OTTMAR zum Nach-Denken - O. L. Mergel - E-Book

OTTMAR zum Nach-Denken E-Book

O. L. Mergel

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Beschreibung

Als meine Mutter starb, hinterließ sie mir ein Päckchen mit Feldpostbriefen und Fotos ihres Bruders Ottmar. Ich habe ihn nie kennengelernt. Über die Zeit in der er lebte, die Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges, wurde bei uns zu Hause, in Nürnberg, nie gesprochen. Nachgefragt habe ich leider nicht. Ottmars Feldpostbriefe an seine Schwester Anneliese, die dazugehörigen Fotos, der hinzugefügte geschichtliche Rahmen und die Fragen, die sich dabei aufdrängen, lassen uns eintauchen in einen Menschen, sein Umfeld und seine Zeit. Wir versuchen ihn zu verstehen, in seinem Denken und Handeln – unter den gegebenen Rahmenbedingungen. Ein Buch zum Nachdenken über die Muster menschlichen Verhaltens, die im Grunde zeitlos sind. Ein Buch, das sensibilisieren und motivieren will – zu einem bewussten und verantwortungsvollen Leben in unserer Zeit.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2018

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OTTMAR zum Nach-Denken

O. L. Mergel

© Copyright 2018 (Text/Bilder/Cover)

Ottmar Leonhard Mergel

Verlag

O. L. Mergel

Hausäckerstr. 6
D-72184 Eutingen

Gewidmet:

Mathias, Laura und Krishan

Prolog

Meine Eltern haben mit mir nie darüber gesprochen – über den Krieg. Ich meine den 2. Weltkrieg und alles was damit zusammen hängt. Warum eigentlich nicht? Dieser Krieg war zweifellos ein wesentlicher Bestandteil ihrer Jugend und prägend für ihr ganzes Leben. Hatten sie nicht das Bedürfnis darüber zu reden, sich mitzuteilen? Noch dazu, wo unsere Heimatstadt Nürnberg so eng mit dem ganzen Geschehen verknüpft ist: die Reichsparteitage, die Zerstörung der Stadt, die Nürnberger Prozesse.

Ich hatte Glück. Ich bin ein Nachkriegskind, geboren 1949, aufgewachsen in der Zeit des Wirtschaftswunders. Als Kind habe ich mir natürlich keine Gedanken darüber gemacht, dass bei uns zuhause kein Wort über den Krieg verloren wurde. Es war einfach so. Auf dem Gymnasium endete der Unterricht im Fach Geschichte spätestens im Mittelalter. Die „Neuzeit“ wurde komplett ausgeblendet. Offensichtlich sprachen auch die Lehrer nicht gerne über die beiden Weltkriege. Oder war es erst gar nicht im Lehrplan vorgesehen? Wir – die Schüler – haben es nicht hinterfragt.

Endlich erwachsen, war ich mit mir selbst so sehr beschäftigt, dass für andere Dinge kaum noch Zeit blieb. Schon gar nicht für Vergangenheitsbewältigung und Gedenken aller Art. Wofür auch? Es war doch nicht „meine“ Vergangenheit. Die Zukunft ist doch viel wichtiger und das Leben im Hier und Jetzt. So dachte ich damals.

Und daran hat sich auch nicht viel geändert, als ich älter wurde. Mein Vater war inzwischen gestorben und meine Mutter lebte im Wohnstift am Tiergarten in Nürnberg. Dort habe ich sie immer wieder besucht und wir haben über vieles gesprochen – nur nicht über den Krieg. Sie schnitt das Thema nicht an und ich habe nicht danach gefragt. Warum eigentlich nicht? Vielleicht spürte ich, dass ihr das Thema unangenehm war. Hatte sie etwas verdrängt, was vielleicht sogar mit ihrer zunehmenden Depression in Zusammenhang stand? Hätte ich ihr helfen können, wenn ich mit ihr darüber gesprochen hätte? Meine Mutter ist immerhin 89 Jahre alt geworden. Lange genug Zeit hätte ich gehabt. Hätte, hätte, hätte … Ich weiß nur, dass ich es nicht getan habe und dafür könnte ich mich ohrfeigen. Aber das hilft jetzt auch nichts mehr.

