Ringwelt 4 - Die Erben - Larry Niven - E-Book

Ringwelt 4 - Die Erben E-Book

Larry Niven

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Beschreibung

Nachdem die Ringwelt durch die Mithilfe des Forschers Louis Wu vor der Zerstörung gerettet werden konnte, steht die Existenz des rotierenden Kunstplaneten im All nun erneut auf dem Spiel: Verschiedene raumfahrende Rassen versuchen, Technologie und Ingenieurskunst der Ringwelt in ihren Besitz zu bringen – mit Gewalt. Ein Krieg droht, in dessen Verlauf die eigentlich unzerstörbare Ringwelt von einer geheimnisvollen neuen Waffe ausgelöscht werden könnte. Wird es ihren Völkern gelingen, die Gefahr abzuwenden und den Fortbestand ihres Lebensraums sicherzustellen? Der vierte Band von Larry Nivens weltberühmtem, vielfach ausgezeichnetem Ringwelt-Zyklus

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Larry Niven

Ringwelt

– Die Erben–

Roman

Deutsche Erstauflage

Titel der englischen Originalausgabe:

RINGWORLD’S CHILDREN

Gewidmet den Feuerwehrleuten aus Kalifornien und den benachbarten

Bundesstaaten, die die Feuer im Oktober 2003 bekämpften. Ein besonderer Dank gilt denen, die unser Haus und das von anderen in

Indian Falls, Chatsworth, Los Angeles County, gerettet haben.

1. Auflage

Veröffentlicht durch den

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Frankfurt am Main 2025

www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe

MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK

Text © Larry Niven 2004

Deutschsprachige Übersetzung: Alfons Winkelmann

Lektorat: Anja Koda

Satz: Karl-Heinz Zapf

Cover- und Umschlaggestaltung: Rossitza Atanassova und Matthias Lück

VP: 431-220-01-03-0825

ISBN: 978-3-96188-209-0

Ringwelt

– Die Erben–

Larry Niven

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1 Louis Wu

Kapitel 2 Der Hinterste

Kapitel 3 Rekrutierung

Kapitel 4 Acolyte

Kapitel 5 Hanuman

Kapitel 6 Der blinde Fleck

Kapitel 7 Ausweichmanöver

Kapitel 8 Versuch‘s mit einer Antimaterie-Bombe

Kapitel 9 Ausblick von einer Höhe

Kapitel 10 Eine Geschichte zum Erzählen

Kapitel 11 Das verwundete Land 

Kapitel 12 Das Giraffenvolk

Kapitel 13 Gray Nurse

Kapitel 14 Das Schüttbergvolk

Kapitel 15 Proserpina

Kapitel 16 Bewusstseinstreffen

Kapitel 17 Die Zitadelle des Penultimate

Kapitel 18 Der Ringweltboden

Kapitel 19 Erwachen

Kapitel 20 Eine Geschichte erzählen

Kapitel 21 Im Flug

Kapitel 22 Brüter

Liste der Protagonisten

Glossar

Vorwort

Die Ringwelt hat etwa dieselbe Masse wie Jupiter. Ihre Form ist die eines Bandes von anderthalb Millionen Kilometern Durchmesser und knapp einer Milliarde Kilometern Länge, was sie ein wenig größer macht als der irdische Orbit, und sie ist ein paar wenige Kilometer dick. Sie umkreist einen gelben Zwergstern. Ihre Umdrehungsgeschwindigkeit, etwa 1200 km/s, reicht aus, um ihr aufgrund der Zentrifugalkraft etwa irdische Schwerkraft zu verleihen. Mauern entlang beider Ränder, die Tausende von Kilometern hoch sind, reichen aus, um seit Millionen von Jahren eine Atmosphäre festzuhalten.

Sehr viele weitere Dinge ergeben sich aus diesen grundlegenden Voraussetzungen.

Die innere Oberfläche ist ein Habitat, das drei Millionen Mal größer ist als das Gebiet des Planeten Erde. Die Topografie ist buchstäblich ein Kunstwerk, ausgeschnitten von denen, die das Ding bauten, wer auch immer das gewesen sein mag, sodass die Unterseite der Ringwelt der Rückseite einer Maske ähnelt.

Ein innerer Ring aus Schattenvierecken blockt die Sonne ab, sodass sich Perioden der Nacht ergeben; denn ansonsten wäre es ewig Mittag. Ein System von Röhren führt vom Grund der Ozeane unter dem Ringweltboden entlang, die Randmauer hinauf und über deren Kanten, um den Schlamm des Meeresbodens (oder Flup) zu Schüttbergen zu recyceln. Riesige Stabilisierungsdüsen stehen auf der Randmauer, Bussard-Ramdüsen nutzen den Sonnenwind aus Protonen als deren Treibstoff, um die Ringwelt gegen ihre inhärente Instabilität festzuhalten. Außerhalb der Mauern gibt es Raumhafensimse. Zwei gewaltige Salzwasser-Ozeane dienen als Reservat für Meeresleben und als noch etwas mehr: Karten für mehrere Welten im Eins-zu-Eins-Maßstab. Der Ringweltboden besteht aus unnatürlich starkem Material, Scrith genannt, mit weiteren ungewöhnlichen Eigenschaften.

Die Sonne selbst ist ins Meteoritenabwehrsystem der Ringwelt integriert. Ein supraleitendes Netzwerk, im Boden der Ringwelt eingebettet, erzeugt einen superthermalen Lasereffekt in einer Sonneneruption. Der Nachteil: Er kann nicht durch die Ringwelt selbst feuern. Daher rammt jeder Meteor, wie derjenige, der die Faust Gottes erzeugte, die Ringwelt gewöhnlich von unten.

Einige Details werden zu Hinweisen auf die Natur der Erbauer.

Die Überfülle an Häfen und Fjorden, dazu die flachen Ozeane (zumindest die meisten) deuten auf eine Spezies hin, die nur die Oberfläche eines Ozeans nutzt.

Die garstigeren Lebensformen – Moskitos, Fliegen, Schakale, Haifische, Vampirfledermäuse – existieren nicht. Hominide sind in diese ökologischen Nischen eingedrungen. Die Ingenieure waren keine Ökologen, sie waren Gärtner.

Die Bewohner sind Hominide in verwirrender Vielfalt, einige sind intelligent, einige nicht. Sie füllen ökologische Nischen, die auf der Erde von fast jedem Säugetier besetzt sind, aber insbesondere von garstigeren Lebensformen wie Schakalen, Wölfen und Vampirfledermäusen … als ob die Urahnen der Menschheit, Homo habilis, geschützt worden wären, bis sie Hunderte von Milliarden zählten und daraufhin, sich selbst überlassen, endlos mutiert wären.

Sie wissen nichts von der Ringwelt, bis sie ihr Ausmaß begriffen haben.

Nach dem Erscheinen des Buchs machte sich ein Freund daran, ein maßstabsgetreues Modell für einen bevorstehenden Con zu bauen. Als Maßstab verwendete er eine blaue Murmel, die als Erde dienen sollte. Wie sich herausstellte, würde er ein Band von anderthalb Metern Höhe und etwa achthundert Metern Länge benötigen. Das Hotel war dafür nicht groß genug.

Jemand, der versuchte, die Ringwelt darzustellen, berichtete mir, dass ihm sehr rasch die Kapazität auf seinem Computer ausging. Er benötigte zu viele Zehnerpotenzen.

David Gerrold spricht von einer Klasse von Romanen, die er »Das gewaltig große Ding« nannte. Heutzutage könnte man ein ziemlich großes Regal damit bestücken. Arthur C. Clarkes Rendezvous with Rama (dt. Rendezvous mit 31/439) und Bob Shaws Orbitsville (dt. Orbitsville) sind in dieser Klasse, ebenso mein eigener Roman Rainbow Mars (dt. Rainbow Mars).

