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Manchmal spült das Meer die unglaublichsten Überraschungen an Land …
In letzter Zeit hat Romy nur noch Pech. Von heute auf morgen muss sie ihre Wohnung und ihre angrenzende Schmuckwerkstatt verlassen. Vorübergehend zu den Eltern zu ziehen kommt nicht in Frage – seit ihr geliebter Adoptivbruder der Familie den Rücken gekehrt hat, ist das Verhältnis zu ihnen schwierig. Zu viele Fragen sind für Romy offen geblieben. Schließlich landet sie auf Sylt. Bei Strandspaziergängen bläst der Wind ihr wunderbar den Kopf frei, und auf dem Wintermarkt kann sie ihre Schmuckstücke verkaufen. Romy findet die schönsten Muscheln am Strand – und sie trifft auf Ed, der ihrem Bruder zum Verwechseln ähnlich sieht. Hat er vielleicht Hinweise? Und hat das Herzklopfen, das Romy bei ihm empfindet, wirklich nur mit der Aufregung um ihren Bruder zu tun? Mit den Gezeiten scheint sich auch ihr Pech in Glück zu wandeln …
Ein Roman, mitreißend wie ein Wintersturm an der See.
Dies ist der vierte Teil der WINTERknistern-Reihe. Alle Romane können unabhängig voneinander gelesen werden. Es erhöht jedoch das Lesevergnügen, mit dem ersten Band zu beginnen.
Die WINTERknistern-Reihe: Plätzchen, Tee und Winterwünsche; Misteln, Schnee und Winterwunder; Sterne, Zimt und Winterträume; Muscheln, Gold und Winterglück; Vanille, Punsch und Winterzauber; Mondschein, Flan und Winterherzen; Engel, Blues und Winterfunkeln; Pancakes, Samt und Winterglanz.
Lesen Sie auch die Insel- und Gipfelfarben-Reihe von Stina Jensen.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Impressum
Über die Autorin
Wunsch-eBook
Die Winterknistern-Reihe
Das Buch
Prolog
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25
Nachwort
Eine persönliche Bitte
Alle Bücher von Stina Jensen
Leseprobe Sterne, Zimt und Winterträume
Erstausgabe: November 2020
© Stina Jensen
Bahnhofstraße 11
61118 Bad Vilbel
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STINA JENSEN schreibt Insel- und Gipfelromane, romantische Wintergeschichten und Krimis.
Sie liebt das Reisen und saugt neue Umgebungen in sich auf wie ein Schwamm. Meist kommen dabei wie von selbst die Figuren in ihren Kopf und ringen dort um die Hauptrolle in ihrem nächsten Roman. Die Autorin hat ein Faible für authentische Figuren und Geschichten, die genau so passiert sein könnten. Sie mag Familiengeheimnisse und auch ein bisschen Drama. Eben genau das, was das Leben für uns alle bereithält!
Wenn sie nicht verreist, lebt die Autorin mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt am Main.
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Bisher erschienen (Stand 2025):
1. Plätzchen, Tee und Winterwünsche
2. Misteln, Schnee und Winterwunder
3. Sterne, Zimt und Winterträume
4. Muscheln, Gold und Winterglück
5. Vanille, Punsch und Winterzauber
6. Mondschein, Flan und Winterherzen
7. Engel, Blues und Winterfunkeln
8. Pancakes, Samt und Winterglanz
9. Leuchtturm, Scones und Winterliebe
Alle Titel sind in sich abgeschlossene Romane und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Manchmal spült das Meer die unglaublichsten Überraschungen an Land …
In letzter Zeit hat Romy nur noch Pech. Von heute auf morgen muss sie ihre Wohnung und ihr angrenzendes Goldschmiedeatelier verlassen.
Vorübergehend zu den Eltern zu ziehen kommt nicht in Frage – seit ihr geliebter Adoptivbruder der Familie nach einem Streit den Rücken gekehrt hat, ist das Verhältnis zu ihnen schwierig. Zu viele Fragen sind für Romy offengeblieben.
Schließlich landet sie auf Sylt. Bei Strandspaziergängen bläst der Wind ihr wunderbar den Kopf frei, und auf dem Wintermarkt kann sie ihre Schmuckstücke verkaufen. Romy findet die schönsten Muscheln am Strand – und sie trifft auf Ed, der ihrem Bruder zum Verwechseln ähnlich sieht. Hat er vielleicht Hinweise? Und hat das Herzklopfen, das Romy bei ihm empfindet, wirklich nur mit der Aufregung um ihren Bruder zu tun?
Mit den Gezeiten scheint sich auch ihr Pech in Glück zu wandeln …
Ein Roman, mitreißend wie ein Wintersturm an der See.
Manche Menschen glauben an Schicksal. Es gibt noch andere Worte dafür: Vorhersehung, Vorbestimmung, Fügung oder auch, wie ich es bisher immer genannt habe: zufällige Ereignisse, die andere Geschehnisse in Gang setzen. Nichts weiter.
Das war vor dem zweiten Dezember. Doch dann sind ein paar Dinge in meinem Leben geschehen, die mich nicht mehr an Zufall glauben lassen. Es ist zu unwahrscheinlich, dass all diese Vorkommnisse eingetreten sind, ohne dass es so sein sollte. Deshalb möchte ich meine Geschichte erzählen, die sich genau so zugetragen hat. Und die mich hierhergeführt hat. An diesen winterlichen Strand auf Sylt, den die Wintersonne in ein unwirkliches Licht taucht, als wäre alles ein Traum. Ein Traum, in dem ich mich nur schwer fortbewegen kann, so wie hier in meinen Stiefeletten im feuchten Sand. Der Wind treibt mir Tränen in die Augen. Wie immer trage ich keine Mütze.
Ich sehe über meine Schulter hinweg, und schon kommen sie über die Düne auf mich zu. Die Menschen, die mir das Schicksal beschert hat. Einen davon liebe ich so sehr, dass ich mich nicht mehr halten kann und ihm entgegenstakse, um ihm um den Hals zu fallen.
Aber ich wollte ja erzählen, wie es dazu kam, dass das Schicksal mich hierhergeführt hat.
Oder war es doch nur ein Zufall?
Alles begann jedenfalls mit riesigem Pech.
An diesem zweiten Dezember vor vier Wochen dröhnte der Lärm der benachbarten Baustelle zu mir nach oben unters Dach des Frankfurter Jugendstilhauses, in dem ich seit vier Jahren lebte. Morgens um sieben hatten die Bauarbeiter gestartet, mit der Baggerschaufel die Grube für das neue Wohnhaus auszuheben, das neben unserem entstehen sollte. Vorher stand dort ein Gebäude, in dem es Probleme mit Asbest gegeben hatte.
