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Der Autor beschreibt in seiner Oskar-Reihe diesmal seine Lebensgeschichte in der Bundeswehr. Oskars Werdegang bei dem Militär kann der Leser, die Leserin mit Spannung und Humor verfolgen. Dabei können sie sich ebenso wie in seinem Buch 'Oskar, der Hygieniker' sowohl in den Inhalt als auch in den Sprachstil gut hineinlesen. Das Buch gibt Einblicke in den Alltag eines Sanitäters der Bundeswehr in den 1970er und 1980er-Jahren. Die Leserinnen und die Leser erhalten die Möglichkeit, der humorvollen Erzählfigur über die Schultern zu schauen und so ein Gefühl für den Dienstalltag eines Sanitäters bei der Bundeswehr zu erhalten. Schnell wird man mit dem Sanitäter Oskar vertraut, identifiziert sich mit ihm und fiebert mit ihm bei seinen Konflikten im Kampf mit den Vorgesetzten und den militärischen Normen. Das Sujet 'Individuum' gegen die militärische Ordnung erinnert an Emanuel Frynta. Der Protagonist zeigt in seine fränkische Lebensart, wie er sich mit Listigkeit und Klugheit durch seine Zeit als Soldat schlug. Für ihm als Sanitätssoldat stand die Kommunikation auf Augenhöhe mit den ihm unterstellten Soldaten an erster Stelle. Die Handlungen liegen recht nah an der Wirklichkeit und sind trotzdem als Erzählung verfasst. Die Bundeswehr ist einem ständigen Wandel unterworfen, dessen ungeachtet sollten sich potenziellen Soldaten und Soldatinnen vorher über die Eigenheiten der Truppen informieren.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Heimat sind für mich Menschen, nicht Orte.
Nichts hat mich in meinem Weg mehr bewegt als Menschen.
Manche zieht es zur Kunst, zur Natur.
Mich zieht es zu Menschen.«
Igor Levit
Vorwort
Kapitel 1
Standort Zweibrücken Niederauerbach-Kaserne
Motivation zum Zeitsoldaten
Als ich auszog, die Welt zu erobern
1971 – die Bundeswehr ruft
Kapitel 2
Standort Oberbexbach Saar-Pfalz-Kaserne
Ausbildung zum Sanitäter
Hieronymus entschwindet
Sanitäter im Sanitätsbereich Bexbach
Lasst uns das Tanzbein schwingen
Aufnahme in das Unteroffizierscorps
Unteroffizier Oskar
Soldatenwallfahrt nach Lourdes
Kapitel 3
Standort Veitshöchheim Balthasar-Neumann-Kaserne
Die ersten Monate im Sanitätsbataillon 12
Blutspendedienst der Bundeswehr
Laborant Oskar
Sanitätsbereich im Munitionsdepot Breitengüßbach
WehrMedStatInst in Remagen
Dreschers Ausfall
Ausbildung von Sanitätssoldaten
Feldwebellehrgang
Das Reforger-Manöver
NATO-Alarm
Heirat mit einer Ausländerin
Ortslazarett Grafenwöhr und Hohenfels in der Oberpfalz
Sanitätsübung »Schnelle Hilfe« in Schwarzenborn
Eine Woche »Kieler Woche«
Schiedsrichter und Reservistenbetreuung
Expert Field Medical Badge
Ortslazarett Baumholder
Unteroffizierscasino
Manöver mit der US-Armee
Rotkreuzeinsatz bei den Ritterkreuzträgern
Kasernenkommandant auf Abwegen
Suche nach einem Beruf
Beschwerde gegen Geis
Berufsförderungsdienst der Bundeswehr
Studium zum Organisator in Eschweiler
Beschwerde wegen Beurteilung
Unteroffizierstagung in Mellrichstadt
Versehrtensportfest in Krautheim an der Jagst
Sanitätsübung mit Filmaufnahmen auf dem Standortübungsplatz Hammelburg
Kapitel 4
Standort Ulm
Bundeswehrkrankenhaus Ulm
Ausbildung zum Hygieneinspektor
Entlassung aus der BW
Kapitel 5
Wehrübungen
Epilog
Hinweise
Begriffe
Literatur
Bei einer Firmenpräsentation in Neu Delhi begegnete ich dem Dalai Lama im Kreise seiner Schüler. Fasziniert von ihm möchte ich aus seinem Buch »Ratschläge des Herzens« zitieren. In einem Kapitel widmete er sich den Kriegführenden:
»In jeder Gesellschaft gibt es schlechte Menschen, die viele Probleme verursachen, und es bedarf wirksamer Mittel, um zu verhindern, dass sie Schaden anrichten können. Wenn keine andere Wahl bleibt, muss man sich durchringen und bewaffnete Kräfte einsetzen. Meiner Meinung nach darf eine Armee nicht dazu dienen, eine Doktrin zu verbreiten oder in ein anderes Land einzufallen, sondern nur dazu, im absoluten Notfall den Machenschaften jener ein Ende zu setzen, die das Wohlergehen der Menschen zerstören und Chaos stiften. Das einzige akzeptable Ziel eines Krieges ist das Glück aller, und nicht irgendwelche privaten Interessen. Der Krieg ist also nichts anderes als eine Notlösung.