Aber Ringwelt war zuerst da, erschienen 1970.

Man mochte darüber gelacht haben. Zu groß, zu unwahrscheinlich. Jedes normale Material würde durch die Rotationsgeschwindigkeit in Stücke zerrissen. Ich erwartete mit einiger Bangigkeit die Rezensionen. James Blish, schrieb, er würde erwarten, dass Ringwelt den Hugo Award gewinnen würde, dass sie ihn aber nicht gewinnen sollte.

Die Leser verliehen ihr dennoch einen Hugo Award.

Die Autoren verliehen ihr einen Nebula.

Ich hatte keine Fortsetzung geplant. Ich erwartete keine Flut von Neugestaltungen.

Während einer meiner Vorträge wies ein Mann darauf hin, dass die Mathematik der Ringwelt einfach sei: Sie ist eine Hängebrücke ohne Endpunkte.

Ein Akademiker in England wies darauf hin, dass die Zugkraft des Ringweltrahmens annähernd so groß wie die Kraft sein muss, die einen Atomkern zusammenhält. (Daher Scrith.)

Eine Oberstufenklasse in Florida widmete sich ein Halbjahr lang der Ringwelt. Ihr Schlussfolgerungen: Das schlimmste Problem ist, dass ohne tektonische Aktivität sämtlicher Mutterboden binnen weniger tausend Jahre in den Ozean fließen würde. (Daher Flup und die Schüttrohre.)

Beim World Science Fiction Convention von 1970 standen MIT-Studenten in den Hallen und skandierten: »Die Ringwelt ist instabil! Die Ringwelt ist instabil!« (Habe mein Bestes gegeben ... daher Stabilisierungsdüsen.)

Jemand kam zum Schluss, dass die Schattenvierecke zu viel Zwielicht ergeben würden. Benötigt würden fünf lange Schattenvierecke, die rückläufig rotieren.

Schließlich gab es zu viele Gelegenheiten für einen Neuentwurf. Ich musste The Ringworld Engineers schreiben.

Sämtliche dieser Leser hatten etwas gefunden, was wissenswert war. Die Ringwelt ist ein prächtiges, kitschiges, intellektuelles Spielzeug, ein Spielplatz, dessen Tore weit offengelassen wurden.

Einige Leser haben einfach das Buch gelesen und aufgehört. Andere spielen mit den Protagonisten oder deren Voraussetzungen oder mit der Umwelt. Sie stellen ihre eigene Hausarbeit selbst zusammen. Wir Leser haben das unzählige tausend Jahre lang getan: von Plato mehr Daten über Atlantis gefordert, das Fegefeuer erfunden, das wir zwischen Hölle und Himmel gesetzt haben, Dantes Inferno neu entworfen, neue Odysseen geschrieben. Eine erstaunliche Subkultur ist rings um Star Trek entstanden.

Das Internet eröffnet einen ganz neuen Metaspielplatz für solche Leute. Ein Anzahl Websites sind entstanden (na ja, zumindest zwei), deren Thema Larry Nivens Fiktionen sind.

Im September 1999 loggte ich mich, angeregt von meiner netten Agentin Eleanor Wood, auf [email protected] ein. Sie stritten sich darum, ob man einen Protektor klonen könnte und ob Sucher und Teela Brown ein Kind hätten hinterlassen können. Wenn sie recht gehabt hätten, hätte ich keine Geschichte gesehen, aber sie waren auf dem falschen Dampfer, und ich konnte es richtigstellen. Nachdem ich dieser Diskussion ein paar Monate lang gefolgt war und mich selten eingemischt hatte, hatte ich genügend Material für Ringworld’s Children beisammen.

Dies ist ein Spielplatz für den Geist. Auch ist es ein Rätsel, ein Labyrinth. Stelle jede Wendung infrage, oder du gehst verloren. Wenn du das Buch durchgelesen hast, denke daran, das Tor nicht zu verschließen.

»Alles dies ist unerläßlich, « sagte der einäugige Doktor, »privates Unglück bildet das allgemeine Glück, so daß alles um so besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.«

Pangloss in Candide von Voltaire

Kapitel 1 LouisWu

2893 A. D.

Zu neuem Leben entflammt, erwachte Louis Wu unter einem Sargdeckel.

Über seinen Augen leuchteten Displays. Knochenzusammensetzung, Blutwerte, tiefe Reflexe, Harnstoff und Kalium- und Zink-Gleichgewicht: Er konnte mehr davon identifizieren. Der aufgelistete Schaden war nicht groß. Punktionen und Rillen; Erschöpfung; gerissene Bänder und ausgedehnte blaue Flecken; zwei Rippen gebrochen; alles Relikte aus dem Kampf mit dem Vampirprotektor Bram. Alles jetzt verheilt. Der Autodok hatte ihn Zelle um Zelle neu aufgebaut. Er hatte sich tot und kühl gefühlt, als er ins Intensivbett gestiegen war.

Vor vierundachtzig Tagen, sagte das Display.

Sechsundsiebzig Ringwelttage. Fast ein Falan; ein Falan entsprach zehn Ringweltrotationen, fünfundsiebzig Tage von dreißig Stunden. Zwanzig oder dreißig Tage hätten ihn auskurieren sollen! Aber er hatte gewusst, dass er verletzt war. Bei den ganzen sonstigen Verletzungen vom Kampf mit Bram waren ihm die Stichwunden im Rücken gar nicht weiter aufgefallen.

Das erste Mal, als er in dieser Kiste gelegen hatte, hatte die Reparatur doppelt so lang gedauert. Damals war sein Gedärm leck geschlagen, und er war elf Jahre ohne den Langlebigkeitskomplex ausgekommen, das Boosterkraut. Er war dabei gewesen zu sterben und alt zu werden.

Der Testosteronspiegel war hoch, der Adrenalinspiegel war hoch und stieg weiter an.

Louis drückte ununterbrochen gegen den Deckel des Autodok. Der Deckel bewegte sich nicht schneller, aber seinen Körper verlangte es zu handeln. Er schlüpfte hinaus und fiel auf einen Steinfußboden, der kalt unter seinen bloßen Füßen war. Stein?

Er war nackt. Er stand in einer ausgedehnten Höhle. Wo war die Needle?

Das interstellare Raumschiff Hot Needle of Inquiry war, als er das letzte Mal nachgesehen hatte, in abgekühltem Magma eingebettet gewesen, und Carlos Wus experimentelles Nanotech-Reparatursystem hatte sich im Mannschaftsquartier befunden. Jetzt lagen dessen Komponenten inmitten eines Nests aus Instrumenten und Kabeln auf einem Boden aus abgekühlter Lava. Der Autodok war teilweise auseinandergenommen worden. Alles lief nach wie vor.

Anmaßend, massiv, ehrfurchtgebietend: Dies war das Werk eines Protektors. Töneschmied, der Ghul-Protektor, musste den Autodok studiert haben, während er Louis geheilt hatte.

Nahebei war die Hot Needle of Inquiry filetiert worden wie ein flossenloser Fisch. Eine Scheibe der Hülle hatte jemand fast von der Nase bis zum Schwanz weggeschnitten, sodass sich Gehäuse, Frachtraum, Andockstation für ein Landefahrzeug – jetzt zerstört –, Schubdüsenplatten und das Gehäuse des Hyperdriveantriebs zeigten. Über die Hälfte des Schiffsvolumens bestand aus Tanks, und natürlich waren sie entleert worden. Der Rand des Schnitts war mit Kupfer oder Bronze gesäumt worden, und Kabel im Metall führten zu Instrumenten und einem Generator.

