Notärztin Andrea Bergen 1499 - Kathi Sommerfeld - E-Book

Notärztin Andrea Bergen 1499 E-Book

Kathi Sommerfeld

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Beschreibung

Seit Monaten liegt Jette Fischer im Koma. Ihr Verlobter hat die Besuche eingestellt. Niemand glaubt noch an ihre Genesung - niemand außer David! Der Assistenzart kümmert sich hingebungsvoll um seine Patientin. Selbst seine freie Zeit widmet er ihr, um an ihrem Bett zu sitzen und ihr vorzulesen. Damit versucht er nicht nur Jette, sondern auch seine eigenen Wunden zu heilen. Denn auch sein Vater lag einst im Koma - und das Gefühl verfolgt ihn, nicht alles vor seinem Tod für ihn getan zu haben. Inzwischen weiß er mehr über die Begleitung von Komapatienten und gibt die Hoffnung nicht auf, dass diese zarte Schönheit ihm irgendwann auch in die Augen schauen kann ...

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Am Tag der Entlassung

Vorschau

Impressum

Am Tag der Entlassung

Manchmal helfen Gesten mehr als jede Medizin! Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, wie intensiv und hingebungsvoll sich mein junger Kollege David um die Koma-Patientin Jette gekümmert hat.

In den letzten Wochen hat er fast täglich nach seinem Dienst an ihrem Bett gesessen und ihr aus einem Buch vorgelesen. Dabei kennt er die junge Frau, die sich im Urlaub mit einem antibiotikaresistenten Keim infiziert hat, gar nicht.

Aber er gab nicht auf und glaubte fest daran, dass sich die Fürsorge lohnt – im Gegensatz zu Jettes Verlobtem, der sich bei ihr gar nicht blicken ließ.

Und tatsächlich: Jette ist aufgewacht – und sie kann sich sogar an die tiefe, beruhigende Stimme des Assistenzarztes erinnern!

Es grenzt an ein Wunder, dass sie all das überlebt hat. Ich freue mich sehr für die hübsche, sympathische Frau. Allerdings weiß ich auch, welch langer und steiniger Weg nun auf sie zukommen wird. Ein Weg, bei dem sie auch hoffentlich weiterhin einen liebevollen und treuen Begleiter haben wird ...

Jette Fischer ließ den Blick über das kristallklare Wasser gleiten. Sonnenstrahlen tanzten über ihre Haut, und in der Kvarner Bucht war es vollkommen windstill. Ein paar Möwen schaukelten auf dem friedlich daliegenden Meer.

Trotzdem konnte sie die Idylle unweit des kroatischen Urlaubsortes Losinj nicht genießen.

Sie ließ den Kopf auf der Sonnenliege nach hinten fallen und sah sich nach Ferdinand um, der mit einer Bierflasche in der einen Hand und einer deutschen Sonntagszeitung in der anderen auf der Liege neben ihr lag.

Es war ungewohnt, ihren Freund so zu sehen. Denn einen Großteil des Urlaubs hatte er damit verbracht, nach rentablen Anlageobjekten für sein Immobilienbüro Ausschau zu halten. Moment, korrigierte sich Jette in Gedanken, Ferdinand war nicht mehr bloß ihr Freund, sondern seit gestern Abend ihr Verlobter.

»Sind deine Kopfschmerzen immer noch nicht besser?«, fragte Ferdinand und schob sich die Sonnenbrille ins Haar.

Jette zuckte mit den Schultern. »Nicht so richtig. Wahrscheinlich setzt mir das Klima hier zu. Ich werde noch eine Schmerztablette nehmen.« Mit einem schlechten Gewissen angelte sie nach ihrer Strandtasche. »Schau mich nicht so an. Ich bin sicher, spätestens morgen bin ich wieder fit. Dann können wir alles nachholen und auf unsere Zukunft anstoßen.«

Sie betrachtete den funkelnden Brillanten an ihrem linken Ringfinger. Es war nur zu verständlich, dass Ferdinand ihre Verlobung angemessen feiern wollte, aber gestern hatte sie sich einfach nicht im Stande gefühlt, noch auszugehen. Wer zog sich auch ausgerechnet im Urlaub eine lästige Sommergrippe zu?

Jette nahm eine Tablette, zog ihre Tunika ebenfalls aus der Tasche und warf sie sich über. Obwohl es hier in der Sonne weit über dreißig Grad sein musste, fröstelte sie.