Die Geschichte zeigt uns, dass Gewalt Gewalt hervorbringt und in den seltensten Fällen Probleme löst. Im Gegenteil: Meist schafft sie unermessliches Leid. Selbst wenn es weise und logisch erscheint, zur Beendigung von Konflikten Gewalt einzusetzen, kann man nie sicher sein, ob man damit nicht die Glut anfacht, statt das Feuer zu löschen. Heute ist der Krieg ein kalter, unmenschlicher Krieg.
Dank moderner Waffen ist es möglich, Tausende von Menschen zu töten, ohne zu riskieren, selbst getötet zu werden, ja, man muss nicht einmal das Leid sehen, das man verursacht. Diejenigen, die den Befehl zu töten geben, befinden sich oft Tausende von Kilometern weit weg vom Schlachtfeld. Und es sind die Unschuldigen, die Kinder und Frauen, die nichts anderes wollen, als zu leben, die sterben und zu Krüppeln werden.
Fast möchte man die früheren Zeiten herbeisehnen, bei denen die Kriegsführer ihre Truppen anführten; ihr Tod bedeutete im Allgemeinen ein Ende der Feindseligkeiten. Sobald Menschen Waffen in die Hände bekommen, neigen sie dazu, sich ihrer auch zu bedienen. Meiner Meinung nach dürfte es überhaupt keine nationalen Armeen mehr geben.
Die Welt sollte entmilitarisiert werden. Bis auf eine multinationale Kraft, die nur dann interveniert, wenn der Frieden in einer Region der Welt bedroht ist. Alle sprechen von Frieden, aber man kann Frieden im Äußeren nicht verwirklichen, wenn im eigenen Inneren Wut und Hass regieren. Genauso ist der Wunsch nach Frieden unvereinbar mit jedem Wettrüsten. Die Atomwaffen gelten als abschreckendes Mittel, aber das scheint mir auf lange Sicht keine weise oder wirksame Methode zu sein.«1
Mit meinem Buch will ich jungen Menschen eine Hilfestellung geben, wenn sie vor der Entscheidung stehen, Soldat zu werden. Die Erfahrungen zeigten mir, dass gerade junge Menschen die Tragweite einer solchen Verpflichtung noch nicht erfassen und deswegen vielseitig informiert werden müssen. Deshalb sollte bei der Willensbildung zu einer langjährigen Bindung an das Militär die unterschiedlichen Aspekte geprüft werden, damit die Entscheidung wertfrei erfolgen kann.
»Es wird niemals so viel gelogen, wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.« Otto von Bismarck
Als einer der letzten Wehrpfl ichtigen mit 18 Monaten Dienstzeit wurde ich 1971 bei den Fallschirmjägern eingezogen. Mit dem ausgezahlten Wehrsold war nicht viel anzufangen. Einige Stadtbummel, und schon war nichts mehr im Geldbeutel. Was lag näher, als den Verlockungen des schnöden Mammons zu erliegen und sich für zwei Jahre zu verpfl ichten. Zumal auch eine erträgliche Verpfl ichtungsprämie eingestrichen werden konnte. Doch diese zwei Jahre waren der Anfang vom Ende meiner zwölfjährigen Bundeswehrkarriere.
Am Einberufungstermin hatte ich mich bereits mit dem Leben in der Kaserne abgefunden, sodass mich nichts mehr schrecken konnte. Als Sanitäter lernte ich die angenehmen Seiten des Militärs kennen. Sanitäter war ein Traumjob. In Zusammenarbeit mit der Küche konnte ich mir alle Annehmlichkeiten leisten. Selbst Offiziere waren darauf erpicht, als Fahrer bei mir eingesetzt zu werden, frei nach dem Motto: Der Sanitätsgefreite und sein Offizier als Fahrer.
