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Edda Rönckendorffs Weg zu einer erfolgreichen Schriftstellerin mit Hunderttausenden verkauften Büchern war voller Härten und Umwege. Ihr Leben zwischen Weimarer Republik und Fall der Mauer gleicht selbst einem Roman. Ein Steinbruch für ihr literarisches Werk von sechs Romanen, Hunderten von Erzählungen und zahlreichen Übersetzungen. Der Roman dieses Lebens führt von der Bodenseeregion über Karlsbad zum Studium an der Diplomatenschule des Dritten Reiches in Berlin, über Vertreibung und Flucht aus dem Sudetenland zur Verlagsausbildung bei Ernst Rowohlt und C.W. Ceram in Hamburg und schließlich nach Essen als Ehefrau, Mutter und immer erfolgreichere Schriftstellerin. Das Leben einer selbstbewussten und starken Bestsellerautorin, literarisch verarbeitet in den Romanen ihres Lebens
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über den Autor
Dr. Hans Janus, geboren 1954 und aufgewachsen in Essen, ist ein Sohn der Schriftstellerin Edda Janus (geb. Rönckendorff) und des Rechtsanwalts und Notars Helmut Janus. Er studierte Slawistik und Jura an den Universitäten Bochum und Hamburg. Als Postgraduierter verbrachte er ein akademisches Jahr an der Lomonossow-Universität in Moskau. Hans Janus arbeitete über 30 Jahre in führenden Positionen in der Kreditversicherung. Als Autor veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze zum Bank- und Außenwirtschaftsrecht. Bei seinen beruflichen und akademischen Tätigkeiten spielen die Länder Osteuropas, vor allem Russland, Kasachstan, Ukraine, Belarus und Georgien eine große Rolle. Hans Janus arbeitet in Hamburg als Rechtsanwalt und Unternehmensberater. Seine Liebe gehört seit Schulzeiten der russischen, sowjetischen und post-sowjetischen Literatur.
Prolog: Ende und Anfang
Teil 1: Das Erbe des Kaiserreichs Die Familien Rönckendorff und von Haldenwang
Das Reich im Aufruhr – Walter Rönckendorffs vorläufiges Ende der Soldatenlaufbahn
Soldaten, Schießpulver und Motoren – Elisabeth Rönckendorffs noble Kindheit
Teil 2: Jugend ohne Heimat
Kindheit auf dem Land
Eddas Vater wird wieder Soldat
Röttger
Auf Umwegen nach Berlin
Teil 3: Bis zum bitteren Ende
Studium an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät
Mit van Gogh und Rilke durch die schlimmen Jahre
Studium trotz Bombenkrieg
Das unausweichliche Ende naht
Zur Erledigung wissenschaftlicher Arbeiten vorübergehend nach Karlsbad abgeordnet
Teil 4: Ende, Chaos und (k)ein Anfang
Amerikaner oder Russen
Vertreibung aus Karlsbad
Flucht
Harzburger Hof
Teil 5: Hamburg
Information Control Unit
Ernst Rowohlt, der „Alte“
Mareks Schule
Draußen vor der Tür. Wolfgang Borchert und Werner Lüning
Erwin und Helmut
„Götter Gräber und Gelehrte“
Demokratie lernen. Wilton Park
Kein Geld, keine Zukunft?
Licht am Ende des Tunnels
Sylt und die Folgen
Von der Elbe an die Ruhr
Teil 6: Essen
Die neue Stadt
Schreiben, schreiben?
Zwischen Familie und Schreibtisch
Edda Janson erblickt das Licht der Welt
Der erste Roman
Ohne Perspektive
„Silent Spring“
Teil 7: Krise und Neustart
Versuche für einen weiteren Roman
Alles ändert sich
Eine Karriere als Übersetzerin
Zeit des Erwachens
Ein Mädchen lebt allein
„Glück im Winkel“
Alte Verbindungen, alte Freundschaften
Teil 8: Romane eines Lebens
Antiquitäten, Porzellan, Teppiche: Ein Roman entsteht
Helmuts Tod und fast vereitelte Reisepläne
China
Die Mutter. Im Leben und im Roman
China und Russland und der große Erfolg
Vom Zigarettenholen nicht zurückgekommen
Karlsbad
Auf der Erfolgsspur
Die letzten Jahre
Der allerletzte Brief
Teil 9: Epilog
Anhang:
Danksagung
Literatur
Unveröffentlichte Quellen
Abkürzungen
Personenregister
Meinen Brüdern Ludwig, Walter und Helmut
Da stehen sie nun, Edda Rönckendorff und Lily Mohn1, vor dem vornehmen Haus der Großmutter Elisabeth Rönckendorff2 im friedlichen Kurort Bad Harzburg. Man sieht den beiden an, was sie hinter sich haben. Sie sind erschöpft, hungrig, seit Tagen nicht ordentlich gewaschen. Die Rucksäcke ziehen sie nach unten, auch wenn deren Inhalt nicht übermäßig schwer ist. Das Haus Am Breitenberg war das verabredete Ziel, nun haben sie es nach großen Strapazen erreicht. Edda und Lily, eine Cousine der Mutter und fast doppelt so alt wie die erst zwanzigjährige Edda, haben es geschafft, aus Karlsbad im Sudetenland nach Bad Harzburg zu fliehen. Es ist Anfang Juni 1945, der Krieg ist gerade erst vier Wochen zu Ende.
Edda und Lily sind auf dieser Flucht zu einer Krisengemeinschaft und zu engsten Freundinnen geworden, wie sie es so vorher niemals waren, obwohl Lily schon seit Eddas frühester Kindheit im Haushalt ihrer Eltern lebte und die kleine Edda beim Großwerden begleitete. Diese enge Verbundenheit sollte bis an Eddas Lebensende fortbestehen.
Die Verhältnisse in Karlsbad waren unerträglich geworden. Lebensmittel waren knapp und wurden den sogenannten Reichsdeutschen nur in minimalen Mengen oder gar nicht verkauft, die Plünderungen wurden immer häufiger und brutaler. Nach den Russen drängten die tschechischen Partisanen in die Stadt, voller Rachegelüste und Hass auf die dort lebenden Deutschen. Wenn man dann noch ein hoher Offizier der deutschen Wehrmacht war, wie Eddas Vater, gab es keine Hoffnung auf einen friedlichen Verbleib in Karlsbad. Die Flucht war unvermeidlich.
Edda und Lily waren als Erste aufgebrochen. In den Rucksäcken nur das Allernotwendigste. Ein wenig Wäsche, die wichtigsten Dokumente, die mit vielen schönen kleinen Zeichnungen versehenen Briefe des ein Jahr zuvor nur zweiundzwanzigjährig in Rumänien gefallenen Bruders und ihr alter und von inniger Liebe gezeichneter Teddybär mit den abgekauten und geflickten Pfoten. Die Eltern, Walter3 und Elisabeth Rönckendorff4, wollten in Karlsbad noch versuchen, Teile des Hausrats zu retten, um dann den Umzug zu organisieren oder wenigstens mit etwas Geld aus dem Verkauf der Möbel in den Taschen ebenfalls den Weg nach Bad Harzburg zu wagen. Von ihnen gab es seither noch kein Lebenszeichen.
In Deutschland herrschte das reinste Chaos. Die Wehrmacht war in Auflösung. Die Alliierten bauten ihre Militärverwaltung in den jeweils von ihnen besetzten Zonen erst auf. Die örtlichen Verwaltungen waren, sofern überhaupt noch vorhanden, kaum in der Lage, auch nur das Nötigste zu steuern und zu veranlassen. Flüchtlinge aus dem Osten strömten zu Hunderttausenden, ja zu Millionen nach Westen. Die Städte waren durch den Bombenkrieg schwer zerstört und die Infrastruktur an vielen Orten zusammengebrochen.
