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Jahre sind seit der Rettung der Ringwelt verstrichen, jenes rätselhaften Kunstplaneten im All – doch jetzt geschehen dort mysteriöse Dinge. Eine unbekannte Macht zerstört eintreffende Raumschiffe. Vampire vermehren sich unaufhaltsam und bedrohen die Bevölkerung. Die Protektoren, geheimnisvolle Erbauer des uralten Artefakts, sind zurückgekehrt und bekämpfen sich gegenseitig. Louis Wu, der sich aus Gram über den mit der Rettung der Ringwelt einhergegangenen Tod unzähliger ihrer Bewohner ins Exil zurückgezogen hatte, muss einmal mehr in die Geschickte der künstlichen Welt eingreifen. Der dritte Band von Larry Nivens weltberühmtem, vielfach ausgezeichnetem Ringwelt-Zyklus
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Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2026
Larry Niven
– DerThron–
Roman
Deutsche Erstauflage
Titel der englischen Originalausgabe:
THE RINGWORLD THRONE
1. Auflage
Veröffentlicht durch den
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2024
www.mantikore-verlag.de
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © Larry Niven 1996
Deutschsprachige Übersetzung: Alfons Winkelmann
Lektorat: Anja Koda
Satz: Karl-Heinz Zapf
Cover- und Umschlaggestaltung: Rossitza Atanassova und Matthias Lück
VP: 403-214-01-06-1024
ISBN: 978-3-96188-197-0
Ringwelt
– DerThron–
Larry Niven
Prolog
TEIL EINS. Das Schattennest
Kapitel 1: Krieg der Gerüche
Kapitel 2: Erholung
Kapitel 3: Aufkommender Sturm
Kapitel 4: Das Volk der Nacht
Kapitel 5: Der Netzbewohner
Kapitel 6: Der Schneeläufer-Pass
Kapitel 7: Weggeist
Kapitel 8: Um nicht Warvia zu sein
Kapitel 9: Vertraute Gesichter
Kapitel 10: Treppenstrasse
Kapitel 11: Wächterpflicht
Kapitel 12: Abstillende Vampire
Kapitel 13: Sawurs Gesetz
Kapitel 14: Invasion
Kapitel 15: Energie
Kapitel 16: Netz von Spinnen
Kapitel 17: Krieg gegen die Dunkelheit
Kapitel 18: Kosten und Zeitpläne
TEIL ZWEI. »Tanzen, so schnell ich kann.«
Kapitel 19: Der knorrige Mann
Kapitel 20: Brams Geschichte
Kapitel 21: Physikstunden
Kapitel 22: Das Netz
Kapitel 23: Die Lauflektion
Kapitel 24: Diese Knochen
Kapitel 25: Standardeinstellung
Kapitel 26: Die Schiffswerft
Kapitel 27: Lovecraft
Kapitel 28: Die Passage
Kapitel 29: Collier
Kapitel 30: King
Kapitel 31: Der Ringwelt-Thron
Glossar
Ringwelt-Parameter
Mitwirkende
A. D. 1733 Fall der Städte: (Das Experimentalisten-Regime der Puppenspieler bringt die Supraleiter-Pest zur Ringwelt)
A. D. 2851 Erster Kontakt: Die Lying Bastard schlägt auf der Ringwelt auf
A. D. 2878: Die Hot Needle of Inquiry verlässt Canyon
A. D. 2880: Die Hot Needle of Inquiry erreicht die Ringwelt
A. D. 2881: Die Stabilität der Ringwelt ist wiederhergestellt
A. D. 2882
Der Hinterste tanzte.
Sie tanzten, so weit das Auge reichte, unter einer Decke, die aus einem flachen Spiegel bestand. Zehntausende seiner Art bewegten sich in engen Mustern, in großen, sich verändernden Kurven, die Köpfe hochgereckt und tief gehalten, um die Orientierung nicht zu verlieren. Das Klicken ihrer Hufe war Teil der Musik, wie Hunderttausende von Kastagnetten.
Tritt kurz, Tritt vorbei, ausscheren. Ein Auge auf deinen Gegenpart. In dieser Bewegung und der nächsten niemals einen Blick zur Mauer werfen, welche die Bräute verbirgt. Niemals berühren. Über Millionen von Jahren hinweg hatten der Tanz des Wettstreits und ein breites Spektrum anderer sozialer Vektoren bestimmt, wer sich begatten würde und wer nicht.
Hinter der Illusion des Tanzes ragte die Illusion eines Fensters empor, weit entfernt und riesig. Die Aussicht des Hintersten auf die Hidden Patriarch war eine Ablenkung, eine Gefährdung der Grundregeln, ein Hindernis innerhalb des Tanzes. Einen Kopf herausstecken; beugen …
Die anderen dreibeinigen Tänzer, der weite Boden und die weite Decke waren Projektionen vom Computergedächtnis der Hot Needle of Inquiry. Der Tanz bewahrte die Fähigkeiten des Hintersten, seine Reflexe, seine Gesundheit. Dieses Jahr war eine Zeit der Erstarrung gewesen, der Genesung und der Besinnung, aber solche Zustände konnten sich vom einen auf den anderen Moment ändern.
Vor einem Erdjahr oder einem halben veralteten Jahr auf der Welt der Puppenspieler oder vor vierzig Rotationen der Ringwelt … hatten der Hinterste und seine Alien-Diener ein kilometerlanges Segelschiff entdeckt, das unterhalb der Karte des Mars vertäut gelegen hatte. Sie hatten es Hidden Patriarch getauft und waren in See gestochen, hatten den Hintersten zurückgelassen. Das Fenster im Tanz des Hintersten war ein Ausblick in Echtzeit vom Netzauge im vorderen Krähennest der Hidden Patriarch.
Was das Fenster zeigte, war wirklicher als die Tänzer.
Chmee und Louis Wu räkelten sich im Vordergrund. Die rebellierenden Diener des Hintersten sahen beide etwas mitgenommen aus. Das Medizinprogramm des Hintersten hatte vor kaum mehr als zwei Jahren bei beiden ihre Jugend wiederhergestellt. Noch immer waren sie jung und gesund, aber auch schlaff und träge.
Tritt nach hinten, Hufe berühren. Herumwirbeln, Zungen streifen.
Der große Ozean lag unter einem Meer aus Nebel. Vom Wind bewegter Nebel bildete stromlinienförmige Muster über dem gewaltigen Schiff. An der Küste baute sich der Nebel auf wie eine brechende Woge. Nur das Krähennest in zweihundert Metern Höhe lugte über den Nebel hinaus. Weit im Landesinnern, weit über der weißen Decke, brachen Berggipfel durch, fast schwarz mit glitzernden Spitzen.
Die Hidden Patriarch war heimgekehrt. Der Hinterste war dabei, seine Alien-Gefährten zu verlieren.
Das Netzauge fing Stimmen auf.
Louis Wu: »Ich bin mir ziemlich sicher, dass das da der Mount Hood ist und dort der Mount Rainier. Den da kenne ich nicht, aber wenn der Mount St. Helens nicht vor fast eintausend Jahre seine Spitze weggesprengt hätte, könnte er das sein.«
Chmee: »Ein Berg der Ringwelt explodiert nur dann, wenn du ihn mit einem Meteoriten triffst.«
»Genau das wollte ich sagen. Ich glaube, wir passieren innerhalb der nächsten zehn Stunden die Karte der San Francisco Bay. Angesichts dessen, was der große Ozean an Wind und Wogen aufbaut, brauchst du eine entsprechende Bucht zum Anlegen, Chmee. Du kannst mit deiner Invasion dort anfangen, wenn es dir nichts ausmacht aufzufallen.«
»Ich falle gern auf.« Der Kzin stand auf und streckte sich mit ausgefahrenen Klauen. Zweieinhalb Meter Fell, überall ausgestattet mit Dolchen, ein lebendiger Albtraum. Der Hinterste musste sich daran erinnern, dass er nur ein Hologramm vor sich hatte. Der Kzin und die Hidden Patriarch waren 450.000 Kilometer von dem Raumschiff entfernt, das unterhalb der Karte des Mars begraben lag.
Herumwirbeln, Vorderfüße gleiten nach links, Schritt nach links. Ablenkung ignorieren.
Der Kzin setzte sich wieder. »Dieses Schiff ist vom Schicksal geschlagen, meinst du nicht? Erbaut für eine Invasion der Karte der Erde. Gekapert von Teela, nachdem sie zum Protektor wurde, für eine Invasion der Karte des Mars und des Reparaturzentrums. Jetzt kehrt die Hidden Patriarch für eine erneute Invasion der Erde zurück.«
Innerhalb des verkrüppelten, interstellaren Raumschiffs des Hintersten fegte ein auffrischender kühlender Wind durch die Kabine. Der Tanz wurde jetzt schneller. Schweißperlen tränkten die elegant frisierte Mähne des Hintersten und rollten an seinen Beinen herab.
Das Fenster gab ihm mehr als nur sichtbares Licht. Über das Radar konnte er südlich, so, wie die Karte orientiert war, die große Bucht erkennen, dazu eine Kruste uralter Städte, welche die Kzinti an ihrer Küste erbaut hatten. Die Krümmung eines Planeten hätte sie vor ihm verborgen.
»Ich werde dich vermissen«, sagte Louis.
