Schwarze Nacht - Gena Showalter - E-Book + Hörbuch

Schwarze Nacht E-Book

Gena Showalter

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Beschreibung

Einst dienten die tapferen Lords der Unterwelt dem Gottkönig. Ein Zwist aber führte dazu, dass die zwölf Ritter mit einem Dämon bestraft wurden, den sie jeden Tag aufs Neue zu bezwingen haben ... Die junge Wissenschaftlerin Ashlyn Darrow ist verzweifelt: An jedem Ort hört sie alle Gespräche, die je dort stattgefunden haben. Und sie weiß: wenn, dann können ihr nun die Lords der Unterwelt helfen. Auch auf die Gefahr hin, von den Unsterblichen getötet zu werden, wagt sie die Reise zum Haus der Verdammten - und trifft in den Wäldern vor den Toren Budapests auf Maddox, den Hüter des Dämons der Gewalt. Zum ersten Mal verstummen alle Stimmen in ihr. Auch Maddox spürt sofort den unwiderstehlichen Reiz der jungen Amerikanerin. Doch er darf seinen Gefühlen nicht nachgeben, denn das Böse in ihm ist unberechenbar. Ein jahrtausende alter Kampf entflammt von Neuem: gegen den inneren Feind, und gegen den äußeren, der Ashlyns Spur verfolgt hat. Beide wollen nur eins: töten! Maddox' und Ashlyns Schicksal scheint besiegelt.

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Seitenzahl: 534

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung,

des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

New York Times und USA Today Bestseller-Autorin Gena Showalter gilt als neuer Shooting Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die Trilogie um „Die Herren der Unterwelt“ gilt als ihre bislang stärkste.

Gena Showalter

Die Herren der Unterwelt 1

Schwarze Nacht

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Maike Walter

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20350 Hamburg

Copyright © 2009 by MIRA Taschenbuch

in der CORA Verlag GmbH & Co. KG

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Lords of the Underworld 1 - Darkest Night

Copyright © 2008 by Gena Showalter

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Claudia Wuttke

Titelabbildung: pecher und soiron, Köln

ISBN (eBook, PDF) 978-3-89941-926-9 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-89941-925-2

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Liebe Leserinnen,

ich freue mich, Ihnen meine neue Serie übernatürlicher Romane vorstellen zu dürfen. Sie heißt DIE HERREN DER UNTERWELT und beginnt mit dem Band ‚Schwarze Nacht‘. In einer abgeschiedenen Burg in Budapest sind sechs unsterbliche Krieger – einer gefährlicher und verführerischer als der andere – an einen alten Fluch gebunden, den bislang niemand brechen konnte. Als ein mächtiger Feind zurückkehrt, machen sie sich auf eine lange Reise, um die heilige Reliquie der Götter zu finden, die sie alle zu vernichten droht.

Begleiten Sie mich auf einer Reise durch eine düstere und sinnliche Welt, in der die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt und die wahre Liebe auf eine harte Probe gestellt wird.

Mit den besten Wünschen,

Gena Showalter

WID MUNG

Für Kresley Cole und Nalini Singh. Nicht nur, weil eure Bücher mehr als faszinierend sind und ich nervös werde, wenn ich nicht rechtzeitig KC- und NS-Nachschub bekomme, sondern auch, weil ihr wunderbare Menschen seid.

Für Shelly Mykel. Weil du großartig bist und ich es (wenigstens ein Mal) richtig machen will.

Für Debbie Splawn-Bunch. Weil du mich liebst – obwohl ich eine schreckliche Freundin bin – und niemals zugelassen hättest, dass ich dieses Buch ‚Nimm das Schwert und stich zu‘ nenne.

Für Jill Monroe. Weil du immer für mich da bist – auch wenn du meinen geliebten Lobby gestohlen hast. Apropos Lobby …

Für Lobby. Weil ich dich vermisse.

Max Showalter, du bist mein Ein und Alles.

1. KAPITEL

Jede Nacht kam der Tod – langsam und qualvoll. Und jeden Morgen erwachte Maddox im Bett, wissend, dass er später wieder sterben müsste. Das war sein Fluch, seine ewige Bestrafung.

Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und wünschte sich, seinem Feind mit einer Klinge die Kehle durchschneiden zu können. Der Tag war schon fast vorüber. Er hörte, wie die Zeit verstrich, ein giftiges Ticktack in seinem Kopf. Jeder Stundenschlag der Uhr erinnerte ihn voller Hohn an den Tod und den Schmerz.

In weniger als einer Stunde würde sich der erste Stich in seinen Bauch bohren, und was er auch tat oder sagte – es würde nichts daran ändern. Der Tod käme ihn holen.

„Verfluchte Götter“, murmelte er und stemmte die Gewichte schneller.

„Hurensöhne, jeder einzelne von ihnen“, ertönte hinter ihm eine vertraute Stimme.

Obwohl es ihm nicht passte, dass Torin sich einmischte, verlangsamte Maddox das Tempo nicht. Hoch. Runter. Hoch. Runter. In den vergangenen zwei Stunden hatte er seine Wut schon an dem Sandsack, dem Laufband und den Geräten ausgelassen. Der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen die nackte Brust und die Arme hinab, was seine Muskeln nur noch mehr betonte. Eigentlich hätte seine Seele genauso erschöpft sein müssen wie sein Körper, doch seine Gefühle wurden immer düsterer und intensiver.

„Was willst du hier?“, fragte er schroff.

Torin seufzte. „Hör zu, eigentlich wollte ich dich nicht stören, aber es ist etwas passiert.“

„Dann kümmere dich darum.“

„Ich kann nicht.“

„Egal, was es ist, versuch es. Ich bin nicht in der Verfassung zu helfen.“ Seit einigen Wochen brachte ihn schon die kleinste Kleinigkeit in Rage – ein Zustand, in dem niemand sicher vor ihm war. Selbst seine Freunde nicht. Besonders seine Freunde nicht. Er wollte es nicht, hatte es nie gewollt, doch manchmal war er machtlos gegen den Drang, andere zu schlagen und zu verletzen.

