Rebel Girls - Victor Grossman - E-Book

Rebel Girls E-Book

Victor Grossman

0,0

Beschreibung

Victor Grossman stellt in lebendigen Porträts 34 Frauen vor, die in den großen Kämpfen um Selbstbestimmung und Menschenrechte, Gleichberechtigung und Frieden von der Kolonialzeit bis in unsere Tage eine prominente Rolle spielen. Neben Berühmtheiten wie Jane Fonda, Angela Davis oder Billie Holiday finden sich andere, die weniger bekannt, aber nicht weniger faszinierend sind. Etwa Fannie Wright und Margaret Fuller, die dem Patriarchat getrotzt und die Frauenbewegung in den USA initiiert haben; Harriet Tubman, die als entflohene Sklavin anderen bei der gefährlichen Flucht hilft; Victoria Woodhull, die die Spießermoral verlacht, für das Präsidentenamt kandidiert – und Karl Marx ärgert; Elizabeth Gurley Flynn, das »rebel girl«, das an der Spitze von 25.000 streikenden Textilarbeiterinnen »Brot und Rosen« fordert; die Britin Jessica Mitford, die als »rotes Schaf« ihrer aristokratischen Familie den Rücken kehrt, auf republikanischer Seite im Spanienkrieg kämpft, in die USA übersiedelt und rebellische Schriftstellerin wird; Lillian Hellman, die auch auf die Drohung hin, selbst eingesperrt zu werden, dem berüchtigten Senator McCarthy und seinem Ausschuss die Stirn bietet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Veröffentlichung der ersten Auflage (2013) erfolgte mit Unterstützung der Rosa- Luxemburg-Stiftung.

Meinem Sohn, Thomas Grossman, danke ich für seine Hilfe bei der Manuskripterstellung.

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-89438-501-9 (Print)

ISBN 978-3-89438-913-0 (Epub)

2., durchgesehene Auflage 2024

© 2013 by PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG, Köln

Luxemburger Str. 202, 50937 Köln

E-Mail: [email protected]

Internet: www.papyrossa.de

Alle Rechte vorbehalten – ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

Umschlag: Willi Hölzel, Lux siebenzwoplus

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Victor Grossman

Rebel Girls

34 amerikanische Frauen im Porträt

Inhalt

Vorwort

1. Die gefährliche Christin Anne Hutchinson

2. Quäker hängt man Mary Barrett Dyer

3. Ihresgleichen wurden ausgepeitscht! Fanny Wright

4. Eine Literatin kommt zur Revolution Margaret Fuller

5. Schwarze Passagiere auf der Untergrundbahn Harriet Tubman

6. Die klugen Mädchen von Lowell Sarah Bagley

7. Die schwierigen Schwestern Sarah Grimké, Angelina Grimké

8. Niederlage in London, Sieg in Seneca Falls Lucretia Mott, Elizabeth Cady Stanton

9. Eine Frau namens Wahrheit Sojourner Truth

10. Eine Schule trotzt dem Pferdemist Prudence Crandall

11. Ehe ohne Namenswechsel Lucy Stone

12. Ein starkes Team und Pantalons Susan B. Anthony, Amelia Bloomer

13. Rabbinertochter und Star am Rednerpult Ernestine Rose

14. Eine Schauspielerin als Spionin Pauline Cushman

15. Nur Skandalnudeln? Victoria Woodhull, Tennessee Claflin

16. Die Mutter und ihre wilden Weiber Mary »Mother« Jones

17. Darf man darüber reden? Margaret Sanger

18. Für Brot und Rosen Elizabeth Gurley Flynn

19. Knappes Ja fürs Wahlrecht Alice Paul, Lucy Burns, Carrie Chapman Catt

20. Ein Lied aus den Bergen Florence Reece

21. Ein Song gegen den Lynchmord Billie Holiday

22. Truckerin im Spanienkrieg Evelyn Hutchins

23. »… mein Gewissen nicht auf die Mode zugeschnitten« Lillian Hellman

24. Rotes Schaf mit blauem Blut Jessica Mitford

25. »Wäre ich vernünftiger, hätte ich Angst« Fannie Lou Hamer

26. »Wo war eure Mutter – damals?« Lisa Kalvelage

27. Ein Sieg für die Gejagte Angela Davis

28. Von Hollywood nach Hanoi Jane Fonda

Nachwort

Bibliographie

Vorwort

Überall in den USA stehen Statuen von Generalen, Admiralen und Politikern, selten aber solche von Frauen. Zwei fallen deshalb besonders auf. Sie stehen in einer der ältesten Städte des Landes, in Boston, in einem schönen Park, dem »Common«, der seinen Namen also einem Dorfanger verdankt. Dessen reicher Besitzer hatte ihn 1634 der Stadt unter der Bedingung geschenkt, dass alle Bürger für immer ihr Vieh dort weiden dürften. Vieh ist heute nicht mehr zu sehen, dafür am oberen Ende das mit vergoldetem Dach imposant wirkende State House, der Regierungssitz von Massachusetts. Und daneben die Statuen der beiden Frauen in ihrer altmodischen Kleidung.

Erst in neuerer Zeit entdeckten Historiker, Politiker und Bildhauer die wichtige Rolle von Frauen, und zwar weniger als Unterstützerinnen von Ehemännern, sondern vielmehr als Menschen, die selbst Geschichte machten. Allmählich erfuhr man von den Leistungen solcher Frauen – und von ihrem oft faszinierenden Leben. Doch außerhalb der USA blieben viele von ihnen fast unbekannt. Schade, dachte ich: Viele waren prächtige Störenfriede, ihrer Zeit weit voraus, die mutig und engagiert kämpften und oft litten, um die Welt ein wenig voranzubringen. Mich beeindruckte ihr bewegtes Leben derart, dass ich beschloss, sie bekannter zu machen. Und wenn meine Empathie auch auf meinen Stil abgefärbt haben sollte – ich bin kein Berufshistoriker –, so mag das kein Zufall sein. Denn mir geht es auch darum, die Biographien der Frauen mit Leben zu füllen und sie für Leserinnen und auch Leser als Inspiration anzubieten.

Für mich scheinen die Mühen und der Mut der beschriebenen Frauen in der jetzigen Welt nach wie vor von großer Bedeutung. Wenn auch in den USA die Sklaverei längst abgeschafft ist und das Wahlrecht für Frauen seit 1920 nicht mehr angefochten ist, wenn auch keine wegen ihrer Religion mehr das Leben, sondern allenfalls die persönliche Freiheit riskiert – es bleibt sehr viel zu tun, um gleiche Rechte und gleiche Löhne zu erreichen, wie auch, um gegen vielfältige Diskriminierung, auch von Schwarzen, Latinas und muslimischen Frauen, anzugehen. Das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen – ob und wann ein Kind gewünscht ist –, wird noch wütend bestritten. Und für Frauen, wie auch für Männer, bleiben überall auf der Welt Armut und Krieg eine ständige Drohung, wenn nicht bittere Realität. Daher auch mein Gefühl des Respekts und der Solidarität, das mich letztlich zu dem Buch motivierte – und zu dessen Titel führte. Denn vor rund hundert Jahren wurde eine der hier Beschriebenen – in ihrem Kampf um Brot und Rosen – liebevoll »rebel girl« genannt. Wenn auch »Girl« für Frau ansonsten besser vermieden wird: hier steht der Begriff für den Geist, in dem die angeführten Frauen handelten.

