Nach(t)Sicht - Jo Jansen - E-Book

Nach(t)Sicht E-Book

Jo Jansen

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Beschreibung

Dieses Buch bietet dem geneigten Leser fröhliche und traurige, gruselige und Mut machende Geschichten, oft mit einem überraschenden Ende. Kurz oder ganz kurz, eben schnell noch vor dem Einschlafen zu lesen. Rätselhafte Dinge geschehen im Schwarzwald. Nadine steht plötzlich ganz allein im Hotel. Niemand erinnert sich an die Freunde, mit denen sie gestern noch fröhlich gefeiert hat. Eine Mutter putzt das Zimmer ihres Sohnes und findet eine gruselige Puppe. Danach geschehen merkwürdige Dinge in ihrem Haus. Eine Frau hört ihre biologische Uhr ticken und kommt auf eine ungewöhnliche Idee. Ein Mann drängt seine Frau zum Abnehmen. Sie fügt sich, lässt sich auch auf seine ausgefallenen Sexspielchen ein. Doch dann geht er einen Schritt zu weit. Muss man sich vor dem Klabautermann fürchten? Ein alter Mann macht am Weihnachtsabend einen ungewöhnlichen Fund. Lassen Sie sich immer wieder aufs Neue überraschen, erheitern oder auch gruseln ... "Nach(t)Sicht" enthält folgende Kurzgeschichten: Allein allein, Der wichtige Mann, Die Quelle, Die Tante, Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?, Der Neue, Damenwahl, Der Mantel, Copii Romaina, Nur noch ein Kilogramm, Der kleine Kobold, Tanz mit dem Klabautermann, Ein ganz normaler Tag, oder?, Weihnachtsaugen

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jo Jansen

Nach(t)Sicht

Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Allein allein

Der wichtige Mann

Die Quelle

Die Tante

Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?

Der Neue

Damenwahl

Der Mantel

Copii Romania

Nur noch ein Kilogramm

Der kleine Kobold

Tanz mit dem Klabautermann

Ein ganz normaler Tag, oder?

Weihnachtsaugen

Nach(t)wort

Danksagung

Impressum neobooks

Allein allein

„Noch eine Runde Ramazzotti!“

Zustimmendes Gelächter erklang, als Michi sich wieder zu uns setzte und der Kellnerin zuwinkte.

Er legte sein Handy auf den Tisch und zuckte die Schultern: „Sorry, war wichtig.“

„Du warst eine halbe Stunde weg und hast die besten Witze verpasst,“ versuchte ich dem Bruder meines Freundes ein schlechtes Gewissen einzureden.

„Ja, wir haben nur von dir gesprochen“, pflichtete Frank mir bei und alle lachten.

„Sechs Ramazzotti, bitteschön.“ Die Bedienung war schnell, erhoffte entweder ein gutes Trinkgeld oder dass wir bald verschwänden. Vielleicht auch beides. Immerhin waren wir die einzigen Gäste, wenn man von einem älteren Ehepaar absah, das gleich nach dem Abendessen auf seinem Zimmer verschwunden war, wo vermutlich das „Musikantenstadl“ wartete. Zu dieser Jahreszeit war nicht mehr viel los im Schwarzwald. Umso mehr Spaß hatten wir heute gehabt, bei bestem Spätherbstwetter über die Höhen zu wandern, mit den Füßen raschelndes Laub aufzuwirbeln und immer wieder das herrliche Panorama zu fotografieren.

Frank und ich waren erst seit wenigen Wochen zusammen und auf diesem Ausflug lernte ich die ersten Mitglieder seiner Familie kennen. Michi, den jüngsten Bruder, und seine Freundin Anna. Beate, die große Schwester, mit ihrem Lebensgefährten Robert. Sie alle waren nett, unsere Gespräche jedoch über Belanglosigkeiten nicht hinausgegangen. Fast so, als hielte ein unausgesprochenes Misstrauen sie noch zurück.