„Maddox …“

„Es geht nicht, Torin“, krächzte er. „Ich würde mehr Schaden anrichten als euch nutzen.“

Maddox kannte seine Grenzen – schon seit Tausenden von Jahren. Seit dem verdammten Tag, als die Götter eine Frau auserkoren hatten, um eine Aufgabe auszuführen, die eigentlich ihm zugestanden hätte.

Pandora war stark, ja, die stärkste Soldatin jener Zeit. Doch er war stärker. Fähiger. Trotzdem befand man ihn als zu schwach, um dimOuniak zu bewachen – eine heilige Büchse, in der Dämonen eingesperrt waren, die so abscheulich und zerstörerisch waren, dass die Außenwelt selbst dann nicht sicher vor ihnen gewesen wäre, wenn sie in der Hölle geschmort hätten.

Als wenn Maddox es zugelassen hätte, dass die Büchse zerstört würde. Bei dem Angriff war er blind vor Wut gewesen. So wie all die anderen Krieger, die nun hier lebten. Sie hatten gewissenhaft für den Götterkönig gearbeitet, hatten fachmännisch getötet und ihn sorgsam beschützt; sie hätten als Wächter auserwählt werden müssen. Dass es nicht geschah, war eine nicht zu tolerierende Schmach.

Sie wollten den Göttern in jener Nacht nur eine Lektion erteilen, als sie Pandora dimOuniak entwendeten und die Dämonen in die nichts ahnende Umwelt entließen. Wie dumm sie doch waren. Sie wollten ihre Macht demonstrieren und scheiterten kläglich: Die Büchse ging in dem Tumult verloren, und die Krieger konnten nicht einen der bösen Geister wieder einfangen.

Bald herrschten Chaos und Verwüstung, die die Welt in Dunkelheit stürzten, bis schließlich der Götterkönig einschritt und jeden Krieger dazu verdammte, einen der Dämonen in sich aufzunehmen.

Eine passende Strafe. Die Krieger hatten das Böse entfesselt, um ihren verletzten Stolz zu rächen und mussten fortan damit leben.

Damit waren die Herren der Unterwelt geboren.

Maddox wurde der Dämon der Gewalt zugeteilt, der genauso zum Teil seines Körpers wurde wie seine Lunge oder sein Herz. Der Krieger Maddox konnte nicht mehr ohne den Dämon leben, und der Dämon konnte nicht mehr ohne den Krieger existieren. Sie waren untrennbar miteinander verbunden. Zwei Hälften, die zusammen ein Ganzes ergaben.

Von Beginn an hatte ihn die Kreatur in seinem Innern dazu verführt, bösartige und verhasste Dinge zu tun, und er war gezwungen zu gehorchen. So auch, als er dazu verleitet worden war, eine Frau zu töten – Pandora. Er umklammerte die Gewichtstange so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Mit den Jahren hatte er gelernt, besonders abscheuliche Züge seines Dämons zu unterdrücken. Doch es war ein ständiger Kampf, den er jederzeit wieder verlieren konnte.

Was hätte er doch für einen einzigen friedlichen Tag gegeben. Ohne das überwältigende Verlangen zu verspüren, jemandem wehzutun. Ohne gegen sich selbst zu kämpfen. Ohne Sorgen. Ohne Tod. Einfach nur … Frieden.

„Du bist hier nicht sicher“, warnte er seinen Freund, der immer noch in der Tür stand. „Geh lieber.“ Er legte die silberne Stange in die Halterung und setzte sich auf. „Nur Lucien und Reyes dürfen in meiner Nähe sein, wenn ich sterbe.“ Und das auch nur, weil sie dabei – wenn auch unfreiwillig – eine zentrale Rolle spielten. Sie waren ihren Dämonen genauso hilflos ausgeliefert wie Maddox.

„Bis dahin ist noch knapp eine Stunde Zeit“, Torin warf ihm ein Tuch zu, „also lass ich’s drauf ankommen.“

Maddox griff hinter sich, fing das weiße Tuch auf und drehte sich um. Er wischte sich das Gesicht ab. „Was …“

Eine eiskalte Flasche Wasser sauste durch die Luft, noch bevor er die zweite Silbe ausgesprochen hatte. Er fing sie geschickt auf, wobei etwas Flüssigkeit auf seine Brust spritzte. Während er trank, musterte er seinen Freund.

Wie gewöhnlich war Torin ganz in Schwarz gekleidet und trug Handschuhe. Das blonde Haar lockte sich auf seinen Schultern und rahmte ein Gesicht ein, das sterbliche Frauen als Festschmaus für die Sinne bezeichneten. Sie wussten nicht, dass dieser Mann der Teufel im Gewand eines Engels war. Doch sie hätten es wissen sollen. Er strahlte eine unübersehbare Geringschätzung aus, und das gottlose Glänzen, das in seinen grünen Augen lag, verkündete, dass er seinem Gegenüber ins Gesicht lachen würde, während er ihm das Herz herausriss. Oder dass er seinem Gegenüber ins Gesicht lachen würde, während dieser ihm das Herz herausriss.

Um zu überleben, musste er so viel lachen wie möglich. So erging es ihnen allen.

Wie alle Bewohner der Budapester Burg war auch Torin verflucht. Er starb vielleicht nicht jede Nacht, so wie Maddox, aber er konnte kein Lebewesen berühren, ohne es mit einer Krankheit zu infizieren.

Torin war vom Dämon des Siechtums besessen.

