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Nach dem Scheitern ihrer Ehe hat Sonja beschlossen, sich nie wieder finanziell von einem Mann abhängig zu machen. Für ihren Neuanfang hat sie auf Lanzarote ein kleines Grundstück mit Finca gekauft, wo sie eine Pension und ein bisschen Landwirtschaft betreibt. Zwar reicht das Geld gerade so zum Leben, aber dafür reisen die Menschen, die bei ihr in der einmaligen Vulkanlandschaft übernachten, immer mit einem Lächeln auf den Lippen wieder ab.
Da taucht eines Tages Paul in ihrer Finca auf, ein Mann, der mit ihren sonstigen Gästen absolut nichts gemein hat. Er passt, zumindest seinem eleganten Äußeren nach, eher in eins der luxuriösen 5-Sterne-Resorts.
Damit hat sie voll ins Schwarze getroffen: Paul ist Hotelerbe des besten Inselhotels. Doch bei Sonja hofft er endlich das zu finden, was er sein ganzes Leben lang entbehrt hat: das einfache Glück!
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Das Glück ist eine Insel
Vorschau
Impressum
Das Glück ist eine Insel
Ein wundervoller Roman um die Suche nach dem einfachen Glück
Von Kathi Sommerfeld
Nach ihrer Scheidung hat Sonja Michel Deutschland den Rücken gekehrt und lebt seitdem auf Lanzarote, in der ruhigen Bucht von El Golfo oberhalb einer smaragdgrünen Lagune. Mit ihrer kleinen Pension La Bouganvilla hat sie sich dort ihren Lebenstraum erfüllt: Umgeben von Hund, Katzen, Ziegen und Hühnern empfängt Sonja Urlaubsgäste, die sie mit viel Herz und guter Küche umsorgt.
Eines Tages steht vor ihrer Tür ein gut gekleideter, dunkelhaariger Mann namens Paul Huber. Der »Gast« aus München entpuppt sich als reicher Erbe einer Luxus-Hotelkette, der mit der Absicht gekommen ist, Sonja einen Teil ihres Landes abzukaufen, um darauf – direkt neben Sonjas Finca – ein gigantisches Spa-Resort für Touristen zu errichten.
Doch der Geschäftsmann war nicht darauf gefasst, mit welcher Leidenschaft sich die hübsche Sonja gegen sein Angebot stemmt und für ihre Pension kämpft.
Ein nächtliches Unwetter, welches das Dach der Finca stark beschädigt, verschärft die Situation um La Bouganvilla und auch um Sonja und Paul ...
Unter lautem Zischen wendete Sonja die Tortilla de Patatas in der Pfanne, schob noch eine Orange in die Saftpresse und ignorierte den sehnsüchtigen Blick von Manrique, ihrem Border Collie, so gut es ging.
»Vergiss es, Manni. Frühstück bekommt nur, wer ein Zimmer gebucht hat. Und nein, auf dem Vorleger vor meinem Bett zu schlafen, zählt leider nicht als Reservierung.« Schmunzelnd machte sich daran, die frischen Kräuter zu hacken.
Die Pension La Buganvilla war bekannt für ihr ausgezeichnetes Frühstück. Und das nicht ohne Grund: Sonja war der Meinung, das Frühstück sei die wichtigste Mahlzeit des Tages. Außerdem schmeckte es gleich doppelt so gut, wenn man wusste, dass die Eier von glücklichen Hühnern kamen und der Ziegenkäse von Emma, die sie selbst von ihrem Platz hinter der Theke aus friedlich im Garten hinter der Terrasse grasen sehen konnte. Trotz einer kleineren Operation an einer Klaue in der letzten Woche war Emma schon wieder ganz die Alte.
»Den Kaffee extra stark, wie immer?«, fragte Sonja, den Blick zu Guido gewandt, der vor dem Fenster saß.
Guido war Ende fünfzig, verwitweter Frührentner und ihr Stammgast. Manchmal auch ihr einziger Gast. Aber das hielt Sonja nicht davon ab, ihm ein Frühstück zuzubereiten, das auch einen Sternekoch beeindruckt hätte.
Mit einem Nicken beantwortete Guido ihre Frage, stand auf und kam zum Tresen herüber. Sonja wusste, dass er ihr wie immer das Tablett abnehmen würde.
Sie drehte das Kartoffelomelett direkt aus der Pfanne auf einen Teller, streute den gehackten Schnittlauch darauf und stellte den frisch gepressten Orangensaft und ein Körbchen Baguette dazu. Außerdem natürlich den schwarzen Kaffee. Wie sie es vorhergesehen hatte, nahm ihr Guido prompt das Tablett ab und schlurfte damit zu seinem Tisch zurück.
