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Adelheid Duvanel

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Beschreibung

Bis kurz vor ihrem Tod berichtet Adelheid Duvanel der befreundeten Autorin Maja Beutler fast in Echtzeit aus ihrem Leben, monatlich, manchmal täglich. Parallel dazu ihre Korrespondenz mit dem Lektor Klaus Siblewski, der sie bis an ihr Lebensende begleitet, in Krisen zum Weiterschreiben ermuntert, ihr hilft, Werkbeiträge und Stipendien zu erhalten. Lakonisch bis selbstironisch, manchmal aber auch verzweifelt erzählt Adelheid Duvanel aus ihrem schwierigen Alltag, von den Aufenthalten in der Klinik, von der desaströsen Beziehung mit ihrem Mann Joe, von der Drogensucht und Aidserkrankung der Tochter.  Aber auch vom Schreiben und Lesen handeln die Briefe, der Figurenkreis der Erzählungen taucht auf, manche Szenen sind sogar wörtlich in die Texte eingegangen. «Nah bei Dir» ist eine Art Tagebuch in Briefform, ein nüchternes Protokoll über ein schweres, unerträgliches Leben und das erschütternde Selbstporträt einer Autorin, die den widrigsten Umständen lange standhält und ihnen grosse Kunst abringt. «Die Erzählungen dieser außerordentlichen Dichterin einer schwarzen Anthropologie erhalten mit diesem erschütternden Briefband eine Fortsetzung: Sie sind von nun ab Teil des Werks einer immer noch und immer wieder zu entdeckenden herausragenden Schriftstellerin.» Michael Krüger

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Seitenzahl: 1053

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bis kurz vor ihrem Tod berichtet Adelheid Duvanel der befreundeten Autorin Maja Beutler fast in Echtzeit aus ihrem Leben, monatlich, manchmal täglich. Parallel dazu ihre Korrespondenz mit dem Lektor Klaus Siblewski, der sie bis an ihr Lebensende begleitet, in Krisen zum Weiterschreiben ermutigt, ihr hilft, Werkbeiträge und Stipendien zu erhalten.

Lakonisch bis selbstironisch, manchmal aber auch verzweifelt erzählt Adelheid Duvanel aus ihrem schwierigen Alltag, von den Aufenthalten in der Klinik, von der desaströsen Beziehung mit ihrem Mann Joe, von der Drogensucht und Aidserkrankung der Tochter.

Aber auch vom Schreiben und Lesen handeln die Briefe, der Figurenkreis der Erzählungen taucht auf, manche Szenen sind sogar wörtlich in die Texte eingegangen.

«Nah bei Dir» ist eine Art Tagebuch in Briefform, ein nüchternes Protokoll über ein schweres, manchmal unerträgliches Leben und das erschütternde Selbstporträt einer Autorin, die den widrigsten Umständen lange standhält und ihnen grosse Kunst abringt.

Adelheid Duvanel

Nah bei Dir

Briefe 1978–1996

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Angelica Baum

Limmat Verlag

Zürich

Zu den erwähnten Personen gibt ein Namensverzeichnis Auskunft. Ein Register der erwähnten Erzählungen verweist auf die Seitenzahlen in der Werkausgabe «Fern von hier».

Vorab

Diese Briefausgabe setzt 1978 ein. Einerseits sind frühere Briefe weitgehend verloren gegangen, anderseits ergibt sich durch den Beginn der Korrespondenz mit dem Luchterhand Verlag – vor allem mit ihrem Lektor Klaus Siblewski – und einer (Brief-)Freundschaft mit der Berner Autorin Maja Beutler – wie Duvanel 1936 geboren – darin eine fortlaufende Erzählung von Duvanels Lebens von 1978 bis kurz vor ihrem Tod 1996. Von den Briefen an Duvanel sind die meisten verloren gegangen.

1978 bahnen sich mehrere Umbrüche in Duvanels Leben an. Im September liest der ehemalige Leiter des Luchterhand Verlags, Otto F. Walter, in der Zeitung eine Kurzgeschichte von Adelheid Duvanel. Er ruft sie an und fragt nach weiteren Erzählungen. Im Sommer 1979 empfiehlt sie Walter dem Luchterhand Verlag.

Adelheid Duvanel hält sich zu der Zeit mit ihrer Tochter in der Casa Pantrovà im Tessin auf, einem Künstlergästehaus. Die Tochter war in einem Schul- und Asthmatherapieheim in Davos tablettensüchtig geworden und ein Verhältnis mit dem Theater- und Musiklehrer eingegangen. Sie wurde aus dem Heim verwiesen, der Vater reagierte mit Wut, Duvanel versucht, ihn von Carona aus umzustimmen.

Joseph (Joe) Duvanel war ein Basler Maler und Teil einer Bohemeszene. Sie hatten 1962 geheiratet, 1964 kam ihre gemeinsame Tochter Adelheid zur Welt. Spätestens ab 1967 hatte Joe Duvanel eine Geliebte, Lilianne Balloux, und 1969 mit ihr zusammen einen Sohn (François), sie lebten zeitweise gemeinsam im selben Haus. Geld war kaum vorhanden, Adelheid Duvanel verdiente etwas mit Kolumnen für Basler Zeitungen, oft musste sie in Büros arbeiten und die Tochter zu den Eltern oder ihrer Schwester Therese geben. Das häusliche Leben war konfliktreich und geprägt vom despotischen Ehemann, den Duvanel liebte bis zur Abhängigkeit.

Ende 1979 beginnt die Tochter schließlich, harte Drogen zu nehmen, ihr Vater wirft die Fünfzehnjährige aus der Wohnung, im Februar 1980 erleidet Duvanel einen Zusammenbruch und lebt die nächsten drei Jahre in der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel. Ende Februar 1980 erscheint ihr erstes Buch im Luchterhand Verlag, 1982 wird die Ehe geschieden.

20. 10. 78

Sehr geehrter Herr Walter,

bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen mitteilen,1 dass das Buch «Merkwürdige Geschichten aus Basel»2 jetzt im Buchhandel erhältlich ist; von mir enthält es acht Geschichten, die ich Ihnen als «besetzt» gemeldet habe. – Im Sommer 79 wird jetzt tatsächlich von mir ein Buch im GS-Verlag3 (gute Schriften hiess das früher) veröffentlicht; ausgelesen wurden «Aufbruch mit drei Plüschaffen», «Wie ein Tropfen Tinte» sowie zwei neue Erzählungen, die ich Ihnen nicht geschickt habe: «Jan» und «Das unheimliche Geschehen in jener Nacht». – Die Ausstellung wird übrigens wunderbar; das Fernsehen wird am 3. November voraussichtlich eine Sendung darüber bringen, und in der Basler Zeitung erscheint im Magazin, so wurde geplant, eine farbige Doppelseite.

Mit freundlichen Grüssen!

Adelheid Duvanel.

1 Otto F. Walter hatte Adelheid Duvanel am 15. September 1978 telefonisch kontaktiert.

2 Felix Feigenwinter und Gunild Regine Winter (Hrsg.): Merkwürdige Geschichten aus Basel, Mond-Buch Verlag, Basel 1978.

3 Wände, dünn wie Haut, GS-Verlag, Basel 1979.

*

23. November 78

Sehr geehrter Herr Walter,

der Vollständigkeit halber sende ich Ihnen meine neuen Arbeiten, die ich am Autorenabend in der Galerie zur Löwenschmiede in Basel vorgelesen habe. Eben jetzt sitze ich in der Galerie, um die Ausstellung meines Mannes zu hüten. Die «Symbiose», wie Martin Roda Becher treffend schrieb, von Texten und Bildern ist wirklich geglückt. Dieses Wochenende sollte in der BaZ über die Ausstellung eine Doppelseite erscheinen – so wenigstens ist es geplant.1 Ich weiss nicht, ob Sie die Einladungen für die Ausstellung und Lesung beachtet haben. Auch das Fernsehen hat eine Sendung darüber gebastelt. Die Gedichte habe ich übrigens extra für meinen Mann geschrieben – ich bin sonst «prosaisch», gedenke bei meinen «Leisten» zu bleiben.

Mit freundlichen Grüssen!

Adelheid Duvanel.

1 Basler Magazin, 25. November 1978, Bilder von Joseph E. Duvanel, kurze Texte von Martin Roda Becher, Rainer Brambach, Dieter Fringeli, Mattyas Jenny, Tadeus Pfeifer.

*

7. März 1979

Sehr geehrter Herr Walter,

letztes Jahr, am 15. September, habe ich Ihnen – weil Sie mich telefonisch darum gebeten hatten – 35 Texte zugesandt. Ich bin nun mit der Zeit neugierig geworden; ich wüsste gern, ob meine Arbeiten Ihnen zusagen. Das Buch «Merkwürdige Geschichten aus Basel» ist unterdessen im Mond-Buch Verlag erschienen; wie Sie sehen, haben die Herausgeber auch «Der Vogel», «Das Ungeborene» und «Der Brief» in die Sammlung genommen. Im Juli dieses Jahres kommt im GS-Verlag ein Buch «Wände, dünn wie Haut» heraus, das nur Erzählungen von mir enthält; ausser den in meinem letzten Brief erwähnten «Jan», «Wie ein Tröpfchen Tinte» und «Aufbruch mit drei Plüschaffen» hat es noch eine Geschichte mit dem Titel «Das unheimliche Geschehen in jener Nacht». Tadeus Pfeifer schreibt voraussichtlich das Vorwort, Frank Geerk hat sich jetzt schon gemeldet, er wolle in der BaZ eine Rezension bringen, und mein Mann (der in Zürich vom 19. bis 31. März in der Galerie Trittligasse eine Ausstellung hat) schuf zu den Texten acht eindrückliche Illustrationen.

