Pachamama - Hannah Hülsmann - E-Book

Pachamama E-Book

Hannah Hülsmann

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Beschreibung

Mit 19 Jahren alleine als Freiwilligenarbeiterin in die peruanischen Anden? Klingt verrückt, naiv, übermütig? Seit ihrer Kindheit spürte Hannah eine intensive Verbindung zum südamerikanischen Land Peru. Obwohl oder gerade weil diese besondere Bindung rational nicht erklärbar ist, packte Hannah nach dem Abitur ihren Koffer und flog alleine nach Cusco, um sich in einem Projekt zur Förderung sozial benachteiligter Kinder in einem Armenviertel zu engagieren und in einer Gastfamilie zu leben. Sie ließ ihre Heimat und ihr wohlbehütetes Umfeld hinter sich und fand ein zweites Zuhause auf der anderen Seite der Welt. Eine Reise, die ihr Leben um 180° drehte und sie erkennen ließ, dass die Welt ihre beste Lehrerin ist.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

»Wenn wir die Welt und ihre Zusammenhänge besser verstehen, sind wir in der Lage nicht nur andere Menschen, sondern ebenso uns selbst besser zu verstehen. Davon bin ich überzeugt.«

Mit 19 Jahren alleine als Freiwilligenarbeiterin hoch in die peruanischen Anden? Ein mutiger Schritt in die Welt, der jedoch bereits einige Zeit vorbestimmt schien.

Kaum erwachsen reiste Hannah nach Cusco und stürzte sich in ein waghalsiges Abenteuer. Sie engagierte sich für hilfsbedürftige Kinder, erlebte, was Armut wirklich bedeutet, entdeckte sagenhafte Ecken dieses wundervollen Landes, lernte ihre Liebe kennen, erkannte, wie schicksalsreich das Leben sein kann und realisierte, dass die weite Welt die beste Lehrerin ist.

Über die Autorin

Hannah Hülsmann wurde 1995 in einer Kleinstadt in Hessen geboren. Schon im frühen Kindesalter entwickelte sie eine besondere Bindung zu fremden Sprachen und Ländern sowie zum Sport. Diese zwei Pfeiler stützen ihr Leben, weshalb sie International Sports Management in Bad Homburg studierte. Nachdem sie drei Jahre im Sportsektor in Vollzeit arbeitete und mindestens zweimal im Jahr für zwei Wochen verreiste, merkte sie, dass sie das Reisen und das Schreiben viel stärker erfüllen als der harte, freiheitsraubende Berufsalltag im Sportbusiness. Ende 2019 gründete sie gemeinsam mit ihrem Freund Henrik den Reiseblog Generation World, auf welchem sie Reiseberichte sowie tiefgründige Auseinandersetzungen mit der eigenen Persönlichkeit und der Gesellschaft veröffentlicht. Mit dem Schreiben hat sie eine Leidenschaft gefunden, mit der sie sich mittlerweile eine Selbstständigkeit aufgebaut hat.

Website:

www.generation-world.de

Instagram:

@generation_world_

Facebook:

@generationworld

Hannah Hülsmann

Pachamama

Reise ins Unbekannte

1. Auflage

Copyright © 2021 Hannah Hülsmann

Covergestaltung und Fotos: Hannah Hülsmann

Lektorat/Korrektorat: Sina BlankeWeitere Mitwirkende: Henrik RöttgersVerlag: Hannah Hülsmann

Eichendorffstr. 52, 50389 Wesseling

[email protected]

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Die Verwendung und Vervielfältigung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne die Zustimmung der Autorin urheberrechtswidrig und strafbar.

Für Mama und Henrik,

meine beiden Anker

Inhalt

Über das Buch

Über die Autorin

Vorbemerkung

Prolog

TEIL I: Meine Zeit vor Peru

KAPITEL 1: Das unsichtbare Band

KAPITEL 2: Wegweiser ins Unbekannte

KAPITEL 3: Kick your ass, girl!

KAPITEL 4: Freier Wille

KAPITEL 5: Alles und Nichts

Teil II: Meine Zeit in Peru

KAPITEL 6: ¡Bienvenidos a la fiesta!

KAPITEL 7: Das Hier und Jetzt

KAPITEL 8: Die Zauberkiste

KAPITEL 9: Eine andere Welt

KAPITEL 10: Entdecken, Leben, Alltag

KAPITEL 11: Pachamama

KAPITEL 12: Nebel und Licht

KAPITEL 13: Der Sonne ganz nah

KAPITEL 14: ¡Adiós amigos!

KAPITEL 15: Flash

Teil III: Meine Zeit nach Peru

KAPITEL 16: Die Welt – meine Lehrerin

KAPITEL 17: Der Sinn des Lebenslaufs

KAPITEL 18: Menschen

KAPITEL 19: Der Traumfänger

KAPITEL 20: Das sichtbare Band

Epilog

Die Reise in Bildern

Danke!

