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Baronin Luise von Callenhoff lädt zur Sommerfrische in ihre Villa. Im adriatischen Frühsommer, umgeben von Pinien und der rauen Schönheit des Triester Karsts, verbringen drei Frauen und drei Männer wonnige Tage. Sie speisen, trinken und tanzen, wandern und baden im Meer. Inspector Bruno Zabini ist einer von Luises Gästen und überrascht von der freizügigen Leichtigkeit, mit der die Gäste unter Luises Führung die Konventionen der k.u.k. Gesellschaft brechen. Was keiner ahnt: Die illustre Gesellschaft wird von argwöhnischen Augen beobachtet.
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Seitenzahl: 432
Veröffentlichungsjahr: 2026
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GünterNeuwirth
Reigen in Triest
Roman
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Satz: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Triest. Schloss Miramare in der Bucht von Grignano bei Triest. Um 1900. Photochrom
ullstein bild – brandstaetter images / Archiv Dr. Samsinger
ISBN 978-3-7349-3634-0
Die aufgehende Sonne füllte das Küstenland mit Helligkeit und Farbe. Luise Dorothea von Callenhoff trat im Nachthemd auf die Veranda, lehnte sich an das hölzerne Geländer und holte tief Luft. Der Pinienhain, in dessen Mitte sich ihre Villa befand, lag in beschaulicher Stille. Sie hob den Blick empor zum wolkenlosen Himmel. Ein lauer Windhauch strich über ihr Gesicht. Sie fühlte sich ausgeruht und vital.
Luise lauschte dem Gesang der Vögel. Bald würde sie aufbrechen, um ihre Gäste aus Graz zu empfangen. Sie hatte veranlasst, dass eine Kutsche sie knapp nach Sonnenaufgang abholen würde, um sie zum Bahnhof zu bringen. Bei zügiger Fahrt würde sie in zehn Minuten dort sein. Sie plante, den Frühzug in Richtung Triest bis zur Haltestelle Miramare zu nehmen. Im dortigen Schlosspark würde sie auf Carolina von Urbanau und Arthur von Brendelberg treffen.
Ihre junge Freundin Carolina und ihr Verlobter waren in Graz in den Schlafwagen nach Triest gestiegen. Deren Plan war es, sich vom Bahnhof zum berühmten Castello di Miramare kutschieren zu lassen. Gemeinsam wollten sie im Park spazieren, im Kaffeehaus in Grignano frühstücken und dann den Vormittagszug nehmen. Der Kutscher in Sistiana hatte von Luise den Auftrag erhalten, alle ihre Gäste in ihre Villa zu bringen, egal, wann sie am Bahnhof ankommen würden.
Am späten Vormittag würden Fedora und Sergio mit dem Zug aus Triest eintreffen.
Bruno hatte sein Kommen im Laufe des Tages angekündigt, jedoch keine genaue Zeit genannt. Luise hoffte, er würde so bald wie möglich zu ihnen stoßen.
In all den tosenden Stürmen der letzten Jahre war ein Mann trotz schweren Seegangs und wütend überkommender Fluten an Deck geblieben und hatte ihr geholfen, ihr Schiff auf Kurs zu halten. Sie war nicht gekentert, war nicht schiffbrüchig geworden, war nicht im dunklen Reich des Poseidon verloren gegangen. Im Gegenteil, sie war in das Licht des Gottes Eros getreten, jenes Sohnes der Aphrodite und des Ares, dem die alten Griechen die begehrliche Liebe zumaßen.
Sie umschlang ihre Schultern, biss auf ihre Unterlippen und legte ihren Kopf in den Nacken. Für eine Weile schloss Luise die Augen und träumte. Bruno berührte sie an den Schultern, strich über ihren Rücken, er küsste ihren Nacken. Ein wohliges Gefühl machte sich in ihr breit. Wäre er nur schon da. Vor drei Wochen hatte sie ihn zuletzt getroffen. Jeder dieser Tage war ein Tag zu viel.
SignoraLatini trat aus dem Haus. Luise hörte die Schritte ihrer Haushälterin und wandte sich ihr zu.
Elsa Latini machte einen Knicks. »Baronessa, die Kutsche nähert sich dem Haus.«
»Vielen Dank, dann beeile ich mich beim Ankleiden.«
*
Luise saß im Regionalzug und ließ den Blick sinnierend durch das Fenster schweifen. Als sie vor Jahren in der Stille ihrer entlegenen Villa gelebt hatte, hatte sie einer Wäscherin gleich schlichte Kleider aus ungefärbtem Leinen getragen. Jetzt, da sie ihre Freunde treffen würde, hatte sie ihrem Stand und der Jahreszeit gemäße Kleidung gewählt. Sie strich über die Ärmel des hellen Sommerkleides.
War sie damals ein Gespenst gewesen?
Ja, war die Antwort. Rund zwei Jahre lang war Luise weniger ein Mensch, sondern vielmehr eine Schattengestalt im Zwielicht gewesen.
Vor wenigen Wochen hatte sie ihren achtundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Ein verschlungener Pfad lag hinter ihr, fast drei Jahrzehnte wechselvollen Lebens. Zuerst ihre unbeschwerte Kindheit als das fünfte und jüngste Kind des Baron Kreutberg in den grünen Bergen der Krain. Ihre frühen Jahre hatten gezeigt, wie leicht es ihr fiel, Sprachen, Geografie und Geschichte zu erlernen, auch das Spiel auf dem Klavier bereitete ihr nicht nur Freude, sondern geriet schnell zu Könnerschaft. In einer Welt, in welcher sich der Wert eines heranwachsenden Mädchens aus adeligem Hause nach den Möglichkeiten auf dem Heiratsmarkt richtete, war Luise für ihre Familie ein kostbarer Schatz. Sie war ausgesprochen hübsch, gelehrig und wohlerzogen. Also trachtete Baron Kreutberg danach, seine jüngste Tochter gut zu vermählen. Bevor Luise reif genug war, sich über ihr zukünftiges Leben selbst Gedanken zu machen, war sie mit dem um fünfzehn Jahre älteren und äußerst wohlhabenden Baron Callenhoff verheiratet worden.