So stehen Edda und Lily nun vor dem Haus der Großmutter, aber als sie sich der Haustür nähern, tritt nicht die Großmutter heraus, sondern ein britischer Offizier. Edda spricht nur mäßig Englisch, eben so viel, wie man es kann, wenn aufgrund des Krieges die Schulzeit noch um ein Jahr verkürzt und den Schülern nur ein sogenanntes Notabitur abgenommen wird.5 Lily kann recht gut Französisch, hat sogar in Bregenz 1928 ein Diplom als Französischlehrerin für die Volksschule erworben, aber Bad Harzburg liegt nun mal in der britischen Zone. Viele Sprachkenntnisse brauchen sie aber auch nicht, um zu verstehen, dass das Haus der Großmutter von der britischen Armee requiriert worden war. Wo die Bewohner abgeblieben sind, ist dem Offizier nicht bekannt. Auch das verstehen die beiden.
Die Suche geht weiter, aber nach dem, was hinter ihnen liegt, kann sie nicht mehr viel erschrecken. Eine Vermutung, wo sie die Angehörigen finden könnten, haben die beiden auch. Doch auch die Wohnung von Eddas Tante Ilse Woermann6 in der Kurhausstraße 67 ist von den Engländern für die Unterbringung von Mitarbeitern der Militärverwaltung beschlagnahmt. Schließlich finden Sie die 89-jährige Großmutter und die Schwester des Vaters bei weiteren Verwandten. Dort, in der Goslarschen Str. 4, leben inzwischen viele Menschen unter einem Dach. Aber für Lily und Edda finden sich noch Matratzen und ein Schlafplatz auf dem Dachboden. Die Freude bei Großmutter Elisabeth und Tante Ilse ist riesengroß. Auch ihnen war klar, dass die Karlsbader Bad Harzburg als erste Anlaufstelle nehmen würden, aber schon seit Längerem gab es keinerlei Kontakt. Nun, da der Schlafplatz gesichert ist, kann der Badeofen mit einem kräftigen Holzfeuer angeheizt werden, und Edda und Lily können nach mehr als zwei Wochen der Flucht ein richtiges Vollbad nehmen. Die Strapazen, Ängste und Entbehrungen der Flucht waschen sie im heißen Badewasser von sich ab.
Haus der Familie Rönckendorff, Am Breitenberg, Bad Harzburg.
Für Edda ist klar, dass an eine Fortsetzung ihres Studiums nicht zu denken ist. Es gibt keine Universität mehr, die noch in Betrieb ist. Ihre Berliner Universität ist völlig zerbombt und ihre Arbeit als Assistentin am Auslandswissenschaftlichen Institut hatte in den letzten Kriegsmonaten hauptsächlich darin bestanden, in den Ruinen der Universitätsgebäude die leeren Fensterhöhlen mit Brettern zuzunageln und aus den Schuttbergen in den Bibliotheken und Unterrichtsräumen noch brauchbare Bücher und Einrichtungsgegenstände auszugraben. Dann, Mitte März 1945, waren auch die letzten Assistenten der Universität an ihre Heimatorte versetzt worden, sodass Edda das Kriegsende bei ihren Eltern in Karlsbad erlebte.
Die Ankunft in Bad Harzburg ist damit definitiv das Ende. Das Ende des Studiums, das Ende eines Lebens, das Edda aus vollen Zügen genossen hatte. Trotz des Krieges, trotz der widrigen Umstände und trotz der immerwährenden Lebensgefahr in Berlin im letzten Kriegsjahr. Aber was würde nun kommen? Niemand weiß das. Es ist zu früh für Pläne und neue Lebensentwürfe. Dass man den Krieg überlebt hat, ist schon sehr viel. Es würde etwas Neues passieren, aber was, das ist völlig unklar. Nur die Perspektive auf das Neue, die ist düster. Im besten Fall.
1 Lily Mohn (1907–1991).
2 Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler (1856–1945).
3 Walter Rönckendorff (1883–1957).
4 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang (1894–1983).
5 Mündliche Abiturprüfung in Englisch, Abschlussnote „befriedigend“.
6 Ilse Woermann geb. Rönckendorff (1881–1965).
7 Heute Kurhausstr. 3.
Walter Rönckendorff sitzt am Abend des 16. Januar 1919 an einem kleinen Tischchen in seinem Hotelzimmer in der Kantstraße in Berlin. Es ist nicht kalt draußen, aber grau, und es regnet leicht. Seine Stimmung ist gedrückt. Ihn quälen Schmerzen nach einer Operation. Doch das ist noch eher ein geringes Problem. Im gerade erst zu Ende gegangenen Weltkrieg war er, der Berufssoldat, die meiste Zeit an der Westfront in Frankreich, später auch im Baltikum. Mehrere Jahre lang war er immer wieder in den befestigten Stellungen und Schützengräben im Einsatz. Er ist achtmal und zum Teil schwer verwundet worden und ein weiteres Mal bei einem Gasangriff, den er fast nicht überlebt hätte. Die schlimmste Verletzung hat ihn im August 1918 bei einem Granateneinschlag in unmittelbarer Nähe ereilt. Monate hat er im Lazarett in Frankenhausen in Thüringen verbracht, und als er entlassen wird, ist er alles andere als geheilt. Eine größere Wunde am rechten Bein wächst nicht wieder zu, sein ganzes weiteres Leben leidet er unter dieser offenen Wunde, die immer größte Hygiene und Pflege braucht und ihn mit nie endenden Schmerzen quält8. Nur für sehr kurze Zeit noch schließt sich Walter Rönckendorff einem Freikorps im Baltikum an, doch scheidet er aus diesem bald wieder aus. In diesen Tagen jedoch muss er in Berlin zwei Operationen an der Nase über sich ergehen lassen, was ihm Schmerzen bereitet und ihn sehr einschränkt9.
Während Walter Rönckendorff mit seinen gesundheitlichen Problemen kämpfte, tobte um ihn herum in Berlin der Spartakusaufstand. Rönckendorff war die Regierung Ebert/Scheidemann alles andere als sympathisch. Für ihn war mit dem Ende des Weltkriegs eine Welt zerbrochen. Monarchie, Adel und das Militär waren die Koordinaten seines Weltbilds. Nun tobten in Berlin die blutigen Kämpfe zwischen bewaffneten Kräften der USPD, der KPD und des Spartakusbundes auf der einen Seite und Regierungstruppen und Polizei auf der anderen. Es hatte Hunderte von Toten und Verwundeten gegeben, Besetzungen von Zeitungsgebäuden, Geiselnahmen, die Situation drohte völlig aus dem Ruder zu laufen. Walter Rönckendorff soll, hieß es hinter vorgehaltener Hand in der Familie, an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 im Hintergrund in irgendeiner Weise beteiligt gewesen sein. Seiner Mutter schreibt er dazu in seinem Brief vom 16. Januar 1919, dass mittags die Nachricht „vom schrecklichen Ende der Luxemburg und [des] Liebknecht“ bekannt geworden sei10. Die Stimmung in der Bevölkerung „gegen diese beiden Leute“ sei in letzter Zeit furchtbar gewesen, sodass „ein solches oder ähnliches Ende“ für ihn, Walter Rönckendorff, offenbar nicht überraschend kam. Er dürfte jedoch gesundheitlich zu angeschlagen gewesen sein, um auch nur im Hintergrund eine Unterstützung geleistet zu haben. Auch erscheint es eher unwahrscheinlich, dass dieser Soldat alter Prägung und großer Bildung sich an einem auf kollektivem Hass basierenden Mordkomplott beteiligt haben könnte.
