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Schach ist eines der ältesten Spiele der Welt – und eines der komplexesten. Vom altindischen Chaturanga bis hin zum modernen Onlineschach hat sich einiges verändert. Doch eines steht fest: Schach ist so beliebt wie lange nicht. Und wer es einmal zu spielen beginnt, kann sich seiner Magie bald nicht mehr entziehen. Der Kulturwissenschaftler und passionierte Schachspieler Jens Wietschorke führt ein in die Geheimnisse des königlichen Spiels.
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jens Wietschorke
Reclam
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RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 962478
2025 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: zero-media.net, München
Infografik: © Andreas Sträußl, Guter Punkt, München
Bildnachweis: siehe Anhang
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2025
RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN978-3-15-962478-5
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020789-5
reclam.de | [email protected]
Widmung
Einleitung
Eine kurze Geschichte des Schachspiels
Schach und Politik im 20. Jahrhundert
Spitzenschach in der Gegenwart
Ratings, Titel und Turniere
Die Dramaturgie einer Schachpartie
Freuden und Leiden eines Amateurs
Mensch und Maschine: vom Gegner zum Partner
Digital Chess: Altes Spiel auf neuen Kanälen
Fünf spektakuläre Partien der Schachgeschichte
Wie man sein Schach wirklich verbessert
Spielstärke: Was macht den Unterschied?
Psychologie und Mindset im Schach
Epilog
Lektüreempfehlungen
Bildnachweis
Zum Autor
Über dieses Buch
Leseprobe aus Gehirn. 100 Seiten
Für meine alten Schachkollegen vom Team-Wien.
Für meine neuen Schachkollegen vom SK Caissa Augsburg.
Und für meine drei schachspielenden Söhne Johannes, Michael und Felix.
Für Rückmeldungen und Korrekturen danke ich ganz herzlich Alexander Dommnich, Ulrike Schrimpf, Yo Vogel und Matthias Warkus, für die Erstellung der Diagramme Michael Schrimpf.
Kaum eine Sportart hat in den letzten zehn Jahren einen so massiven Boom erfahren wie Schach. Im Januar 2025 fand im norddeutschen Schloss Weißenhaus unter dem reißerischen Titel Freestyle Chess Grand Slam ein Turnier der Superlative statt. Unterkunft im Luxusresort, ein Spielsaal mit allen technischen Schikanen, Live-Kommentar, Herzfrequenzmesser, Studioboxen für die Medienvertreter:innen einschließlich hochkarätiger Streamingstars, die aus der ganzen Welt angereist kamen. Gespielt wurde nicht das übliche klassische Schach, sondern das sogenannte Chess960 oder eben Freestyle: ein Spielmodus, bei dem die Startposition der Figuren nach dem Zufallsprinzip variiert wird. Für die anwesenden Weltklassespieler ein spannendes Format, um die altbekannten Eröffnungsvarianten zu vermeiden und der Kreativität am Schachbrett freien Lauf zu lassen. Der Weltranglistenerste Magnus Carlsen war dabei, der frischgebackene Weltmeister Gukesh Dommaraju aus Indien auch, daneben einige weitere Topspieler wie die Amerikaner Hikaru Nakamura und Fabiano Caruana. Gewonnen hat das Event überraschend der 20-jährige Deutsche Vincent Keymer, bislang sein größter Karriereerfolg. Schon der Turniername verrät einiges über den aktuellen Trend. »Freestyle Grand Slam« – so ähnlich könnte auch ein Wrestling-Event oder eine E-Sports-Serie heißen, und tatsächlich wurde das altehrwürdige Schachspiel 2025 erstmals als Disziplin in die E-Sports-Weltmeisterschaften aufgenommen. Viele Millionen Schachbegeisterte spielen täglich auf den großen Internetportalen chess.com oder lichess.org, verfolgen die Streams der Szene-Superstars auf Twitch oder YouTube sowie die Live-Übertragungen von Partien der internationalen Spitzengroßmeister. Die Studios der professionellen Kommentator:innen stehen mit ihrem Lichtdesign, ihren Kameras und Präsentationsbildschirmen denen der Champions League mittlerweile in nichts mehr nach. Turnierformate wie die Champions Chess Tour oder die Tech Mahindra Global Chess League sind, ob online oder am Brett ausgetragen, für Zuschauer:innen ausgesprochen attraktiv. Dem Grand Slam in Schloss Weißenhaus folgten weitere Stationen in Paris, Karlsruhe und Las Vegas. Der Sponsor und Organisator der Serie Jan-Henric Buettner meinte in einem Interview dazu: »Mein persönliches Ziel für den Freestyle Chess Grand Slam ist es, ihn kommerziell so erfolgreich zu machen, wie es ikonische Sportveranstaltungen wie die ATP im Tennis, die PGA im Golf und die Formel 1 im Motorsport heute schon sind.« Ein ehrgeiziges, aber nicht ganz unrealistisches Ziel. Die Spitzenspieler als Stars stehen dabei im Mittelpunkt: Eine »Liga von Schachikonen« soll entstehen, die Vorbilder für die junge Generation sind und sich international vermarkten lassen, so Buettner.