Der Vollständigkeit halber sende ich Ihnen die neuen Arbeiten «Bedrängnisse»1 und «Die Zeichnung». Von «Tag im Wind» schicke ich eine Neufassung; die alte hat mich nicht überzeugt.

Haben Sie «Neid» und die beiden Gedichte (die man 1. März zusammen mit einem weiteren Gedicht von mir am Poesie-Telefon von Matthyas Jenny hören konnte) erhalten? Höre (oder lese) ich bald von Ihnen, und erhalte ich meine Texte zurück?

Mit freundlichen Grüssen

Adelheid Duvanel.

Beilagen: «Bedrängnisse», «Die Zeichnung», «Tag im Wind» und «Merkwürdige Geschichten aus Basel».

1 «Bedrängnisse» findet sich nicht unter diesem Titel im Druck.

*

16. 3. 79

Sehr geehrte Frau Duvanel,

Sie haben recht, mich zu mahnen. Bei mir ist in den letzten Monaten ziemlich viel drunter und drüber gegangen. Auch sitze ich da, umlagert von Manuskriptbergen, die mir dauernd mehr Zeit abfordern, als ich mir eigentlich dafür leisten darf.

Ihre Texte gefallen mir, mal summarisch gesagt, nach wie vor. Intensiv poetisch beschwören sie Verhältnisse und Verkehrsformen zwischen Menschen, zwischen Menschen und Dingen in einer Sprache, die den Übergang zwischen, nein, zur sinnlich nicht fassbaren Wirklichkeit in uns und um uns metaphernwütig freilegt. Mehr wohl «poésie en prose» als Story.

Ein wenig verwirrte mich, von Ihnen gelegentlich von dieser und jener Veröffentlichung zu hören. Ich habe nun den Überblick verloren. Ein sauberes, klar überblickbares Manuskript zusammenzustellen, über das dann zwischen dem Luchterhand-Verlag, Ihnen und mir zu diskutieren wäre, dazu fehlt mir die Zeit. Ich bin lediglich Berater des Verlags, kann also bestenfalls in einem Begleitschreiben begründen, warum ich für eine Veröffentlichung wäre. Ich bin dafür, wobei ich an einen Band von vielleicht sechzig relativ gross gesetzten Druckseiten denke. Wäre Ihnen möglich, die Texte nun, mit Inhaltsverzeichnis, mit Nummerierung zusammenzustellen, zu heften, sogar wenn möglich [zu binden?], die Sie sich in einem solchen kleinen Band vorstellen und wünschen; Überschneidungen mit dem Buch im GS-Verlag würden grundsätzlich nicht stören, sofern es jenen Verlag nicht stört.

Bitte, geben Sie mir Nachricht.

Mit den besten Wünschen für Ihre Arbeit bin ich

Ihr Otto F. Walter

*

Carona, 8. Juli 79

Lieber Robombo!1

Was machst Du wohl gerade jetzt, da ich diesen Brief an Dich schreibe? Es ist Sonntag halb 3 Uhr nachmittags; ich sitze im Grünen, alle Blätter rundum flattern im Wind, der Himmel streichelt die Wälder mit milchigweissen Händen; blaue Hortensien leuchten unten im Garten und Rosen knistern wie Feuerchen am Weg.

Ich glaube, ich kann hier gut arbeiten. Ich habe schon 1½ Seiten geschrieben, eine Biografie von Flaubert zu lesen begonnen (deshalb habe ich heute Nacht geträumt, ich schriebe eine Arbeit über Martin Bechers «Werk» – als ob er schon ein «Werk» verfasst hätte!–; natürlich geisterten sein Gedicht «Flauberts Todestag» und Dein Bild durch meinen Traum …), zwei Erzählungen von Virginia Woolf gelesen (in einer alten «Neuen Rundschau»), über einem Fotoband mit interessanten, maskenähnlichen Portraits meditiert und um Mitternacht die Geister von Lisa Tetzner und Kurt Held2 erwartet, die aber nicht erschienen sind.

Eben jetzt geht leise ein grauer, getigerter Kater vorbei, hält kurz an, schnuppert an einem zitternden Grashalm und setzt seinen Weg fort; er verschwindet im Haus, zieht sich zurück in den Schatten, wo eine graue Kätzin wohnt, die einen ganz sanft beisst, wenn man sie am Rücken streichelt, weil sie dort wahrscheinlich weh hat; am Morgen gaben wir ihr Milch zu trinken, weil sie darum bat.

Wir haben heute den Botanischen Park besucht; von oben ist das Panorama wie ein wunderschöner Traum – blau und ganz verschwommen, und Insekten, Samen und Schmetterlinge leuchten in der Luft.

Du weisst, dass ich nicht gut zeichnen kann; ich versuche jetzt trotzdem das Haus zu skizzieren, damit du es Dir vorstellen kannst: Die Farbe des Hauses: rosa.

Der Wind schlägt die Fenster und Türen zu; alle Bäume rauschen und wogen durcheinander.

Ich glaube, der Flügel ist nur eine Dekoration; Notenblätter habe ich keine gefunden. Jä-Jä3 sagte, es habe Schallplatten von Schweizer Komponisten; vielleicht hören wir uns die eine oder andere an (z.B. Honegger und Frank Martin).

Gell, lieber Grolo, Du bist nicht zu traurig. Ich stelle mir vor, dass Dir auf dem neuen Klavierbänklein die schönsten, heftigsten, wehmütigsten Melodien einfallen.

Die Haushälterin, die Olga heisst, hat uns gestern einen wunderschönen Strauss Margriten auf den Esszimmertisch gestellt; sie hat sie selber gesucht. Ist das nicht lieb?

Ich hoffe, dass du meine Schrift lesen kannst; jetzt ist ja keine Adä zu Hause, die Dir die Briefe vorliest …

Wenn ich Jä-Jä nicht hätte, würde ich hier ganz tief in einen goldenen Traum fallen, in dem nie gelacht wird. Vielleicht würde ich verhungern? Es ist gut, dass Jä-Jä bei mir ist.

Sind die Vögel froh, und führt der Gobi ein glückliches Leben? Ich denke viel an Dich und habe Zeit, über alles nachzudenken, was Du mir in der letzten Zeit gesagt hast. Ich glaube, das ist für uns sehr gut – für alle Drei. Ich bin mit meinen Gedanken erst am Anfang – ist es noch zu früh, um Dir mehr über meine Beobachtungen und Überlegungen zu berichten.

Ich umarme dich in grosser Liebe:

Deine Solbä.

1 Robombo, Grolo, Gombo, Gobi u.ä. sind Kosenamen für Joe Duvanel.

2 Duvanel hielt sich zwei Wochen in der Casa Pantrovà in Carona auf, einem Gästehaus für Literaten und Künstler, das Lisa Tetzner und Kurt Kläber / Held der Pro Helvetia vermacht hatten.

3 Jä-Jä ist der Kosename für die Tochter Adelheid Cécile, auch Juju, Bölleli und Gigi.

*

Otto F. Walter, Oberbipp, 9. 7. 79

Lieber Thomas,1

Du erinnerst Dich, ich habe als möglichen Titel für 1979 – vermutlich Frühjahr – die Geschichten von Adelheid Duvanel, Basel, angekündigt. Ich bin auf die vermutlich etwa 40-jährige Autorin (ich kenne sie persönlich nach wie vor nicht) aufmerksam geworden durch den Abdruck einer Geschichte in der Basler Zeitung.

Ich halte diese Arbeiten für ausserordentlich. Sie sind es in einem gewissermassen engen Rahmen – dem des winzigen Alltags von zumeist Frauen und Kindern in abbruchreifen Mietshäusern – hier jedoch von einer mich beeindruckenden, lakonischen Poesie, die den Tag und die finstere Dämmerung dieser Existenzen in irre aufblühenden Metaphern aufreisst:

«Es ist so still, als ob ein Würger umginge.» – «Die Nacht umarmte wie ein Ungeheuer den hohen Kleiderkasten …», «Da es Winter war, hatte sich die Sonne zu einer Knospe geschlossen; sie sandte einen perlenden, gleichmütigen Gesang durch die Wolkendecke» – Bilder, die etwas Geisterhaftes hinter dem Alltag sichtbar machen und ganz von fern mich an die gewagten exzessiven Sprachblumen Isaak Babels erinnern, auch hier erstehen sie immer präzise aus der Situation heraus.

Es handelt sich um (zunächst) 26 Geschichten (von 2 bis etwa 7 Seiten), einige davon in der vom staatlichen Literaturkredit der Stadt Basel herausgegebenen Reihe «Basler Texte» veröffentlicht (neuerdings). Die Autorin hat noch mehr Geschichten, auch schreibt sie natürlich weiter.

Ich rate Dir und dem Verlag zur Publikation. Es ginge jetzt darum, dass Du die Sachen mal liest und Dein Votum abgibst. Mich sollte freuen, wenn wir auch hier übereinstimmten. Ein Erstling, der übrigens auch Vertrauen zulässt in die Fähigkeit der Autorin, einen längeren Zusammenhang zu bewältigen.

Wäre Dir möglich, mir bei der Programmkonferenz Ende August Deine Einschätzung zu sagen? Ich bitte Dich, Herrn Dr. Altenhein2 eine Kopie dieser Zeilen zur Information zu übermitteln.

Dir Bestes!