Joachim Heinrich Campe, 1825
Walter Rönckendorff stammte aus einer angesehenen Braunschweiger Unternehmerfamilie. Seine Vorfahren waren Hoteliers und Weinhändler, Verleger und Chemieunternehmer, aber eine ganz herausragende Position, geradezu die eines familiären Übervaters, hatte Walter Rönckendorffs Ururgroßvater Joachim Heinrich Campe11. Dieser intellektuelle Vordenker, Sprachforscher, Schriftsteller, Übersetzer und Pädagoge prägte nicht nur das Geistesleben Deutschlands im ausgehenden 18. Jahrhundert, sondern schuf auch mit dem an Daniel Defoes Robinson Crusoe angelehnten Jugendroman „Robinson der Jüngere“ und seinem Buch „Briefe aus Paris“ literarische Bestseller, die über Jahrzehnte zu den meistverkauften Büchern zählten. In seinem Buch mit den Briefen aus Paris, geschrieben an seine Tochter Charlotte, das einzige leibliche Kind neben mehreren Adoptivkindern, schilderte Campe seine Reiseerlebnisse aus den ersten Tagen nach dem Ausbruch der Revolution in Frankreich 1789. Als die Nachricht vom Volksaufstand Braunschweig erreicht, ist Campe wie elektrisiert. Er alarmiert seinen ehemaligen Schüler Wilhelm von Humboldt12 und bricht mit diesem schon am nächsten Tag nach Paris auf, um die Revolution als Augenzeuge mitzuerleben. Seine Tochter Charlotte heiratet später den Braunschweiger Verleger Johann Friedrich Vieweg, der unter anderem mit der Herausgabe von Goethes Versepos „Hermann und Dorothea“ einen spektakulären Verkaufserfolg landet. Deren gemeinsame Tochter Bertha Vieweg ehelicht Johann Franz Rönckendorff, einen Braunschweiger Weinhändler13.
Der Ehe von Walter Rönckendorffs Großeltern Bertha Vieweg und Johann Franz Rönckendorff war aber kein Glück beschieden. Der Weinhändler kam in wirtschaftliche Schwierigkeiten, ließ die Familie schon kurz nach der Geburt der beiden Kinder im Stich und seine Spur verliert sich um 1850 in Australien. Der kleine Sohn Joachim Heinrich Eduard Rönckendorff, der Vater von Walter Rönckendorff, war zu diesem Zeitpunkt erst ein Jahr alt, seine Schwester Marie Charlotte Elisabeth gerade sieben Jahre. Bertha Vieweg musste ihre beiden kleinen Kinder also allein großziehen.
Als Joachim Heinrich Eduard Rönckendorff erwachsen war, heiratete er Elisabeth Buchler, die einer Braunschweiger Industriellenfamilie14 entstammte. Nach den beiden Schwestern Bertha und Ilse wurde Walter Rönckendorff im Jahr 1883 als drittes Kind der beiden geboren. Die Familie lebte damals in Bad Nauheim, wo der Vater eine chemische Fabrik betrieb, die Magnesium herstellte. Auch seiner Mutter Elisabeth widerfuhr dasselbe Schicksal wie der Großmutter, auch sie musste ihre drei Kinder ohne den Ehemann großziehen, denn Joachim Heinrich Eduard Rönckendorff verstarb im Alter von nur 34 Jahren, als Walter erst ein Jahr alt war.15 Da es rechtlich vorgeschrieben war, bekamen die Kinder einen männlichen Vormund in der Person des kinderlosen Braunschweiger Foto- und Optikfabrikanten Friedrich Wilhelm von Voigtländer. Walter wuchs in Braunschweig mit seinen beiden älteren Schwestern behütet und ohne finanzielle Sorgen glücklich auf. Schon als Schüler las er gern und viel. Walter war ein ernstes Kind, ruhig und schon damals diszipliniert. Im Herbst 1903 besteht er am Herzoglichen Neuen Gymnasium das Abitur.
Elisabeth Rönckendorff, geb. Buchler, mit ihren drei Kindern Bertha (von Kalm), Ilse (Woermann) und Walter Rönckendorff, ca. 1897.
Der weitere Werdegang des Walter Rönckendorff dürfte der Mutter einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Walter konnte schon wegen des Lehrplans des Gymnasiums, bei dem Latein und Griechisch im Mittelpunkt standen, keine erkennbare Begabung in den Naturwissenschaften entwickeln. Die kaufmännischen und unternehmerischen Erfahrungen in der Familie waren keineswegs überzeugend, und Walter zeigte wenig Interesse daran, Arzt oder Jurist zu werden. So muss er selbst oder jemand anderes in der Familie eine militärische Laufbahn zur Sprache gebracht haben; Walter wurde Fahnenjunker im Infanterieregiment Prinz Friedrich der Niederlande (2. Westfälisches) Nr. 15 in Minden. Das war ein sehr vornehmes Regiment, und wer hier Soldat sein wollte, musste über nicht geringe finanzielle Mittel verfügen. Den Briefen Walters an seine Mutter ist zu entnehmen, dass regelmäßig Bälle, Jagden, festliche Umzüge und viele weitere Veranstaltungen stattfanden. Bei den Bällen ist „alles zu finden, was in Minden auf der Flöte bläst“ schreibt er der Mutter.16 Der junge Mann genießt das Flair solcher Anlässe und die Kameradschaft unter den jungen Soldaten. Der Mutter schickt er regelmäßig seine Wäsche und drängelt, dass sie diese gewaschen und mit etwas zusätzlichem Geld möglichst bald zurückschicken möge. Sein geliebter Hund Bob ist nur zeitweilig bei der Mutter in Braunschweig, meistens aber bei ihm in der Kaserne. Dass er die Ausbildung erfolgreich absolvierte, zeigt sich auch daran, dass er im Oktober 1908 nach Potsdam zum Preußischen Lehr-Infanterie-Bataillon abkommandiert wird, wo er an vielen kaiserlichen Paraden teilnimmt oder diese anführt. Walter Rönckendorff ist groß, sehr groß für die damalige Zeit und schlank. Mit seinen fast zwei Metern Körpergröße überragt er alle anderen Soldaten und bietet sich förmlich an als Zugführer, auch bei Routineanlässen wie dem sonntäglichen Marsch zum Kirchgang.
Walter Rönckendorff, Preußisches Lehr-Infanterie-Bataillon, Potsdam 1909
Minden war in anderer Hinsicht für Walter Rönckendorff von ganz besonderer Bedeutung. Denn in Minden dienten auch Einheiten aus der Königlich Württembergischen Armee,17 und in der taten gleich fünf Brüder aus der Familie von Haldenwang in Stuttgart ihren Dienst. Otto, Arthur, Hermann, Richard und Max von Haldenwang. Im März 1913 kommt Otto von Haldenwang nach Minden und wird dort Standortkommandeur. Auf seinem fliederfarbenen und mit WR bedruckten Büttenbriefpapier schreibt Walter Rönckendorff seiner Mutter etwas reserviert über den bevorstehenden Wechsel an der Spitze des Regiments. „Unser neuer Regimentskommandeur ist ernannt, es ist ein Württemberger, Oberst von Haldenwang, bisher im Regiment 125 in Stuttgart … Hier ist er gänzlich unbekannt und man weiß nichts über ihn. Natürlich herrscht allgemeine Neugierde auf den neuen Brotherrn“.18 Otto von Haldenwang kommt nicht allein nach Minden. Er wird begleitet von seiner Ehefrau Elsa und den vier Kindern Elisabeth, Otto, Erika und Max.
So trifft Walter Rönckendorff im Jahr 1913 in Minden erstmals seine zukünftige Frau, die 11 Jahre jüngere Elisabeth von Haldenwang, damals 19 Jahre alt. Der Ort dieses ersten Treffens war ein Regiments-Tanzfest, das der damaligen Mode entsprechend Tattersall genannt wurde, Bezug nehmend auf Richard Tattersall, einen englischen Unternehmer im Pferdehandel. Aber bis zur Hochzeit dauert es noch viele Jahre, und wann die beiden mehr als Sympathie für einander entdeckten, ist nicht überliefert. Unterschiedlicher können zwei Menschen kaum sein. Der fast zwei Meter lange, stocksteife und Disziplin über alles schätzende Soldat und die kleine, etwas pummelige, aber lebenslustige und immer von Geschichten und Anekdoten überquellende jugendliche Elisabeth. Was Elisabeth jedoch vom ersten Zusammentreffen an in ihren Bann gezogen hat, ist gerade diese stattliche Statur Walters. Sie blickt zu ihm auf, auch im rein physischen Sinn, und freut sich, wenn er bei jeder Gelegenheit die Blicke anderer auf sich zieht.