Eine gewaltige Maschine hatte das abgetrennte Teil beiseitegezogen. Die abgeschnittene Oberfläche war umgeben von Bronze, gesäumt mit Kabeln.

Der Hyperdriveantrieb war durch die gesamte Länge des Schiffs verlaufen. Jetzt lag er auf der Lava in einem Nest von Instrumenten.

Wiederum Töneschmied?

Louis schlenderte hinüber, um nachzusehen.

Er war repariert worden.

Louis hatte den Hintersten dadurch auf der Ringwelt stranden lassen, dass er den Hyperdrive entzweigehackt hatte, und das vor zwölf oder dreizehn Jahren. Ausgebaut sah er ansonsten so aus, als ob er die Needle mit Quantum-I-Geschwindigkeit zwischen den Sternen fliegen lassen könnte, in drei Tagen ein Lichtjahr.

Ich könnte heimkehren, dachte Louis und schmeckte die Überlegung ab.

Wo sind sie alle? Louis schaute sich um und spürte die Woge des Adrenalins. Er zitterte allmählich vor Kälte.

Er wäre inzwischen beinahe zweihundertvierzig Jahre alt, nicht wahr? Leicht, hier die Spur zu verlieren. Aber die Nanomaschine in Carlos Wus experimentellem Autodok hatte seine DNS gelesen und alles bis hinab zum Zellkern repariert. Louis hatte diesen Tanz zuvor schon getanzt. Sein Körper glaubte, er wäre gerade aus der Pubertät heraus.

Bleib ruhig, Junge. Bislang hat dich niemand herausgefordert.

Das Raumschiff, der Abschnitt der Hülle, der Autodok, die Maschinen, um etwas zu bewegen und diese Massen zu reparieren, und die primitiv aussehenden Instrumente, die drumherum aufgestellt worden waren, um sie zu studieren, das alles bildete eine dichte Ansammlung von Dingen innerhalb eines weiteren Raums. Die Höhle war gewaltig und nahezu leer. Louis sah Schwebeplatten wie Stapel von Pokerchips und dahinter einen schiefen Turm von gewaltigen Toroiden, der durch einen Spalt im Boden bis unmittelbar hinauf zur Decke verlief. Zylinder lagen in der Nähe des Spalts, umgeben von weiteren Maschinen Töneschmieds. Sie waren größer als die Needle, und jede unterschied sich ein wenig von der anderen.

Er war schon einmal durch diesen Ort gekommen. Louis blickte auf und wusste, was er zu erwarten hatte.

Sieben oder acht Kilometer hoch, dachte er. Die Karte des Mars war sechzig Kilometer hoch. Diese Ebene wäre nahe der Decke. Louis konnte ihre Konturen ausmachen. Denke es dir als die Rückseite einer Maske … die Maske eines Schildvulkans von der Größe des Ceres.

Die Needle war durch den Krater im Mons Olympus abgestürzt, und zwar in das Reparaturzentrum, das unter der Eins-zu-Eins-Karte des Mars lag. Teela Brown hatte sie dort eingefangen, nachdem sie zum Protektor geworden war. Sie hatte das Schiff tausendzweihundert Kilometer durch diese Korridore bewegt und dann geschmolzenes Gestein darüber gegossen. Sie hatten Trittscheiben genutzt – das Transportsystem der Puppenspieler –, um zu Teela zu gelangen. Seither hatte das Schiff all diese Jahre in der Falle gelegen.

Jetzt hatte Töneschmied es zurück in die Werkstatt unter dem Mons Olympus gebracht.

Louis kannte Töneschmied, jedoch nicht allzu gut. Er hatte Töneschmied, dem Mitglied des Nachtvolks, dem Brüter, eine Falle gestellt, und Töneschmied war zum Protektor geworden. Er hatte den Kampf zwischen Töneschmied und Bram beobachtet; und das war in etwa alles, was er von Töneschmied, dem Protektor, wusste. Jetzt hielt Töneschmied das Leben von Louis in Händen, und das war Louis‘ eigenes Werk.

Er war schlauer als Louis gewesen. Der Versuch, einen Protektor auszutricksen, war … futz … war sowohl blöde als auch unausweichlich. Keine menschliche Kultur hat jemals den Versuch eingestellt, Gott zu übertölpeln.

Also. Die Needle war ein interstellares Raumschiff, wenn jemand den Hyperdrive wieder einbauen konnte. Dieser mächtige schiefe Turm – er reichte vom Boden des Reparaturzentrums sechzig Kilometer in die Höhe – war ein Linearbeschleuniger, ein Startsystem. Eines Tages mochte Töneschmied ein Raumschiff benötigen. Inzwischen ließ er die Needle ausgeweidet zurück, weil Louis Wu und der Hinterste ansonsten sie vielleicht zur Flucht verwenden könnten, und das konnte der Protektor nicht zulassen.

Louis ging weiter, bis die Needle vor ihm emporragte: ein Zylinder von fünfunddreißig Metern Durchmesser mit einem abgeflachten Bauch. Nicht viel vom Schiff fehlte. Der Hyperdrive, der Autodok, was sonst? Das Mannschaftsquartier war aufgeschnitten worden, der Boden fünfundzwanzig Meter hoch. Unter dem Boden lag alles von der Küche und den Wiederaufbereitungssystemen offen da.

Wenn er so hoch klettern könnte, hätte er sein Frühstück und auch etwas zum Anziehen. Er sah keinen offensichtlichen Weg. Vielleicht gab es eine Verbindung über eine Trittscheibe? Aber er konnte nicht erraten, wo Töneschmied vielleicht eine Trittscheibe platziert haben mochte oder wohin sie führen würde.

Das Kommandodeck des Hintersten lag ebenfalls offen da. Es war drei Geschosse hoch mit niedrigerer Decke, als ein Kzin benötigen würde. Louis sah, wie er bis zum untersten Geschoss klettern könnte. Ein Protektor hätte überhaupt keine Probleme. Louis schüttelte den Kopf. Was musste der Hinterste denken?

Pierson-Puppenspieler klammerten sich an eine Millionen Jahre alte Philosophie, die auf Feigheit beruhte. Als der Hinterste die Needle konstruierte, hatte er sein Kommandodeck vor jedem Eindringling abgeschottet, sogar vor seiner eigenen Mannschaft aus Aliens. Es gab überhaupt keine Türen, bloß Trittscheiben, die auf Tausenden von Wegen Sprengfallen darstellten. Nun … der Puppenspieler musste sich ebenso nackt vorkommen wie Louis.

Louis kauerte sich unter den Rand einer Masse mit flacher Oberfläche, vielleicht das Atemluftsystem. Sprang, zog sich hoch und stieg weiter. Das Reparatursystem des Autodok hatte ihn dünn zurückgelassen, fast hager; er hob nicht viel Gewicht. Zwanzig Meter weiter oben hing er einen Moment lang an seinen Fingerspitzen.

Dies war die tiefste Etage der Kabine des Hintersten, sein privatester Bereich. Es gäbe Verteidigungsanlagen. Töneschmied hatte sie vielleicht ausgeschaltet – oder auch nicht.

Er zog sich hoch und befand sich im verbotenen Raum.

Er sah den Hintersten. Dann sah er seinen eigenen Trafroh, der auf einem Tisch lag.

Der Trafroh war die Verbindung zwischen jeder Wandsteckdose und Louis Wus Gehirn. Louis hatte ihn zerstört … hatte ihn Chmee übergeben und zugesehen, wie der Kzin ihn in Stücke geschlagen hatte.

Also ein Ersatzteil. Köder für Louis Wu, den Stromsüchtigen, den Drahtkopf. Louis‘ Hand kroch ins Haar an seinem Hinterkopf, unter den Zopf. Stöpsele den Trafroh ein, lass elektrischen Strom in das Lustzentrum deines Gehirns tröpfeln … wo war der Stecker?

