Scheidewege und Hoffnung - Rüdiger Greiner - E-Book

Scheidewege und Hoffnung E-Book

Rüdiger Greiner

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Beschreibung

Das Vorbild war Goethe, 200 Jahre vor meinem Geburtstag geboren. Das sind schwere Fußstapfen oder Spuren. Meine Jugend, mein Studium, die naturwissenschaftlichen Interessen, das Weibliche, das einen hinan zieht, die Liebe zur Kunst, zur Musik, die literarischen Interessen, das Reisen, der Beruf, Krankheiten, Hausbau und Familie, der Versuch etwas zu bewirken.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Prolog

Kapitel 2: Jugend und Schule

Kapitel 3: Das erste Studentenjahr

Kapitel 4: Wehrdienst

Kapitel 5: Die schöne Müllerin

Kapitel 6: Fortsetzung des Studiums

Kapitel 7: Politik

Kapitel 8: Heute hier, morgen da.

Kapitel 9: Ach Barbara!

Kapitel 10: Firmenwechsel nach Frankfurt

Kapitel 11: Familie

Kapitel 12: Firmenwechsel und nun fest am Schreibtisch

Kapitel 13: O holde Kunst

Kapitel 14: Fazit

Anhang: Gute Bücher

Kapitel 1: Prolog

In der Nacht meldete sich mein Körper mit ungewohnt heftigen kolikartigen Schmerzen linksseitig. Ich bekam Todesangst, war völlig durchgeschwitzt, mir war übel, ich bekam Krämpfe auf der linken Seite und am Rücken. Der Notarzt kam und vermutete einen blockierenden Nierenstein. Dann ging es schnell. Ich bin auf dem Weg zur OP, liege auf einem fahrbaren Bett nur leicht bekleidet mit einem weißen, hinten offenen Hemd. An der Decke sehe ich die Lampen vorüberziehen, dämmere vor mich hin. Ich höre nur noch undeutlich, ein Arzt sagt: „Er hat sehr schlechte Nierenwerte…“ Wie soll ich das verstehen, geht es um Leben oder Tod? Habe ich mein Leben schon gelebt – meine Freuden, meine Leiden? Wenn das Alter seinen Tribut fordert, manche Körperteile nicht mehr so richtig funktionieren, kommt man auf dunkle Gedanken – ist es genug?

Und dann der Gedanke, kommt meine Familie zurecht? Habe ich alles dafür vorbereitet? Meine Frau und ich haben sich wechselseitig unterstützt. Meiner Tochter habe ich geholfen und stets an ihrem Leben Anteil genommen. Kann sie es alleine? Und die Zukunft, womöglich mit Enkelkindern? Wen lasse ich alleine, den ich unterstützt habe. Was wird mit meinen ehrenamtlichen Aufgaben? Ich habe auch vieles für mich behalten, ich könnte noch so vieles erzählen. Aber interessiert es auch jemanden, ich denke an meine Dias, die vor sich hinschlummern? Wen interessiert mein digitales Erbe?

Nun rekapituliere ich für mich, was war wesentlich, wie zwang das Leben mich zu Entscheidungen. Waren sie gut, überlegt, aus dem Bauch heraus, welche Pfade haben sich daraus ergeben, kann ich damit leben? Oder in Frieden sterben? Stets habe ich Entscheidungen am Scheideweg aus Hoffnung getroffen, mit Zuversicht. Welche Spuren werde ich hinterlassen, welchen Spuren bin ich gefolgt?

Im Aufwachraum später habe ich die Ärztin gefragt, ob meine Nieren geschädigt sind. Nein, die Niere war tatsächlich durch einen Stein blockiert, deshalb arbeitete sie nicht mehr richtig und die schlechten Werte waren zwangläufig. Das Leben geht weiter.