Doch die entspannten friedlichen Jahre in Minden gehen ihrem Ende entgegen. Europa befindet sich in einem politisch äußerst angespannten und labilen Zustand. Auf dem Balkan herrscht Krieg, das Deutsche Reich rüstet auf, eine kriegerische Auseinandersetzung, auch in der Mitte Europas, erscheint nicht mehr völlig ausgeschlossen. Walter Rönckendorff, zu dieser Zeit Oberleutnant und Regimentsadjutant, ist beeindruckt von dem sich verstärkenden deutschen Patriotismus. „Zur Feier des 25jährigen Jubiläums von Seiner Majestät war am Montag eine großartige patriotische Feier am Kaiser-Wilhelm-Denkmal in der Porta Westfalica. Es sollen 15.000 Personen teilgenommen haben. Ich habe solche Riesenansammlungen und solche patriotische Begeisterung noch nie erlebt“, schreibt er der Mutter.19
Walter Rönckendorff macht den Ersten Weltkrieg von dessen Anfang im Juli 1914 bis zu seinem Ende im November 1918 mit. Gleich zu Beginn des Krieges muss er den Tod seines Regimentskommandeurs Otto von Haldenwang, Elisabeths Vater, miterleben, der schon am 24. September 1914 in Frankreich nördlich von Reims beim Versuch, den Bahnhof von Loivre zu erstürmen, so schwer verwundet wird, dass er am 3. Oktober 1914 seinen Verletzungen erliegt.
Auch Walter Rönckendorff wird immer wieder bei Kämpfen in Frankreich verletzt. Seine spätere Ehefrau Elisabeth sprach mit sehr geringer Übertreibung von mindestens zehn Verletzungen. Mehrfach muss er im Lazarett länger behandelt werden. Am 7. Juni 1915 wird er von Leopold IV. Fürst zur Lippe, der, wie es in der Urkunde heißt, „sich gnädigst bewogen gefunden“ hat, mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet. Später kommen das Ritterkreuz mit Schwertern des Königlichen Hausordens von Hohenzollern, der höchste preußische Tapferkeitsorden für Offiziere bis zum Rang eines Hauptmanns, das Goldene Verwundetenabzeichen und andere hohe Kriegsauszeichnungen hinzu. Elisabeth, in ihrer Liebe zu schönen Geschichten, machte daraus den Orden Pour le Mérite, die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung, doch diesen Orden hat er nicht bekommen.
1916 wird Walter Rönckendorff, inzwischen zum Hauptmann befördert, zum Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 versetzt, einem besonders traditionsreichen Regiment der preußischen Armee. Als Kompaniechef eines Füsilier-Bataillons ist er im Stellungskrieg in den Schützengräben in Belgien und Frankreich im Einsatz, dann kurzfristig im Baltikum und wieder an der Westfront.20 Doch Anfang September 1918 erhält die Mutter Post aus dem Lazarett in Frankenhausen in Thüringen, wohin man Walter Rönckendorff nach seiner schweren Beinverletzung in Frankreich gebracht hat. Zwar schreibt er der Mutter, dass „der Sanitätsrat zufrieden“ und die Wunde gesäubert und frei von Eiter sei, aber die Bemühung, die Mutter mit einer milden Darstellung der Situation zu beruhigen, spricht aus jeder Zeile des Briefes.21 Die Wunde heilt nur sehr langsam, wie er eine Woche später mitteilt, zugleich mit dem Hinweis, dass er sich bei gutem Wetter vielleicht trauen würde, einen ersten Spaziergang zu versuchen.22 Erst Ende September kann er kleinere Wege zurücklegen, und es dauert bis in den Oktober hinein, bis er das Lazarett verlassen kann.
Nach einem Urlaub zu Hause bei der Mutter in Bad Harzburg reiste Walter Rönckendorff über Magdeburg nach Berlin, wo er Mitte November ankam. Inzwischen war der Krieg zu Ende, Philipp Scheidemann hatte am 9. November die Republik ausgerufen, Reichskanzler Max von Baden hatte ohne Rücksprache die Abdankung des Kaisers und den Verzicht des Thronfolgers verkündet und sein Amt dem davon völlig überraschten Sozialdemokraten Friedrich Ebert übertragen. Ebert bildete am nächsten Tag eine Regierung aus den an sich verfeindeten Mehrheits- und Unabhängigen Sozialdemokraten MSPD und USPD unter dem Namen Rat der Volksbeauftragten. An diesem 10. November fuhr Kaiser Wilhelm II. mit seinem Zug von Spa in Belgien in die Niederlande und bat dort um Internierung.
Am frühen Morgen des 11. November unterzeichnete die deutsche Delegation unter Matthias Erzberger in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne die Waffenstillstandserklärung. Erst am 28. November dankte Kaiser Wilhelm II. offiziell ab. In seiner Erklärung fanden sich keine Worte des Dankes an seine Soldaten und Offiziere, die unter schrecklichen Verlusten vier Jahre lang in seinem Namen gekämpft hatten, und kein Gedenken der im Krieg gefallenen Soldaten und Zivilisten. Der unrühmliche Abgang des unbeliebten Kaisers wurde bis weit hinein in die konservativsten Kreise als Fahnenflucht gewertet.
Am 27. November endet für Walter Rönckendorff seine erste Karriere als Soldat. Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 wird demobilisiert, Walter Rönckendorff wird nach fast 15 Jahren Soldatenleben Zivilist. Ausdrücklich bleibt ihm erlaubt, die Uniform des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 zu tragen.23 Gedanklich scheint sich der Fünfunddreißigjährige bald von seiner Soldatenlaufbahn zu lösen. Noch stehen für ihn die ärztlichen Behandlungen im Mittelpunkt, denen er sich noch wochenlang unterziehen muss. Aber er beginnt sich auch mit der Landwirtschaft zu beschäftigen, liest darüber und berät sich mit Menschen, die davon etwas verstehen. Doch auch in den kommenden Monaten bleibt er in Kontakt mit den Resten seines Regiments, aus dem sich Korps von Freiwilligen bilden, die nach seiner Ansicht den Stamm einer neuen Wehrmacht bilden könnten, soweit die Friedensverhandlungen von Versailles dies zulassen sollten. Doch letztlich strebt er jetzt, wie nicht wenige andere ehemalige Offiziere, eine Zukunft in der Landwirtschaft an, und da diese sicher nicht in Berlin stattfinden wird, nimmt er sich dort erst gar keine Wohnung, sondern verbringt seine Zeit in besten Hotels, wie dem Hessler in der Kantstraße oder dem Kaiserhof am damaligen Wilhelmplatz.
Im April 1919 taucht erstmals der Ortsname Dabel in einem seiner Briefe an die Mutter auf.24 Dabel ist ein Dorf östlich von Schwerin und das dortige Gut „Rother Strumpf“ wird in Teilen aus einer Insolvenz heraus verkauft. Walter Rönckendorff erwirbt das Gut mit einer Fläche von 104 Hektar. Das Wahrzeichen des Guts ist eine 1892 erbaute und noch heute voll funktionsfähige holländische Windmühle. Das Geld für diese Erwerbung dürfte mindestens teilweise von der Mutter geliehen sein, und der junge Gutsbesitzer startet mit eher geringen und rein theoretischen Kenntnissen der Landwirtschaft. Das Objekt seiner Investition war kein einfaches, vor Rönckendorff waren bereits mehrere Eigentümer und Pächter in Dabel pleitegegangen oder hatten sich ohne Erfolg „vom Acker“ gemacht. Doch Rönckendorff geht auf in seinem neuen Beruf, er berichtet vom Herrichten, Malen und Tapezieren des Gutshauses, vom Pflügen der Äcker und dem Pflanzen von Kartoffeln, vom Wiederherstellen des verwilderten Gemüsegartens, von der noch geringen und zu steigernden Milchproduktion und vielen anderen Tätigkeiten. Weitere Briefe folgen mit langen Aufzählungen der vielfältigen Aufgaben des Landwirts. Doch auch Walter Rönckendorff hat in Dabel kein Glück. „Rönckendorff geht pleite und verkauft an einen Zigarettenfabrikanten Greifelt aus Jena, der es auf der Lunge hat und sich von der mecklenburgischen Landluft Heilung erhofft“, schreibt Jürgen Borchert in seiner Geschichte der Dabeler Mühle25.