Da legte Ferdinand plötzlich die Zeitung weg. »Ich denke, du solltest zum Arzt gehen. Vielleicht ist es etwas Ernstes.«

»Ach, Quatsch!«, murmelte Jette und legte sich wieder hin. Sie deckte sich mit einem Handtuch zu und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich muss mich einfach nur gesund schlafen, wie es so schön heißt. Und das werde ich jetzt hier auf meiner Liege tun. Gute Nacht, mein zukünftiger Ehemann.« Schmunzelnd schloss sie die Augen. Sicher würde die Tablette bald wirken. Und der Schlaf würde ihr auch guttun, denn sie war so unfassbar müde ...

Jette träumte wirr – von ihrer Mutter, die ihr zur Verlobung gratulierte, und von ihrem Chef bei der Bank, der wissen wollte, warum sie so viel Urlaub machte und wer in ihrer Abwesenheit all den liegengebliebenen Papierkram erledigen sollte.

Als sie wieder erwachte, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte: Ihr war immer noch kalt, doch ihre Stirn glühte und jeder einzelne Knochen tat ihr weh. Und erst ihr Gesicht ... es schmerzte und fühlte sich irgendwie geschwollen an. Sie versuchte aufzustehen, aber ihr war so schwindlig, dass sie kraftlos wieder auf die Liege sackte.

Ferdinands Stimme drang dumpf zu ihr hindurch: »Jette! So geht das nicht weiter. Ich rufe jetzt einen Krankenwagen.«

Sie wollte widersprechen, weil sie bestimmt nicht vorhatte, den restlichen Urlaub in einem kroatischen Krankenhaus zu verbringen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Jette dämmerte wieder weg, und als sie das nächste Mal erwachte, waren um sie herum nichts als sterile weiße Wände und piepsende Monitore.

***

Sieben Monate später

Immer und immer wieder quälte David der gleiche Traum. Ein Albtraum, der ihn verfolgte, seitdem er die Situation damals wirklich erlebte.

Er stand am Bett seines Vaters, der an alle möglichen medizinischen Geräte angeschlossen war.

Vor ein paar Tagen war David sechzehn Jahre alt geworden – doch er hatte seinen Geburtstag nicht gefeiert, denn das hätte sich falsch angefühlt. Die Stimmung zu Hause war bedrückend, und er konnte sich nicht einmal darüber freuen, dass er seinen Motorradführerschein bestanden hatte.

Während seine Mutter nur widerwillig ins Krankenhaus kam – wohl, weil sie es nicht ertrug, seinen Vater so zu sehen – half es ihm, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, statt vor ihr davonzulaufen.

Außerdem konnte er sich auf diese Weise von seinem Vater verabschieden. Das war er seinem Vater auch schuldig, oder nicht? Er wollte bestimmt nicht alleine sterben. Niemand wollte das.

Der Stationsarzt legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Es tut mir leid, David, aber unsere Möglichkeiten sind ausgeschöpft. Im Grunde ist dein Vater bereits jetzt klinisch tot. Wir werden alle lebensverlängernden Maßnahmen ausschöpfen, so, wie es in der Patientenverfügung bestimmt ist, aber mach dir keine Hoffnungen: Bei dieser Dosierung von Sedativa und Analgetika wird er nicht wieder zu sich kommen.«

Inzwischen kannte David die medizinischen Fachbegriffe: Er wusste, dass sein Vater Morphium und andere Schmerz- und Beruhigungsmittel bekam. Gerade so viel, dass er noch selbstständig atmen konnte.

Was er nicht verstand, war etwas anderes: »Klinisch tot!«, hatte der Arzt gesagt.

Die Worte wiederholten sich hohl in Davids Kopf. Sie wurden immer lauter.

Er hielt sich die Ohren zu, aber es half nichts. Obwohl das Gesicht des Arztes im Traum verschwommen war, drang dessen Stimme laut und deutlich zu ihm durch.

Klinisch tot. David wollte das nicht glauben.

Er wusste, dass er träumte, und dennoch waren die Angst und die Verzweiflung genauso präsent wie damals.

Und die gleichen Fragen quälten ihn wieder: Woher wussten die Ärzte, dass sein Vater gar nichts mehr von seiner Umgebung mitbekam? Und was, wenn sie sich irrten?

Allein die Vorstellung, dass sein Vater vielleicht doch noch bei Bewusstsein war, und ihm lediglich die Mittel fehlten, sich mitzuteilen, schnürte David die Kehle zu.

Im Traum flüsterte er zu seinem Vater, genau wie damals: Es tut mir leid!

