, dröhnte Musik aus Vaters Boxen. Marc lümmelte auf Mutters Couch. Nina legte ihre schwarzen Stiefel aufs Tischchen und begann die Nägel zu feilen.
«Hast du was gefunden? Was Hochprozentiges?», fragte Pascal und zog sich die Schirmmütze tiefer ins Gesicht. Einen Moment lang meldete sich bei mir das schlechte Gewissen. Aber nur für einen Augenblick. Dann schob ich die Gedanken an meine Mutter, wie sie auf dem Sofa sass und häkelte, beiseite. Auch das Bild meines Vaters, die Zeitung vor sich, drängte ich aus meiner Erinnerung. Ich lebte im Jetzt. Dies war auch mein Haus. Hier konnte ich tun und lassen, was ich wollte.
In diesem Moment klingelte das Telefon. «Für dich, Rebi! Geh schon ran!», rief Tom und grinste übers ganze Gesicht. Ich zögerte. Wer das wohl sein mochte? Bestimmt meine Eltern mit einem Kontrollanruf. Ich nahm nicht ab. «Hallo, guten Tag», hörte ich plötzlich Tom in den Hörer säuseln. Mir stockte der Atem. «Gib her!» Und ich riss ihm das Telefon aus der Hand. «Ach, Paps, du bist es!» Ich deutete meinen Freunden, leise zu sein. Doch ohne Erfolg. «Ja, ich bin zuhause. Alles ist gut ... Nein! Jetzt hört doch endlich auf. Ich brauche keinen Babysitter! Lasst mich in Ruhe!» Ich legte auf und dann lachte ich. Ich lachte und krümmte mich und wir alle lachten.
***Barbara schob ihre Hand in die von Martin und gemeinsam spazierten sie Richtung Küste. Der Wind zerrte an ihren Haaren und T-Shirts. Es war still zwischen ihnen. Doch ihre Gedanken fuhren Karussell. Was Martin an diesem Nachmittag bei seinem Anruf zuhause erfahren hatte, lag ihnen wie Blei im Magen. Rebekka, ihre jüngste Tochter, war allein zuhause. Oder eben doch nicht allein. Rebekkas zwielichtige Kumpane bevölkerten ihr Haus. Wie fremd sie geklungen hatte! Diese Stimme – ihr kleines Mädchen. Sie war doch erst fünfzehn. Wie hatte es nur so weit kommen können!
Barbara konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Beim Olivenhain blieben sie stehen. Martin legte die Arme um seine Frau und sie lehnte sich an ihn.
Ein paar Schritte weiter öffnete sich die Bucht. Endlos und ruhig wie ein blauer Teppich breitete sich das Meer vor ihnen aus. Knorrige Olivenbäume und gelb blühende Ginstersträucher – dann Blau, nur Blau. Sie suchten einen Platz auf den Felsen und setzten sich. Langsam senkte sich Ruhe auf sie herab.
«Weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas können uns von der Liebe Gottes trennen», zitierte Barbara leise eine Stelle aus der Bibel. Sie hatten soeben in der Andacht von dieser Gottesliebe, wie sie im Römerbrief beschrieben wird, gehört. Wie gut, dass sie in diesem Urlaub nicht ganz alleine waren. Sie nahmen an einer christlichen Freizeit teil und konnten mit anderen über ihre Sorgen sprechen, sich beraten lassen und natürlich gemeinsam beten.