„Prost, auf die Familie“, rief mein Freund. Während wir alle unsere Gläser erhoben, dachte ich: Wie süß, er zählt mich wohl schon mit dazu. Dass ich mit diesem Gedanken völlig daneben lag, sollte ich bald merken.

Der Ramazzotti brannte in meinem Hals, ich konnte spüren, wie er heiß die Kehle hinablief und sich in meinem Magen wohlige Wärme ausbreitete. Robert erzählte einen weiteren Witz, doch ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Mein Kopf fühlte sich seltsam an, wie in Watte gepackt, sodass nicht nur die gesprochenen Worte schwer zu mir durchdrangen, sondern auch meine Gedanken wie in Zeitlupe zu laufen schienen. Mir wurde schlecht.

„Ich glaub, ich muss mal“, flüsterte ich Frank zu, während ich mich langsam erhob. Schwindelig war mir nun auch noch. Frank strich einmal kurz über meine linke Hand und folgte weiter Roberts Erzählung.

Der Weg von der Gaststube zu den Toiletten kam mir endlos und wahnsinnig anstrengend vor. Ich schwitzte mehr, als bei der Besteigung des Feldbergs heute Mittag. Allerdings war es kalter, Gänsehaut verursachender Schweiß, der mir in kleinen Bächen den Rücken hinab rann. Wie lange ich in der kleinen Kabine hockte, weiß ich nicht mehr. Das schachbrettartige Muster des Fußbodens, winzige schwarze und weiße Karos, grub sich jedenfalls unauslöschlich in mein Gedächtnis ein.

Nachdem ich mein Gesicht gewaschen und den Mund ausgespült hatte, um den Geschmack des Erbrochenen loszuwerden, erblickte ich im Spiegel ein beinahe fremdes, blasses Gesicht. Die dunkelblonden, schulterlangen Haare hingen strähnig herab. Meine Beine fühlten sich an wie Pudding, ich wollte nur noch ins Bett.

Unser Tisch in der Gaststube stand leergeräumt da, die anderen waren wohl schon aufs Zimmer gegangen. Wie im Fieber bewegte mich in Richtung Treppe, um Frank zu folgen.

„Moment junge Frau.“ Die Bedienung kam hinter dem Tresen hervor. Stumm reichte sie mir den Zimmerschlüssel. Ich war so fertig, dass ich mir gar nicht die Frage stellte, warum Frank nicht mit dem Schlüssel hinaufgegangen war. Mühsam schleppte ich mich bis in die zweite Etage, jede Stufe ein Kampf, den mich nur die Aussicht auf das warme Bett und Franks starke Arme gewinnen ließ.

Schwankend stand ich vor der Zimmertür und stellte fest, dass der Schlüssel nicht passte. Ich klopfte. Nichts passierte. Legte mein Ohr an die Tür, vielleicht verriete mir das Rauschen der Dusche, dass Frank im Bad war. Lediglich das Rauschen des Blutes dröhnte in meinem Kopf.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die Kellnerin kam um die Ecke, nahm mir den Schlüssel aus der Hand und fasste mich vorsichtig am Arm.

„Die 217 ist da vorn, zwei Türen weiter.“ Bevor ich mich darüber wundern konnte, hatte sie bereits das Zimmer aufgeschlossen und mich sanft hinein geschoben.

„Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, murmelte ich, stolperte im Dunklen vorwärts, bis ich an das Bett stieß und lang darauf hinfiel. So blieb ich liegen und musste sofort eingeschlafen sein.

Spatzen schilpten und tippelten vor dem Fenster und, wie es sich anfühlte, auch in meinem Kopf.

„Frank?“ Meine Hand glitt suchend über das Bett, auf dem ich immer noch bäuchlings lag, in meinen stinkenden Klamotten von gestern Abend. Nachdem ich ins Leere griff, schlug ich langsam die Augen auf, blinzelte. Mein Blick fiel auf eine schräge Wand mit Dachgaube. Die Vorhänge waren zugezogen und ließen nur diffuses Licht ins Zimmer scheinen. Es genügte, um mich zwei Dinge erkennen zu lassen: Das Bett war schmal und außer mir lag niemand darin. Und, dies war nicht unser Zimmer.