Schweißgebadet erwachte David. Er richtete sich ruckartig im Bett auf und spähte zu den leuchtenden Ziffern des Weckers: noch nicht einmal vier Uhr.

Einen Moment lang geisterte der Albtraum noch durch seinen Kopf.

David erinnerte sich an den Namen des Oberarztes, der seinen Vater war auf der Palliativstation des Elisabeth-Krankenhauses betreut hatte: Dr. Meyer. Der Doktor, der ihn für tot erklärt hatte, bevor er wirklich gestorben war. Vor ein paar Jahren hatte er gelesen, dass Dr. Meyer verstorben war, aber das verschaffte ihm keine Erleichterung.

David drehte den Kopf wieder zur anderen Seite. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht allein war. Neben ihm lag noch jemand.

Er rieb sich die schmerzenden Schläfen und dachte nach.

Gestern hatte er mit einem Freund die neue Bar in der Innenstadt ausprobiert. Aber während sein Freund schon früh wieder gegangen war, war David geblieben und ... hatte jemanden kennengelernt. Wenn er sich recht erinnerte, hieß die junge Frau neben ihm Felicitas. Irgendetwas an ihr hatte ihn an Sandra erinnert. Ihr Lächeln oder ihre langen blonden Haare – er konnte es nicht mehr genau sagen.

Und damit hatte das Schicksal seinen Lauf genommen, obwohl er wusste, dass solche Begegnungen ihm selten guttaten. Danach vermisste er Sandra, seine Ex-Freundin, die ihn vor einem halben Jahr für einen anderen Mann verlassen hatte, noch mehr.

Dabei sollte er froh darüber sein, dass sie nicht mehr in seinem Leben war – und das war er auch, zumindest an den meisten Tagen. Morgens neben halbfremden Frauen aufzuwachen, war jedenfalls nicht der richtige Weg, um neu anzufangen.

Es war viel zu früh, um schon aufzustehen, schließlich war Sonntag, und er hatte frei. Noch dazu hatte er schlecht geschlafen und fühlte sich wieder mal schlapp – was nach dem Abend wohl auch kein Wunder war.

Trotzdem erhob sich David so leise wie möglich, um seine Bekanntschaft nicht zu wecken, warf sich seinen Bademantel über und ließ sich in den Lehnstuhl am Fenster fallen.

In dem olivgrünen Ohrensessel hatte sein Vater früher immer gesessen. Es tat ihm nicht gut, den alten Erinnerungen nachzuhängen. Aber manchmal war es besser, als zu schlafen.

***

David schlüpfte aus seiner Motorradjacke und hängte sie an den Garderobenhaken in der Personalumkleide. Neben ihm war gerade Dr. Anger dabei, den Kittel überzustreifen.

David schätzte den älteren Kollegen sehr, bewunderte seine Erfahrungen und die ruhige Hand, mit der der Chirurg operierte, ohne sich jemals eine Spur Nervosität oder Verunsicherung anmerken zu lassen.

Aber manchmal machte ihm genau das auch Angst, und er fragte sich, ob er mit den Jahren genauso abstumpfen würde wie der Oberarzt. Er wollte nicht vergessen, dass auf dem OP-Tisch immer noch ein Mensch lag – mit Träumen und Ängsten, mit Freunden und Familie. Niemals.

»Sie wissen, dass Motorradfahrer im Vergleich zu Autofahrern ein sechzehnfach höheres Risiko haben, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen?«, grummelte Dr. Anger.

Mit einem Schmunzeln schielte David zu dem Chirurgen hinüber.

»Sicher sind die Fähigkeiten des behandelnden Chirurgen nicht in diese Statistik eingeflossen?«

Der Oberarzt zuckte mit den Schultern. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber beschweren Sie sich dann nicht über die Narben, wenn ich Sie irgendwann wieder zusammenflicken muss.«

»Keine Sorge, so eitel bin ich nicht.«

David zog ein Buch aus seinem Rucksack. Ein Reisebericht eines jungen Mannes, der auf dem Motorrad mit seiner Katze die halbe Welt umrundet hatte.

»Ach, lesen Sie heute wieder den Patienten vor?«, erkundigte sich Dr. Anger.

David lächelte nur. Wahrscheinlich wusste der Chirurg ohnehin, dass er extra deshalb eine gute halbe Stunde vor Dienstbeginn hergekommen war.