Seit mehr als vierhundert Jahren war er von keiner Frau mehr berührt worden. Er hatte seine Lektion gelernt, als er seinem Verlangen ein Mal nachgab und das Gesicht seiner angehenden Geliebten streichelte. Er löste damit eine Seuche aus, die in unzähligen Dörfern Mensch für Mensch dahinraffte.

„Nur fünf Minuten“, verlangte Torin. „Um mehr bitte ich dich gar nicht.“

„Glaubst du, wir werden heute dafür bestraft, dass wir die Götter beleidigt haben?“, erwiderte Maddox. Er ignorierte die Bitte. Wenn er es gar nicht erst zuließ, dass man ihn um einen Gefallen bat, brauchte er auch nicht abzulehnen und sich später schuldig zu fühlen.

Sein Freund seufzte. „Jeder unserer Atemzüge soll eine Bestrafung sein.“

Er hatte recht. Maddox’ Lippen verzogen sich langsam zu einem messerscharfen Grinsen, als er an die Decke starrte. Ihr Bastarde. Na los, bestraft mich weiter. Vielleicht würde er sich dann endlich in Nichts auflösen.

Doch eigentlich glaubte er nicht, dass die Götter sich mit seinem Anliegen befassen würden. Seit sie ihn mit dem Todesfluch belegt hatten, ignorierten sie ihn und taten, als hörten sie sein Flehen um Vergebung und Absolution nicht. Als hörten sie seine Schwüre und seine verzweifelten Verhandlungen nicht.

Aber konnten sie ihm überhaupt noch etwas Schlimmeres antun?

Nichts konnte grausamer sein, als wieder und wieder zu sterben. Oder des Guten und der Rechtschaffenheit beraubt zu werden … oder den Gewaltdämon in der eigenen Seele und dem eigenen Körper zu beherbergen.

Maddox sprang auf und feuerte den mittlerweile nassen Lappen und die leere Flasche in den nächsten Mülleimer. Er schlenderte zum anderen Ende des Raumes, verschränkte die Hände über dem Kopf, lehnte sich gegen den halbrunden Erker aus Buntglas und starrte durch den einzig durchsichtigen Spalt in die Nacht.

Er sah das Paradies.

Er sah die Hölle.

Er sah die Freiheit, ein Gefängnis, alles und nichts.

Er sah … sein Zuhause.

Da die Burg auf einem Hügel stand, hatte er einen guten Blick über die gesamte Stadt. Helle Lichter blinkten – pink, blau und lila –, erhellten den düsteren, samtenen Himmel, glitzerten in der Donau und rahmten die schneebedeckten Bäume ein, von denen es in dieser Gegend so viele gab. Ein Wind wehte und Schneeflocken tanzten durch die Luft.

Hier oben hatten er und die anderen ein Mindestmaß an Privatsphäre und Schutz vor dem Rest der Welt gefunden. Hierher konnten sie kommen, von hier konnten sie weggehen, ohne mit Fragen bombardiert zu werden. Warum werdet ihr nicht älter? Warum hallen jede Nacht Schreie durch den Wald? Warum seht ihr manchmal wie Ungeheuer aus?

Von hier oben hielten sich die Einheimischen fern – aus Angst und aus Respekt. Bei einer seiner seltenen Begegnungen mit einem Sterblichen hatte er ihn sogar „Engel“ flüstern hören.

Wenn sie nur wüssten …

Maddox’ Nägel wurden länger und krallten sich in die Steinwand. Budapest war ein Ort von majestätischer Schönheit, der vom Charme der alten Welt umweht wurde und der dennoch nicht auf die Annehmlichkeiten der Moderne verzichtete. Doch Maddox hatte sich seit jeher ausgeschlossen gefühlt. Von allem. Von dem Burgviertel genauso wie von den Nachtclubs. Vom Obst und Gemüse, das in der einen Passage verkauft wurde, genauso wie von dem lebendigen Fleisch, das in der nächsten Gasse feilgeboten wurde.

Vielleicht verginge das Gefühl der Unverbundenheit, wenn er die Stadt einmal erkunden würde, doch im Gegensatz zu den anderen, die nach Belieben umherstreiften, war er in der Burg und den umliegenden Ländereien genauso gefangen wie der Dämon der Gewalt vor Tausenden von Jahren in der Büchse der Pandora.

Seine Fingernägel wuchsen weiter, jetzt waren es schon fast Krallen. Der Gedanke an die Büchse versetzte ihn immer in eine düstere Stimmung. Schlag gegen die Wand, stachelte sein Dämon ihn auf. Zerstör irgendetwas. Verletze jemanden, töte jemanden. Am liebsten hätte er die Götter ausgelöscht. Einen nach dem anderen. Sie vielleicht geköpft. Ihnen aber auf jeden Fall ihre schwarzen, verfaulten Herzen herausgerissen.

Der Dämon schnurrte zustimmend.

Klar, dass ihm das gefällt, dachte Maddox angewidert. Hauptsache es ist blutrünstig, egal wer die Opfer sind. Er schickte noch einen erzürnten Blick gen Himmel. Er und der Dämon waren schon seit langer Zeit vereint, doch er konnte sich noch immer deutlich an den Tag erinnern, als alles begann. An die Schreie der Unschuldigen. An die Menschen um ihn herum, die bluteten und starben. An die Dämonen, die das Fleisch dieser Menschen in Ekstase verschlangen.

Nur als der Dämon der Gewalt in seinen Körper eingedrungen war, hatte er den Bezug zur Realität verloren. Er hatte nichts gehört und nichts gesehen. Ihn umgab nichts als Dunkelheit. Erst als Pandoras Blut auf seine Brust spritzte, erwachte er. Ihr letzter Atemzug hallte in seinen Ohren wider.