Helmbrecht Engelbert von Callenhoff war das Zerrbild eines Ehemannes gewesen, er hatte Luise kostbare Jahre vergällt, sie mit schwarzer Molasse überzogen und in ihr den Wunsch genährt, dem verfluchten Leben zu entkommen. Anderthalb Jahre war sie seiner Rohheit, Herzlosigkeit und Gewalttätigkeit ausgesetzt gewesen, so lange, bis sie dem Baron, ihrem Gemahl, einen gesunden Erben von Stand geboren hatte. Gerwin war Luise nach wenigen Wochen Mutterschaft buchstäblich von der Brust gerissen und der alten Baronin Callenhoff übergeben worden. Ihr Gemahl hatte die von Krisen gepeinigte junge Mutter in ein Sanatorium verfrachtet, alle ärztlichen Rechnungen bezahlt und sich nicht weiter um das Befinden seiner Ehefrau gekümmert.
Es hatte rund zwei Jahre gedauert, bis Luise sich gefangen und zaghafte Versuche unternommen hatte, in das Leben der Menschen zurückzukehren. Ohne die Therapie des überaus fähigen Nervenarztes Dr. Samigli wäre dies niemals möglich gewesen. Vorsichtig hatte sie mit der Unterstützung des Arztes das Tor des dunklen Kerkers ihrer Verzweiflung geöffnet, um die Erinnerung an Helligkeit und Freude einzulassen.
Bei einem Spaziergang in der Baia diSistiana war sie zu ihrer grenzenlosen Überraschung im gleißenden Licht der Sonne einem Mann begegnet, der beim ersten Blickkontakt einen Funken in ihr geschlagen hatte. Mit seinen drei Kameraden war Bruno im Vierer von Triest nach Sistiana gerudert, vier Sportsmänner beim Training für eine Regatta. In der Marina hatten sie sich das erste Mal gesehen. Schon die erste Begegnung ließ eine schicksalhafte Wendung erhoffen, und tatsächlich, in Brunos Gesellschaft hatte sich der Wind ihres Lebens gedreht. Erst als sie ihn getroffen und nach und nach kennengelernt hatte, war ihr gewahr worden, dass das Leben als erwachsene Frau sich nicht nur in Angst, Einsamkeit und Kummer erschöpfte, sondern auch aus Freude, Zuversicht, Sinnlichkeit und Begehren bestehen konnte.
Und dann war im letzten November Helmbrecht von Callenhoff auf einer seiner zahlreichen Reisen in den brasilianischen Tropen an Malaria erkrankt und in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr an einem schweren Fieberschub in Übersee verstorben. Nur einen Monat später war Luises Schwiegermutter Gerlinde von Callenhoff nach kurzer schwerer Krankheit in Abbazia verschieden. Sowohl der Gewalttäter Helmbrecht als auch der böse alte Drache Sieglinde von Callenhoff hatten die Welt verlassen. Luise hatte ihren Sohn endlich aus den Fängen seiner Großmutter befreien können, nach fast fünf Jahren hatte sie ihn wiedergesehen. Seit November letzten Jahres lebten Gerwin und sein herzensgutes Kindermädchen Grete bei ihr.
Und auch ihre Beziehung zu Bruno brauchte kein wohlgehütetes Geheimnis zu bleiben. Luises Leben hatte sich in wenigen Monaten völlig verändert. Sie war zu einer selbstbewussten und lebenserprobten Frau geworden, und solange Helmbrechts alleiniger Erbe Gerwin noch ein Kind war, verfügte sie über die Ländereien, das beträchtliche Vermögen und die Erträge aus der Handelsagentur.
*
Luise trat auf den Bahnsteig. Für die kurze Fahrt von Sistiana nach Miramare, den Spaziergang und den Kaffeehausbesuch hatte sie natürlich nur eine kleine Handtasche und einen Sonnenschirm mitgenommen. Sie freute sich auf Carolina und Arthur.
Am Sonntag war sie nach einem Besuch zwei ihrer Schwestern zurück in die Küstenlande gekommen. Zuerst hatte sie Therese in Mariazell zur Wallfahrt getroffen und sich dann mit Gerwin und Grete über eine Woche in Thereses Haus in Bad Ischl aufgehalten. Therese war acht Jahre älter als Luise und seit ihrer letzten Begegnung in Wien hatten sie einander mehrere Briefe geschrieben.
Nach dem Aufenthalt im Salzkammergut waren sie zu dritt zu Sylvia nach Brünn gefahren. Sie hatte ihren Neffen im April zum ersten Mal gesehen und war seither vernarrt in den Knaben. Sylvia hatte Luise geradezu bestürmt, bald wieder nach Brünn zu reisen. Luise und Sylvia trennten zwei Jahre, dadurch waren sie nicht nur Schwestern, sondern seit ihrer Kindheit sehr enge Freundinnen. Und sie sahen einander ähnlich. Alle vier Töchter des Baron Kreutberg sahen einander ähnlich, sie waren groß gewachsen, blond und blauäugig, wenngleich so manche Freunde der Familie hinter vorgehaltener Hand murmelten, dass von den vier Schwestern die jüngste die Hübscheste sei.
Einmal im Jahr, zum Hochzeitstag ihrer Eltern, trafen sich die vier Schwestern und ihr Bruder, der, wie es die Erbfolge bestimmte, nach dem Tod des Vaters den Titel Baron Kreutberg übernehmen würde. Die vier Schwestern waren über die ganze Monarchie verstreut verheiratet worden, Therese hatte es nach Bad Ischl und Sylvia auf ein Landgut in der Nähe der mährischen Stadt Brünn verschlagen. Noch während ihrer Ehe mit Helmbrecht hatte sich Luise, so oft und so lange es ihr möglich war, bei ihrer Schwester in Mähren aufgehalten. Sie hatte damit versucht, der Tristesse und der Einsamkeit in der Villa in Sistiana zu entkommen. Ja, ihr verstorbener Ehemann hatte keine Kosten gescheut, seine aus seiner Sicht überspannte Ehefrau in einen goldenen Käfig zu sperren und ihr somit die Teilhabe am Leben zu verwehren. Bei jedem Besuch ihrer Schwester hatte sie wieder wahre Freude erlebt, Sylvia und ihr Ehemann Ernst liebten einander, sie behandelten ihre drei Kinder hingebungsvoll, und ja, Sylvia war erneut schwanger geworden und würde im Spätsommer ein viertes Kind gebären.
Früher, als sie noch allein gewesen und mit dem Zug von ihrer Schwester zurück in die Küstenlande gereist war, hatte sie mit jedem auf der Bahnstrecke zurückgelegten Kilometer anschwellende Melancholie verspürt. Aus dem heiteren Leben zurück in die stille Einsamkeit der entlegenen Villa. Es waren zwei furchtbare Jahre gewesen, der Aufenthalt in der Nervenklinik und später im Sanatorium in Karlsbad hatten nur die schlimmsten Spuren ihres Zusammenbruchs gelindert. In den Monaten nachdem Gerwin ihr entrissen worden war, hatte sie sich nur deswegen nicht von den Klippen ins Meer gestürzt, weil sie sich für diese Anstrengung zu schwach gefühlt hatte.