In diese Zeit fielen auch meine ersten Beschwerden und Petitionen. Als Freigeist waren mir militärische Zwänge zuwider. Einige Beschwerden konnte ich unter Berufung auf die Genfer Abkommen erfolgreich abschließen. Die heute geltenden vier Genfer Abkommen und die beiden Zusatzprotokolle sind das Kernstück des humanitären Völkerrechts. Sie schützen Menschen vor Grausamkeit und Unmenschlichkeit in Kriegssituationen. Dies gilt insbesondere für Personen, die nicht (mehr) an bewaffneten Auseinandersetzungen teilnehmen: Verletzte, Kranke oder Schiffbrüchige, Kombattanten sowie Zivilpersonen.
Natürlich hat dies nicht gerade meinen Ruf als guter Soldat gestärkt. Mancher Vorgesetzte meinte, ich hätte besser Kriegsdienstverweigerer werden sollen als Zeitsoldat. Als Sanitäter handelte ich nach der Devise: Erst bin ich Mensch, dann Sanitäter und an dritter Stelle Soldat.
Beim Näherrücken des Entlassungstermins wuchsen meine Zweifel, ob der Gärtnerberuf das richtige Arbeitsgebiet für mich sei. Eigentlich könnte ich doch das Angebot der Bundeswehr nutzen, um mich während einer längeren Verpflichtung schulisch fortzubilden. Andererseits wollte ich jedoch in einem Hauptverbandplatz arbeiten. Ich erlag dann doch den Schalmeien der Werbung für die Bundeswehr und verpflichtete mich für insgesamt acht Jahre.
Zu den Argumenten der Fortbildung während der BW-Zeit kam die erneute Verpflichtungsprämie als Anreiz hinzu. Weiterhin reizte auch die in Aussicht gestellte Übernahme in das Beamtenverhältnis. Ganz abgesehen von der Garantie, nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr drei Jahre lang weiterhin 75 Prozent des Gehaltes zu bekommen. Mit meiner Verpflichtung auf acht Jahre erhielt ich auch meine Versetzung nach Veitshöchheim zum Sanitätsbataillon 12.
Manch einer wird sich fragen: Wie kommt ein ehemaliger Zeitsoldat nach zwölfjähriger Verpflichtungszeit auf die Idee, seine Dienstzeit offen zu legen oder seine Loyalität zum Staat nicht mehr zu wahren? Am besten fange ich mit meinen Beweggründen zum Eintritt in die Bundeswehr an. Doch alles der Reihe nach.
Als junger Bursche wollte ich die große weite Welt kennenlernen. Dafür war jedoch mein kleinbürgerliches und konservatives Geburtsnest zu klein. Schon in meiner Lehre als Gärtner träumte ich von der Welt außerhalb der Ortsgrenzen. Mein Talent für Organisation und Überzeugung stieß in der kleinbäuerlichen Welt der 300-Seelen-Gemeinde auf Unverständnis und Ablehnung. Mein sozialer Gerechtigkeitssinn ließ die ewiggestrigen braunen Kriegsgewinnler nicht zur Ruhe kommen.
In meiner Zeit als Gärtnergehilfe in Aalen erreichte mich der Musterungstermin zur Feststellung der Wehrtauglichkeit. Als treuer Staatsbürger kam ich der Aufforderung nach und meldete mich pünktlich beim Kreiswehrersatzamt Schwäbisch Gmünd. Das Ergebnis der Musterung war eindeutig. Ich war kerngesund, körperlich topfit und für den Militärdienst voll einsetzbar.
Wenige Wochen später musste ich mich zum Eignungstest beim Kreiswehrersatzamt in Stuttgart melden. Auf der Fahrt kam ich mit einem Mitreisenden ins Gespräch, welcher ebenfalls an dem Test teilnehmen musste. Der Eignungstest verlief für mich äußerst zufriedenstellend. Voll geeignet für alle Waffengattungen, insbesondere für den Dienst bei den Fallschirmjägern oder im Sanitätsdienst.