Spenden

Feedback

Vorbemerkung

Dies hier ist mein erstes Buch. Die Idee dazu entstand spontan, als ich auf dem Fahrrad während meines Weges zur Arbeit mal wieder anfing zu träumen und mit meinen Gedanken abzudriften. In meinem Kopf spielten sich erneut bereits erlebte Szenen ab, die so lebendig waren, dass die Fahrt komplett an mir vorbeilief. Szenen, die zu diesem Zeitpunkt bereits über fünf Jahre vergangen waren. Wie ein Geistesblitz offenbarte sich der Wunsch, dieses Buch zu schreiben. Fortan ließ er mich nicht mehr los und trotzdem beschwichtigte mein Verstand die Euphorie mit einem leise flüsternden »Irgendwann«.

Dieses »Irgendwann« wurde zu einem »Jetzt« – viel schneller als gedacht, zu einem ungeahnten Zeitpunkt, der wie ein Meteorit in unser Leben krachte: Corona. In meinem Job, der mich immer stärker frustrierte, wurde ich in Kurzarbeit geschickt. Für die meisten ein negativ behafteter Begriff, doch ich witterte die Chance. Meine Chance. Plötzlich spürte ich eine unbändige Aufbruchsstimmung in mir und den tiefen Drang, meine Träume wieder zum Leben zu erwecken. Plötzlich spürte ich wahre Dankbarkeit für das, was ich erlebt und erreicht habe. Besonders für meine Zeit in Peru. Durch Corona lernte ich vom einen auf den anderen Moment den Wert von Freiheit kennen und schätzen. Wir alle lernten, wie selbstverständliche Werte, Dinge oder Menschen mit einem Wimpernschlag aus unserem Leben gerissen werden können. Unsere Freiheit wurde uns zwar genommen, doch in meiner Aufbruchsstimmung versuchte ich die verlorene Freiheit umzuwandeln in meine Freiheit zur persönlichen Entfaltung. Auf einmal war sie da: Die Freiheit, dieses Buch zu schreiben.

Ich löste erstmals seit Jahren wieder das ausgeleierte Band meines damaligen Tagebuches. Viel zu lange lag es versteckt in der Schublade. Konserviert wie ein Heiligtum. Alleine der Anblick ließ mein Herz kurz stillstehen. Die Haptik, der Geruch, meine Schrift und die Worte, die sie damals formte, ließen die Erinnerungen an Peru wieder quicklebendig werden. Die Erinnerungen waren immer präsent. Mal brachen sie aus, mal schlummerten sie.

Ich hielt kurz inne und realisierte den Unterschied zwischen Erlebnissen und Erinnerungen. Was mich die letzten Jahre bis heute mit Peru und meiner Zeit dort verbindet, sind Erinnerungen. Ein Wiedererleben der Ereignisse aus anderer Perspektive, ein Blick aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit. Erinnerungen sind wandelbar. Im Unterbewusstsein vergessen wir Geschehnisse, erinnern uns erneut durch alltägliche Zufälle. Die Strahlkraft dieser Erinnerungen wird mal intensiver, mal blasser. Und manchmal verstehen wir heute eine Situation aus der Vergangenheit ganz anders, als wir sie in der einstigen Gegenwart verstanden. Wie habe ich all diese Erinnerungen wohl damals in der Realität verlebt? Einzig und allein mein Tagebuch weiß, wie ich all das damals tatsächlich empfand, ohne Filter. Es ist die Tür zum Erlebten, die Reise von der Gegenwart zur Vergangenheit.

Auf diese Reise möchte ich dich mitnehmen! Wenn du dieses Buch in den Händen hältst und diese Zeilen liest, fühle dich bereits jetzt gedrückt. Es bedeutet mir viel, dass du mir und meiner Geschichte ein Stück deiner Lebenszeit und deiner Aufmerksamkeit schenkst. Mein größter Wunsch ist es, dass dich dieses Buch inspiriert, dich ermutigt, dich kritisch über dich und die Welt nachdenken lässt und es für dich einen ganz persönlichen Mehrwert bringt. Für mich ist das Schreiben dieser Zeilen eine Herzensangelegenheit, die aus tiefer Intuition entstanden ist. Vielleicht bin ich an der ein oder anderen Stelle zu emotional oder zu detailverliebt. Aber kein Mensch ist perfekt, kein Buch ist perfekt, keine Reise ist perfekt.

Mit meinen kleinen Helferlein, meinem Tagebuch, meinen Bildern und dem Erinnerungsvermögen von mir und meinen Reisegefährten, habe ich versucht, das Erzählte bestmöglich und wahrheitsgetreu zu rekapitulieren. Denn bis zu diesem plötzlichen Gedankenblitz hatte ich nie das Ziel verfolgt, darüber ein Buch zu schreiben. Es gab zu keinem Zeitpunkt ein Drehbuch – und dafür bin ich auch sehr dankbar! Meine Intention bestand also während der Reise nicht darin, die spannendste Story schreiben zu können, das tollste Foto zu schießen oder Einnahmen aus Bücherverkäufen zu generieren. Ich habe gelebt, das Schicksal auf mich zukommen lassen, konnte (hoffentlich) ein paar Menschen helfen und letztendlich auch mir.