Mit meinem besten Gruss bin ich

Dein Otto F.

1 Thomas Scheuffelen, Lektor beim Luchterhand Verlag.

2 Hans Altenhein, Verlagsleiter von Luchterhand.

*

9. 7. 79

Liebe Frau Duvanel,

wie recht Sie haben, mich zu mahnen! Hier jedenfalls dieser Kurzbericht über den «Stand der Dinge».

Ich habe Ihr Projekt in die Mai-Programmkonferenz bei Luchterhand eingebracht, wo die möglichen Titel für 80 diskutiert wurden. Es steht jetzt auf dem provisorischen Programm. Die Texte sind mit einem Bericht von mir an den Lektor Dr. Thomas Scheuffelen in Darmstadt an den Verlag gegangen. Ende August findet die nächste Konferenz in Darmstadt statt; sofern auch Scheuffelen von Ihren Arbeiten so angetan ist wie ich (als «Berater» des Verlags), so dürfte die Veröffentlichung im nächsten Jahr – Frühjahr, evt. Herbst – gesichert sein. Die endgültige Entscheidung der Verlagsleitung dürfte dann nicht lange auf sich warten lassen. – So einfach, so kompliziert, so langwierig halt läuft das heute in (grösseren) Verlagen.

Ob ich Sie um etwas Geduld noch bitten darf? Ich habe mich gefreut zu sehen, dass die erneute Lektüre der Texte mir ermöglicht hat, nochmal klar für die Publikation zu plädieren. Endgültige Auswahl, Umfang des Buchs, allenfalls Korrekturen wären dann zwischen Ihnen und dem Lektor zu beraten. Hier sehe ich keine Sonderprobleme.

Ihnen viel Gutes, auch für Ihr persönliches Wohlergehen.

Empfangen Sie meinen besten Gruss!

Ihr Otto F. Walter

P. S. Ich bin vom nächsten Wochenende an bis gegen Augustende im Süden.

*

9. 7. 79

Mein lieber Grolo!

Heute haben Jä-Jä und ich einen sehr schönen Tag verbracht (zuerst wollte ich «verlebt» schreiben, aber das finde ich grässlich; als ob man ein Stück seines Lebens tot getreten hätte …); wir bewegen uns immer sicherer im Haus und im Dorf, kennen alles schon besser: die Haushälterin Olga, die uns heute einen Kopfsalat aus dem Garten schenkte; das Kätzchen «Mitschana» und dessen Sohn, der einen breitbeinigen Gang hat (wäre er ein Mensch, dächte man, er sei Matrose …); einige Menschen, denen wir immer wieder begegnen und all die schönen Winkel, Gässchen, Blumen und sogar Hunde. Wir sind mit dem Schiff gefahren, waren in Lugano, haben ein vierblättriges Kleeblatt gefunden, haben einander viel erzählt und viel gelacht, haben zwei Foteli gemacht, gelesen, geschrieben, im winzigen Coop-Laden im Dorf eingekauft, zusammen ein Znacht zubereitet, uns geärgert, weil das Wasser im Badezimmer plötzlich nicht mehr fliesst, einen Schriftsteller aus Zürich begrüsst, der mich sofort kannte, dessen Namen ich aber nicht verstanden habe (was ich mir aber nicht anmerken liess, denn Schriftsteller sind eitel; dieser hat eine Stimme, die durchs ganze Haus schallert – wahrscheinlich hört er sich gerne reden; er bleibt übrigens nur für eine Nacht hier), und einen Abendspaziergang gemacht. Mitten im Wald haben wir eine alte, zerfallende Kirche entdeckt; Jä-Jä war ganz begeistert, sagte, hier wolle es heiraten, fand den Kreuzweg dramatisch und spielte «Königin», die mitten auf dem mit Gras bewachsenen Weg zum Kirchenportal schreitet. Leider war das Portal verschlossen; wir hätten dieses merkwürdige Gotteshaus, das schrecklich verlassen wirkt, gerne betreten; innen muss es ganz dunkel und kühl sein.

Wie geht es Dir, Grol? Warst Du mit Scherler im Elsass? Hattest Du am Sonntag Besuch von Hélène und Ernesto? Du musst nicht zuviel allein bleiben, sonst wirst Du vielleicht ganz schwermütig – mir geht es auch so, wenn ich allein bin. Zum Glück habe ich Jä-Jä hier; ich hoffe, dass es mit ihm weiterhin so gut geht wie bis jetzt; es ist relativ ausgeglichen, hilft mir ganz herzig, erzählt viel, gibt sich manchmal etwas zu selbstsicher, was man aber mit dem Alter entschuldigen kann, und wechselt ab mit dem Ausplaudern von ganz spinnigen und ganz vernünftigen Ideen, was aber auch sehr verständlich und oft drollig ist. Es kann sich leidenschaftlich für oder gegen etwas ereifern – alles ist ja noch in Gärung, doch ich glaube, schlussendlich kommt dann alles gut heraus, findet es sich und seinen Platz; sicher auf Umwegen – aber wer macht die nicht, ausser ganz langweiligen Menschen? Dich hat es nach wie vor sehr gern, das spüre ich; Du bist für seine Entwicklung wichtig, in jedem Sinne – viel wichtiger als ich. Doch auch Castelmont1 ist wichtig mit allen positiven und vielleicht weniger positiven Erfahrungen; wer kann jeweils im Voraus bestimmen, was einem jungen Menschen weiterhilft und was ihn nachhaltig verunsichert? Eigentlich spürt dies nur der Betreffende selber, und zwar erst viel später, wenn er die schwierigen Jahre der Entwicklung hinter sich hat und gereift ist. So jedenfalls sehe ich es, habe ich es auch bei mir selber erlebt.

So, Bombo, ich gehe jetzt schlafen – morgen will ich Dir noch ein wenig weiterschreiben. Bölleli ist schon am Einschlafen.

Jetzt ist morgens 7 Uhr. Die Welt strahlt! Ich hatte, als ich erwacht war, eine sonderbare Gehörhalluzination: Die ersten Takte einer gewaltigen Kirchenmusik mit Gesang schwollen immer wieder an, und dazwischen tönte das herzzerreissende Miauen einer Katze – dies mehrmals, immer gleich. Es war faszinierend, aber auch unheimlich.

Jä-Jä, das heute Nacht noch bei mir geschlafen hat, weil das andere Zimmer bis jetzt für den Herrn aus Zürich reserviert war, hat schlecht geschlafen: es redete oft im Traum, manchmal in Worten, die ich verstand, doch aus den Sätzen konnte ich keinen Zusammenhang herstellen. Es erwachte auch oft und hat nun Angst, es schlafe von nun an hier oben so schlecht wie in Davos, doch da es die ersten zwei Nächte sehr gut geschlafen hat, glaube ich, es war nur der Vollmond, der ihm diesen Streich gespielt hat; er schwamm wie eine märchenhaft glänzende Seerose hinter unserem Fenster vorbei.

Gell, Du bist mir nicht böse, dass ich Dir nie telefoniert habe; weisst Du, ich muss mit dem Geld sehr sparsam umgehen, sonst können wir nicht drei Wochen bleiben. Vielleicht reicht es auch so nicht ganz.

Ich hätte jetzt noch eine Bitte: Könnten Lila2 oder Du, falls Ihr uns einmal schreibt, die Adresse von Manno beilegen?3 Wir würden ihm sehr gern einmal eine Karte schicken; sicher hätte er Freude.

Ich schicke Dir die liebsten Küsseli der Welt und denke ganz fest an Dich!!!

Adä.

1 Das Basler Sanatorium Castelmont (1896–1985) war die erste Volksheilstätte für unbemittelte Tuberkulosekranke im Luftkurort Davos. Tochter Adelheid wohnte im Schulheim für asthmakranke Kinder, sie litt an schwerem Asthma, der Arzt und Onkel Andrea Gartmann-Duvanel hatte sie mehrmals nach Davos geschickt.

2 Spitzname von Lilianne Balloux, Joe Duvanels Freundin.

3 Manno war der Kosename für den Sohn François von Joe und Lilianne.

*

Carona, 10. Juli 1979

Lieber Rollboll!

Heute waren wir schwimmen; jetzt sind wir auf eine gesunde Art «abgekämpft». Jä-Jä liest – was läge hier näher? – wieder einmal Kurt Helds «Rote Zora»,1 und ich habe an meiner Novelle,2 auf dem Liegestuhl im grossen Garten sitzend, geschrieben. Der Herr aus Zürich, der heute abgereist ist und der anscheinend bei der PRO HELVETIA eine Rolle spielt (er gleicht, so finde ich, ein wenig Charles Ottiker), hat mich in ein Gespräch verwickelt. Er fragte mich, ob Du mit dem Dokumentarfilmer Charles Duvanel, den er gut kennt oder kannte (ist er gestorben?), verwandt seist. Als ich bejahte, ergänzte er nur eine lustige Episode über Charles Duvanel, der einen Film über einen Waadtländer Vigneron, der zufällig auch Charles Duvanel hiess, gedreht hat.

Heute sah ich, als ich die Durchschläge der für die hiesige Polizei ausgefüllten Formulare betrachtete (die Anmeldung betreffend), wer schon alles hier war, um zu arbeiten: Schriftsteller, Journalisten, Regisseure und Musiker. Es ist eigentlich schade, dass es im Haus kein Gästebuch gibt; es wäre interessant und amüsant, zu lesen, was jeder über seinen Aufenthalt in Carona berichtete. Ich sah, dass Hansjörg Schneider mit Frau und Kindern da war; auch Guido Bachmann, Dieter Fringeli und andere «Grössen» (hmmmm …) haben sich pflichtschuldigst angemeldet.