Was die zwei Frauen betrifft, die historischen Vorbilder für die Statuen, so endete ihr Leben tragisch. Sie lebten in englischen Siedlungen auf dem Gebiet, das erst 150 Jahre später zu den Vereinigten Staaten wurde. Der riesige Kontinent Nordamerikas mit seinen unermesslichen Wäldern, weiten Prärien, hohen Bergen und mächtigen Strömen war meist dünn bevölkert von den Ureinwohnern, einem Irrtum Kolumbus’ zufolge Indianer genannt. Schmale Streifen spanischsprachiger Siedlungen entstanden in Florida und im heutigen Neu-Mexiko; Engländer suchten gierig Gold und Reichtum im südlichen Virginia; Holländer gründeten feudale Ländereien in Nieuw Nederland (dem späteren New York). Erst dann kamen sogenannte Pilger und Puritaner, die ab 1620 die monatelangen, nur vom Wind vorangebrachten, oft stürmischen Seereisen ins unwirtliche Massachusetts wagten. Das waren Dissidenten, Aufmüpfige, die gegen die herrschende Kirche in England rebellierten und einen Ort zur freien Ausübung ihrer unterdrückten, recht strengen Religion suchten. Zunächst siedelten sie in oder nahe dem Städtchen Boston. Sie werden oft als Gründer der USA gehandelt, vielleicht weil die Religionsfreiheit als ihr Ziel galt. Der angenehme Feiertag Thanksgiving wurzelt auch in dieser Tradition. Doch war nicht alles so ungetrübt wie oft angenommen. Auch das zeigt sich an der Geschichte der zwei Frauen.

1.Die gefährliche ChristinAnne Hutchinson (1591–1643)

Das Denkmal zeigt Anne Hutchison mit der Hand auf der Schulter eines kleinen Mädchens, eine ihrer Töchter, die sich an ihr langes Kleid klammert. Die Hauptfigur sieht mütterlich aus. Wie konnte man diese Frau so attackieren? Nicht groß, in der bescheidenen schwarzweißen Kleidung der frommen Calvinisten – denn das waren die Puritaner – musste sich die Schwangere drei Tage lang, immer stehend, Beleidigungen von den Männern anhören.

»Eine sehr gefährliche Frau«, zeterte Pfarrer Thomas Shepard, »die korrupte Ansichten ausstreut und viele damit infiziert, … die mit ihrer flotten Zunge und dreistem Ausdruck viele verführt und irreführt, besonders einfache Menschen ihres Geschlechts.«

Der Hauptrichter John Winthrop, Gouverneur von Massachusetts, der seinen freundlicheren Vorgänger aus dem Amt verdrängt hatte, schilderte sie als »eine Frau von hochmütiger und erbitterter Haltung, mit flinkem Verstand, aktivem Geist und einer sehr redegewandten Zunge, kraftvoller als ein Mann … die sich die Zuneigung von Vielen leicht erschlich.« Ja, sie sei eine »amerikanische Isebel« – wohl die unangenehmste Frauenfigur in der Bibel –, der die Möglichkeit zur Reue gegeben wurde, doch die stattdessen »für sich eine Hintertür offen hielt, um zum Erbrochenen wieder zurückzukehren.«

Der wichtige John Cotton, einst guter Freund von Anne und ihrem Mann William, hatte sich den Stärkeren im Ort gebeugt und griff sie auch an. Ihre Versammlungen seien »geile und dreckige Zusammenkünfte von Männern und Frauen ohne Rücksicht auf den Ehestand«, sie glaube an die freie Liebe. »Ihre Ansichten wirken wie eine Brandwunde, sie verbreiten sich wie die Lepra, sie infizieren Menschen von nah und fern und werden an den Eingeweiden der Religion von innen fressen, sie haben die Kirchen derart infiziert, dass nur der Herr weiß, wann sie geheilt werden können.«

Um Gottes Willen, was waren denn ihre Verbrechen?

Anne Hutchinson (geb. Marbury) kam in England zur Welt als Tochter eines dissidenten Pfarrers, der für ein Jahr eingesperrt wurde, weil er sich von der herrschenden Staatskirche getrennt hatte. Religion war eine ernste, manchmal lebensentscheidende Sache, eng mit Politik und Wirtschaft verbunden. Sehr bald sollten die Streitereien zu einem Bürgerkrieg führen, ja, zur Enthauptung des Königs. Doch konnte das keiner ahnen. Pfarrer John Cotton, ein Familienfreund und Gleichdenkender, fasste also 1630 den Beschluss, in die Wildnis des fernen Amerikas auszuwandern, um frei predigen zu dürfen. Vier Jahre später folgten ihm Anne und William Hutchinson.

Obwohl sie fünfzehn Kinder zur Welt brachte, von denen zwölf noch lebten, begann Anne bald nach der Ankunft in Massachusetts einmal in der Woche Frauen zu Diskussionen einzuladen, meistens zu den Sonntagspredigten und zu Fragen aus der Bibel, damals das wichtigste, ja, fast das einzige Buch. Anne hatte sie gründlich studiert, ihre Gespräche waren höchst interessant, also nahmen immer mehr Frauen daran teil, zumal Anne vielen als freundliche Heilpraktikerin und Hebamme helfen konnte.

Anfangs war sie eine treue Anhängerin des strengen Glaubens der Puritaner, die sich deshalb so nannten, weil sie die englische Kirche von Resten des Katholizismus »purifizieren« wollten (in Frankreich hießen sie Hugenotten). Anne wurde aber zunehmend kritisch. Wohl als erste in Amerika forderte sie gleiche Rechte für Frauen, wenigstens die Rechte, eigenständig zu denken und offen zu sprechen. Sie lehnte die Ansicht ab, dass Frauen noch immer die Quelle der Sünde seien, weil Eva im Garten Eden Adam mit der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis verführt hätte, was ihre niedrigere gesellschaftliche Stellung rechtfertige. Für solche kühne Ansichten fand Anne immer mehr Anhängerinnen, ja, sogar einige Anhänger.

Bald wollten sechzig, siebzig und mehr Frauen wöchentlich teilnehmen. Da sie nicht ins Haus passten, verlegten sie ihre Treffen ins einzige große Gebäude im Ort, in die Kirche. Doch waren über diese Vergrößerung nicht alle begeistert. Obwohl die Puritaner nach Amerika übersiedelten, um ihre Religion in Freiheit auszuüben, hieß das noch lange nicht, dass sie das gleiche Recht jenen zustanden, die anders glaubten. Wie so viele Regierende wollten sie die alleinigen Hüter der Weisheit bleiben; je mehr sie über Anne Hutchinsons Treffen erfuhren, desto misstrauischer wurden sie. Sicher lag auch Furcht darin, was häufig genug zur Wut führt.

Männer wie Gouverneur Winthrop fanden es schon ärgerlich, dass Frauen bei den Diskussionen die Hauptrolle spielten. Sie gehörten in die Küche oder die Kinderstube, außer beim regelmäßigen Besuch der richtigen Kirche, wo ein richtiger Pfarrer eine richtige Predigt hielt, und auch dort hatten sie den Mund zu halten. Bei ihren Treffen, so hieß es, analysierte Anne nicht nur manche Predigt kritisch, sie leitete die Diskussion sogar von einem Stuhl aus. Damals gab es meist nur einen richtigen Stuhl im Hause, und der war für den Hausherrn. Was dachte sich diese Hutchinson eigentlich? Sollte es gar zu einer Frauengemeinde, einer Art Frauenbewegung kommen? Nie und nimmer!