Die Spatzenbande in meinem Kopf hinderte mich daran, vor Schreck aufzuspringen. Ich wollte zu Frank. Sofort. Er musste mich doch schon vermisst haben und Gott weiß was von mir denken. Langsam erhob ich mich und war nun froh, voll angekleidet zu sein, inklusive Turnschuhen an den Füßen. Ihre Schnürsenkel wären jetzt unerreichbar fern für mich. Mit vorsichtigen Schritten schlich ich zur Tür und sah ich mich dabei im Zimmer um. Es war winzig, ein Einzelzimmer, das ich nie zuvor gesehen hatte. Doch was war das? Neben der Tür schimmerte ein vertrauter grüner Fleck – meine Jacke hing an der Garderobe. Ich war sicher, sie gestern vor dem Abendessen in dem anderen, nämlich Franks und meinem, Zimmer gelassen zu haben. Warum sie nun hier hing, verstand ich nicht. Das musste ein Missverständnis sein.

Ärger machte sich in mir breit. Diese dumme Bedienung. Sie hatte mich in das falsche Zimmer geleitet. Das musste ich klären, sofort. Zweihundertfünfzehn. Ich war mir sicher, dass Frank und ich gestern dort hineingegangen waren. Das große Doppelbett hatte Vorfreude auf die gemeinsame Nacht in mir geweckt und nun stand ich hier. Allein in einem Einzelzimmer. Vielleicht hatte Frank sich gestern Abend ebenfalls schlecht gefühlt, den Schlüssel von innen stecken lassen und mein Klopfen nicht gehört? Es würde für das Chaos ja wohl eine logische Erklärung geben, über die wir gleich gemeinsam lachen könnten. Ich pochte erneut an die Tür mit der Nummer 215. Niemand öffnete. Langsam machte ich mir Sorgen. Vielleicht wusste sein Bruder mehr. Er und Anna hatten das Zimmer genau gegenüber bezogen, Nummer 208. Auch dort reagierte niemand auf mein Klopfen. Ebenso nebenan, 210, wo Beate und Robert abgestiegen waren. Ich verstand überhaupt nichts mehr. Beunruhigt eilte ich die Treppe hinab. Hoffte, die anderen beim Frühstück zu finden.

In der Gaststube waren sie nicht. Mir tönte ein freundliches „Guten Morgen“ von dem älteren Ehepaar entgegen, das gerade frisch und rosig das Lokal verließ. Vielleicht hätte ich gestern auch das Musikantenstadl dem Ramazzotti vorziehen sollen? Die Bedienung war nirgends zu sehen, also durchquerte ich den leeren Frühstücksraum. An der Rezeption checkten die beiden Alten gerade aus. Unruhig hielt ich mich im Hintergrund, trat ich von einem Fuß auf den anderen und war froh, als sie endlich winkend in Richtung Parkplatz verschwanden. Ich sah ihnen nicht nach, sondern wandte mich direkt an den Wirt.

„Guten Morgen.“ Ich versuchte, mir den Ärger nicht sofort an meiner Stimme anmerken zu lassen. Es gelang mir nicht, wie mir die hochgezogenen Brauen des Mannes verrieten.

„Guten Morgen Frau Witt. Haben Sie gut geschlafen?“, fragte er mit unbewegter Miene.