Erst als Dr. Samigli ihr geraten hatte, ihre verwirrten Gedanken und irrlichternden Gefühle niederzuschreiben, hatte Luise bemerkt, dass diese Notizen ihr nicht nur Erleichterung verschafften, sondern auch interessante literarische Texte hervorbrachten. Schon in Kürze hatte sich ihre Lage merklich gebessert. Wie ein fernes Leuchtfeuer in dunkler Nacht auf hoher See hatte sich für Luise ein der Literatur gewidmetes Dasein als Möglichkeit des Lebens, ja des Überlebens gezeigt.
In diesem Moment der Hoffnung war auch Bruno in ihr Leben getreten.
Gerwin und sein Kindermädchen Grete waren noch in Mähren geblieben. Sylvias Söhne und ihre Tochter hatten den sechsjährigen Gerwin wie selbstverständlich in ihrer Mitte aufgenommen, sodass es sowohl Luise als auch Sylvia zumutbar erschienen war, ihn und Grete noch zwei weitere Wochen im Hause ihrer Schwester zu beherbergen.
Luise würde sich also in den kommenden Tagen ganz und gar ihren Gästen widmen können. Sie freute sich darauf. Während sie sich zum Frühstück mit Carolina und Arthur traf, würde SignoraLatini die Speisen für die nächsten Tage vorbereiten. Ein Braten schmurgelte wohl schon im Backrohr, Gulasch, Lammfleisch und Gemüsesuppe würden bald auf der Herdplatte dampfen. Gestern hatte SignoraLatini Brot, Strudel und Kipferl gebacken. Die Speisekammer war reichhaltig gefüllt.
Elsa Latini gab sich bei ihrer ersten Arbeit als neue Haushälterin besondere Mühe. Mehrere Jahre hatte ihre ältere Schwägerin Gisela diese Stelle innegehabt. Da Luise nun nicht mehr allein in der Villa wohnte und Karl Doplicher schon zu alt für die Arbeit als Gärtner war, hatte Luise nach Dienstpersonal gesucht. Gisela Latini hatte den jüngeren Bruder ihres Ehemanns und seine Frau Elsa vorgeschlagen. GuidoLatini hatte fünfzehn Jahre als Zimmermann gearbeitet, aber nach einem Arbeitsunfall konnte er diesen Beruf nicht mehr ausüben. So wären das Ehepaar und deren drei Kinder beinahe in die Armut gerutscht. Luise fand es richtig, einer Familie aus dem Dorf berufliche Sicherheit und eine Heimstatt zu geben. Herr Doplicher würde im Laufe des August in eine Kammer in der Villa einziehen, Guido und Elsa Latini hingegen würden mit ihren Kindern in Zukunft im frei werdenden Gärtnerhaus wohnen. Er würde den Garten pflegen und Reparaturen im Haus übernehmen, sie würde die Hausarbeit erledigen. Ihre erste Arbeit im Haus war es, für die Baronin und ihre erlauchten Gäste groß aufzukochen.
Herr Doplicher freute sich, dass nach langen Jahren der Stille wieder Leben in das Haus einkehrte. Der alte Herr war schon ein bisschen schrullig, aber auf eine liebenswerte Art, und er mochte Kinder. Luise fand es richtig, dass der Gärtner seinen Lebensabend in der Villa verbrachte, schließlich lebte er hier schon seit über vier Jahrzehnten. Er hatte die Rückkehr der Baronin am Sonntag abgewartet, und gestern war er anlässlich seiner bevorstehenden Pensionierung zu Verwandten in die Untersteiermark gefahren und würde erst Mitte nächster Woche wiederkommen. Luise hatte selbstverständlich die Reisekosten übernommen.
*
Luise wartete auf der Zufahrtsstraße vor dem Park auf die Kutsche. Hatte der Zug Verspätung? Da entdeckte sie Carolina. Luise winkte. Carolina und Arthur erwiderten den Gruß aus der Ferne.
Der Kutscher zog an den Zügeln und betätigte den Bremshebel, der offene Einspänner kam zum Stillstand. Ehrerbietig nahm der Mann den Hut ab und grüßte die elegante Dame mit einem Kopfnicken.
Arthur von Brendelberg öffnete die Tür, stieg von der Leiter und bot Carolina seine Hand. Luise und Carolina fielen einander in die Arme.
»Meine Liebe, da bist du ja endlich«, rief Luise.
»Die Monate verfliegen, aber nun bin ich wieder in Triest.«
»Willkommen! Ich freue mich, dich zu sehen.«
»Die Freude ist ganz meinerseits.«
Die beiden Frauen lösten ihre Umarmung und Luise fasste den respektvoll wartenden Enkelsohn des Grafen Brendelberg in den Blick.
»Arthur, was für eine Freude, Euch wiederzusehen. Herzlich willkommen in den Küstenlanden hier im Schatten des Castello di Miramare.«
Arthur trat einen Schritt vor und leistete den Handkuss. »Geschätzte Luise, vielen Dank für den warmherzigen Empfang. Ich freue mich außerordentlich, wieder an der Adria zu sein. Und übergroßes Vergnügen befällt mich, bald Eure Villa und den Park zu entdecken sowie ein paar Tage Sommerfrische fernab der Stadt am Meer zu verbringen.«
»Zuerst aber wollen wir das kaiserliche Ambiente von Miramare genießen.«
Arthur bezahlte den Kutscher und gab großzügig Trinkgeld.
»Habt ihr euer Gepäck am Südbahnhof deponiert?«, fragte Luise.
Carolina schüttelte den Kopf. »Nein, Arthur hat einen Dienstmann beauftragt, die Koffer gleich in deine Villa zu verfrachten. Das macht den Spaziergang in Miramare komfortabler.«
»Wie war die Fahrt im Schlafwagen?«
»Bequem und vorteilhaft. Abends in Graz abzufahren und morgens in Triest anzukommen, ist überaus praktikabel. Nach dem Aufwachen haben wir im Restaurationswagen Tee getrunken, aber das Frühstück natürlich ausgelassen. Ich freue mich auf das Kaffeehaus.«
Arthur eilte auf die beiden Damen zu, also betraten sie zu dritt den kaiserlichen Park zur Promenade.
»Wie geht es mit deinem Tanzunterricht voran?«, fragte Luise.