Das Malerviertel, wie sich diese Ecke des Frankfurter Stadtteils Sachsenhausens nannte, ist sehr beliebt bei Besserverdienenden. Es ist nicht weit zum Museumsufer und damit zum Main; es gibt erstklassige Schulen und Kindertagesstätten in der Nähe. Die Anbindung öffentlicher Verkehrsmittel ist optimal.
Unten im Haus lag mein kleines Goldschmiedeatelier mit angrenzender Werkstatt. Als ich dort hinzog, zweifelte ich, ob ich mir das alles auf Dauer würde leisten können, doch es hatte sich gezeigt, dass ich bei der Wahl dieser Location richtig gelegen hatte. Meine potentielle Kundschaft ging jeden Tag am Atelier vorbei. Manche kamen zunächst nur zum Schauen oder Plaudern in den Laden. Aber irgendwann ergab sich ein Geschäft oder eine Weiterempfehlung. Inzwischen hatte ich einen festen Kundenstamm. Und in meiner Wohnung fühlte ich mich pudelwohl – auch wenn der Baulärm mir gerade auf die Nerven ging.
Mein Versuch, das offene Badezimmerfenster zu schließen, scheiterte. Ich rüttelte daran und probierte es erneut. Eigenartigerweise klemmte es heute.
»Hm«, murrte ich ratlos und lehnte den Fensterrahmen nur an, wandte mich zum Waschbecken, um mich für die Arbeit fertigzumachen.
Ich gab jeweils einen Klecks Gesichtscreme auf Nasenspitze, Wangen, Kinn und Stirn. Anschließend verrieb ich alles bis zum Haaransatz. So hatte es meine Mutter früher bei mir gemacht, und ich hatte es bis heute beibehalten. Der Rest der Creme landete auf Hals und Dekolleté – mit vierunddreißig konnte auch dort ein bisschen Pflege nicht schaden, selbst bei meiner dunklen Haut, die fetthaltiger ist als helle.
Gerade war ich im Begriff, mich mit Bodylotion einzureiben, als mein Handy auf dem Ablageschränkchen neben der Toilette vibrierte.
Ich säuberte mir die Finger an einem Handtuch und griff nach dem Gerät.
Was du machst diese Freitagabend, Romy? Anna ist verabredet. :*, las ich.
Ob ich sofort antworten sollte? Oder lieber abwarten? Lange Zeit hatten mich Ennos Nachrichten in freudige Erwartung versetzt, und ich hätte dem Treffen begeistert zugestimmt. Das war, als ich noch daran glaubte, dass Ennos Beziehung zu Anna vor dem Aus stand und er nur auf den richtigen Zeitpunkt wartete, um mit ihr zu reden. Allmählich bezweifelte ich, dass er das wirklich vorhatte. Im Stillen fragte ich mich sogar, ob er mich nicht an der Nase herumführte. Und nicht nur ich fragte mich das, auch meine Freundin Johanna bestärkte mich in dieser Meinung. Dafür sind Freundinnen immerhin da, die unangenehmen Dinge auszusprechen. Einerseits war ich ihr dankbar dafür, andererseits tat es auch weh. Dabei hätte mir Ennos Unentschlossenheit viel mehr wehtun müssen.
Abwartend wog ich das Smartphone in den Händen. Was, wenn ich ihn aus der Komfortzone locken würde? Johanna hatte mir oft dazu geraten, doch ich fürchtete mich davor. Immerhin bezeichnete Enno seine Frau oft genug als furia, eine Zicke, und ich wollte auf gar keinen Fall eine sein. Dabei, so meinte Johanna, war das psychologische Kriegsführung von meinem Freund.
Zögernd tippte ich: Was ist denn aus deinem Versprechen von Anfang des Jahres geworden, dich noch in diesem Jahr von ihr zu trennen?
Es war keinesfalls zickig, sondern bewies meine grenzenlose Geduld, denn immerhin war es schon Anfang Dezember. Aber ich ahnte ohnehin, was er mir darauf antworten würde. Dass es beruflich kein einfaches Jahr für ihn gewesen sei und dass eine Trennung kein Pappenstiel war, allein finanziell. Und dass es uns doch gutging, so wie es war.
Ihm vielleicht. Manchmal wünschte ich mir verzweifelt, wir wären uns nie begegnet. Dabei hatte das Schicksal uns sogar zwei Mal zueinander geführt. Beim ersten Mal stand ich am Anfang meiner Ausbildung. Ich war gerade zwanzig geworden, träumte davon, zu Hause auszuziehen, und bekam von meinen Eltern einen Kochkurs für zwei geschenkt. Der Kurs hieß »Genial italienisch«, ich nahm eine Freundin mit. Enno war unser Lehrer. Ein leidenschaftlicher Hobbykoch – die Stelle bei der VHS war eigentlich eine Vertretung. Bei seinem Anblick flatterten von der ersten Sekunde an Schmetterlinge in meinem Bauch. Obwohl er fünfzehn Jahre älter war, gehörte er damals schon für mich zu dieser Sorte Männer, nach denen ich mich heimlich umdrehte. Seine Augen leuchteten, wenn er sprach. Enno war schlank, hatte lockiges Haar und eine klassische Nase. Man sah ihm das römische Blut sofort an. Er spielte regelmäßig Tennis und fuhr ein altes italienisches Cabriolet, in dem es im Winter so kalt war, dass die Scheiben von innen gefroren – so seine sehr bildreiche Beschreibung. Seine Hände unterstrichen jedes seiner Worte, und wenn er mit jemandem ins Gespräch vertieft war, dann berührte er ihn am Arm oder an der Schulter, um seiner Sprache mehr Kraft zu verleihen.
Jedenfalls entbrannte zwischen uns ein heftiger Flirt. Es war bald ziemlich auffällig, dass er sich meistens bei mir und meiner Freundin aufhielt und er uns bevorzugte. Eines Tages beschwerte sich eine andere Teilnehmerin bei der VHS-Leitung, und Enno bekam einen auf den Deckel. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits wild entschlossen, ihn privat zu treffen und mit ihm zu schlafen. Das ungelenke Gefummel Gleichaltriger hatte ich satt, ich wollte einen reiferen Mann. Doch Enno zog buchstäblich den Schwanz ein und verhielt sich fortan ausschließlich professionell. Als ich ihn fragte, was los sei, sagte er, er habe eingesehen, ich sei viel zu jung für ihn. Ich war verletzt und litt unter Liebeskummer. Doch wie das meistens so ist: Schließlich vergaß ich ihn.