Der Gedanke, mein Leben in einem Buch zu rekapitulieren ist dann verlorengegangen, bis ein zweiter Notfall, ein Herzinfarkt mich in die gleiche Situation führte. Diesmal mache ich mich an die Arbeit, Kapitel für Kapitel. Was ist wichtig, was war schön, was habe ich bewirkt, welche Zufälle oder Entscheidungen führten zu ganz anderen Entwicklungen. Ist das Leben ein Würfelspiel oder gibt es eine Art Vorsehung oder Schicksal? Sind wir Menschen nur eine angestoßene Maschine, die bis zum Verlust der Lebensenergie abläuft? Gibt es eine Moral, die man im Leben einhält, nach dem Kant’schen Imperativ? Sind Gutmenschen naiv? Gibt es einen Lebenswillen, der eine Patientenverfügung in kritischem Licht erscheinen lässt? Wie verhält man sich? Was bleibt?

Was geht überhaupt zwischen zwei Buchdeckel, das ganze Leben ist ja so vielfältig und man kann vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Auch viele Fakten sind auf Dauer nur für mich interessant, auch einige Peinlichkeiten und Erbärmliches kann man nur ins Unterbewusste verdrängen, wenn sie nicht als Fehler oder Erkenntnisse dienen sollen. Ich habe auch vieles weggelassen, keine Vollständigkeit angestrebt.

Ein weiterer Herzinfarkt mit schraubstockartigen Schmerzen erforderte eine Bypassoperation. Nach der Operation wachte ich auf, konnte meine Glieder noch nicht bewegen. Als erstes fiel mir dies auf, dachte nach, wo ich bin. Aber dann kam mir die Erleuchtung – ich denke, also bin ich. Das brachte mir eine ungeheure Zuversicht und Dankbarkeit. Hier wieder auf die Beine zu kommen war sehr viel mühseliger. Andererseits danke ich meinen Ärzten und Herzchirurgen für ihre Kunst – auch den Notarztdiensten- ohne die ich nicht mehr am Leben wäre. Bei hohem Fieber laufen lauter Filme im Kopf ab, die sich nicht bremsen lassen.

Der Inhalt lässt sich nicht steuern oder anhalten. Macht man die Augen zu, fährt das Bett Karrussel und wenn man sie öffnet, bleibt alles abrupt stehen. Bei der Reha half mir auch eine Psychologin nun die Welt anders anzugehen. Ich bin nicht der Einzige, bei dem das Alter Schwierigkeiten macht. Ich habe ja vieles erlebt, dieses kann man ja rekapitulieren und dann Neues genießen. Mich auf eine kontemplative Phase einlassen und vieles loslassen oder auf andere Schultern laden. Was man gerne tut und liebt, wird bleiben. Ich sollte mein Leben festhalten.

Eine weitere Lebenskrise, eine Sepsis mit Bauchspeicheldrüsenentzündung blieb mir nicht erspart. Diesmal ging es wieder um Leben oder Tod. Ich hatte hohes Fieber, das die Ärztin auf der Intensivstation nicht in den Griff bekam. Meiner Frau und meiner Tochter wurden es erlaubt, sich von mir auf der Intensivstation zu verabschieden. Ich erinnere mich an sie beide in schwarzen Umhängen, mit Kopfschutz und schwarzer Atemmaske und an ihre schönen Augen und den langen Wimpern, die ich so schön finde. Es war so bitter kaum reden zu können, mit einem Schlauch im Hals. Aber ich selbst war auch bereit loszulassen und betrachte meine erneute langsame Genesung als ein Geschenk.

Leider bin ich bis heute davon nicht vollständig genesen und eigentlich scheue ich mich oft noch, unter Leute zu gehen. Mein neuer Diabetes stellt mich vor Probleme und benötigt Zurückhaltung bei meinen liebsten Speisen. Ich kann nicht lange still stehen, habe deshalb Angst vor Museumsführungen. Deshalb rate ich zum bewussten Leben und zur Neugier, wenn man noch mobil ist.