Sonja lächelte still in sich hinein.
»Du weißt, dass ich dich eigentlich bezahlen müsste, wenn du dein Bett immer selbst machst und dich noch nicht mal beim Frühstück von mir bedienen lässt?«
Er stellte sein Tablett ab, dann drehte er sich zu ihr um und bedachte sie mit einem väterlichen Blick.
»Und weißt du, meine Liebe, dass es keine Schande ist, sich auch mal helfen zu lassen?« Kopfschüttelnd ließ sich Guido auf seinen Stuhl fallen, nahm einen Schluck des noch heißen Kaffees, brach etwas von dem selbstgebackenen Baguette ab und kaute genüsslich. »Du weißt, dass die Buganvilla mein zweites Zuhause ist. Ohne dieses kleine Juwel, meine Sonneninsel, müsste ich den ganzen Winter im verregneten Berlin verbringen. Brrr!« Er schüttelte sich theatralisch.
Sonja ließ sich selbst auch ein Kaffee aus der Maschine, wischte ihre Hände an der Schürze ab und strich sich eine blonde Locke aus dem Gesicht. Dann ging sie mit der Kaffeetasse zu Guido hinüber und setzte sich.
»Dir ist klar, dass es auch noch andere Hotels auf Lanzarote gibt?« Sie warf ihm einen belustigten Blick zu.
»Das soll wohl ein Scherz sein, oder willst du mich vergraulen? So etwas wie das hier«, er deutet auf seine Tortilla, die er jetzt in Stücke schnitt, »gibt es nur einmal. Und auf eines dieser Schickimicki-Hotels habe ich keine Lust.«
»Du hast recht«, murmelte Sonja und nahm einen Schluck Kaffee. »Und nein, ich will dich bestimmt nicht vergraulen. Ohne dich ... wäre es noch schlimmer um die Pension bestellt. Ich bin froh, dass du immer wiederkommst.«
Guido machte ein betroffenes Gesicht, und sofort überkamen Sonja Schuldgefühle. Weil Guido schon herkam, seit sie vor fünf Jahren die Pension gegründet hatte, hatte er leider auch von ihren Geldsorgen erfahren.
Damals war sie frisch geschieden gewesen und fest entschlossen, sich auf der Kanareninsel eine neue Zukunft aufzubauen. Aber allmählich war es wohl an der Zeit, sich einzugestehen, dass man vom Tourismus allein nicht leben konnte. Zumindest nicht, wenn man neben sich selbst auch noch Ziegen, Hühner, einen Hund und zwei Katzen zu versorgen hatte und obendrein in einer hundert Jahre alten Finca lebte, an der es ständig etwas zu reparieren gab.
Ehe Guido etwas erwidern konnte, nahm Sonja ihre halbleere Kaffeetasse und stand auf. Sie ging zurück zu der kleinen Küchenzeile hinter dem Tresen, wo sie sich daranmachte, das benutzte Geschirr zu spülen.
An einem anderen Tag hätte sie es vielleicht noch eine Weile stehen lassen und sich weiter mit Guido unterhalten, aber heute war ihr nicht nach reden zumute. Die Tierarztrechnung, die sie am Vortag per Post bekam, hatte ihre Laune ruiniert. Denn obwohl sie Emma, ihrer Ziegen-Seniorin, noch ein langes und erfülltes Leben wünschte, hatte die Operation ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht. So viel Geld für eine Ziege, die nicht einmal mehr Milch gab.
Sonja schüttelte still den Kopf über sich selbst, dennoch musste sie schmunzeln. Ja, aus wirtschaftlicher Sicht war das keine kluge Entscheidung gewesen, aber auf La Buganvilla ging es nicht um Wirtschaftlichkeit.
Als Guido aufstand, sich noch einmal für das Frühstück bedankte und mit leuchtenden Augen erzählte, dass er angeln gehen und versuchen wollte, einen Zackenbarsch zu fangen, waren ihre Sorgen wieder vergessen.
»Ich hoffe, du kennst ein gutes Rezept«, sagte er zwinkernd. Und dann war er auch schon durch die Terassentür verschwunden.
War so ein Lächeln, dieses Strahlen in seinem Blick, überhaupt mit Geld aufzuwiegen? Sonja bezweifelte es. Ganz bestimmt war es unbezahlbar, einen anderen Menschen glücklich zu machen und ihn, wenn auch nur für ein paar Tage, seine Alltagssorgen vergessen zu lassen.