Walter Rönckendorff 1922.
Mit dem Verkauf des Gutes endet der erste Ausflug Walter Rönckendorffs in die Landwirtschaft unrühmlich. Seine neue Adresse lautet Landhaus Rönckendorff in Bad Harzburg. Vieles in seinem Leben gilt es nun, neu zu durchdenken. Aber mit inzwischen 38 Jahren steht für ihn eine ganz wesentliche Frage seines Lebens zur Entscheidung an. Nichts war bisher über eine längere Beziehung in seinem Leben bekannt geworden. Und auch in den vielen Briefen an seine Mutter findet sich an keiner Stelle ein Hinweis auf eine mögliche Partnerin, schon gar nicht taucht der Name der netten Tochter seines Mindener Regimentskommandeurs auf. Elisabeth war während des gesamten Krieges bis zum 30. April 1918 in Minden als Krankenschwester im Reservelazarett tätig gewesen. Kaum anzunehmen, dass der Offizier Rönckendorff die Krankenschwester und Kommandeurstochter nicht bei seinen zwischenzeitigen Aufenthalten in Minden wiedergesehen hätte. Doch im Mai 1918 verlässt Elsa von Haldenwang mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern Minden. Die Familie von Haldenwang hat das Schloss Stettenfels26 bei Untergruppenbach in der Nähe von Heilbronn erworben, und dorthin zieht Elsa von Haldenwang nun mit den Kindern.
Walter Rönckendorff nimmt den Kontakt zu Elisabeth von Haldenwang wieder auf, und im September 1921 wird die Verlobung der beiden angezeigt. Nur zwei Monate später, am 30. November 1921, heiraten Elisabeth und Walter Rönckendorff auf dem Schloss der Familie von Haldenwang.
Schon kurz nach der Hochzeit startet Walter Rönckendorff das nächste Abenteuer in der Landwirtschaft. Er erwirbt das Gut Leibenberg bei Lechbruck in der Nähe von Füssen im Allgäu. Doch schon nach nur einem Jahr endet dieser erneute Versuch, in der Landwirtschaft Fuß zu fassen, ohne Erfolg.
8 Vermutlich handelte es sich um eine Knochenentzündung, chronische exogene Osteomyelitis.
9 Walter Rönckendorff, Briefe an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 10.01.1919 und 16.01.1919.
10 „Amtliche Darstellung“ der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, verbreitet von Wolffs Telegraphischem Bureau am Mittag des 16.01.1919, abgedruckt bei Hannover-Drück, Elisabeth / Hannover, Heinrich, Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, S. 36 ff.
11 Joachim Heinrich Campe (1746–1818), verheiratet mit Maria Dorothea Hiller (1743–1827). Campe gilt als Begründer der modernen Pädagogik und der Kinderliteratur als eigenständiger literarischer Gattung.
12 Wilhelm von Humboldt (1767–1835) und sein Bruder Alexander von Humboldt (1769–1859) wurden von Joachim Heinrich Campe als Hauslehrer unterrichtet.
13 Dessen Großvater Röttger Heinrich Rönckendorff hatte 1778 seine Gastwirtschaft „Traube“ zum Hotel d’Angleterre ausgebaut, das ab 1780 auch zum Treffpunkt des „Großen Clubs“, eines Clubs der feinen Braunschweiger Gesellschaft nach Londoner Vorbild, wurde, vgl. Hänselmann, Ludwig, Das erste Jahrhundert des Großen Clubs in Braunschweig, 1880, S. 7, 17 ff., 98; Raabe, Paul, Spaziergänge durch Lessings Wolfenbüttel, 1977, S. 156 f.
14 Der Vater Hermann Buchler hatte 1858 in Braunschweig die Chininfabrik Buchler & Co. gegründet, ein bis heute weltweit führendes Unternehmen für die Herstellung von Chinin und Chininderivaten.
15 Braunschweigische Anzeigen Nr. 48, Beilage, 26.02.1884.
16 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 16.01.1906.
17 Der württembergische König Wilhelm II. (1848–1921) war in zweiter Ehe mit Charlotte zu Schaumburg-Lippe verheiratet.
18 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 22.03.1913.
19 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 21.03.1913.
20 Nachruf auf Walter Rönckendorff, Deutsche Soldatenzeitung, Juni 1957, S. 10; Rangliste des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1, Januar 1918.
21 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 09.09.1918.
22 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 17.09.1918.
23 Nachruf für Walter Rönckendorff, Deutsche Soldatenzeitung, Juni 1957, S. 10.
24 Walter Rönckendorff, Brief an seine Mutter Elisabeth Rönckendorff geb. Buchler vom 11.04.1919.
25 Borchert, Jürgen, Die Mühle vom Rothen Strumpf. Nachforschungen über ein Handwerk, 1985, S. 64 f.
26 Burg Stettenfels, Burg Stettenfels einst und jetzt, 1967.
Mit dem Umzug nach Schloss Stettenfels kehrte Elsa von Haldenwang mit ihren vier Kindern wieder nach Schwaben zurück, dorthin, wo die Familie seit Generationen lebte. Edda Rönckendorffs Familie mütterlicherseits hat vieles zu bieten, vor allem Soldaten, aber auch Unternehmer und Künstler.
Auch die Familie Haldenwang27 hat eine Persönlichkeit, die besonders hervorsticht, den General des Grenadier-Regiments „Königin Olga“28 der Königlich Württembergischen Armee, Otto Haldenwang.29 Haldenwang hatte im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 am 30. November 1870 in der Schlacht von Villiers-Champigny nach dem Tod des Regimentskommandeurs und der schweren Verwundung des nächsthöheren Offiziers das Kommando mit dem Ruf „Das Regiment hört auf meinen Befehl“ an sich gerissen und mit seinem tapferen Verhalten einen wichtigen Grundstein für den Sieg der deutschen Truppen gelegt. Ein Ausbruch der Franzosen aus der Belagerung von Paris konnte verhindert werden. Fünfundzwanzig Jahre später und aus Anlass dieses Jubiläums wurde die Familie Haldenwang vom württembergischen König Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben. Darauf, dass dieser Adelsrang durch Tapferkeit im Krieg als sogenannter „Schwertadel“ erlangt worden war, gründete sich ein großer Familienstolz.30 Die kleine Elisabeth Haldenwang war zum Zeitpunkt der Erhebung in den Adelsstand schon zwei Jahre alt. Anders als ihre später geborenen Geschwister habe sie daher ja nur violettes und kein blaues Blut, neckte sie ihr Onkel Alfred Mohn immer wieder. Und tatsächlich, die bürgerliche Geburt empfand sie zeitlebens als einen kleinen Makel ihrer adligen Abkunft.
Otto Haldenwang jr., der 1861 geborene älteste Sohn des tapferen Generals, begann seine konsequente militärische Ausbildung schon als Schüler in preußischen Kadettenanstalten, erst auf Schloss Oranienstein in Diez an der Lahn und dann in Berlin. Es schloss sich eine schnelle Karriere als Soldat einschließlich eines Studiums an der Preußischen Kriegsakademie in Berlin an. Im Zentrum seines soldatischen Lebens stand aber immer das Grenadier-Regiment „Königin Olga“, dem schon sein Vater vorgestanden hatte. In diesem Regiment dienten neben und nach ihm auch drei seiner Brüder, sein ältester Sohn Otto und mehrere Neffen. Mehrere von Haldenwangs fielen im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg oder zogen sich schwerste Kriegsverletzungen zu. Bei den Ehemaligen des Regiments hatte dieses auch den anerkennenden Namen „Regiment von Haldenwang“. So heißt es in einem Rundschreiben der Ehemaligen auch: „Wie hart haben die zwei Kriege das Schicksal dieser Söhne und der Enkel des Generals beeinflusst.“ Und: „Darum soll das tragische Schicksal der mit unserem Regiment so eng verbundenen Offiziersfamilie v. Haldenwang nicht in Vergessenheit geraten“.31
Gemälde Adolph Eduard Otto von Faber du Faur, Die Schlacht bei Champigny, 1876 . In der Mitte: Otto Haldenwang.