Ich neige zum Stolpern und Stürzen, was blitzartig bei schnellen Drehungen geschehen kann. Beim Gleichgewicht verlasse ich mich auf die Augen als auf die Sensoren in den Füßen. Deshalb möchte ich meine Freunde nicht behindern oder ihnen lästig fallen, will mich aber auch nicht sozial zurückziehen. Allmählich gewinne ich mehr Kontrolle und Zutrauen und wäge aber meine Aktivitäten ab. Sonderbarerweise fällt mir Fahrradfahren leichter als Gehen. Bei Alkohol halte ich mich stets zurück, es gibt ja wohlschmeckende alkoholfreie Biere. Bei Wein oder Sekt ist dies nicht so gut gelungen, jedenfalls schmecken diese eher wie Fruchtsäfte. Vielleicht finde ich eine Marke die so gut schmeckt wie die Weine von Ohlig aus Östrich-Winkel, da erlaube ich mal ein kleines Glas guten Riesling zum Probieren. Damit ist nun genug gejammert, wir leben ja noch.

Eigentlich sind mir viele Privilegien zu Gute gekommen. Schönes als noch zu erlebendes Plus zu sehen, ohne Stress, aber doch mit Neugier und Interesse.

Kapitel 2: Jugend und Schule

Geboren bin ich in Lauscha, im Thüringer Wald. Dort gibt es mit Schiefer verkleidete Häuser, ein enges Tal, eine von der Glasindustrie und von den vielen kleinen Glasbläserfamilien bestimmte Ortschaft mit viel Schnee im Winter. Sie erinnert mich etwas an den Hintertaunus. An die ersten 3 Jahre habe ich kaum Erinnerungen.

Die Thüringer Warmblutpferde gelten als zuverlässig, außerordentlich lernfähig, fleißig und arbeitswillig. Schnelle Auffassungsgabe, aber nach längerer Standzeit übereifrig, temperamentvoll bis schreckhaft. Dies mag für die Menschen aus dem Thüringer Wald auch zutreffen, ein wenig auch für mich. Lernt man jemanden kennen, versucht man die Landsmannschaft zu hören, zu erkennen. Ich höre, ob man Oberschlesier, Bayer, Norddeutscher, Berliner, Salzburgerin oder Wienerin ist. Und wenn man jemanden aus dem gleichen Geburtsort trifft, fühlt man sich nahezu verwandt. Normalerweise bin ich als Thüringer sehr gutmütig, aber in Ausnahmefällen lässt ein Tropfen das Fass überlaufen und ich reagiere explosiv, wie es mir niemand zugetraut hat. Ein bisschen Sturheit kommt von meinen Großeltern mütterlicherseits hinzu, sie kamen von den masurischen Seen aus Ostpreußen.

Der Großvater seitens meiner Mutter war Fuhrmann und Bauer an einem kleinen See. Auch sie mussten während des zweiten Weltkriegs flüchten und verloren ihr Hab und Gut. Seinen ostpreußischen Dialekt habe ich noch im Ohr und seinen trockenen Humor. Er rauchte gern Pfeife oder Zigarre, er hatte einen grauen Bart, Stoppelhaare, hatte einen trockenen Humor und ich habe ihn gerngehabt, weil er als Rentner bei uns zu Hause wohnte. Zu meiner Überraschung habe ich gesehen, dass er bei einer Weihnachtsfeier im großen Saal des evangelischen Gemeindehauses am Rednerpult Geschichten und Scherze aus Ostpreußen erzählt hat, mit großem Anklang und ohne Scheu vor großem Publikum. Von einem verkauften Pferd, das vier Männer halten mussten. (Damit es nicht umfiel.)

Meine Eltern flüchteten als ich drei Jahre alt war aus Thüringen in den Westen, die genauen Gründe habe ich nie erfragt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Hunger und berufliche Sackgassen waren. Mein Vater war von Beruf Sattler, dafür gab es in diesem Ort keine Zukunft. Ein Onkel war schon im Westen, in Bayreuth und hatte dort eine kleine Fabrik für Glasradierer und Glaspinsel und beschäftigte eine Menge Heimarbeiterinnen. Er war Ehrenbürger und hätte mir Karten für die Richard-Wagner-Festspiele besorgen können, was ich damals nicht zu würdigen wusste. Von Bayreuth erinnere mich an die Eremitage, eine wunderschöne Gartenanlage. Von dort gab es Ausflüge in die fränkische Schweiz und ich erinnere mich an gebackenen Karpfen.