Erst zwölf Jahre später sollte ich ihn wiedertreffen. Das war jetzt fast zwei Jahre her. Allerdings war er bei dieser neuen Begegnung nicht allein. Ausgerechnet mit seiner zukünftigen Frau kam er in mein Atelier. Die beiden wollten mich mit dem Entwurf ihrer Trauringe beauftragen. Mir wurde regelrecht schwindelig, als ich ihn erkannte – und wie ich an dem erstaunten Aufleuchten seiner Augen sehen konnte, ging es ihm genauso. Sofort loderte da dieses alte Feuer zwischen uns. Und eines war klar: War ich ihm damals vielleicht zu jung gewesen, diesmal war ich genau richtig.
Anna hörte unserem Gespräch, in dem es natürlich erst mal um den damaligen Kochkurs ging, lächelnd zu, schien sich darüber zu freuen, dass ihr Verlobter und ich alte Bekannte waren. Immerhin, so dachte sie vielleicht, würde ich mir dann mit ihren Ringen besonders viel Mühe geben.
Während ich die ersten Entwürfe zeichnete, drehten sich meine Gedanken um diesen Mann, dessen italienischer Singsang mir wie früher in den Ohren nachklang. Wir hatten verabredet, dass das Paar in einer Woche zum Anschauen der Skizzen vorbeikommen würde, doch Enno kam allein. Anna ginge es nicht so gut, sie hatte ihm gesagt, er sollte die Vorschläge ohne sie abholen. Ich bereitete uns einen Kaffee zu, und wir plauderten weiter. Dabei klopfte mir das Herz bis in den Hals.
Beim Abschied zog er mich an sich, und wir küssten uns zum ersten Mal. Danach verließ er hastig das Atelier. Ich blieb zurück, als hätte mich der Blitz getroffen. Die unterschiedlichsten Gefühle tobten in meiner Brust. Zum einen war Enno mein Kunde, und Kunden waren grundsätzlich tabu. Außerdem war er mit einer Frau zusammen, die er demnächst heiraten würde. Und als seine Verlobte mich nur einen Tag später anrief und ihre Begeisterung für meine Entwürfe zum Ausdruck brachte, mich obendrein mit den Ringen beauftragte, nahm ich mir fest vor, Enno sofort wieder zu vergessen. Immerhin war mir das schon mal gelungen.
Doch so easy war das nicht. Die Gedanken an ihn besetzten meinen Geist wie eine Krankheit. Als die Ringe fertig waren, holten er und Anna sie gemeinsam ab. Normalerweise gebe ich den Paaren bei dieser Übergabe einen Sekt aus. Ich tauche das Atelier in ein romantisches Licht und präsentiere den Schmuck auf einem roten Samtkissen. Dazu überreiche ich dann dezent die Rechnung. Auch diesmal zog ich die Sache durch, aber ich dachte an nichts anderes als an diesen Kuss. Und Enno starrte andauernd auf meine Lippen.
Bei der Verabschiedung schwor ich mir erneut, ihn nie wiederzusehen.
Sechs Monate später klopfte es eines Abends an die Eingangstür des Ateliers. Ich war in meiner Werkstatt, die an den Laden grenzt, legte eine begonnene Arbeit beiseite und ging zur Tür.
»Ciao«, sagte Enno und sah mich unverwandt an.
»Komm doch rein«, erwiderte ich.
Enno war ein fantastischer Liebhaber. Noch nie hatte ein Mann sich im Bett so um mich gekümmert wie er. Er wäre niemals nach Hause gegangen, ohne dass ich befriedigt war. Das ging jetzt seit anderthalb Jahren. Seitdem wartete ich auf den Moment, dass er ihr von mir erzählen würde. Dass er sich zu seinen Gefühlen für mich bekannte. Auch wenn Anna mir leidtat und ich Schuldgefühle hatte, das schon. Vielleicht liebte sie ihn.
Seufzend löschte ich meine fordernde Nachricht, in der ich ihn an sein Versprechen erinnerte – ich traute mich nicht.
Frustriert legte ich das Handy wieder zurück und schlüpfte in Unterwäsche, Jeans und einen zartgelben Wollpullover; zum Abschluss knetete ich Öl in mein schulterlanges Haar. Meine Naturkrause habe ich von meinem Vater geerbt, der aus Ghana stammt. Enno liebte es, seine Finger in meinem Haar zu versenken und mein Gesicht zu betrachten, von dem er meinte, es erinnerte ihn an das einer Porzellanpuppe. Dabei weiß ich gar nicht, ob es dunkelhäutige Porzellanpuppen überhaupt gibt.
In diesem Moment schlug die Uhr an der benachbarten Bonifatiuskirche zehn.
Ich musste los! Vormittags hielt ich mein Atelier immer für zwei Stunden geöffnet, nachmittags noch einmal. Dazwischen arbeitete ich in der Werkstatt. Heute musste ich dringend mit einer Auftragsarbeit vorankommen. Ein Verlobungsring – diese und Trauringe waren meine Haupteinnahmequelle. Der Mann, der ihn in Auftrag gegeben hatte, wollte seiner Freundin an Heiligabend den Antrag machen.
Glücklicherweise hatte mein eigenes Liebeschaos mir nie die Freude am Glück anderer genommen. Es bereitete mir noch immer wahnsinnig viel Spaß, durch meinen Schmuck zwischen zwei Liebenden eine Verbindung zu schaffen.
Melde mich später, muss jetzt los, tippte ich an Enno und versuchte abermals, das Badezimmerfenster zu schließen. Der Staub aus der Baugrube zog herein. Aber es klemmte noch immer. Wenigstens legten die Arbeiter eine Pause ein; die Baggergeräusche waren verstummt.
Enno schickte zur Antwort einen Kussmund. Gleich würde er den Chatverlauf in seinem Handy löschen. In seinen Kontakten war ich unter Romy Mensah, Goldschmiedin Sachsenhausen eingespeichert. Anna würde darüber keinen Verdacht schöpfen.
Aus der Ferne näherte sich ein Martinshorn. Dank nahegelegener Feuerwache und Krankenhaus ging das manchmal den ganzen Tag.