Und genau deshalb würde sie, wenn es sein musste, um La Buganvilla kämpfen wie eine Löwenmutter um ihr Junges.
♥♥♥
Von oben betrachtet, sah die Insel mit ihren Vulkankratern, den braunschwarzen Lavafeldern und den grünen Kakteenplantagen aus wie der Panzer einer riesigen Schildkröte. Lanzarote, die viertgrößte und kärgste der kanarischen Inseln, war nicht so üppig bewachsen wie Fuerteventura und bei den Touristen nicht so beliebt wie Gran Canaria oder Teneriffa.
Selbst Paul konnte nicht verstehen, was seine Mutter dazu bewegt hatte, früher fast jeden Urlaub mit ihm hier zu verbringen, wo doch seinen Großeltern eine Hotelkette gehört hatte, die sie, Martha, weiter ausgebaut hatte.
Inzwischen waren die Papagayo Resorts international bekannt: Die Fünf-Sterne-Hotels waren allesamt mit einem modernen Spa, üppigen Gärten und komfortablen, modernen Suiten ausgestattet. Lanzarote hingegen, das hässliche Entlein, hatte sich seine Mutter Martha bis zum Schluss aufgehoben. Nur, dass ihr dann das Leben dazwischengekommen war. Oder besser der Tod, der ironischerweise niemanden verschonte, egal wie vermögend oder erfolgreich man war.
Paul schüttelte die hässlichen Gedanken ab und stand auf, um seinen Trolley aus dem Gepäckfach zu holen. Die Business-Class war fast leer, und vielleicht würde es sich nicht so seltsam anfühlen, nach über zwanzig Jahren auf die Insel zurückzukehren, wenn er einfach zusammen mit den anderen Touristen in der Economy-Class gereist wäre.
Als er das Flugzeug auf dem Flughafen Arrecife verließ, schlug ihm trockene, heiße Luft entgegen. Er roch den Staub in der Luft, den Hauch von Vulkanasche und Basaltgestein, der eine seltsame süßliche Note hatte. Mit einem Mal waren die Kindheitserinnerungen wieder da; nicht als konkrete Erlebnisse, sondern als ein unbestimmtes Gefühl, dass ihn einerseits beruhigte und andererseits aufwühlte. So, als wüsste sein Körper noch, dass er hier einmal zu Hause gewesen war.
Diese Zeiten waren lange vorbei.
Er nahm sich ein Taxi zu seiner Unterkunft, einem kleinen Drei-Sterne-Hotel mit nettem Ausblick und Salzwasserpool. Aber natürlich wäre es keine ernstzunehmende Konkurrenz für das neue Resort, das hier entstehen sollte, und wahrscheinlich würde es ohnehin bald nach dessen Eröffnung bankrottgehen.
Früher hätte diese Vorstellung Paul mit einem schlechten Gewissen erfüllt. Heute wusste er, dass es in der Geschäftswelt so war wie überall: fressen oder gefressen werden. Das war Marthas Motto gewesen, und der Erfolg hatte ihr Recht gegeben, denn Mitgefühl musste man sich leisten können: Es hingen zu viele Arbeitsplätze von dem Erfolg des Unternehmens Papagayo Resorts ab, und es war jetzt Pauls Aufgabe, diesen Menschen weiterhin eine sichere Zukunft zu bieten.
Das sagte er sich zumindest und ignorierte die spöttische Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn gelegentlich daran zu erinnern versuchte, dass er immer noch ein kleiner Junge war, der verzweifelt versuchte, seiner Mutter zu gefallen. Das musste er nicht, denn Martha war stolz auf ihn gewesen. Sie hatte es ihm zwar nie gesagt, aber er war sicher. Warum sonst hätte sie ihr Lebensprojekt, diese Mammutaufgabe, in seine Hände legen sollen?
Der Mitarbeiter an der Hotelrezeption händigte ihm seine Zimmerkarte aus und erklärte ihm den Weg zum Speisesaal und zum Pool. Paul nickte alles ab, zog seinen Koffer zum Aufzug und atmete erleichtert auf, als die Zimmertür hinter ihm zufiel.
Er streifte das Jackett ab, das für dieses Klima ohnehin nicht geschaffen war, öffnete die Manschettenknöpfe seines Hemds, krempelte die Ärmel hoch und ließ sich auf das frischbezogene Bett fallen.
Hier, in dem sterilen, klimatisierten Zimmer, fühlte es sich fast an, als wäre er noch zu Hause in München – wo er jetzt viel lieber wäre. Er ließ die Gedanken schweifen und fragte sich, ob Julia ihn wohl schon vermisste. Wahrscheinlicher war allerdings, dass sie mit ihren Freundinnen beim Shopping war und nicht einmal an ihn dachte. Sonst hätte sie sicher schon eine Nachricht geschrieben, um sich zu erkundigen, ob er gut gelandet war. Aber das hatte sie nicht getan. Und Paul wusste, dass sie das auch niemals tun würde.
