Odyssee durch Russland - Jan D. Stechpalm - E-Book

Odyssee durch Russland E-Book

Jan D. Stechpalm

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Beschreibung

Wer möchte nicht mehr erfahren über die prägenden Erlebnisse seiner Familienmitglieder im zweiten Weltkrieg? Die sorgfältig recherchierte und packend geschriebene Erzählung von Jan Stechpalm schildert, wie sein Vater Dieter als 19-jähriger Offiziersanwärter nach seinem Schulabschluss im Jahr 1944 in den Krieg ziehen muss. Nachdem er im Chaos der zusammenbrechenden Ostfront nur mit Glück zu seinen Truppenteilen findet, gerät er auch schon wenig später in russische Gefangenschaft. Nun beginnt eine fünfjährige Odyssee durch verschiedene Gefangenenlager in Russland, ein bitterer Kampf ums Überleben gegen Hunger, Kälte und Krankheiten, eine Prüfung seines noch jugendlichen Charakters und seines Überlebenswillens ...

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Seitenzahl: 102

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Einleitung

Irrweg zur Front

Arbeitsdienst und Grundausbildung

Erster Einsatz auf Walcheren

Der Krieg von Adolf dem Wahnsinnigen

Der Russland-Feldzug

Zwischen den Fronten

Ein Lebenszeichen an die Mutter

Ende der Suche

Die letzte Gefechtsstellung

Die Nacht an vorderster Frontlinie

Die Gefangennahme

Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg

Das Verhör

Das Nationalkomitee Freies Deutschland

Das Überlaufangebot

Weitertransport der Gefangenen

Waldlager Minsk

Schlaflosigkeit, Frostbeulen und Hungerödeme

Die lebensrettende Idee

Im Lazarett

Torfkommando in der Nähe von Minsk

Lager 13 Minsk

Theaterklassiker in Gefangenschaft

Im Donec-Becken

Die Heimkehr deutscher Kriegsgefangener

Entschluss zum Hungern

Moment der Entscheidung

Entlassung aus Kriegsgefangenschaft

Rückkehr nach Hause

Einleitung

Lange, abendfüllende Erzählungen in den Skiferien oder daheim in der Couchrunde, wenn Gäste aus fernen Ländern oder Jugendliche aus der Nachbarschaft da waren, weckten das erste Interesse von anfangs noch romantisierenden Kinderohren an den persönlichen Erlebnissen des Vaters im Zweiten Weltkrieg. Als letzter Jahrgang war er im letzten Kriegsjahr an die Front geschickt worden und hatte dann im besten Alter von 19 Jahren fünf Jahre in Gefangenschaft als Zoll an den Krieg zahlen müssen. Später kamen neue Facetten des Interesses dazu: Wie konnte man überhaupt dort und damals überleben? Welche Tricks hatte Vater entwickelt? Wie erlebte er die Niederlage? Wie überwand er die grausamen Seiten des Krieges? Was gab ihm Trost?

Leider kam Vater vor seinem Tod im Jahre 2000 nicht mehr der Bitte nach, die Erlebnisse für Kinder und Enkel niederzuschreiben, wie es sein eigener Vater mit seinen Memoiren aus dem ersten Weltkrieg getan hatte. Glücklicherweise hatten wir uns jedoch in den letzten gemeinsamen Skiferien im Wallis im Frühjahr 2000 abends hingesetzt, um Orte und Zeiten der Ereignisse nachzuzeichnen.

Ausgehend von diesen Skizzen, einigen eigenen Erinnerungsfetzen, einer Tonkassettenaufnahme von Erzählungen des Vaters, seinen Schriftwechseln mit seinen Eltern, seinem Fotoalbum und anderen Quellen wie Büchern sowie Nachforschungen im Internet, konnte der Versuch gestartet werden, die Geschichte zu Faden zu schlagen.