»Ich mache Fortschritte. In Kindestagen habe ich ja zu meiner großen Freude Ballettunterricht erhalten, aber später hat mein Vater verboten, dass ich weiterhin tanze. Es zieme sich für die zum Fräulein herangereifte Komtess Urbanau nicht, in liederlichen Kostümen die Beine hochzuwerfen – das waren seine Worte gewesen. Frau Stadler, meine Lehrerin, versucht mir zwar immer wieder Mut zu machen, aber für die Laufbahn einer Ballerina bin ich zu alt, mehrere entscheidende Jahre der Ausbildung fehlen. Das macht mir nichts, ich muss nicht auf großen Bühnen tanzen, ich tanze, weil es mir Vergnügen bereitet.«
Luise schaute Arthur an. »Lieber Arthur, Carolina hat geschrieben, dass Ihr Euch ebenso im Tanz übt.«
Arthur nickte. »Wie ich schon als Gymnasiast in der Tanzschule zur Kenntnis nehmen musste, reicht mein Talent gerade eben für Walzer und Polka, aber an der Seite einer Grazie wie Carolina zu tanzen, ist mir ein großes Vergnügen.«
»Arthur, du stellst dein Licht unter den Scheffel«, warf Carolina ein. »Du machst als Tänzer eine sehr gute Figur.«
Luise lächelte. »Nun, gewiss ergibt sich während des Aufenthalts die Möglichkeit zum Tanz. Ich habe neue Schellackplatten erworben.«
Carolina hielt inne und blickte zum nicht besonders großen, aber umso schöneren Schloss empor. »Jedes Mal aufs Neue, wenn ich vor dem Castello stehe, bin ich von der Lage und Eleganz des Bauwerks ganz hingerissen.«
Für eine Weile bewunderten sie die Aussicht auf Schloss und Küstenlinie, dann setzten sie ihren Spaziergang fort.
Arthur ging neben Luise einher. Er räusperte sich in seine Faust. »Geschätzte Baronin, seit unserem letzten Treffen im November habt Ihr, wie ich erfahren habe, schmerzlichen Abschied nehmen müssen. Nur wenige Tage nach meiner Abreise von Triest habe ich vom Ableben des Herrn Barons gehört. Nicht nur per Brief, sondern nun auch persönlich entbiete ich Euch mein herzliches Beileid.«
»Vielen Dank für den schönen Kondolenzbrief, auch Euer persönlich zugestelltes Beileid nehme ich in aller Demut entgegen. Knapp über ein halbes Jahr nun bin ich Witwe, und es will mir scheinen, als ob sich mein Leben völlig neu entfaltete.«
»Mir war es leider nicht vergönnt, den Herrn Baron persönlich zu kennen, doch das Wirken seiner Unternehmungen ist auch in Graz wohlbekannt.«
»Helmbrecht war ein erfolgreicher Geschäftsmann, dieses Andenken muss man hochhalten. Als Ehemann hingegen war er eine Katastrophe, und ich bin mittlerweile selbstbewusst und stark genug, Euch, lieber Arthur, im Vertrauen mitzuteilen, dass mich sein Tod aus einem Kerker befreit hat«, sagte Luise mit ernster Miene, die sich aber mit einem Augenaufschlag erhellte. Sie wechselte das Thema. »Wie geht es Eurem Herrn Großvater?«
»Nun, Großvater ist lebensfroh wie immer. Wenn es nach ihm ginge, würde er noch weitere zehn Jahre seine Arbeit verrichten, aber das Alter macht sich bemerkbar. Der winterliche Aufenthalt im Kurhaus in Abbazia hat ihm gutgetan. Zum einen konnte er sich wegen der geographischen Entfernung nicht an seinen Schreibtisch setzen, zum anderen hat die Kur trefflich angeschlagen. So konnte mein Vater einen Monat lang allein die Geschäfte führen, ohne die kostbaren Ratschläge meines Großvaters.«
Luise lachte. Wie immer hörte sie die Klugheit und den hintergründigen Humor des Mittzwanzigers. Nun, Arthur von Brendelberg war nicht das, was man einen schneidigen Draufgänger nannte, er drängte sich nie in den Vordergrund, würde wohl im Verlauf des Lebens einiges an Gestalt zusetzen, er war mittelgroß und im Auftreten eher unscheinbar. Doch was Luise schon bei ihrem allerersten Treffen, als Arthur noch ein Knabe und sie selbst unverheiratet gewesen war, bemerkt hatte, war sein wacher Geist.
»Der Arbeitsethos Eures Großvaters ist über die Landesgrenzen der Steiermark hinaus bekannt.«
»Nach und nach übergibt mein Großvater die Führungsaufgaben, mein Vater verwaltet mittlerweile hauptverantwortlich das Familiengut.«
»Richtet bitte sowohl Eurem Großvater als auch Eurem Vater und Eurer Stiefmutter meine besten Grüße aus.«
»Dieser Aufgabe werde ich mit der größten Sorgfalt nachkommen.«
»Und Ihr selbst, Arthur? Wie schreitet Euer Studium voran?«
»Zufriedenstellend. Die nötigen Prüfungen habe ich absolviert, meine Dissertation ist fertig und wird vom Professor dieser Tage erstmals geprüft. Ich bin zuversichtlich, bis zur Hochzeit alle Arbeiten abgeschlossen zu haben.«
Luise klatschte in die Hände. »Bravo, lieber Arthur, ich gratuliere zu diesen Fortschritten!«
»Vielen Dank, Euer Gnaden.«
Carolina lächelte breit. »Sammelst du wieder genüsslich Ovationen für deine universitären Erfolge?«, stichelte sie hintergründig und hakte sich bei ihrem Verlobten ein.
»Nun, ich beantworte pflichtschuldig die Fragen der Baronin.«
»Carolina, du Luder«, tadelte Luise, »auch der Erbgraf Brendelberg darf von Zeit zu Zeit die Bewunderung der hingerissenen Damenwelt erheischen.«
Die drei lachten.
*
»Ich finde meine Strümpfe nicht.«
»Wie bitte?«
»Ich sagte, dass ich meine Strümpfe nicht finde«, rief Sergio.
»Deine Strümpfe sind mit hoher Wahrscheinlichkeit dort, wo du sie gestern Abend hingeworfen hast.«
Sergio verzog seinen Mund und murmelte. »Vielen Dank für die Auskunft.«
Fedora und Sergio hatten nach der gestrigen Bühnenprobe im Politeama Rossetti mit einigen Freunden in einem Bierhaus gefeiert und waren gegen Mitternacht in Fedoras Wohnung in der Via Pietro Kandler leicht angetrunken und müde ins Bett gefallen.