Wenige Augenblicke mochte es so erscheinen, als ob sein Gefährte dies nicht gehört hätte. Dann sagte die große Masse orangefarbenen Fells, ohne sich umzuwenden: »Louis. Da drüben sind Lords, die ich besiegen kann, und Weibchen, die meine Kinder austragen können. Dort ist mein Platz. Nicht deiner. Da drüben sind Hominiden Sklaven, und sie sind auch nicht völlig von deiner Art. Du solltest nicht herkommen, ich sollte nicht bleiben.«
»Habe ich etwas anderes gesagt? Du gehst, ich bleibe. Ich werde dich vermissen.«
»Aber gegen deinen Verstand.«
»Hm.«
»Louis«, sagte Chmee. »Vor Jahren habe ich von dir eine Geschichte gehört. Ich muss erfahren, wie wahr sie ist.«
»Sprich weiter.«
»Nach unserer Rückkehr zu unseren Welten, nachdem wir das Schiff der Puppenspieler übergeben hatten, damit es von unseren jeweiligen Regierungen studiert werden konnte, hat Chatarra-Ritt dich eingeladen, dich nach Lust und Laune im Jagdpark draußen vor Blood-of-Chwarambr umzusehen. Du warst der erste Alien, der jemals diesen Ort betreten hat, ohne dort zu sterben. Du hast zwei Tage und eine Nacht auf dem Gelände verbracht. Wie war das?«
Louis lag immer noch auf dem Rücken. »Größtenteils hat es mir richtig gut gefallen. Größtenteils wegen der Ehre, glaube ich, aber hin und wieder muss ein Mann sein Glück herausfordern.«
»Wir haben eine Geschichte gehört, am nächsten Abend beim Bankett im Haus von Chatarra-Ritt.«
»Was hast du gehört?«
»Du warst im inneren Quadranten, unter den Importen. Du hast ein wertvolles Tier entdeckt …«
Louis schoss kerzengerade in die Höhe. »Einen weißen, bengalischen Tiger! Ich habe diesen hübschen grünen Wald entdeckt, der in all dem Rot und Orange des planetarischen Lebens der Kzinti ruhte, und ich hatte so ein Gefühl von Sicherheit, Gemütlichkeit und Nostalgie. Dann trat dieser – wunderschöne-aber-oh-verdammte-Menschenfresser aus den Büschen und betrachtete mich von oben bis unten. Chmee, er war von deiner Größe, wog vielleicht vierhundert Kilo und war unterernährt. Entschuldige, rede weiter.«
»Was ist das? Ein bengalischer Tiger?«
»Etwas von uns, von der Erde. Ein uralter Feind, könntest du sagen.«
»Man hat uns erzählt, du wärest brüsk an ihm vorbeigeschritten und hättest einen Ast aufgehoben. Hättest dich dem Tiger gestellt und den Ast wie eine Waffe geschwungen und gesagt: ›Erinnerst du dich?‹ Der Tiger wandte sich ab und verschwand.«
»Ja.«
»Warum hast du das getan? Können Tiger sprechen?«
Louis lachte. »Ich dachte, er könnte vielleicht verschwinden, wenn ich mich nicht wie eine Beute verhalte. Wenn das nicht funktionierte, dachte ich, könnte ich ihm vielleicht auf die Nase hauen. Da waren dieser zersplitterte Baum und ein Hartholzast, der genau richtig für einen Knüppel aussah. Und ich habe mit ihm geredet, weil vielleicht ein Kzin zuhörte. Als unfähiger Tourist im Jagdpark eines Patriarchen getötet zu werden, könnte schon schlimm genug sein. Als wimmernde Beute zu sterben – njet.«
»Hast du gewusst, dass der Patriarch dir einen Wächter zugeteilt hatte?«
»Nein. Ich glaubte, es könnte Monitore geben, Kameras. Ich habe dem Tiger beim Weggehen zugeschaut. Habe mich umgedreht und fand mich Nase an Nase einem bewaffneten Kzin gegenüber. Ich war zu Tode erschrocken. Hielt ihn für einen weiteren Tiger.«
»Er sagte, er hätte dich fast betäubt. Du hast ihn herausgefordert. Du warst bereit, ihn mit einem Knüppel zu schlagen.«
»Er sagte: betäubt?«
»Hat er.«
Louis Wu lachte. »Er hatte ein ARM-Betäubungsgewehr mit einem aufgesetzten Griff. Dein Patriarchat hat niemals gelernt, wie man schonende Waffen herstellt, also haben sie die von den Vereinten Nationen erworben, schätze ich. Ich habe mich bereit gemacht, den Knüppel zu schwingen. Er hat das Gewehr fallengelassen und seine Klauen ausgestreckt, und ich habe gesehen, dass er ein Kzin war, und ich lachte.«
»Wie?«
Louis warf den Kopf zurück und lachte mit weit geöffnetem Mund, wobei sich sämtliche Zähne zeigten. Für einen Kzin wäre dies eine direkte Herausforderung, und Chmees Ohren legten sich ziemlich flach an.
»Hahahaha! Ich konnte nicht anders. Ich hatte tanj Glück. Er wollte mich nicht betäuben. Er hätte mich mit einem Schwung seiner Klauen töten können, aber er hatte sich selbst unter Kontrolle.«
»So oder so, eine interessante Geschichte.«
»Chmee, mir ist etwas durch den Kopf gegangen. Wenn wir von der Ringwelt herunterkommen könnten, würdest du als Chmee zurückkehren wollen, nicht wahr?«
»Es besteht nur eine geringe Chance, dass man mich erkennen würde. Die Wiederherstellung der Jugend durch den Hintersten hat auch meine Narben ausgelöscht. Ich würde nur wenig älter erscheinen als mein ältester Sohn, der inzwischen meine Besitztümer managen muss.«
»Ja. Und der Hinterste könnte vielleicht nicht mitspielen …«
»Ich würde nicht fragen!«
»Würdest du mich fragen?«
»Das müsste ich nicht«, erwiderte Chmee.
»Mir war nicht so ganz klargeworden, dass der Patriarch vielleicht das Wort von Louis Wu akzeptieren würde, was deine Identität angeht. Aber er täte es, oder?«
»Ich glaube, dass er es täte, Sprecher-mit-Tigern. Aber du hast es vorgezogen zu sterben.«
Louis schnaubte. »Oh, Chmee, ich sterbe nicht schneller als du! Mir bleiben noch weitere fünfzig Jahre, ziemlich wahrscheinlich jedenfalls, und Teela Brown hat die magischen, medizinischen Geräte verschlackt.«
Jetzt, dachte der Hinterste, jetzt reicht es aber!
»Er musste seine eigenen medizinischen Gerätschaften auf dem Kommandodeck haben«, sagte der Kzin.
»An die kommen wir nicht ran.«
»Und die Küche hatte eine medizinische Programmierung, Louis.«
»Und ich habe einen Puppenspieler angebettelt.«
Dennoch könnte eine Einmischung sie wütend machen. Vielleicht eine Ablenkung?
Die Sprache der Puppenspieler war knapper und flexibler als jede Sprache der Menschen oder Kzin. Der Hinterste pfiff-piepste ein paar Satzbruchstücke: Befehl [] Tanzen [] ein Kompliziertheitslevel abfallen [] erneut [] gehe zu Netzauge sechs Hidden Patriarch [] übertrage/empfange [] sende visuell, Ton, kein Geruch, keine Textur, Betäuber aus. »Chmee, Louis …«
Beide vollführten einen Satz, wälzten sich dann auf die Füße und starrten umher.
»Störe ich euch? Ich wünsche, euch bestimmte Bilder zu zeigen.«
Einen Moment lang sahen sie einfach dem Tanz zu. Der Hinterste konnte sich denken, wie dumm er aussehen musste. Auf beiden Gesichtern breitete sich ein Grinsen aus; obwohl das von Louis Gelächter und das von Chmee Ärger bedeuten mochte. »Du hast spioniert«, sagte Chmee. »Wie?«
»Seht nach oben. Zerstöre es nicht, Chmee, aber schau über deinen Kopf auf den Mast, der die Funkantenne stützt. Gerade in Reichweite deiner Klauen …«
Die Gesichter der Aliens wurden sehr, sehr lang. Louis sagte: »Wie ein Spinnennetz aus Bronze mit einer schwarzen Spinne im Zentrum. Fraktale Muster. Schwer zu erkennen … auch schwer zu erkennen, wo es aufhört. Ich dachte, irgendein Insekt der Ringwelt hätte die gesponnen.«
»Es ist eine Kamera mit Mikrofon, Teleskop, Projektor und auch ein paar anderen Apparaten«, erklärte ihnen der Hinterste. »Es ist aufgesprüht. Ich habe so etwas an verschiedenen Stellen hinterlassen, nicht bloß auf diesem Schiff. Louis, kannst du deine Gäste herbeirufen?« Matritze: Befehl [] Städtebauer lokalisieren. »Ich muss euch etwas zeigen. Sie sollten das auch sehen.«
»Was tust du da? Es sieht ein wenig aus wie Tai Kwon Do«, sagte Louis.
Befehl [] Suche: Tai Kwon Do.
Die Information tauchte auf. Ein Kampfstil. Lächerlich: Seine Spezies kämpfte niemals. »Ich möchte meinen Muskeltonus nicht verlieren«, erwiderte der Hinterste. »Das Unerwartete kommt stets in den peinlichsten Augenblicken.« Ein zweites Fenster öffnete sich inmitten der Tänzer: Die Städtebauer bereiteten in der riesigen Küche eine Mahlzeit zu. »Ihr müsst sehen …«
Chmees Klauen schwangen nach den Augen des Puppenspielers. Fenster Sechs blinkte weiß und schloss sich.
Tritt. Winde dich am augenblicklichen Anführer vorbei. Steh still. Rücke einen Millimeter beiseite; steh still. Geduld.
Meiden mochten sie ihn. Sie hatten ihn jetzt für zehn Stunden gemieden, und davor für ein halbes altes Jahr; aber sie mussten essen.
Der Holztisch war gewaltig, von der Größe eines Kzinti-Banketts. Vor einem Jahr hatte der Hinterste die olfaktorische Leitung im Netzauge wegen des Gestanks nach altem Blut, das vom Tisch aufstieg, abstellen müssen. Der Geruch war jetzt schwächer. Kzinti-Tapisserien und grob geschnitzte Fresken waren entfernt worden, weil zu blutig für den Geschmack der Hominiden. Einige waren in Chmees Kabine gelandet.
Der Geruch bratenden Fleischs lag schwer in der Luft. Kawaresksenjajok und Harkabeeparolyn taten etwas in ihrer improvisierten Küche.
Ihre kleine Tochter am einen Ende des Tischs wirkte ziemlich glücklich. Am anderen Ende wartete die rohe Hälfte eines riesigen Fischs auf die Lust des Kzin.
Chmee beäugte den Fisch. »Das Glück war euch günstig«, sagte er anerkennend. Sein Blick glitt über die Decke und die Wände. Er fand, was er suchte: ein glitzerndes Spinnennetz knapp unter der großen orangefarbenen Knolle in der Spitze der Kuppel.