Meine Erzählungen enthalten Episoden aus meiner Arbeit als Volunteer, aus dem Leben und meinen Reisen in Peru sowie gedanklichen Auseinandersetzungen mit mir als Mensch und meiner Umwelt. Sämtliche Schauplätze entsprechen der Realität. Mit Rücksicht auf die im Projekt involvierten Kinder, Volunteer-Kollegen und anderen Beteiligten, habe ich jedoch manche Namen verändert.

Volunteering ist ein Trendthema, welches zugleich polarisiert. Meine Absicht ist es nicht, Konsequenzen und Begleitumstände, die dieses Konzept mit sich bringen, zu verherrlichen. Gleichzeitig liegt es mir jedoch am Herzen, vereinzelte meiner dargestellten Empfindungen nicht aufgrund von Auslegungen gesellschaftlicher Wertvorstellungen künstlich zu verändern, nur um möglichst dem Ideal zu entsprechen oder Kritik zu vermeiden. Demnach weise ich darauf hin, dass die Erzählungen einzig und alleine auf meinen persönlichen Erfahrungen beruhen. Meine Empfindungen sind absolut offen und ehrlich dargelegt (im Positiven wie im Negativen) und ich bin mir darüber bewusst, dass für manch einen gewisse Situationen vielleicht verwerflich erscheinen mögen. Ich hoffe aber auch, dass dieses Buch als Inspiration und als Mutmacher dienen kann, sich sozial zu engagieren und aufzubrechen. Gerade in globalen Krisen wie der Corona-Pandemie rücken Werte wie menschlicher Zusammenhalt, Solidarität und Hilfsbereitschaft wieder in den Vordergrund. Vielleicht werden diese Säulen für unsere Welt so wichtig sein wie nie zuvor.

Prolog

Jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr! Ich sitze im luxuriösesten Flugzeug, das ich je in meinem Leben betreten habe. Einem Airbus 380. Lufthansa. Wow! Zum ersten Mal sitze ich alleine im Flieger. Zum ersten Mal bin ich so lange von Zuhause weg. Zum ersten Mal liegt eine Fernreise vor mir. Gerade einmal dreieinhalb Stunden sind vergangen, doch es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, dass ich mich von meiner Mama am Gate verabschiedet habe und meinen Tränenfluss nicht mehr unterdrücken konnte. Jetzt gibt es keinen Weg zurück mehr! Zumindest für die nächsten fünf Wochen. Die vergehen doch wie im Flug – im wahrsten Sinne des Wortes! Aber mein Gefühl sagt mir, dass dieser Flug ein sehr langer sein wird. Ein turbulenter Flug. Ein Flug in neue Sphären. Ein Flug, der mein Leben verändern und mein Weltbild auf den Kopf stellen wird. Ein Flug, den ich jahrelang in meinen Träumen durchlebt habe und doch wird vieles ganz anders kommen, als ich es mir in meiner so realistisch erscheinenden Fantasie ausgemalt habe.

Im selben Moment durchbricht ein ganz anderer Gedanke meinen Wachtraum: Fuck, geht’s mir beschissen! Mein Fieber und meine Ohrenschmerzen machen mich fertig. Wieso denn ausgerechnet jetzt? Jahrelang nicht krank und im Moment meines Lebens spielt mir mein Immunsystem einen Streich, den ich überhaupt nicht lustig finde. Ich habe mir fest vorgenommen, das Positive zu suchen: Für das Nächste, was auch immer kommen mag, bist du stärker! Ich fühle mich dem Überlebenskampf nahe – auch mental. Ich nehme den Kampf, meinen gerade tobenden Überlebenskampf, an. Mit purem Ehrgeiz und unbändiger Freude, meinen Traum in Erfüllung zu bringen.

Dies bringt mich dazu, den in meiner Reihe sitzenden amerikanischen Opi im Hawaii-Look anzusprechen, der gerade das Bordprogramm nutzt und einer Dokumentation über das 50-jährige Jubiläum der Fußball-Bundesliga lauscht.

»Hannah, du musst offen sein und auf Menschen zugehen!«, rät mir mein Unterbewusstsein.

Irgendwie muss ich schmunzeln. Der ältere Herr erinnert mich an meinen früheren Volleyballtrainer. Graues Haar durch Weisheit glänzend. Ein friedliches Lächeln, welches eine Aura von Ruhe, Besonnenheit und Erfahrung ausstrahlt. Und da ist sie, die erste Begegnung mit einem fremden Menschen. Joe strahlt über beide Ohren, als er mir erzählt, dass er die Freiheit seiner Rente nutzt und momentan in Costa Rica lebt. Als ich ihm erzähle, dass mein Ziel Peru heißt, freut er sich wie ein Kind.