Wer sich den Themen: „Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte“ und „russische Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg“ zuwendet, trifft auf unzählige Schriften. Dies beginnt beim 15-bändigen Werk „Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges“ von E. Maschke, welcher in den Sechzigerjahren die 1957 gegründete wissenschaftliche Kommission für Kriegsgefangenengeschichte in Deutschland leitete und überwiegend in Feldpost, Berichten von Heimkehrern und Unterlagen von Hilfsorganisationen forschte. Auf russischer Seite stand diesem Werk damals eine propagandistisch gefärbte Monographie eines Prof. Blank gegenüber. Nach dem Ende des Kalten Krieges zwischen Ost und West öffneten sich Anfang der Neunzigerjahre zunehmend sowjetische Archive für Nachforschungen, u.a. das Zentralarchiv der russischen Föderation, viele Ortsarchive in den jeweiligen Regionen der Gefangenenlager und die Zentrale zur Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen mit über zwei Millionen Personalakten, Soldbüchern, Briefen und Fotos von deutschen Kriegsgefangenen. Ein fundiertes historisches Bild kann z.B. in den jüngeren Büchern „Im Archipel GUPVI, Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion 1941–1956“ von S. Karner (1995) oder „Deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion, 1941–1956; Kriegsgefangenenpolitik, Lageralltag und Erinnerungen“ von A. Hilger (2000) gewonnen werden. Interessante Veröffentlichungen von Einzelschicksalen findet man zudem in der Autorenbuchreihe „Erzählen ist Erinnern“ des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (z.B. in Band 27 „Anpassen oder widerstehen? Eine Überlebensfrage“ von J. Wildenhain oder in Band 30 „Neunundvierzig Monate. In russischer Kriegsgefangenschaft Mai 1945 bis Juni 1949“ von E. Eicher).

Schon beim Sammeln dieses Hintergrundwissens fielen widersprüchliche Angaben der verschiedenen Autoren z.B. bei den Schätzungen der Truppengrößen, der Gefangenen und der Gefallenen auf. Umso mehr gab es auch Unschärfen und Widersprüche in den privaten Quellen zum persönlichen Schicksal des Vaters, so dass das hier Niedergeschriebene höchstens als Annäherung an den tatsächlichen Ablauf der Begebenheiten zu verstehen ist. Dabei mag die Sprache an manchen Stellen etwas salopp anmuten. Dies wurde bewusst so gewählt, um eine gewisse Unmittelbarkeit zu den Erlebnissen der jungen Soldaten herzustellen.

Am Ende stand nicht der Ehrgeiz, dieses komplexe, bereits vielfach von viel Besseren bearbeitete Thema in exakter kritisch-historischer Manier zu Papier zu bringen. Triebfeder für dieses spannende Unterfangen war schlicht, diese ungewöhnliche Geschichte eines prägenden Abschnitts von Vaters Leben für die eigene Familie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wenn es damit gelingt, ein Nachdenken über die eigene Herkunft, die eigenen Werte, über Notwendiges und Überflüssiges sowie über Beständiges und Vergängliches anzuregen, dann hat sich die Mühe mehr als gelohnt.

Jan D. Stechpalm

Dieter Hüllstrung (*1925 - †2000)

Irrweg zur Front

Er saß im Zug von Warschau nach Moskau auf dem Abschnitt zwischen Brest und Minsk. Eine Landschaft aus bewaldeten Hügeln und bebauten Feldern – ähnlich wie daheim – spulte sich vor seinen Augen ab und ließ seine Gedanken nach Hause, nach Karlsruhe und in den Nordschwarzwald driften. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck und mit quietschenden Bremsen hielt der Zug mitten im Wald an. Irgendjemand schrie: „Fliegerangriff! Alles raus aus dem Zug!“ Es brach eine panische Hektik aus. Die Soldaten schnappten ihre Waffen, stürzten aus den Waggons heraus und rannten blitzschnell die Bahnböschung hinunter, um Deckung im Wald zu finden. Über ihren Köpfen schossen mehrere russische Kampfflieger wie Raubvögel im Sturzflug und mit heulenden Motoren auf den Zug zu, um nach einer Maschinengewehrsalve wieder im Grau des Himmels zu verschwinden.

Dieter hatte das erste Mal in seinem Leben Todesangst. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er war gerade 19 Jahre alt und auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, zur „Frontbewährung“ an der Ostfront. Jeder Offiziersbewerber musste mindestens zwei Monate an der Front gewesen sein. Erst vor einem Jahr – am 3. März 1943, hatte er vorzeitig sein Abitur gemacht. Er war noch ein halber Bub und dazu ein Spätentwickler. Bisher hatte er sich nicht einmal rasieren müssen. Seine Abiturklasse hatte nur gerade aus sieben Jungs bestanden. Die Älteren mit Jahrgang 1924 – es waren vierundzwanzig – hatten ein Vierteljahr zuvor bereits ihr Abitur bestehen „dürfen“, um danach zum Militär eingezogen zu werden. Den Jungs wurde vorgemacht, der Weg in den Krieg als Soldat sei eine günstige, Ruhm und Ehre bringende Fügung auf ihrem Lebensweg. Zwei oder drei waren bereits in den ersten Tagen an der Front gefallen. Bei Kriegsende werden nur 20 von den insgesamt 30 Jungs überlebt haben.