Die Städtebauer traten ein, sich die Hände abwischend. Kawaresksenjajok, ein Junge, knapp im Erwachsenenalter; Harkabeeparolyn, seine Gefährtin, einige Jahre älter; beide ziemlich kahl auf dem Scheitel ihres Kopfs. Ihr Haar hing seitlich daran herab und bedeckte ihre Schulterblätter. Harkabeeparolyn nahm das Kleinkind auf und gab ihm einen Schmatzer. Kawaresksenjajok sagte: »Wir verlieren dich bald.«
»Wir haben einen Spion«, sagte Chmee. »Ich hatte mir das schon gedacht, aber jetzt wissen wir es. Der Puppenspieler hat Kameras bei uns eingepflanzt.«
Der Junge lachte über seinen Ärger. »Wir täten dasselbe bei ihm. Die Suche nach Wissen ist natürlich!«
»In weniger als einem Tag werde ich frei von den Augen des Puppenspielers sein. Kawa, Harkee, ich werde euch sehr vermissen. Eure Gesellschaft, euer Wissen, eure verdrehte Weisheit. Aber meine Gedanken werden allein mir gehören!«
Ich verliere sie alle, dachte der Hinterste. Das Überleben erfordert, dass ich eine Straße baue, um sie zu mir zurückzuholen. »Leute«, sagte er, »gebt ihr mir eine Stunde, um euch zu unterhalten?«
Den Städtebauern fiel die Kinnlade herab. Der Kzin grinste. Louis Wu sagte: »Unterhalten … sicher.«
»Wenn ihr bitte das Licht ausschalten würdet?«
Louis tat es. Der Puppenspieler pfiff-sang. Er schaute durch das Display und beobachtete ihre Gesichter.
Wo das Netzauge gewesen war, sahen sie jetzt ein Fenster: ein Ausblick durch vom Wind gepeitschten Regen über den Rand einer weiten Felsplatte hinweg. Weit unten schwärmten Hunderte von bleichen Hominiden umher. Sie wirkten ziemlich gesellig. Sie rieben einander ohne Feindseligkeit, und hier und da begatteten sie sich, ohne Abgeschiedenheit zu suchen.
»Dies ist die Gegenwart«, sagte der Hinterste. »Ich habe diesen Ort überwacht, seitdem wir den Orbit der Ringwelt wiederhergestellt haben.«
Kawaresksenjajok sagte: »Vampire. Flup, Harkee, hast du jemals so viele beisammen gesehen?«
»Nun?«, fragte Louis.
»Bevor ich unsere Sonde zurück zum großen Ozean geholt habe. Ich habe sie dazu verwendet, die Netzaugen zu spinnen. Ihr seht diese Region, die wir zuerst erforscht haben, vom höchsten Bauwerk aus, das ich finden konnte, damit ich den besten Blick erhielt. Leider, leider haben Regen und Wolken die Aussicht seither getrübt. Aber, Louis, du kannst erkennen, dass es hier Leben gibt.«
»Vampire.«
»Kawaresksenjajok, Harkabeeparolyn, dies ist eine Übertragung von dort, wo ihr gelebt habt. Seht ihr, dass dort das Leben gedeiht? Ihr könntet zurückkehren.«
Die Frau wartete ab, schob ihre Entscheidung hinaus. Der Junge war hin- und hergerissen. Er sagte ein Wort in seiner eigenen Sprache, das unübersetzbar war.
»Versprich nicht, was du nicht einhalten kannst«, sagte Louis Wu.
»Louis, du bist mir ausgewichen, seitdem wir die Ringwelt gerettet haben. Du hast immer so geredet, als ob wir einen Schweißbrenner über Hunderte von Tausenden von Kilometern über unbewohntes Gebiet haben streifen lassen. Ich habe deine Zahlen infrage gestellt. Du hörst nicht zu. Sieh selbst, sie leben immer noch!«
»Wundervoll«, sagte Louis. »Die Vampire haben es überlebt!«
»Mehr als Vampire. Sieh mal!« Der Hinterste pfiff; der Ausblick zoomte auf ein fernes Gebirge.
Etwa dreißig Hominide marschierten durch einen Pass zwischen Gipfeln. Einundzwanzig Vampire; sechs der kleinen, rothäutigen Hirten, die sie bei ihrem letzten Besuch gesehen hatten; fünf von einem größeren, dunkleren humanoiden Wesen; zwei von einer Unterart mit kleinem Kopf, vielleicht nicht intelligent. Alle Opfer waren nackt, und keines versuchte zu entkommen. Sie waren erschöpft, jedoch fröhlich. Jedes Mitglied einer anderen Spezies hatte einen Vampir als Begleiter. Nur einige wenige Vampire trug Kleidung gegen die Kälte und den Regen. Die Kleidung war eindeutig geborgt und so geschnitten, dass sie einem anderen passte als demjenigen, der sie trug.
Vampire waren überhaupt nicht intelligent, zumindest hatte man es dem Hintersten so gesagt. Er fragte sich, ob Tiere Sklaven oder Viehherden halten würden … aber, schon gut. »Louis, Chmee, seht ihr es nicht? Hier sind andere Spezies, ebenfalls am Leben. Ich habe einmal sogar Städtebauer gesehen.«
»Ich erkenne keinen Krebs, und ich erkenne keine Mutationen«, sagte Louis, »aber beides muss dort sein. Hinterster, ich habe meine Informationen von Teela Brown bekommen. Teela war ein Protektor, schlauer als du und ich. Anderthalb Milliarden Tote, hat sie gesagt.«
»Teela war intelligent«, sagte der Hinterste, »aber ich betrachte sie als Menschen, Louis. Selbst nach ihrer Veränderung: Mensch. Menschen sehen einer Gefahr nicht direkt ins Auge. Puppenspieler nennt ihr Feiglinge, aber nicht hinzusehen, ist Feigheit …«
»Lass gut sein. Es ist ein Jahr her. Das Auftreten von Krebskrankheiten kann zehn oder zwanzig Jahre dauern. Mutationen erfordern eine ganze Generation.«
»Protektoren haben ihre Grenzen! Teela hatte keine Ahnung von der Macht meiner Computer. Ihr habt mich zurückgelassen, sodass ich sie einstellen konnte, Louis …«
»Lass es gut sein.«
»Ich werde weiterhin zusehen«, sagte der Puppenspieler.
Der Hinterste tanzte. Der Marathon würde andauern, bis er einen Fehler beging. Er trieb sich bis zur Erschöpfung an; sein Körper würde heilen und dann stark werden.
Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, beim Abendessen der Aliens mitzuhören. Chmee hatte das Netzauge nicht zerstört, aber sie würden unter dessen Blick keine Geheimnisse besprechen.
Sie mussten es auch nicht. Vor einem Jahr, während seine bunt zusammengewürfelte Mannschaft noch immer versuchte, die Sache mit Teela Brown und der Instabilität der Ringwelt zu richten, hatte die fliegende Sonde des Hintersten Netzaugen über die gesamte Hidden Patriarch versprüht.
Er konzentrierte sich lieber auf den Tanz.
Dafür war genügend Zeit. Chmee wäre bald verschwunden. Louis würde zum Schweigen zurückkehren. In einem weiteren Jahr würde auch er vielleicht das Schiff verlassen, würde es der Kontrolle des Hintersten überlassen. Die Bibliothekare der Städtebauer … an ihnen arbeiten?
In gewissem Sinne waren sie ihm bereits verfallen. Der Hinterste kontrollierte die medizinischen Einrichtungen der Needle. Wenn sie erkannten, dass er seine Macht zur Erpressung nutzte, erkannten sie nichts weiter als die Wahrheit. Aber er war zu direkt gewesen. Chmee und Louis hatte beide medizinische Behandlung verweigert.
Sie schritten forsch einen schattigen Korridor hinab, Louis Wu und Chmee. Bei so wenig Licht war der Empfang schlecht, aber sie würden das Netz nicht sehen. Der Hinterste bekam nur einen Teil des Zwiegesprächs mit. Hinterher spielte er es mehrmals ab.
Louis: »… Herrschaftsspiel. Der Hinterste muss uns kontrollieren. Wir sind ihm zu nahe, wir könnten ihm beträchtlich wehtun.«
Chmee: »Ich habe versucht, einen Weg zu erkennen.«
Louis: »Wie sehr? Schon gut. Er hat uns ein Jahr lang in Ruhe gelassen, dann sich mitten in einer Übungseinheit unterbrochen. Warum? Nichts an dieser Sendung erschien dringlich.«
Chmee: »Ich weiß, wie du denkst. Er hat uns belauscht, nicht wahr? Wenn ich ins Patriarchat zurückkehren kann, würde ich den Hintersten nicht benötigen, um mein Eigentum zurückzuerhalten. Ich habe dich. Du bist nicht so ganz von Wert.«
Louis: »Ja.«
Der Hinterste zog in Betracht, sich einzumischen. Um was zu sagen?
Chmee: »Über meine verlorenen Ländereien kontrollierte er mich, aber wie kontrollierte er dich? Er hatte dich über den Draht gewonnen, aber du hast deine Sucht aufgegeben. Der Autodok im Landefahrzeug wurde zerstört, aber die Küche hat doch bestimmt ein Programm, um Boosterkraut herzustellen?«
»Ziemlich wahrscheinlich. Auch für dich.«
Chmee tat das mit einem Winken ab. »Doch wenn du zulässt zu altern, hat er nichts.«
Louis nickte.
»Aber würde der Hinterste dir glauben? Für einen Puppenspieler … ich will dich nicht beleidigen. Ich bin mir sicher, dass du die Wahrheit sagst, Louis. Aber für einen Puppenspieler bedeutet es Selbstmord, wenn du zulässt zu altern.«
Louis nickte schweigend.