2010 ist meine Mutter gestorben und sie hinterließ mir nicht nur ihr Erspartes, sondern auch noch ein kleines Päckchen. Also ich es öffnete, fand ich darin, liebevoll mit einem rosa Bändchen verschnürt, die Briefe und Karten, die sie von ihrem Stiefbruder Ottmar aus dem Felde erhielt. Feldpost nennt man es. Dabei lagen auch noch etliche Fotos, die auf der Rückseite fein säuberlich mit Namen und Datum versehen waren. Ich hielt diesen „Nachlass“ in Händen und wollte mich sofort damit beschäftigen. Doch ich bekam Angst. Würde mich das Lesen dieser Briefe, so kurz nach dem Tod meiner Mutter, nicht zu sehr aufwühlen? Ich habe das Päckchen zur Seite gelegt und danach vergessen – zumindest vorläufig.

Es hat sieben Jahre gedauert, bis ich mich wieder daran erinnert habe – oder besser gesagt, daran erinnern wollte.

Als ich die Briefe gelesen hatte, war ich tief berührt. Sie waren einerseits so herzlich und menschlich und andererseits gespickt mit Äußerungen, die bei mir eine Reihe von drängenden Fragen hervorriefen. Von den Beteiligten ist niemand mehr da, der sie beantworten könnte. Ich werde sie trotzdem stellen, einfach in den Raum. Denn ich bin sicher, dass jede Frage schon ein Stück Antwort ist, ein Stück Bewusstwerdung über das, was hier geschehen ist.

Ottmar und Anneliese, die sich während des Krieges unermüdlich schreiben, waren Kinder ihrer Zeit, einer Zeit, die mir bisher fremd und in vielerlei Hinsicht unvorstellbar war.

Ottmars Feldpostbriefe an seine Schwester Anneliese, die überlieferten Fotografien, eingebettet in das historische Geschehen und begleitet von den Fragen, die sich daraus ergeben, lassen uns eintauchen in „ihr“ Leben in „ihrer“ Zeit.

Kommen Sie mit, lieber Leser, auf diese Entdeckungsreise des Verstehens. Vielleicht finden wir dabei gemeinsam noch die ein oder andere Erkenntnis für uns – in unserer Zeit.

Wir werden sehen …

Danksagung

Bei den vielen Fragen, die sich bei der Erstellung dieses Buches ergaben, war mir meine Frau, Gerde-Marie Ziskoven, ein wertvoller, hilfreicher und geduldiger Gesprächspartner. Dafür danke ich ihr.

Die Vorgeschichte (1918 – 1932)

Ottmar Müller wurde am 4. Dezember 1918 in Nürnberg geboren. In gewissem Sinne war auch er ein Nachkriegskind, denn der 1. Weltkrieg (1914 – 1918), war am 11. November gerade beendet.

Seine Mutter, Anna Maria Müller (geborene Kormann), starb 12 Tage nachdem er das Licht der Welt erblickt hatte, im Alter von 25 Jahren, an den Folgen nicht näher bekannter Komplikationen bei der Geburt. Es war ihr erstes Kind. Wie wir an späteren Fotos von Ottmar noch sehen werden, hat sie ihre Gesichtszüge unübersehbar an ihn vererbt.

Ottmars Vater, Leonhard Müller, war zu dieser Zeit 27 Jahre alt. Im 1. Weltkrieg kam er als Gefreiter im Königlich Bayerischen 21. Infanterie-Regiment an der Westfront in Frankreich zum Einsatz. Eine Verwundung brachte ihn ins Lazarett und danach vorzeitig wieder nach Hause. Er wurde Beamter beim Versorgungsamt Nürnberg. Da er auf diese Stelle angewiesen war, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, konnte er sich nicht persönlich um das neugeborene Kind kümmern.

So wuchs Ottmar bei seiner Oma mütterlicherseits auf. Dort erfuhr er liebevolle Zuwendung und gute Ernährung – wie man auf dem Bild gut erkennen kann. Kein Wunder, denn „Oma“ hatte einen kleinen Gemischtwarenladen im Süden von Nürnberg, wo es immer etwas zu essen gab. Sie kümmerte sich gerne um den kleinen Ottmar, denn er half ihr über den Schmerz hinweg, den sie durch den Verlust ihrer Tochter erlitten hatte.