Sie war nicht sein erstes Opfer – oder sein letztes. Aber sie war die erste und einzige Frau, die er mit seinem Schwert traf. Der furchtbare Anblick dieser leblosen weiblichen Gestalt, in deren Adern kurz zuvor noch das Leben pulsiert hatte, und das Wissen darum, dass er für ihren Tod verantwortlich war … Bis zum heutigen Tag hatte nichts seine Schuld und Reue lindern können. Die Schande und die Trauer.

Er hatte geschworen, alles zu tun, um den Dämon in Zukunft zu kontrollieren, doch es war zu spät gewesen. Zeus war verärgerter als je zuvor und belegte ihn mit einem zweiten Fluch: Er sollte jede Nacht um Mitternacht denselben Tod sterben wie Pandora – durch eine Klinge, die sich sechsmal unter höllischen Schmerzen in seinen Unterleib bohrte. Der einzige Unterschied war, dass ihre Qual nach Minuten vorüber gewesen war.

Seine Qualen würden bis in alle Ewigkeit fortdauern.

Er knackte mit dem Kiefer und versuchte, sich zu entspannen, als er den nächsten Ansturm der Gewalt kommen spürte. Er sagte sich, dass er nicht der Einzige war, der leiden musste. Die anderen Krieger hatten auch mit Dämonen zu kämpfen – sowohl buchstäblich als auch bildlich. In Torin wohnte der Dämon der Krankheit. In Lucien der Dämon des Todes. In Reyes der des Schmerzes. In Aeron der des Zorns. In Paris der der Promiskuität.

Warum hatte man ihm nicht den letzten zugeteilt? Er hätte jederzeit in die Stadt gehen, sich eine Frau nehmen und jeden Laut, jede Berührung genießen können.

Doch so konnte er sich weder weit von der Burg weg wagen, noch über längere Zeit mit Frauen umgeben. Wenn sein Dämon die Kontrolle übernähme oder wenn er vor Mitternacht nicht zu Hause wäre und jemand seine blutverschmierte Leiche fände und begrübe – oder schlimmer: verbrannte …

Aber ein Teil von ihm wünschte sich, dass ein solcher Zwischenfall seine klägliche Existenz beenden würde. Am liebsten hätte er sich schon vor langer Zeit von einem Feuer verzehren lassen oder wäre aus dem höchsten Fenster der Burg gesprungen, damit sein Schädel samt Gehirn zerschmetterte. Aber nein. Was er auch tat, er wachte einfach wieder auf – egal ob verkohlt oder erstochen. Ob mit gebrochenen Knochen oder mit tausend Schnitten.

„Du starrst jetzt schon seit geraumer Zeit aus dem Fenster“, bemerkte Torin. „Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?“

Maddox blinzelte, als er aus den Gedanken gerissen wurde. „Du bist ja immer noch da.“

Sein Freund zog eine schwarze Augenbraue hoch, die einen unheimlichen Kontrast zu den silbrig-blonden Haaren bildete. „Das heißt wohl so viel wie ‚Nein‘. Hast du dich wenigstens wieder beruhigt?“

Konnte er sich überhaupt richtig beruhigen? „Ich bin so ruhig, wie ein Wesen meiner Art es nun mal sein kann.“

„Hör auf zu jammern. Ich muss dir etwas zeigen, und wag es bloß nicht, mir noch einen Korb zu geben. Wir können ja auf dem Weg darüber reden, warum ich dich gestört habe.“ Ohne ein weiteres Wort machte Torin auf dem Absatz kehrt und verließ entschlossen den Raum.

Maddox blieb noch ein paar Sekunden stehen und blickte seinem Freund nach, der gerade um eine Ecke verschwand. Hör auf zu jammern, hatte Torin gesagt, und er hatte vollkommen recht damit. Jetzt bahnten sich die Neugierde und eine ironische Heiterkeit den Weg durch seine düstere Stimmung, und Maddox trat vom Trainingsraum auf den Flur. Er spürte einen kalten Luftzug. Die Luft war feucht und roch nach Winter. Er erspähte Torin wenige Meter vor ihm und schloss zu ihm auf.

„Worum geht’s denn?“

„Na endlich. Interesse“, bekam er zur Antwort.

„Wenn das einer deiner Tricks ist …“ Wie damals, als Torin Hunderte aufblasbare Puppen bestellt hatte und sie überall in der Burg aufstellte, nur weil Paris sich darüber beschwert hatte, dass es in der Stadt zu wenig Frauen gab. Aus allen Ecken starrten die Plastik-Ladys jeden, der vorbeiging, aus großen Augen und mit weit geöffneten „Ich will dir einen blasen Mündern“ an.

So etwas geschah immer dann, wenn Torin sich langweilte.

„Ich würde doch nicht meine Zeit damit verschwenden, dir einen Streich zu spielen“, erwiderte Torin ohne ihn anzusehen. „Du, mein Freund, hast keinen Sinn für Humor.“

Wie wahr.

Maddox hielt weiter mit Torin Schritt. Links und rechts erstreckten sich Steinmauern; in den Wandleuchtern züngelten die Flammen, ihr goldenes Licht verschmolz mit dem Schatten. Das Haus der Verdammten, wie Torin die Burg getauft hatte, war vor vielen Hundert Jahren gebaut worden. Zwar hatten sie es so gut wie möglich renoviert. Doch das Alter zeigte sich in bröckelnden Felsen und abgewetzten Fußböden.

„Wo sind die anderen?“, erkundigte sich Maddox, als ihm auffiel, dass ihnen auf dem ganzen Weg niemand begegnet war.