„Nein“, knurrte ich und dann brach es aus mir heraus. Dass es ja wohl nicht sein könne, dass man mich nachts in ein falsches Zimmer steckte, wo denn meine Freunde wären und wer überhaupt schuld sei an dem ganzen Chaos. Der Wirt hörte mir schweigend zu, zog nur wiederholt die Augenbrauen hoch. Als ich fertig war, kam er hinter dem Rezeptionstresen hervor, zeigte auf den Frühstücksraum und sprach langsam, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind:

„Kommen Sie, ich hol uns erst mal einen Kaffee.“

Wenig später floss das bittere Gebräu, in das ich ganz viel Zucker gerührt hatte, meine Kehle hinunter. Ich schüttelte mich. Der Wirt war ein dicklicher Mann, von dem etwas Gemütliches ausging. Er saß mir gegenüber und beobachtete den Löffel, mit dem er in seiner Kaffeetasse herumrührte, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun. Gerade wollte ich meine Fragen wiederholen, da hob er den Blick und sah mir direkt in die Augen.

„Frau Witt, ich weiß nicht, was genau sie letzte Nacht gemacht haben. Aber sie sind gestern allein hier angekommen.“

Zum Glück saß ich schon, sonst hätte ich mich jetzt erst einmal setzen müssen.

„Das ist nicht wahr.“ Trotzig und scharf schossen die Worte aus meinem Mund. „Wir kamen zu sechst an, drei Pärchen. Sie selbst haben uns die Zimmerschlüssel ausgehändigt, für Frank und mich die 215.“

Der Mann schüttelte den Kopf.

„Da war niemand sonst. Nur das alte Ehepaar, das soeben abgereist ist.“

Die Kellnerin, die uns am Abend bedient hatte, kam aus der Küche herbei, sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Empörung an und bestätigte seine Worte.

„Sie waren allein und haben gestern Abend ziemlich viel Ramazzotti getrunken. Zuviel, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“

Langsam wurde ich richtig wütend.

„Ich weiß zwar nicht, was das hier soll, aber jetzt ist Schluss mit lustig. Ich will zu meinem Freund. Vielleicht ist ihm ja etwas zugestoßen.“

Immer mehr redete ich mich in Rage, sodass die Kellnerin es vorzog, wieder in der Küche zu verschwinden, während der Wirt mich nur noch stumm und feindselig ansah. Schließlich brachte mein nicht enden wollender Redefluss ihn dazu, sich zu erheben und mit mir zum Zimmer 215 hinauf zu gehen.

„Nur, damit Sie endlich Ruhe geben“, sagte er und schloss die Tür auf, vor der ich schon mehrfach vergebens gestanden hatte. Ich lief hinein und blieb wie erstarrt stehen. Das Zimmer sah genau so aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Allerdings war es leer und unbenutzt, von Frank oder unserem Gepäck keine Spur. Da war der Balkon, von dem man einen herrlichen Blick auf die Umgebung hatte – und auf den Parkplatz hinter dem Haus. Mit einem Sprung war ich an der Balkontür, riss sie auf und spürte, wie der starke Arm des Wirtes mich packte und zurückzerrte.

„Nun ist aber genug.“ Mit wütend aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dachte er etwa, ich wollte springen?

„Ähm, nein, Sie verstehen mich falsch“, versuchte ich mich aus seiner Hand zu winden, die meinen Oberarm wie ein Schraubstock umklammert hielt. „Ich wollte nur einen Blick auf den Parkplatz werfen.“

Misstrauisch lockerte er den Griff etwas, wich aber nicht von meiner Seite, als ich den Balkon betrat. Ein Blick auf den Parkplatz genügte, um mir die Tränen in die Augen schießen zu lassen. Dort unten stand ein einziges Auto, ein kleiner schwarzer Polo. Meiner. Das war unmöglich, denn ich hatte ihn zu Hause gelassen, in meiner Garage. Wir waren mit Franks BMW hergefahren.