Die führenden Männer wetterten, sie verletze das Fünfte Gebot der Bibel – »Ehre deinen Vater und deine Mutter« –, denn sie sahen sich als die Väter der Kolonie. Indem Anne Frauen ermutige, sich mit so etwas wie Denken und Räsonieren abzugeben, anstatt sich um ihre Familien zu kümmern, fördere sie die Sünde, und die Sünde war damals eine Schlüsselfrage.

Anne meinte dagegen, die Hoffnung auf ein Nachleben ohne Höllenfeuer hänge nicht von Kirchenregeln und Ritualen ab, sondern von einem inneren, göttlich inspirierten Glauben, den man durch eine persönliche Offenbarung erlebe. Zum ewigen Heil genüge dieser Glaube, unabhängig davon, wie der Pfarrer die Bibel auslegt. Obwohl religiös diskutiert, ging es im Grunde um die Frage von Autorität. Und die Autoritäten sahen sich herausgefordert: Sollten alle Ansichten über Zucht und Ordnung ins Wanken geraten? Wenn jeder und jede für sich entscheiden dürfte, was gut und was schlecht sei, führe das nur zu Ungehorsam, in die Anarchie. Die ganze Struktur der Kolonie, religiös wie politisch, sei gefährdet!

Noch ein Ärgernis kam hinzu: Anne und ihre Anhängerinnen lehnten die gängige Ansicht ab, dass die Indianer, die noch ringsherum lebten, ohnehin Sündige wären, also ein legitimes Ziel für jeden Angriff. Das heute in den USA noch verbreitete Bild der guten Beziehungen, wonach Indianer den dankbaren Siedlern erklärten, wie man in der Wildnis zurechtkomme und welche Pflanzen essbar seien (wie etwa Kürbisse) – war in der Realität bestenfalls von kurzer Dauer. Die Siedler nahmen sich immer mehr Land, für die meisten waren Indianer nur sündige Wilde, die ihnen im Wege standen. Falls sie sich der Verdrängung zur Wehr setzten, mitunter ebenfalls brutal, bot das eine willkommene Gelegenheit, sie zu verjagen oder gar zu massakrieren.

Das taten nicht nur die Siedler in Neuengland. Die Tragik von besser bewaffneten Kolonisten – oft selbst Flüchtlinge oder Diskriminierte –, die Urbewohner ihres Zufluchtlandes angriffen und verdrängten, setzte sich in den USA immer weiter fort. Es ähnelte beispielsweise dem Vorgehen der Spanier in Lateinamerika, der englischen und irischen Strafgefangenen gegen die Ureinwohner Australiens oder der holländischen Buren gegen die Afrikaner. Eine Rechtfertigung fand man immer.

Der erste »Indianerkrieg«, der Pequot-Krieg, begann am 1. Mai 1637. Am 26. Mai wurde das Fort der Pequot von den Siedlern umringt und angezündet. Flüchtende wurden ins Feuer zurückgetrieben. Ein Augenzeuge berichtete: »Mehr als 500 Indianer brieten im Feuer, und Ströme von Blut sickerten durch die Palisaden hindurch. Der Gestank war fürchterlich, aber der Sieg war ein süßes Opfer und wir beteten alle zu Gott, um ihm für seinen Beistand zu danken.«

Wenige Wochen später konnte man die Überlebenden wieder belagern, ihr Angebot einer kampflosen Kapitulation ablehnen und noch 180 Pequot töten. Die restlichen, meist Frauen und Kinder, wurden zu Dienern der Siedler gemacht oder als Sklaven verkauft. Dies galt allen Indianern in Neuengland als Abschreckung.

Anne Hutchinson sprach sich öffentlich gegen diese Angriffe auf die Indianer und deren Unterjochung aus. Doch gegen einen laufenden Krieg zu opponieren, wird noch heute in Regierungskreisen ungern gesehen. Annes Kritik machte sie nur noch gefährlicher, und Gouverneur Winthrop, der vier Jahre vor den Hutchisons nach Neuengland gekommen war und schon über 700 ha Land zuzüglich einiger Sklaven besaß, schritt zur Tat. Mit anderen Prominenten stellte er eine Liste von zweiundachtzig »falschen Meinungen« auf und ließ Hutchinson vor dem höchsten Gericht, besetzt mit 48 Männern, erscheinen. Vor allem warf man ihr »Verleumdung« vor.

Obwohl sie mit ihrem Mann acht Kilometer zum Gericht in Newport bei Boston laufen musste und weder Rechtsbeistand noch eigene Zeugen haben durfte, machte Anne gleich nach Winthrops vager Anklage klar, dass sie nicht klein beigeben wollte:

»Ich werde hierher berufen, um mich vor Ihnen zu verantworten, doch höre ich keine Sachen, die gegen mich vorgebracht wurden.«

Winthrop antwortete: »Ich habe schon mehrere genannt und ich kann noch mehr nennen.«

»Nennen Sie nur eine, Sir.«

Es kam zu einer komplizierten Debatte, drei lange, harte Tage für die Schwangere. Auch als sie einen Schwächeanfall erlitt, bot man ihr keinen Stuhl an. Das scharfe Hin und Her ging weiter; sie blieb bei ihrer Position. Doch konnte sie so gut argumentieren, wie sie wollte; Winthrop sagte überdeutlich: »Wir sind Ihre Richter und nicht Sie unsere, und wir müssen Sie dazu zwingen.«

Der stellvertretende Gouverneur Dudley, der nur vierzig Hektar weniger besaß als Winthrop, klagte: »Seitdem Frau Hutchinson angekommen ist, hat sie Unruhe verbreitet.« Man nannte sie eine Ketzerin und ein Instrument des Teufels. Ein Pfarrer rief ihr zu: »Sie sind über Ihren rechtmäßigen Platz hinausgegangen. Sie waren ein Ehemann statt einer Ehefrau, ein Pfarrer statt einer Zuhörerin, ein Magistrat statt eines Untertans.« Am dritten Tag beendete Winthrop das Streitgespräch:

»Alle, welche der Meinung des Gerichtes beipflichten, dass sie von unseren Freiheiten verbannt werden soll und, bis sie weggeschickt wird, verhaftet, sollen ihre Hände heben.«

Bis auf drei Mutige hoben alle die Hände. Und das war noch nicht das Ende ihres Leidens. Sie stand unter Hausarrest bei jemandem, der sie umstimmen sollte. Da sie ihren Glauben noch immer nicht aufgab (obwohl sie in einigen Punkten etwas Kompromissbereitschaft zeigte), stellte man sie wieder vor ein Gericht, diesmal vor den Kirchenrat von Boston.

Man warf ihr diesmal »Blasphemie« vor, also »Gotteslästerung«, dazu »anstößiges und lüsternes Benehmen«, weil bei ihren Hausversammlungen Männer und Frauen gemeinsam teilgenommen hätten. Wiederum hatte sie keine Chance. Ihre Bereitschaft, ein wenig nachzugeben, nutzte ihr auch nicht. Das Gericht befand sie schuldig. Ein Pfarrer erklärte:

»Ich werfe Sie hinaus und liefere Sie im Namen Christi an Satan, damit Sie dann lernen, nicht mehr Gott zu lästern, zu verführen und zu lügen.« Anne Hutchinson sowie einige aus ihrer Gruppe wurden bis zur Grenze gebracht und verbannt »wie Lepra-Kranke«.