Auf der Rückfahrt nach Aalen war wieder der Mitreisende von der Hinfahrt dabei. Freudestrahlend teilte er mir mit, dass er den Eignungstest nicht bestanden hatte und aufgrund dessen nicht für den Militärdienst tauglich sei. Ich dachte mir dabei: »Lieber zum Militärdienst, als doof zu gelten.«
Nach einiger Zeit in Aalen zog es mich wieder nach Hause, um meine Eltern bei der Ernte zu unterstützen. Doch nach einem Monat war es mir zu trivial, in der Landwirtschaft zu arbeiten, und ich bewarb mich bei einer ortsansässigen Gärtnerei.
Nach wenigen Monaten wurde es mir in der dörflichen Umgebung zu langweilig. Im darauffolgenden Jahr bewarb ich mich bei Gärtnereien im Inland und Ausland. So wollte ich mir mit 19 Jahren 1971 als Gärtnergehilfe in der weiten Welt den Wind um die Nase wehen lassen und hatte bereits einen Betrieb in der Schweiz gefunden, der mich anstellen wollte. Reisedokumente, einschließlich der Einreise- und Aufenthaltspapiere, lagen mir bereits vor.
Meine hochfliegenden Pläne und mein bereits genehmigter Arbeitsaufenthalt in der Schweiz wurden jedoch zur Makulatur. Ich unterlag der Wehrüberwachung und als treuer deutscher Staatsbürger teilte ich meinem Kreiswehrersatzamt mit, dass ich meinen vorübergehenden Wohnsitz in das Ausland verlegen würde. Prompt gelangte mit dem Einberufungsbescheid ein neuer Gesichtspunkt in mein Blickfeld. Der Einberufungsbescheid nach Zweibrücken in Rheinland-Pfalz zur Ausbildungskompanie der Fallschirmjäger lag auf dem Tisch.
Was war zu tun, fragte ich mich? Dem Mief eines kleinen Nestes wollte ich entrinnen, nun standen zwei Möglichkeiten zur Wahl. Entweder ich gehe in die Schweiz, das hieße, in den nächsten Jahrzehnten hinge das Damoklesschwert der sofortigen Inhaftierung über mir: Bei der Einreise in die Bundesrepublik Deutschland könnte ich wegen Fahnenflucht verhaftet werden. Oder ich stelle mich dem 18-monatigen Wehrdienst und kann jederzeit meine Eltern besuchen.
Nach Abwägung des Für und Wider entschied ich mich für die 18 Monate Wehrpflicht bei der Bundeswehr. Mit viel Elan und jugendlicher Naivität trat ich sodann meinen Grundwehrdienst in Zweibrücken bei der Fallschirmspringerausbildungskompanie 7/9 an.
Doch vor dem Einzug in die Kaserne wollte ich erst einmal nach Paris, um die schönen Seiten des Lebens kennenzulernen. Wie es der Zufall will, zeigte mir meine Mutter die Anzeige einer christlichen Reisegruppe, die noch Plätze in ihrem Reisebus frei hatte. Sofort nahm ich das Angebot wahr.
Einmal Paris – und die Stadt ließ mich nie wieder los. Die Reisegruppe war auf sich selbst fixiert, Außenstehende wie ich konnten sich nicht entfalten. In Paris angekommen, stellte sich zudem heraus, dass der Reiseveranstalter für mich kein Zimmer gebucht hatte. Mit Mühe konnte ich im Dachgeschoss des Hotels noch ein Zimmer ergattern.
Unter diesen Voraussetzungen zog es mich am Abend allein in das nächtliche Paris, zu diesem Zeitpunkt für mich noch eine völlig fremde Metropole. Ohne Kenntnisse der französischen Sprache streifte ich durch die Stadt. Bei meinem Spaziergang landete ich in einem vollbesetzten Bistro, nur an der Theke war noch ein Platz frei. Ohne Scheu setzte ich mich auf den freien Platz und kam mit einem Franzosen ins Gespräch. Mit seinem guten Deutsch entwickelte sich eine interessante Unterhaltung. Ich ließ dabei jene Vorurteile über die Franzosen außer Acht, die ich durch Erzählungen in Deutschland aufgenommen hatte. Er sprach mit mir über seine Dienstzeit als Soldat in Berlin, ich über mein herrliches Frankenland. Der Abend war gerettet, zumal der Franzose mir alle Getränke im Bistro bezahlte.
Zur vorgerückten Stunde meinte der Franzose, er wüsste Mädchen und ob ich mitkommen würde. In der Vergangenheit hatte ich viele Berichte über die Anwerbung von Fremdenlegionären gelesen und sagte mir: »Oskar, sei wachsam!« Ich bedankte mich bei dem Franzosen höflich mit dem Argument, dass meine Reisegruppe auf mich warten würde, und ging zurück in mein Hotel. Aus späterer Sicht war dies ein Fehler.