»Ist dies eine Rechtfertigung für eine Milliarde Morde?«
An einem anderen Abend hätte Louis das Gespräch abgebrochen. Er erwiderte: »Rechtfertigung für uns beide. Ich sterbe am Alter. Der Hinterste verliert seine Sklaven … verliert die Kontrolle über seine Umgebung.«
»Aber wenn sie überleben?«
»Wenn sie überleben. Ja. Der Hinterste hat die eigentliche Programmierung erledigt. Ich konnte in diesen Abschnitt des Reparaturzentrums nicht hinein. Er war mit Lebensbaum verseucht. Ich habe es ihm ermöglicht, einen Plasmastrahl von der Sonne über fünf Prozent der Ringwelt zu schleudern. Wenn er das nicht getan hat, dann kann ich … überleben. Also ist mir der Hinterste erneut etwas schuldig. Und das ist wichtig, wenn ich der Grund bin, dass er nicht dir etwas schuldig ist.«
»Genau.«
»Also zeige Louis eine alte Aufzeichnung und sage, dass es eine Live-Sendung ist …«
Der Wind wurde stärker, Windstöße übertönten die Stimmen. Chmee: »Was, wenn … Zahlen …«
»… Hinterste fallen lässt …«
»… Gehirn altert rascher als alles andere an dir!« Der Kzin verlor die Geduld, ließ sich auf alle viere fallen und sprang das Deck hinunter. Es spielte keine Rolle. Sie waren außer Reichweite.
Der Hinterste kreischte, als ob die größte Espressomaschine der Welt in Stücke ginge.
In seinem Gekreisch waren Tonlagen und Obertöne, die kein Wesen auf der Erde oder auf Kzin hätte hören können, darin Harmonien, die beträchtliche Informationen enthielten. Entwicklungslinien von zwei Spezies, die kaum die Steppe verlassen hatten, von den Bäumen herabgekommen waren. Anlagen für einen Apparat, der eine Sonne zu einer Eruption veranlassen, dann diese Eruption zu einem Laser machen würde, einer Kanone von Ringwelt-Ausmaßen. Spezifikationen für einen auf Quantenlevel miniaturisierten Computer, über die Kabine des Hintersten gesprüht wie eine Farbdecke. Programme von gewaltiger Resilienz und Macht.
Ihr verdorbener Ausschuss von halbwilden, halb-intelligenten Abkömmlingen! Euer erbärmlicher Protektor, eure durch Glück gezüchtete Teela, verfügte nicht über die Flexibilität oder das Verständnis, aber ihr habt nicht einmal den Willen, zuzuhören. Ich habe sie alle gerettet! Ich, mit Software aus meinem Schiff!
Ein Aufkreischen, und der Hinterste war wieder ruhig. Er hatte keinen Schritt verfehlt. Einen zurück, verneigen, während der momentane Anführer die Bräute zu einem Quadrat koppelt; eine Gelegenheit für einen Schluck dringend benötigten Wassers. Ein Kopf gesenkt zum Saugen, einer gehoben, um den Tanz zu verfolgen: Manchmal gab es Varianten.
Wurde Louis Wu allmählich senil? So rasch? Er war weit über zweihundert Jahre alt. Das Boosterkraut hatte ein halbes Jahrtausend lang etwas menschliche Gesundheit und Intelligenz bewahrt, manchmal sogar mehr. Aber ohne seine medizinischen Wohltaten könnte Louis Wu rasch altern.
Und Chmee wäre verschwunden.
Egal. Der Hinterste befand sich am sichersten, nur vorstellbaren Ort. Sein Schiff war in Kubikkilometern abgekühltem Magma inmitten des Reparaturzentrums der Ringwelt begraben. Nichts war dringend. Er konnte warten. Da waren die Bibliothekare. Etwas würde sich ändern … und da war der Tanz.
Wolken bedeckten den Himmel wie eine graue Steinplatte. Das gelbe Gras hatte ein verwelktes Aussehen; zu viel Regen, nicht genügend Sonne. Zweifelsohne befand sich die Sonne unmittelbar über den Wolken, und der Bogen war nach wie vor an Ort und Stelle, aber Valavirgillin hatte seit jetzt zwanzig Tagen keines von beiden zu Gesicht bekommen. Die Fahrzeuge rollten auf Rädern, die so hoch waren wie ein Mann, durch endlosen Nieselregen, durch hohes Gras. Vala und Kay saßen auf der Fahrerbank; Barok fuhr über ihnen als Schütze. Baroks Tochter Forn schlief unter einer Plane.
Jeden Tag jetzt – jede Stunde …
Sabarokaresh zeigte auf etwas. »Hast du danach gesucht?«
Valavirgillin stellte sich in ihrem Sitz hin. Sie konnte so gerade eben erkennen, wo die Weite des Grases sich in eine Weite von Stoppeln verwandelte.
Kaywerbrimmis sagte: »Sie hinterlassen dieses Muster. Wir werden Wachposten oder eine Erntegemeinschaft zu Gesicht bekommen. Boss, ich verstehe nicht, woher du gewusst hast, dass diese Grasriesen hier sind. Ich bin selbst niemals so weit nach steuerbord gewesen. Du, du bist aus der Center City? Das sind hundert Tagesmärsche nach backbord.«
»Hab’s irgendwo gehört«, erwiderte Valavirgillin.
Er stellte keine weiteren Fragen. Die Geheimnisse eines Kaufmanns gehörten ihm.
Sie rollten in die Stoppeln und wendeten. Die Fahrzeuge fuhren jetzt schneller. Stoppeln zur Rechten, schulterhohes Gras zur Linken. Weit voraus kreisten Vögel und tauchten hinab. Große dunkle Vögel: Aasfresser.
Kaywerbrimmis legte die Hand an seine Waffen, um sich zu vergewissern. Es waren Vorderlader, und die Läufe waren so lang wie sein Unterarm. Der große Sabarokaresh lehnte sich im Geschützturm zurück. Oben auf dem Frachtraum stand die Kanone, und die könnte nötig sein. Die anderen Fahrzeuge schwangen nach links und rechts und deckten Kays Fahrzeug, sodass er sicher nachforschen konnte.
Die Vögel drehten ab. Sie hatten überall schwarze Federn hinterlassen. Zwanzig große Vögel, vollgefressen, bis sie kaum noch fliegen konnten. Was mochte so viele genährt haben?
Leichen. Kleine Hominide mit spitz zulaufenden Schädeln. Einige lagen in den Stoppeln, einige in ungeschnittenem Gras, und der größte Teil ihres Fleischs war heruntergerissen. Hunderte! Sie hätten Kinder sein können, aber die Kinder unter ihnen waren sogar noch kleiner.
Vala suchte nach Kleidungsstücken. Auf fremdem Terrain wusste man nie, welche Hominiden intelligent sein mochten.
Sabarokaresh ließ sich zu Boden fallen, die Waffe in der Hand. Kaywerbrimmis zögerte; aber nichts schoss plötzlich aus dem Gras, und er folgte. Foranayeedli steckte schläfrig den Kopf durch das Fenster und schaute mit offenem Mund zu. Sie war ein Mädchen von etwa sechzig Falans, die gerade das Reifealter erreichte.
»Seit letzter Nacht«, sagte Kay sogleich.
Der Geruch nach Fäulnis war noch nicht stark. Wenn Ghule nicht vor den Vögeln eingetroffen waren, dann mussten diese Opfer knapp vor der Morgendämmerung abgeschlachtet worden sein. »Wie sind sie gestorben?«, fragte Vala. »Wenn das die Praxis der hiesigen Grasriesen ist, dann möchten wir gern darauf verzichten.«
»Das konnte das Werk von Vögeln gewesen sein. Zerbrochene Knochen, siehst du? Aber zerbrochen von Schnäbeln, wegen des Marks. Dies sind Ährenleser, Boss. Siehst du, so kleiden sie sich, in Federn. Sie folgen den Erntearbeitern. Die Ährenleser jagen Smeerps, Feuerpunkte, alles, was gräbt. Wird das Gras geschnitten, zeigen sich die Hügel.«
Federn, gut. Diese Federn waren schwarz, rot und purpurfarben-grünlich, nicht bloß schwarz. »Also, was ist hier passiert?«
»Ich kenne diesen Geruch«, erwiderte Forn. Unter der Fäulnis: was? Etwas Vertrautes, nicht in sich selbst unangenehm … aber es verursachte Foranayeedli Unbehagen.
Valavirgillin hatte Kaywerbrimmis angeheuert, um die Karawane zu führen, weil er ein Hiesiger war, weil er fähig erschien. Die anderen waren sein Volk. Keiner war jemals so weit nach steuerbord gekommen. Vala wusste mehr von diesem Ort als alle anderen … wenn sie sich nicht hinsichtlich des Ortes irrte, wo sie sich befanden.
»Nun, wo sind sie?«
»Beobachten uns vielleicht«, erwiderte Kay.
Vala hatte von ihrem Sitz am Bug des Fahrzeugs einen weiten Blick. Die Steppe war flach, das gelbe Gras kurz geschnitten. Grasriesen waren zwei bis zwei Meter fünfzig groß. Wo das Gras nur halb so hoch war wie sie, könnten sie sich darin verstecken?
Die Händler zogen ihre Fahrzeuge zu einem Dreieck zusammen. Ihr Mittagsmahl bestand aus Obst und Wurzeln von den Vorräten auf den Trittbrettern. Sie kochten etwas Gras von hier zusammen mit den Wurzeln. Sie hatten kein frisches Fleisch gefangen.
Sie ließen sich Zeit. An die meisten Hominiden konnte man besser nach einer Mahlzeit herantreten. Wenn Grasriesen wie Maschinenleute dachten, würden sie Fremde ihre Mahlzeit einnehmen lassen, bevor sie in Kontakt traten.
Kein Botschafter kam. Die Karawane fuhr weiter.
Drei Fahrzeuge rollten träge über die Steppe, ohne von einem Tier gezogen zu werden. Große rechteckige hölzerne Plattformen mit vier Rädern an den Ecken; der Motor, im Heck gelegen, drehte zwei weitere Antriebsräder. Der gusseiserne Frachtraum saß vor dem Motor, wie ein eisernes Haus mit einem fetten Kamin. Große Blattfedern waren unter dem Bug und unter der Fahrerbank.
Ein Wilder mochte sich über den Turm auf dem Frachtraum wundern, aber was würde er denken, wenn er nie eine Kanone gesehen hatte?
Harmlos.
Gestalten von der Färbung des goldenen Grases, Gestalten zu groß für Männer: Die beiden großen Humanoiden beobachteten von der Kuppe eines entfernten Hügels aus. Vala sah sie erst, als sich einer umdrehte und über die Steppe davonsprang. Der andere rannte die Kuppe entlang zu einer Stelle, wo die Fahrzeuge sie kreuzen würden.