Martin atmete den Geruch des Meeres tief ein, bevor er sagte: «Unsere Rebekka ... Wie konnte es nur so weit kommen? In der Oberstufe ging es doch am Anfang noch gut.» Barbara überlegte einen Moment lang. «Schon. Aber denk doch, wie es schon in der ersten Klasse schwierig
war. Weisst du noch, wie sie Laura verprügelt hat?» Ein Schmunzeln erschien auf Martins Gesicht. «Die Lehrertochter sollte man besser in Ruhe lassen!» Sie schauten sich an und dann schmunzelten beide, trotz Tränen in den Augen. Das war der erste Anruf gewesen, der ihre Tochter betraf. Von da an war nichts mehr gewesen wie vorher. Schwierigkeiten beim Rechnen. Streit auf dem Pausenplatz. Besorgte Eltern von Schulfreunden am Telefon ... «So vieles wird jetzt klar, wo wir wissen, dass sie ADS hat. Das hätte uns viel Ärger erspart damals.» Rebekka war von klein auf ein Wildfang gewesen. Abenteuerlustig, immer auf Achse, laut, eigenwillig, hatte sie immer dem grossen Bruder nachgeeifert. Nils, fünf Jahre älter als Rebekka, liess sich gern von der kleinen Schwester provozieren. «Ob sie doch zu kurz gekommen ist neben Lisa?» Rebekkas Schwester, drei Jahre älter, war zerebral gelähmt, also körperlich und geistig behindert. «Weisst du noch, wie Rebekka mit dem blutenden Kopf vom Wald heimkam?», sinnierte Barbara weiter. «Das war schrecklich! Nils hatte sie gewarnt, doch sie machte das Feuer ausgerechnet unter der Baumhütte, auf der die Jungs hämmerten ...» «Das Brett ist ihr voll auf den Kopf geknallt. Der Bauer hat sie heimgebracht. Er hatte sie schreien hören.» Der Bauer, der direkt neben ihnen wohnte, ausserhalb von Herisau, mitten auf den Wiesen, da, wo die Welt noch in Ordnung war. «Hier ist eure Pippi Langstrumpf!, hat er gesagt. Unsere Pippi Langstrumpf ...» Martins Augen bekamen einen samtenen Glanz.
KAPITEL 2
Ich hatte mich nie zugehörig gefühlt. Bis ich Tom kennen lernte. Tom ging in die neunte Klasse und war cool drauf. Er war mit seinen Kumpels immer beim Veloständer anzutreffen. Vor der Schule, in der Pause und nach der Schule. Dort kräuselte sich weisslicher Rauch zwischen den Büschen.
«Magst du auch mal probieren?», rief er mir zu, als ich in der siebten Klasse war und soeben mein Velo aus dem Ständer holte. Ich war sauer. Janine und Sandrine hatten wieder einmal die ganze Klasse gegen mich aufgehetzt. Ausgerechnet diese zwei, wir waren früher ein Dreamteam gewesen, ein super Trio, gleichermassen beliebt und gefürchtet im ganzen Schulhaus.
«Okay, warum nicht ...» Ich liess mein Fahrrad stehen und schlenderte lässig zu Tom und den anderen der Clique. Das war der Anfang meines neuen Lebens gewesen und bereits über ein Jahr her. Jetzt gehörte ich dazu. Ich war sozusagen ein Vollmitglied der «Hängers», wie wir uns nannten. Wir lungerten im Park hinter der Kirche herum. Oder kifften beim Sportplatz. Am Abend sassen wir zusammen, sprachen über Gott und die Welt. Natürlich tranken wir, nicht wenig. Wir hatten’s gemütlich, tranken und kifften die halbe Nacht. Meine Eltern wollten, dass ich um elf zuhause war. Aber da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ich kannte nämlich einen Trick. Wenn ich so um elf heimkam, meldete ich mich kurz bei den Eltern. Dann verschwand ich in meinem Zimmer und kletterte dort aus dem Fenster! Jedes Mal zitterten meine Knie, denn wir wohnten im vierten Stock! Das alte Appenzeller Haus hatte glücklicherweise ein vorstehendes Dach mit einem Schneelawinengeländer. Diesem Geländer entlang kroch ich übers Dach, hangelte mich um die Hausecke herum und stieg durchs Flurfenster zurück ins Treppenhaus. Es war schon ein bisschen gefährlich, so etwa auf zehn Metern Höhe! Der Rückweg war noch eine Spur abenteuerlicher. Wenn ich nämlich vor dem Morgengrauen wieder zurückkam, Treppe hoch, durchs