1892, am 9. Mai, heiratete Otto Haldenwang jr. in Rottweil Elsa Duttenhofer, die zweite Tochter des Großindustriellen Max Duttenhofer, der in Rottweil eine Schießpulverfabrik betrieb und vielfältige andere wirtschaftliche Aktivitäten verfolgte. Den ersten Besuch der Braut Elsa Duttenhofer im Haus der Schwiegereltern von Haldenwang schildert Elisabeth Rönckendorff später in ihren Erinnerungen sehr plastisch. Die Braut und ihre „herrschsüchtige“ spätere Schwiegermutter Pauline32 hätten sich damals und auch später nie gut verstanden, alle männlichen Familienmitglieder aber hätten der „sehr lebhaften, impulsiven und selbstbewussten“ Braut den Hof gemacht.33 Die Hochzeit wird in der beeindruckenden Unternehmervilla in Rottweil groß gefeiert. Für Max Duttenhofer und seine Frau Anna34 ist es die erste Hochzeit eines Kindes, denn die ältere Schwester Anna heiratet erst ein Jahr später Alfred Mohn, ebenfalls einen hohen Offizier der Württembergischen Armee. So kommt der Rüstungsfabrikant Duttenhofer in kürzester Zeit zu zwei Schwiegersöhnen, die an hervorgehobener Position in der württembergischen Armee Dienst tun. Während Otto Haldenwang jr. weiterhin ein aktives Soldatenleben führt, rückt Alfred Mohn in die höchsten Ränge der württembergischen Militärpolitik auf und gehört zum engsten Kreis militärischer Berater des Königs. Die erst achtzehnjährige Elsa und der dreißigjährige Otto sind ein fröhliches Paar mit allerbesten Perspektiven. Am 17. Januar 1894 wird ihre Tochter Elisabeth in Stuttgart geboren, die spätere Ehefrau von Walter Rönckendorff und Mutter von Edda Rönckendorff.
General Otto von Haldenwang mit seiner Frau Pauline und den fünf Söhnen Richard, Otto, Max, Hermann, Arthur (v.l.n.r.).
Der Großvater ein hoch dekorierter General, der Vater und seine vier Brüder hohe Offiziere der Württembergischen Armee, das Leben in Stuttgart in der Nähe des Königsschlosses und die vielfältigen und engen freundschaftlichen Kontakte zur Königsfamilie, aber vor allem das höfische Leben, an dem die Eltern rege teilnahmen, das prägte Elisabeths Kindheit. Und letztlich auch ihr ganzes langes Leben, denn dieser höfische Glanz, diese höchst privilegierte gesellschaftliche Position, blieb ihr als Kindheits- und Jugendtraum erhalten in einem Leben, das nach dem Ende der Monarchie in Deutschland von vielen, auch existenziellen Schwierigkeiten geprägt war. Ein Traum, der immer unerreichbarer in die Ferne rückte.
Die ersten Lebensjahre verbringt Elisabeth von Haldenwang mit ihren Eltern in Trier, wo der Vater als Hauptmann und Kompaniechef Dienst tut. Aber schon nach wenigen Jahren ist die Familie zurück in Stuttgart, wo die Eltern sofort wieder in das gesellschaftliche Leben eintauchen. Und doch verbringt die kleine Elisabeth viel Zeit außerhalb Stuttgarts bei den Großeltern mütterlicherseits. Hier, bei den Duttenhofers35 in Rottweil, erlebte sie ein ganz anderes, aber nicht minder privilegiertes Leben. Ihr Großvater Max Duttenhofer wurde 1843 als Apothekersohn in Rottweil geboren und hatte als Fabrikbesitzer eine eindrucksvolle Karriere geschafft, die ihn zu einem der einflussreichsten und wohlhabendsten Unternehmer Süddeutschlands machte. Ehrfurchtsvoll, aber sicherlich leicht übertrieben, nannte man ihn später „den Krupp Süddeutschlands“.36 1888 war Duttenhofer der Orden der Württembergischen Krone verliehen worden, der mit dem persönlichen Adel verbunden war.37 Den erblichen Adel soll er abgelehnt haben.38
Schon mit 20 Jahren war Duttenhofer in die Geschäftsleitung der Pulvermühle seines späteren Schwiegervaters Franz Xaver Flaiz eingetreten und hatte 1863 dessen Tochter Anna geheiratet. Durch den Krieg 1870/1871 und die anschließende militärische Aufrüstung nahm das Unternehmen einen stürmischen Aufschwung und entwickelte sich zur führenden Fabrik Deutschlands für Schießpulver. Max von Duttenhofer war ein Rüstungsfabrikant ersten Ranges, und sein spektakulärer wirtschaftlicher Erfolg basierte auch auf der Entwicklung des ersten modernen rauchfreien Schießpulvers, das in den 1880er Jahren zur Serienreife gebracht wurde. Trotz seiner rüden, zuweilen brachialen Geschäftsmethoden nannte man ihn nicht ohne eine gewisse Anerkennung den „Schießpulverkönig Deutschlands“39. Nach mehreren Akquisitionen und Fusionen firmierte das Unternehmen als Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken, und Duttenhofer führte den Titel eines Geheimen Kommerzienrats.
Max Duttenhofer, ca. 1885
Die Nähe zur Macht war für den Rüstungsfabrikanten Duttenhofer unverzichtbar. Der württembergische König war wiederholt zu Besuch in Rottweil. So auch am 12. April 1899, als das Königspaar im Haus Duttenhofers mit zehn Gängen von Austern mit Kaviar über Schildkrötensuppe bis zu Steinbutt, Hammelrücken, Langusten und Welschhühnern mit Trüffel, bewirtet wurde.40 Noch viel regelmäßiger war Duttenhofer beim König in Stuttgart. Aber mit steigendem Export und dem Aufschwung der Marine reichte Rottweil als Standort nicht mehr aus, Duttenhofer brauchte eine weitere Fertigungsstätte in der Nähe Hamburgs und damit in der Nähe der Kriegsmarine und fand das passende Gelände bei Geesthacht an der Elbe. 1876 pachtete er das Gelände von Reichskanzler Otto von Bismarck und errichtete dort die Schießpulverfabrik Düneberg, die von seinem jüngeren Bruder Carl Duttenhofer geleitet wurde.41 Es entwickelte sich daraus eine enge Bekanntschaft mit Bismarck, der sich auch nachdrücklich beim Militär für den Einsatz von Schießpulver aus der Produktion von Duttenhofer einsetzte.42
Doch die unternehmerischen Aktivitäten Max von Duttenhofers gingen weit über die Schießpulverproduktion hinaus. Seine Begeisterung für das Automobil machte ihn zu einem der frühesten Wagnisinvestoren in diesem Bereich. Mit Gottlieb Daimler und einem weiteren Partner gründete er 1890 die „Daimler-Motoren-Gesellschaft“, deren Aufsichtsratsvorsitzender er wurde. Duttenhofer lag in ständigem Streit über die Geschäftspolitik mit Daimler und seinem Partner, sodass sich Daimler zeitweilig von den beiden Investoren trennte, dann wieder hereingeholt wurde, aber in jedem Fall war Duttenhofer die dominierende unternehmerische Figur in dieser Frühphase des Automobilbaus.43 Und ganz nebenbei wurde Rottweil zu einem Testfeld neuester Daimler-Automobile. Denn jedes neu entwickelte Fahrzeug wurde zum Ausprobieren an den Aufsichtsratsvorsitzenden Duttenhofer gegeben, sodass in Rottweil früher als irgendwo sonst die Automobilisierung sichtbar wurde.
Besuch von König Wilhelm II. von Württemberg mit seiner Frau Charlotte, hier hinter Max und Anna Duttenhofer, in der Pulverfabrik in Rottweil am 12. April 1899.