Er wartete auf ihrem Weg und beobachtete sie beim Herankommen. Er war beinahe von der Farbe des goldenen Grases: goldene Haut, goldene Mähne. Groß. Bewaffnet mit einem großen Krummschwert.
Kaywerbrimmis ging dem Riesen entgegen. Valavirgillin ließ das Fahrzeug ihm folgen wie ein freundliches Reittier.
Die Distanz sorgte für merkwürdige Verzerrungen im Handelsdialekt. Kaywerbrimmis hatte versucht, Vala einige Varianten der Aussprache beizubringen, neue Worte und veränderte Bedeutungen. Sie hörte jetzt zu und versuchte zu verstehen, was Kay sagte. »Wir kommen in Frieden … wollen Handel treiben … Farsight Trading … Rishathra?«
Die Augen des Riesen flackerten hin und her, während Kay sprach. Hin und her zwischen ihren Kinnladen, Forn, Vala und Kay und Barok. Der Riese war belustigt.
Sein Gesicht war behaarter als das eines jeden Mitglied des Maschinenvolks! Um die Kinnlinie der hübschen Forn fing der Bartsaum gerade erst an zu sprießen, er war gerade lang genug, dass er sich an den Kanten lockte. Valas wurde allmählich elegant weiß, zwei Punkte am Kinn. Andere Hominide wurden allzu oft von den Bärten der Maschinenleute abgelenkt, insbesondere bei den Frauen.
Der Riese wartete Kays Geplapper ab, dann schritt er an ihm vorbei und setzte sich auf das Trittbrett des Fahrzeugs. Er lehnte sich gegen den Frachtraum und zuckte sofort vor dem heißen Metall zurück. Fand seine Würde wieder und winkte das Fahrzeug weiter.
Der große Barok hielt seinen Posten über dem Riesen. Forn kletterte zu ihrem Vater hinauf. Auch sie war groß, aber der Riese ließ sie beide kleinwüchsig erscheinen.
»Euer Lager, hier entlang?«, fragte Kaywerbrimmis.
Der Dialekt des Riesen war weniger verständlich. »Ja. Kommt. Ihr wollt Schutz. Wir wollen Krieger.«
»Wie praktiziert ihr Rishathra?« Es war das Erste, was jeder Händler zu wissen wünschte, und auch jeder männliche Beta, falls diese hier wie Grasriesen anderswo waren.
»Kommt rasch«, erwiderte der Riese. »Sonst lernt zu viel von Rishathra.«
»Was?«
»Vampire.«
Forn bekam große Augen. »Dieser Geruch!«
Kay lächelte, da er keine Bedrohung sah, sondern eine Gelegenheit. »Ich bin Kaywerbrimmis. Hier sind Valavirgillin, meine Herrin, und Sabarokaresh und Foranayeedli. In den anderen Fahrzeugen sind auch Maschinenleute. Wir hoffen, euch davon überzeugen zu können, euch unserem Imperium anzuschließen.«
»Ich bin Paroom. Unseren Anführer müsst ihr als Thurl anreden.«
Vala überließ Kay das Reden. Die Schwertsicheln der Grasriesen hatten zu wenig Reichweite. Die Waffen von Farsight Trading würden kurzen Prozess mit einem Angriff von Vampiren machen.
Das sollte den bulligen Typen beeindrucken, und dann – Geschäft.
Grasriesen, Dutzende von ihnen, zogen Wagen voller Gras durch die Öffnung in einer Mauer aus angehäufter Erde.
»Das ist nicht normal«, sagte Kaywerbrimmis. »Grasriesen bauen keine Mauern.«
Paroom hörte das. »Wir musste es lernen. Vor dreiundvierzig Falans haben die Roten gegen uns gekämpft. Wir mussten Mauern von ihnen lernen.«
Dreiundvierzig Falans waren 430 Rotationen der Sternenmuster, wo der Himmel alle siebeineinhalb Tage rotierte. Während vierzig Falans war Valavirgillin reich geworden, hatte sich begattet, hatte vier Kinder ausgetragen und dann ihren Wohlstand verspielt. Diese letzten drei Falans war sie umhergefahren.
Dreiundvierzig Falans waren eine lange Zeit.
Sie fragte oder versuchte zu fragen: »War das, als die Wolken kamen?«
»Ja, als der alte Thurl einen See kochte.«
Ja! Das war der Ort, den sie suchte.
Kaywerbrimmis tat es mit einem Achselzucken als lokalen Aberglauben ab. »Wie lange habt ihr Vampire gehabt?«
»Es gibt immer welche«, erwiderte Paroom. »In diesen letzte paar Falans sind sie plötzlich überall, jede Nacht mehr. Heute Morgen fanden wir fast zweihundert Ährenleser, alle tot. Heute Nacht werden sie wieder Hunger haben. Die Mauern und unsere Armbrüste halten sie zurück. Hier«, sagte der Wächter, »bringt eure Wagen durch die Lücke und bereitet sie zum Kampf vor.«
Sie hatten Armbrüste?
Und das Licht war im Schwinden begriffen.
Es war eng innerhalb der Mauern. Männer und Frauen der Grasriesen entluden ihre Wagen, wobei sie hin und wieder innehielten, um vom Gras zu essen. Alle blickten auf, als die Maschinenleute sich unter ihnen bewegten; sie starrten sie mit offenem Mund an und kehrten dann an ihre Arbeit zurück. Hatten sie jemals selbstgetriebene Fahrzeuge gesehen? Aber Vampire waren eine wesentlich dringlichere Sorge.
Schon säumten Männer in Lederrüstung die Mauern. Andere häuften Erde und Steine auf, um die Lücke zu schließen.
Vala spürte, wie die Grasriesen ihren Bart anstarrten.
Sie zählte grob eintausend von ihnen, ebenso viele Frauen wie Männer. Aber die Frauen waren unter den Grasriesen anderswo in der Überzahl, und sie konnte nicht ein Kind entdecken. Füge dann ein paar Hundert weitere hinzu, an Frauen, die sich irgendwo in den Gebäuden um die Kinder kümmerten.
Eine große silbrige Alien-Gestalt schritt den Hang hinab auf sie zu.
Sie hob ihren verzierten Helm und enthüllte dadurch eine goldene Mähne. Der Thurl war der größte der männlichen Grasriesen. Die Rüstung, die er trug, beulte sich an jedem Gelenk aus; er sah wie kein anderer Hominide aus, den Vala jemals gesehen hatte.
»Thurl«, sagte Kaywerbrimmis vorsichtig, »Farsight Trading ist zu eurer Hilfe gekommen.«
»Gut. Was seid ihr, Maschinenleute? Wir hören von euch.«
»Unser Imperium ist mächtig, aber wir breiten uns über den Handel aus, nicht durch Krieg. Wir hoffen, euer Volk davon überzeugen zu können, Treibstoff für uns herzustellen, und Brot, und andere Dinge. Eure Art von Gras könnte gutes Brot erzeugen; es könnte euch selbst gefallen. Diese Handfeuerwaffen reichen weiter als eure Armbrüste. Für den Nahbereich haben wir Flammenwerfer …«
»Tötungs-Dinge, nicht wahr? Unser Glück, dass ihr gekommen seid. Eures auch, Schutz zu erreichen. Ihr solltet eure Waffen jetzt auf die Mauer bringen.«
»Thurl, die großen Kanonen sind fest auf den Fahrzeugen montiert.«
Die Mauer war doppelt so hoch wie ein Maschinenmensch. Aber Valavirgillin erinnerte sich an einen hiesigen Ausdruck. »Rampe. Thurl, gibt es eine Rampe, die uns zur Mauer hinaufbringt? Wird sie unsere Fahrzeuge tragen?«
Die Farbe des Tages wandelte sich zu einem Holzenkohlengrau. Es fing an zu regnen. Weit über diesen Wolken musste der Schatten der Nacht die Sonne fast bedeckt haben.
Und es gab keine Rampe, bis der Thurl Befehle brüllte. Dann unterbrachen sämtliche der riesigen Männer und Frauen ihre Arbeit und machten sich daran, Erde zu bewegen.
Vala bemerkte eine Frau, die hochstieg, leitete, rief. Groß, erwachsen, mit einer Stimme, die Felsen zerschmettern konnte. Sie fing einen Namen auf: Moonwa. Vielleicht die erste Gattin des Thurl.
Metallener Frachtraum und metallener Motor und breite Holztrittbretter von der Dicke einer Hand: Ein Fahrzeug war schwer. Die Rampe neigte zum Zerbröseln. Die Fahrzeuge waren eines nach dem anderen hochgefahren. Die Mauer streifte ihre rechte Seite, und zehn männliche Grasriesen hoben sie links an und stabilisierten sie. Wie würden sie die Fahrzeuge wieder hinabbekommen?«
Der obere Rand war so breit wie der Radstand eines Fahrzeugs. Wächter leiteten sie. »Richtet eure Waffen steuerbordspinwärts aus. Vampire kommen von dort.«
Die Wagenmeister platzierten ihre Fahrzeuge und trafen sich dann zu einer Besprechung. »Whand, Anth, was meint ihr?«, fragte Kay. »Schrapnell in die Kanonen? Sie scharen sich vielleicht zusammen. Das tun sie oft.«
»Lass die Riesen etwas Kies sammeln«, erwiderte Anthrantillin. »Sparen wir unsere Munition. Die brauchen wir jedoch für die Handfeuerwaffen. Ausschwärmen?«
»Das möchten die Riesen«, sagte Whandernothtee.
»Ich auch«, meinte Kaywerbrimmis.
»Die Grasriesen haben Armbrüste«, warf Vala ein. »Warum machen sie sich Sorgen? Armbrüste haben nicht die Reichweite von Kanonen, aber sie gehen über den Duftstoff der Vampire hinaus.«
Die Wagenmeister sahen einander an. »Grasesser …«, sagte Anth.
»Oh, nein. Anderswo betrachtet man sie als fürchterliche Kämpfer«, sagte Whand.
Niemand gab Antwort.
Whandernothees Fahrzeug und das von Anthrantillin rollten in entgegengesetzte Richtungen davon. Im Regen und in der Dunkelheit waren sie fast unsichtbar, bevor die Kämpfer der Grasriesen sie anhielten.