Jä-Jä und ich reden manchmal in einer Sprache, die wir selber «erfunden» haben – falls man da von «Erfindung» sprechen kann; sie ist ein wenig blöd, sozusagen «sonnenstichig» – obwohl wir natürlich keinen Sonnenstich haben (dies zu deiner Beruhigung!).

Ich musste eben für Jä-Jä im Lexikon heraussuchen, was «Kroaten» sind; leider stammt das Lexikon aus dem Jahre 1888, also ist Kroatien ein «ungarisches Kronland»…

Jetzt noch etwas ganz anderes: Weisst du, wie es meiner Mutter geht? Sie hat sich ja bei der ganzen Aufregung prachtvoll verhalten, doch bei ihrer Krankheit sind ihr solche «jugendlich ungestüme» Erlebnisse nicht mehr zuzumuten. Ich mache mir Sorgen, weil sie sagte, sie rufe mich vor unserer Abreise noch an; sonst hält sie immer Wort. Ich habe meinen Eltern eine Karte geschickt. Du würdest es mir doch mitteilen, wenn Du erführest, dass es ihr schlecht geht? Dann würde ich selbstverständlich telefonieren.

Was macht Dein neues «Albtraum-Bild»? Hast Du weiter gemalt? Jä-Jä ist vom Baumfäller-Bild so beeindruckt; es kam sicher dreimal darauf zu sprechen und sagte, das Bild habe es eigenartig berührt und erschreckt; alle Bilder, die Du während seiner Abwesenheit gemalt hast, findet es sehr, sehr gut. Gigi und ich sind da (ausnahmsweise!) einer Meinung: Du bist der beste Maler, der heute lebt. Sonst haben wir natürlich hie und da Meinungsverschiedenheiten; Jä-Jä hat nicht eben einen «leichten» Charakter, und vielleicht ermüde ich manchmal zu schnell. Wenn ich auch ein solch unbeherrschtes, heftiges Temperament hätte, gerieten wir manchmal einander fast in die Haare … so aber verraucht jeweils seine Wut rasch. Nachtragend ist es auf jeden Fall nicht, nur sehr unbesonnen, emotionsgeladen und sehr oft halt unvernünftig. Seine Nerven sind nicht aus Stahlseilen gemacht – und meine auch nicht … Aber meistens unterhalten wir uns friedlich; gut ist auch, dass wir oft über die gleichen Sachen lachen können. Ohne Humor wäre die Welt ja wirklich nicht zu ertragen!! Und die Ironie pflegen wir natürlich auch; Jä-Jä hat richtig Sinn für Komik – mich dünkt, in dieser Beziehung gleicht Manno seiner Schwester, wenn er auch viel besonnener ist. Jä-Jä übersprudelt manchmal nur so von witzigen Einfällen; Manno ist da weniger intuitiv; seine Einfälle basieren auf seiner scharfen Beobachtungsgabe. Er nimmt mehr mit dem Intellekt auf – Jä-Jä mit dem Gefühl. Es besteht ja nur aus Leidenschaft!

Hab ich Dir schon geschrieben, dass ich ein vierblättriges Kleeblatt nach dem anderen finde? Die ersten zwei habe ich gepresst; jetzt sammle ich sie schon gar nicht mehr. Als ich ein fünf-blättriges fand, schrie Jä-Jä: «Wirf es weg – das bringt Unglück!» Ich warf es natürlich weg, denn ich will wirklich kein Unglück … Um das Glück zu beschwören, zeichne ich jetzt eine ganze Reihe vierblättrige Kleeblätter.

Da habe ich mir aber sehr Mühe gegeben, um uns allen Glück zu wünschen!! Wir hätten Glück so nötig. Ob es kommt, wenn man daran glaubt?

Auf etwas möchte ich noch zu sprechen kommen: weisst du, Jä-Jä ist gar nicht so bewusst raffiniert, wie Du glaubst – dazu fehlt ihm der Intellekt. Es ist katzenhaft, verspielt, grausam, aber auch schmeichelnd und lieb, je nach Laune; von Überlegung ist da keine Spur; was manchmal wie Berechnung aussieht, ist ein instinktives Verhalten wie bei einem Tier. Du musst Jä-Jä nicht überschätzen: es hat viel Phantasie, viel Angst, viel Wildheit – aber sozusagen keine Fähigkeit zur Überlegung: alles, was Plan ist, Konstruktion, ist ihm fremd und unverständlich. Deshalb bewundert es vielleicht auch im Moment «coole» Männer, wie Du sagtest. Es ist in Wirklichkeit labil, wankelmütig, überhaupt nicht im Gleichgewicht. Und wenn Du glaubst, sein Interesse für Musik und Theater sei nicht echt, dann täuschst Du Dich; da bin ich ganz sicher, dass es Musik und Theater liebt. Und natürlich möchte es manchmal auch sorglos, fröhlich, übermütig sein; es lacht sehr gern, spottet gern und ist gerne im Mittelpunkt. Sein grösster Fehler ist in meinen Augen seine Unbeherrschtheit; ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen gekannt, der sich so wenig beherrschen kann, der sein Temperament so wenig zu zügeln versteht und dabei so ichbezogen (nicht unbedingt ichbewusst!) ist. Das macht mir am meisten Sorgen und Angst. Glaubst du, dass es jemals lernt, seine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, auf andere Rücksicht zu nehmen? Du hast recht, Jä-Jä ist theatralisch und auf Wirkung aus, dabei aber im Grunde immer noch sehr unsicher; es weiss, dass es nur ein unfertiges Mädchen ist und nicht die «Dame von Welt», die es spielt. Sein Alter macht ihm am meisten zu schaffen; es hat gefühlsmässig schon so viel begriffen, «erlebt», wenn Du willst, dass es gar nicht verstehen will, dass es erst ein 15-jähriges Mädchen ist, das von den Erwachsenen noch nicht richtig ernst genommen wird. Und Geduld haben ist ja nicht gerade seine Stärke … Ich glaube, das ist im Moment sein grösstes Problem. Dagegen gibt’s ja nichts anderes, als zu warten. Im Leben muss man ja warten können, besonders als Frau; ich hoffe, dass es dies noch lernt! Warten kann Jä-Jä nämlich gar nicht; es empfindet Wartenmüssen als Zumutung, als Beleidigung fast; wenn es sagt: «ich will!», so meint es, müsse sich ihm die Welt zu Füssen werfen … Aber ich denke, dass es noch vieles, vieles lernen wird; dabei wird es vielleicht, gerade mit seinem Charakter, leiden müssen, und auch andere zum Leiden bringen, besonders Menschen, die es lieben und die es liebt …

Lieber Grol, jetzt ist es am anderen Morgen um ¼ vor sechs Uhr. Obwohl ich im ersten Stock schlafe, bin ich erwacht, weil das Kätzchen Mitschana unten im Garten miaute. Wie eine Mutter ganz auf das Schreien ihres Säuglings eingestellt ist, so dass sie in der Nacht sogar erwacht, wenn er nur leise wimmert, so bin ich jetzt auf das Miauen von Katzen eingestellt, weil ich immer erwache, wenn der Gabi heimkommt und Hunger und Durst hat … Mitschana ist sehr zutraulich; sie läuft uns entgegen, wenn wir nach Hause kommen, und wenn wir draussen essen oder lesen, setzt sie sich zu uns.

Ihr Sohn ist ruppiger, aber auch sehr herzig. (Jetzt fällt mir ein, gell, Du hast die Badezimmertür immer offen? Und wenn der Gabi die Milch nicht trinkt, dann ist sie sauer, dann sollte man sie wechseln; Johanna verweigert die Milch sogar, wenn sie nur ein bisschen zu stark verdünnt ist … Bin ich nicht ein lachhaftes Katzenmami? Aber solange man das Wohl der Katze nicht über das Wohl der Kinder stellt, geht das ja; über das Wohlergehen von Juju mache ich mir dann schon 1000-mal mehr Gedanken als über das Wohlergehen eines Kätzchens – aber Juju ist ja auch eine Art Kätzchen, nur sollte man aus ihm halt doch, soweit dies geht, einen Menschen machen …)

Heute ist ein trüber Tag; der Himmel ist bedeckt – wahrscheinlich gibt es Regen. Ojeh! Aber vielleicht wird dann Jä-Jä nicht so sehr von den Insekten verfolgt; das arme Kind ist ganz zerstochen, während ich nur einen einzigen Stich am Fuss habe. Es hat regelrechte Angst vor diesen Viechern, die es auf sein Blut abgesehen haben.

Falls Du uns einmal besuchen willst, solltest Du zuerst telefonieren oder schreiben und den genauen Zeitpunkt der Ankunft mitteilen, damit Olga alles vorbereiten könnte. Das Haus steht oberhalb des Dorfes; bis vor kurzem war es das letzte – jetzt wurden noch ein paar andere hier gebaut. Das Wasser stellen sie in der Nacht ab, weil das Dorf wegen dem Schwimmbad an Wassermangel leidet. Das ist das Einzige, was mich hier ärgert.

Billionen, Trillionen, CilIionen, Dillionen, Fillionen, Gillionen, Hillionen, Killionen, Lillionen, Nillionen, Pillionen, Quillionen, Rillionen, Sillionen, Tillionen, Villionen, Willionen, Xillionen und Zillionen Kusseli!!!

Deine Sozä.