Ein Glück: Das bedeutete immerhin, nicht ohne Obdach zu sein in der Wildnis. Drei Jahre vor den Hutchinsons war Roger Williams der Pfarrer im Dorf Salem unweit von Boston. Ähnlich wie Anne hatte er gegen die strengen, raffgierigen Herrscher der Kolonie rebelliert – und wurde ebenso verbannt. Ihm gelang es, weiter im Süden Land von den Indianern ehrlich zu kaufen und die Siedlung Providence zu gründen (Providence heißt etwa »göttliche Vorsehung«). Williams und etwa sechzig Anhänger legten hier neue Regeln fest: jedes Jahr wurde demokratisch gewählt; die Gewählten konnten auch abberufen werden. Die Sklaverei wurde verboten, Kirche und Staat sollten völlig getrennt sein, die absolute Religionsfreiheit bestand auch für »die heidnischsten, jüdischen, türkischen oder antichristlichen Glaubensrichtungen und Arten der Gottesanbetung, ohne jegliche Verfolgung«. Williams bestand darauf, Land von Indianern zu kaufen, niemals zu erobern. Er wurde Experte in Indianerkultur und schuf das erste Indianisch-Englische Wörterbuch. Man wollte fair und freundlich neben ihnen leben, alles andere galt als Sünde. Nach langen Mühen bekam Williams vom englischen König das Siedlungsrecht für diese neue Kolonie Rhode Island; jeder Versuch des nördlichen Massachusetts, sie zu annektieren, wurde verhindert. Allerdings, wenn auch Williams’ Frau ihn neben der Pflege der sechs Kinder stets unterstützte, bekamen Frauen zwar das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit, aber nicht das Wahlrecht oder politische Gleichheit. Soweit war man noch nicht. Dennoch übten später die relativen Freiheiten im kleinsten Bundesstaat Rhode Island großen Einfluss auf die Konstituierung der USA aus.

Während des kirchlichen Prozesses gegen Anne beschlossen neunzehn Gleichgesinnte, darunter ihr Ehemann, eine Einladung von Roger Williams anzunehmen und auch nach Rhode Island zu ziehen. Sie kauften eine Insel von den Indianern und gründeten zwei Siedlungen. Anne kam einen Monat später nach. Aus der Siedlung sollte einmal die berühmte Stadt Newport werden.

Das monatelange Leiden hatte dennoch seinen Preis, eine Fehlgeburt, welche Puritaner in Boston schadenfroh als »Strafe Gottes« ansahen. Sie schickten auch Vertreter, um Anne dazu zu bringen, reuig zurückzukehren. Sie warf sie aber hinaus und prangerte die Kirche in Boston als »eine Hure und Metze« an.

Anne Hutchinson wurde damit die einzige Frau, die, wenn auch gemeinsam mit Roger Williams, einen Bundesstaat gründete. Leider blieb sie nicht dort. Nachdem ihr Ehemann (der sie »seine teure Heilige« nannte) 1643 gestorben war, zog Anne mit den sechs jüngeren Kindern und einigen Anhängern in einen Ort nahe Nieuw Amsterdam, bis 1664 eine holländischen Kolonie, die später zu New York City wurde. Dort herrschte leider nicht die Freundschaft von Rhode Island mit den Indianern; die Verhältnisse ähnelten denen in Massachusetts. Als der holländische Gouverneur von den leichten Siegen gegen die Pequot erfuhr, versuchte er, die Indianer »zu ihrem Schutz« zu besteuern. Die Beziehungen wurden eisig, und auch hier kam es zum Krieg. Als Rache für die Tötung eines Holländers massakrierte ein Trupp aus Nieuw Amsterdam 120 Indianer, darunter viele Frauen und Kinder. Rache gebar Gegenrache: Etwa 1.500 Indianer zogen durch die dünn besiedelten Holländerdörfer und töteten, wo sie nur konnten. Die Hutchinsons hatten immer gute Beziehungen gepflegt; nur wussten das die einfallenden Indianer nicht. Sie töteten Anne, die Nachbarn und alle ihrer Kinder außer einem Mädchen, das überlebte, weil es, so wird erzählt, rotes Haar hatte, was die Indianer sehr bewunderten. Die kleine Susan blieb acht Jahre bei den Indianern; als zwei Familienmitglieder, die in Boston geblieben waren, sie freikaufen konnten, wollte sie erst gar nicht weg. Unter ihren Nachfahren sind sehr viele, mitunter berühmte AmerikanerInnen.

Dort nannte man einen kleinen Fluss und später eine Autobahnstrecke nach Anne. Seit 1922 steht ihre Statue in Boston, um »eine mutige Vorkämpferin für Bürgerrechte und religiöse Toleranz« zu ehren. 1987, nach 250 Jahren, erklärte ein fortschrittlicher Gouverneur von Massachusetts ihr Urteil für »ungültig« und hob die Verbannung auf.

2.Quäker hängt manMary Barrett Dyer (ca.1611–1660)

War Mary Dyers Leben heldenhaft, fanatisch, eigenartig, gar unwahrscheinlich? Auf jeden Fall war es tragisch. Und in jenen frühen Jahren ging es wieder um die Religion.

Stellen wir uns den »Common« in Boston im Jahre 1659 vor. Noch gab es dort kein State House mit goldenem Dach oder einen großen Teich mit Booten voller fröhlicher Familien. Neben einer großen Ulme stand stattdessen ein Galgen.

Um die Ecke marschierte eine Kolonne von Soldaten und eifrigen Trommlern. Mitten drin gingen zwei junge Männer, dazwischen Mary Dyer. Hätten sie der Zuschauermenge etwas zurufen wollen – die Trommler hätten die Worte übertönt. Doch sie schwiegen.

Die drei stiegen zum Galgen hinauf, ihnen wurden die Arme und Beine gebunden, Schlingen um den Hals gelegt, sie bekamen ein Tuch übers Gesicht gebunden. Vom Trommeln begleitet, schaltete der Henker die Falltüren. Zwei Körper fielen, wandten sich, starben. Und der dritte? Mary Dyer wurde nicht hingerichtet, ihr wurden Schlinge und Schnüre abgebunden, das Tuch entfernt – und sie wurde die Treppe wieder hinabgeführt.

Die drei wurden deshalb verurteilt, weil sie »Quäker« waren – sie nennen sich selbst »Freunde«. Nun, zwanzig Jahre nach der Verurteilung von Anne Hutchinson, galten auch sie als Ketzer. Über diese sturen Leute ärgerten sich die Regierenden in Boston noch mehr als über die früheren. Sie hatten also für Quäker die Todesstrafe eingeführt, wenn auch nur mit einer Mehrheit von einer einzigen Abgeordnetenstimme. Daher auch die Galgen. Die Begnadigung für Mary Dyer gelang, dachten manche, weil ihr Ehemann, kein Quäker, diese dem Gouverneur in letzter Minute hatte abringen können. Heute wissen wir, dass das gruselige Theater inszeniert wurde. Eine Frau hinzurichten, hätte zu viele Menschen schockiert, doch wollte man die Andersdenkenden für immer abschrecken.

Sie bedankte sich nicht für diesen makabren Gnadenakt und verlangte, das Gesetz gegen Quäker aufzuheben. Doch stattdessen setzten die Behörden Mary Dyer auf ein Pferd und schickten sie ins geographisch nahe, doch völlig andere Rhode Island, wo Religionsfreiheit herrschte.