Ich griff nach der Kaffeetasse und stellte sie zu dem anderen Geschirr in die Küchenspüle. Im Flur schlüpfte ich in Stiefeletten, zog für den kurzen Weg zum Atelier eine Strickjacke über und rückte eine Falte im Teppich gerade. Ein handgeknüpfter aus Ghana. Mein Blick fiel auf die kleine Ahnengalerie mit Schnappschüssen von Papas Geschwistern und deren Sprösslingen. Es gab auch ein paar Fotos von Mama mit meinen Großeltern. Opa stammte aus dem Allgäu, er trug noch immer jeden Tag seinen Hut mit Gamsbart. Zwei Bilder zeigten meine Eltern, meinen drei Jahre jüngeren Adoptivbruder Atti und mich aus glücklicheren Zeiten.
Mein Bruder hatte uns vor über einem Jahr plötzlich den Rücken gekehrt, und ich vermisste ihn seither entsetzlich. Ich wusste nicht einmal, wieso er alle Zelte hinter sich abgebrochen hatte. Es musste einen schrecklichen Streit zwischen ihm und unseren Eltern gegeben haben, danach sah ich ihn nur noch einmal und hatte seitdem nichts mehr von ihm gehört. Immer wieder fragte ich mich, wo er bloß stecken mochte und ob er überhaupt noch am Leben war.
Seufzend schüttelte ich die Gedanken an meinen geliebten Bruder ab und schlüpfte endlich aus der Wohnungstür ins Treppenhaus, betrat die erste Stufe, die heute knarrte. Genauso wie die nächsten, die ich auf meinem Weg hinab nahm. Offenbar kam das Haus allmählich in die Jahre.
Das Martinshorn war nun laut zu hören, so, als hielte die Polizei auf unsere Straße zu. Ich spähte aus dem Treppenhausfenster. Was war da unten eigentlich los? Eine Menschentraube hatte sich auf dem Bürgersteig gegenüber gebildet, alle starrten nach oben. Schon hörte ich Stimmen aus dem Parterre zu mir heraufschallen. Aufgeregte Rufe. Direkt vor der Scheibe kam ein Leiterwagen der Feuerwehr zum Stehen. Himmel. Brannte etwa unser Gebäude? Aber dann hätte ich doch den Qualm gerochen! Das Herz in meiner Brust trommelte wie verrückt. Schon oft hatte ich mich gefragt, was den Menschen in den letzten Minuten ihres Lebens durch den Kopf gehen mochte. Wenn sie realisierten, dass sie aus einer Situation nicht mehr lebend herauskamen. Wie fühlte man sich in einem Auto, das auf nasser Straße ins Schleudern kam und wenn der Betonpfeiler auf einen zuraste? Oder in einem abstürzenden Fahrstuhl? In einem brennenden Tunnel? Oder wenn ein Haus in Schieflage geriet. War es das, was hier geschah? Hatte deshalb mein Fenster geklemmt?
Alarmiert hetzte ich nach unten. Im Erdgeschoss drängte jemand die sechsundachtzigjährige Mieterin, umgehend das Haus zu verlassen. Von draußen ertönte eine Megafondurchsage, mit der die Bewohner des Gebäudes mit der Nummer siebzehn aufgefordert wurden, alles stehen und liegen zu lassen.
Endlich war ich unten. Zusammen mit der alten Frau, die noch im Morgenmantel und in Pantoffeln steckte, trat ich aus dem Haus, hakte sie ein und half ihr auf die gegenüberliegende Straßenseite.
Von dort wanderte mein Blick die Hauswand hinauf. Ein Riss zog sich vom Dachgebälk einmal quer über die Fassade. Von ihm splitterten zahlreiche weitere Spalten nach oben und unten ab. Wie ein Blitz, der ins Gebäude gefahren war.
Entsetzt wandte ich den Kopf zur Eingangstür des Ateliers. Im Gegensatz zum benachbarten Bestatter, dessen Fensterfront an die Baugrube grenzte, lag mein Laden an der anderen Hausecke neben einer Hofeinfahrt. Diese Seite des Hauses sah unbeschädigt aus.
Eben wurden alle Bewohner von der Feuerwehr aufgefordert, sich ein paar Häuser weiter hinter eine Absperrung zu begeben, die soeben gespannt wurde. Wie betäubt trottete ich zusammen mit den anderen dorthin. Alle redeten durcheinander. Das Haus müsste sich »gesetzt« haben. Ob man das wohl noch mal richten könnte? Ob wir noch ein paar Sachen retten dürften? Eine Frau weinte bitterlich, malte den Teufel an die Wand, wir hätten alles verloren. Sie hätte doch den ganzen wertvollen Schmuck einer Erbtante bei sich in der Wohnung. Den würde ihr doch niemand ersetzen, wenn das Haus in sich zusammenfiel. Und wo man jetzt unterkommen sollte – über Weihnachten würden die doch garantiert nicht mit der Sanierung beginnen.
Ihre Panik übertrug sich auf mich. Mein Atelier!
In meiner Handtasche kramte ich nach dem Schlüssel. Ob ich mich einfach hineinschleichen sollte? Hilfesuchend wandte ich mich an einen Herrn vom Technischen Hilfswerk. Noch könnte man nichts Genaues sagen, beantwortete er meine Frage, ob ich ein paar Arbeitsutensilien und wertvolle Materialien retten dürfe; zuerst müsse wegen der Statik das Haus abgestützt werden. »Sicherheit geht vor!«
Die Menschen aus den umliegenden Häusern luden uns ein, uns in ihren Wohnungen aufzuwärmen, was meine alte Nachbarin dankend annahm. Jemand verteilte Tee an die, die draußen warten wollten. Inzwischen war auch unser Vermieter, Herr Wenzel, eingetroffen, er versprach, uns auf dem Laufenden zu halten. Jetzt sollten wir erst einmal schauen, wo wir vorübergehend unterkommen könnten. Sein Gesicht leuchtete rot, als stünde er kurz vorm Kollaps.
Ich rief meine Eltern an, die in einem nahegelegenen Stadtteil wohnten, und berichtete ihnen von der Katastrophe. Sie sagten, ich sollte mich auf den Weg zu ihnen machen, das könnte noch Stunden, wenn nicht Tage dauern, bis ich wieder ins Haus dürfe. Irgendein Bekannter hätte schon mal etwas Ähnliches durchgemacht.