Am nächsten Tag stand der Eiffelturm auf dem Programm. Während sich die Reisegruppe in kleinere Grüppchen aufteilte und Einzelziele verfolgte, stand ich mit einem Mal alleine unter dem Eiffelturm. Plötzlich kam ein Fotograf auf mich zu und wollte ein Foto von mir unter dem Eiffelturm aufnehmen. Nach langem Zögern stellte ich mich in Position, damit ich meine Ruhe hatte. Als er mir das Foto zeigte und den Preis nannte, wollte ich weitergehen, ohne das Foto abzukaufen, doch das gefiel wiederum dem Franzosen nicht. Er rief seine Kollegen zusammen und plötzlich umringten mich circa 15 Fotografen. Mit französischem Wortschwall redeten sie auf mich ein, bis ich das Foto kaufte. Damals ärgerte ich mich über den Vorfall, doch heute bin ich froh, dieses Foto zu besitzen, denn es blieb das einzige Foto mit mir von dieser Reise.
Als die Truppe wieder beisammen war, ging es weiter zur Kathedrale Notre-Dame und zur Basilika Sacré Coeur ganz oben auf dem Montmartre, mit anschließendem Besuch der Künstlerkolonie.
Auf der Heimfahrt fuhren wir noch zum Schloss Versailles, wo wir die verschwenderische Pracht des Sonnenkönigs bestaunen konnten. In der Retroperspektive ist dieses Schloss zwar ein Kulturdenkmal, jedoch wurde es auf dem Blut von vielen Namenlosen aus den armen Bevölkerungsschichten errichtet.
Die Rückfahrt in das schöne Frankenland verlief problemlos, den Rest des Monats verbrachte ich noch mit Reisen innerhalb Deutschlands. Von der Reisegruppe »Christliche Verein Junger Menschen – CVJM« bekam ich nur noch einmal ein Lebenszeichen zur Nachbereitung der Reise. Bei diesem Treffen waren die Vereinsmitglieder so mit sich selbst beschäftigt, dass für mich kein Erfahrungsaustausch möglich war. »Christlich« im Vereinsnamen bedeutet noch lange nicht christliches Verhalten.
Am sonnigen 1. Juli fuhr mich mein Vater mit einem befreundeten Gärtnerkollegen nach Kitzingen zum Bahnhof. Der Kollege musste nach Bexbach zu den Fallschirmjägern, ich nach Zweibrücken. Die beiden Kasernen lagen 30 Kilometer auseinander, deshalb war es uns möglich, mit dem Zug einen Teil der Strecke gemeinsam zu fahren. In Mannheim trennten sich unsere Wege.
Zweibrücken, französisch Deux-Ponts, pfälzisch Zweebrigge ist eine Stadt in Rheinland-Pfalz. Sie ist Sitz des Pfälzischen Oberlandesgerichts und mit circa 34.000 Einwohnern die kleinste kreisfreie Stadt Deutschlands. Die Stadt liegt in der Westpfalz auf der Westricher Hochfläche, unmittelbar an der Grenze zum Saarland. Durch Zweibrücken fließen der Schwarzbach, der westlich von Zweibrücken bei Einöd in die Blies einmündet, sowie der Hornbach, der bei Bitsch entspringt und im Stadtgebiet in den Schwarzbach mündet. In der Umgebung Zweibrückens gibt es zahlreiche Wälder, in denen sich auch seltene Baumarten wie die Elsbeere finden. In einem dieser Waldgebiete steht mit 32 Metern Höhe eine der höchsten Elsbeeren der Welt.2
Am Bahnhof in Zweibrücken angekommen, erfolgte die Verladung auf einen olivgrauen Unimog zur Fahrt in die Niederauerbach Kaserne. An den dort herrschenden rauen Umgangston musste mich erst gewöhnen. In der Kaserne hieß es dann vor dem Gebäude der Fallschirmjägerausbildungskompanie 7/9: »Aussteigen!«
Sofort nach der Ankunft in der Kaserne lautete der Befehl »antreten in Dreierreihen«. Als danach der Befehl kam »ausrichten – die Großen nach rechts, die Kleinen nach links«, war dies für mich die erste Erniedrigung. Danach kam dieser Befehl bei jeder Formation. Nachdem ich mit 1,69 nicht das Gardemaß hatte, war ich immer in den hintersten Reihen zu finden. Das Gleiche beim Aufrufen der angetretenen Rekruten: Es erfolgte nach dem deutschen Alphabet, und wieder war ich einer der letzten, der aufgerufen wurde, denn mein Familienname fängt mit W an.