Max von Duttenhofer starb 1903 völlig überraschend und mit nur 60 Jahren. Um seinen Tod rankten sich in Rottweil seinerzeit etliche Gerüchte. So hieß es, er habe eine Affäre mit der Ehefrau des Tübinger Landgerichtspräsidenten gehabt und sei von dem Ehemann erwischt und erschossen worden.44 Um die wahren Todesumstände zu verschleiern, sei der Sarg nach seiner Überführung nach Rottweil nicht mehr geöffnet worden. Doch das waren Gerüchte, deren Richtigkeit oder Haltlosigkeit nie aufgeklärt wurden. Seine Enkelin Elisabeth, die ihn sehr verehrte, kannte diese Gerüchte entweder nicht oder wollte daran nicht glauben. Nach ihren Erinnerungen starb er an einem Schlaganfall morgens um drei Uhr.45 Elisabeths Glorifizierung des Großvaters Duttenhofer hat ihr ganzes Leben lang fortgedauert. Die andere Sicht, dass Max von Duttenhofer ein skrupelloser Unternehmer, ein raffgieriger Kriegsgewinnler und ein Musterbeispiel unternehmerischer Gier war, hätte sie niemals gelten lassen. Aber es dauerte auch weit über hundert Jahre, bis diese Sicht auf den Großindustriellen Duttenhofer Gegenstand einer historischen Ausstellung in Stuttgart wurde.46
Anna Duttenhofer, geb. Flaiz, ca. 1910.
Auch nach dem Tod Max von Duttenhofers war die kleine Elisabeth von Haldenwang häufig in Rottweil. Die Großmutter Anna Duttenhofer liebte ihre älteste Enkelin ganz besonders und bat ihre Tochter Elsa immer wieder, Elisabeth doch nach Rottweil zu schicken. So verbrachte Elisabeth jedes Jahr die Sommermonate in Rottweil bei der Großmutter oder mit dieser auf dem Familiengut Neunthausen im Schwarzwald bei Horb. Die Aufenthalte dauerten sogar länger als die Schulferien, sodass für solche Zeiträume ein Privatlehrer angeheuert werden musste. Die Beziehung zur Großmutter Anna war eine sehr innige. Elisabeth liebte es, wenn Oma Anna ihr Märchen vorlas oder eigene Gedichte vortrug. Denn Anna Duttenhofer hatte sich zu einer Dichterin entwickelt, die mit verschiedenen Schriftstellerinnen und Dichterinnen ihrer Zeit in Briefkontakt stand. Die Gedichte hat sie nie veröffentlicht, aber sie hat sie in aufwändig gestalteten Büchern drucken lassen.47 Voller Respekt berichtet die Enkelin Elisabeth auch von der Freundschaft ihrer Großmutter Anna zum württembergischen Regenten Wilhelm II. Ihn traf sie wiederholt während ihrer Urlaube in Monte Carlo, wohin sie sich mit dem Auto fahren ließ. Entweder besuchte sie den König in seinem Urlaubsort Cap Martin, oder sie empfing ihn zum Tee bei sich in Monte Carlo.48
Mit Anna Duttenhofer wurde auch eine Familientradition begründet, die sich durch mehrere Generationen zog. Die Erziehung der Mädchen im Sacre Coeur in Riedenburg bei Bregenz. Die Mädchen genossen damals nur eine eingeschränkte schulische Ausbildung, wurden dann aber in die klosternahe Internatsschule geschickt, um das zu erlernen, was eine Ehefrau und Mutter der besseren Gesellschaft können musste. Als Sprache stand Französisch ganz im Vordergrund, aber es wurde auch gesellschaftliche Konversation geübt. Hinzu kamen Literatur, Religion, Hauswirtschaft und Kinderpflege. So wurden die jungen Frauen auf ein anspruchsvolles gesellschaftliches Leben an der Seite eines Mannes vorbereitet, der die dafür erforderliche finanzielle Basis zu schaffen hatte. Die Tochter Elsa, die Enkelin Elisabeth und auch deren Cousine Lily Mohn sowie weitere junge Frauen der Familien von Haldenwang, Duttenhofer und Mohn folgten in späteren Jahrzehnten.49 Für eine vollwertige Berufsausbildung der Mädchen wurde in den Familien von Haldenwang und Duttenhofer in dieser Generation noch kein Bedarf gesehen.
Elisabeth von Haldenwang, Edda Rönckendorffs Mutter, zieht 1913 als Neunzehnjährige nach Minden, wo ihr Vater Otto als Standortkommandeur berufen worden ist. Hier in Minden lernt sie sehr schnell Walter Rönckendorff aus Braunschweig kennen, den imposanten 1,94 m großen Offizier mit besten Zukunftsaussichten. Doch kaum haben die beiden sich kennengelernt, kommt es zum Ersten Weltkrieg. Für Walter Rönckendorff als Soldat wird es ernst, er muss mit seiner Einheit an die Front. Elisabeth von Haldenwang beginnt nur zehn Tage nach Ausbruch des Krieges am 7. August 1914 beim Roten Kreuz eine Ausbildung zur Krankenschwester, die sie nach zwei Jahren mit der Note „sehr gut“ abschließt. Dabei wird sie nicht geschont. Von Anfang an leistet sie ihren Dienst im Königlichen Reservelazarett Minden in der Versorgung Verwundeter, im Operationssaal und am Röntgentisch. „Auf Befehl seiner Majestät des Königs“ erhält sie ein weiteres Jahr später die Rote Kreuz Medaille 3. Klasse. Nun kann auch sie sich in dieser ordensgeschmückten Familie mit einer eigenen ordensähnlichen Medaille am schwarz-weiß-roten Band zeigen. Als die Familie 1918 zurück nach Württemberg zieht, quittiert sie ihren Dienst zum 30. April, und der Chefarzt des Lazaretts attestiert ihr „ganz besondere Pflichttreue, Sorgfalt und Zuverlässigkeit in der Pflege der ihr anvertrauten Kranken“.
Elisabeth Rönckendorff, geb. von Haldenwang, Minden 1917
Der Blutzoll, den die Familie von Haldenwang bis zu diesem Zeitpunkt geleistet hatte,50 ist auch an der jungen Elisabeth nicht spurlos vorübergegangen. Ihr Vater war im Oktober 1914 gefallen, sein Bruder Hermann schon wenige Tage zuvor, einen Cousin von ihr, Sohn des Onkels Arthur, ereilte dieses Schicksal schon im August 1914, und ihr jüngerer Bruder Otto wurde im Juni 1917 so schwer verwundet, dass ihm der linke Arm amputiert werden musste. Die mehrfachen Verwundungen von Walter Rönckendorff blieben ihr auch nicht unbekannt und prägten das spätere gemeinsame Leben. Und die Opfer der von Haldenwangs im Krieg sollten damit nicht zu Ende sein, der Zweite Weltkrieg brachte eine Fortsetzung dieses grausamen und unnützen Sterbens.
Der Kontakt zu Walter Rönckendorff war durch den Krieg nicht abgerissen. Sie fanden wieder zusammen, und im September 1921 gaben die beiden Mütter unter den Adressen „Schloss Stettenfels“ bei Heilbronn und „Landhaus Rönckendorff“, Bad Harzburg, die Verlobung bekannt. Die Hochzeit folgte schon am 30. November 1921 auf Schloss Stettenfels. Das offizielle Hochzeitsfoto zeigt den Bräutigam, Hauptmann a.D., der immerhin schon drei Jahre lang Zivilist war, in seiner Paradeuniform mit einer bemerkenswerten Reihe von Orden an der Brust und in der Hand die preußische Offizierspickelhaube mit weißem Paradebusch. Das muss auch damals schon wie völlig aus der Zeit gefallen gewirkt haben, war Deutschland doch seit drei Jahren eine Republik und die Pickelhaube selbst beim Militär nicht mehr in Gebrauch. Und die Braut, mehr als einen Kopf kleiner als der Bräutigam, wirkt eher angestrengt als glücklich.
Hochzeitsfoto Walter Rönckendorff und Elisabeth von Haldenwang, Schloss Stettenfels, 30. November 1921.