Die neue Marketingassistentin, die vor zwei Monaten eingestellt worden war, hatte ihm von Anfang an klargemacht, dass sie keinem Mann hinterherlief. Und dass er, beziehungsweise das Unternehmen, schon sehr bald viel abhängiger von ihr sein würde als sie von ihm.
Ihr Selbstbewusstsein hatte ihm imponiert, und tatsächlich hatte sie in den letzten Wochen viele Ideen gehabt, um den Hotels ein neues, jüngeres Image zu verpassen. Trotzdem fragte er sich allmählich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, Privates und Berufliches zu vermischen. Natürlich war es das gewesen! Das wusste er.
Nur ein kleiner Junge, der gern die Regeln bricht. Da war sie wieder, die Stimme seines Gewissens. Oder seiner Mutter?
Er brauchte einen Drink. Zumindest ein kühles Bier aus der Minibar.
Paul rappelte sich hoch und zog die Kühlschranktür auf. Irgendwie würde er die Zeit auf Lanzarote überstehen, sagte er sich. Und danach wäre er ganz schnell wieder in seinem alten Leben, in dem zwar nicht alles perfekt, aber doch irgendwie in Ordnung war; ein Leben, in dem Martha schon seit einem halben Jahr unter der Erde lag und in dem er nicht ständig mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen hatte.
Die Flasche Capitán lag kühl in seinen Händen und schmeckte noch genau wie damals, als er mit fünfzehn zum ersten Mal einen Schluck probiert hatte. Nur nicht mehr ganz so verboten.
Als er die Flasche geleert hatte, öffnete Paul seinen Koffer, nahm die Aktentasche heraus und begann, die Unterlagen zum geplanten Resort auf Lanzarote auf dem Schreibtisch auszubreiten. Dr. Marco Beinsteiner, Prokurist des Unternehmens und ehemals die rechte Hand seiner Mutter, hatte bereits bei einem Architekten Pläne für das Vorhaben entwerfen lassen: Von den Zimmern über die luxuriösen Suiten bis hin zum Restaurant, dem Spa-Bereich samt Fitness-Center und der Poollandschaft war alles eingezeichnet.
Es wunderte Paul, dass das Projekt bereits so weit fortgeschritten war, obwohl sich das Land, auf dem sie bauen wollten, offiziell immer noch im Besitz einer gewissen Frau Sonja Michel befand. Andererseits hatte seine Mutter bisher immer einen Weg gefunden zu bekommen, was sie wollte – meist mit der Hilfe Beinsteiners.
Es versetzte Paul einen Stich, daran zu denken, dass seine Mutter dem Prokuristen wahrscheinlich sogar mehr vertraut hatte als ihrem eigenen Sohn. Vielleicht würde diese Sonja ihn also noch ein wenig zappeln lassen, um den Preis in die Höhe zu treiben. Andererseits war er sicher, dass er sie mit guten Argumenten schnell vom Verkauf überzeugen konnte.
Paul tauschte die förmliche Kleidung gegen Leinenhose und Poloshirt, nahm an der Hotelrezeption seinen Mietwagenschlüssel entgegen und machte sich auf den Weg.
Nach einer holprigen Fahrt über eine notdürftig ausgebesserte Straße, die rechts und links von weiten Lavafeldern begrenzt wurde, hielt er vor einer zweistöckigen Finca. Die weiß gestrichene Fassade leuchtete in der Mittagssonne, und die knallgrünen Fensterläden hoben sich kontrastreich davon ab.
Im Gegensatz zu den anderen kanarischen Inseln legte die lanzarotenische Verwaltung viel Wert darauf, den traditionellen Architekturstil beizubehalten. Daher wurde die Vulkaninsel von den Farben weiß, grün und natürlich schwarz dominiert; umgeben vom Blau des Meeres und des Himmels. Und wenn man durch die karge Landschaft fuhr, kam es einem fast vor, als befände man sich auf einem anderen Planeten. In den Geröllfeldern, die ihn an den Mars erinnerten, hätte man sicherlich auch einen Science-Fiction-Film drehen können, dachte Paul.
Er stieg aus und schlug lautstark die Autotür zu. In den staubigen Dunst, der überall auf der Insel in der Luft lag, mischte sich ein strenger Geruch nach Heu und ... Ziege, wenn er sich nicht täuschte.