Daraufhin erfolgte die Zuweisung zu den Ausbildungsgruppen. Zusammen mit den Kameraden Wendisch, Wick, Schmitt, Zehe und Wöhrlein belegte ich eine Stube. Zugleich nahm ich bei einem Zweistockbett das obere Bett. Unser Gruppenführer Fähnrich Schröder war ein Pfundskerl, mit dem man Pferde stehlen konnte. Den Kompaniechef Geiger sahen wir selten und der Spieß Satzyg, die Mutter der Kompanie, war bei einigen Rekruten nicht gut angesehen.
Es folgten die Einkleidung und Ausgabe der Bekleidung sowie der Ausrüstungsgegenstände. Danach ging es zur Eingangsuntersuchung und zum Fitnesstest. Die ärztlichen Untersuchungen ergaben keine gesundheitlichen Probleme. Den Fitnesstest bestand ich mit Bravour. Die Dienstzeit konnte beginnen.
Zur Aufbewahrung unserer Uniformen und unserer Ausrüstung wurde jedem Soldaten ein Spind zugeteilt. Dieser war zweitürig und einen Meter zwanzig breit. In diesen standardisierten Spinden sind die Ablagen für die Uniformen und die Ausrüstungsgegenstände streng reglementiert. Somit konnte mit einem Blick die Vollständigkeit überprüft werden. Der große Spind erleichterte es auch, zivile Gegenstände komplett unterzubringen.
In den nächsten Wochen standen Exerzieren, Waffenkunde, Waffenzerlegung und Schießübungen an. Der Schießplatz war am anderen Ende der Stadt, das bedeutete für uns jedes Mal, fünf Kilometer quer durch die Stadt marschieren, in voller Kampfausrüstung, und am Abend zurück in die Kaserne. Doch nicht immer marschierten wir den gleichen Weg zurück.
Ab und zu erfolgten Orientierungsläufe mit Karte und Kompass. Die Gruppe, die als erste die Kaserne erreichte, hatte am darauffolgenden Freitag frei. Nach Anweisung der Ausbilder sollten bei Märschen die Feldflaschen mit Salzwasser gefüllt werden, insbesondere bei den damals herrschenden hohen sommerlichen Temperaturen. Die meisten Soldaten gaben auf einen Liter Wasser zwei Kaffeelöffel Salz, isotonische Getränke gab es noch nicht.
Die kraftstrotzenden, 1,80 großen Kerle mit der größten Klappe waren die Ersten, denen die Kräfte schwanden. Zusätzlich hatten sie ihre Feldflaschen mit Limo gefüllt. Erfolgreich war eine Gruppe nur, wenn alle Gruppenmitglieder gemeinsam in der Kaserne ankamen, erst dann wurde der Marsch gewertet. Aus diesem Grunde nahmen ein weiterer Kamerad und ich das Kampfgepäck von den kraftstrotzenden Kameraden auf.
Einmal, bei einem nächtlichen Orientierungslauf, wurde unserer Gruppe der Sieg gestohlen. Daraufhin verfasste ich meine erste Beschwerde und ließ diese von allen meinen fünf Kameraden unterschreiben. Fast wäre es daraufhin zu einem Disziplinarverfahren wegen Meuterei gekommen. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war der Umstand, dass Sammelbeschwerden nach dem Sprachjargon der Bundeswehr als Meuterei aufgefasst wurden. Es blieb bei einer Belehrung durch den Kompaniechef.
Unser Gruppenführer Fähnrich Schröder, ein großer drahtiger Abiturient, war ein umgänglicher Vorgesetzter und ließ uns auch beim Geländedienst nicht durch den größten Matsch robben. Wenn es möglich war, schlugen wir uns durch die Büsche, und während die zwei anderen Ausbildungszüge durch den Dreck krochen, verbrachten wir einen gemütlichen Nachmittag im Unterholz. Bei Nachtübungen grillten wir feldmäßig Würstchen am Spieß und die Nacht verbrachten wir in unseren Schlafsäcken unter freiem Himmel, während immer ein Kamerad Wache hielt. Zur Geisterstunde hörte ich jedes Geräusch, jedes Knacken im Wald hörte sich bedrohlich an. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und schlief ruhig ein. Wenn uns die ersten Sonnenstrahlen weckten, packten wir unsere Ausrüstungen zusammen und marschierten mit Gesang zurück zur Kaserne.