Louis lachte wild. Er war nicht vorhanden! Die Nanomaschinen des Autodoks hatte seinen Schädel ohne den Stecker für den Trafroh wiederhergestellt!

Louis überlegte. Dann nahm er den Trafroh, Wenn verwirrt, schicke eine verwirrende Botschaft.

Der Hinterste lag wie ein edelsteinbesetzter Fußschemel da, die drei Beine und beide Köpfe schutzsuchend unter seinem Rumpf verborgen. Louis‘ Lippen kräuselten sich. Er trat vor, senkte die Hand in die edelsteinbesetzte Mähne und rüttelte den Puppenspieler aus seiner Depression.

»Nichts anrühren!«

Louis fuhr heftig zusammen. Die Stimme war ein musikalischer Tusch in Altlage, die Stimme des Hintersten mit aufgedrehter Lautstärke, und sie sprach Interworld. »Was immer du willst«, sagte sie, »weise mich an. Berühre nichts.«

Die Stimme des Hintersten – Autopilot der Needle – kannte ihn, kannte zumindest seine Sprache, und sie hatte ihn nicht getötet. Louis fand die eigene Stimme. »Hast du mich erwartet?«

»Ja. Ich gebe dir begrenzte Freiheit an diesem Ort. Suche eine Stromquelle gleich neben …«

»Nein. Frühstück«, sagte Louis, als sein Bauch ihm plötzlich zukreischte, dass er leer war, am Verhungern. »Ich brauche Nahrung.«

»Hier gibt es keine Küche für deine Art.«

Eine flache Rampe wand sich rund um die Wände zu den oberen Etagen. »Ich bin gleich zurück«, sagte Louis.

Er ging erst, dann rannte er die Rampe hinauf. Er manövrierte sich vorsichtig um die Wand herum, wobei es neben ihm zwanzig Meter in die Tiefe ging – nicht schwierig, nur furchteinflößend – und war im Mannschaftsquartier.

Eine Mulde zeigte an, wo der Autodok entfernt worden war. Das Mannschaftsquartier war ansonsten unverändert. Die Pflanzen waren immer noch am Leben. Louis ging zur Küchenwand und wählte Cappuccino und eine Obstplatte. Er aß. Er zog sich an, Hose und Hemd und eine Weste, die überall Taschen hatte. Der Trafroh beulte eine der Taschen aus. Er aß das letzte Obst, wählte dann ein Omelett, Kartoffeln, einen weiteren Cappuccino und eine Waffel.

Während er aß, überlegte er. Was wünschte er sich?

Den Hintersten aufwecken? Er brauchte den Hintersten, damit der ihm sagte, was los war … aber Puppenspieler waren manipulativ und geheimnistuerisch, und das Machtverhältnis im Reparaturzentrum änderte sich unentwegt. Am besten erst mehr erfahren. Ein wenig mehr Druckmittel gewinnen, bevor er nach der Wahrheit griff.

Er warf das Frühstücksgeschirr in die Recyclertoilette. Vorsichtig stieg er um die Wand herum. »Stimme des Hintersten«, sagte er.

»Dir zu Befehl. Du brauchst keinen Sturz riskieren. Hier ist eine Verbindung über eine Trittscheibe«, und ein Cursor zeigte ihm einen Flecken auf dem Boden des Mannschaftsquartiers.

»Zeig mir den Raum für die Meteoritenabwehr!«

»Dieser Ausdruck ist unbekannt.« Ein holografisches Fenster sprang in der Wand auf Backbord auf. »Ist dies der Ort, den du meinst?«

Die Meteoritenabwehr unter der Karte des Mars war ein weiter, dunkler Raum. Sämtliche Sterne des Universums kreisten um eine ellipsoide Wand von zehn Metern Höhe, den Boden und die Decke. Drei lange, schwingende Ausleger endeten in Sitzen mit Tastaturen, und diese wiederum zeigten sich schwarz auf schwarz vor dem Wanddisplay.

Neben dem Rand eines aufpoppenden Fensters, unter einem grellen Licht, waren knubbelige Knochen zum Studium ausgelegt. Dies war der älteste Protektor, der Louis bekannt war, und Louis hatte ihn Kronos genannt. In den entferntesten Schatten standen Säulen mit großen Platten obenauf, mechanische Pilze. Louis zeigte in das Fenster. »Was ist das?«

»Servicestapel«, erwiderte die Stimme des Hintersten. »Ein jeder besteht aus mehreren Schwebeplatten, obenauf eine Trittscheibe.« Louis nickte. Die Ringwelt-Ingenieure hatte Schwebeplatten im gesamten Reparaturzentrum hinterlassen. Wenn man sie stapelte, hoben sie mehr. Das Hinzufügen einer Trittscheibe erschien wie eine naheliegende Verbesserung … wenn man welche übrig hatte.

Louis sah einen Ausleger über die Sternlandschaft schwingen. Er endete in einem knubbeligen, kantigen Schatten.

Alle Protektoren sahen in etwa so aus wie eine mittelalterliche Rüstung.

Der Protektor beobachtete eine Gischt von Sternen. Seine Kameras mussten nicht auf der Ringwelt selbst montiert sein, vielleicht befanden sie sich auf der Außenseite der Ringmauer und waren von der Sonne abgewandt. Er war sich anscheinend nicht bewusst, dass er gerade ausspioniert wurde.

Louis wusste es besser, als Asteroiden oder Welten zu erwarten. Unbekannte Ingenieure hatten das alles aus dem Ringweltsystem hinausbefördert. Diese treibenden Lichter wären Raumschiffe verschiedener Spezies. Jetzt konzentrierte sich die Aussicht auf ein durchscheinendes, fragiles Outsider-Schiff; jetzt auf eine Glasnadel, eine General-Products-Nr.-2-Hülle, Inhaber unbekannt; jetzt auf ein ARM-Kriegsschiff von der Form einer Brechstange.

Töneschmied schien total konzentriert zu sein. Er zoomte auf eine Sternenlandschaft, die von einem nebelhaften Klumpen verdeckt wurde, einem Proto-Kometen. Winzige, kantige Maschinen trieben drumherum, markiert von blinkenden Cursors. Eine Lanze aus Licht strahlte viel heller: der Fusionsantrieb irgendeines Kriegsschiffes. Hier ein weiteres, das über den Bildschirm schoss. Keine Waffen abgefeuert.

Der Grenzkrieg ist immer noch kalt, dachte Louis. Er hatte sich gefragt, wie lange dieser Zustand dauern könnte. Ein formeller Waffenstillstand könnte zwischen so vielen unterschiedlichen Geistern nicht halten.

Der Arm des Protektors fuhr zittrig über die Tastatur.

Aus dem Augenwinkel sah Louis Sonnenlicht herabscheinen. Er fuhr herum. Über der Needle öffnete sich der Mons Olympus und überflutete die Höhle mit ungefiltertem Licht.

Der Linearbeschleuniger brüllte auf; ein Lichtbogen raste von unten nach oben.

Der Krater begann sich zu schließen.

Louis wandte sich wieder dem Display zu. Er blickte Töneschmied über die Schulter und sah das Fusionslicht von irgendwo außerhalb des Bildschirms aufflammen und zu einem hellen Punkt schrumpfen. Was Töneschmied auch immer abgefeuert hatte, es war bereits zu weit weg, um es zu erkennen. Töneschmied war in den Grenzkrieg eingetreten!