Flurfenster aufs Dach und hoch oben zu meinem Zimmerfenster balancierte, war ich nicht mehr nüchtern … Als ich ein wenig älter war, blieb ich gleich bei Pascal. Pascal war bereits zwanzig und lebte in einer Zweizimmerwohnung. Bei ihm gab es immer ein paar Matratzen, die mir bequemer schienen als das Bett in meinem alten Kinderzimmer. Alle paar Wochen fuhren wir nach St. Gallen. Im Smart Shop deckten wir uns mit Cannabis ein. Pascal hatte immer ein wenig Geld, um die Ware zu bezahlen. Natürlich wollte auch ich etwas zu unserem «Familienunterhalt» beitragen. Das war nicht schwierig, denn ich wusste ja, wo meine Eltern das Geld aufbewahrten ... Ich hatte also endlich eine neue Familie gefunden! Hier konnte ich sein, wie ich wirklich war. Bei diesen Leuten fühlte ich mich angenommen und akzeptiert. Da jammerte keiner an mir herum und machte mir Vorschriften. Genau so hatte ich mir mein Leben vorgestellt: Uneingeschränkt, grenzenlos. Ich war fünfzehn und war endlich frei! «Hast du nicht noch etwas Leckeres in deinem Vorrat», fragte mich Pascal in diesem Moment im Wohnzimmer meiner Eltern. Mir fiel ein, dass ich in meinem Kleiderschrank noch Pilzli versteckt hielt. Ich überliess meine Freunde ihrem Bier – ich hatte tatsächlich zwei Karton Bier, ein paar Konserven mit Tomatensauce und zwei Pack Spaghetti im Vorrat gefunden. Nina und Kevin hantierten in der Küche, während die anderen das Wohnzimmer vollrauchten. Ich ging zu meinem Zimmer. Auf dem Pult lagen die Schulsachen. In knapp zwei Wochen würde ich all diesen Plunder wieder brauchen. Es war mir klar, dieses letzte Schuljahr würde ich noch irgendwie hinter mich bringen. Dann war das Kapitel Schule endgültig abgeschlossen und ich konnte meinem Traum nachgehen: Maskenbildnerin beim Theater! Das passte zu mir. Neben dem Pult stand mein Spiegel. Ich hatte ihn zum neunten Geburtstag geschenkt bekommen. Damals wollte ich noch wie ein Junge sein. Vielleicht hofften meine Eltern, eine brave Prinzessin aus mir zu machen? Weisser verschnörkelter Rahmen, ein typischer Mädchenspiegel eben. Wie lange das her war! Jetzt blickte mir aber kein kleines Mädchen mehr entgegen. Ich war eine neue Rebekka. Grosse Augen, hellblau wie ein Bergsee. Ich hatte sie mit Kohlestift schwarz umrandet, was sie noch besser zur Geltung brachte. Die Haare hatte ich dunkel getönt, das passte zu mir und meinem Style. Sie waren schulterlang und fielen mir über Stirn und Wangen. Die vollen Lippen hatte ich von Paps. Ein hübscher Schmollmund. Vor allem jetzt, wo ich ihn knallrot anmalte. Ich liebte es, mich zu schminken und zu verwandeln. Mit wenigen Handgriffen konnte ich aus einem braven Schulmädchen eine dramatische Punkerqueen zaubern.
KAPITEL 3
Der Wind hatte etwas nachgelassen, als Barbara und Martin zurück zum Hotel spazierten. Ihre Gedanken drehten sich noch immer im Kreis. Bilder aus den letzten Jahren zogen wie Nebelschwaden durch ihren Sinn. Rebekka, wie sie im rosa Röckchen am Jugendfestumzug teilnahm. Martin wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, als er daran dachte, wie sie sich zu ihm umgedreht und ihm zugewinkt hatte. Ein süsses Mädchen, so klein, so unschuldig, so rein.
«Ich glaube, schon in der ersten Klasse hat mir Rebekka einmal Geld aus dem Portemonnaie geklaut.» Barbara flüsterte nur. «Sie war einfach speziell. Sie war einfach anders. Strafen, loben, belohnen. Nichts hat bei Rebekka gewirkt. Sie war einfach Rebekka.»
«Ja, da hast du recht. Sie ist einfach Rebekka.»Martin trat mit dem Fuss gegen einen Stein und stiess ihn auf dem Gehweg, der zwischen Kakteen und Ginster zurück zum Hotelpark führte, vor sich her. In den Platanen kreischte ein Vogel. Ein anderes Pärchen, das sie aus dem Hotel kannten, kam ihnen entgegen und sie grüssten sich kurz.