Bald darauf saßen wir in ihrer Küche zusammen und gaben uns weiteren Spekulationen hin. Ich stand unter Schock. Fühlte mich so erschöpft, als hätte ich die Nacht durchgefeiert. Fest stand, dass ich ein paar Tage bei ihnen unterkommen musste, bis ich eine Ersatzwohnung finden würde. Oder ein Zimmer in einer WG.
»Du kannst so lange hierbleiben, wie du möchtest«, bot Mama an.
Doch das wollte ich nicht. Zu vieles stand nach Attis Verschwinden zwischen uns. Sobald ich mit meinen Eltern über meine Ängste um ihn sprechen wollte, blockten sie ab. Auch wenn feststand, dass etwas zwischen ihnen vorgefallen sein musste, bevor er verschwand – sie wollten mir partout nicht sagen, worum es sich handelte. Ich war zu jenem Zeitpunkt im Urlaub auf Korfu gewesen. Atti tauchte danach zunächst nur für eine Woche unter. Durch Nachfragen bei seinem Chef – Atti hatte Masseur gelernt und war in einer Massagepraxis angestellt – erfuhr ich später, dass mein Bruder dafür sehr kurzfristig eine Woche Urlaub beantragt hatte, um nach seiner Rückkehr völlig unvermittelt zu kündigen und um sofortige Freistellung zu bitten.
In jenen Tagen kam er auch zu mir, die ich davon damals noch nicht das Geringste ahnte, und bat mich um Geld. Es sei für einen guten Zweck, sagte er. Natürlich wollte ich wissen, wofür genau und weshalb er sich so seltsam benahm, denn er tigerte die ganze Zeit rastlos in meinem Wohnzimmer hin und her. Und dann – bevor er zu einer Erklärung ansetzen konnte – klingelte mein Handy. Ausgerechnet. Es war Enno, der sich ja höchst selten telefonisch bei mir meldete. Ich bat Atti, kurz zu warten, aber er gab mir ein Zeichen, er müsse los. Drängte, ich solle ihm das Geld sobald wie möglich überweisen, ich bekäme es zurück.
Wie hätte ich ahnen können, dass es das letzte Mal war, dass ich ihn sah? Ich überwies ihm das Geld, dachte ja, wir sprechen noch einmal ausführlich darüber. Würden vielleicht sogar einen Rückzahlungsplan oder etwas Ähnliches vereinbaren. Doch nachdem er sich ein paar Tage lang nicht gemeldet hatte, kam mir das alles komisch vor. Ich schickte ihm Nachrichten, ob alles okay sei. Keine Antwort.
Meine Eltern wussten angeblich auch nichts Näheres.
Schließlich erhielt ich eine Message von meinem Bruder, bis heute die letzte.
Hi. Danke für die Kohle. Wollte nur sagen, ich bin dann weg. Ich fange ein neues Leben an, ist besser so. Such nicht nach mir, vielleicht melde ich mich irgendwann mal, wenn ich das alles verkraftet hab. Aber vielleicht auch nie. Atti.
Erschrocken schrieb ich zurück, bombardierte ihn mit Fragen, doch Funkstille. Ich rief an, er nahm nicht ab.
Ich leitete die Nachricht an Mama weiter, die mehrere Stunden brauchte, um mir zu antworten, nämlich: Da kann man nichts machen.
Mein Herz raste vor Ratlosigkeit und Furcht. Was ist zwischen euch vorgefallen? Was muss er verkraften??, tippte ich und erntete Schweigen.
Ich fuhr zu Attis Wohnung – einer Zweizimmerwohnung in Bahnhofsnähe – doch sein Name war nicht mehr an der Klingel. Ich läutete trotzdem. Ein junger Typ öffnete mir, ein Student, der sein Glück kaum fassen konnte, wie schnell das mit dieser Wohnung gegangen war. Dem Vormieter hätte er für die Möbel Abstand bezahlt.
Erst dann rief ich auf Attis Arbeit an und erfuhr von der Kündigung. Panisch begab ich mich auf den Weg zum Boxclub, wo er seine halbe Freizeit verbrachte; aber auch dort wusste niemand etwas.
Es dauerte ein paar Tage, bis mir dämmerte, dass er wirklich alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte. Unter seiner Nummer ertönte schließlich die Ansage: kein Anschluss. Natürlich hatte ich auch das Internet nach ihm befragt. Atti heißt wie ich mit Nachnamen Mensah – einer der häufigsten Familiennamen im westafrikanischen Raum. Wenn man nach einem Mann fahndet, dessen Name Charles Kofi Ata Mensah lautet, erhält man unzählige Treffer. Alles, was ich fand, war nutzlos. Und alle Fragen, die ich meinen Eltern stellte, blockten sie weiterhin ab.
Ich verschwieg ihnen allerdings auch etwas. Seit ich Atti das Geld geliehen hatte, war ich finanziell klamm. Von beidem ahnten sie nichts. Zehntausend Euro. Natürlich hätte ich es ihnen sagen und sie um Unterstützung bitten können, aber ich wollte nicht, dass mein Bruder in ihren Augen noch mehr sank. Er hatte es immer so viel schwerer gehabt als ich. Während sie von allem, was ich anpackte, stets begeistert waren und mich unterstützten, verursachte Atti nur Stirnrunzeln und Zweifel. Worüber hatten sie sich diesmal nur so schrecklich überworfen?
Obwohl ich meine Eltern über alles liebe, war unser Verhältnis seitdem angespannt. Ich hätte unmöglich längerfristig bei ihnen wohnen können. Zum Glück meldete sich am späten Nachmittag mein Vermieter und teilte mir mit, ich dürfe zumindest kurzfristig ins Atelier, um die Dinge herauszuholen, die ich für meine Arbeit benötigte. Die akute Einsturzgefahr sei gebannt, doch später würde ein Gutachter entscheiden müssen, wie es weitergehen sollte. Sanierung oder Abriss? Das würde sich in den nächsten Tagen bis Wochen klären.
Und bis dahin?, dachte ich verzweifelt. Wo sollte ich arbeiten? Wo meinen Schmuck verkaufen? Wie Geld verdienen? Wenn ich dieses Jahr keinen Umsatz mehr generierte, konnte ich einpacken. Den ganzen Sommer arbeitete ich auf das Weihnachtsgeschäft hin, nahm auch die schlechteren Monate in Kauf, weil ich wusste, dass das Geschäft zum Jahresende es rausreißen würde. Und nun das.
Zurück in der Werkstatt war ich noch immer nicht ganz bei mir, vollendete mechanisch die letzten Arbeiten an dem Verlobungsring, zu dem ich beauftragt worden war. Dabei lauschte ich immer wieder angstvoll nach Geräuschen, die darauf hindeuten könnten, dass das Haus doch noch zusammenkrachte.