Von einem Protektor war nicht zu erwarten, dass er untätig bliebe, selbst wenn die Alternative darin bestand, den Krieg auf die eigenen Köpfe herunterzuholen. Louis machte ein finsteres Gesicht. Der Protektor Bram war verrückt gewesen, trotz seiner überaus großen Intelligenz. Louis musste schließlich entscheiden, ob Töneschmied ebenfalls verrückt war und was er in dieser Hinsicht unternehmen konnte.

Inzwischen sollte dieses letzte Manöver den Protektor beschäftigt halten. Wie viel Freiheit war Louis also zugeteilt? »Stimme des Hintersten«, sagte Louis, »zeige mir die Orte aller Trittscheiben!«

Die Stimme des Hintersten rief die Dreihundertsechzig-Grad-Ansicht eines Kartenraums auf. Die Ringwelt umgab Louis, ein Ring von einer Milliarde Kilometern Umfang und anderthalb Millionen Kilometern Breite, ein blaues Band am Tag und ein schwarzes in der Nacht und breite, verschwommene Ränder, die Morgen- und Abenddämmerung darstellten. Blinkende, orangefarbene Cursorlichter zeigten sich auf der Oberfläche. Einige waren wie Pfeilspitzen geformt.

Dieses Muster hatte sich stark verändert, seitdem Louis es zuletzt gesehen hatte. »Wie viele?«

»Gegenwärtig sind fünfundneunzig Trittscheiben in Betrieb. Zwei sind ausgefallen. Drei wurden in den Raum abgeworfen und Sonden durch sie gestartet. Die Flotte schoss sie ab. Zehn werden in Reserve gehalten.«

Der Hinterste hatte Trittscheiben an Bord der Hot Needle of Inquiry geladen, aber nicht einhundertzehn! »Baut der Hinterste weitere Trittscheiben?«

»Mit seiner Hilfe hat Töneschmied eine Trittscheibenfabrik errichtet. Die Arbeit geht langsam voran.«

Die blinkenden orangefarbenen Lichter, die Trittscheiben markierten, häuften sich entlang der nähergelegenen Seite der Ringwelt, dem Bogen des großen Ozeans. Die gegenüberliegende Seite sah spärlich besetzt aus. Zwei blinkende orangefarbene Pfeilspitzen hatten fast den Rand des anderen Ozeans erreicht. Andere bewegten sich in diese Richtung.

Der andere Ozean war von einer Rautenform und reichte fast über die gesamte Breite der Ringwelt, einhundertachtzig Grad vom großen Ozean aus entfernt. Zwei solche Wassermassen mussten einander ausbalancieren. Die Mannschaft des Hintersten hatte den anderen Ozean nicht erforscht. Höchste Zeit, dachte Louis.

Die meisten der Trittscheiben waren um den großen Ozean versammelt, und von denen häufte sich der größte Teil in der Nähe von etwas, das die Karte des Mars sein musste. Louis zeigte auf eine, die im Wasser dem vor Mars lag. »Was ist das?«

»Das ist das Landefahrzeug der Hot Needle of Inquiry.«

Teela, der Protektor, hatte das Landefahrzeug während ihres letzten Duells abgeschossen. »Ist es funktionsfähig?«

»Die Verbindung der Trittscheibe ist funktionsfähig.«

»Was ist mit dem Landefahrzeug?«

»Lebenserhaltungssysteme marginal. Antriebssysteme und Waffen sind ausgefallen.«

»Können einige dieser Servicestapel aus dem System ausgeschlossen werden?«

»Das ist bereits geschehen.« Linien breiteten sich über die Karten aus und verbanden die blinkenden Lichter. Einige hatten durchgestrichene Kreismarkierungen: Verbotszeichen. Was bedeutete: geschlossen. Das Labyrinth war kompliziert, und Louis versuchte erst gar nicht, es zu verstehen. »Mein Herr hat Codes überschrieben«, sagte die Stimme.

»Darf ich die haben?«

»Nein.«

»Beziffere diese Trittscheibenseiten für mich. Dann drucke eine Karte aus.«

Da die Ringwelt riesig war, war der Maßstab extrem. Mit bloßem Augen könnte er niemals Details darauf erfassen. Als die Karte herauskam, faltete er sie zusammen und stopfte sie sich trotzdem in eine Tasche.

Er legte eine Pause fürs Mittagessen ein und kehrte zurück.

Er setzte zwei Servicestapel in Bewegung und änderte eine Anzahl von Verbindungen. Die Stimme des Hintersten druckte eine weitere Karten mit seinen hinzugefügten Änderungen aus. Auch die steckte er ein. Besser beide behalten. Mit ein wenig Glück hätte er jetzt Straßen, auf denen er reisen könnte und die Töneschmied unbekannt wären.

Oder es könnte verschwendete Liebesmühe gewesen sein. Der Hinterste könnte, wenn er erwachte, alles in einem Augenblick zurückändern.

Die Stimme weigerte sich, Waffen herzustellen. Natürlich hatte die Küche im Mannschaftsquartier der Needle das auch nicht getan.

Töneschmied befand sich nach wie vor am Ende eines Auslegers und verfolgte nach wie vor das, was er abgeschossen hatte.

»Wo ist der Rest von uns?«, fragte Louis die Stimme.

»Wen suchst du?«

»Acolyte.«

»Ich habe diesen Namen nicht …«

»Der Kzin, mit dem wir dieses Schiff geteilt haben. Chmees Kind.«

»Ich liste diese LE als …« Ein Geheul, das das Blut zum Gerinnen brachte. Louis musste seine Finger von einer Tischkante gewaltsam losdrücken. »Ändere seinen Namen zu Acolyte.«

»Bitte.«

Die Karte war wieder da, und ein blinkender Punkt neben der Faust Gottes … hundertfünfzigtausend Kilometer backbord und antispinwärts von der Faust Gottes – viermal der Erdumfang – und zweimal so weit nach spinwärts von der Karte des Mars. Die überwältigende Größe der Ringwelt musste immer wieder aufs Neue erlernt werden. Die Stimme sagte: »Hier haben wir Acolyte vor einunddreißig Tagen mit einem Servicestapel abgesetzt. Seitdem ist er sechzehnhundert Kilometer weit gekommen.« Der Punkt sprang ein winziges Stück weiter. »Töneschmied hat die Einstellung für die Trittscheibe geändert. Sie führt zu einem Beobachtungspunkt auf der Karte der Erde.«

Heimat von Acolytes Vater. »Hat er sie benutzt?«

»Nein.«

»Wo sind die Städtebauer?«

»Meinst du die Bibliothekare? Kawaresksenjajok und Fortaralisplyar und die drei Kinder wurden zu ihrem Herkunftsort zurückgebracht …«

»Gut!« Das hatte er selbst tun wollen.

»Zur Bibliothek in der schwebenden Stadt. Ich bemerke deine Zustimmung. Wen sonst soll ich aufspüren?«

Wer sonst waren seine Gefährten gewesen? Zwei Protektoren. Bram, der Vampirprotektor, war tot. Töneschmied war … anscheinend nach wie vor beschäftigt. Im Meteoritenabwehrraum folgte der Teleskopschirm des Protektors einem zurückweichenden Punkt, dem Fahrzeug, das er zuvor gestartet hatte. Sein Antrieb war abgeschaltet … flammte grell auf und erlosch wieder.

Das war ein Kriegsschiff. Reaktionsantriebe wurden nach wie vor für den Krieg benötigt; moderne Antriebssysteme konnten nicht so schnell ein- und wieder ausgeschaltet werden.

»Bist du Valavirgillin auf der Spur geblieben?«, fragte Louis.