Als Ottmar 2 Jahre alt war, ging sein Vater eine zweite Ehe ein. Er heiratete die 23 Jahre alte Babette Rühl, die bei der Hochzeit im 3. Monat schwanger war. Ob die Beiden heiraten mussten, weil es damals als unschicklich galt, ein uneheliches Kind zu bekommen? Egal!

Das Heim des frischvermählten Paares befand sich jedenfalls in der Marthastraße 46 in Nürnberg, im zweiten Stock eines Wohnhauses im Stadtteil Mögeldorf (siehe Pfeil).

Ottmar wurde dort nicht aufgenommen. Er blieb weiterhin im Haushalt seiner Oma. Vielleicht hatte sie darum gebeten oder es vorgeschlagen. Vielleicht wollte sich aber auch die frischvermählte Babette, mit Rufnamen Betty, voll auf ihr eigenes Kind konzentrieren und nicht parallel dazu ein anderes großziehen. Ich weiß es nicht.

Jedenfalls kam am 20. April 1921 Ottmars Stiefschwester zur Welt – Anneliese Müller.

Beide entwickelten sich in der Folgezeit prächtig, was diese beiden Kinderbilder deutlich zeigen …

Ihr Großvater väterlicherseits war Schneider in Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz, was eine Erklärung für ihre hübsche Kleidung ist.

Auch wenn man nicht zusammen wohnte, so besuchte man sich doch regelmäßig und machte gemeinsame Ausflüge, wie hier nach Wachendorf, einem Ortsteil der Gemeinde Cadolzburg im Landkreis Fürth.

Mit der Zeit entwickelte sich zwischen Ottmar und Anneliese eine herzliche Freundschaft. Sie war „seine“ Schwester und er „ihr“ Bruder. Den Zusatz „Stief-„ hatte man abgeworfen.

Ottmars Verhältnis zu seinem Vater und insbesondere zu seiner Stiefmutter war in jener Zeit etwas angespannt. Vermutlich fühlte er sich abgewiesen, nicht angenommen.

Über seine Schulzeit ist mir nichts bekannt. Auch nicht, ob und wann er zu seiner Familie in der Marthastraße hinzugestoßen ist.

Wenn ich dies alles nicht weiß, so ist dies wirklich eine Schande. Wie unachtsam und mit wie wenig Interesse für seine Nächsten läuft man häufig durch sein Leben …

Die Zeit von 1933 - 1938

1933 ist ein ganz besonderes Jahr in unserer Geschichte.

Ottmar, inzwischen 14 Jahre alt, hatte Konfirmation. Das ist nichts außergewöhnliches, wenn man evangelisch getauft ist. 

Auch dass sein Opa, der Schneider aus Sulzbach-Rosenberg, im März dieses Jahres verstarb, sei als Ergänzung des Gesamtgeschehens nur kurz erwähnt.

Was das Jahr 1933 allerdings in die Geschichtsbücher eingehen lässt, ist die Machtergreifung Adolf Hitlers. Die Zeit der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP) und des Nationalsozialismus war gekommen. Und Nürnberg spielte dabei eine ganz besondere Rolle. Denn hier fanden von 1933 bis1939 die alljährlichen Reichsparteitage der NSDAP statt. Mit der Luitpoldarena entstand der damals größte Aufmarschplatz der Welt für insgesamt 150.000 Teilnehmer. Die Jugend Deutschlands wurde umworben, in die Hitlerjugend (HJ) einzutreten und für die Mädchen gab es den Bund Deutscher Mädel (BDM).

Nun stellt sich natürlich die Frage, inwieweit sich „Familie Müller“ von dieser neuen Welle hat mitreißen lassen.

Betrachten wir zunächst den Vater von Ottmar und Anneliese. Er war Beamter und inzwischen aufgestiegen zum Verwaltungsinspektor.