Während ich meine Auftragsarbeit in Schwefelsäure badete, damit der Ring nach dem Erhitzen wieder seine normale Farbe erlangte, begann ich mit dem Abräumen des Werktischs. Ich packte Rundzangen, Flachzangen und Hämmer ein, verstaute den Ringriegel, das Filz und die Punzen, den Schmelztiegel und die Walzen. Besonders sorgsam ging ich mit den Laugen, Säuren und anderen Chemikalien um, die ich in meiner Giftküche zur Bearbeitung der Edelmetalle aufbewahrte. Der Hängebohrer mitsamt Fußbedienung wanderte in den Originalkarton, von dem ich geglaubt hatte, ich würde ihn nie wieder benötigen. In einem Sortierkasten bewahrte ich Mineralien, Perlen, Bernstein, hübsche Scherben und Muscheln auf. Die teuren Materialien verwahrte ich in einer Schatulle im Tresor. Auch diesen räumte ich aus. Mein Meisterstück – ein aufwendig geschmiedeter Ring mit Perle – ruhte in einer durchsichtigen Präsentationsbox. Die Idee hatte mir ein Stück geliefert, das ich mir einst aus der Schmuckschatulle meiner ghanaischen Großmutter aussuchen durfte. Das ursprüngliche Exemplar war in seiner Ausführung simpler gewesen, aber die Grundidee hatte mich seit Jahren fasziniert. Bei diesem Ring hatte eine Perle in einem Gewebe aus Goldfäden gelegen, sie war darin herumgepurzelt wie ein Ball in einem Korb. Mit dem Meisterstück hatte ich etwas geschaffen, das an ein Nest erinnerte, in dem ein kostbares Ei lag. Mein Ziel war es gewesen, die Perle nicht festkleben zu müssen, wie es sonst üblich ist. Der Goldschmiedekammer hatten der Entwurf und der Prototyp so gut gefallen, dass sie mir die Arbeit als meine Abschlussarbeit genehmigten. Die Prüfung legte ich mit Prädikat ab.
Schweren Herzens packte ich alles in einen weiteren Karton und ging hinüber in mein liebevoll eingerichtetes Atelier. Seit zwei Wochen war es weihnachtlich geschmückt. Es glänzte und glitzerte. Auf einem Beistelltisch hatte ich sogar einen Adventskranz dekoriert. Letzten Montag hatte daran die erste Kerze geflackert.
Ich hob den Kopf und erkannte meinen Vermieter vor der Ladentür. Er winkte mir zu.
»Es gibt doch Versicherungen«, wandte Herr Wenzel ein, nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte. Dabei hatte er es gerade auch nicht leicht. »Haben Sie vielleicht eine dieser Verdienstausfallpolicen?«
»Nein«, antwortete ich deprimiert. Mit so etwas hatte doch kein Mensch rechnen können. Jedenfalls besaß ich keine. Ich hatte das Minimum an Policen abgeschlossen. Solche Dinge kosteten zu viel.
»Wie wäre es mit einem Ausverkauf im Internet?« Seine Hand ging über die Auslagen hinweg. »Vor Weihnachten werden Sie den ganzen Kram bestimmt im Nullkommanichts los.«
Kram hatte meinen Schmuck noch niemand genannt. Vielleicht vermutete er, ich hätte die Schmuckstücke aus Ghana zu einem Schnäppchenpreis importiert. Er könnte nicht mehr daneben liegen. Alles im Atelier war von mir gefertigt. Jedes Stück war mit Hingabe entworfen.
Nachdem Herr Wenzel wieder gegangen war, saß ich minutenlang auf meinem Platz und ließ alles sacken. Fast hätte ich mir gewünscht, keine Einzelstücke anzufertigen, sondern Massenware. Dann hätte ich vielleicht den von Herrn Wenzel empfohlenen Ausverkauf starten können. Doch es gab bei mir kaum zwei Teile, die einander ähnelten. Zwar hatte ich das ein oder andere Design im Programm, das sich als Verkaufsschlager erwiesen hatte, aber es war mir eigentlich zuwider, Duplikate anzufertigen. Das war mir zu langweilig, es sei denn, es handelte sich um eine echte Herausforderung, wie mein Meisterstück eine gewesen war.
Im letzten Jahr hatte ich eine Kopie dieses Rings angefertigt, um zu schauen, ob ich noch über die nötige Konzentration und Präzision verfügte. Diesmal hatte ich eine andere Perle und einen wärmeren Goldton gewählt. Und wieder war es mir gelungen, die filigranen Goldbänder so miteinander zu verweben, dass sie die Naturperle einfingen, ohne dass ich sie festkleben musste. Kaum war ich mit der Arbeit fertig gewesen, hatte ich sie mit in den Verkaufsraum genommen und dort in eine Schublade gelegt. Es war überhaupt nicht meine Absicht, den Ring einem Kunden zu zeigen – doch genau das war geschehen. Und das auch bloß, weil ausgerechnet Johanna mit ihrem damaligen Chef bei mir auftauchte. Zu dieser Zeit waren noch gar nicht so gut befreundet wie heute. Ihr Boss suchte einen Verlobungsring, und da hatte Johanna an mich gedacht – immerhin hatte ich auch ihren Ehering geschmiedet, nachdem wir uns bei einem Zumba-Kurs angefreundet hatten. Und weil ich mich so über ihre Empfehlung freute, holte ich den Ring aus der Schublade.
Johannas Chef war hin und weg. Obwohl mir nicht ganz wohl dabei war, verkaufte ich ihm das Schmuckstück. Doch er brachte es wenige Wochen später zurück. Seine Verlobte hatte sich von ihm getrennt. Als hätte die Kopie meines Meisterstücks, das so persönlich für mich war, wieder zu mir zurückgewollt.
Ein Gutes hatte die Sache: Immerhin hatten Johanna und ich uns darüber näher angefreundet. Über Weihnachten wollte sie mit ihrem Sohn und ihrem neuen Freund nach Indien reisen, wo der verstorbene Vater ihres Kleinen geboren war. Der Junge sollte seine Wurzeln kennenlernen.