Fünfundzwanzig Jahre zuvor war Mary Dyer, ähnlich wie Anne Hutchinson, nach Massachusetts gekommen. Sie wurde ähnlich enttäuscht, und ging auch zu den Treffen in Annes Haus. Auch sie war dankbar für ihre Hilfe als Hebamme – denn binnen vier Jahren bekam sie drei Kinder. Das letzte kam als Fehlgeburt völlig missgestaltet zur Welt; Anne half ihr, das tote Baby heimlich zu begraben.

Als Anne Hutchinson verurteilt wurde, war allein Mary Dyer mutig genug, aufzustehen und mit ihr den Gerichtssaal zu verlassen. Und mit ihr zog sie ins tolerante Rhode Island. Kurz danach erfuhr Gouverneur Winthrop von dem Baby, ließ es ausgraben und denunzierte Dyer und Hutchinson. »Ein Monstrum«, erklärte er und bot abschreckende Details. »Krallen statt Zehen!« war nur eines davon. Das war für ihn Beweis genug: »Alle sind sie vom Teufel!«

Vierzehn Jahre später reiste Mary nach England, wo eine Predigt ihr ganzes Leben ändern sollte. Etwa wie Anne Hutchinson lehrte George Fox, ein Gründer der »Gesellschaft der Freunde«, dass in der Religion nicht Rituale und Bibel-Erklärungen vom Pfarrer oder Bischof entscheidend seien, sondern das Gewissen der Einzelnen. Etablierte Kirchen lehnten »die Freunde« ab, die sie abwertend »Kirchturmhäuser« nannten, ebenso bezahlte Pfarrer. Deren Aufgaben sollte stattdessen jede und jeder vom Geiste Bewegte wahrnehmen können. An ihren »Gottesdiensten« nahmen alle als Gleiche teil; wer sich von Gott bewegt fühlte, redete frei heraus. Dazwischen herrschte Schweigen. Es hieß, manchmal hätten sie dabei vor innerer Bewegung geradezu gezittert; daher wurden sie Quäker genannt (»quake« heißt auf Englisch »zittern« oder »beben«, wie in »earthquake«). Die »Freunde« glaubten an Gleichheit für Frauen, waren gegen die Sklaverei, gegen Gewalt, gegen Krieg; sie lehnten es ab, irgendeinen Eid zu leisten. Und sie waren entschlossen, weitere Gleichgesinnte zu gewinnen. Mary Dyer nannte sich nun »Predigerin« und kehrte nach Amerika zurück.

Es hielt sie nicht lange in Kolonien, wo ihr erlaubt wurde zu predigen; nicht im toleranten Rhode Island, erst recht nicht in der Kolonie Pennsylvania, die von dem »Freund« William Penn gegründet worden war und von ihm lange regiert wurde. Auch nicht in North Carolina, New Jersey, Delaware oder Maryland (als Zufluchtsort für verfolgte Katholiken gegründet). Nein, sie musste nach Connecticut, das von kaum gemäßigten Puritanern beherrscht wurde. Dort wurde sie bald eingesperrt. Als sie frei kam, war ihr Ziel gerade Boston, von wo sie zwanzig Jahre zuvor mit Anne Hutchinson für immer verbannt worden war.

Das war gefährlich. Zwei Quäker-Frauen waren durch Schneestürme dorthin gezogen – sie schliefen unterwegs im Wald –, konnten aber nur zwei Wochen predigen, ehe sie verhaftet, ausgepeitscht und verbannt wurden. Als der Prediger Christoph Holder es wagte, seinen Glauben in einer Kirche zu Wort zu bringen, riss man ihn mit Gewalt weg. Er und seine Mitprediger wurden ausgepeitscht, in eine Zelle ohne Decken oder Heizung gesperrt, zweimal wöchentlich mit fünfzehn, dann mit immer mehr Peitschenschlägen gepeinigt und schließlich vertrieben. Als er dennoch zurückkehrte, schnitt man ihm ein Ohr ab. Wie sollte man nur gegen diese Quäker vorgehen? 1658 beschloss man die Todesstrafe.

All das wusste Mary, doch trotz der Bitten ihres Ehemannes zog es sie nach Boston. Mit den zwei begleitenden jungen Männern wurde sie zu Tode verurteilt. Wie schon geschildert, starben die zwei; Mary wurde in letzter Minute verschont und wieder deportiert.

Doch für sie gab es kein Aufgeben! Weniger als ein Jahr später, obwohl ihr die Konsequenzen völlig klar waren, reiste Mary trotzdem wieder nach Boston. Am 31. Mai 1660 wurde wieder ein Todesurteil gegen sie ausgesprochen. Wieder versuchten einige, ihr das Leben zu retten, und noch auf den Stufen zum Galgen bot man ihr die Rettung ihres Lebens an, wenn sie nur die Kolonie verlassen würde.

»Nein, ich kann nicht«, sagte sie. »Ich kam im Gehorsam zum Willen des Herrn und bleibe seinem Willen bis in den Tod treu.« Diesmal fiel doch unter ihren Füßen die Falltür.

Im Stadtpark »Boston Common«, am Denkmal für diese unbestritten erstaunliche Frau, die letzte religiöse Märtyrerin in Nordamerika, stehen ihre Worte: »Mein Leben ist mir nichts wert im Vergleich mit der Freiheit der Wahrheit.«

3.Ihresgleichen wurden ausgepeitscht!Fanny Wright (1795–1852)

»… ich wage zu behaupten: Bis Frauen den Platz in der Gesellschaft einnehmen, welcher ihnen durch Vernunft und Gefühl zusteht, kann sich die Verbesserung der Menschheit nur schwach entwickeln. Es bringt nichts, wenn wir die Kraft von der Hälfte unserer Rasse einschränken, zumal sie die weitaus wichtigste und einflussreichste Hälfte ist … So ist die ganze Menschheit degradiert …, bis bei den einen die Macht zerstört wird und bei den anderen die Angst und der Gehorsam, und beiden ihr Geburtsrecht wiedergegeben wird – die Gleichheit. Gleichheit ist die Seele der Freiheit; ohne sie gibt es in der Tat keine Freiheit!«

Als diese Worte 1829 geschrieben wurden, schienen sie, wie ihre Autorin, unmöglich, unerhört, ja geradezu schamlos! Wie, Gleichheit für Frauen? Anne Hutchinsons leidenschaftliche Rufe zwei Jahrhunderte zuvor waren längst vergessen. Frances Wright (genannt Fanny) krachte also regelrecht auf die politische Bühne Amerikas! Diese hübsche, kluge, wortgewandte und zugleich äußerst unbequeme Frau erschreckte oder erzürnte viele Männer fürchterlich – und nicht wenige Frauen! Schon ihr Auftritt fiel unweigerlich auf; eine Unfreundliche schilderte sie so: »Ihre Person war männlich, sie war mindestens 1,77m groß und trug ihr Haar à la Ninon mit engen Locken, ihre großen blauen Augen und blonde Erscheinung waren völlig englisch, und sie schien immer die falsche Kleidung zu tragen.«

Fanny war nicht aus England, sondern kam aus dem schottischen Dundee. Sie, ein Bruder und die jüngere Schwester Camilla wurden sehr früh Vollwaisen, doch die Eltern hinterließen viel Geld. Fanny lebte mit Verwandten, las viel, lernte fließend Französisch und Spanisch und schrieb mit achtzehn Jahren ein erstes Buch.