Fedoras Söhne Ludovico und Rudolfo waren zu einem vom italienischen Schulverein organisierten Ferienlager aufgebrochen. Die Aussicht, zwei Wochen in einem Zeltlager am bergigen Oberlauf des Piave zu verbringen, hatte die Buben begeistert. Zwei Wochen würden sie in der Wildnis leben, am Lagerfeuer gegarte Kartoffeln essen und sich in der Kunst des Bogenschießens üben. Fedora hatte sich das nötige Geld vom Mund abgespart. Das Gehalt einer Kostümbildnerin reichte in der Regel gerade aus, um den Alltag zu bewerkstelligen. Sergio mochte die beiden Buben, sie waren vorwitzig, niemals redefaul und bildeten eine verschworene Gemeinschaft. Nicht nur um Fedoras Söhne eine Freude zu machen, hatte er fünfzig Kronen zugeschossen, sondern auch, und das hatte er Fedora unmissverständlich ins Ohr geflüstert, um sie für zwei Wochen ganz allein für sich zu haben.
Da sowohl Carlo als auch Fedora Cherini katholischen Glaubens waren, konnte ihre Ehe nicht geschieden werden, so sahen es die Gesetze Österreich-Ungarns vor, aber es konnte von Gericht und Kirche eine Trennung von Tisch und Bett ausgesprochen werden. Dieses Trennungsverfahren hatte das Ehepaar Cherini einvernehmlich durchlaufen, mit der Folge, dass die Ehe zwar als heiliges Sakrament, so wie es die Kirche bestimmte, weiterhin bestand, aber dem Paar keine ehelichen Rechte und Pflichten mehr oblagen. Carlo war aus Triest fortgegangen und lebte nun mit einer Engländerin in Bombay, Fedora war mit ihren beiden Söhnen geblieben und hatte eine hübsche Wohnung und eine Arbeitsstelle gefunden.
Als sich Sergio in Fedora verliebt hatte, hatte er natürlich gewusst, dass sie eine Frau mit Vergangenheit war. Nun, sie hatte schon dreieinhalb Jahrzehnte Leben hinter sich. Er selbst war einundvierzig Jahre alt und seit einem Jahrzehnt Witwer. Man konnte doch wohl auch als Mensch in der Mitte des Lebens Freude und Vergnügen suchen. Und mit Fedora hatte er eine Frau gefunden, die ihm beides in vollen Zügen schenkte. Da seine eigene Ehe kinderlos geblieben war, fand er es nur gerecht, für die Söhne seiner Partnerin – so gut es ging – Sorge zu tragen.
Sergio kniete zu Boden und suchte seine Strümpfe unter dem Diwan. Auf dem Parkett hörte er Schritte und hob den Blick. Fedora baute sich barfuß und im Unterkleid vor ihm auf.
»Suchst du vielleicht diese hier?«, fragte sie und hielt ein Paar hoch.
Sergio breitete die Arme aus, rutschte auf den Knien auf sie zu, umfasste ihr Gesäß und presste sein Gesicht gegen ihren Bauch. »Du göttliches Geschöpf unendlicher Sinnesfreude hast mich aus prekärer Not gerettet!«
Fedora warf die Strümpfe auf den Diwan, wo auch Sergios Hose lag, und zauste sein Haar. »Bitte zügle deine Finger.«
»Wir haben uns weder gestern Abend noch heute früh geliebt, meine Schöne. Wie soll ich diese schreckliche Weile der Abstinenz weiterhin ertragen?«
Fedora entwand sich seiner Umarmung. »Indem du dich vom Boden erhebst und dich anziehst. Wir sind spät dran. In einer Stunde fährt der Zug.«
Sergio schaute auf die Pendeluhr. »Tatsächlich, es ist spät.«
Fedora ging zurück in das Schlafzimmer und bekleidete sich. Sergio setzte sich auf den Diwan und zog Hose und Strümpfe an. Wenig später saßen sie in der Küche bei Tisch, tranken Kaffee und aßen Brot.
Fedora suchte Sergios Blick. »Ich bin ein bisschen aufgeregt.«
»Du meinst wegen unserer Fahrt nach Sistiana?«
»Allerdings. Ich bin lange nicht in Luises Villa gewesen.«
»Wie ist es dort?«
»Die Lage des Grundstückes ist einmalig. Das Haus steht abgelegen inmitten eines Pinienhains, rundum liegen Hügel und kleine Felder. Zu Fuß vom Bahnhof ist es doch ein gutes Stück. Im Salon steht ein Flügel, das Haus verfügt über einen eigenen Brunnen, es gibt ein Bad und eine Wassertoilette. Luise hat mir gesagt, dass sie nach dem Tod ihres Mannes die Möblierung verändert hat. Sie hat alte Bilder abgehängt und neue angeschafft. Ich bin neugierig zu sehen, was sich alles verändert hat.«
»Wann warst du zuletzt dort?«
»Im Herbst.«
»Ich kann mich an die Schlagzeilen erinnern, als Barone Callenhoff in Brasilien verstorben ist. Es war ein Schock für ganz Triest.«
»Ich habe den Mann nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen.«
»Ich bin ihm einmal im Kaffeehaus begegnet. Er war beeindruckend, groß, kräftig gebaut, in seinem Blick konnte ich eine abartige Grausamkeit entdecken. Ich habe ihn sofort als bluttriefenden Helden in einem finsteren Bühnenstück gesehen, knapp nachdem er entweder alle seine Feinde oder die eigene Familie mit wütenden Schwerthieben niedergemetzelt hat.«
»Angeblich war er ein Scheusal. Luise hat nicht viel verraten, sie meidet es, von ihm zu sprechen. Was ich allerdings gehört habe, hätte ausgereicht, so einen Mann nach nur kurzer Ehe zu vergiften oder im Schlaf zu erdolchen.«
Sergio lachte auf. »Ist das eine Warnung, dass ich mich dir gegenüber stets ritterlich zu verhalten habe?«