»Barok, du auf den Kanonen«, befahl Kaywerbrimmis, »aber haltet eure Handfeuerwaffen bereit. Ich habe auch eine. Forn, lade nach.« Sie war zu jung, um ihr mehr anzuvertrauen. »Boss, möchtest du den Flammenwerfer?«
»So nah werden sie nie kommen«, erwiderte Vala. »Ich werfe auch ziemlich gut.«
»Dann Flammenwerfer und Handgranaten. Ich hoffe, wir werden den Flammenwerfer benutzen können. Es wäre hilfreich, wenn wir ihnen einen anderen Nutzen für Alkohol zeigen könnten. Grasriesen benötigen unseren Treibstoff nicht, sie ziehen ihre Wagen selbst. Vampire sind nicht intelligent, oder?«
»Diejenigen in der Nähe der Center City sind es nicht.«
Forn sagte: »In den meisten Sprachen heißt es das Vampir. Das ist das Pronomen für Tiere.«
An Sprache war Kay nicht interessiert. »Greifen sie an, Boss? Eine große Welle?«
»Ich habe nur einmal gegen Vampire gekämpft.«
»Das ist einmal mehr als ich. Ich hörte Geschichten. Wie war das?«
»Ich war die einzige Überlebende«, erwiderte Valavirgillin. »Kay? Nur Geschichten? Weißt du genügend, um Tücher und Treibstoff zu benutzen?«
Kay furchte die Stirn. »Was?«
… und Valas Kopf fuhr bei einem Bassruf eines Wächters herum.
Jetzt lag alles im Schatten, und ein Laut, der ein Wind sein mochte, der durch angespannte Saiten fuhr, und das Geflüster der Armbrüste. Die Grasriesen waren sparsam mit ihren Bolzen. Kugeln waren auch nicht ersetzbar, wo es keine Kundenspezies gab, die mehr herstellte.
Vala konnte noch nichts erkennen. Für die Grasriesen wäre es nicht dunkler, aber diese Ebenen waren ihre Heimat. Eine Armbrust flüsterte, und etwas Bleiches stand auf und stürzte. Der Wind nahm etwas auf … das nicht der Wind war.
Ein Lied.
»Sucht nach Weiß«, rief Forn unnötigerweise. Kay feuerte, wechselte die Waffen, feuerte.
Es war gut, dass die Fahrzeuge weit auseinander standen. Der Blitz ihrer Handfeuerwaffen war blendend. Vala dachte darüber nach, während die feurigen Ballone vor ihren Augen verblassten.
Dann wälzte sie sich unter das Fahrzeug und zog den Flammenwerfer und die Netztasche mit Handgranaten hinter sich her. Sollte das Fahrzeug doch ihre Augen vor dem Aufblitzen abschirmen.
Und die Kanone?
Rings um sie her wurde geschossen. Ihre Sehfähigkeit war wiederhergestellt. Da, eine bleiche hominide Gestalt. Eine weitere. Sie konnte zwanzig und mehr erkennen! Eine fiel, und der Rest wich zurück. Die meisten von ihnen mussten bereits jenseits der Reichweite der Armbrüste sein. Ihr Lied zerrte an ihren Nerven.
»Kanone!«, befahl Barok, und sie schloss die Augen in Moment, als er feuerte.
Feuer versuchte, die Stoppeln zu erleuchten. Da waren bleiche Körper, sechs … acht. Dreißig oder vierzig Vampire standen offen da, immer noch in Schussweite, dachte sie.
Warum sollten Männer mit Armbrüsten Vampire fürchten? Weil noch nie jemand so viele Vampire beisammen gesehen hatte!
Es war bizarr, wahnsinnig. Wie konnten sich so viele ernähren?
Vor dreiundvierzig Falans war die High Rangers Trading Group in einem Turm in einer verlassenen Stadt gestorben. High Rangers hatten in jener Nacht gegen bloß fünfzehn gekämpft. Nicht mehr als acht getötet. Der ganze Rest war gestorben, und nur ein Zufall hatte Valavirgillin gerettet.
Sie erinnerte sich an das Lied, das von der Straße heraufgetrieben war. Die Vampire, bleich, nackt, wunderschön. Das Entsetzen. High Rangers hatten von Fenstern aus der zehnten Etage geschossen und Wächter entlang des Treppenhauses hinab postiert. Einer nach dem anderen waren die Wächter verschwunden, und dann …
»Der Wind weht richtig«, sagte Kay.
»Kanone!«, befahl Barok.
Sie drückte die Lider gegen den Blitz zusammen. Baroks Kanone brüllte auf, dann eine von weiter entfernt, kaum zu hören.
Baroks Stimme war schwach. »Sie könnten umzingeln.«
»Sie sind nicht intelligent«, sagte Kay.
Links feuerte eine weitere ferne Kanone. Rechts eine weitere.
Vampire trugen keine Werkzeuge bei sich, keine Kleidung. Greife in das wunderschöne üppige aschblonde Haar eines Vampirleichnams: Du würdest viel zu viel Haar um einen kleinen, flachen Schädel vorfinden. Sie bauten keine Städte, bildeten keine Armeen, erfanden keine umzingelnden Züge.
Aber die Kämpfer auf der Mauer umschwirrten einander, zeigten hin, feuerten Bolzen in die Dunkelheit nach spinwärts und steuerbord und antispinwärts.
»Kay? Sie haben Nasen.«
Barok blickte hinab. Kay fragte: »Was?«
»Sie haben keinen Schlachtplan«, sagte Valavirgillin. »Sie meiden bloß den Geruch von fünfzehnhundert Grasriesen, den ein primitives Abwassersystem bietet. Es ist derselbe Geruch, der sie hergeholt hat! Wenn sie auf die windabgewandte Seite geraten, wird der Geruch sie nicht mehr belästigen. Und dann sind wir auf der dem Wind zugewandten Seite von ihnen.«
»Ich lasse Whandernothtee sein Fahrzeug herumdrehen«, sagte Barok und lief los.
»Tuch und Alkohol!«, brüllte Vala ihm nach.
Er kehrte zurück. »Was?«
»Gieße Treibstoff in ein Tuch, nur einen Spritzer. Lege es fest um dein Gesicht. Es hält den Geruch draußen. Sag das Whand!«
Von oben her sagte Kay: »Ich habe immer noch Ziele hier, Boss, sie sind nicht in Schussweite. Geh du los und sage Anth, er soll sich bewegen. Sag ihm etwas zu den Tüchern und dem Treibstoff. Dann könnten es die Grasriesen auch nicht wissen. Boss? Erinnerst du dich, dass ich ihnen eine Anwendung für Treibstoff zeigen wollte?«
Idiot. Sie bespritzte ein Tuch für sich selbst und nahm zwei weitere mit. Das könnte sich als dringend herausstellen.
In der Dunkelheit, und mit einem Sturz zu beiden Seiten, musste sie darauf achten, wohin sie die Füße setzte. Es hatte aufgehört zu regnen. Das Lied der Vampire trieb auf dem Wind. Sie atmete Alkoholdämpfe vom Tuch um ihr Gesicht ein. Das machte sie ganz benommen.
Aus der Ferne vernahm sie: »Kanone!«. Sie schloss die Augen, wartete das Aufbrüllen ab, ging zu dem quadratischen Schatten weiter. Sie rief: »Anthrantillin!«
»Er ist beschäftigt, Vala.« Taratarafashts Stimme.
»Er wird sehr beschäftigt sein, Tarfa. Die Vampire umzingeln uns. Holt eure Tücher raus, bespritzt sie mit Treibstoff, befestigt sie über euren Mündern. Dann bewegt den Lastwagen um ein Sechstel um den Bogen.«
»Valavirgillin, ich empfange meine Befehle von Anthrantillin.«
Dummes Weib. »Bringt das Fahrzeug dorthin, oder ihr könnt euch gleich bei den Ghulen anmelden. Bring auch Anth ein Tuch. Zuerst jedoch gib mir einen Treibstoffbehälter für die Riesen.«
Pause.
»Ja, Valavirgillin. Hast du genügend Tücher?«
Der Treibstoffbehälter war schwer. Valavirgillin war sich schrecklich der Waffen bewusst, die sie nicht trug. Als die große Gestalt vor ihr aufragte, war sie beschämend erleichtert.
Der Grasriese drehte sich nicht um. »Was macht die Verteidigung, Valavirgillin?«
»Sie umzingeln uns«, erwiderte Vala. »Ihr werdet sie in einer Minute riechen. Befestigt das hier …«
»Pfui! Was ist das für ein Gestank?«
»Alkohol. Er treibt unsere Fahrzeuge an, aber er könnte uns auch retten. Schlinge das um deinen Hals.«
Der Wächter rührte sich nicht, sah sie nicht an. Er wollte einen fremden Gast nicht beleidigen. Also: Valavirgillin hat nichts gesagt.
Sie hatte keine Zeit für Spielchen. »Zeig mir die Richtung zum Thurl.«
»Gib mir das Tuch!«
Sie warf es ihm lässig hin. Er schnaubte angewidert, aber er befestigte es um seinen Hals. Daraufhin zeigte er in eine Richtung, aber sie hatte bereits den Glanz der Rüstung des Bullen gesehen.
Der Bulle blickte auf das Tuch in ihren Händen, sogar während er vor dem Gestank zurückwich. »Aber warum?«
»Du weißt nichts über Vampire?«
»Wir haben Geschichten gehört. Vampire sterben ziemlich leicht, und sie denken nicht. Was das Übrige betrifft … sollte das Tuch unsere Ohren bedecken?«
»Warum, Thurl?«
»Damit sie uns nicht zu Tode singen können.«
»Kein Laut. Geruch!«
»Geruch?«
Grasriesen waren keine Idioten, aber … sie hatten kein Glück gehabt. Zunächst einmal musste jemand einen Vampirangriff überleben. Selbst wenn ein Kind überlebt, wird es nicht wissen, warum alle Erwachsenen dahingegangen sind. Sie, Kay, irgendwer hätte dieses Thema trotz aller Eile anschneiden müssen.