Mein Großvater väterlicherseits hatte in Lauscha Glas gesponnen in einer eigenen Werkstatt. Ich erinnere mich an ihn mit seinem pfiffigen Gesicht, er war leidenschaftlicher Tüftler und Sänger. Er hatte zwei Maschinen mit großen Spinnrädern, die mit einem Elektromotor angetrieben wurden. Davor waren Gasbrenner, und eine Schiebevorrichtung für Glasstangen, die aus der Glashütte in Lauscha bezogen wurden. Eine Glasstange wurde vorn solange erhitzt, bis das Glas flüssig war, dann wurde vorn ein Faden gezogen und auf das Spinnrad geworfen. Dieser Faden klebte am Spinnrad fest und es wurden weiße Fäden gewickelt. Die Kunst war es, die Geschwindigkeit des Rades mit dem Vorschub der vorne glühenden Glasstange so zu regeln, dass ein gleichmäßiger Faden entstand. Dann wurden die Wicklungen vom Rad genommen und in Teile geschnitten. Wie ein Wunder kräuselte sich das gesponnene Glas in Engelshaar, wohl abhängig von der Glasstange mit 2 Komponenten. Er lieferte das Engelshaar an Glasbläser, die Teepuppen daraus machten, nach dem damaligen Geschmack. Andere machten daraus Glasschmetterlinge, wobei die Flügel aus den Glasfasern bestanden und die dann bemalt wurden. Vermutlich sind im Heimatmuseum in Lauscha noch Exponate vorhanden. In Wertheim gibt es ein Glasmuseum, wo im oberen Stockwerk das Glasspinnen ausgestellt ist.

Glaspinsel wurden damals für Architekten und Bauzeichner gemacht, um Fehler auf den Tusche-Entwürfen auszuradieren und für neue Linien vorzubereiten. Auch Goldschmiede benutzten größere Glaspinsel oder Bürsten um Metalle zu polieren. Der Onkel stellte diese Glaspinsel her und bei Besuchen in den Ferien und probeweisem Arbeiten machten Glasspreißel meine Fingerspitzen taub. In Lauscha gab es viel Heimarbeit in der Glasindustrie, wo die ganze Familie mitgearbeitet hat. Aber es war Arbeit, bei der man nicht reich wurde – schon gar nicht im Sozialismus der DDR. Von der Erinnerung her rieche ich noch immer die Braunkohle zum Heizen, denke an Schnee im Überfluss, an die steilen Gassen, die Schieferhäuser, die Sprungschanzen und den Wald, die Blaubeerkuchen, die bei der Kerb Radgröße hatten und in der Mitte ein Geldstück. Man biss sich auf jeder Seite durch bis der Sieger das Geldstück erreicht hatte. Die Rostbrätla auf Holzkohlengrill bei der Kerb auf dem Köpplein mit Bier abgelöscht, die Thüringer Klöße, den knödelnden Dialekt.

Meine Eltern fanden nach der Flucht ihre erste Wohngelegenheit in Baden-Württemberg. Ich denke oft an die ehemalige Heubergbahn, den Dreifaltigkeitsberg, den Hohenkarpfen als Vulkankegel.

Mein Vater war die erste treibende Kraft bei meiner Schulausbildung. An die Grundschule habe ich noch Erinnerungen, dass es damals möglich war auf der Straße Fußball zu spielen. Viele Schulkameraden haben mich noch bis zur Konfirmation begleitet.

Mein Vater hat dann die Entscheidung getroffen, dass ich das Progymnasium besuche, das war ein Gymnasium bis zur Mittelstufe, er hat den Wechsel auf das Gymnasium in der Kreisstadt Tuttlingen in die Wege geleitet, obwohl ich schon einen Posten bei der Post im Auge hatte. Der Schulweg wurde damals noch mit der Dampfeisenbahn zurückgelegt. Den Dampf und typischen Geruch habe ich noch immer in der Nase.