1 Kurt Kläber unternahm um 1940 eine Jugoslawienreise, auf der er im Küsutenstädtchen Senj in Kroatien das Mädchen Zora und ihre Bande kennenlernte. Die Erlebnisse mit den Jugendlichen verarbeitete er in seinem ersten Jugendbuch «Die rote Zora und ihre Bande», das 1941 unter dem Namen Kurt Held bei Sauerländer in Aarau erschien.

2 Duvanel schrieb keine Novellen und keine Erzählung mit dem Titel «Novel le».

Adelheid und Joe Duvanel Anfang der Sechzigerjahre.

Das Bild ist entnommen aus: Monika Jagfeld (Hrsg.): WÄNDE dünn WIE HAUT – Zeichnungen und Gemälde der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel. Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut, St. Gallen, 2009.

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Carona, 12. Juli 1979

Lieber Groll!

Eigentlich dachte ich, ich wollte Dir jetzt bis am Sonntag oder Montag nicht mehr schreiben; stellte mir vor, das sei vielleicht für Dich eher eine Belastung, fast täglich einen Brief von mir zu erhalten und lesen zu müssen; meine Schrift ist ja auch nicht gerade die leserlichste, und ob Dich immer erfreut und interessiert, was ich schreibe, weiss ich auch nicht.

Du sollst auf jeden Fall wissen, dass ich Dich sehr gut verstehe; sogar, wenn Deine Denkweise, Deine Reaktionen, Deine Art, die Dinge zu sehen, zu fühlen und zu interpretieren, mich manchmal sehr erschrecken und fast zur Verzweiflung bringen, komme ich nach langem Nachdenken zum Schluss, dass ich Dich verstehe. Aber es geht ja nicht nur darum, Dich zu verstehen; ich muss gleichzeitig, weil wir wie ein Netz alle miteinander verknüpft sind, auch Deine Umwelt verstehen, d.h. Jä-Jä, Manno, Lila und die Verwandten und Bekannten, die auch mit unserem Leben zusammenhängen. Manchmal dünkt es mich, alles sei für mich zu viel; als sei ich an Fäden geknüpft, an denen auf allen Seiten heftig gezogen wird, so dass ich fast zerreisse.

Weil jetzt heute Dein trauriger Brief angekommen ist, kann ich nicht anders, als Dir zu schreiben. Ich bin froh, dass für Dich das Klavierbänklein ein Aufenthaltsort ist, der Dich inspiriert. Du kommst mir vor wie ein Zauberer; Du setzt Dich auf die Bank, deine Seele wechselt den Ort, begibt sich blitzschnell in den schwarzen Wunderkasten und verharrt dort eine Weile. Du wartest, ganz leer, legst Deine Hände auf die Tasten und spürst das Vibrieren; Deine Seele will sich mitteilen, will ein Werk gestalten, will sich in Töne verwandeln; sie drängt sich in Deine Fingerspitzen, bringt sie zum Tanzen, jagt sie, pocht und spritzt wie grellfarbenes Blut – und dann geschieht das gleichzeitig: die Finger tanzen und die Seele singt, stöhnt, jauchzt, weint, braust dahin wie ein Teufelswagen voll geraubter Schätze: ganze Wasserfälle hast Du geraubt, tosende, finstere Schluchten, funkelnde Regenbogen, tiefe, blaue, stille Wasser, Blumensträusse wie Rosenwolken; den leisesten Gang des Tigers unter fleischigen, nassen, blitzenden Blättern, und den Wind, der in einem Turm wohnt, und den Flügelschlag der Eule, die die Maus fast fallen lässt vor Schreck, weil ein junger Gott seinen goldenen Pfeil aus Übermut durch die schlafenden Baumwipfel schleudert … all diese Bilder fahren in Dich hinein; Du musst Dich ganz, ganz ausweiten, damit sie alle Platz haben. Auch jene Zuhörer, die sich öffnen, können manche Bilder empfangen; doch viele halten sich verschlossen oder öffnen sich nur einen Spalt …

Ich freue mich, wenn Du mir wieder schreibst. Ich glaube, Jä-Jä war enttäuscht, weil Du ihm auf seinen Brief, in dem es Dich um Verzeihung bittet, nicht geantwortet hast. Ich will mich nicht einmischen; Du sollst tun, was Du für gut findest. Aber ich glaube, es hat jetzt den Mut nicht mehr, Dir zu schreiben oder auch nur einen Brief zu unterschreiben, den ich an Dich absende. Es ist wie in Castelmont; auch von dort hat es sich erst getraut, Dir zu schreiben, nachdem Du ihm die liebe Karte gesendet hattest. Als ich Dir jetzt – d.h. gestern oder vorgestern – einen Brief geschrieben hatte und Jä-Jä bat, auch zu unterschreiben, sagte es: «Paps hat auch nie unterschrieben, als Du mir nach Davos Briefe schriebst.»

Könntet Ihr nicht einmal offen miteinander reden? Jä-Jä hat das Gefühl, Du seist ihr böse, weil es jetzt in Davos lebt, und es hat das Gefühl, Du seist ihr böse, weil es sich verliebt hat. (Es hat sich tatsächlich verliebt; und wenn es theatralisch verkündet: «die ganze Welt soll wissen, dass ich Stephan liebe,1 ich will es nicht verstecken, dass ich ihn gernhabe!») will es nur, als gelehrige Schülerin seines Meisters, in Deine Fussstapfen treten: Es hat ihm anscheinend imponiert, dass Du Dein Verhältnis mit Lilianne nie versteckt hast, sondern vor aller Augen Dich zu ihr bekannt hast, obwohl sie nicht Deine Frau, sondern Deine Freundin war. Jä-Jä zieht hier (Du musst an seine Unreife denken!!) Parallelen: Eure Liebe war in den Augen der Welt ein Skandal, weil Du verheiratet warst, und Jä-Jä’s Liebe (das Dummerli sieht die Sache wirklich so!) ist in den Augen der Welt auch ein Skandal (stell Dir vor, wie interessant Jä-Jä das findet!), weil Jä-Jä erst fünfzehn ist, weil Stephan erst noch sein Erzieher ist. Auch wenn es von daheim ausreisst und zu ihm «flieht», ist das alles kindische Romantik, nicht in erster Linie Triebhaftigkeit. Bei solch jungen Menschen geht ja im Inneren noch alles drunter und drüber: die «grosse Leidenschaft» ist mit viel «Seelenwallungen» verbunden; Jä-Jä ist nicht der «sachliche Typ», ist nicht «cool», auch wenn es sich manchmal so gibt. Es projiziert jetzt in diesen armen Stephan (der es sicherlich gut mag) alles hinein, was es an einem Mann lieben möchte: äusserlich zählt das hübsche Aussehen, die «edle Nase», die schüchterne, weiche, verträumte Art. Innerlich glaubt es in ihm den künstlerisch Begabten bewundern zu müssen (ich zweifle etwas, dass es mit dieser künstlerischen Begabung weit her ist): Es schwärmt, weil er schreibt, komponiert, Texte fürs Cabaret verfasst, Klavier, Gitarre und Geige spielt und sich im Theaterspielen weiterbildet, d.h. einen Kurs für Kindertheater nimmt. Er ist sicher kein wertloser Mensch (wir hätten da ja noch mehr Pech haben können, indem Jä-Jä’s erste Liebe sich als Schuft entpuppt hätte!), er ist nur noch sehr unfertig, unsicher, ungeformt. Ich bin eigentlich überzeugt2

1 Die fünfzehnjährige Adelheid hatte sich in Davos in ihren Cello- und Theaterlehrer Stephan verliebt, dessen Nachname nie erwähnt wird. Siehe auch den Brief an Beutler vom 9.10.1992.

2 Briefende fehlt.

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13. Juli 1979

Sehr geehrter Herr Walter,

Sie hatten doch hoffentlich bei Erhalt meines letzten Briefes nicht den Eindruck, ich wolle Ihnen (resp. dem Luchterhand-Verlag) ein «Ultimatum» stellen? Dies war ganz und gar nicht meine Absicht: Ich fühlte mich nur etwas verunsichert, weil der Mondbuch-Verlag mich drängte – zu Unrecht drängte, denn wie ich nur wenige Tage nach der Absendung meines Briefes an Sie erfuhr, ist der kleine Verlag gar nicht imstande, im Herbst schon wieder ein Buch herauszubringen. Die Verleger wollten sich wahrscheinlich einfach meine Manuskripte sichern, weil sie, wie ich weiss, schon vor Gründung des Verlags planten, ein Buch von mir mit dem Titel «Das ist nun eben so, lieber Gott» herauszubringen. Sie bekamen nun Angst, dass ihnen ein Strich durch die Rechnung (mein Gott, von «Rechnung» kann man ja nicht reden …) gemacht würde, denn sie halten hartnäckig an diesem Plan fest, was ich nicht verwerflich finden kann – im Gegenteil.

Nun halte ich mich schon seit einer Woche im Haus der Lisa Tetzner und des Kurt Held auf, arbeite, schreibe Briefe, kümmere mich um meine wilde Tochter, sitze im Moment auf einem unbequemen Stuhl mit Löwenfüssen, hoffe auf besseres Wetter und auf Bericht von Ihnen. Aber wie gesagt; es pressiert nicht so! Dies wollte ich Ihnen doch schreiben.

Mit freundlichen Grüssen!

Adelheid Duvanel.

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14. Juli 1979

Mein lieber, trauriger Robombo!