„Man sollte meinen, Paris kauft etwas zu essen, da unsere Schränke leer sind und er sonst keine Pflichten zu erfüllen hat, aber nein: Er ist auf der Suche nach Frischfleisch.“

So ein Glückspilz. Paris war derart von Sex besessen, dass er mit derselben Frau nicht zweimal ins Bett steigen konnte. Also verführte er jeden Tag eine – oder zwei oder drei – neue. Der einzige Nachteil: Wenn er keine Frau fand, musste er Dinge anstellen, die Maddox sich nicht näher ausmalen wollte. Dinge, nach deren Anblick jeder normale Mensch über der Toilette hängen und sich die Seele aus dem Leib kotzen würde. Obwohl Maddox’ Neid in solchen Momenten abebbte, flammte er immer wieder auf, wenn Paris von seinen Geliebten sprach. Von der flüchtigen Berührung eines Oberschenkels … von heißer Haut auf heißer Haut … von ekstatischem Stöhnen …

„Aeron ist … Mach dich auf was gefasst“, begann Torin, „denn das ist der Hauptgrund, weswegen ich so hartnäckig bin.“

„Ist ihm etwas zugestoßen?“, erkundigte sich Maddox, während sich seine Gedanken verfinsterten und allmählich die Wut Besitz von ihm ergriff. Zerstören, töten, knurrte sein Dämon gierig. „Ist er verletzt?“

Zwar galt Aeron als unsterblich. Aber man konnte einem Unsterblichen dennoch Leid zufügen und ihn sogar töten, wie sie alle auf grausame Art und Weise hatten erfahren müssen.

„Weder noch“, versicherte Torin.

Langsam entspannte er sich und der Dämon der Gewalt wich zurück. „Was denn dann? Hat er unseren Saustall aufgeräumt und dabei einen Wutanfall bekommen?“ Jeder Krieger hatte bestimmte Aufgabengebiete. So stellten sie wenigstens eine äußere Ordnung sicher, wenn schon in ihrem Innern ein Krieg tobte. Aeron gab das Zimmermädchen, worüber er sich täglich beschwerte. Maddox kümmerte sich um Reparaturarbeiten in der Burg. Torin war der Vermögensverwalter. Lucien erledigte den Papierkram, und Reyes versorgte sie mit Waffen.

„Die Götter … haben ihn zu sich gerufen.“

Der Schreck brachte Maddox einen Augenblick lang völlig aus dem Konzept, und er stolperte. „Was?“ Bestimmt hatte er sich nur verhört.

„Die Götter haben ihn zu sich gerufen“, wiederholte Torin geduldig.

Aber die Griechen hatten doch seit Pandoras Todestag nicht mehr mit ihnen gesprochen. „Was wollten sie von ihm? Und warum erfahre ich erst jetzt davon?“

„Erste Frage: Das weiß keiner. Wir haben uns gerade einen Film angesehen, als er sich plötzlich mit ausdrucksloser Miene aufsetzte. Es war, als wäre bei ihm niemand mehr zu Hause. Ein paar Sekunden später sagte er uns, sie hätten ihn gerufen. Keiner von uns hatte Zeit zu reagieren – in dem einen Moment saß Aeron noch bei uns, im nächsten war er weg.

Und zur zweiten Frage“, fügte Torin fast nahtlos hinzu, „ich habe ja versucht, es dir zu sagen. Aber du meintest, es sei dir egal, erinnerst du dich?“

Unter Maddox’ Lid zuckte ein Muskel. „Du hättest es mir trotzdem sagen müssen.“

„Während du die Langhantel in der Hand hattest? Ich bitte dich. In mir wohnt die Krankheit, nicht die Dummheit.“

Das war … das war … Maddox wollte eigentlich gar nicht darüber nachdenken, was es zu bedeuten hatte, aber er konnte die Gedanken nicht abschalten. Manchmal verlor Aeron – auch einfach nur Zorn genannt – vollkommen die Kontrolle über seinen Dämon und fing an, Amok zu laufen. Dann bestrafte er die Sterblichen für ihre Sünden. Wollten die Götter Aeron nun einen zweiten Fluch auferlegen, so wie ihm vor vielen Jahrhunderten?

„Wenn er nicht in derselben Gestalt zurückkehrt, in der er uns verlassen hat, werde ich irgendwie den Himmel stürmen und jeden Gott umbringen, der mir über den Weg läuft.“

„Deine Augen leuchten hellrot“, stellte Torin fest. „Sieh mal, wir sind alle durcheinander, aber Aeron wird bald zurückkommen und uns erzählen, was da vor sich geht.“

Na schön! Maddox zwang sich, sich zu entspannen. Mal wieder. „Wurde sonst noch jemand gerufen?“

„Nein. Lucien ist draußen und sammelt Seelen. Reyes ist Gott-weiß-wo, wahrscheinlich ritzt er sich gerade.“

Der Ärmste. Obwohl Maddox jede Nacht unerträgliche Qualen erlitt, bemitleidete er Reyes, der nicht eine Stunde überstand, ohne sich selbst Schmerzen zuzufügen.

„Gibt es sonst noch was?“ Maddox fuhr mit den Fingerspitzen an den beiden gewaltigen Säulen entlang, die die Treppe flankierten, bevor er die erste Stufe nahm.

„Ich glaube, es ist besser, wenn du es dir ansiehst.“

Ob es noch schlimmer ist als die Nachricht von Aeron?, grübelte Maddox, als er am Freizeitsalon vorbeiging. Das war ihr Heiligtum. Bei der Ausstattung des Raumes hatten sie keine Kosten gescheut. Überall standen vornehme Möbel und jeglicher Luxus, den ein Krieger sich nur wünschen konnte. Ein Kühlschrank voller guter Weine und Bier. Ein Billardtisch. Ein Basketballkorb. Ein riesiger Flachbildfernseher, auf dem selbst jetzt die Bilder von drei nackten Frauen zu sehen waren, die sich mitten in einer Orgie befanden.

„Wie ich sehe, war Paris hier“, kommentierte er.

Torin erwiderte nichts, beschleunigte jedoch seine Schritte, ohne einen Blick auf den Bildschirm zu werfen.