»Vampire senden einen Sexduft aus, Thurl. Deine Lust erhebt sich, und dein Gehirn schaltet ab, und du gehst los.«
»Der Gestank deines Treibstoffs, der kuriert das Problem? Aber gibt’s da nicht ein anderes Problem? Wir hören von euch Maschinenleuten und eurem Imperium des Treibstoffs. Ihr überzeugt andere hominide Spezies, Alkohol für eure Wagen zu produzieren. Sie lernen, ihn zu trinken. Sie verlieren das Interesse an der Arbeit, am Spiel und am Leben selbst, an allem, außer dem Treibstoff, und sie sterben jung.«
Vala lachte. »Vampirgeruch erledigt das alles, bevor du hundert Atemzüge nehmen kannst.« Dennoch hatte der Thurl in gewisser Hinsicht recht. Möchten wir betrunkene Armbrustschützen, während Vampire die Mauer umzingeln?
»Ist Treibstoff besser? Starke Kräuter ausprobieren?«
»Wann kannst du diese Kräuter pflücken? Ich habe den Treibstoff jetzt, nicht morgen.«
Der Bulle wandte sich von ihr ab und brüllte Befehle. Die meisten der Männer waren jetzt auf der Mauer, aber die Frauen rannten los. Bündel von Tuch tauchten auf. Frauen stiegen die Mauer hoch und liefen über die Mauerkrone zu den Fahrzeugen. Vala wartete mit aller Geduld, die sie aufbringen konnte.
Der Bulle brüllte: »Komm!« Er betrat ein irdenes Gebäude, das zweitgrößte.
Stoff war über den oberen Teil der irdenen Wand und einen Pfahl in der Mitte gespannt. Hier lagen große Haufen getrockneten Grases, aber auch andere Pflanzen, tausende von Düften. Der Bulle zerrieb Blätter unter ihrer Nase. Sie scheute zurück. Ein anderes Blatt; es roch wie Ingwer. Ein weiteres.
»Versucht sie alle«, sagte sie, »aber versucht auch Treibstoff. Wir werden herausfinden, was am besten funktioniert. Warum bewahrt ihr diese hier auf?«
Der Bulle lachte. »Fürs Aroma, diese hier, Pfefferlauch und Minze. Frauen essen die, geben mehr Milch. Hast du geglaubt, wir würden nur Gras essen? Verwelktes oder gesäuertes Gras braucht etwas, damit es schmeckt.«
Der Bulle sammelte Arme voll Pflanzen und schritt brüllend hinaus. Sie hätte dieses Gebrüll in Center City hören können, dachte sie. Seine Stimme und die der Frauen, und gegenwärtig auch das Schlurfen ihrer großen Füße, als sie hochkletterten.
Vala holte ihre Treibstoffflasche und kletterte ihnen nach.
Von oben beobachtete sie die großen Schatten: Die Kämpfer reglos, die Frauen, die sich zwischen ihnen bewegten und getränkte Tücher verteilten. Vala fing eine große, erwachsene Frau ab. »Moonwa?«
»Valavirgillin. Sie töten durch Geruch?«
»Allerdings. Wir wissen nicht, welcher Geruch am besten schützt. Einige Männer haben bereits mit Alkohol getränkte Tücher. Lass ihnen die und gib die Pflanzen des Thurl dem Rest. Wir werden sehen.«
»Sehen, wer stirbt, hm?«
Vala ging weiter. Die Alkoholdämpfe machte sie ein wenig benommen. Sie konnte damit umgehen, und im Übrigen war ihr Tuch nahezu trocken geworden.
An diesem Morgen hatte Vala gedacht, dass Forn genügend erwachsen geworden wäre, um Rishathra zu praktizieren oder sich vielleicht direkt zu vereinigen. Forn hatte diese Vorhersage zurückgewiesen. Sie könnte sich kaum an den Geruch der Vampire erinnern. Sie würde den Duft eines Geliebten erkennen! Dieser alte Duft der Lust und des Todes war in Valavirgillins Nase und nagte an ihrem Gehirn.
Die Kämpfer der Grasriesen waren nach wie vor Schatten inmitten der sich bewegenden Schatten von Frauen. Aber … es waren weniger.
Den Frauen der Grasriesen war es ebenfalls aufgefallen. Keuchende Schreie der Wut und der Furcht; dann rannten zwei, vier die Böschung hinab zum Thurl. Eine weitere rannte stöhnend den falschen Weg hinab, hinaus ins Stoppelfeld.
Vala bewegte sich unter den verbliebenen Verteidigern und verspritzte Treibstoff auf Tücher. Frauen, Männer, wen immer sie auch finden konnte. Hast würde töten. Treibstoff würde schützen. Kräuter? Nun ja, der Geruch der Kräuter des Thurl könnte länger anhalten.
In jeder Richtung sah sie bleiche hominide Gestalten. So wenig Einzelheiten. Man musste sich vorstellen, wie sie aussahen; und mit dem Duft, der in deinem Hinterkopf kitzelte, hattest du prächtige Fantasien.
Sie waren näher. Warum hörte sie keine Kanonen? Sie hatte Anthrantillins Fahrzeug erreicht. Rauf aufs Trittbrett. »Hallo? Anth?«
Der Frachtraum war leer.
Sie öffnete das Kombischloss und kletterte hinein.
Alle weg. Keine Beschädigung, keine Spur eines Kampfs; einfach weg.
Tränke ein Tuch. Dann: die Kanone. Die Vampire scharten sich nett spinwärts. Scharten sich um Anth oder Forn oder Himp, irgendwo da unten? Es spielte keine Rolle. Sie feuerte und sah die Hälfte von ihnen fallen.
Irgendwann im Verlauf dieser Nacht vernahm sie ein wiederholtes Flüstern. »Anthrantillin?«
»Dahin«, sagte sie und konnte ihre eigene Stimme nicht hören. Sie kreischte: »Dahin! Ich bin’s, Valavirgillin!«, und sie vernahm es kaum. Ihr Gebrüll, sein Gebrüll, durch das ohrenerschütternde Gebrüll der Kanone auf ein Flüstern reduziert.
Es war an der Zeit, das Fahrzeug zu versetzen. Die Vampire hatten sich hier weit zurückgezogen, sie hatten gelernt, sich nicht zu sammeln, aber sie könnte anderswo frische Beute finden. Kanonen waren auf der Steuerbord- und Spin-Seite nicht nötig. Im Gegenwind von den Vampiren würden Armbrüste sie erreichen.
»Ich bin’s, Kay. Sind sie alle dahin?«
»Ja.«
»Uns geht die Munition aus. Dir?«
»Reichlich.«
»Morgen werden wir keinen Treibstoff haben.«
»Nein. Ich habe alles von mir zur Verfügung gestellt und den Frauen davon erzählt. Ich dachte – Moonwa, die Grasriesin, die den Kämpfern die Tücher aufzwang – ihr beibringen, die Kanonen zu benutzen? Wollen wir …«
»Nein, Boss, nein. Geheimnisse!«
»Braucht sowieso zu lange, sie zu schulen.«
Kays Kopf erschien im Raum des Kanoniers. Er zog einen Krug mit Schießpulver heraus und hievte ihn mit einem Knurren hoch. »Zurück ans Werk.«
»Brauchst du Schrapnell?«
»Jede Menge Steine.« Er sah sie an. Erstarrte. Er setzte den Krug ab. Sie rutschte herab. Sie gingen zusammen.
»Hätte dieses Tuch wieder tränken sollen«, sagte sie unsicher. Einige Zeitlang war es ihr letzter zusammenhängender Gedanke.
Er, nicht Vala, Kay wandte sich aus der Tür und klatschte im von Wind gepeitschten Regen in den Schlamm. Vala folgte, um ihn zurückzuholen.
Er riss ihr Hemd entzwei. Sie drückte sich gegen ihn, aber er heulte und zerriss es erneut und drehte sich in ihren Armen und wandte sich zurück mit zwei triefenden Hemdhälften und schob ihr eine in ihr Gesicht und eine in das eigene.
Sie atmete tief die Alkoholdünste ein. Schluckte. »Alles in Ordnung.«
Er gab sie ihr. Er schlang sich die andere um den eigenen Hals. »Ich gehe zurück«, sagte er. »Du kämpfst besser allein mit deiner Kanone. Unter den gegebenen …«
»… Umständen.« Sie lachten zittrig. »Bist du sicher? Allein?«
»Muss es versuchen.«
Sie sah ihm nach.
Sie hätte sich niemals. Niemals. Niemals mit einem anderen Mann gepaart. Ihr Bewusstsein, ihr Selbst war in einer Woge der Lust davongespült worden. Was würde Tarb von ihr denken?
Die Paarung mit Tarablilliast war niemals so intensiv gewesen.
Aber jetzt floss ihr Bewusstsein zurück. Sie hatte einen Gefährten.
Sie hob sich das Tuch ans Gesicht. Der Alkohol stieg ihr direkt in den Kopf und klärte ihn, es sei denn, es war eine Illusion. Sie blickte an der Mauer entlang und sah große Schatten, zu wenig, aber einige. Die hominiden Gestalten in den schwarzen Feldern waren auch weniger geworden, aber sehr nahe. Sie waren größer, schlanker als ihre eigene Spezies. Sie sangen; sie flehten; sie hatten sich fast unterhalb des Fahrzeugs zusammengeschart.
Sie stieg hoch und lud ihre Kanone.
Ein blasses Licht kam herauf, wurde spinwärts heller. Das Lied war vorüber. Vala hatte seit einiger Zeit kein Surren einer Armbrust mehr gehört. Vampire waren nur noch schwer zu finden.
Unbemerkt war die schreckliche Nacht zu einem Ende gekommen.
Wenn sie jemals so müde gewesen war, dann hatte die Erschöpfung die Erinnerung weggewischt. Und hier war Kaywerbrimmis, der die Frage stellte: »Hast … hast du noch irgendwelche Kleingeschosse übrig?«
»Ein paar. Wir haben unseren Kies nie bekommen.«
»Barok und Forn waren beide verschwunden, als ich zum Fahrzeug zurückkam.«
Vala rieb sich die Augen. Es gab anscheinend nichts zu sagen. Whandemothtee und Sopashintay kamen heran, sich gegenseitig stützend. Whand sagte: »Was für eine Nacht.«
Spash sagte: »Chit gefiel der Gesang allzu sehr. Wir mussten ihn festbinden. Ich glaube, ich habe zu viel Treibstoff in sein Tuch gegeben. Er schläft wie … wie ich es täte, würde ich nur …« Sie legte die Arme um sich. »… einfach aufhören zu zittern.«
Schlaf. Und mehrere Hundert männliche Grasriesen erwarteten … »Ich könnte jetzt kein Rishathra machen«, sagte Vala. Sie hatte die Erinnerung an die Begattung mit Kay beiseitegeschoben. Das könnte Konsequenzen haben.