Schon dachte ich wieder an Atti. Hatte er sich vielleicht auf die Suche nach seiner Herkunft begeben? Lebte er inzwischen in Ghana, wo er wie mein Vater herstammte? Was hätte ich dafür gegeben, wenn mein Bruder jetzt hier gewesen wäre. Er hätte mich in die Seite gestoßen, mir einen Witz erzählt und mich mit seinem breiten Grinsen zum Lachen gebracht. So, wie er es oft wegen Enno getan hatte. Er und Johanna waren die Einzigen, die von dieser Affäre wussten.
Mit Atti verband ich die lustigsten Momente meines Lebens; mit ihm war es niemals langweilig geworden. Am liebsten hatte er sich im Dunkeln vor mir versteckt. Durch ein paar Ritzen in den Rollläden war immer noch Licht in die Räume gefallen. Doch wegen Attis schwarzer Haut, und weil er sich zu diesen Gelegenheiten stets etwas Dunkles anzog, hatte ich ihn erst in der allerletzten Sekunde entdeckt. Dann sprang er mich an, und ich brach in hysterisches Gelächter aus. Wäre er hier gewesen, hätte ich ihn vielleicht sogar dazu überreden können, mich mit einer seiner wohltuenden Nackenmassagen zu entspannen.
Müde rieb ich mir die Augen. Ob ich wegen der Räumung Schadensersatz vom Bauherrn nebenan fordern könnte? Vielleicht konnte mir Johanna einen Rechtsanwalt empfehlen. Immerhin arbeitete sie in einer Kanzlei.
Es tutete nur einmal in der Leitung, schon ging sie an den Apparat. Meine Freundin begrüßte mich mit den Worten: »Wie lustig, dass du dich meldest! Ich habe gerade letztens mit jemandem über dich gesprochen.« Im Hintergrund vernahm ich das Bimmeln einer Straßenbahn und das Plappern eines Kleinkindes. Wahrscheinlich hatte sie ihren Jungen vom Hort abgeholt.
»Etwa mit deinem ehemaligen Chef?«
»Mit Henning?« Sie schnaubte. »Mit dem hab ich doch gar nichts mehr zu tun. Aber mit seiner Ex, du weißt schon, Sandra, die die Verlobung mit ihm wieder aufgelöst und ihm den Ring von dir zurückgegeben hat. Sie ist doch inzwischen nach Sylt gegangen, wir chatten hin und wieder. Und die Tage hat sie mich gefragt, ob du nicht vielleicht Lust hättest, im Dezember die Urlaubsvertretung für eine Sylter Goldschmiedin zu übernehmen. Diese Berufskollegin von dir hat auf dem Wintermarkt in Westerland einen Stand gemietet, aber jetzt fliegt sie stattdessen nach Teneriffa, und der Platz würde verfallen.«
»Sprechen wir von der Nordseeinsel Sylt?«
Johanna lachte. »Gibt’s sonst noch eine? Ich hab Sandra natürlich schon längst gesagt, dass du ja deinen eigenen Laden hast. Aber immerhin nett, dass sie an dich gedacht hat, oder?«
Mir fehlten die Worte. Ein Wintermarkt auf Sylt? Meine Frage nach rechtlichem Beistand rückte in den Hintergrund.
Nun hörte ich Johannas Schritte auf dem Bürgersteig. Ein Auto hupte.
»Puh, das ist wirklich interessant«, fand ich die Sprache wieder und erklärte meiner Freundin, dass ich seit heute auf der Straße saß. »Eigentlich wollte ich dich nach einem Anwalt fragen. Aber jetzt –«
Die Stimme meiner Freundin klang ehrlich betroffen. »Tut mir total leid, was da passiert ist. Das ist ja furchtbar.« Plötzlich kicherte sie. »Na ja, obwohl … für mich klingt das irgendwie nach Fügung, findest du nicht? Also nicht, dass ich dir so etwas gewünscht hätte, aber –«
»In gewisser Weise …«, murmelte ich.
»Soll ich Sandra deine Nummer geben?«
Meine Gedanken flogen. »Könnte ich auf diesem Markt denn auch meine eigenen Sachen verkaufen – also nicht nur die der anderen Goldschmiedin?«
»Bestimmt, warum nicht? So wie ich das verstanden habe, könntest du in der Zeit auch in der Wohnung von dieser Antonia wohnen. In Kampen ist auch ihr Atelier, das sie in der Zeit des Wintermarkts aber geschlossen hält.«
Diese ganzen Neuigkeiten musste ich erst einmal verdauen. Sylt war die angesagteste Insel Deutschlands, und wenn ich mich nicht irrte, die teuerste. Dort würde es bestimmt jede Menge potentieller Kunden geben, die Gefallen an ausgefallenem Schmuck fanden. Womöglich war Antonia eine Goldschmiedin mit einem festen Kundenstamm? Vielleicht war das meine Chance, das Weihnachtsgeschäft zu retten!
»Dann reiche ich deine Nummer an Sandra weiter«, versprach Johanna abschließend. »Vielleicht wendet sich ja noch alles zum Guten. Nur nicht verzagen.«
Den Rest des Tages wartete ich auf den Rückruf der Sylter Goldschmiedin. Zwischendurch recherchierte ich im Netz nach der Seite des Wintermarkts. Er öffnete am zehnten Dezember seine Pforten und lief bis zum dritten Januar.
Aufgeregt rief ich Mama an und platzte mit den Neuigkeiten heraus. »Ist das nicht genial? Auf Sylt finde ich doch genau meine Zielgruppe!«
»Sylt?«, fragte Mama. »Aber wieso denn ausgerechnet Sylt?« Ihre Stimme klang, als herrsche dort Krieg oder eine Seuche.
»Na ja, das Atelier ist nun mal da.«
»Will?!«, rief sie nach meinem Vater. Ich hörte die beiden miteinander tuscheln. Als Mama wieder mit mir sprach, fragte sie: »Heißt das, du wärst dann auch über Weihnachten fort?«
Daher wehte also der Wind. »Es wäre doch nur ein einziges Mal. Schau mal, was kann mir im Moment denn Besseres passieren? Ich brauche die Einnahmen!«
»Dann legen wir dir eben was aus. Du kannst außerdem wieder bei uns wohnen. Dein altes Zimmer räumen wir frei, das wäre kein Problem«, wiederholte sie ihre Einladung vom Morgen.
Es klopfte in der Leitung. Schnell verabschiedete ich mich von Mama und schaltete auf den eingehenden Call.
»Antonia Zivo hier! Mir ist zu Ohren gekommen, dass du vielleicht Lust hättest, hier meine Vertretung zu übernehmen?« Die Stimme der Frau klang warmherzig.