„Ist ja auch egal“, murmelte Maddox. Torins Aufmerksamkeit absichtlich auf Wesen aus Fleisch und Blut zu lenken, war grausam. Der unfreiwillig im Zölibat lebende Mann musste sich mit jeder Faser seines Körpers nach Sex – nach Berührungen – sehnen, doch er würde diesem Verlangen niemals nachgeben dürfen.

Selbst Maddox gönnte sich hin und wieder eine Frau.

In der Regel waren es Paris’ abgelegte Liebhaberinnen, die so dumm waren, ihm in der Hoffnung nach Hause zu folgen, noch einmal das Bett mit ihm teilen zu dürfen, und nicht wussten, wie aussichtslos dieses Unterfangen war. Sie waren immer so erregt – eine Folge ihres Liebesabenteuers mit dem Dämon der Promiskuität –, dass es ihnen meist egal war, wer am Ende ihre Schenkel spreizte. In der Regel nahmen sie Maddox nur zu gerne als Ersatz. Denn selbst wenn der Akt von emotionaler Kälte bestimmt war, so war er doch körperlich befriedigend.

Aber es musste so sein. Um ihre Geheimnisse zu hüten, erlaubten die Krieger es den Menschen nicht, ihre Burg zu betreten, und so musste Maddox mit den Frauen draußen im Wald schlafen. Am liebsten nahm er sie von hinten, auf allen Vieren, das Gesicht von ihm abgewandt. Ein schneller Paarungsakt, der seinen Dämon nicht wecken und ihn nicht dazu zwingen würde, Dinge zu tun, die ihn bis in alle Ewigkeit verfolgen würden.

Danach schickte Maddox die Frauen stets mit einer Warnung nach Hause: Komm nie zurück, sonst musst du sterben. So einfach war das. Es wäre dumm gewesen, sich auf eine längere Liaison einzulassen. Womöglich würden die Frauen ihm am Ende noch etwas bedeuten. Auf jeden Fall jedoch würde er ihnen früher oder später etwas antun und damit noch mehr Schuld und Schande auf seine Schultern laden.

Nur ein Mal, dachte er, hätte er eine Frau gern so geliebt wie Paris. Sie küssen und ihren Körper schmecken; in ihr ertrinken, sich ganz und gar in ihr verlieren, ohne Angst haben zu müssen, die Kontrolle zu verlieren und ihr wehzutun.

Als sie Torins Gemächer erreichten, verbannte er diese Gedanken aus seinem Kopf. Solche Wünsche waren vergeudete Zeit, das wusste er nur zu gut.

Er sah sich aufmerksam um. Er war schon zuvor in diesem Zimmer gewesen, erinnerte sich aber nicht daran, dass es mit Computern, Monitoren, Telefonen und anderem elektronischen Zubehör vollgestopft war. Im Gegensatz zu Torin mied Maddox die Technik weitestgehend. Er hatte sich noch nie an den schnellen Wandel der Zeit anpassen können. Außerdem hatte er das Gefühl, sich durch jeden technischen Fortschritt ein Stückchen weiter von dem sorglosen Kriegerdasein zu entfernen, das er einst gefristet hatte. Aber es wäre auch eine Lüge gewesen, wenn er behauptet hätte, dass er die Vorzüge der technischen Spielereien nicht genoss.

Nachdem er alles in Augenschein genommen hatte, wandte er sich an seinen Freund. „Übernimmst du das Kommando über die Welt?“

„Nö. Ich beobachte nur. Das ist der beste Weg, uns zu beschützen und ein bisschen Geld zu machen.“ Torin ließ sich in einen gepolsterten Drehstuhl vor dem größten Bildschirm fallen und begann, auf der Tastatur herumzutippen. Ein anderer Monitor schaltete sich ein, und auf dem Bild wurde ein ineinandergreifendes schwarzweißes Muster sichtbar. „Also, ich möchte, dass du dir das hier mal ansiehst.“

Darauf bedacht, seinen Freund nicht zu berühren, kam Maddox näher. Die undefinierbaren Kleckse auf dem Bildschirm verformten sich allmählich zu dicken, undurchsichtigen Linien. Bäume, wie ihm klar wurde. „Hübsch, aber nichts, was ich nun unbedingt hätte sehen müssen.“

„Geduld.“

„Beeilung“, konterte er.

Torin warf ihm einen ironischen Blick zu. „Wenn du mich so nett bittest … Ich habe Wärmesensoren und Infrarotkameras auf unserem Gelände versteckt, damit ich immer weiß, wann wir Besuch zu erwarten haben.“ Ein paar Eingaben später schwenkte die Kamera nach rechts. Etwas Rotes blitzte auf und verschwand im nächsten Moment wieder.

„Geh zurück.“ Maddox war angespannt. Er war kein Überwachungsexperte. Nein, seine Spezialität war das Töten. Doch selbst er wusste, was der rote Blitz bedeutete: Körperwärme.

Tipp, tipp, tipp und der rote Blitz erschien wieder auf dem Monitor.

„Ein Mensch?“, erkundigte er sich. Die Gestalt war klein, fast zierlich.

„Ohne Zweifel.“

„Mann oder Frau?“

Torin zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich eine Frau. Zu groß für ein Kind und zu klein für einen erwachsenen Mann.“

Zu dieser späten Stunde verirrte sich so gut wie nie jemand auf den düsteren Hügel. Und tagsüber eigentlich auch nicht. Ob es daran lag, dass diese Gegend zu unheimlich und finster war, oder ob es ein Zeichen des Respekts war, den die Stadteinwohner ihnen entgegenbrachten – Maddox wusste es nicht. Aber er konnte die Lieferanten, die neugierigen Kinder und die lüsternen Frauen, die den Ausflug im vergangenen Jahr gewagt hatten, an einer Hand abzählen.

„Eine von Paris’ Liebhaberinnen?“, hakte er nach.