»Vor vielen Jahren, in den 80ern, habe ich auch für ein Jahr in Peru gelebt. Eine tolle Zeit.«

Was ein Zufall! Sofort entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen Joe und mir. Ich fühle Verbundenheit, sehe in seinen Augen mich selbst in vielen, vielen Jahren und träume davon, auch einmal diese Ruhe und Zufriedenheit auszustrahlen ohne all die Ängste, die mich gerade umtreiben. Ich fühle auch eine Art Erleichterung. Ich blicke tief in seine Augen. Seine Worte über sein Leben und über seine Zeit in Peru fesseln mich und doch lösen sie zeitgleich mit jedem weiteren Wort die Fesseln meiner eigenen Gedanken. Für den Moment geht es mir besser.

Für ihn geht es, im Gegensatz zu mir, zurück vom Abenteuer. Gerade hat er Europa erkundet. Umgekehrte Welt …

TEIL I: Meine Zeit vor Peru

KAPITEL 1: Das unsichtbare Band

»Warum eigentlich Peru, Hannah?«

So häufig ich diese Frage vor meiner Reise hörte, so häufig zerbrach ich mir selbst darüber den Kopf. Imaginär leitete ich diese Frage immer an mein Unterbewusstsein weiter und fragte mich selbst, wie und weshalb sich dieser Traum mit einer derartigen Kraft in meinem Leben verankert hatte. In den seltensten Fällen konnte ich die Frage wirklich rational beantworten und meinen Gegenüber mit einer verständlichen Antwort zufriedenstellen. Mich selbst irgendwie auch nicht …

Wieso wollte ich eigentlich ausgerechnet nach Peru, während es meine Freunde oder Mitschüler eher nach Australien oder in die USA zog? Ich habe weder Familie oder Bekannte, die in Peru leben, noch gibt es in meinem Stammbaum auch nur eine klitzekleine peruanische Wurzel. Was meine biologische Herkunft angeht, bin ich durch und durch Deutsche.

Und just in dem Moment, wenn ich meine Gedanken mal wieder ruhen ließ, schlug sie wieder blitzartig in mein Bewusstsein ein, diese Frage. Diese Frage, die irgendwer in einer Alltagssituation stellte. In der Schule, auf einer Familienfeier oder am Telefon. Doch ich schaffte es noch nicht, eine Antwort aus meinem Unterbewusstsein herauszukitzeln. Es ratterte und ratterte in meinem Hirn …

Na ja, in Peru ist der Machu Picchu. Der was? Obwohl das Land an der Pazifikküste Südamerikas in der Tourismusbranche im letzten Jahrzehnt immer stärker an Bedeutung gewonnen hat, konnten im Jahre 2014 nur Insider etwas mit dem Ort Machu Picchu assoziieren. Okay, das mag vielleicht etwas überspitzt klingen. Aber ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einer Gegend, in der so manch einer eine Fahrt in ein anderes Bundesland als große Reise ansieht. Aus dieser Perspektive betrachtet, fühlte ich mich in meiner Heimat irgendwie fehl am Platz. Die Beschränktheit engte mich ein, obwohl ich nicht wissen konnte, was die große Welt für mich bereithielt. Aber sie zog mich an.

Die seltene Ausnahme, in der Umgebung meines Dorfes eine Gleichgesinnte oder einen Gleichgesinnten zu treffen, fühlte sich direkt wie eine Seelenverwandtschaft an. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es tatsächlich so viele Verrückte wie mich da draußen in der weiten Welt gab.

Die Welt, die verschiedenen Sprachen, die Kulturen faszinierten mich schon immer. Noch heute hat eine dieser typischen Kindheitsgeschichten, die Eltern immer wieder aufs Neue aus der Schatztruhe herauszaubern, damit zu tun. Wer kennt das nicht?

Die kleine Hannah hatte gerne ihre eigenen Sprachen erfunden. Manchmal zur Belustigung, manchmal zur Verzweiflung ihrer Eltern. Fantasiesprachen, entstanden aus aufgeschnappten Klängen und meiner eigenen Kreativität, waren dann à la »Sendung mit der Maus« als Türkisch, Russisch oder Spanisch deklariert worden. An letzterer bin ich hängen geblieben. Aus einer Fantasiesprache wurde in der Jugend allmählich eine reale Sprache, die auch andere Menschen außer mir verstanden. Die spanische Sprache hatte mich dermaßen gefangengenommen und motiviert, dass ich nach der 10. Klasse auf eine Schule wechselte, in der ich die Chance bekam, Spanisch als Leistungskurs für mein Abitur zu wählen. Den längeren Schulweg nahm ich in Kauf.

Spanisch war weitaus mehr als nur ein Schulfach für mich. Diese so wundervoll klingende Sprache war ein Türöffner und zugleich eine Sucht, eine Passion und einfach Spaß. Ich liebe diese Sprache!

Die Frage nach der Kausalität bleibt jedoch offen. Was war zuerst da? Die Leidenschaft für Peru oder für die Sprache, die dort gesprochen wird?