Es ist kaum zu glauben: Schach ist im Laufe der letzten zehn Jahre cool geworden. Der Online-Boom während der Coronapandemie und die Veröffentlichung der Netflix-Miniserie The Queen’s Gambit im Oktober 2020 haben dem Spiel auf den 64 Feldern so viele Anhänger:innen beschert wie noch nie. Waren Ende 2020 auf dem größten Schachserver chess.com noch 43 Millionen Nutzer:innen registriert, zählte die Website im August 2025 schon über 220 Millionen Accounts. Mehr als einmal waren Schachbretter und Figuren in den letzten Jahren ausverkauft, vor allem aber hat sich die Schachszene auf allen Niveaus – vom Vorstadtverein bis in die Weltspitze – extrem verjüngt. Kinder und Jugendliche dominieren vielerorts die Meldelisten der Open-Turniere, darunter endlich auch immer mehr leistungsstarke Mädchen. Vorbei sind die Zeiten, als man sich Schachspieler nur als russische Leistungskader, ungepflegte Nerds oder klötzchenschiebende Rentner vorstellen konnte. Streamer:innen wie der Weltklassespieler Nakamura, die New Yorker Schwestern Alexandra und Andrea Botez, die Schwedin Anna Cramling, der unter dem Namen GothamChess firmierende Internationale Meister Levy Rozman oder die deutschen Schacheinsteiger KugelBuch und Willeinhelm machen das mehr als deutlich, und das Angebot an online verfügbarem Schach-Content steigt ins Unermessliche. Von immer mehr Menschen wird Schach als überaus komplexe Freizeitbeschäftigung, mentale und persönliche Herausforderung entdeckt. Stars der Szene gibt es viele, aber die unbestrittene Galionsfigur dieser Entwicklung ist Magnus Carlsen, fünffacher Weltmeister und seit mehr als zehn Jahren die Nummer eins der Weltrangliste, professioneller Leistungssportler durch und durch, der auch schon als Model gearbeitet und mit Play Magnus eine extrem erfolgreiche Unternehmensgruppe rund um das Thema Schach aufgebaut hat. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, die aktuelle Imagewende des steinalten Spiels mit den 32 Steinen einzuleiten.