(So viel zur Gunst, als Soldat für „Führer, Volk und Vaterland“ in den Krieg ziehen zu dürfen!)

Arbeitsdienst und Grundausbildung

Am 17. April 1943 musste Dieter zum Reichsarbeitsdienst in Landau, Pfalz antreten. Dort hatte er vorübergehend nette Kameraden gefunden. Auch war er mehrmals befördert worden: am 16. Juni zum Vormann und am 8. Juli zum Obervormann. Seine Laufbahn zu erhofftem Heldentum hatte allerdings mit Scharlach begonnen. Drei Wochen lang hatte er krank mit Halsweh und Fieber – wie als Warnung – die Fehlbarkeit seiner Glieder gespürt und lediglich das Bett gehütet, anstatt sich die bisher höchstens von Träumen verdorbene Jugendlichkeit durch Ausbildung zu einem verwegenen Soldaten abzustoßen.

Dieter beim Arbeitsdienst in Landau (2. von rechts)

Mitte Juli 1943 schließlich war die Einberufung zur Grundausbildung im Artillerie-Regiment V in Ulm erfolgt. Dort hatte seine Ausbildung zum Richtkanonier an der leichten Feldhaubitze (LFH 16) begonnen. Dieses Artillerie-Geschütz (Bild s.u.) hatte ein Kaliber von 10,5 cm und lief mit zwei Ersatzlafetten, kurz genannt: Erlas. Es wog 1'525 kg, war 5 m lang, 1,65 m hoch und brachte das Geschoss bei einer Austrittsgeschwindigkeit von ca. 395 m/s maximal 9,2 km weit. Als Richtkanonier war Dieter der Schütze, der den Abschusswinkel und die Abschussrichtung berechnen und einstellen musste. Die anderen Schützen am Geschoss mussten nach einem Abschuss gegebenenfalls die Stellung des Geschützes verändern, neue Munition herbeibringen und die Haubitze damit laden1.

Zur Grundausbildung gehörte zuerst der Drill im Verband. Lange Märsche mit schwerem Gepäck in Reih und Glied, das zuverlässige Parieren auf Befehl, der Umgang mit Gewehr und Handwaffe, das Auf- und Abbauen von Feldlagern mit dem Ausheben von Sicherungsgräben, das Anlegen von Feldtarnung und nicht zuletzt das unabdingbare, an der Front später lebensrettende Maß an Disziplin. Diese wurde ihnen von scharfen, scheinbar unerbittlichen Unteroffizieren und Feldwebeln eingebläut, die wie bissige Schäferhunde ständig um die Herde herumschweiften und mit bellenden Schreien fehltretende Rekruten zurück ins Glied drängten oder mit Extra-Exerzierrunden bestraften.

Daneben erlernte er die technischen Fertigkeiten zum Bedienen und Warten eines Artillerie-Geschützes, was ihm sehr viel Spaß machte, da ihm die ballistische Mathematik zur Berechnung der Flugbahnen von Geschossen leicht von der Hand ging. Und es gab ihm inmitten des stupiden, militärischen Alltags, wo unreflektiertes, zahnradartiges Funktionieren wichtiger war als eigenständiges Denken, das Gefühl, doch noch zu den intelligenten Lebewesen zu gehören.

Leichte Feldhaubitze 16 Bundesarchiv_Bild_101I-031-2415-16,_Russland,_Soldaten_an_leichter_Haubitze

Nach zwei Wochen war er bereits zum Reserveoffiziersbewerber-Kurs, kurz: ROB-Kurs, nach Dijon geschickt worden, wo er sechs Monate verbracht hatte und nun zu den mathematisch-technischen Fertigkeiten auch noch Unterricht in militärischer Führung und Taktik erhielt. Die Wehrmacht hatte es jetzt eilig mit der Ausbildung neuer Soldaten für die Front. Bis dahin hatte alles noch einen sportlich-kameradschaftlichen Charakter gehabt, wie er ihn aus seiner Jungvolk- und Hitlerjugendzeit2 kannte. In Dijon hatte er sogar als Richtkanonier mit seinem Geschütz ein Wettschießen gewonnen. Dann wurde es langsam ernster.