All das waren und sind für mich Erklärungsansätze, die mit Sicherheit ihren Teil zu meinem Traum beitrugen. So richtig kribbelte es bei diesen Gedanken allerdings nicht. Natürlich wollte ich unbedingt nach Machu Picchu, dieses Weltwunder mit meinen eigenen Augen sehen. Machu Picchu besitzt für mich schlichtweg Symbolcharakter. Es fühlte sich dennoch nicht richtig an, diese Frage damit hinreichend zu beantworten. Weder für mich noch für irgendwen anders. Die Vollkommenheit fehlte. Da musste noch mehr sein …

Der Panflötenspieler in der Innenstadt, der mit Hingabe die Klänge der Anden durch die hektische deutsche Großstadt schallen ließ und ein Stück dieser Magie in Form von CDs in die deutschen Haushalte zu bringen versuchte. Spanischsprachige Musik oder Konversationen, denen ich gebannt zuhörte, ein peruanischer Fußballspieler bei meinem Lieblingsverein, Dokumentationen im Fernsehen. Reize dieser Art ließen mein Herz höherschlagen. Diese Reize legten sich stets über meine Haut und verursachten eine wohltuende Wärme, ein Gefühl, wie wenn sich Sonnenstrahlen durch dicke Wolken kämpfen und endlich den Weg zu deinem fröstelnden Körper finden. Sie brannten sich in mein Gehirn ein und wollten nie mehr verschwinden. Diese Reize woben sich zusammen zu einem unsichtbaren Band zwischen mir und Peru. Einem Land, das auf der anderen Seite der Erde liegt und so weit weg von meinem Leben hier schien.

Das unsichtbare Band begann zu entstehen, als ich ungefähr zehn Jahre alt war und wurde im Laufe meiner Jugend stetig stabiler.

Als Au-Pair nach Australien oder in die USA? Das war mir irgendwie zu langweilig, zu mainstreamig. Innere Rebellion? Ja, vielleicht wollte ich anders sein als die anderen. Aber nur, um ein Stück mehr Besonderheit in mir zu tragen, ans andere Ende der Welt reisen? Nein, das war und bin ich nicht.

In meinem Vorstellungsvermögen als Kind bildete dieses Reizkonglomerat eine irreale Filmwelt. Nicht greifbar, nicht erlebbar. Doch der Realitätssinn erwachte allmählich, von Jahr zu Jahr. Das alles gibt es wirklich. Ich kann da wirklich hin! Ich will da wirklich hin!

Mein unzähmbarer Überschwang führte dazu, dass ich jedem davon erzählte. Gefühle und Gedanken für mich behalten, konnte ich noch nie gut. Die ganze Welt soll daran teilhaben. Sogar meinen peruanischen Lieblingsfußballer, ein richtiger Star zu dieser Zeit, ließ ich nach einem öffentlichen Training davon wissen. Das kostete Überwindung – mein Gott, war ich aufgeregt! Heute muss ich über diese Situation schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich mit 13 Jahren vor ihm stand, stolz wie Bolle, dass er sich über mein Vorhaben, in sein Heimatland zu reisen, so freute.

Nichts und niemand konnte dieses unsichtbare Band durchtrennen. Dieses Band, ein Seil, war wie ein Anker in peruanischer Erde verwurzelt und ich hielt das andere Ende ganz fest in meiner Hand. Ich musste nur weiterhin beständig bleiben, es mit all meiner Kraft und meinem Ehrgeiz festhalten und mich mit Hilfe dieses Seils zu seinem Ursprung kämpfen. Kämpfen konnte ich gut, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Mit dem Bild des unsichtbaren Bandes als Antwort gab ich mich vor meiner Reise zufrieden, war sie doch für mich absolut verständlich und nachvollziehbar. Ob es das für Familie, Bekannte und Freunde auch war, weiß ich nicht. Die Menschen, die mir nahestehen, unterstützten mich dennoch mit großer Hingabe. Allen voran meine Mama. Die Liebe und der Wille, dass die eigene Tochter ihren Traum lebt, war vermutlich stärker als das logische Verständnis dieses Weges. Mit dieser Antwort reiste ich letztendlich nach Peru, nicht wissend, dass diese aus tiefer Intuition entstandene Reise schicksalsträchtiger werden würde, als ich es jemals für möglich hielt …

KAPITEL 2: Wegweiser ins Unbekannte

Man sagt, viele Wege führen zum Ziel. Mein Ziel war klar. Mein Ziel hieß Peru. Ich stand an einer Kreuzung mit derart vielen Abbiegungen und Gabelungen, die mich in ihrer Fülle überforderten. Welchen Weg zum Ziel soll ich bloß nehmen? Déjà-vu! Hier war ich doch schon mal gewesen.

Mit 14 Jahren hatte ich zum ersten Mal an dieser Kreuzung gestanden. In meinem Jugendzimmer liefen damals moderne lateinamerikanische Klänge von Daddy Yankee, die dieses euphorische Kribbeln in mir auslösten und mich zum Tanzen brachten. Ich setzte mich an meinen ersten eigenen Laptop, den man heutzutage eher als »alten Kasten« oder »Knochen« bezeichnen würde, und durchforstete das Netz, um herauszufinden, wie ich den ertönenden Beats folgen könnte. Also, wie ich es mit meinen 14 Jahren nach Südamerika schaffen könnte. Die Möglichkeiten an dieser Kreuzung waren zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt. Nicht alle Wege schienen für mich geöffnet, weil es an formalen Voraussetzungen scheiterte. Ich war schließlich schulpflichtig und noch nicht volljährig. Ein einziger Weg schien offen gewesen zu sein: Ein Austausch-Programm.