1818, nur von der Schwester begleitet, bereiste sie die jungen USA, auch recht raubeinige Gegenden westlich des eher zivilisierten Ostens. Darüber schrieb sie ein Reisebuch, vermutlich das erste einer Schriftstellerin. In England bestand großes Interesse an der entstehenden Republik und Ansichten über Gesellschaft und Manieren in Amerika wurde zum Bestseller. Fanny war von den USA begeistert. Anders als in Europa, meinte sie, »nehmen die Frauen ihren Platz als denkende Wesen ein«. Sie lobte die amerikanische Demokratie – wohl in der Hoffnung, sie würde auf England ausstrahlen. Doch eines lobte sie absolut nicht: Die Sklaverei sei »abscheulich über alle Vorstellungskraft«.

Der alte französische Revolutionär Marquis de Lafayette, der als Jugendlicher tapfer für die Amerikaner gegen England gekämpft hatte, schwärmte für Fannys Schrift – und bald auch für Fanny selbst (betont aber nur auf väterliche Art). An ihn schrieb sie:

»Ich vermute, Sie bestaunen manchmal meine unabhängige Art, genauso durch die Welt zu laufen, als hätte mich die Natur zu einem von Ihrem Geschlecht gemacht anstelle von dem der armen Eva. … Glauben Sie mir, geliebter Freund, der Geist besitzt kein Geschlecht außer jenem, das die Gewohnheit und die Bildung ihr gegeben hat, und ich, die schon als Kleinkind auf die Welt wie ein Wrack auf das Gewässer geworfen wurde, habe gelernt, genauso gut mit den Elementen zu ringen wie jedes männliche Kind von Adam.«

1824 lud der US-Kongress Lafayette ein, alle der damals 24 Bundesstaaten zu besuchen. Er bewog Fanny und Camilla, wieder durch die USA zu reisen, diesmal mit ihm, allerdings, um Tratsch zu vermeiden, auf einem anderen Schiff und in anderen Kutschen.

Der alte Lafayette, überall freudig begrüßt, kehrte anschließend nach Frankreich zurück, die beiden Schwestern blieben. Sie hatten viele Prominente kennengelernt, von denen Fanny am interessantesten Robert Dale Owen fand. Sein berühmter Vater, der Waliser Robert Owen, hatte als vielleicht einziger Fabrikbesitzer die Arbeiter in seinem Werk wohlwollend behandelt und dazu eine frühsozialistische Utopie entwickelt. Vater und Sohn wollten in New Harmony, Indiana, am Rande der besiedelten Regionen im fernen Amerika, eine Art kommunistische Stadt errichten, in der alle Mitbürger die Arbeit und die Belohnung gleich teilten, wo es weder Reiche noch Arme gäbe und wo alle Kinder ohne Schulgeld eine gleichwertige Bildung erhielten. Das war völlig neu! Fanny war fasziniert, der junge Owen mit ihr ebenfalls. Privat schrieb er, sie sei »eine sehr gelehrte und feine Frau, und wenn ihre Manieren freiartig und für eine Frau ungewöhnlich sind, so sind sie dennoch angenehm und graziös, und sie gefällt noch mehr bei besserer Bekanntschaft.«

Fanny fand New Harmony goldrichtig und nachahmungswürdig. Weil aber bei ihr der Hass gegen die Sklaverei hinzukam, beschlossen sie und Robert Dale Owen, gemeinsam einen ähnlichen Versuch mitten im Sklavereistaat Tennessee zu riskieren. Mit einem Großteil des eigenen Vermögens, gesponsert auch von Robert Owen sen., von Marquis de Lafayette sowie moralisch vom früheren Präsidenten Thomas Jefferson, kaufte Fanny etwa 800 ha Land unweit von Memphis (heute als Heimatstadt Elvis Presleys bekannt) und gründete das Projekt Nashoba. Mehrere bisherige Sklaven, von den umliegenden Farmern gekauft, sowie einige Weiße, denen allerdings die Führung anvertraut wurde, sollten einen Landwirtschaftsbetrieb aufbauen, wobei die Schwarzen ihre Fähigkeiten entwickeln und ihre »Befreiung durch Bildung« erreichen sollten.

Das wäre 1825 schon im Norden ein kühnes Projekt gewesen. In einem Südstaat wie Tennessee, wo die Sklaverei vorherrschte, war es um ein Vielfaches gewagter. Verschärfend kam hinzu, dass Fanny und Owen sich für etwas einsetzten, was auch über hundert Jahre später immer noch schockierte: Sie stellten die für die Frau besonders feste Bindung der Ehe in Frage, argumentierten also für die »freie Liebe«. Der Grund: »Im ehelichen Leben opfert die Frau ihre Unabhängigkeit und wird ein Teil des Eigentums des Mannes …, das fügt der Frau eine erdrückende Strafe zu und brandmarkt den Nachwuchs der Liebe mit Schande.« Frech schrieb Fanny für eine Zeitung in Memphis: »Das Ehegesetz, das außerhalb der Institution (Nashoba) gilt, hat innerhalb des Gebiets keine Gültigkeit. Keine Frau kann ihre individuellen Rechte oder ihre unabhängige Existenz aufgeben, und kein Mann kann über sie überhaupt irgendwelche Rechte oder Macht behaupten außer jene, die er durch ihre freie und freiwillige Liebe ausübt.«

Um das Fass noch zum Überlaufen zu bringen, redete Fanny von schwarz-weißen »Mischehen« oder vielmehr »Mischverbindungen«. Anfangs meinte sie, dass nach einer gewissen Zeit die in Nashoba gebildeten Ex-Sklaven in andere Länder auswandern müssten, vielleicht nach Afrika. Denn »die Vorurteile gegen eine Mischung der zwei Farben, ob absurd oder nicht, sind derart tief im amerikanischen Geist verwurzelt, dass eine Sklavenbefreiung ohne Auswanderung … unmöglich erscheint.« Später aber überlegte sie, ob nicht gerade die Vermischung der beiden Gruppen zu einer Überwindung der Rassenfrage führen könne. Bei keinem Thema war das Tabu stärker – obwohl es in den Südstaaten zur traurigen Tradition gehörte, dass Sklavenhalter ihren »Besitz« zu Müttern machten, ob von diesen freiwillig oder nicht. Deshalb auch haben heute relativ wenige AfroamerikanerInnen eine »rein« afrikanische Abstammung. Über so etwas redete man aber nie offen, und die Umkehrung, also Sex oder gar Liebe zwischen weißen Frauen und schwarzen Männern, war derart tabuisiert, dass bis fast in die jüngste Zeit in den Südstaaten eine solche Beziehung, auch nur vermutet, tausendfach zu brutalen Lynchmorden führte.

Als Fanny solche Themen diskutierte, als sie nicht nur gegen Rassismus anschrieb, sondern auch gegen die Institution der Ehe und sogar gegen die organisierte Religion, da waren unweigerlich Entsetzen und Wut zu erwarten, nicht allein in Tennessee. Während der Abwesenheit der erkrankten Fanny erschienen in der Presse zudem Auszüge aus dem Tagebuch des »Managers« von Nashoba, auch über dessen Liebesbeziehung zu einer der früheren Sklavinnen. Da war Nashoba praktisch nicht mehr länger zu halten. Hinzu kam eine Missernte und Malaria-Erkrankungen; nach fünf Jahren mussten also Fannie und Owen das Projekt aufgeben und damit einen großen Teil ihres Vermögens einbüßen, zumal sie die früheren Sklaven nach Haiti brachten und für sie Arbeit und Unterkunft fanden. In diesem Land in der Karibik hatte sich, nach einem siegreichen Sklavenaufstand und sogar einem Erfolg gegen eine Armee Napoleons, ein zweites Land in Amerika befreit. Ganz anders als in den USA waren dort alle Menschen freie Bürger; Sklaverei gab es nicht, denn dort herrschten die Nachkommen der Sklaven!