„Möglich. Oder …“

„Oder?“, drängte er, als sein Freund nicht weitersprach.

„Eine Jägerin“, bemerkte Torin grimmig. „Oder besser gesagt: ein Köder.“

Maddox presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Du willst mich doch verarschen.“

„Denk mal nach. Lieferanten haben immer eine Kiste dabei, und Paris’ Mädchen rennen immer direkt zur Eingangstür. Die hier ist mit leeren Händen gekommen, und bewegt sich im Zick-Zack-Kurs. Alle paar Minuten bleibt sie stehen und fummelt an den Bäumen herum. Vielleicht deponiert sie Dynamit, um uns in die Luft zu jagen. Oder Kameras, um uns auszuspionieren.“

„Aber wenn sie mit leeren Händen gekommen ist …“

„Dynamit und Kameras sind so klein, dass man sie verstecken kann.“

Maddox massierte seinen Nacken. „Die Jäger haben uns seit Griechenland nicht mehr verfolgt oder gequält.“

„Vielleicht haben ihre Kinder und Kindeskinder uns seitdem gesucht und nun endlich gefunden.“

Maddox spürte, wie ihm die Angst den Rücken hinaufkroch. Zuerst Aerons Berufung und jetzt der ungeladene Besucher. Reiner Zufall? In Gedanken wanderte er zu den schwarzen Tagen in Griechenland zurück, zu den Tagen des Krieges und des Chaos’, der Schreie und des Todes. Zu den Tagen, in denen die Krieger mehr Dämonen als alles andere gewesen waren. Zu den Tagen, in denen der Hunger nach Zerstörung ihre Handlungen bestimmte und menschliche Leichen die Straßen gepflastert hatten.

Bald waren die Jäger aus der Masse der Gequälten hervorgetreten – sie bildeten ein Bündnis aus sterblichen Menschen, die fest entschlossen waren, jene zu vernichten, die das Böse entfesselt hatten. Eine Blutfehde entbrannte. Bald fand Maddox sich inmitten blutiger Kämpfe wieder, bei denen Schwerter klapperten, Flammen züngelten und Fleisch verbrannte. Sie wurden zur Legende.

Die stärkste Waffe der Jäger war ihre List. Sie bildeten weibliche Köder aus, die den Feind verführten und ablenkten, sodass sie ihn problemlos töten konnten. Auf diese Weise ermordeten sie Baden, den Träger des Dämons des Argwohns. Es gelang ihnen jedoch nicht, den Dämon selbst umzubringen, und so war er aus dem geschwächten Körper gefahren – völlig verwirrt, verrückt und verzweifelt, weil er seinen Wirt verloren hatte.

Maddox wusste nicht, wo der Dämon jetzt lebte.

„Die Götter hassen uns“, sagte Torin. „Und wie könnten sie uns mehr verletzen, als uns genau dann die Jäger auf den Hals zu hetzen, wenn wir uns endlich ein einigermaßen friedliches Leben eingerichtet haben?“

Seine Angst wurde größer. „Aber sie würden doch nicht wollen, dass die Dämonen, die ohne uns verrückt würden, frei in der Welt herumschwirren. Oder?“

„Wer kennt schon die Motive für ihr Handeln.“ Diese Aussage traf den Nagel auf den Kopf. Keiner von ihnen verstand die Götter, selbst nach all den Jahrhunderten nicht. „Wir müssen etwas unternehmen, Maddox.“

Sein Blick wanderte zur Uhr, und er verkrampfte sich. „Ruf Paris an.“

„Hab ich schon. Er geht nicht ans Handy.“

„Ruf …“

„Glaubst du wirklich, ich hätte dich so kurz vor Mitternacht gestört, wenn ich irgendjemanden sonst erreicht hätte?“ Torin drehte sich auf dem Stuhl um und sah ihn mit bedrohlicher Bestimmtheit an. „Es liegt an dir.“

Maddox schüttelte den Kopf. „Ich werde bald sterben. Dann kann ich unmöglich da draußen rumlaufen.“

„Ich ja wohl auch nicht.“ In Torins Blick lag etwas Düsteres und Gefährliches, etwas Verbittertes, das seinen Augen einen giftigen, smaragdgrünen Schimmer verlieh. „Wenigstens würdest du nicht die gesamte Menschheit ausradieren, wenn du rausgehst.“

„Torin …“

„Vergiss es, Maddox, diese Diskussion wirst du eh nicht gewinnen, also hör auf, Zeit zu verschwenden.“

Er fuhr sich mit der Hand durch die kinnlangen Haare, während sein Frust wuchs. Wir sollten es da draußen sterben lassen, verkündete der Gewaltdämon. Das kleine Menschlein.

„Wenn sie wirklich zu den Jägern gehört“, meinte Torin, als hätte er seine Gedanken gelesen, „wenn sie ein Köder ist, dann dürfen wir sie nicht am Leben lassen. Wir müssen sie vernichten.“

„Und wenn sie unschuldig ist und mein Todesfluch zu wirken beginnt?“, konterte Maddox, während er seinen Dämon so gut wie möglich in Schach zu halten versuchte.

In Torins Gesicht blitzte die Schuld auf, als schrie jedes Leben, das er auf dem Gewissen hatte, in seiner Seele auf und flehte ihn an, die Menschen zu retten, die er retten konnte. „Dann müssen wir sie beschützen. Wir sind nicht die Ungeheuer, zu denen uns die Dämonen gern machen würden.“

Maddox biss die Zähne zusammen. Er war kein grausamer Mann; er war keine Bestie. War nicht herzlos. Er hasste die Wellen der Unsterblichkeit, die ihn andauernd zu überrollen drohten. Er hasste, was er tat und wer er war – und wozu er werden würde, wenn er jemals aufhörte, gegen diese dunklen Sehnsüchte und bösen Träume anzukämpfen.