»Das ist es!«, sagte ich zu mir und tanzte weiter zur Musik. Wie bereits erwähnt: Hatte ich mir etwas in den Kopf gesetzt, dann tat ich stets alles in meiner Macht Stehende, damit aus einem Traum Realität wird. Diese Eigenschaft habe ich bis heute behalten. Mit diesem Buch hier verhält es sich im Übrigen ganz ähnlich. Manchmal bin ich stolz auf diese Eigenschaft, manchmal verzweifle ich an ihr. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Eigenschaft einem Menschen den nötigen Mut und das nötige Selbstbewusstsein zum Erreichen seiner Ziele gibt. Mein Ehrgeiz und meine Leidenschaft rauben mir jedoch zuweilen den Verstand und die Rationalität. Diese eine bestimmte Vision befindet sich direkt vor meinen Augen und ich will sofort da sein, will nicht warten, will nicht nach links und rechts schauen. Geduld gehört in diesem Zusammenhang definitiv nicht zu meinen Stärken.

In meinem Gefühlsrausch hatte ich erst nicht bemerkt, dass mein anvisierter Weg mit dem Schild »Austausch-Programm« voller Gestrüpp und irgendwie auch ziemlich düster erschien. Ich sprach mit meiner Mama und meinem Klassenlehrer. Und stieß auf nichts als Skepsis. Für mich war diese Reaktion zu diesem Zeitpunkt vollkommen unverständlich gewesen. Wie könnt ihr mir nur so im Weg stehen? Wie könnt ihr nicht an mich glauben? Ein Austausch-Programm ist doch perfekt, oder nicht?

Letztendlich bin ich froh, dass ich damals mit 14 Jahren diesen Weg nicht gegangen war. Für eine andere Schülerin oder einen anderen Schüler in diesem Alter mag dieser Weg der richtige gewesen sein. Ein offener, heller Weg in Richtung Erwachsenwerden. Für mich war er jedoch düster und eng. Die Erkenntnis folgt häufig erst später. In meinem Fall nämlich, als ich vier Jahre später erneut an der Kreuzung gen Peru stand. Ich erkannte nun, dass ich mit 14 Jahren noch nicht bereit gewesen war, alleine meine Heimat hinter mir zu lassen und für eine lange Zeit Heimat in einem fremden Land zu finden. Viel zu stark war ich noch mit mir selbst beschäftigt gewesen, dem Finden meiner Identität und, noch wichtiger, meiner emotionalen Stabilität. Ich war psychisch labil gewesen, hatte immer mal wieder Phasen durchlebt, die eine normale Stimmungsschwankung in der Pubertät übertroffen hatten.

Ich war kein verwöhntes Einzelkind, habe von klein auf gelernt, dass man für seine Ziele arbeiten muss. Trotzdem fehlte es mir an nichts. Schon gar nicht fehlte es mir an Liebe und Zuneigung. Und doch fühlte es sich in diesen angesprochenen Phasen alles nach nichts an. Ich war oftmals hin- und hergerissen zwischen Depression und Übermut. Dazu kam die Trennung meiner Eltern und eine über Jahre anhaltende Magersucht.

Niemand kann wissen, wie das Ende dieses Weges nach Peru damals ausgesehen hätte. Aber die damalige Entscheidung bereue ich nicht. Wobei es weniger eine konkret getroffene Entscheidung als ein einfaches und allmähliches Nichtzustandekommen war. Es brauchte das erneute Aufsuchen dieser Kreuzung, um den für mich richtigen Weg zu finden.

Ich sah mich also vier Jahre später wieder an ein und derselben Kreuzung. Meiner Kreuzung nach Peru. Im Gegensatz zu meiner Begegnung vor etwa vier Jahren schienen nun weitere Wege geöffnet. Die Auswahl war größer, aber die Entscheidung nicht unbedingt einfacher. Was erwartet mich auf diesem Weg? Was erwartet mich auf jenem Weg? Ein Schild mit der Aufschrift »Backpacking« erreichte mein Blickfeld. Hm, irgendwie zu unsicher und unvorhersehbar …