Fanny und Owen kehrten nach New Harmony in das nördliche Indiana zurück, wo sie ein kleines, jedoch modernes, faires Bildungssystem mit gleichem Zugang für Mädchen und Jungen aufbauten, das – auch mit Ideen des schweizerischen Pädagogen Pestalozzis – eine gewisse Modellrolle in den USA spielen sollte. Vielleicht als erste Chefredakteurin überhaupt gab Fanny eine Zeitung heraus, die New Harmony Gazette. Als aber klar wurde, dass eine kleine Gruppe von Menschen mit verschiedenen Vorstellungen, völlig isoliert, keinen kommunistischen Kleinstaat aufbauen konnte, zogen Robert, Fanny und die treue Schwester Camilla in die Großstadt New York. Ihre Zeitung, nun hieß sie Free Enquirer (etwa Freier Fragender), war weiterhin ein Sprachrohr gegen die Sklaverei, für freie Bildung ohne Einfluss der Kirchen, für Frauenrechte, darunter für verbesserte Scheidungsgesetze und sogar für die Geburtenreglung, also Familienplanung – wieder ein Thema, das hundert Jahre später immer noch ein Tabu war. Fanny äußerte sich auch, ebenfalls ihrer Zeit weit voraus, gegen die Todesstrafe. Neue Probleme entstanden durch die schnelle Entstehung von Fabriken, und der Free Enquirer unterstützte die politische Organisierung der Arbeiter, die gerade ihre ersten Gewerkschaften formierten.

Fanny war in den meisten größeren Städten als eindrucksvolle Rednerin sehr gefragt. Der gewerkschaftliche Verbund der Stadt Philadelphia, einer der ersten dieser Art, lud sie am 4. Juli 1829 ein; am Jahrestag der amerikanischen Revolution fragte sie, ob man damals gekämpft hätte, um »die Söhne und Töchter der Industrie Eures Landes durch … Armut, Verwahrlosung, Laster, Hunger und Krankheit zu unterdrücken.« Sie fragte, ob nicht die moderne Technik den Wert der menschlichen Arbeit niederdrücke, Menschen zu Anhängseln von Maschinen mache, und dabei Geist und Körper von Kinderarbeitern verkrüpple. Noch provokanter schrieb sie:

»Das, was die jetzige Form des Kampfes von jeder anderen in der Geschichte der Menschheit unterscheidet, ist, dass sie ein offensichtlicher, offener und eingestandener Klassenkrieg ist. … Es sind die unterworfenen Menschen der Erde, die darum kämpfen, die ›mit Stiefeln und Sporen ausgerüsteten Reiter‹ abzuwerfen …«

Man könnte vermuten, Karl Marx hätte diese Zeilen geschrieben. Doch war er zu dieser Zeit erst elf Jahre alt. Kein Zweifel, Fanny war eine Revolutionärin!

Hinzu kamen ihre Gedanken über die Religion, auch ein Thema, das bis heute Entrüstung, ja, blinde Rage auslösen kann. Eigentlich bat sie nur um Vernunft, Toleranz und eine Trennung zwischen Kirche, Staat und Schule, was völlig verfassungskonform war:

»Ich werde Ihre Ansichten nicht in Frage stellen. Ich werde mich nicht in Ihren Glauben einmischen. Ich rate nur: zu untersuchen, zu hinterfragen. Gehen Sie der Natur der Dinge auf den Grund. Suchen Sie nach der Basis Ihrer Ansichten, nach dem Für und Wider, um zu wissen, warum Sie an sie glauben, ob Sie das verstehen, was Sie glauben, stellen Sie einen Grund für den Glauben fest, der in Ihnen ist.«

Nein, sie machte sich nicht überall beliebt. Sie war die erste Frau, die Reden vor einem gemischten Publikum von Männern und Frauen hielt, was viele anmaßend, unbescheiden, fast unmoralisch fanden. Für die einen war sie edel, für andere zu »männlich«. Schon ihre neuartige Kleidung erweckte Missmut. Statt der langen, breiten, vielleicht schönen, doch gänzlich unpraktischen Kleider trug sie gelegentlich ein Leibchen mit einem Kleid, das nicht einmal bis zu den Knien reichte, dafür weite Pantalons bis zu den Knöcheln.

Manche hassten sie direkt: Sie »war keine Frau, auch wenn sie Mutter sein mag«, schrieb einer, und »vor wenigen Jahren wurden solche Frauen ausgepeitscht!« Sie wären »nur Halbfrauen, geistige Zwitter.« Ein Pfarrer namens Harrington ließ, um Fanny zu widerlegen, mehrere Frauen auf die Frage, ob sie breitere Interessensphären suchten, bieder antworten: »Nein, die Männer sollen sich um die Politik kümmern, wir kümmern uns um die Kinder!«

Die Presse versuchte, sie (und Owen) lächerlich zu machen. Eine Karikatur zeigte eine Frau am Rednerpult – mit dem Kopf einer Gans. Dahinter hielt ein schwächlich aussehender Mann, also Owen, ihren Hut. Manche schlugen härter zu und nannten sie »die große rote Dirne der Untreue« oder die »Hure von Babylon«. Mitunter brauchte sie Leibwächter bei ihren Vorträgen. Trotzdem kamen viele Zuhörer; interessant war sie allemal!

In New York gründete man damals die Workingman’s Party – zum zweiten Mal riefen in den USA Arbeiter eine eigene Partei ins Leben. Der Anlass war der Versuch der Unternehmer, den in New York erkämpften Zehnstundentag wieder auf elf Stunden zu erhöhen; doch die neue Partei richtete sich auch gegen die Korruption in der Politik und gegen Banker, die sie »die größten Schurken, Hochstapler und Wichte des Zeitalters« nannte. (Daran hat sich seitdem wohl nicht allzu viel verändert.)

Die Zeitung von Fanny und Robert Dale Owen wurde die Stimme der neuen Partei, die in den Wahlen von 1829 überraschende Erfolge feierte, sogar im Norden des Bundesstaates New York. Dort wurde ein Zimmermann, führend in seiner Gewerkschaft, ins Parlament gewählt, damals ein echtes Novum.

Doch dann geschah, was in linksgerichteten Bewegungen und Parteien so häufig passiert. Die neue Partei zerfiel infolge sich befehdender Flügel. Dabei nahmen gerade Fanny Wright und Robert Dale Owen eine fragwürdige Position ein. Sie unterschätzten den Kampf der Gewerkschaften für bessere Bedingungen – was die Partei so kraftvoll gemacht hatte – und rückten stattdessen die Frage der Schulbildung in den Vordergrund. Ihre Argumentation: Auch wenn das Schulgeld ganz abgeschafft werde – dafür wurden zu der Zeit in den USA viele erfolgreiche Kämpfe geführt – und die Kirche aus dem Schulsystem endlich verbannt werden könne: die Einflüsse des Elternhauses und vor allem ihre soziale Stellung würden Kinder aus armen Verhältnissen bei der Bildung stark benachteiligen. Das war gewiss richtig. Doch leider schlugen sie etwas vor, was für die meisten Eltern unannehmbar war: Alle Kinder auf gleicher Basis zu kleiden, zu ernähren und zu bilden, indem man sie im Alter von etwa zwei Jahren in gemeinsamen Wohn- und Schulinstitutionen zusammenbrächte, wo sie nur am Wochenende besucht werden durften. Die Frage der Bildung nahm im innerparteilichen Disput einen übergroßen Stellenwert ein, Arbeiterziele wurden weniger betont, zudem sickerten zweifelhafte Akteure in die Partei ein, und bei den Wahlen von 1830 spaltete sie sich in drei verschiedene Kandidatenlisten. Keine kam gut weg, und bald hatte sich die Partei selbst disqualifiziert. Ihre großen Tage waren nur kurz, wenngleich historisch. Und leider schrieb die Presse dabei von der »Fanny-Wright-Partei«, um zugleich eine ebenso historische Persönlichkeit zu attackieren.