Die Karte machte einen Sprung. »Hier, nahe der schwebenden Stadt und einem lokalen Zentrum der Kultur des Maschinenvolks.«

Gut, und sie befand sich in sicherer Entfernung von Vampiren. Sie waren sich seit zwölf Jahren nicht mehr begegnet. »Warum bist du ihr auf der Spur geblieben, Stimme des Hintersten?«

»Anweisungen.«

Vorsichtig: »Von wem nimmst du Anweisungen entgegen?«

»Von dir und Töneschmied und …« Ein Tusch eines orchestralen Chaos von schneidender Süße. Louis erkannte den wahren Namen des Hintersten. »Aber das alles könnte widerrufen werden von …« Wiederum der Name des Hintersten.

»Ist Töneschmied der Zutritt zu irgendeiner interessanten Ebene dieses Schiffs verwehrt?«

»Zurzeit nicht.«

Der Hinterste befand sich immer noch in seiner sich selbst umschlingenden Katatonie. »Wie lange ist es her, dass er gegessen hat?«, fragte Louis.

»Zwei hiesige Tage. Er wacht zum Essen auf.«

»Wecke ihn auf.«

»Wie soll ich ihn ohne Trauma aufwecken?«

»Ich habe ihn einmal tanzen sehen. Schalte das ein. Bereite etwas zu essen für ihn vor.«

Kapitel 2 Der Hinterste

Der Hinterste träumte von vollkommener Sicherheit. Er träumte nicht, dass er wieder der Hinterste wäre, Herrscher über eine Trillion seiner eigenen Art. Er war wahnsinnig gewesen, dass er so ehrgeizig gewesen war. Er hatte immer gewusst, dass dies kein stabiler Zustand war, dass seine Fraktion der Experimentalisten jeden Moment die Macht verlieren konnte. Was auch geschehen war.

Er träumte davon, wieder jung zu sein. Das war so lange her, dass alle Einzelheiten in seinem Geist geglättet worden waren, und er erinnerte sich bloß noch an ein allgemeines Gefühl davon, klein, geschützt und einzigartig zu sein.

Er träumte, dass kein Werkzeug ihm jemals in die Hand beißen würde. Und dann begann der Tanz …

Die Illusion war wunderbar.

Louis stand in einer weiten Halle. Der Fußboden bestand völlig aus breiten, flachen Stufen. Eintausend Aliens bewegten sich um ihn her, zweitausend Kehlen stießen Orchestermusik aus, die auch Konversation war, unerträglich komplizierte Konversation. Wolfgang Amadeus Mozart wäre verrückt geworden. Die Beatles … fingen verrückt an, aber, futz, das tat Mozart auch.

Tritt, zur Seite, linke Köpfe streifen Fingerlippen; Hinterbein tritt, Partner scheut zurück. Der Hinterste trat aus. Ein flacher, einäugiger Kopf kam unter seinem Rumpf hervor. Herumwirbeln, treten; der Hinterste kam schwankend auf die Vorderfüße und versuchte, sich umzudrehen. War das ein Tanz oder Kampfkunst?

Der Hinterste pfiff. Der Tanz löste sich auf. »Louis«, sagte der Puppenspieler.

»Wie lange warst du weggetreten?«

»Ich schlafe viel. Wo ist Töneschmied?«

»Führt einen Krieg, glaube ich.«

Ein Kopf wandte sich dem Display des Meteoritenabwehrraums zu. »Ich habe beobachtet, wie er dieses Fahrzeug gebaut hat. Der Grenzkrieg wird immer heißer. Sind sie in die Ringwelt eingedrungen?«

»Ich habe keine Ahnung. Hinterster, wie kam es dazu, dass die Needle in diesem Zustand ist?«

»Erinnere dich, dass Töneschmied mich auf deinen Rat hin als seinen Lehrer akzeptiert hat.«

Töneschmied, der Ghul-Musiker, war als Protektor neu geboren worden und lernbegierig. »Er benötigte eine Ausbildung, und zwar schnell«, sagte Louis. »Ich hätte gedacht, dass wir umso mehr erraten könnten, was er tut, je mehr er von uns gelernt hat. Hast du versucht, Geheimnisse zu wahren?«

»Ja.«

»Und du hast ihn natürlich vom Flugdeck ausgesperrt.«

»Allerdings«, gab der Puppenspieler zu. »Ich lehrte ihn den Gebrauch deiner Displays in den Mannschaftsquartieren. Ich habe ihn gut unterrichtet, aber er lernte schneller, stets schneller. Er verlangte Zugriff auf meine Werkzeuge. Ich weigerte mich. Sechs Tage, nachdem du in den Autodok gegangen bist, erwachte ich und fand ihn hier über mir stehend vor, wo ich glaubte, dass er nicht hinkommen könnte. Ich habe ihm alles gegeben.«

»Wann hat er dein Schiff auseinandergenommen?«

»Einige Zeit später. Ich lag elf Tage lang im Angst-Koma. Seitdem hat sich wenig geändert. Louis, er hat den Hyperdrive repariert!«

»Jede Menge guter …«

»Er wird das Schiff wieder zusammensetzen. In diesem Fall fliehe ich. Sei an Bord.«

»Wann?«

Die Augen des Puppenspielers sahen einander an.

Was Verwirrung bedeutete, oder Belustigung, oder irgendeine Art von innerem Konflikt. »Was hat er getan?«, fragte Louis. »Ein Kriegsschiff gebaut …«

»Ja, und den Grenzkrieg verfolgt, die Geheimnisse meiner Maschinerie erforscht – er hätte mir nicht vertraut, dass ich sie ihn lehre – und sich von meinen Verbündeten und den deinen befreit. Die Maschinenleute sind heimgeschickt worden. Acolyte ist losgeschickt worden, um überhaupt nichts auszuspionieren. Dich hat er sicher im Intensivbett schlafen lassen, und er hat dort auch ausgedehnte Experimente durchgeführt. Louis, ich muss dich unterrichten. Du sollst alles wissen, was du vielleicht benötigst.«

»Warum?«, fragte Louis.

»Wir sind Verbündete.«

»Warum?« Der Trafroh war von seinem Platz verschwunden, eine Ausbuchtung in Louis‘ Tasche. Würde der Hinterste ihn erwähnen?

»Töneschmied hat uns versklavt! Siehst du nicht, was er für dich plant?«

»Ich glaube schon. Er will mich zu einem Protektor machen.«

Protektor war die erwachsene Form der menschlichen Spezies. Kind, Brüter, Protektor. Im mittleren Alter – jung für einige hominide Spezies, älter für einige wenige, um etwa fünfundvierzig Jahre für Menschen – kann ein Brüter zum Protektor werden. Seine/Ihre Haut wird dicker und runzliger, wie ein Panzer. Die Hirnschale dehnt sich aus. Ein zweites Herz mit zwei Kammern wächst dort, wo die Femoralarterie in die Beine übergeht. Gelenke werden knubbeliger, was eine größere Schwungkraft für eine größere Hebelwirkung in Muskeln und Sehnen bewirkt.

Es finden auch psychologische Veränderungen statt. Ein Protektor verliert die Eigenschaften des Geschlechts. Ein Protektor wird seine/ihre Nachkommen schützen, sie an ihrem Duft erkennen. Mutationen werden zurückgelassen und sterben. Ein Protektor ohne überlebende Kinder hört gewöhnlich auf zu essen und stirbt … aber einige ziehen es vielleicht vor, ihre gesamte Spezies zu beschützen und zu nähren. Das kann funktionieren, wenn eine Bedrohung wahrgenommen wird.

Aber nichts davon geschieht ohne das Virus, das im Lebensbaum lebt und die Veränderung auslöst.

Lebensbäume wachsen auf der Erde nicht richtig. Auf der Ringwelt waren sie nur in Kammern unterhalb der Karte des Mars gefunden worden. Die Hominiden auf der Erde und auch auf der Ringwelt haben sich zu Brütern entwickelt, einer unvollendeten Form, wie Axolotl.