Am 3. Januar 1944 war ganz plötzlich beim Morgenappell der Verlegungsbefehl für seine Division verlesen worden. Weil er sich aber bei einem Übungsmarsch den Innenrist wundgescheuert hatte, hatte ihn der Kasernenarzt für „nicht marschfähig“ befunden, so dass er im Reserve-Lazarett (Militärkrankenstation) in Dijon hatte bleiben müssen, während seine Kameraden gegen den Feind entsandt wurden. Das hieß für ihn drei Wochen lang Schiene und strenge Bettruhe. Er hatte auf der Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten gelegen. Am meisten hatte ihn dabei – in seiner jugendlichen Unschuld – die Angst geplagt, sich mit irgendeiner „Schweinerei“ anzustecken. Zum Glück hatte er sich in einem Buchladen auf einem der Ausgänge in die französische Altstadt von Dijon eine deutsche Originalversion von Goethes „Faust“ kaufen können, den er sich jetzt zu Gemüte führen konnte. Zuletzt war er hinkend entlassen worden.

Über die Frontleitstelle hatte er herausgefunden, wo sein „Haufen“ gelandet war: auf der Insel Walcheren bei Westkapelle vor der holländischen Nordseeküste.

Sie waren auserkoren, einer bevorstehenden Seeinvasion der „Tommys“ (Soldaten-Jargon für "Engländer") entgegenzutreten. Das klang doch heldenhaft. Dort würde er sicher auch den ROB-Kurs abschließen können.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d4/Walcheren2.gif

1 Panzermuseum Münster, http://www.panzermuseum.com/

2 Dem von der NSDAP organisierten Jungvolk mussten alle zehn- bis vierzehnjährigen Deutschen und der Hitlerjugend alle vierzehn- bis achtzehnjährigen Deutschen beitreten. Die Hitlerjugend hatte Dieter als Geiger im Bannorchester mit Konzertreisen durch Baden verbracht.

Erster Einsatz auf Walcheren

Die Nachreise nach Walcheren war ein Abenteuer gewesen. Dieter reiste mit all seinem Gepäck in mit Soldaten überfüllten Zügen via Paris, Brüssel und Amsterdam dorthin. In den Bahnhöfen wimmelte es von deutschen Soldaten. Es herrschte ein dichtes Gedränge, durch das es für Dieter mit seinem verletzten Fuß und dem schweren Gepäck kaum ein Durchkommen gab. Er musste in jedem Bahnhof fürchten, den Anschlusszug zu verpassen. In Paris nutzte er einen Zwischenstopp für einen Abstecher in die Untergrundbahn, die berühmte „Metro“. Ein letztes Mal begegnete er zivilem Leben. Die Zeit war im Flug vergangen.

Auf der Insel Walcheren war Dieter zunächst in Westkapelle auf der Feuerstelle als Richtkanonier eingesetzt worden. Das hatte ihm gar nicht gefallen, weil von den vier Kameraden auf dem Geschütz drei nichts taugten. Sie arbeiteten nicht richtig mit und wenn, dann nur für sich und nicht für die Gruppe. Er war daher froh gewesen, als er an seinem 19. Geburtstag, am 19. Februar 1944, als Hilfsbeobachter auf die B-Stelle (Beobachter-Stelle) der Batterie versetzt worden war. Dort befand er sich in einem geradezu wohnlichen Bunker mit Entlüftungsapparat und Panzerkuppel direkt auf den Dünen am Meer. Das stete Rauschen von Wind und Wellen gab ein Gefühl von Lebensnähe und ungestörter Weltordnung. Leider waren sie nach wenigen Tagen auf eine andere provisorische B-Stelle verlegt worden. Das war ein ehemaliger holländischer Artillerie-Bunker, kalt, eng und dreckig, aber immerhin in Meeresnähe.

Bunker bei Zoutelande, Walcheren 1943 (aus Dieters Fotoalbum)

Das Meer und die tosenden Wellen hatte er sehr genossen. Oft war er einsam zu den Wellenbrechern hinuntergegangen, um Wind und Wasser zu spüren. während die Gischt über ihn peitschte und las dort seinen „Faust“.