»Schlafe in meinem Fahrzeug«, sagte Kaywerbrimmis. »Zumindest heute Nacht. Hallo …« Seine Hand auf ihrer Schulter drehte sie herum.
Gesellschaft. Neun Grasriesen und ein Anzug aus einer silbernen Rüstung waren mit ihnen gekommen. Man konnte ihnen ihre Erschöpfung ansehen und sie riechen. Der Thurl fragte: »Wie sieht es bei euch Maschinenleuten aus?«
»Die Hälfte von uns ist vermisst«, erwiderte Valavirgillin.
»Thurl«, sagte Whand, »wir haben nie so viele erwartet. Wir dachten, wir hätten Waffen für alles.«
»Reisende sagen uns, dass die Vampire uns in unser Verhängnis singen.«
»Die Hälfte der Weisheit besteht darin zu lernen, was man vergessen muss«, sagte Kay.
»Wir waren auf den falschen Feind vorbereitet. Vampirgeruch! Das hätte wir nie vermutet. Aber wir haben dafür gesorgt, dass die Vampire davongerannt sind!«, dröhnte der Thurl. »Sollen wir sie durch das Gras jagen?«
Whand warf die Arme hoch und stolperte davon.
Vala, Kay und Spash sahen einander an. Wenn die Krieger der Grasriesen noch immer kämpfen konnten … Whand war erledigt, aufgebraucht, aber irgendwer musste für die Maschinenleute stehen.
Sie folgten den Kriegern in die feuchten Stoppeln hinab.
Gestalten regten sich am Fuß der Mauer. Zwei Hominide, nackt. Armbrüste und Waffen schwangen herum. Arme schlugen sie beiseite, Stimmen brüllten. Nein! Keine Vampire! Eine große Frau und ein kleiner Mann halfen einander auf die Beine.
Keine Vampire, nein. Eine Grasriesin und – »Barok!«
Sabarokareshs Gesicht war erschlafft in einem Entsetzen, das zu tief war, um an die Oberfläche zu gelangen. Er sah Valavirgillin an, als ob sie ein Geist wäre, nicht er. Halb wahnsinnig, schmutzig, erschöpft, narbenübersät, lebendig.
Ich dachte, ich sei erschöpft! Vala klopfte ihm auf die Schulter, froh darum, ihn fest unter der Hand zu spüren. Wo war seine Tochter? Sie fragte nicht nach. Sie sagte: »Du musst ja vielleicht eine Geschichte zu erzählen haben. Später?«
Der Thurl sprach mit dem Armbrustschützen, Paroom. Paroom führte/zog Barok und die Grasriesin den Hang hinauf.
Der Thurl trottete los, weg von der Wand, Richtung steuerbord-spinwärts. Seine Leute folgten, und dann die Maschinenleute. Eine Nacht schlaflosen Schreckens und wilder Begattung hatte sie alle kraftlos zurückgelassen.
Sie kamen an Vampirleichen vorüber. Nichts von ihrer Schönheit war nach ihrem Tod verblieben. Ein Grasriese blieb stehen, um ein Weibchen zu untersuchen, das von einer Armbrust durchbohrt worden war. Spash blieb ebenfalls stehen.
Vala erinnerte sich daran, wie sie das vor dreiundvierzig Falans ebenfalls getan hatte. Zuerst riechst du fauliges Fleisch. Dann explodiert der andere Geruch unter deinem Bewusstsein …
Der Grasriese taumelte weg. Sein Kopf blieb unten, er übergab sich, dann richtete er sich langsam auf und verbarg nach wie vor das Gesicht. Spash richtete sich jäh auf, ging dann auf wackeligen Beinen zu Vala und barg ihr Gesicht an deren Schulter.
»Spash«, sagte Valavirgillin. »Du hast nichts getan, meine Liebe. Es ist ein Gefühl, als wolltest du dich mit einem Leichnam begatten, aber da spricht nicht dein Bewusstsein …«
»Nicht mein Bewusstsein. Vala, wenn wir sie nicht untersuchen können, können wir nichts über sie lernen!«
»Es ist Teil dessen, was sie so furchterregend macht.« Lust und der Gestank verrottenden Fleischs gehören nicht in einem Gehirn zusammen.
Die Vampire nahe der Mauer hatten Armbrustbolzen in sich. Weiter draußen waren sie von Kugeln oder Kleingeschossen niedergemacht worden. Vala sah, dass die Maschinenleute hundertmal so viele getötet hatten wie die Grasriesen.
Zweihundert Schritte jenseits der Mauer fanden sie keine weiteren Vampire mehr. Tote Grasriesen lagen nackt oder halb bekleidet da, hager, mit eingesunkenen Augen und Wangen und schlimmen Verletzungen in Hälsen, Handgelenken, Ellbogen.
Dieses erschlaffte Gesicht … Vala hatte gesehen, wie diese Frau vor Stunden hinaus in die Dunkelheit gerannt war. Wo waren die Wunden? Ihre Kehle erschien unberührt. Der linke Arm weit ausgestreckt, das Handgelenk unversehrt, der rechte Arm über ihrem Leib, kein Blut auf der hochgeschobenen Tunika … Vala trat vor und hob ihre rechte Hand.
Ihre Achselhöhle war zerfetzt und blutig. Ein männlicher Grasriese wandte sich ab und ging auf wackeligen Beinen und würgend zur Mauer zurück.
Große Frau, kleiner Vampir. Konnte ihren Hals nicht erreichen. Spash hat recht, wir müssen lernen.
Ein Stück weiter lag ein leuchtendes Tuch nahe der Grasgrenze. Vala lief los und blieb dann ebenso plötzlich stehen. Das war Taratarafashts Arbeitskleidung. Vala hob sie auf. Sie war sauber. Kein Blut, keine Verschmutzung. Warum war Tarfa so weit gebracht worden? Wo war sie?
Der Thurl hatte seine Schar ein gutes Stück hinter sich gelassen. Er hatte fast das ungeschnittene Gras erreicht. Wie viel mochte diese Rüstung wiegen? Er kletterte einen zehn Schritte hohen Hügel hinauf, blieb dann auf der Kuppe stehen und wartete, während der Rest mühsam folgte.
»Kein Anzeichen für Vampire«, sagte er. »Sie sind weg, um irgendwo in Deckung zu gehen. Reisende berichten, dass sie das Sonnenlicht nicht ertragen können …«
»Diese Geschichte ist wahr«, sagte Kay.
»Dann würde ich sagen, sie sind weg«, fuhr der Thurl fort.
Niemand sagte etwas.
Der Thurl dröhnte: »Beedj!«
»Thurl!« Ein Grasriese trottete heran: erwachsen, größer als die meisten, eifrig, unanständig energisch.
»Zu mir, Beedj. Tarun, du umgehst das Gras und triffst uns auf der anderen Seite. Wenn du nicht dort bist, gehe ich davon aus, dass du in einen Kampf geraten bist.«
»Ja.«
Beedj und der Thurl gingen in eine Richtung, der Rest der Grasriesen in die andere. Vala schwankte, folgte dann dem Thurl.
Der Thurl bemerkte sie. Er wurde langsamer und ließ sie aufholen. Beedj hätte auch gewartet, aber die Geste des Thurl schickte ihn weiter.
»Wir werden keine Vampire finden, die sich im Gras verstecken«, sagte der Thurl. »Gras wächst kerzengerade nach oben. Die Nacht gleitet über die Sonne, aber die Sonne bewegt sich niemals, nicht mehr. Wo kann sich ein Vampir vor dem Sonnenlicht verbergen?«
»Erinnerst du dich daran, als die Sonne sich bewegte?«, fragte Vala.
»Ich war ein Kind. Eine erschreckende Zeit.« Er wirkte nicht erschrocken genug, dachte Vala. Louis Wu war unter diesen Leuten gewesen; aber was Louis Valavirgillin berichtet hatte, hatte er anscheinend ihnen nicht berichtet.
Es ist ein Ring, sagte er. Der Bogen ist Teil des Rings, auf dem du nicht stehst. Die Sonne hat angefangen zu wackeln, weil sie nicht mehr im Zentrum des Rings steht. In mehreren Falans wird der Ring die Sonne streifen. Aber ich schwöre, ich werde ihn aufhalten oder beim Versuch sterben.
Später hatte die Sonne aufgehört zu wackeln.
Beedj trabte immer noch, blieb hier und da stehen, um Leichen zu untersuchen; schwang sein Schwert und schnitt einen breiten Streifen Gras, um nachzusehen, was es verbarg; essend, während er mähte, nahm er seinen Patrouillengang wieder auf. Er verbrannte mehr Energie als der Thurl. Vala hatte keinerlei Herausforderung zwischen ihnen gesehen – lockerer Befehlston und lockere Unterwerfung –, aber sie war sich sicher, dass sie den nächsten Thurl beobachtete.
Sie brachte genügend Nerven auf, um zu fragen: »Thurl, ist ein unbekannter Hominide zu euch gekommen, der behauptet hat, von einem Ort am Himmel zu kommen?«
Der Thurl starrte sie an. »Vom Himmel?«
Er hätte es kaum vergessen, aber er verbarg vielleicht Geheimnisse. »Ein männlicher Zauberer. Haarloses, schmales Gesicht, bronzefarbene Haut, glattes schwarzes Haupthaar, größer als meine Spezies und schmal in den Schultern und der Hüfte.« Fingerspitzen hoben sich und zogen die Winkel ihrer Augen auseinander. »Solche Augen. Er verkochte einen See, um eine Plage von Spiegelblumen zu beenden.«
Der Thurl nickte. »Das hat der alte Thurl gemacht, mithilfe dieses Louis Wu. Aber wieso weißt du davon?«