«Mir stellt es fast die Luft ab, dass wir nicht sehen, was sie tut!», sagteBarbara in die Stille hinein, die sich auf sie gesenkt hatte. «Ich weiss, mir geht es genauso. Wie oft bin ich abends nochmals aus dem Bett gekrochen und habe sie gesucht. Auch wenn ich sie nicht heimholen konnte, ich wusste, wo sie war. Dieses Wissen, sie lebt, sie ist noch, hat mir gereicht, dass ich nachher schlafen konnte», sinnierte Martin. «Du hast sie aber nicht immer gefunden. In ganz Herisau hast du sie manchmal gesucht und nirgends gefunden. Wo war sie dann nur?», Barbara blieb einen Moment still. «Letzthin hast du sie doch wieder einmal heimgebracht. Sie wollte nicht, kam dann aber trotzdem mit. Wo hast du sie aufgegabelt?», versuchte Barbara sich zu erinnern. «Hinter der Kirche, da sassen sie auf den Bänken und machten einen Heidenlärm. Ich musste mich überwinden, in die Gruppe zu treten. Ich hab sie ganz einfach am Arm genommen und gesagt: «Rebekka, komm, wir gehen heim.» Es hat mich erstaunt, dass sie nicht voll die Szene gemacht hat. Irgendwie trottete sie neben mir her und ich brachte sie in ihr Zimmer. Eigentlich schon noch speziell … Sie lässt sich ja sonst gar nichts mehr sagen.» «Vielleicht ist sie auch müde. Vielleicht erschöpft sie dieses Leben mehr, als ihr lieb ist. Fünfzehn, meine Güte, was ich mit fünfzehn noch für ein Baby war», entgegnete Barbara und fuhr fort: «Ich bin froh, dass wir noch vor den Ferien die Behörden eingeschaltet haben. Das nimmt uns doch ein wenig von der Verantwortung ab.» Martin nickte und schloss das Tor zur Parkanlage auf. Barbara hatte vor den Herbstferien den Schritt aufs Sozialamt gewagt. Nachdem Rebekka auch ihre letzte Chance vertan hatte, war das Fass übergelaufen. Ihre Eltern kapitulierten. Sie hatten gemeinsam beschlossen, die Behörden einzuschalten. Das erstaunte Gesicht der Sozialbeamtin würde Barbara nicht mehr so schnell vergessen. «Wie bitte, es geht um Ihre eigene Tochter?», hatte sie mit grossen Augen gefragt. Normalerweise waren es die Behörden, die die Eltern dazu bringen mussten, etwas zu unternehmen, wenn ihre Kinder abstürzten. «Ja, um Rebekka. Sie entgleitet uns. Es geht nicht mehr. Wir haben die Kontrolle absolut verloren.» Umgehend wurde der Sozialarbeiter eingeschaltet, ein netter Typ, der gut auf Teenager eingehen konnte. Für Barbara war dieser Schritt, obwohl er ihren Stolz als Eltern verletzte, eine grosse Befreiung gewesen. Endlich war die Last verteilt. Andere Schultern trugen mit. Sie und Martin konnten ein wenig aufatmen. Sie hatten sich darum auch entschieden, ohne Rebekka in die Ferien zu fahren. Zum vereinbarten Zeitpunkt war sie einfach nicht aufgetaucht. Eine halbe Stunde später immer noch nicht. In Pascals Wohnung war sie auch nicht, dort hatten sie noch kurz angehalten und geklingelt. Einmal war genug Trouble Shooting, so hatte es Martin formuliert.
KAPITEL 4
Zwischen der Unterwäsche fand ich das Säckchen mit den getrockneten Pilzen. Ich hatte es bei unserem letzten Einkauf in St. Gallen erstanden und hier vor neugierigen Blicken versteckt.
Wir liebten die Wirkung der giftigen Pilze. Dies war jetzt genau der richtige Moment für eine kleine Giftpilzparty! Auf dem Küchenbrett meiner Mutter hackte ich die dünnen, hellbraunen Stängel und Hütchen klein. Nina schüttete die Spaghetti ab und ich streute die Pilze über die Tomatensauce. «Essen ist fertig!», rief Kevin und jeder griff sich eine Gabel und dann assen wir direkt aus der Pfanne. Als ich sah, wie die Tomatensauce auf den hellen Wohnzimmerteppich spritzte, bat ich meine Freunde, besser aufzupassen. Trotz allem mochte ich meine Mutter. Und das hatte sie nicht verdient. Nach dem Essen machten wir es uns gemütlich. Nina hatte ihre Bluse ausgezogen, es war heiss, sehr heiss. Die Jungs lagen auf dem Boden, Tom begann als erster zu kichern.