Ein zu junger Hominide reagiert nicht auf den Duft der Lebensbaumwurzel. Die Wurzel wird einen älteren Hominiden vergiften. Louis Wu war zu alt gewesen, bis Carlos Wus Autodok ihn veränderte, und jetzt war er zu jung.

»Zumindest ein Vierteljahrhundert lang bin ich sicher«, sagte er.

»Länger als das«, sagte der Puppenspieler, »wenn du rechtzeitig Carlos Wus Autodok benutzt. Der Autodok verjüngt dich. Töneschmied will dich daran hindern.«

Guter Hinweis, dachte Louis. »Und was ist, wenn er so lange wartet, bevor er die Needle wieder zusammenbaut?«

Der Puppenspieler sprach mit trauriger Musik. »Dann bin ich verloren. Getrennt von meiner Familie, meiner Heimat. Sklave einer Kreatur, die durch ihre Evolution so geformt wurde, dass sie nichts wertschätzt außer ihre eigene Blutlinie. Louis, du siehst demselben Schicksal entgegen. Du bist nicht von Töneschmieds Spezies.«

»Auf der Ringwelt bin ich von keiner Spezies.«

»Ja, Louis, ja«, im Crescendo, »erkennst du nicht die Implikationen? Er wird dir den Lebensbaum verabreichen. Du wirst ein Protektor werden. Er wird dir keine Macht über ihn verleihen. Du bist bloß ein Gefangener und Ratgeber, ein sprechender Kopf, der Protektor, der keine Nachkommen hat, die er beschützen muss. Du wirst die Stimme sein, die für die Sicherheit der Ringwelt selbst spricht!«

»Ja«, sagte Louis geduldig, »aber nicht fünfundzwanzig Jahre lang. Ich bin neu gemacht worden, jung. Ich reagiere nicht auf den Duft der Wurzel. Ich bin nicht alt genug für die Veränderung.«

»Aber du möchtest sie?«

»Nein. Neinneinnein. Was kannst du für mich tun? Ich habe deine Anordnung der Trittscheiben studiert. Ich habe einige Veränderungen vorgenommen.«

Der Hinterste pfiff das Display des Kartenraums herauf. Er drehte einen vollen Kreis, die Köpfe für einen extremen zweiäugigen Blickwinkel weit auseinandergehalten. »Gut.«

»Ich gehe davon aus, dass du alles wiederherstellen könntest. Hinterster, du musst jedoch verstehen, wenn ein Servicestapel nicht dort ist, wo ich ihn erwarte, könnte mich das umbringen. Du solltest mir Zugriffscodes geben.«

»Ja.«

»Inzwischen muss Töneschmied alles über den Autodok wissen. Was weiß ich nicht?«

»Du hättest nicht die geistige Kapazität.«

Louis schwieg.

»Carlos Wu erbaute vor mehr als zweihundert Jahren ein experimentelles, auf Nanotechnik beruhendes medizinisches System. Die Vereinten Nationen sahen in ihm ein geheimes Genie. Auch beanspruchten sie sein Werk. Er verschwand und nahm den Autodok mit. Carlos Wu wurde niemals gefunden. Der Autodok tauchte sechs Jahre später auf Shasht-Fafnir wieder auf. Mein Agent Nessus war in der Lage, ihn zu erwerben. Mein Forschungsteam modifizierte ihn, sodass er der Physiologie von Kzinti und Puppenspielern angepasst war, und machten ihn wandlungsfähiger und zuverlässiger.

Jetzt hat Töneschmied die Maschine nachgebaut. Ich gehe davon aus, dass sie auch an das Nachtvolk angepasst ist. Er hat diese Form der Nanotechnologie gemeistert und verwendet Nanomaschinen zur Herstellung weiterer Trittscheiben. Was musst du sonst wissen? Der Autodok ist so eingestellt, dass er gewisse Lebensformen anhand ihres genetischen Codes wiederherstellt.«

»Sprechen wir über die Needle. Hat er Waffen hinzugefügt?«

»Ja, und meine bemeistert, und meine Schubdüsen über gesunde Sicherheitsschranken hinaus …«

»Was tut er jetzt?«

Im aufgepoppten Fenster tat die schwarze Silhouette von Töneschmied gar nichts. Sämtliche Aktionen fanden im Raum stand, wo ein Punkt sich mit hoher Geschwindigkeit von der Ringwelt entfernte. Die Schiffe des Grenzkriegs hatten ihn noch nicht entdeckt.

»Ein sehr bewegliches Schiff mit einer winzigen Kabine. Ein kleiner Protektor des Hängenden Volks ist der Pilot«, sagte der Hinterste. »Wenig Treibstoff, große Schubdüse und Reaktionsantriebe, Waffen nicht aus meiner Bibliothek. Wie du gesehen hast, über einen Linearbeschleuniger gestartet. Der Treibstoff an Bord wird nur zum Ausweichen und Abbremsen verwendet. Töneschmied hat sie Sonde Eins genannt.«

Sonde Eins war schwer zu erkennen, wenn ihr Antrieb ausgeschaltet war, aber der Antrieb spuckte jetzt, als sie Plasma- und Lenkwaffen auswich und irgendwie sogar Lasern. Töneschmieds Instrumente folgte ihr hinaus in den interstellaren Raum.

Das Ringweltsystem hatte seine äußeren Kometen behalten. Alle Massen in der Nähe – Planeten, Monde, Asteroiden – waren vor langer Zeit aus dem Ringweltsystem entfernt worden, aber Kometen mussten nicht als Bedrohung für die Ringwelt angesehen worden sein. Schließlich verfügten sie über keine großen Massen, die ihren Orbit veränderten und sie nach innen schleudern würden.

Schiffe eines halben Dutzend Spezies hatten sich seitdem zwischen den Kometen versteckt. Chmee und Louis hatten die Ringwelt vor nahezu vierzig Jahren entdeckt.

Jetzt schossen ARM-Schiffe – von Menschen gebaut, die Polizei- und Militärkräfte der Vereinten Nationen – von außerhalb des Bildschirms herein. Sie sahen eher wie Spannseile als Schiffe aus. An einigen waren kleinere Schiffe angebracht. Sonde Eins strahlte auf wie ein Blitzlicht – falsch gedacht hinsichtlich Laser! – und verschwand.

Töneschmieds Bildschirm weitete den Blick und folgte nichts Offensichtlichem.

Louis hatte keine Trümmer gesehen.

»Hängendes Volk« war eine generische Zuschreibung für Hominide, die einen Lebensstil wie Affen hatten. Einige waren nicht intelligent. Ein Protektor des Hängenden Volks würde dennoch menschliche Intelligenz oder noch mehr erwerben. Hastig ausgebildet für den Raumflug könnte er sogar die Verteidigungskräfte der ARM überlisten, aber Töneschmied würde nach wie vor geistig überlegen sein, nach wie vor die Kontrolle behalten. Im Dasein eines Protektors ging es nur um Kontrolle.

Töneschmieds Teleskop schwang halb um den Himmel herum, um hundertachtzig Grad oder fast so weit. Sein Blick konzentrierte sich auf ein verschwommenes Objekt … einen Kometen, locker gepacktes Eis, das auseinandertrieb. Dann auf ein Raumschiff, das aus dem Innern der Wolke auftauchte.

Es war linsenförmig, schwarz gestrichen mit lebhaften orangefarbenen Markierungen in den Punkten und Kommata der Kzinti-Schrift.