Gestern kam ein Brief von Dir, der war vor Traurigkeit ganz schwer und schwarz und hat sich wie ein müder Rabe auf meine Seele gelegt. Und heute kamen wieder zwei Briefe angeflattert. Sie haben etwas mehr Leben in sich als der gestrige, haben mich angeschaut und hüpfen erwartungsvoll um mich herum. Ich will Dir nichts schreiben, was Dich vielleicht traurig machen könnte; da Du schon so mutlos und melancholisch bist. Das Lila es unnötig findet, dass ich Dir so viele Briefe schreibe, bedrückt mich; sie hat mir wirklich so viel wegzunehmen versucht und manches auch wirklich genommen, dass sie mich jetzt doch ein ganz, ganz kleines bisschen schonen könnte. War und bin ich mit ihr nicht duldsam? Weisst Du, ich hatte immer den Eindruck, von mir werde so unmenschlich viel verlangt, ich müsste so viel verkraften, dass ich oft dachte, ich würde ganz einfach einmal auf den Boden fallen, um nie mehr aufzustehen. Das Einzige, was mich gehalten hat, was mir immer wieder Kraft gab, war Deine Liebe; sobald ich sicher gewesen wäre, dass Du mich endgültig nicht mehr lieben kannst, wäre ich kaputtgegangen. Ich kann jetzt so leben, so irgendwie ganz sonderbar geteilt, nur, weil ich Dich liebe und weil Du mich liebst. Ich weiss z.B., dass es meiner Mutter ungeheuer weh tun würde, bei Lila oben die Möbel zu sehen, die sie uns gekauft hat; deshalb war ich gar nicht betrübt, als sie an jenem «Steuertag» nicht zum Essen kam. Mir ginge es als Mutter gleich, wenn ich später einmal bei Jä-Jä so etwas vorfinden würde. Wir sind alles Menschen; es ist ja leicht, grosszügig zu sein, wenn man Vorteile dabei hat, aber wenn man zu einer Grosszügigkeit gezwungen wird und dabei nur weh hat, weil es einen dünkt, andere machen sich über die reinsten Gefühle, die treusten Gedanken, die liebevollste Zuneigung, die edelsten Absichten, die man hat, nur lustig, ist das schwer. Lila sollte so reif sein, um das zu verstehen, und es uns nicht missgönnen, wenn wir einander schreiben. «Blablabla» schreiben sich nur Leute, die sich nichts zu sagen haben.

Gestern hat es geregnet; ganze Bäche, nein, Ströme, stürzten vom Himmel. Heute ist das Wetter ganz hell.

Was Du von Jä-Jä schreibst, ist Wahres dabei. Sicher wurde es von Dir verwöhnt, vielleicht so sehr, dass es für ein kleines Mädchen gar nicht leicht zu verarbeiten war, da es sich ja noch «nütelig» fühlte und vielleicht ein Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit hatte, weil es genau wusste, dass es sich für all diese Geschenke (im weitesten Sinne des Wortes) gar nicht revanchieren könne. Es wollte uns immer Freude machen, uns nach dem Mund reden, uns mit aussergewöhnlichen Leistungen, die es doch gar nicht vollbringen konnte, verblüffen. Dazu kommt noch, dass Jä-Jä als kleines Mädchen Schocks ausgesetzt war, die gerade ein solch hypersensibles Kind verstören mussten. Als ich arbeiten musste, war Jä-Jä erst anderthalb bis drei Jahre alt; ich gab es einmal Deinen Eltern, dann wieder meinen Eltern, dann Theres. Ich entsinne mich, wie sonderbar Jä-Jä war, wenn ich es jeweils am Samstag oder Sonntag besuchte; ich konnte keinen Kontakt zu ihm herstellen; es schaute immer an mir vorbei, redete viel und unruhig, als wolle es sich doch mitteilen, aber alles war zusammenhangslos. Es war ein sehr zartes kleines Mädchen, nervös, mit einer Phantasie, die leicht erhitzt war, mit einem ängstlichen, unsicheren Wesen. Ein solches Kind braucht eine in sich geschlossene, ruhige Umgebung, Bezugspersonen, auf die es sich verlassen kann und bei denen es sich behütet weiss. Wenn dann der Geist erwacht und mit ihm die Neugierde, so mit sechs, sieben Jahren, versucht ein Kind auch die «gefahrvolle Aussenwelt» zu erpirschen, vorsichtig Erfahrungen zu machen. Als Jä-Jä Albträume hatte, hätte man es halt ruhig Nacht für Nacht trösten sollen; so wäre mit der Zeit die Angst von ihm gewichen und das Vertrauen in die Umwelt erstarkt. Auch als wir von Spanien zurückkamen, hatte Jä-Jä kein «Heim»; es lebte lange Zeit von mir getrennt bei Theres, weil ich arbeiten musste, und dann bei meinen Eltern. Damals kam es dann in den Kindergarten, wo es ja nicht bleiben konnte und wollte, weil sein unruhiges, unverständliches Wesen – so lieb es war! Wie rührend hat es doch trotz seiner schweren, fiebrigen Erkältung den König Balthasar gespielt! – die Lehrerin verunsicherte, was Jä-Jä spürte. Auch in der Primarschule war es «wild», deshalb schloss es sich allein an Carmela an, das auch von der Klasse verstossen war.

Du musst wissen, Grolo, Jä-Jä hat es, trotzdem es hübsch ist, sehr schwer; ich spüre immer wieder, dass es die Menschen vor den Kopf stösst; niemand versteht seine Ansichten, niemand begreift seine unerbittliche Beurteilung von anderen Menschen, den Spott, den es für fast alles übrig hat.

Jä-Jä ist nicht nur Deine Mutter!! Ich weiss, dass man in Castelmont Jä-Jä als «gestört» betrachtet, und gemessen an der heutigen Gesellschaft ist es das wahrscheinlich. Es ist eine «Wilde», in seinem Wesen unzivilisiert; man sagte mir aber, es habe auf die Kinder durch seine starke Persönlichkeit einen guten Einfluss. Jä-Jä ist ein Katzentier: wie es da barfuss, mit dem langen Jupe, dem flatternden Haar, den blitzenden Augen, immer bereit, aus Spott zu lachen, immer auch bereit, niederzuknien und mit einem Käfer oder einer Heuschrecke durchs Dorf schreitend zu sprechen, – ich weiss nicht, wo man dieses Kind einordnen soll. Es gibt heute keinen Platz mehr für solche Wesen. Jä-Jä stösst entweder ab oder wird geliebt, bewundert und (lach nicht!) gefürchtet. Unsere Erziehung dieses Geschöpfs war nämlich nicht nur negativ: es bewegt sich ungehemmt (in Castelmont sagte man mir, es sei das einzige Kind, dass beim Theaterunterricht «aus sich heraus» gehe und wirklich etwas annehmen und lernen könne), es schätzt die Menschen blitzschnell ein, sieht sofort ihre lächerlichen, aber auch ihre wertvollen Seiten; es macht sich über alles Spiessbürgerliche lustig, pfeift auf die Konventionen, stellt viel in Frage, hat einen wirklich lebhaften Geist – und ist auf der Suche: auf der Suche nach sich selbst und nach einem Platz, wo es sich selber sein darf und wo man es akzeptiert. Und das ist ungeheuer schwer!

Ich frage mich, ob wir es nicht doch in die Schauspielschule schicken sollen? Ich weiss nicht. Natürlich ist es noch zu jung.

Lieber Grol,

Sende mir die Post nach – vielleicht ist es etwas Wichtiges. Und schickst Du mir ein Büchlein, wenn es endlich herauskommt?1 Könnte ich Dominik2 schreiben? Oder ist es besser, nicht? Ich denke oft daran, wie das traurig sein muss im Burghölzli3 – Ich war ja auch einmal zwei Wochen dort. Siehst Du, ich habe auch keinen Platz für mich gefunden – Du hast mir meinen Platz gezeigt und gegeben und für mich schön gemacht. Da danke ich Dir 100 000 000 000 Mal dafür!!!!!!!

Sei nicht so traurig, lieber Rollboll; ich liebe Dich sehr, ich könnte niemanden lieben wie Dich. Meine Kussi sollen wie ganz schöne, samtene Nachtfalter zu Dir schweben und Deine Wimpern kitzeln mit ihren leichten Flügeln …

Sei nicht zu hart zu Jä-Jä; Du musst seine erste «grosse Liebe» nicht in den Dreck ziehen. Es sieht in dem jungen Mann eine romantische Figur; es liebt ihn, wenn er Klavier spielt und selbstkomponierte Chansons singt. (Er nimmt Gesangsstunden.) Das Ganze ist doch eher rührend!

1 Adelheid Duvanels Erzählband «Wände, dünn wie Haut» im GS-Verlag in Basel, mit neun Bleistiftzeichnungen von Joseph Duvanel.

2 Ein langjähriger Freund der Tochter und Patenonkel der Enkelin Blanca.

3 Die psychiatrische Universitätsklinik Zürich.

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Carona, 14. Juli, abends

Lieber Grollgroll!

Eigentlich ärgert es mich immer noch, was Lila wegen dem «Blabla» gesagt hat. Gell, wenn Du findest, ich schreibe nur Blabla, teilst Du es mir mit, dann höre ich sofort auf!! Ich will Dich wirklich mit meinen Briefen nicht belästigen; ich möchte Dir nur Freude machen und mit Dir Zwiesprache halten, weil Du ja nicht bei mir bist.