Fedora zuckte mit den Schultern. »Das solltest du in jedem Fall. Aber jetzt im Ernst, ich freue mich auf die Tage in der Villa. Wie gesagt, ich war im Herbst dort, es hat tagelang geregnet. Im Sommer muss der Park ein kleines Paradies sein. Und ich freue mich sehr, Luise und Bruno wiederzusehen.«
Sergio warf seine Stirn in Falten. »Nun, auf Inspector Zabini freue ich mich nicht besonders. Und ich könnte dafür Gründe ins Treffen führen, die nicht allein mit seinem Beruf als Polizist in Zusammenhang stehen.«
»Bitte keine geringschätzigen Bemerkungen über Bruno, sonst ziehe ich dir die Bratpfanne über den Scheitel.«
»Die große aus Gusseisen oder die kleine zum Eierbraten?«
»Die kleine natürlich. Wer soll sonst mit mir in den Zug steigen?«
»Dann ist es ja gut.«
»Hoher Besuch aus der Steiermark ist angesagt. Contessa Urbanau und Arthur von Brendelberg reisen an.«
»Kennst du die beiden?«
»Ich habe sie im Herbst kennengelernt. Übrigens bist du Carolina schon begegnet.«
»Ich habe die berühmte Contessa Urbanau getroffen? Das hätte ich mir doch gemerkt.«
»Luise hat mir berichtet, dass sie dir Carolina nach einer Theateraufführung vorgestellt hat.«
Sergio hob Schultern und Hände. »Nach Aufführungen werden mir oft Dutzende Menschen vorgestellt. Keinen einzigen erkenne ich am nächsten Tag wieder. Ich kann mir nicht alle Besucher merken.«
»Du wirst sie kennenlernen.«
»Die junge Contessa soll sehr schön sein.«
»Oh, das ist sie. Wenn Luise und Carolina beieinanderstehen, weiß man nicht, welche die Schönere der beiden ist. Der auffälligste Unterschied ist, dass Luise glattes Haar hat und Carolina Locken. Ihr blonder Lockenkopf im Verein mit ihrer hübschen Stupsnase und den großen blauen Augen lässt in Scharen Männerherzen höherschlagen.«
»Nun, dann sollten wir uns schleunigst auf den Weg begeben. Nichts erhellt mir den Tag so sehr, wie die Gesellschaft schöner Frauen.«
Fedora stellte die leere Kaffeetasse ab. »Du hast recht. Um den Zug zu erwischen, müssen wir uns sputen.«
Sergio erhob sich, erstarrte kurz und schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. »Verflixt!«
»Was ist?«
»Ich habe gestern Abend das Textbuch im Theater liegen lassen.«
»Brauchst du es?«
»Unbedingt. Anfang nächster Woche beginnen die Proben. Ohne Textbuch kann ich nicht nach Sistiana fahren.«
Fedora verzog verärgert die Miene. »Hast du wenigstens gepackt?«
»Was meinst du mit gepackt?«
»Sag bloß, du hast noch nicht gepackt! Wir werden bis Sonntag in Sistiana sein.«
»Oh mein Gott, wieso habe ich nicht an das Reisegepäck gedacht?«
Fedora kniff drohend ihre Augen zusammen. »Soll das ein Scherz sein, mein Guter?«
Sergio lachte. »Jetzt habe ich dich aber an der Nase herumgeführt! Natürlich habe ich gepackt. Allein, ich habe den Koffer zu Hause stehen lassen, was bedeutet, wir müssen ins Theater und in meine Wohnung.«
Fedora zuckte mit der Schulter. »Die Kutsche bezahlst du. Mit viel Glück und starken Pferden erreichen wir den Mittagszug.«
*
Die Kutsche hielt vor der schmucken Villa, Arthur öffnete die Tür und half den Damen beim Aussteigen. Nach dem Frühstück in Grignano hatten sie sich ein bisschen beeilen müssen, um rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen. So waren sie mit dem Vormittagszug nach Sistiana gefahren und hatten dort wie vereinbart den Kutscher getroffen, der auf sie gewartet hatte.
Arthur tat ein paar Schritte und schaute sich neugierig um. »Carolina hat mir viel von Eurer Villa und dem schönen Park erzählt, aber hier und jetzt erstmals Gast zu sein, erfüllt mich mit übergroßem Vergnügen. Ich bewundere die exquisite Lage des Gebäudes inmitten des Pinienhains.«
»Ihr werdet in den nächsten Tagen ausgiebig Gelegenheit finden, den Park und das Umland zu erkunden. Ich hege die Hoffnung, dass uns das Wetter mit viel Sonnenschein und milden Temperaturen gewogen sein wird. Doch zuerst will ich euch gerne mit dem Interieur der Villa vertraut machen.«
Arthur zog seine Brieftasche und bezahlte die Fahrt, wobei er wieder reichlich Trinkgeld gab. Der Kutscher verneigte sich ehrerbietig.
Luise hakte sich bei Carolina ein und gemeinsam stiegen sie die Steintreppe empor. Arthur folgte den eleganten jungen Damen.
Carolina schaute Luise ein bisschen verzwickt an. »Liebe Luise, du erlaubst, dass ich mich nach dem Spaziergang ein wenig frisch mache? Der gute Frühstückskaffee hat meine Verdauung in Bewegung gebracht.«
»Selbstredend. Wo das Bad ist, weißt du. Ich werde mit Arthur inzwischen einen Rundgang im Salon unternehmen.«
Sie betraten die Vorhalle. Carolina verschwand im ebenerdig liegenden Bad, wobei sie die Küche durchqueren musste, in der sie die Haushälterin begrüßte.
Währenddessen führte Luise Arthur in den Großen Salon. Dieser blickte sich interessiert um.
»Was für ein gediegenes, gleichzeitig lebendiges und modernes Ambiente der Salon zu bieten hat«, lobte Arthur.