Meine beiden Schwestern wurden nicht so gedrängt und hatten eine gute Berufsausbildung. Auch nach dem Abitur hatte ich das Bestreben, in den gehobenen Dienst der Bundespost einzusteigen, aber mein Vater hatte den Traum und den Willen, dass ich studiere.

Während meiner Schulzeit musste ich in den Ferien arbeiten. Ich war Aushilfsbriefträger bei der Post. Man musste schon früh aufstehen und damals noch bei der Bahnpost die Pakete und Postsäcke aus dem Bahnpostwaggon ausladen. Man musste noch schnell bevor die riesige Dampflokomotive sich näherte, den Übergang über die Gleise mit den Transportwagen mit der abgehenden Post überqueren. Einer zog vorne, einer schob hinten. Es gab da auch gefährliche Situationen, wenn die riesige Dampflokomotive kurz vor uns anhielt und wir mussten darauf vertrauen. Dann schnell die Pakete in den Postwaggon, die ankommenden Pakete heraus in den Wagen. Bis zur Abfahrt war wenig Zeit. Die Briefe wurden dann in der Poststelle aus den Säcken entleert und dann in Sortierfächern sortiert, die nach Straßen geordnet waren. Mir als Neuling fiel das Sortieren schwer, denn ich hatte im Kopf noch kein Bild der Straßen und Namen der Empfänger. Während ein normaler Zusteller vielleicht 6 Stunden benötigte, kam ich auf mehr Stunden. Insbesondere wenn damals noch die Rente bar ausgezahlt wurde, oder die Rundfunkgebühren gezahlt wurden, wurde es spät. Mein Zusteller kannte natürlich die Lebensgewohnheiten und Anwesenheitszeiten der Empfänger, während ich oftmals vergebens klingelte und wartete. Auch ansonsten ist es eine sportliche Aufgabe, gut zu Fuß musste man schon sein. Gerichtliche Urkunden mussten auch zugestellt werden, und ich erinnere mich wie in einer Firma die Führungskräfte zum Hinterausgang verschwanden, als ich mit dem Dokument, das persönlich zugestellt werden sollte zur vorderen Tür hereinkam. Aber als Schüler und Student wurde man ordentlich bezahlt und ich schaffte mir mein erstes schönes Fahrrad an. Man lernte viele Leute kennen, wurde meist freundlich begrüßt, und an einer Relaisstation Brauerei Waldhorn fand sich immer eine Flasche Bier neben den Postsäcken.

Zu meinem Vater hatte ich allmählich immer mehr ein schwieriges Verhältnis. Er war von einem Kriegstrauma geprägt. Im zweiten Weltkrieg war er bei den Fernmeldern, das heißt immer vorne an der Front. Sein großes Glück war, dass er bei Stalingrad von einem Granatsplitter im Bein verwundet wurde, so dass er zeitlebens hinkte und diesen Fuß nicht richtig aufsetzen konnte. Auch am Rücken wurde er getroffen und bekam einen Buckel, wofür er sich geschämt hat. Alle Klassenkameraden von ihm haben dort ihr Leben gelassen, er ist nach dem Rücktransport als einziger übriggeblieben. Er muss dort ziemlich Hunger gelitten haben, denn das ganze Leben lang wollte er mittags möglichst Punkt 12 Uhr essen und konnte sonst ziemlich unleidlich werden. Auch bekam ich niemals Kriegsspielzeug. Ich erinnere mich an einen schönen Panzer im Spielwarengeschäft, den ich gerne haben wollte, der mir aber rigoros verwehrt wurde. Auch Knallpistolen gab es nie. Über den Krieg hat er nie gesprochen, aber nach einem Kriegsfilm kam er sehr bestürzt nach Hause. Nachdem meine Mutter früh gestorben war, störten mich seine Eigenheiten, sein undiplomatisches Wesen das auch stadtbekannt war und manche Konfrontationen. Ein schwieriges Verhältnis zum Vater verstört einen sehr und verursacht schlaflose Nächte.