Es war Januar 2014. In drei Monaten würde ich in den Abitur-Prüfungen sitzen. Gerade traf die Zusage für mein Studium ein. Ich hab’s geschafft! Ich wurde genommen und ab Oktober sollte ich International Sports Management studieren. Im Vergleich zu einigen Freunden hatte ich aus irgendeinem Grund immer gewusst, wo ich hinwill, was ich machen will. Ich sah mein Ziel immer klar und deutlich vor Augen und es gab keine Zweifel daran, dass ich das Ziel erreichen werde. Sportmanagement war mein Traumstudium. Ich liebe Sport! Mein ganzes Leben lang habe ich aktiv Sport getrieben, verschiedene Sportarten ausprobiert: Tanzen, Fußball, Volleyball, Laufen, sogar in einer Zirkus-AG war ich mal. Gepaart mit den logischen, wissensbasierten und planungsorientierten Komponenten von Business und Management – ein Beruf, der wie für mich geschaffen schien. Ich war glücklich. Zur gleichen Zeit wusste ich, dass die ein oder andere Tür in Richtung Peru aufgrund der beschränkten Zeit zwischen Juni, wenn ich mein Abi in der Tasche haben würde, und Oktober, wenn mein Studium beginnen würde, zufällt. Meine Zeit war auf maximal dreieinhalb Monate beschränkt. Von meiner Reise nach Peru abgehalten hätte mich allerdings nichts. Also war Prioritäten setzen angesagt! Was war mir eigentlich wichtig, wenn ich das andere Ende meines unsichtbaren Bandes erkunde? Welche Umstände würden mich einschränken und in welchem Ausmaß? Wie stellte ich mir meine Reise konkret vor?

Okay … ich hatte dreieinhalb Monate Zeit. Der Wegweiser »Au-pair« fiel damit schon mal weg. Meine Schulzeit war beendet: »Schüleraustausch« – Ade. Studieren würde ich erst im Oktober. Den Wegweiser »Auslandssemester«konnte ich damit auch links liegen lassen. Einfach nach Peru zu fliegen und auf eigene Faust durchs Land zu reisen, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt mit 19 Jahren so gar nicht vorstellen. Ich zog es ehrlich gesagt nicht mal in Erwägung, traute es mir nicht zu und thematisierte es aus diesem Grund auch erst gar nicht weiter. Sicherheit hatte einen enormen Stellenwert. Insbesondere für meine Mama, die insgeheim schon Monate vorher mit Angst und Sorge erfüllt war. In Ordnung, das Ganze brauchte also einen organisierten Rahmen. Und plötzlich fiel mir dieser Wegweiser ins Auge: »Volunteering«.

Ja, ich gestehe. Der Ursprung des Gedankens, an einem Volunteering-Projekt teilzunehmen, war in erster Linie nicht, mich freiwillig zu engagieren und Gutes zu tun. Es war vielmehr der Vorteil eines Plans, einer Aufgabe, eines Ansprechpartners. Ich holte mir sämtliche Informationen ein. Dem Internet sei Dank – auch im Jahre 2014 schon. Mich packte der Gedanke, nah an den Einheimischen zu sein, so richtig in die Kultur und das Leben einzutauchen und mit meinen eigenen Händen helfen zu können. In einer Gastfamilie zu leben, mit ihnen zu essen, zu lachen und über die Eigenarten des eigenen Landes zu plaudern. In meinem Kopf spielten sich bereits Szenen ab, die filmreifen Charakter hatten. Ob das die Realität sein würde, zu dieser Einschätzung war ich nicht im Stande. Meine blühende Fantasie lief jedenfalls, wie so oft, auf Hochtouren.

Die Organisation Proyecto Perú gab meinem Vorhaben schließlich einen Namen. Proyecto Perú – Projekt Peru. Das passte doch wie die Faust aufs Auge, mein Projekt Peru! Ich fühlte es wieder, diese Wärme und dieses Kribbeln. Stärker denn je. Es nahm tatsächlich reale Formen an, mein Projekt Peru …

KAPITEL 3: Kick your ass, girl!

Zweifel war mein zweiter Vorname. Pessimismus wurde gelegentlich zum dritten. Lange Zeit dachte ich, dass diese Namen zu mir gehörten, dass sie in irgendeinem Register niedergeschrieben und damit unveränderlich sind. Heute weiß ich, dass ich mir die Beinamen selbst gab.

»Erwarte nicht zu viel, dann wirst du auch nicht enttäuscht«, »wenn … wäre, dann …« und »aber« standen und stehen teilweise immer noch in meinem Wortschatz ganz weit oben.

Bevor ich die Entscheidung schlussendlich traf, alleine nach Südamerika zu reisen, spielte sich in meinem Herz, meiner Seele, meinem Kopf, ein riesengroßes und dramatisches Theater ab. Selbstverständlich mit mir in der Hauptrolle.

Was ist, wenn mir was geklaut wird? Was soll ich tun, wenn ich unerträgliches Heimweh bekomme? Wenn ich Heimweh bekomme, dann kann ich nicht mal eben nach Hause. Jaaa, es ist mein absoluter Traum. ABER, soll ich das wirklich tun?

Es ist offensichtlich: Meine Beinamen waren von der dominanten Sorte. Woher kamen diese Zweifel, wenn ich mir doch der Stärke meines unsichtbaren Bandes und der schier unendlichen Größe meines Traumes bewusst war? Warum quälten mich Versagensängste, obwohl ich in meinem Leben stets alle gesetzten Ziele erreicht oder sogar übertroffen hatte? Warum war ich, trotz der Tatsache, dass mir die Welt zu Füßen lag, so negativ eingestellt?