Wenig später befand ich mich wieder in dem Zimmer, in dem ich die Nacht verbracht hatte, Nummer 217. Vom Wirt hatte ich keine weiteren Antworten bekommen. Entweder war das hier die „Versteckte Kamera“ oder ich begann, mit Anfang dreißig, komplett durchzudrehen. Im Kleiderschrank fand ich eine braunkarierte Reisetasche. Meine Reisetasche, wie ich unschwer an dem Mini-Plüschhäschen erkennen konnte, das vom Reisverschluss herab hing und genau so ratlos in die Welt sah, wie ich mich fühlte. Wenigstens hatte ich jetzt frische Wäsche. Ich duschte, wusch mir die Haare und zog mich um. Besser fühlte ich mich trotzdem nicht. Nichts ergab einen Sinn und ich hatte immer noch das Gefühl, nicht klar denken zu können. Meine Handtasche fehlte. Ich war sicher, sie gestern mit in das gemeinsame Zimmer genommen zu haben. Zum Glück fand ich meine Kreditkarte und den Autoschlüssel in meiner Jackentasche. So konnte ich wenigstens die Hotelrechnung bezahlen - ein Einzelzimmer mit Frühstück, Abendessen, diverse Getränke, darunter allein sechs Ramazzotti. Niemals hatte ich soviel getrunken, hatte jedoch keine Lust, dies mit dem unfreundlichen Wirt zu diskutieren.

Resigniert und kampfbereit zugleich checkte ich aus. Wenn man mich hier so auflaufen ließ, würde ich eben anderswo weitersuchen. Im Polo, auf dem Beifahrersitz, lag meine Handtasche. Ein Anflug von Erleichterung überkam mich. Meine Geldbörse, die Hausschlüssel, Fotoapparat und Handy, alles noch da. Natürlich, mein Handy. Ich war anscheinend völlig durch den Wind, dass ich nicht eher daran gedacht hatte. Sofort würde ich Frank anrufen, seine Nummer hatte ich unter Favoriten abgespeichert. Angelika, Büro, Mutti … fertig. Kein Frank. Fieberhaft drückte ich auf dem Handy herum, öffnete das Menü Kontakte. Auch dort gab es keinen Frank. Ich hatte mir seine Handynummer nie gemerkt, da ich sie eingespeichert und sicher glaubte. Mein Magen krampfte sich zusammen, mir wurde kotzübel. Gerade noch rechtzeitig konnte ich die Autotür öffnen. Der Kaffee von vorhin, mit dem vielen Zucker, landete in hohem Bogen auf dem Parkplatz.

Wie lange es dauerte, bis ich mich halbwegs wieder gefasst hatte, weiß ich nicht. Wie ein Häufchen Elend saß ich heulend im Auto auf dem Parkplatz. Meine Gedanken wirbelten durcheinander, nichts ergab einen Sinn. Irgendwann kam ich auf die Idee, meine beste Freundin anzurufen. Angelika. Sie war vor einigen Wochen in die Schweiz gezogen, ganz ans andere Ende, rund vierhundert Kilometer weg von mir. Dort lebte sie jetzt mit ihrem Mann, einem Schweizer, und erwartete im Februar ein Baby. Obwohl wir uns früher fast täglich trafen, hatten wir uns seit ihrem Umzug nicht einmal gesehen. Ich war kurz danach Frank begegnet und so verliebt, dass ich jedes Wochenende am liebsten mit ihm verbrachte. Angelika beschäftigte sich damit, die Wohnung einzurichten. Ihre Gedanken drehten sich fast nur noch um das Baby und ihr Leben in der Schweiz. Immerhin telefonierten wir ab und zu. So hatte Angelika sich mit mir gefreut, dass ich in Frank wohl endlich dem Richtigen begegnet war.

Mit zitternden Fingern hielt ich das Telefon ans Ohr. Geh ran!, flehte ich. Zwar wollte sie am Wochenende gern ihre Ruhe haben, würde aber hoffentlich meine Nummer auf dem Display erkennen.

„Nadine. Schön, dass du anrufst“, begrüßte sie mich erfreut. Der Klang ihrer Stimme hatte etwas Tröstendes in diesem Albtraum. Es fiel mir schwer, ihr mit wenigen Worten zu berichten, was vorgefallen war. Wenn ich es schon nicht verstand, wie wirr musste es dann erst für sie klingen? Zumindest gelang es ihr, pragmatisch zu denken.