Normalerweise schreiben Leute wie ich keine Bücher über Schach. Ich bin Kulturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, beschäftige mich mit Kulturgeschichte, Diskursen über soziale Ungleichheit, mit Architektur- und Stadtforschung, publiziere normalerweise wissenschaftliche Monographien und Aufsätze, unterrichte Studierende. Schach ist für mich nichts weiter als eine Freizeitbeschäftigung unter mehreren. Dachte ich zumindest. Denn in den letzten Jahren hat sich Schach bei mir zu einer Leidenschaft entwickelt, wie ich es niemals erwartet hätte. Das Spiel hat Suchtpotential, wer sich einmal darauf eingelassen hat, den lässt es nicht mehr los. Woran liegt das? Schach ist kein simples Brettspiel wie Mensch-ärgere-dich-nicht oder Halma. Es ist in seinen Möglichkeiten unerschöpflich, in seiner strategischen Tiefe wahnsinnig kompliziert. Glück spielt hier zunächst keine Rolle, das Spiel ist, wie es Christian Mann in der Terminologie der Spieltheorie formuliert hat, »ein endliches Zwei-Personen-Nullsummenspiel mit perfekter Information ohne Zufallseinfluss«. Gleichzeitig gibt es aber auch keine forcierten Wege, sich einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen, es gehört in diesem Sinne nicht zu den gelösten Spielen wie Vier gewinnt, Gomoku oder Solitaire. Aus nur sechs verschiedenen Steinen setzt sich beim Schach eine ganze Welt zusammen: Bauer, Springer, Läufer, Turm, Dame und – last but not least – dem König, um den sich das ganze Spiel dreht. Die Dynamik zwischen diesen sechs Figurenarten kann so spannend werden, dass man bei einer Turnierpartie oder während eines Live-Streams alles um sich herum vergisst. Es zählt nur noch, was auf den 64 Feldern passiert. Und das ist eine ganze Menge.
Warum also ein Schachbuch von einem Amateur? Ich bin im Gegensatz zu den allermeisten Schachbuchautor:innen weder Großmeister noch Internationaler Meister und auch vom Titel eines FIDE-Meisters weit entfernt. Im Vergleich dazu bin ich ein kleines Licht: ein Vereinsspieler im Elo-Bereich zwischen 1800 und 1900, irgendwo über dem Durchschnitt, aber weit unterhalb aller Meisterprädikate. Ich kann Ihnen also schwerlich erklären, wie Sie die Sweschnikow-Variante der Sizilianischen Verteidigung am besten vorbereiten oder worauf es im Turmendspiel ankommt. Was ich Ihnen allerdings sehr wohl erklären kann, ist die Faszination, die das Schachspiel auf alle jene ausübt, die Spaß an strategischem Denken, kreativen Lösungen, vertrackten Situationen und mentalen Herausforderungen haben; die Faszination, die auch dafür gesorgt hat, dass die Schachvereine weltweit in den letzten Jahren Millionen neuer Mitglieder hinzugewonnen haben. Als der Großrechner Deep Blue vor fast 30 Jahren erstmals den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow schlug, gab es Leute, die befürchteten, damit sei der Sport am Ende. Wozu noch Schach spielen, wenn jeder beliebige PC immer alles besser weiß? Heute wissen wir es besser: Schach hat im Internetzeitalter erst seinen wirklichen Aufschwung erfahren – als ein Spiel, das wie dafür geschaffen ist, online gespielt, trainiert und mitverfolgt zu werden, das durch die Interaktion von Mensch und Maschine viel an Komplexität hinzugewonnen hat und das in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Mensch doch nie seine Spannung verlieren wird. Ich möchte Sie in die analogen wie digitalen Welten des Schachsports einführen, von der altehrwürdigen Geschichte des Spiels bis zum aktuellen Titled Tuesday. Falls Sie bereits vom Schachvirus infiziert sind, erhalten Sie hier einen kompakten und hoffentlich unterhaltsamen Überblick über die Szene; falls nicht, dann möchte ich Sie dazu motivieren, es doch auch einmal mit Schach zu versuchen. Nie waren die Zeiten dafür günstiger als jetzt.