Erinnerst Du Dich noch, wie schwer Jä-Jä die Abschiede immer gefallen sind? Weisst Du noch, als Du mit Tobias die Spanienreise gemacht hast? Als Ihr im Auto fortfuhret, brach das kleine Jäjutti in Tränen aus, weinte so herzzerbrechend, dass man es fast nicht aushielt, und wollte sich nicht mehr erholen. Es nahm dann am Abend Deine Pyjamajacke, legte sein Köpflein drauf und schlief so die ganze Nacht …

Oder als Zilly mit dem 15-jährigen Lukas abreiste, in den es sich verliebt hatte? Wie weinte es dort! «Wer hilft mir denn jetzt bim Zügle, wenn i gross bi?» schluchzte es. – Oder als es sechs Jahre alt war und meine Eltern mich mit ihm in der Friedmatt1 besuchen kamen: beim Abschied umklammerte es meine Beine und schluchzte herzzerbrechend, aber mein Vater riss es einfach weg und sagte streng: «Tu nicht so dumm, wir müssen jetzt gehen.» Das habe ich ihm nicht verziehen, weil ich es nicht verstehen kann.

Ich schreibe Dir dies alles, weil mir, wenn Jä-Jä hier manchmal deprimiert ist, einfällt, wie es die beiden ersten Nächte im Bett weinte, als es vom Castelmont zurück war, ohne zu sagen, weshalb. Ich weiss nun, weshalb: Es hatte tiefen Liebeskummer; die Trennung von Stephan empfand es als so hoffnungslos und schmerzhaft, dass es kurz entschlossen zu ihm reisen musste.

Wenn Du denkst, Jä-Jä sei oberflächlich, täuscht Du Dich. Es kann oberflächlich wirken, weil es immer die Starke spielen will, weil es alles verdrängt und überspielt – umso heftiger und unverständlicher sind dann seine Reaktionen, wenn sie hervorbrechen. Ich muss Dir ehrlich sagen: ich habe Angst um Jä-Jä – eigentlich ständig. Ich sehe diese Liebesgeschichte so: dem jungen Mann gefällt es, von einem so herzigen, noch kindlichen Geschöpf angehimmelt zu werden, aber er hat Angst, weil er spürt, wie heiss und heftig diese Liebe ist; er ist erschrocken, möchte Jä-Jä, da er es sehr gut mag, nicht zurückstossen und nicht verletzen, deshalb ist er lieb zu ihm, behutsam, vorsichtig – aber er weiss nicht, wie das alles enden soll, fürchtet, Jä-Jä könnte sich ein Leid antun, wenn es spürt, dass seine Liebe nicht so leidenschaftlich und kompromisslos erwidert wird. Ich bin froh, dass Du mit Stephan sprechen willst; hoffentlich könnt Ihr einen Termin abmachen – wie ich weiss, besucht er nächstens einen Theaterkurs, nachher geht er mit einem Freund in die Ferien nach Frankreich, nachher muss er einen fünftägigen Erzieherkurs besuchen. Ich glaube, er ist sehr um seine Fortbildung bemüht.

Ich gebe Dir hier seine Telefonnummer, falls Du sie nicht mehr hast: 057 61991.

Falls niemand abnimmt (seine Eltern sind vielleicht in den Ferien), ist er an diesem Kurs; wie lange der dauert, weiss ich nicht – Du könntest ja dann nach einer Woche wieder probieren.

Ich erinnere mich, wie Jä-Jä mir am Anfang am Telefon immer sagte: «Er erinnert mich so an Paps.» Ich glaube, der arme Stephan war in Castelmont einfach der Einzige, der Dich irgendwie ersetzen konnte; es hatte ja eine so starke Bindung an Dich, dass diese Lücke, die jetzt plötzlich entstanden war, mit irgendwem wieder aufgefüllt werden musste. Stephan war der einzige, von dem es sich verstanden fühlte: Er teilte seine Liebe zum Theater, er spielte mit ihm Geige, er besuchte mit ihm ein Konzert, er kaufte mit ihm Saiten, er liess es seine Kompositionen spielen, er sang ihm seine Lieder vor … Es ist alles so verständlich und auch so traurig. Ich hoffe, ich kann Jä-Jä während diesen Ferien genug glücklich stimmen, ablenken und trösten.

Zu der Kurzschlusshandlung – so dass es nach Wohlen reiste – kam es ja, weil es zwei Tage hintereinander keinen Brief von Stephan im Briefkasten gefunden hatte; und er habe doch versprochen, ihm zu schreiben! Da brannten die Sicherungen durch … es ist im Grunde so verständlich! Das betraf überhaupt nicht uns – das betraf nur Juju allein. Denkt ein verliebtes Kind an seine Eltern, auch wenn sie noch so gut zu ihm sind? Überhaupt nicht, so hart das ist. Doch hat eigentlich dieses seltsame Geschöpf nur uns, die es wirklich verstehen können. Ich habe jetzt hier Zeit, Jä-Jä in allen Situationen zu beobachten, und ich muss sagen: Die festgefügte Welt, die es in seinem Inneren gebaut hat, die mit dem Aussen nicht harmoniert, versteht niemand: Wir gingen extra an einem Abend Scherlers Grill im neuen Schwimmbad anschauen; in einer kitschigen, rot beleuchteten Felsenwelt – über sich hat man den echten Sternenhimmel – kann man auf einer kleinen Tanzfläche zu «psychedelischer» Musik herumhopsen. Jedes junge Mädchen hätte Freude gehabt und gehofft, es würde zum Tanz aufgefordert; Jä-Jä aber brach vor Abscheu in Tränen aus und lief davon! So etwas «gruusiges» mache ihm eine schlechte Stimmung! Wer versteht so etwas? Oder in Castelmont hat es dem jungen Stephan eine Szene gemacht, weil er Schlagzeug gespielt hat; Klavier, Geige und – mit Vorbehalten – auch Gitarre darf er spielen, aber auf keinen Fall Schlagzeug und Posaune! (Der Ärmste war nämlich als Bub in einer Kadettenmusik.)

Jetzt sag mir einmal, Grol, in was für eine Welt passt ein solches Mädchen? Es wirft mir auch oft vor, ich sei «mit allen andern» gegen es eingestellt.

Wir müssen zu ihm halten, solange es uns braucht, auch wenn es sich von uns oft unverstanden fühlt – und sicher auch oft nicht verstanden wird. Jä-Jä ist nicht schwach, aber sehr schnell verzweifelt, weil es sich unverstanden fühlt; da könnte es aus lauter «Kopflosigkeit» eine Dummheit machen. (Deshalb sagte ich, man müsse ihm «den Kopf zurechtstutzen» – man sagt ja auch «den Kopf waschen» – d.h. alle Gedanken, die durcheinandergeraten sind und vielleicht zum Teil nach allen Seiten in die Höhe geschossen sind, wieder ordnen und ansehnlich schneiden und frisieren, so dass der Kopf wieder vernünftig denken kann!) Gegen Liebeskummer ist natürlich kein Kraut gewachsen …

Ich weiss, dass Jä-Jä eine reine Seele hat; es ist nicht zynisch, wie so viele junge Menschen heute, und es hat gar keinen Mechanismus gegen das Leiden. Trauer und Verzweiflung treffen es mit voller Wucht. Mir fällt auch ein, wie es am ersten Abend in Curio weinte, weil es Heimweh nach Dir hatte …

15. Juli 1979

Eigentlich wollte ich Dir noch etwas Frohes berichten, es ist nämlich Sonntag, und um Jä-Jä von seiner traurigen Stimmung abzulenken, unternahm ich mit ihm einen Ausflug nach Serpiano;2 es hatte Sehnsucht, «unseren» alten Ferienort wieder zu sehen.

Wir fuhren also mit der Schwebebahn nach Melide hinunter, wo wir, weil wir ziemlich lange aufs Schiff warten mussten und es gerade Essenszeit war, je einen Hamburger assen (weil billig!); ich habe noch nie Hamburger gegessen, doch diese waren so «gruusig», dass ich wohl nicht so bald wieder welche essen werde! Mit dem Schiff gelangten wir dann nach Brusino; von dort nahmen wir die Schwebebahn nach Serpiano, doch kaum waren wir oben, wurde mir grässlich schlecht – die ganze Welt drehte sich … Jä-Jä hatte Angst, weil es zu schwach war, mich zu halten; eine Frau half ihm, mich auf eine Bank zu legen, und holte ein Glas Wasser. Es ging aber lange Zeit, bis ich mich wieder aufsetzen konnte; Jä-Jä stützte mich dann, so dass wir langsam zum Hotel spazierten, wo wir Mineralwasser tranken und vom Kurdirektor begrüsst wurden, der uns sofort kannte. Wegen dem Schiffanschluss konnten wir nicht lange bleiben. Jä-Jä’s Traurigkeit wurde durch diesen «schütteren» Ausflug nicht besser; als wir wieder zu Hause waren, weinte es so verzweifelt … Es ist jetzt eingeschlafen; ich hoffe, dass es ihm besser geht, wenn es wieder wach ist. Eigentlich solltet Ihr Euch versöhnen; es ist dumm, dass es noch immer Angst hat, nach Hause zu kommen, da Du doch der einzige Mensch bist, der seine rücksichtslose Heftigkeit, tragische Leidenschaftlichkeit und Kompromisslosigkeit verstehen könnte. Jä-Jä hat immer Angst. Man sollte ihm eigentlich nie Angst machen, da es immer Angst hat – sogar, wenn es sich im Recht fühlt. Jetzt fühlt es sich im Unrecht.