Einmal den Dienstbetrieb kapiert, wusste ich frühzeitig, wie ich mich erfolgreich abseilen konnte. Bei ungeliebtem Dienst war meine beste Waffe der Sanitätsbereich. Durch meine Probleme mit den Kieferhöhlen hatte ich immer einen Grund, mich zur Untersuchung in den Sanitätsbereich zu begeben. Auch die angesetzte Pockenschutzimpfung konnte ich mit diesem Argument unterlaufen. Bei Ausdauertraining und bei Orientierungsläufen jedoch war ich immer topfit.
Die Kameradschaft während der Grundausbildung war vorbildlich. Natürlich waren auch Fehltritte zu verzeichnen. Eines schönen Wochenendes hatte ich die Stubenschlüssel auf meine Wochenendtour mitgenommen. Als mein Stubenkamerad in der Nacht zurückkam, konnte er nicht in unsere Stube kommen. Aus lauter Frust trat dieser die Tür ein und war einige Wochen nicht mehr für mich ansprechbar.
Zwei Betten waren jeweils in einer Sechsmannstube aufeinandergestellt. Sofort kaperte ich ein Bett in der oberen Etage. Das war auch gut so, denn eines Tages hörte ich um Mitternacht ein Plätschern. Im Halbschlaf sah ich, wie mein Stubenkamerad aus dem unteren Bett aufstand, sich an das Fußende stellte und in sein Bett hinein pinkelte. Nachdem er sich erleichtert hatte, floss ein kleines Urinbächlein zur Tür, wo sich eine große Urinpfütze bildete. Er nahm einen großen Bogen um die Pfütze, öffnete die Tür und legte sich in der Nachbarstube zum Weiterschlafen in ein freies Bett. Am nächsten Tag wusste er nicht mehr, wie er in die Nachbarstube gekommen war. Ein andermal hatte er wieder zu viel getrunken, und als ihn um Mitternacht die Blase drückte, stand er auf, ging in eine Nachbarstube und pinkelte an die Heizkörper.
In der Kaserne spukte auch der Heilige Geist. Die Kameraden in einer Stube hatten Probleme mit einem Mitbewohner, der das Waschen nicht erfunden hatte. Dem fürchterlichen Schweißgeruch, den er in der Stube verströmte, wollten seine Kameraden nicht länger ausgesetzt sein. Nachdem auch gutes Zureden nichts nützte, trugen sie ihn zur Geisterstunde mit seinem Bett in die Dusche und drehten das Wasser voll auf. Der Kamerad war danach »geheilt«.
Ein Kamerad im zweiten Stockwerk meinte auch, er müsse sich nicht waschen. Auch hier kam der Heilige Geist. Eines Nachts wurde der Kamerad aus seinem Schlaf gerissen und der Po mit Schuhcreme eingewachst. Danach bürsteten sie den Po, bis er glänzte. Seit dieser Zeit verströmte er einen angenehmen Geruch, denn plötzlich wusste er, dass Wasser zum Waschen da ist.
Als jungen Soldaten fiel uns immer etwas ein, was uns erheiterte. Auf unseren Spieß hatten es einige Kameraden besonders abgesehen. Eines Tages legten sie Zeitungspapier vor der Tür seines Amtszimmers aus, einer verrichtete seine Notdurft auf dem Papier, und danach legten sie ein weiteres Zeitungsblatt darauf. Als Nächstes zündeten sie das Papier an und klopften an seiner Tür. Als niemand eintrat, ging der Spieß zur Tür, öffnete sie, sah das Feuer und trat geistesgegenwärtig die Flammen aus. Doch, oh Scheck, als er feststellte, auf welcher Sch…. er herumtrampelte, fing er an herumzubrüllen und verfluchte die Soldaten, die ihm das angetan hatten. Es kam jedoch nie heraus, wer die Täter waren.
Jeden Freitag war Revierreinigen angesagt. Jede Stubenbelegschaft musste im Wechsel entsprechend dem Revierreinigungsplan den ihnen zugewiesenen Bereich putzen. Erst wenn die Toiletten, Duschen, Flure und der Außenbereich blitzblank strahlten, durften wir in das Wochenende fahren. Die Gruppe, deren Bereich noch als dreckig auffiel, musste so lange reinigen, bis es dem aufsichtführenden Feldwebel genügte.