Was macht Schach aus, was kann man dabei lernen? Die Sache lässt sich mit dem altbekannten Dreiklang erklären, von dem ich nicht weiß, wer ihn zuerst formuliert hat: Schach ist Sport, Wissenschaft und Kunst zugleich. Erstens ist es ein Sport, weil es der Anspannung aller körperlichen und geistigen Kräfte bedarf, um auf hohem Niveau Schach zu spielen. Kein Spitzenspieler kommt heute ohne Fitness aus, um die Konzentration über Stunden hinweg halten zu können, und der absolute Fokus, den man für die Spielsituation aufbringen muss, unterscheidet sich nicht so sehr von jenem bei anderen Sportarten. Wer einmal den Weltmeister Gukesh bei einer Partie beobachtet hat, weiß, wovon die Rede ist: Keine Sekunde lässt er ungenutzt verstreichen, immer in gespannter Aufmerksamkeit auf der Suche nach dem besten Zug. Bei knapper Bedenkzeit kann das Spiel am Brett zu einem Schlagabtausch werden wie im professionellen Tischtennis oder beim Boxen, mit aggressiven und defensiven Schlägen und einer unbarmherzigen Geschwindigkeit der Entscheidungen, der Aktionen und Reaktionen. Zweitens ist Schach eine Wissenschaft. Das beginnt bei der Nutzung von Datenbanken, bei der akribischen, computergestützten Vorbereitung von Eröffnungsvarianten. Und das setzt sich bei der Kalkulation am Brett fort. Schach ist ein sehr konkretes Spiel, die Wahrheit ist prinzipiell berechenbar. Wer eine komplizierte Abwicklung im Mittelspiel präziser durchrechnen kann, ist entscheidend im Vorteil. Drittens aber kommt der Aspekt der Kunst ins Spiel. Und zwar vor allem deshalb, weil die Möglichkeiten des Schachspiels nahezu unendlich sind und niemand in der Lage ist, die verschiedensten Stellungsprobleme durch reine Kalkulation zu lösen. Im Spiel zwischen Menschen geben meistens die Intuition und die Kreativität den Ausschlag: Wie kann ich den Gegner mit mutigem Spiel und verborgenen Ideen überraschen? Wie kann ich verlorene Stellungen retten, indem ich auf einen originellen swindle setze? Der legendäre Weltmeister Michail Tal hat mit einem solchen Spielstil seine größten Erfolge gefeiert. Heute weiß man, dass seine Züge keineswegs immer die besten waren. Aber sie waren oft ungewöhnlich, haben die Gegner beeindruckt, verwirrt und ihrerseits zu Fehlern verleitet. Und sie waren schön. Denn bei aller Berechenbarkeit spielt doch für die ästhetischen Qualitäten des Schachspiels die Unberechenbarkeit eine Hauptrolle, die brillante Idee, das Gespür für interessante Zugfolgen bis hin zu waghalsigen Figurenopfern, die auf Fehler des Gegners spekulieren. Erst recht auf der Amateurebene werden Schachpartien durch Fehler entschieden. Kreativität, Findigkeit, List und Psychologie spielen hier eine enorme Rolle. Schließlich ist jede einzelne Schachpartie ein Unikat. Vielleicht nicht immer ein Kunstwerk, aber doch das einzigartige Produkt eines kreativen Zusammenspiels zweier Kontrahenten. Das Hochgefühl nach einer intensiven, ideen- und siegreichen Schachpartie, bei der man sich in einen Flow gespielt hat, ist mit kaum etwas anderem zu vergleichen.
Die Entstehungsgeschichte des Schachspiels reicht historisch sehr weit zurück. Sie beginnt anscheinend in Indien, bleibt aber über weite Strecken unklar, auch lässt sich kein »Erfinder« des Spiels ermitteln. »Die Geburt des Schachs ist rätselhaft und wunderbar wie das Spiel selbst«, schreibt der Schachhistoriker Joachim Petzold. Aus der frühen indischen Literatur wissen wir, dass bereits im siebten Jahrhundert eine Form des späteren Schachspiels gespielt wurde, und auch aus China gibt es ähnlich lautende Berichte über ein solches Brettspiel. Da der Kulturtransfer zwischen Indien und China intensiv war, kann man wenig darüber sagen, wo zuerst so etwas wie Schach gespielt wurde. Es gibt Quellen, die auf ein Chaturanga genanntes indisches Schachspiel hinweisen, in dem vier Parteien auf einem Brett mit 64 Feldern gegeneinander antraten. In einigen Versionen wurden zusätzlich zu den Figuren Würfel benutzt, um die Zugmöglichkeiten festzulegen. Auch aus dem spätantiken Persien gibt es einige Hinweise auf ein derartiges Brettspiel. Der Name »Schach« hat seine Wurzeln höchstwahrscheinlich im Persischen, wo »Schah« »König« bedeutet. Insgesamt ergibt sich das Bild einer sehr komplexen und auch verwirrenden Entstehungsgeschichte, in der viele verschiedene Traditionslinien und Spielversionen nebeneinander existieren. Etwas greifbarer wird das historische Schachspiel dann in arabischen Quellen. Unter dem legendären Kalifen Harun ar-Raschid erreichte Schach eine erste Welle der Popularität, man spricht von einem »goldenen Zeitalter« des arabischen Schachs im neunten und zehnten Jahrhundert, aus dem Namen von Schachmeistern wie al-Adli, ar-Razi oder as-Suli bekannt geworden sind.