„Du musst da weg. Fahr nach Hause. Ich setz mich in den Zug, dann kann ich heute Abend bei dir sein. Übermorgen hab ich sowieso noch etwas in Konstanz zu erledigen.“

Der letzte Satz mochte geschwindelt sein, aber das war mir in dem Moment egal. Sie kam. Meine beste Freundin hatte Zeit für mich, gerade jetzt, wo ich sie am meisten brauchte.

An die Fahrt durch den Schwarzwald konnte ich mich später nicht mehr erinnern. Immerhin gelang es mir, den schmalen, kurvenreichen Straßen unfallfrei zu folgen. Am frühen Nachmittag parkte ich mein Auto mit einer gewissen Erleichterung vor dem Haus, in dem ich wohnte. Das hier war bekanntes Terrain, bald käme Angelika, alles würde gut. An diesen Gedanken klammerte ich mich, das wollte ich glauben. Der vertraute Geruch meiner Wohnung nahm mich in den Arm, gab mir Sicherheit. Schluchzend saß ich auf dem Klo, ein Ort, der für mich schon immer der Inbegriff des nach Hause Kommens gewesen war. Ich zwang mich zur Ruhe, musste logisch vorgehen. Mit einer Tasse Tee setze ich an meinen Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und öffnete das Mailprogramm. Es gab da ein paar sehr persönliche Mails von Frank. Das heißt, es hatte sie gegeben, wie ich wenig später feststellen musste. Weder fand ich seine Mails an mich, noch meine gesendeten Antworten. Wie konnten sie verschwinden? Niemand, außer mir, kannte das Passwort meines Computers und nur ich besaß Schlüssel zu meiner Wohnung. Das hatte ich bisher geglaubt.

Verunsichert sah ich mich um. War während meiner Abwesenheit etwa jemand hier gewesen? Wo war der kleine, weiße Porzellanelefant geblieben, den Frank mir auf dem Flohmarkt gekauft hatte? Ganz sicher hatte er am Freitag noch auf meinem Schreibtisch gestanden, als ich die Wohnung verließ. Hektisch lief ich durch die Räume und suchte nach weiteren Beweisen meiner Beziehung zu Frank. Seine Zahnbürste im Badezimmerschrank – weg. Die CDs, die er mir geschenkt hatte – ebenfalls weg. Das gerahmte Foto von uns beiden auf dem Nachtschrank – auch fort. Mir kamen schon wieder die Tränen. Auf dem Foto hatte Frank mich im Arm gehalten. Mit Selbstauslöser aufgenommen, zwei glücklich lächelnde Menschen, den Bodensee im Hintergrund.

Doch halt. Ich war aber auch ein Dummchen. Die Kamera. Auf der Speicherkarte mussten die Fotos von der gestrigen Wanderung mit Frank, Michi, Anna, Beate und Robert sein. Vor Aufregung zitterten meine Hände schon wieder so stark, dass es mir erst beim dritten Versuch gelang, die Speicherkarte in den Computer zu schieben. Ich hätte es mir sparen können. Es waren nur Landschaftsaufnahmen vom Schwarzwald darauf. Wunderschön, aber ohne einen einzigen Menschen.

Ich wurde immer panischer. Irgendeinen Beweis für unsere gemeinsame Zeit wollte ich finden. Der Fotoordner meines Computers ...

Er war leer.

Alles gelöscht.

Komplett. Damit waren auch die Fotos, die Frank allein oder gemeinsam mit mir zeigten, verschwunden. Zu dumm, dass ich unser gemeinsames Fotoalbum erst zu Weihnachten anfertigen wollte und daher noch keine Papierabzüge existierten. Wobei, wenn es die gäbe, wären sie jetzt wohl auch fort. Wer hatte sich diese Mühe gemacht und vor allem, warum? Was wurde hier gespielt? Diese Frage stellte ich mir immer und immer wieder.