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933 besagte u.a., dass ein Beamter, der nicht die „Gewähr sich jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat einzusetzen“ bot, entlassen werden konnte – bei Fortzahlung der Bezüge für nur 3 Monate. Entlassene Beamten wurden anschließend einem Dienststrafverfahren unterworfen. Jeder Beamte musste also ab April 1933, wollte er nicht die Existenz seiner Familie riskieren, ein „dienstlich einwandfreies Verhältnis“ zum „Nationalen Staat“, sprich zur NSDAP, haben. Eine gänzliche Distanzierung von der „Bewegung“ – selbst die passive – wurde mit wenigen Ausnahmen nicht geduldet. Unter solchen Voraussetzungen war es kein Wunder, dass allein im April und Mai 1933 Millionen Anträge zur Aufnahme in die NSDAP gestellt wurden. (1)

[Hinweis: Die Fußnoten (1) verlinken direkt zu den entsprechenden Quellen im Internet. Im Kapitel "Quellenangabe" sind die Fußnoten namentlich aufgeführt]

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist also auch der Vater von Ottmar der NSDAP beigetreten. Ob er dies aus Überzeugung oder eher widerwillig getan hat, ist mir nicht bekannt. Es macht im Ergebnis auch keinen Unterschied. Hatte er überhaupt eine Wahl – bei den bekannten Konsequenzen? Wie hätte ich mich verhalten? Genau so!?

Um ihre Eignung für den nationalsozialistischen Staatsdienst nachzuweisen, mussten die Beamten nach dem neuen Gesetz von 1933 außerdem einen ausführlichen Ariernachweis erbringen. Man musste also für sich und seinen Ehepartner belegen, dass man nicht von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammt. Das Zusammentragen dieser Unterlagen muss viel Arbeit gewesen sein. Die Mappe von Ottmars Vater existiert noch, mit Geburts-, Todes- und Heiratsurkunden über drei Generationen in zwei Linien, insgesamt 42 Dokumente.

Welche Gedanken hat er sich wohl gemacht, als er diesen Ariernachweis erstellte? Sprach er mit seiner Familie darüber? Mit der Frau sicher – auch mit den Kindern? War allen klar, welche Stigmatisierung und Diskriminierung dies für jene bedeutete, die diese „Prüfung“ nicht bestanden? 

Der Reichsparteitag 1933 fand vom 30. August bis 3. September statt und stand unter dem Titel „Reichsparteitag des Sieges“, was Bezug nimmt auf die Machtübernahme Hitlers und den Sieg über die Weimarer Republik.

Diese Reichsparteitage müssen stets ein riesiges Spektakel gewesen sein, mit einer religionsähnlich anmutenden Ausrichtung auf Adolf Hitler, mit zahlreichen Aufmärschen und Paraden aller Organisationen des NS-Staates (Wehrmacht, Sturmabteilung [SA], Schutzstaffel [SS], Hitler-Jugend, Reichsarbeitsdienst, Bund Deutscher Mädel etc.) und mit der Verkündung von wichtigen Eckpunkten der nationalsozialistischen Ideologie. So wurden während des Reichsparteitages 1935 die Nürnberger Rassengesetze „zum Schutz des deutschen Blutes“ verkündet, die die antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten auf eine juristische Grundlage stellten. (2)

War „Familie Müller“ dabei – auf diesen Reichsparteitagen? Haben Sie die Paraden bestaunt, den Reden Hitlers live zugehört, ihn bejubelt und ihre Fähnchen voller Begeisterung geschwenkt? Immerhin fand das ganze Geschehen ja quasi „vor ihrer Haustür“ statt. Da liegt es doch nahe, dass man mit dabei sein will. Ich weiß nicht, ob dem so war.

Mit großer Wahrscheinlichkeit war Ottmar in der Hitler-Jugend, wie viele seiner Generation. Mit 14 Jahren konnte man dort Mitglied werden und dieses Alter hatte Ottmar 1933 ja bereits erreicht. Vielleicht ist er sogar selbst bei der Parade auf dem Reichsparteitage mit marschiert. Das ist durchaus möglich.

Auf den Versammlungen, Fahrten und Zeltlagern der HJ sollte die Jugendlichen frühzeitig auf die ihnen zugedachte Rolle als nationale Rassenelite vorbereiten werden. Sie wurden angehalten, alles Schwache zu verachten und „auszumerzen“. Letztendlich wurden sie so auf eine vielseitige Einsetzbarkeit für einen künftigen Krieg vorbereitet. (3)

Anneliese wurde 1935 14 Jahre alt und ist dann wohl Mitglied im „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) geworden. Vielleicht war sie vorher schon beim „Jungmädelbund“ (JM), der den Mädchen ab 10 Jahren offen stand.