Ich habe dieses Kind so gern, weil es Dir so gleicht und weil es auch so unglücklich ist. Es ist aber weicher und verspielter als Du. Während Du ein Löwe bist, der eine schützende Höhle gefunden hat, in der er sich aber doch nicht ganz sicher fühlt, so dass er knurrend da liegt und sogar, wenn er schläft, mit einem Auge argwöhnisch blinzelt, ist Jä-Jä eine junge, wilde, zärtliche Löwin, die in einem Zoo eingesperrt ist und ausbrechen möchte, aber doch Angst vor der Freiheit hat.

Ich habe für’s Znacht ein feines Birchermüsli – mit Melonen und dürren Früchten u.a. – gemacht. Jä-Jä ging es besser; seine Augen haben wieder geleuchtet. Es ist jetzt im Bett; es ist schon sehr dunkel, wahrscheinlich spät; meine Uhr steht leider. Ich gehe jetzt noch zur Post, so kann ich gleichzeitig die Uhr richten.

Geht es Dir auch besser, Bombo, bist Du nicht mehr so traurig? Ich glaube, zu hören, wie schön Du Chopin spielst!

Ich schicke Dir Küsse, rot und zart wie Rosen!

Deine Sobä, die Dich so fest gern hat.

P. S. Als Jä-Jä mich fragte, was Du geschrieben habest, und ich sagte, Du seist froh, dass es und ich uns verstanden, sagte es ganz glücklich: «Ja? Sicher?» Und seine Augen strahlten auf. Weisst Du, es hat den Brief an Dich von sich aus geschrieben – nicht ich habe es geheissen. Es schrieb ihn sofort, als wir angekommen waren.

1 Psychiatrische Universitätsklinik in Basel.

2 Duvanel hatte sich im Spätsommer 1966 mit ihrer Tochter im Kurhaus der Krankenkasse Concordia in Serpiano aufgehalten.

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Carona, 16. Juli 1979

Lieber Robombo!

Jä-Jä und ich haben Zmittag gegessen, Kaffee getrunken und das Geschirr gewaschen. Wir erzählen uns immer sehr viel – d.h. Jä-Jä hauptsächlich mir. Jetzt sitze ich im schönen Garten im Liegestuhl und denke an Dich und schreibe Wort für Wort; und jedes Wort soll für Dich ein Geschenk sein wie ein Streicheln, ein Kuss, ein Blick, ein Lächeln, ein Herzschlag …

Ich lese Robert Musil: «Der Mann ohne Eigenschaften»; die genaue, bilderbunte, aber kunstvoll knappe Sprache überrascht mich. Ich glaube, das ist ein wirklich gutes Buch – leider so dick, dass ich es kaum hier werde zu Ende lesen können. Wegen meinen Augen kann ich ja nur sehr langsam – mit Unterbrüchen – lesen. Vielleicht kaufe ich es mir zu Hause.

An meiner Novelle habe ich schon neun Seiten geschrieben – das ist für mich sehr viel! Aber sicher streiche ich noch allerlei, bearbeite, ergänze und so weiter. Das Schreiben ist ein Krampf, aber doch schön!

Heute Morgen habe ich etwas erlebt, das mich traurig gestimmt hat. Als ich ins Dorf ging, um einzukaufen, sah ich eine Frau, die ein krankes Kätzchen in eine Kartonschachtel legte, die sie in einer schmalen Gasse an eine Hausmauer stellte. Sie schnalzte mit der Zunge, um die Aufmerksamkeit des Tieres zu erregen, das die Augen wie in Angst weit offenhielt, und legte ihm ein Büschel Gras, das sie eben ausgerissen hatte, und ein Stückchen hartes Brot vor das trockene Mäulchen … So etwas ist einfach unverständlich! Die Szene kam mir vor wie eine Rückschau in alte Zeiten, als man eine Wegzehrung in den Sarg legte …

Aber was das Kätzchen mit dem harten Brot und mit dem Grasbüschel soll, ist wirklich schleierhaft. (Entschuldige übrigens meine hässliche Schrift; im Liegestuhl schreiben ist ein wenig mühsam.)

Lieber Grol,

jetzt ist mitten in der Nacht; es ist ein ¼ nach 1 Uhr. Ich bin früh zu Bett, weil ich müde war, aber ich habe schlecht geschlafen bis jetzt und entsetzlich geträumt. Ich habe so furchtbare Sachen geträumt, dass ich ganz durcheinander bin und mir, obwohl ich jetzt ganz wach bin, weitere traurige und furchtbare Sachen in den Sinn kommen – ich kann überhaupt nichts Angenehmes, Heiteres und Schönes denken.

Ständig fallen mir grässliche Erlebnisse ein; ich sehe Dich, Jä-Jä und Manno ganz farbig und deutlich und gross – wenn ich jetzt nur mit Dir reden könnte und Du mich beruhigen könntest. Ich möchte sehen, wie Du mit den Kindern ein Spiel machst und lachst, und wie sie froh sind; wie Ihr Euch neckt, wie man spürt, dass Ihr einander gern habt, dass sie Vertrauen zu Dir haben und dass Du sie verstehst. Aber ich sehe nur furchtbare Szenen – alles ist entsetzlich. Ich denke, vielleicht bist Du jetzt gerade auch wach und auch traurig. Ich kann mir jetzt gar nicht vorstellen, dass ich lesen könnte; die Bilder von meinem Traum drängen sich immer in den Vordergrund, als wollten sie mich zwingen, mich mit ihnen zu beschäftigen. Es ist doch nicht Vollmond! Ich habe vorhin zum Fenster hinausgeschaut: Die Bäume und Schatten sind ganz still. Aber vorher hörte man die Rufe eines Mannes und das Fauchen und unterdrückte Schreien von sich balgenden Katzen. Ich hoffe nur, dass Jä-Jä nicht so schrecklich träumt!!

Was mir vorhin noch eingefallen ist: Gell, Du schickst meinen Eltern die Rechnung von Castelmont–sie ist unterdessen sicher gekommen. Man sollte sie schon pünktlich bezahlen. Sendet Ihr mir Mannos Adresse? Ich stelle mir vor, dass er Freude hat, wenn Jä-Jä und ich ihm eine Karte schreiben.

Ich war noch nie so deprimiert, seit ich hier bin. Ich will jetzt doch versuchen, zu lesen, vielleicht geht es, so dass ich nachher schlafen kann, ohne so von Angst geplagt zu werden. Mein Herz hämmert ganz hart, und ich bin nass von Angstschweiss. Wenn ich nur nicht so abergläubisch wäre – ich denke immer sofort, alles habe eine schlechte Bedeutung. Ich erwarte ungeduldig Deinen nächsten Brief – vielleicht stehen nur gute, erfreuliche Sachen drin, die ich Jä-Jä erzählen kann; geteilte Freude ist doppelte Freude! Das sollen doppelte Freuden sein: [Zeichnungen von Doppelwesen]

17. Juli

Lieber Grol!

heute ist von Dir ein ganz «fetter» Brief gekommen – ich danke Dir 1000 Mal dafür! Jä-Jä und ich haben eben für Zmittag ein «Birchermüsli» gegessen; wir müssen sehr sparen, sonst können wir dann am letzten Tag nicht einmal die Miete zahlen …

Es ist heute heiss und hell, aber dunstig. Wir nahmen in einem schönen Grotto am Waldrand einen «Apéritif» – d.h. ein Mineralwasser. Dort besserte sich dann meine Stimmung, die auch nach dem Aufstehen immer noch ganz «mies» war.

Jä-Jä ist so hübsch; alle schauen es immer an. Wir begegneten auf dem Rückweg einem winzigen Kätzchen, mit dem wir uns unterhielten. Ich habe übrigens Deinen Brief, den ich am Morgen aus dem Briefkasten nahm, erst in jenem Grotto gelesen; ich musste lachen, wie Du «Ballonoooce …» geschrieben hast; ich zeigte es Jä-Jä, das auch sehr lachen musste. Wie ich aber merke, warst Du nach dem Besuch dieser «Ballonoooce …» sehr depressiv; diese Leute haben Dir gar nicht gutgetan. Ich hoffe, dass es Dir jetzt wieder besser geht wie mir auch; vielleicht spürte ich in der Nacht, dass der Brief mit dieser traurigen «Ballonoooce …»-Seite zu mir unterwegs war???

Als wir heute mit dem Essen fertig waren und am Tisch im Esszimmer beim Kaffee sassen (wir decken immer schön: mit Tischtuch und Blumen), fing Jä-Jä plötzlich laut zu singen an: Es sang ein selbst gedichtetes Lied – eigentlich hat es eine sehr schöne, kräftige Stimme. Der Text war lustig – es sang ganz hemmungslos, einfach aus einer Laune heraus. Als es still war, kam von irgendwoher Antwort; man konnte nicht feststellen, wer antwortete; die Tür zum Garten war offen …

Jä-Jä kriegte einen ganz roten Kopf, lachte aus Verlegenheit unbändig und wäre am liebsten in einem Loch verschwunden. Das Lustigste war: Plötzlich fing das Kätzchen Mitschana auch ganz laut im Garten zu singen an; es hat noch nie so schöne «Miau» gemacht: als wolle es die menschlichen Sänger übertreffen! Wir riefen ihm, aber es zeigt sich nirgends; es war irgendwo im Gras oder in den Büschen versteckt und sang aus Herzenslust.

Lieber Paps,

ich lese im Moment ein super Büchlein von Kurt Held: «Giuseppe und Maria», kennst Du das? Ich schreibe nun noch etwas schrecklich Langweiliges, nämlich das, dass das Wetter ändern wird, ich glaube fast, es wird wolkig.

Liebe Kussi

Juju