Mein Vater hat Schach gespielt mit einem Partner, einen Filmvorführer im örtlichen Kino. Ich erinnere mich an den speziellen Kinogeruch nach Kaugummi, die großen Lichtbogen-Projektoren, das Umspulen der Filmrollen bei Rollenwechsel, das Warten auf das Signal im Bild, wenn die Klappen geöffnet werden sollten beim Wechsel der Projektoren. Ich erinnere mich an viele Heimatfilme, Western, Fuzzy, Filme ab 16, die ich doch durch die 3. Klappe sehen konnte, während mein Vater mit seinem Partner Schach spielte. Später habe ich selbst einen Filmvorführschein gemacht und Filme für Jugendliche vorgeführt, 16-mm Bell und Howell Projektoren. Film ist auch eine meiner Leidenschaften, nur mit den Augen des Regisseurs zu sehen, mit unvergesslicher Filmmusik und Ohrwürmern, mit Filmen zu Tränen gerührt zu werden oder unbeschreibliches Grauen bei Gruselfilmen. Western als die Oper des Kinos zu sehen, immer mit der Filmmusik verknüpft und mit dem Abenteuer des wilden Westens und romantischer Liebe. Auch die USA war damals mein Traumland.

Ich erinnere mich an das Nordmende-Radio mit dem magischen Auge, mit der Skala von Radiosendern aus aller Welt, oben mit eingebautem Plattenspieler. Mein Vater hatte eine riesige Sammlung von Vinylplatten, einen Teil davon habe ich heute noch. Ich erinnere mich auch noch an zerbrechliche Schellack-Platten, mit Heinzelmännchens Wachparade, mit Marschmusik, und dem Soldaten vom Wolgastrand. Und natürlich Mozarts kleine Nachtmusik. Er sammelte viele Chöre und Opern und deutsche Kunstlieder.

Als Jugendlicher war ich bei der evangelischen Jungschar. Die Uniformen und der Ledergürtel mit Blechschnalle missfielen meinem Vater sehr und er wollte dies nicht sehen und zulassen. Aber da ich mich dafür entschieden hatte mit meinen Freunden mitzumachen, hat er nachgegeben. Mein Vater hat mich auch zum Flötenunterricht angemeldet. Da er selbst musikalisch war, wollte er mir diese bürgerliche Tugend auch ermöglichen. Einmal in der Woche war ich beim nachbarlichen Musiker zum Unterricht und wurde immer zum mehr Üben ermahnt. Aber ich war gern dabei und erinnere mich an das Ritual, das der Lehrer erst mit einem aromatischen Kaffee begann. Den Geruch habe ich immer mit Flötenspiel verbunden. Aber eine Blockflöte klingt nun mal nicht so toll, insbesondere wenn die Löcher nicht sauber von den Fingern abgedeckt werden. Deshalb freute es mich, beim evangelischen Posaunenchor mitmachen zu dürfen. Dies bedeutete mehr Üben, denn das saubere Intonieren spielt beim Flügelhorn eine große Rolle. Leider habe ich nur die zweite Stimme, die Begleitung, spielen dürfen, die Trompeten waren in guter und sicherer Hand. Der Dirigent war der Leiter der Raiffeisen-Niederlassung, war auch Organist und spielte in der Stadtkapelle. Er war eine große pädagogische Begabung und ein väterlicher Freund. Eine Baßtuba passte genau zwischen die Rücksitze seines Volkswagens. Das Üben und Intonieren war mühsam, ein Erfolgserlebnis waren die zahlreichen Gottesdienste mit Posaunenchor.

Nach dem einstündigen Intonieren wurden Choräle und Volkslieder geübt. Als reiner Männer- und Jungenverein haben wir etwas gestümpert, später nach meiner Zeit dort habe ich den Posaunenchor mit gemischter Besetzung gehört und sie waren um Klassen besser. Ich bewundere den Mut der Mädchen, Blasinstrumente spielen zu können, und zwar sehr gut.