»Ihnen ist bewusst, dass das verschwendete Lebenszeit ist, nicht wahr?«

David schwieg, aber was sollte er auch sagen? Inzwischen gab es genügend Studien, die bewiesen, dass auch Menschen im Koma gewisse Reize aus ihrer Umwelt wahrnehmen konnten. Das galt auch für die sogenannte Analgosedierung, also das künstliche Koma, in das Patienten bei besonders schweren Erkrankungen manchmal versetzt wurden. Erwiesenermaßen war es für die Genesung zuträglich, wenn Angehörige mit dem Patienten sprachen oder seine Hand hielten.

»Ihnen auch einen schönen Tag, Herr Kollege«, sagte David schließlich, weil es unhöflich wäre, dem Arzt gar nicht zu antworten.

»Jaja«, murmelte er, »ich habe nachher noch ein Gerichtstermin wegen der Scheidung. Da würde ich lieber noch ein paar entzündete Blinddarmfortsätze herausoperieren! Machen Sie bloß nicht denselben Fehler wie ich. Heiraten Sie nicht ... Irgendwann bekommen Sie die Rechnung dafür!«

Der Oberarzt schloss die Tür seines Spinds mit einem Knall und verließ dann die Umkleidekabine.

David war froh, dass ihm so die Notwendigkeit, zu antworten, erspart blieb, denn er wusste beim besten Willen nicht, was er darauf hätte erwidern sollen. Kurz darauf machte er sich ebenfalls auf den Weg.

Wenn David am Bett von Jette Fischer saß, vergaß er beinahe, dass er sich auf der Intensivstation befand. Ihr Gesichtsausdruck wirkte immer so friedlich, als würde sie nur ein kleines Mittagsschläfchen machen und müsste jeden Moment erwachen. So auch heute.

David zog sich einen Stuhl an ihr Bett, setzte sich und schlug das Buch an der Stelle auf, an der er gestern zu lesen aufgehört hatte. Nachdenklich fuhr er mit der Handfläche über das Papier, dann hielt er inne.

»Als kleiner Junge wollte ich unbedingt eine Katze haben. Mein Vater war immer dagegen, er hielt es wie Alf: Nur eine tote Katze ist eine gute Katze!« Er lächelte leise in sich hinein, als er der Patientin von seinen Erinnerungen erzählte. »Aber ich habe nicht lockergelassen, auch nicht als Teenager. Ich weiß noch, wie oft ich ihm deswegen die Hölle heiß gemacht habe, wegen einer dämlichen Katze.« Er schüttelte über sich selbst den Kopf. »Und als er dann schwer krank war ... als er später an Krebs erkrankte und im Endstadium ins Krankenhaus verlegt und ins künstliche Koma versetzt wurde, so wie«, er schluckte, »so wie du, da habe ich jeden einzelnen Streit mit ihm bereut. Das absurde an der Geschichte ist, dass ich bis heute keine Katze habe, obwohl mein Vater schon seit fünf Jahren tot ist. Es würde sich einfach anfühlen wie Verrat. Ist das sonderbar?« Ein Seufzer kam ihm über die Lippen. »Na ja, wie dem auch sei: Wir wollen doch schließlich wissen, wie es mit Kater Moritz in dem Buch weitergeht, oder nicht?«

Er lächelte Jette zu, obwohl sie das nicht sehen konnte, und ertappte sich dabei, zu bemerken, wie hübsch sie war. Natürlich war ihm das nicht erst an diesem Morgen aufgefallen, sondern schon öfter in den letzten Monaten. Aber in manchen Augenblicken, wenn das dunstige Licht des Vormittags durch die Vorhänge schräg in ihr Gesicht fiel, verschlug es David für einen Moment die Sprache.

Er wusste, dass sie einen Freund hatte; sogar verlobt war, aber er konnte sich nicht erinnern, wann dieser Freund sie zum letzten Mal besucht hatte. Hoffentlich wartete auf Jette, nachdem sie aufgewacht war, nicht die nächste große Enttäuschung. Als Arzt wusste er, dass es für Patienten traumatisch genug war, sich nach Monaten der Krankheit wieder zurück ins Leben zu kämpfen.

David räusperte sich und begann zu lesen. Mit jedem Wort und mit jedem Satz entspannte er sich ein wenig mehr. Er war nicht mehr David, der junge Assistenzarzt, der sich erst noch beweisen musste – und der dem Menschen, den er unbedingt stolz machen wollte, ohnehin nichts mehr beweisen konnte. Es war, als löste er sich zwischen den Zeilen auf.