Bald kehrte Fanny der aktiven Politik den Rücken. 1830 zog sie mit der kränkelnden Camilla nach Europa zurück. Als ihre geliebte Schwester und ständige Begleiterin kurz darauf starb und sie allein ließ, heiratete sie 1831 einen französischen Arzt, der zeitweilig Lehrer an der Schule von New Harmony gewesen war. Er – und nun sie auch – trug den imposanten Familiennamen Phiquepal d’Arusmont.

Sie zogen 1835 aus Frankreich nach Cincinnati in Ohio, wo ihre Ehebeziehung immer schwieriger wurde. Langwierig stritten sie vor Gericht; am Ende gewann ihr Mann erwartungsgemäß die Kontrolle über ihr gesamtes Eigentum, sogar über ihre Verdienste durch Bücher und Vorträge. Als sie sich 1850 scheiden ließen, hielt ihre Tochter zum Vater. Fanny, einst die kämpferische Rebellin, wohnte nun in Not und recht verbittert – auch über jene USA, die sie als Heimat angenommen hatte –, bis sie 1852 eines Tages auf einer vereisten Treppe ausrutschte, sich die Hüfte brach und an den Folgen bald darauf, fast völlig allein, mit 57 Jahren starb. Auf ihrem Grabstein stehen, wie sie es wünschte, die Worte:

»Ich habe mich mit der Sache der Verbesserung der Menschheit vermählt und dafür mein Vermögen, meinen Ruf und mein Leben eingesetzt.«

Das war nicht übertrieben. Fanny Wright wagte es, sich laut und klar gegen die Sklaverei auszusprechen, sie forderte Gleichheit in der Bildung – in allen Fragen war sie ihrer Zeit voraus, manchmal Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte. Sechs Jahre nach ihrem Tode sagte die ebenso kämpferische Polnisch-Amerikanerin Ernestine Rose:

»Frances Wright war die erste Frau in diesem Lande, die über die Gleichheit der Geschlechter sprach. Vor ihr lag in der Tat eine schwierige Aufgabe. Die Elemente waren völlig unvorbereitet. Sie musste die seit langer Zeit verkrustete Erde des Konservatismus aufbrechen, und der Lohn dafür war ihr sicher – der gleiche Lohn, den stets jene bekommen, die die Avantgarde einer großen Bewegung bilden. Sie wurde zur Zielscheibe von öffentlichem Hass, von Verleumdung und Verfolgung. Doch war das nicht das Einzige, was sie bekam. O, sie bekam ihren Lohn – jenen Lohn, den keine Feinde ihr nehmen konnten, den keine Verleumdung weniger wertvoll machen konnte – den ewigen Lohn des Wissens, dass sie ihre Pflicht getan hatte.«

* * *

Robert Dale Owen ging es übrigens viel besser. 1832 gab er die Zeitung auf, heiratete und kehrte nach New Harmony zurück. Er wurde ins Parlament des Bundesstaates Indiana gewählt, später auch zweimal als Abgeordneter des US-Kongresses. Er war es vor allem, der den berühmten, offiziellen Museumskomplex in Washington, das Smithsonian Institute, gründen ließ. Er blieb auch zeitlebens bei seinen alten Prinzipien: für ein Schulsystem, umsonst und für alle gleich, für das Recht von Ehefrauen und Witwen, über das eigene Vermögen verfügen zu können, für ein erleichtertes Recht für Frauen, sich wegen repressiver Eheverhältnisse scheiden zu lassen. Vor allem blieb er aktiv gegen die Sklaverei. 1863, während des Bürgerkrieges, drängte er Präsident Lincoln zur Befreiung der Sklaven. Er schrieb in den USA das erste Buch zur Unterstützung der Geburtenkontrolle, also von Familienplanung – ein mehr als gewagtes Thema. In seinen alten Jahren interessierte er sich für Spiritualismus, was damals in großer Mode war. Er starb 1877, 25 Jahren nach Fanny, und wurde in New Harmony begraben. Wie eng ihre Beziehung waren? Sie waren gewiss recht eng – und für sechs dramatische Jahre wohl auch recht glücklich.

4.Eine Literatin kommt zur RevolutionMargaret Fuller (1810–1850)

Margaret Fuller war erst zehn Jahre alt, als sie schrieb: »Am 23. Mai 1810 wurde eine geboren, die zur Trauer und zum Schmerz vorbestimmt wurde und, wie andere auch, um Missgeschick zu erleiden.« Damit meinte sie sich selbst.

Wäre sie etwas später zur Welt gekommen, sie wäre wahrscheinlich glücklicher gewesen. Wie Fanny Wright war sie eine kluge, engagierte Vorkämpferin, eine Wegbereiterin, deren Leben, wie sie vorausgesehen hatte, von Tragik geprägt war.

Ihr Vater, ein prominenter Rechtsanwalt und Kongressabgeordneter, wollte einen Jungen haben. Später bekam er fünf davon, doch Margaret war zuerst da – und war nun ein Mädchen. (Eigentlich hieß sie Sarah, mit neun Jahren verwarf sie diesen ersten Vornamen.) Was damals recht ungewöhnlich war: ihr Vater beschloss, ihr genau die gleiche Bildung zu bieten wie einem Sohn. Und was für eine Bildung! Es hieß, dass sie mit dreieinhalb Jahren lesen und schreiben konnte, mit fünf den altrömischen Dichter Vergil übersetzte und bald Altgriechisch konnte. Als Teenager musste sie von fünf Uhr früh bis elf Uhr nachts studieren, sie las literarische und philosophische Werke in vier Sprachen, dazu kamen Klavierspielen, Singen und dazwischen etwas Spazieren. Wohl vom Studium zu viel und von Letzterem zu wenig: Albträume und Migräneschmerzen quälten sie das Leben lang. Sie wurde zu einem studierten, frühreifen, nicht allzu mädchenhaften Menschen, der es nicht leicht hatte, Schulfreundinnen zu gewinnen. Oder Freunde. Nach zwei Jahren in einer »Schule für junge Damen« meinte sie: »Ich habe das Gefühl bekommen, dass ich nicht zu dem allgemeinen fraulichen Los geboren wurde.« Mit sechzehn Jahren setzte sie ihre Bildung zu Hause fort und wurde nach einigen Jahren zum wohl belesensten Menschen in ganz Neuengland, ob Mann oder Frau.

Zu der Zeit feierte Boston den fünfzigsten Jahrestag einer berühmten Schlacht im Unabhängigkeitskrieg. Marquis de Lafayette, der französische Held dieser amerikanischen Revolution, legte dort bei seiner USA-Rundreise den Grundstein eines großen Denkmals. Weil Fanny Wright und ihre Schwester ihn damals begleiteten und Margaret Fuller Zuschauerin war, kreuzten sich zufällig – und wohl einmalig – die Wege der beiden Kämpferinnen für Frauenrechte, als die eine dreißig, die andere fünfzehn war.