Schon neun Monate später wird im Universitätsklinikum München am 3. September 1922 der Sohn Röttger Otto Joachim Heinrich geboren. Die Namen sind Programm. Man findet darin Röttger, den Hotelier aus Braunschweig, Otto, den General im Krieg 1870/1871, und Joachim Heinrich, den Publizisten und Pädagogen. Zwei Jahre später erblickt im selben Krankenhaus am 15. Oktober 1924 beim damals berühmten Gynäkologieprofessor Albert Döderlein die Tochter das Licht der Welt. Elisabeth Ilse Camilla Edda Rönckendorff, auch bei ihr sind die Namen Reverenz an Mutter und Großmutter und an die Schwester des Vaters. Der Vorname Elisabeth sollte später noch zu erheblichen Problemen der Neugeborenen mit ihren Eltern führen. Aber zunächst war das Glück aller Beteiligten groß über die beiden gesunden Kinder.
27 Chronik und Stammtafel der Familie Haldenwang, Hrsg. von Otto von Haldenwang, Stuttgart 1905.
28 Olga Nikolajewna Romanowa (1822–1892) war die Tochter des russischen Zaren Nikolaus I. und mit König Karl I. von Württemberg verheiratet.
29 Otto von Haldenwang (1828–1897)
30 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 12.
31 Rundschreiben der Kameradschaft ehemaliger Offiziere des Grenadier-Regiments. „Königin Olga“, Stuttgart, August 1957, S. 4 f.
32 Pauline Mathilde von Haldenwang geb. Eschenmeyer (1831–1908)
33 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 27.
34 Anna Duttenhofer geb. Flaiz (1844–1914).
35 Familie Duttenhofer, Stammbaum und Voreltern, Hrsg. Prof. Cramer, Esslingen 1901.
36 Kraus, Jörg, Für Geld, Kaiser und Vaterland, Bielefeld 2001, S. 80; dazu auch Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 49.
37 Kraus, Jörg, Für Geld, Kaiser und Vaterland, S. 80.
38 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 64.
39 Boehart, William, Duttenhofer, Hamburgische Biografie, Hamburg 2003, Bd. 2, S. 108 f.; Waffenschmiede Deutschland (6), Die Stillen im „Ländle“, Stern Nr. 48/1983, S. 136.
40 Tischkarte zum Festmahl am 12.04.1899.
41 Boehart, William, Duttenhofer, Hamburgische Biografie, Bd. 2, S. 108 f.
42 Hierzu: Kraus, Jörg, Für Geld, Kaiser und Vaterland, S. 33 ff. Zu der Beziehung zu Otto von Bismarck Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 44, 61 ff.
43 Kraus, Jörg, Für Geld, Kaiser und Vaterland, S. 91 ff.
44 Kraus, Jörg, Für Geld, Kaiser und Vaterland, S. 116 f.
45 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 49.
46 „Gier – was uns bewegt“. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart, Dezember 2020. Dazu: Raffe, raffe, Häusle baue, DER SPIEGEL Nr. 46 vom 07.11.2020, S. 48.
47 Mindestens ein Buch unter dem Pseudonym Marianna.
48 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 67.
49 Elisabeth Rönckendorff geb. von Haldenwang, Erinnerungen, S. 65.
50 Rundschreiben der Kameradschaft ehemaliger Offiziere des Grenadier-Regiments „Königin Olga“ vom August 1957 und Juli 1967.
Edda wird in eine Kleinfamilie hineingeboren. Die Großeltern leben nicht mehr, mit Ausnahme der Mutter von Walter Rönckendorff in Braunschweig. Aber sie ist weit entfernt. Auch die zahlreichen Verwandten mütterlicherseits leben überwiegend in Württemberg und damit auch nicht in der Nähe der Rönckendorffs. Die haben ihren Wohnsitz in Marquartstein im Chiemgau und dort im Alten Schloss. Das beeindruckende Vermögen der Duttenhofers und Haldenwangs hat unter der Inflation der frühen 1920er Jahre dramatisch gelitten. Den Erlös aus der Beteiligung an Daimler hatten die Erben Duttenhofer in Immobilien investiert, aber nicht in innerstädtische Wohngebäude, für die es vielleicht noch einen Markt gegeben hätte, sondern in hochherrschaftliche Objekte, wie das schon 1918 erworbene Schloss Stettenfels. Diese Objekte waren in der Zeit der Inflation oder auch danach kaum verkäuflich und wenn, dann nur sehr ungünstig. Dies zeigte sich in aller Deutlichkeit beim Verkauf des Schlosses Stettenfels im Jahr 1925. Walter und Elisabeth Rönckendorff wohnten also in Marquartstein, doch betrachteten sie diesen Wohnort als eher nur vorübergehend.
Schloss Stettenfels, historische Postkarte, 1910
Noch immer war Walter Rönckendorff in einer Findungsphase. Außer Soldat zu sein, hatte er in seinem Leben nichts gelernt. Durch den Versailler Vertrag war dem Deutschen Reich nur noch ein Heer von 100.000 Soldaten erlaubt.51 Für ihn gab es da keinen Platz mehr. Seine Versuche, in den aktiven Dienst zurückzukehren, blieben erfolglos. Die einzige Lösung und Perspektive für das weitere Leben seiner vierköpfigen Familie schien ihm die Landwirtschaft zu sein, so wie es auch bei vielen anderen demobilisierten Offizieren der Fall war. Edda Rönckendorff beschrieb diese Situation in ihrem Roman „Die Enkelin“ mit nüchternen Worten, aber schonungslos: „Der aus Frankreich zurückgekehrte Major Wossilo dilettierte in der Landwirtschaft.“52
Eine neue Chance bot sich ihm mit der Übernahme eines Gutes in der Neumark, dem östlichen Teil Brandenburgs. So zog die Familie Rönckendorff mit dem kleinen Sohn Röttger und dem Baby Edda, das damals noch Elisabeth hieß, in den Osten Deutschlands in das hochherrschaftliche Rittergut Haus Hohenwalde im Kreis Landsberg an der Warthe.53 Aber auch dieser erneute Versuch, Landwirtschaft im größeren Stil zu betreiben, scheiterte. Nach dem missglückten Start als Gutsbesitzer in Dabel bei Schwerin und auf Gut Leibenberg bei Füssen musste sich Walter Rönckendorff eingestehen, dass auch das Gut in der Neumark nicht erfolgreich bewirtschaftet werden konnte, jedenfalls nicht von ihm. Schier verzweifelt versuchen Walter und Elisabeth Rönckendorff Zwangsvollstreckungen zu vermeiden, Gläubiger zu befriedigen und einen Konkurs zu verhindern.54 Nur noch der liebe Gott könne helfen, irgendetwas für die Kinder zu retten. Der Verkauf des Gutes ist am Ende die einzige verbleibende Möglichkeit. Immerhin kann Walter Rönckendorff einen Preis von etwas über einer Million RM erzielen,55 sodass er und seine Frau nur einen überschaubaren finanziellen Verlust erleiden.
Schon nach etwa zwei Jahren war die Familie Rönckendorff wieder zurück im Süden Deutschlands. Das haldenwangsche Vermögen war durch diese Fehlschläge weiter dezimiert, und für Walter und Elisabeth Rönckendorff stellte sich erneut die Frage, wie es weitergehen sollte. Auch dieses Mal halfen wahrscheinlich wieder Kontakte zu anderen ehemaligen Offizieren. Jedenfalls wurde Walter Rönckendorff auf das Gut Degermoos in der Nähe von Wangen im Allgäu aufmerksam, und es gelang ihm 1927, dieses mit dem verbliebenen Vermögen seiner Frau zu erwerben. Für die Kinder Röttger und Elisabeth beginnt hier eine wunderbare Kinderzeit. Es gibt Pferde und Rinder, Hühner und alles, was das Landleben schön macht. Edda wird später immer die Jahre in Degermoos als die glücklichste Zeit ihrer Kindheit beschreiben. Ihr Vater geht in der Arbeit als Gutsbesitzer auf.