Erkennen ist das eine, Umsetzen das andere. Einer meiner Lehrer hatte einmal gesagt, Erkennen sei der Schlüssel zum Erfolg. Meine Probleme erkannt – das habe ich sogar recht früh.

In mir lebte damals das Gefühl, ich hätte Teile meines Lebens weggeworfen, es nicht ausgekostet, nicht in angemessenem Maße wertgeschätzt. Im selben Moment erschütterte mich ein Gedanke und lief mir wie ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. Dieser Gedanke ließ mich erstarren, in Scham vor mir selbst:

Mein Gott, was sollen denn die Kinder in Peru sagen, mit denen ich mich konfrontieren möchte? Was die in ihrer Kindheit wohl durchgemacht haben oder durchmachen, und ich? Ich rede davon, dass ich mein so junges bisheriges Leben weggeworfen habe, bei einer Kindheit, von der vermutlich die meisten Kinder auf der Erde nicht mal zu träumen wagen. Shame on you, Hannah!

Mein Schamgefühl führte zur wohl wichtigsten, bahnbrechendsten Erkenntnis vor meiner Reise nach Peru. Mir wurde klar, welch Glück ich besaß, in einem wohl behüteten, privilegierten Umfeld groß zu werden, obwohl ich die Kinder in Peru noch gar nicht kennengelernt hatte. Aufgewühlt ging ich in meiner Gedankenwelt auf die Suche nach möglichen Gründen für meine Negativität und meine Unzufriedenheit mit meinem eigenen Leben. Ich hatte doch eigentlich gar keinen Grund, unglücklich zu sein. Meine Beinamen verdienten keine Daseinsberechtigung. Und doch lähmten sie mich immer wieder. Immer wieder. Immer wieder. Ob die direkte Konfrontation das wohl ändern könnte …

Vor meiner Abreise kaufte ich mir ein Tagebuch. Ich hatte das Bedürfnis, meine Empfindungen festzuhalten. Bereits vor der Reise wollte ich den Platz nutzen, um eine Motivationsrede an mich selbst zu schreiben. Ich wusste, dass der Moment kommen würde, an dem die Zweifel mich wieder angreifen und meine negativen Gedanken mir wieder den Krieg erklären würden. Mein erster Tagebucheintrag glich daher eine Kampfansage:

Stell dir die Lage nicht wie ein Labyrinth vor, in dem du dich in deinen Gedanken verlierst, sondern nimm den Weg geradeaus, auch wenn ein Stein im Weg liegt. Dann springst du halt drüber, du bist doch sportlich! (Mai 2014)

Der Schlüssel zu meiner Negativität lag vermutlich abgeschlossen in einer Kiste tief in meinem Gehirn verankert. Die Kiste nannte sich Perfektionismus. Ob in der Schule, beim Sport oder in ganz anderen Lebensbereichen, ständig setzte ich mich gewaltig unter Druck. Einzig und alleine aus dem Grund, dass alles perfekt sein sollte. Mit einem anderen Ergebnis als perfekt, konnte und wollte ich nicht leben. Für mich schien das Streben nach Perfektion gleichzusetzen mit dem Streben nach Glück. Ich war fest davon überzeugt, dass ich nur durch immer bessere Ergebnisse, Schulnoten, sportliche Leistungen oder der Bewunderung anderer Menschen wachsen und in meinem Leben etwas erreichen könnte. Der perfekte Weg, so stellte ich es mir bei der Suche nach Erklärungen vor, raubt jedoch Lebensgenuss. Der perfekte Weg ist häufig viel komplizierter als der spontane Weg mit Kurven oder Schlaglöchern. Der perfekte Weg ist eine »never ending story«. Diese Erkenntnis versuchte ich vor meiner Reise zu meiner eigenen Wahrheit werden zu lassen.

Lange Zeit glaubte ich, alles, was in meinem Leben passierte, läge in meiner Macht und durch ein perfektes Leben besäße ich ein unkaputtbares Schutzschild, das alles Böse abprallen lässt. Ich begriff nur langsam, dass dies nicht so war. Mir widerfuhren Dinge, gegen die ich zwar ankämpfen konnte, deren Ursache jedoch nicht bei mir selbst lag und deren Auswirkungen einfach passierten. Wie zum Beispiel die Trennung meiner Eltern.

Das Leben ist nicht perfekt und auch in Peru wird nicht alles perfekt laufen. Aber das muss es auch gar nicht! Das Leben kann auch schön sein, das wirst du erfahren. Gib‘ den Dingen ihren Lauf, dann wird alles gut. Es ist immer zu früh, um aufzugeben. Es ist dein Leben, verpass es nicht! (21.06.2014)

Eine Hürde hatte ich jedoch noch zu überwinden: Meinen damaligen Freund. Nach zwei Jahren Beziehung musste ich eine Entscheidung treffen – zum Vorteil von uns beiden.

Die erste Teenager-Liebe, die erste feste Beziehung ist mit Sicherheit für jeden etwas Besonderes. Zugleich kennt bestimmt auch jeder das damit einhergehende Gefühlschaos.