„Wo ist der Mensch jetzt?“, fragte er. Er würde in die Nacht hinausgehen, auch wenn es ihm eine Menge abverlangte.

„Am Donau-Ufer.“

Das war ein Weg von fünfzehn Minuten, wenn er schnell lief. Es bliebe gerade genug Zeit, um sich eine Waffe zu schnappen, den Menschen zu finden, ihn in Sicherheit zu bringen, falls er unschuldig war, oder ihn zu töten, falls es die Umstände verlangten, und zur Burg zurückzukehren. Wenn ihn irgendetwas aufhielt, würde er im Freien sterben. Jeder, der so dumm wäre, den Hügel zu erkunden, wäre in Gefahr. Denn sobald er den ersten Schmerz verspürte, nahm der Gewaltdämon vollständig von ihm Besitz, und die schwarze Begierde fraß ihn auf.

Dann war es sein einziges Ziel, andere zu vernichten.

„Wenn ich bis Mitternacht nicht zurück bin, sorg dafür, dass die anderen nach meiner Leiche suchen. Und auch nach Luciens und Reyes’.“ Tod und Schmerz suchten ihn jede Nacht pünktlich um Mitternacht heim, ganz egal, wo Maddox sich aufhielt. Schmerz versetzte ihm die Stiche, und Tod begleitete seine Seele in die Hölle, wo sie bis zum nächsten Morgen in den Flammen schmorte und von Dämonen gequält wurde, die fast genauso abscheulich waren wie sein eigener.

Leider konnte Maddox unter freiem Himmel nicht für die Sicherheit seiner Freunde garantieren. Er könnte sie verletzen, ehe sie ihre Aufgabe erledigt hatten. Und wenn er sie verletzte, wäre der Schmerz darüber nicht schwächer als die Qualen, die er jede Nacht um Mitternacht erfuhr.

„Versprich es mir“, verlangte er.

Torin nickte. Sein Blick war finster. „Sei vorsichtig, mein Freund.“

Mit eiligen Schritten verließ Maddox das Zimmer. Als er den Flur zur Hälfte durchquert hatte, hörte er Torin rufen: „Maddox! Vielleicht möchtest du dir das hier noch ansehen.“

Er machte kehrt und wieder packte ihn die Furcht. Was jetzt? Konnte es noch schlimmer kommen? Als er vor dem Monitor stand, wandte er sich Torin zu und zog eine Augenbraue hoch, ein stummer Hinweis, sich zu beeilen.

Torin machte mit dem Kinn eine kurze Bewegung zum Bildschirm. „Sieht so aus, als wären noch vier weitere dort. Alles Männer … oder Amazonen. Die waren aber vorhin noch nicht da.“

„Verflucht.“ Maddox betrachtete die vier neuen roten Blitze, von denen einer größer war als der andere. Sie kreisten den kleinen Blitz ein. Es konnte also in der Tat noch schlimmer kommen. „Ich kümmere mich um sie“, versprach er. „Um alle.“ Er setzte sich von Neuem in Bewegung, wenn auch verhaltener als zuvor.

In seinem Schlafzimmer angekommen, ging er direkt zu seinem Schrank. Dabei kam er an dem Bett vorbei, dem einzigen Möbelstück im Raum. In verschiedenen Gewaltausbrüchen hatte er Kommode, Spiegel und Stühle zerstört.

Einmal war er so dumm gewesen, einen Zimmerspringbrunnen, Pflanzen, Kreuze und andere Dinge aufzustellen, die für eine friedliche Atmosphäre sorgen und die Nerven beruhigen sollten. Doch nichts von alledem hatte geholfen, und er hatte alles innerhalb weniger Minuten entzweigeschlagen, als sein Dämon mal wieder Besitz von ihm ergriffen hatte. Seitdem beschränkte er sich auf einen, wie Paris es nannte, minimalistischen Stil.

Er hatte nur deshalb noch ein Bett, weil es aus robustem Metall war und weil Reyes irgendetwas brauchte, woran er ihn festketten konnte, wenn die Geisterstunde näher rückte. In einem Nebenzimmer lagen reichlich Matratzen, Bettlaken, Ketten und Kopfteile aus Metall bereit. Nur für den Fall der Fälle.

Beeil dich! In Windeseile zog er sich ein schwarzes T-Shirt und Stiefel an und befestigte Dolche an Handgelenken, Hüfte und Knöcheln. Keine Schusswaffen. In einer Sache waren er und der Dämon der Gewalt sich einig – der Feind musste im Nahkampf sterben.

Wenn sich einer der Menschen da draußen als Jäger oder Köder entpuppen sollte, konnte ihn jetzt nichts mehr retten.

2. KAPITEL

Ashlyn Darrow fröstelte in dem kalten Wind. Die hellbraunen Haarsträhnen peitschten ihr in die Augen, und sie strich sie mit zitternden Händen hinter ihre Ohren. Nicht, dass sie dadurch mehr gesehen hätte. Die Nacht war pechschwarz und nebelig, und es schneite. Nur das manchmal zwischen den Wolken aufblitzende silberne Mondlicht schenkte ihr ein wenig Orientierung.

Wie konnte eine so schöne Landschaft dem menschlichen Körper so sehr schaden?

Sie seufzte und stieß dabei ein Wölkchen aus warmer Atemluft aus. Eigentlich hätte sie sich jetzt im Flieger, zurück in die Vereinigten Staaten, entspannen sollen, doch am Vortag hatte sie etwas in Erfahrung gebracht, das zu verlockend klang, um zu widerstehen. Am frühen Abend hatte sie die erstbeste Gelegenheit ergriffen und sich ohne nachzudenken oder zu zögern zu dem Hügel aufgemacht. Sie musste unbedingt herausfinden, ob es stimmte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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