Mein Herz klopfte. »Eventuell schon. Es ist nämlich so …«
Die Sylterin gab mitfühlende Laute von sich, als ich ihr von meiner Misere erzählte. »Nach diesem Schreck wird es dir hier bestimmt total gut gefallen. Zwar kann ich dir nicht sagen, wie der Markt laufen wird, da ich auch das erste Mal mitmachen wollte. Aber abgesehen davon kannst du natürlich Strandspaziergänge unternehmen und dir den Wind um die Nase wehen lassen. Darüber wirst du deine Sorgen vielleicht ein bisschen vergessen.«
Und ich könnte Muscheln sammeln, ergänzte ich im Inneren. Unwillkürlich dachte ich an die Schmuckschatulle meiner ghanaischen Großmutter, aus der ich als Fünfjährige den Ring gefischt hatte. Darin waren auch unzählige Ketten aus Muschelschalen gewesen, die Granny angefertigt hatte. Mama hatte sich eine davon ausgesucht.
»Überleg es dir einfach in Ruhe – bisher habe ich keine Alternative«, fuhr Antonia fort. »Ich lass nicht gern jeden an meinen Schmuck, aber da du mir empfohlen wurdest, hätte ich bei dir ein gutes Gefühl.«
»Meine Sachen dürfte ich doch auch verkaufen?«, vergewisserte ich mich.
»Klar. Wir machen einfach getrennte Kassen. Und du darfst jederzeit meine Werkstatt benutzen, wenn du sie pfleglich behandelst. Vielleicht bekommst du hier ganz neue Inspirationen.«
»Wohnt Sandra eigentlich auch bei dir in der Nähe?« Die Frau, für die Johannas Chef den Verlobungsring ausgesucht hatte, kannte ich nur von Fotos.
»Sie wohnt eine Straße weiter. Wir haben zwar kein sehr enges Verhältnis, aber immerhin hat sie mir den Tipp mit dir gegeben. Bestimmt schaut sie mal vorbei, falls du wirklich kommen solltest.«
»Verbleiben wir einfach so«, brachte ich bald darauf das Telefonat zum Abschluss, »ich lasse mir noch mal alles durch den Kopf gehen, und dann melde ich mich wieder bei dir.«
»Einverstanden.«
Nachdem ich aufgelegt hatte, fiel mir Enno ein. Eine stille Furcht kroch in mir hoch, dass es sicher keine gute Idee wäre, Anna für vier Wochen das Feld zu überlassen. Was, wenn er sein Versprechen, sich in diesem Jahr von ihr zu trennen, wegen dieses Sylttrips nicht wahrmachen würde? Für Freitag würde ich ihm absagen müssen. Wo hätten wir uns denn treffen sollen?
Schnell tippte ich eine Nachricht.
Freitag klappt nicht, ich muss aus der Wohnung, das Haus ist einsturzgefährdet. Komme bei meinen Eltern unter. Melde mich irgendwann.
Es war schon nach halb acht, als Papa bei mir eintraf, um mich und meine Kartons aus meinem Geschäft abzuholen. Mein Vater trug seinen beigefarbenen Lodenmantel und einen grauen Filzhut, dazu einen Gehstock, mit dessen Hilfe er innehalten konnte, wenn ihn ein Spaziergang zu sehr anstrengte. In diesem Outfit sah er aus wie ein alternder Geheimagent. Papa war im Sommer achtzig geworden, er litt unter Diabetes und chronischer Bronchitis. Abgesehen davon hatte er seit einigen Jahren einen Tremor in der rechten Hand, der es ihm unmöglich machte, einen Löffel Zucker in eine Tasse zu geben, ohne dass etwas danebenging. Meine alte Nachbarin aus dem Erdgeschoss zeigte sich stets beeindruckt, wenn er sich für einen Moment im Hausflur mit ihr über ihre Arthritis unterhielt. Als habilitierter Mediziner lehrte er noch immer an der Frankfurter Uniklinik. Er war einer der Vorreiter der In-vitro-Fertilisation in Deutschland und war auch heute als Experte gefragt. Mama und er hatten sich im Dienst kennengelernt; sie war Krankenschwester. Meine Nachbarin fand, dass Papa der höflichste Mann war, den sie kannte, und sie hatte mir obendrein den Tipp gegeben, mir einen feinen jungen Kerl wie ihn zu suchen. Dass ich ab und zu Besuch von einem »Burschen« bekam, der nicht unwesentlich älter war als ich, hatte sie mitbekommen.
Mein Vater wartete ab, bis das Läuten des Glöckchens über der Eingangstür verklungen war und nahm seinen Hut ab. Auf der Stelle schwand der Geheimagent, und mein Dad kam zum Vorschein. Er sah aus, als wollte er mir etwas Wichtiges mitteilen. Vermutlich hatten Mama und er sich eine Strategie zurechtgelegt, wie sie mich zugunsten des gemeinsamen Weihnachtsfestes von der Sylt-Idee abbringen könnten.
Ich trat zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Papa roch nach Babyshampoo. Er benutzte nie etwas anderes.
»Ach Hummelchen«, klagte er und setzte sich auf einen der beiden Stühle vor dem Verkaufstisch. Mein Vater sprach astreines Deutsch. Er rollte lediglich das R, was – neben seinem Aussehen natürlich – seine ausländische Herkunft verriet. Hummelchen nannte er mich, seit ich denken konnte. Als ich ein rundgesichtiges Baby war, hatte meine Großmutter ein gelbes Mützchen und Jäckchen für mich gestrickt. Mit meiner dunklen Haut hatte ich ausgesehen wie eine kleine Hummel.
»Papa.« Ich faltete die Hände. »Ich weiß, ihr seht es nicht gerne, wenn ich ausgerechnet jetzt für vier Wochen verreise. Aber für die aktuelle Notlage kann ich nichts. Ich muss Geld verdienen – dass ihr mich wochenlang durchfüttert, das möchte ich nicht. Dieses Angebot auf Sylt ist vielleicht ein Zeichen, verstehst du? Das kann ich nicht einfach ignorieren.«
»Das weiß ich doch«, antwortete mein Vater versöhnlich, »aber hier gibt es auch ein Zeichen. Sogar ganz in der Nähe.«
»Ach?«
Papa knöpfte seinen Mantel auf. »Ich habe da einen Bekannten«, begann er. »Er zahlt nicht schlecht.«
Ich ließ mich vor Dad auf den Verkaufsstuhl plumpsen. Fragend sah ich ihn an.