»Die Markierungen benennen dieses Schiff Diplomat«, teilte der Hinterste Louis mit. »Wir haben es beobachtet. Diplomat scheint gut bewaffnet zu sein, kommt jedoch dem Ringwelt-Stern niemals nahe. Es lauert stets zwischen den Kometen. Es kann immer im Hyperdrive flüchten.«

»Das klingt nicht sehr nach Kzinti.«

»Sie lernen. Ich schätze Diplomat als das Kommandoschiff der Flotte des Patriarchen ein.«

Sonde Eins war wieder zurück. Sie hatte die Sonne der Ringwelt im Hyperdrive in weniger als dreißig Minuten halb umrundet; jetzt trieb das Schiff nach innen, direkt auf die Diplomat zu.

Eine Nachricht von der anderen Seite des Himmels hätte die Diplomat noch nicht erreicht. Minuten verstrichen, bevor die Mannschaft der Kzinti auf den Eindringling reagierte. Dann glühten Fäden interplanetaren Staubs im Laserfeuer der Diplomat leicht auf, und eine Handvoll kleiner Schiff schoss aus der Eiswolke hervor.

Sonde Eins vollführte Ausweichmanöver. Ein Laser: Sonde Eins flammte grell auf. Louis kniff vor dem Glanz die Augen zusammen. Töneschmieds Bildschirm war nicht dazu gebaut, Zuschauer vor Blindheit zu schützen. Sonde Eins wich dem Strahl aus, und ein Hagel von Einschlägen ließ sie aufblitzen, und sie flog nach wie vor weiter.

»General-Products-Hülle?«, fragte Louis.

»Das, unter einer Schicht aus Material des Ringweltbodens.«

Ein weiteres Schiff tauchte in der Nähe auf, gerade lange genug, dass Louis einen guten Blick darauf bekam. Es war viel größer als die Diplomat, eine durchsichtige Kugel mit einer dicht innerhalb der Kugel gepackten komplizierten Maschinerie … jetzt wieder verschwunden, wie eine Seifenblase, an die es erinnerte.

»Long Shot«, sagte Louis mit wachsendem Ärger.

»Ich habe sie gesehen«, sagte der Hinterste.

»Sie sind abgehauen. Kzinti tun das nicht.«

»Die Long Shot wird für Kurierdienste verwendet. Sie ist zu wertvoll, um sie einem Risiko auszusetzen, und das Patriarchat wird keinen Platz für Bewaffnung gefunden haben.«

»ARM und Patriarchat sollten das Schiff teilen. Chmee und ich haben sie unter dieser Bedingung übergeben.«

Sonde Eins war dem linsenförmigen Schiff zu nahe, beschleunigte zur Seite, um es zu umrunden, während es Energiedisplays und kleinere Schiffe abwehrte. Plötzlich gab es ein aktinisches Licht. Louis blinzelte heftig. Als er wieder sehen konnte, war Sonde Eins verschwunden.

»Was zum Futz war das?«, wollte er wissen.

»Antimaterie-Geschoss. Die neueren ARM-Schiffe werden von Antimaterie angetrieben, aber wir hatten noch nicht gesehen, dass das Patriarchat sie verwendet. Sie müssen ihre eigene irgendwo in einem Teilchenbeschleuniger herstellen. Die ARM hat eine Quelle, ein Sonnensystem aus Antimaterie.«

»Antimaterie. Hinterster, das macht den Grenzkrieg wesentlich gefährlicher. Die Ringwelt ist zu fragil dafür.«

»Einverstanden.«

»Was tut er jetzt?«

Der Schatten eines Protektors sprang von seinem Stuhl auf, vollführte einen Salto rückwärts wie ein Ballett-Superstar über den Ausblick auf Kometen und Kriegsschiffe, landete an einem Brennpunkt des elliptischen Raums und war verschwunden. Eine Hand wie ein Sack voller Kugellager schloss sich um Louis‘ Unterarm. Er zuckte zusammen wie ein Mann, der gerade einen elektrischen Schlag erhalten hatte. »Louis! Gut, dass du wach bist«, sagte Töneschmied brüsk. »Ohne dich wäre das schwierig geworden. Hinterster, komm da raus. Die Gefahr wartet nicht ab, bis es uns gefällt. Louis, alles in Ordnung mit dir? Dein Herzschlag klingt komisch.«

Kapitel 3 Rekrutierung

Töneschmied war ein junger Protektor. Ein männliches Mitglied des Nachtvolks und mittleren Alters war in eine Höhle gelockt worden, in der Lebensbaum wuchs. Töneschmied war vor einhundertzehn Tagen aus seinem Kokon-Zustand erwacht: ein gewaltiger Geist, den es danach verlangte, ausgebildet zu werden, in einem humanoiden Körper, der für einen endlosen Krieg gehärtet worden war.

Anfangs musste er sich mit dem unvollständigen Wissen der Bibliothekare zufriedengeben, und dem von Acolyte, und mit dem, was in kärglichen Tröpfchen vom Hintersten kam.

Töneschmied wäre sein Eindringen nicht zaghaft angegangen, dachte Louis. Der Hinterste hätte ihn vielleicht abgeblockt. Töneschmied musste diese schwere Ausrüstung in seiner Freizeit gebaut und programmiert, dann alles gleichzeitig in Bewegung gesetzt haben, nachdem er die Schlösser des Hintersten geknackt hatte.

Fait accompli: Plötzlich stand er über dem Puppenspieler in dessen eigenen Wohnquartieren. Plötzlich filetiert er das Raumschiff des Hintersten und entfernt Komponenten, wie ein Fischer eine Forelle ausnimmt. Protektoren jeglicher Spezies wären manipulativ. Intelligenz war manipulativ, nicht wahr? Eine überlegene Intelligenz würde ihre Lehrer kontrollieren wollen. Sie von Zeit zu Zeit aus dem Gleichgewicht bringen wollen. Die Unterschiede zwischen einem Verbündeten, einem Diener, einem Sklaven und einem Schlittenhund verwischen sich, wenn der Unterschied in der Intelligenz genügend groß ist.

Vor ein paar Augenblicken hatte Louis einen Protektor ausspioniert. Auf einmal stand der Protektor neben ihm und hielt ihn am Handgelenk gepackt.

»Mir geht’s gut«, erwiderte Louis. »Viel zu jung für einen Herzanfall.«

Der Puppenspieler hatte Köpfe und Beine unter sich vergraben.

»Arbeite an ihm«, sagte Töneschmied. »Ich werde viel zu tun haben.«

»Zwei Fragen«, sagte Louis, aber der Protektor war verschwunden.

Der Hinterste hob vorsichtig einen Kopf ins Freie. Kein Teil des Halses zeigte sich, nur Auge und Mund.

Töneschmied war zu sehen, wie er außerhalb der Hot Needle of Inquiry herumrannte, an Kontrollen werkte und daraufhin etwas in die dünne Luft rief. Schwere Maschinen setzten sich in Bewegung. Der wieder zusammengebaute Hyperdriveantrieb war in Bewegung. Ungleiche Hälften der Schiffshülle schlossen sich allmählich. Die Oberseite des Linearbeschleunigers fuhr über die Unterseite des Mons Olympus.

Der Hinterste pfiff: »Ich hatte recht! Er wird …« Der Kopf duckte sich wieder. Töneschmied war zurück.

Er hörte auf, an den Kontrollen der verborgenen Trittscheibe zu arbeiten. Dann hob er den in sich zusammengerollten Puppenspieler auf, wobei er dem Hinterbein auswich, als es ausschlug. Sie wogen etwa gleich viel, schätzte Louis. »Louis, folg mir!«, brüllte er, machte einen Schritt nach vorn und war verschwunden.

Nur für einen Augenblick rebellierte Louis Wu.

Natürlich war es ein Test. Würde Louis Wu ihm folgen, ohne Fragen zu stellen? Das alles war nur allzu vertraut.