»Ich habe in den letzten Monaten viel verändert«, sagte Luise und zeigte lächelnd auf die mittelformatigen Bilder an der Wand. »Sehen Sie etwa diese Gemälde? Ich habe die grässlichen Jagdtrophäen, die der Baron als nekrophiler Waidmann und Kannibale seiner selbst an die Wand gehängt hat, umgehend entfernt und farbenfrohe Bilder appliziert. Auch sonst habe ich alle Scheußlichkeiten abtransportieren lassen und das Interieur modernisiert.«
Arthur schaute sich im Salon um. »In der Tat, Baronin, die Einrichtung wirkt überaus geschmackvoll, hell und lebensfroh. Die drei Gemälde sind gewiss von einem Maler. Der Stil ist unverkennbar.«
»Nicht von einem Maler, sondern von einer Malerin.«
Arthur trat vor das Bild in der Mitte und betrachtete es aus der Nähe. »Man möchte meinen, man steht auf der Kaimauer, schaut auf den Hafen, hört die Schreie der Möwen und das Dröhnen eines Schiffshorns. Der Leuchtturm ist unverkennbar. Ein äußerst lebendiges Gemälde vom Triester Hafen.«
»Diesen Eindruck muss man gewinnen.«
Er betrachtete die beiden anderen Bilder. Eines zeigte den Markt auf der Piazza del Ponterosso und im Hintergrund vertäute Segelschiffe im Canal Grande, das andere stellte den Colle di San Giusto mit dem Kastell und der Kathedrale dar. »Ihr müsst mich dieser Malerin vorstellen, Luise. Die Bilder sind in ihrer Farbkomposition, Stilistik und Maltechnik bestechend.«
»Carolina hat mir berichtet, dass Ihr einen Sinn für die Malerei habt, lieber Arthur.«
»Oh ja, von all den schönen Künsten ist die Malerei mir die liebste. Ich kann Tage in Kunstmuseen und Sammlungen verbringen und langweile mich nie.«
Luise schmunzelte. »Auch davon hat Carolina geschrieben.«
Arthur wandte sich Luise zu und lächelte. »Ich gebe zu, manchmal ist es für Dritte bisweilen strapaziös, mit mir Museen zu besuchen. Bei unserem Aufenthalt in Florenz hat mich Carolina mehrmals ermahnt. Wie ist der Name der Künstlerin?«
»Maria Barbieri.«
»Lebt sie in Triest?«
»Allerdings. Sie ist Brunos Schwester.«
Arthur zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »SignorZabinis Schwester ist eine derart meisterliche Künstlerin?«
»Ja. Ich habe diese Bilder bei ihr in Auftrag gegeben. Mittlerweile verdient Maria mit der Malerei mindestens ebenso viel wie ihr Mann Teodoro, der Angestellter des Österreichischen Lloyds ist. Ich hatte die Gelegenheit, das Ehepaar und ihre drei Kinder kennenzulernen. Teodoro hegt ähnlich wie Ihr, Arthur, eine große Leidenschaft für die Malerei, und ich habe den Eindruck, dass er sehr stolz ist, mit einer so talentierten und mittlerweile auch erfolgreichen Malerin verheiratet zu sein. Im Roten Salon im Obergeschoss hängen übrigens zwei weitere Bilder von Maria, die größer sind, vor allem aber stilistisch anders. Solche Bilder verkauft Maria nicht in Galerien, sondern malt sie nur für sich. Das sind abstrakte, man könnte sagen, surreale Bilder von ineinandergeschlungenen menschlichen Körpern. Wenn Ihr mich fragt, Arthur, sind das Meisterwerke erotischer Kunst. Die ich daher lieber nicht hier im Großen Salon ausstelle, wo ich Gäste empfange. Man will die Nachbarn ja nicht verschrecken.«
»Ihr macht mich sehr neugierig, werte Luise.«
Da stieß Carolina wieder zu den beiden.
»Meine Freunde, wollen wir nun einen kleinen Rundgang im Park unternehmen?«, fragte Luise.
»Du musst mir die Neuerungen des Interieurs auch demonstrieren«, verlangte Carolina. »Ich bin doch neugierig.«
Luise winkte ab. »Ja natürlich, wie konnte ich nur.«
Arthur neigte den Kopf. »Wenn die Damen beschäftigt sind, so erlaube ich mir, mich ebenfalls für ein Weilchen zu empfehlen. Die menschlichen Bedürfnisse regen sich nach der Nacht im Schlafwagen und einem üppigen Frühstück.«
»Natürlich, lieber Arthur, den Weg hat Euch Carolina ja schon angezeigt.«
Damit stapfte der Erbgraf Brendelberg ab.
»Der Salon ist sehr viel heller als früher«, schwärmte Carolina.
*
Bruno betrat mit dem Koffer in der Hand den Perron und schaute sich um. Der Eilzug stand zur Abfahrt bereit, vier moderne und komfortable Personen- und ein Gepäckwagen würden über die Karststrecke nach Laibach und von dort weiter nach Agram rollen. Um die Mittagszeit fuhr der Zug in Triest los und erreichte spätnachts die Hauptstadt des Königreichs Kroatien und Slawonien. Seit des österreichisch-ungarischen Ausgleichs 1867 gehörte das habsburgische Kronland Kroatien und Slawonien zur ungarischen Reichshälfte, genoss autonomen Status und verfügte somit über eine eigene Hauptstadt. Die Hafenstadt Fiume lag im Territorium des Kronlandes und natürlich gab es auch eine direkte Bahnverbindung nach Agram, aber Fiume war nur der zweitwichtigste Hafen der Monarchie mit Anschlüssen an den Schiffsverkehr der Adria und des Mittelmeers. Die überseeischen Verbindungen nach Asien, Afrika und Amerika führten allesamt über Triest, dem bedeutendsten Hafen der Donaumonarchie. Daher bestanden auch tägliche Zugverbindungen von Triest in alle Großstädte der Monarchie. Bruno hatte diesen Zug ausgewählt, weil er im Gegensatz zu den Eilzügen nach Wien Halt am Bahnhof Sistiana machen würde. So würde er wesentlich schneller an sein Ziel befördert werden als mit den Regionalzügen, die auf den Schienen dahinbummelten.
Wie meist wenn er am Bahnsteig ein paar Minuten Zeit hatte, ging er zum Kopf des Zuges und besah die Lokomotive. Bruno nickte unmerklich, wie erwartet war eine Lokomotive des erprobten Typs SB 32f vorgespannt.
Wo war Fedora? Vor einigen Tagen hatte er mit ihr lose vereinbart, gemeinsam nach Sistiana zu fahren. In fünf Minuten würde der Zug abfahren, die allermeisten Fahrgäste waren schon eingestiegen, die letzten Koffer, Gepäckstücke und Postpakete wurden noch verladen, die Lokomotive stand mit glühenden Kohlen auf dem Rost und noch gemächlich fauchend zur Abfahrt bereit, der Lokführer beugte sich aus dem Führerstand und schaute zum Fahrdienstleiter auf dem Perron. Bruno blickte sich um, zuckte mit den Schultern und stieg die Treppe hoch. Er hatte keine Platzkarte gekauft, weil er ohnedies nur bis zur ersten Haltestelle fahren würde.
Einer der vierachsigen Waggons war der ersten Klasse vorbehalten, zwei der zweiten Klasse und einer der dritten. Bruno hatte eine Fahrkarte für die dritte Klasse gekauft. Nicht alle Plätze auf den Holzbänken waren besetzt, er trat an zwei Frauen in schlichter Kleidung heran, wohl Mutter und Tochter.