Die Gangart der Figuren war im Vergleich zum heutigen Schach allerdings noch sehr eingeschränkt, die frühe Version der Dame (wesir, fers) war ebenso wie die frühe Version des Läufers (fil, alfil = Elefant) kurzschrittig. Das bedeutet, dass die Eröffnung ziemlich umständlich war: Bis man überhaupt daran denken konnte, die gegnerische Königsstellung anzugreifen, musste man erst 20 oder 30 Züge absolvieren, um überhaupt die Figuren dafür in Stellung zu bringen. Aus diesem Grund erfand man die tabija, die festgelegte Eröffnungsposition, von der aus man die Partie begann. Auch Schachaufgaben gab es bereits: Die frühen arabischen Mattaufgaben heißen Mansuben und demonstrieren teilweise die erstaunliche strategische Tiefe, mit der das Schachspiel schon vor über 1000 Jahren betrieben wurde.
Ende des 15. Jahrhunderts erhielt das Schachspiel die Dynamik, die es bis heute auszeichnet: Dame und Läufer wurden langschrittig und konnten nun in einem Zug das gesamte Schachbrett durchmessen. Anders als früher »Wesir« und »Elefant« waren sie nun in der Lage, aus der Distanz Drohungen aufzustellen. Das erste gedruckte Schachbuch, das die neuen Regeln dokumentiert, ist Repetición de amores y arte de axedrez des spanischen Meisters Luis Ramírez de Lucena aus dem Jahr 1497. Dass er für sein Lehrbuch einen Titel wählte, der Schach und Liebe in Beziehung setzt, sagt wohl einiges über seine Leidenschaft für das Spiel aus. Das moderne, dynamische Schach war nun weitaus attraktiver als seine Vorläuferversionen, es wurde zu einem Spielplatz und Gradmesser für den scharfen Geist, für Wagemut, Nervenstärke und Kombinationslust. Die besten Schachspieler Europas reisten als vielbewunderte Genies durch die Lande. Der Italiener Gioacchino Greco kam im frühen 17. Jahrhundert als fahrender Schachmeister nach Lothringen, nach Frankreich und nach England. Dort spielte er um Geldeinsätze und gewann angeblich in Paris die gewaltige Summe von 5000 Scudi. Der Franzose François-André Danican Philidor, wurde später zum dominanten Schachspieler des 18. Jahrhunderts. Er war eigentlich ausgebildeter Musiker und Komponist, verdiente aber bezeichnenderweise mit seinen schachlichen Fähigkeiten mehr als mit seiner Musik. Die Nachfrage nach gutem Schach war also in den oberen Etagen der Gesellschaft durchaus vorhanden. Philidor stand in der Gunst einiger englischer Adliger und Offiziere, die sich brennend für Schach interessierten und ihm den Druck seines Schachbuchs L’Analyse des Echecs finanzierten. Er kam auch nach Berlin und Potsdam, wo sich der preußische König Friedrich II. für seine Fähigkeiten interessierte. Auch andere europäische Herrscher waren nachweislich Schachfans, so der russische Zar Peter der Große oder Napoleon, der anscheinend hoffte, beim Schach etwas über Militärstrategie lernen zu können.