Zusätzlich waren auch die Stuben und die Kleiderspinde zu reinigen. Die Kleidung musste entsprechend einer Skizze genau im Spind einsortiert werden. Bei dem anschließenden Stubendurchgang kontrollierte der Diensthabende penibel die Stuben und Spinde. Sollte er ein Stäubchen zu viel sehen, war nachreinigen angesagt. Hatte er einen Soldaten besonders auf dem Kieker, so schob er die Kleiderhaken ein paarmal über die Metallkleiderstange hin und her. Damit hinterließen die Kleiderhaken eine schwarze Spur auf der Stange, und die Kontrolle mit seinen weißen Handschuhen verhieß nichts Gutes. Sie färbten sich schwarz, und das hieß für den Kameraden, nochmals reinigen.
Während der Woche und am Sonntag war um zehn Uhr Zapfenstreich. Alle mussten sich zu diesem Zeitpunkt auf den Zimmern befinden und im Bett liegen. Der diensthabende Unteroffizier kam durch die Stuben, und ein Rekrut in der Stube erstattete Meldung über die anwesenden Soldaten. Sollte einer vom Wochenende nicht zurückgekommen sein oder sich auf der Krankenstation befinden, so hatte er es entsprechend in seine Meldung aufzunehmen. Danach löschte der Diensthabende das Licht, und daraufhin musste befehlsgemäß Funkstille herrschen. Hielten wir uns nicht daran, durften wir uns über Zusatzdienste am Wochenende freuen.
An einem anderen Wochenende fuhr ich mit drei Kameraden nach Hause. Sie wohnten unweit meines Heimatortes und nahmen mich in ihrem alten Auto mit. Am Sonntag sollte es wieder zurück nach Zweibrücken gehen, doch bereits die Abfahrt verschob sich durch deren Unpünktlichkeit. Auf der Hälfte der Strecke gab dann das Auto ein nicht definierbares Geräusch von sich. Das hieß von der Autobahn runter und eine Kraftfahrzeugwerkstatt aufsuchen. Glücklicherweise fanden wir eine offene Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt, die die Reparatur sogleich erledigte. Als es ans Bezahlen ging, hatten meine Kameraden kein Geld dabei. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Instandsetzung zu zahlen. Vorher versicherten mir die Kameraden, dass sie mir anteilmäßig das Geld erstatten würden. Ich warte bis heute auf ihren Anteil. Jedenfalls war dies das erste und das letzte Mal, dass ich mich auf einen derartigen Deal einließ.
Als ich wieder einmal zu Hause in Franken gewesen war und in die Kaserne zurückkam, klaffte in der Dachabdeckung des Nebengebäudes ein großes Loch. Es sah aus, als hätte eine Windbö eine Lücke in das Dach gerissen. Doch es stellte sich bald heraus, dass ein Wehrpflichtiger am Wochenende nichts zu tun gehabt und daher seine Karateübungen im Dachgeschoss des Nebengebäudes absolviert hatte. Weil er nichts Besseres zur Hand hatte, deckte er einfach das Dach ab und übte Karate mit dem Durchschlagen der Dachziegel.
Lustig ging es bei den Geländeübungen zu. Wir verbrachten während des Geländedienstes viel Zeit im Wald. Gut getarnt konnten wir nicht von den übrigen Gruppen der Kompanie gesehen werden. Während die Kameraden im Gelände durch den Schlamm robbten, unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Auf dem Rückmarsch liefen wir noch durch den Niederauerbach, damit unser Müßiggang nicht auffiel. Durchnässt, mit einem fröhlichen Barraslied auf den Lippen, liefen wir dann durch das Kasernentor.
Der erste Zug der Kompanie hatte einen etwas weniger gemütlichen Zugführer. Der ließ seine Soldaten immer durch den Matsch robben. Sie kamen jedes Mal verdreckt in der Kaserne an. Einmal ließ er sich von seinen Soldaten einen Thron bauen. Danach bot sich uns ein seltsames Schauspiel. Er wurde von seinen Soldaten auf diesem Thron durch das Gelände getragen. Neben ihm liefen Rekruten und fächelten ihm an diesem heißen Sommertag kühle Luft mit Buchenwedeln zu.