»Entschuldigen Sie bitte, meine Damen, aber ist der Platz hier frei?«
Die ältere Dame nickte lächelnd und machte eine einladende Geste. »Ja, ist frei.«
Bruno bemerkte, dass sich manche nach ihm umsahen. Es kam nicht oft vor, dass ein eleganter Herr in einem erstklassigen Anzug sich in den Waggon dritter Klasse verirrte und sich dann auch noch setzte.
Wenig später rollte der Zug aus dem Bahnhof. Bruno schaute sinnierend zum Fenster hinaus. Er freute sich, Luise nach den Wochen der Trennung wiederzusehen. Sonntagabend war sie von ihrem Besuch bei ihren Schwestern im Salzkammergut und in Mähren zurückgekommen. Sie hatten sich zwar Briefe geschrieben, aber selbst kunstvoll formulierte Zärtlichkeiten, wie Luise sie zu Papier zu bringen verstand, ersetzten nicht die Blicke, Berührungen und Küsse der direkten Begegnung.
Der Waggon ruckelte beim Überfahren einer Weiche.
*
Carolina hatte sich bei Arthur eingehakt, Luise ging neben ihrer Freundin. Sie hatten das Haus einmal umrundet und machten nun einen Spaziergang am Rande des Pinienhains.
Arthur richtete seinen Blick zu den Baumkronen empor. »Der Bewuchs Eures Parks und die Bäume hier sind gänzlich anders als bei uns zu Hause in der Steiermark. Die Gewächse und das Ambiente sind mediterran, während das Gut meiner Familie alpin ist. Wobei, wenn man den Breitengrad betrachtet, zwischen Triest und Graz wenig Unterschied besteht.«
»Da habt Ihr recht, Arthur, sehr viel nördlicher ist Graz nicht, aber die Fauna und Flora einer Region sind nicht ausschließlich Folge des Breitengrades. Die uns umgebende Landschaft liegt an der Grenze des Karstes und der zum Teil steil abfallenden Küste. An einigen Stellen des Karstes ist es möglich, Olivenbäume zu kultivieren. Meines Wissens ist der Karst das nördlichste Anbaugebiet dieser alten Kulturpflanze.«
»Bei meinem letzten Besuch in Triest, im vergangenen Herbst, habe ich zehn Flaschen Olivenöl aus heimischer Produktion gekauft und meiner Familie geschickt. Meine Stiefmutter liebt den Geschmack von Olivenöl. Als ich das letzte Mal an der Küste weilte, hatte sie mich zuvor beauftragt, den Kauf zu tätigen. Sie kann sich ihre Küche nicht mehr ohne das goldene Öl vorstellen.«
»Olivenbäume und andere Pflanzen gedeihen hier trotz großer Wärme und Trockenheit, selbst dem kaltem Wind widerstehen sie. Man beachte nur die Zypressen in der Allee der Zufahrtsstraße und die vielen Pinien im Hain. Den Einheimischen ist die Nutzung erlaubt. Einmal pro Jahr, im Spätherbst, kommen die geschicktesten Burschen aus dem Dorf, klettern die Bäume hoch und schlagen die Zapfen mit Stangen herunter. Die Frauen und alten Männer sammeln sie ein, dann werden die köstlichen Samen ausgelöst und die Zapfen als Brennholz verwendet. Wie Ihr seht, wurden beim Haus auch nördliche Laubbäume gepflanzt, die im Sommer kostbaren Schatten werfen und so mancher Trockenheit standhalten können.«
»Buche, Linde und Ahorn sind mir schon aufgefallen.«
»Echte Baumriesen wie in der Steiermark gibt es hier nicht, denn wenn die Bora richtig wütet, würde sie hohe Bäume umwerfen. Und den alpinen Nadelgehölzen wie Fichte und Tanne ist der Boden zu trocken.«
Arthur schaute sich um. »Eure Villa, werte Luise, wird zwar vom Hain umringt, aber sonst gibt es hier keinen Schutz vor der Bora.«
»Deswegen sind die Mauern des Hauses robust gebaut, das Dach mit schweren Ziegeln eingedeckt und die Fenster mit massiven Läden geschützt worden. Bislang hat sich das Haus selbst den stärksten Böen der Bora gewachsen gezeigt.«
»Zum Glück ist ja jetzt Sommer«, warf Carolina ein, »das Wetter ist prächtig und wir müssen nicht fürchten, dass kalter Fallwind uns ins Meer weht.«
Die drei lachten.
Arthur hielt inne und holte tief Luft. »Dieser Odem des Sommers unter Pinien ist unnachahmlich, die würzige Luft ist Balsam für die Lunge.«
»Oh ja, über schlechte Luft kann ich hier nicht klagen.«
»Auch die Stille ist wunderbar. Ihr wohnt hier fast paradiesisch, Baronin.«
Carolina trat zwischen Luise und Arthur und fasste beide an den Händen. »Meine lieben Gefährten, darf ich darum bitten, euch endlich vertrauter anzusprechen. Herr von Brendelberg, Baronin, Euer Gnaden, ich will mir das nicht länger anhören. Diese Förmlichkeit schmerzt mir in den Ohren. Hättet ihr beide die Güte, euch meinetwegen zu duzen?«
Luise lächelte gewinnend. »Also von mir aus jederzeit, lieber Arthur. Bitte nenn mich bei meinem Vornamen Luise.«
Arthur zog den Hut, nahm Haltung an, verneigte sich und küsste ihre Hand. »Nun denn, Baronin, fürderhin also Luise.«
Carolina klatschte in die Hände. »Ach, wie erfreulich.«
Luise nickte zustimmend. »Oh ja, sehr erfreulich. Aber darf ich euch beiden einen Vorschlag unterbreiten?«
»Natürlich.«
»Es wird jetzt zur Mittagszeit langsam heiß. Was haltet ihr davon, wenn wir ins Haus zurückkehren und den kühlenden Schatten suchen?«
Arthur fächelte sich mit seinem Panamahut Kühlung zu. »Liebe Luise, deinem Vorschlag will ich gerne zustimmen, denn langsam setzt mir die Hitze zu.«
»Vielleicht sollten wir uns einfach luftiger kleiden«, schlug Luise vor. »Kleid, Unterkleid und Korsett sind im Sommer eine Hausforderung. Und du, Arthur, in Sakko, Weste und mit steifem Hemdkragen kannst dem Sommer wohl auch nur unter Mühen trotzen.«
Carolina wies um sich. »Hier im Park, fernab jeder Zivilisation, wird niemand daran Anstoß nehmen, wenn wir uns für die Dauer unseres Aufenthalts von den Zwängen der Konvention ein wenig lösen.«
